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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 25
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Den 15. August.

Heut früh trat der kleine Äskulap zu mir ins Zimmer – seit mehren Tagen zum ersten Male – und erkundigte sich nach dem nächtlichen Concerte, zu dem ich schließlich mit meiner Freiheitshymne beigesteuert.

»Ein wunderliches Terzett haben wir aufgeführt, verehrter Mann,« sagte ich in bester Laune; »dergleichen ist Ihnen noch nicht vorgekommen auf dem Mondstein, noch sah ein ähnliches die Weltgeschichte. Ich hätte gern geschlafen, allein das schmelzende Adagio der wahnsinnigen Unbekannten, die ich meine Nachbarin zu nennen die Ehre habe, war so aufregend, so penetrirend, daß ich bei aller Langmuth doch keine andere Rettung wußte, als meinen verdorbenen und schartigen Studenten-Bariton wieder aufzuputzen, um Gift durch Gegengift zu zerstören. Dies wiegelte aber auch den Schneider in der Tiefe auf, und sein grollender Stoßbaß gab uns Beiden hier auf der Oberwelt den Rest. Dies die Genesis und die Geschichte unsers Terzetts!«

Scheinbar gleichgültig, wie man immer thun muß, will man nicht für verkehrt und abnorm gelten, erkundigte ich mich nach dem Befinden meiner Nachbarin und entnahm aus Dem, was dem Arzt obenhin entfiel, daß sie erst seit zwei Tagen im Institute sei. Hieraus ergab sich, daß es nicht Elvira sein konnte, was ich nach Faigenheim's Behauptung, die Donna, die ich im Garten gesehen, habe die Stimme verloren, nicht glaublich finden mochte. Wer will überhaupt den Empirikern in irgend einem Stücke trauen! Unter ihren Händen wird das Factum am meisten entstellt, weil sie keinem Dinge den Nerv, die Seele ablauschen und deshalb daran hingreifen nach allen Seiten und nichts im Mittelpunkt erfassen. Der thörichte Faigenheim huldigt gewiß auch dem Satze des Demokrit, daß die Seele des Menschen ein Atom sei, welches durch Stöße von außen in Bewegung gesetzt werde. Wenn nun die Donna die ganze Außenwelt hier auf dem vertracten Mondstein zu trivial findet, um auch nur ein Ach! ein O! ein Hm! über ihre Lippen zu hauchen? Solche Hauche aus tiefstem Gemüthe sind keine Kleinigkeiten, in ihnen liegt schon verhüllt das ganze Verständniß der Welt. Manche dickleibige Buchwerke, über die man tausendfach Ach und Weh! schreien möchte, sind nicht so viel werth als das schmelzende Ach! eines wunden Herzens oder das kostbare Hm! einer satirischen Lippe. Wenn nun Elvira, sag' ich, keine Lust empfindet, wenn sie hier Euch Alle für zu schlecht achtet, um zu sagen, was ihr und der Welt Noch thäte, und nur der stillen keuschen Nacht ihre Schmerzen vertraut und ihr tiefstes Herzeleid? Wenn das – nun ja, dann ist sie stumm und ist es doch nicht, wie ich wahnsinnig und doch nicht!

»Sie scheinen mir heute ganz gut bei Laune,« sagte das Doctorchen, von meinem Berichte über das Concert ganz zufriedengestellt. »Ich möchte den Versuch machen, Sie wieder in Gesellschaft zu führen. Sie können heut im Saale mit uns speisen, nur hüten Sie sich vor Reibungen mit dem Landpastor und sonst Jemand. Man muß gewissen Menschen – vielleicht den meisten – nie zu tief in die Seele greifen, sonst entwickelt sich aus verkohltem Zunder ein Fünkchen, das den ganzen Menschen in Flammen setzt. Gewöhnen Sie sich überhaupt, das Leben heiterer, naiver aufzufassen. Sie halten das ganze Dasein für einen feindseligen Proceß, für eine verzehrende Dialektik; Sie glauben alle Mächte des Lebens in fortwährendem Kriegszustande und eine unaufhörliche Blokade eröffnet. Sowie ich Sie nun kennen gelernt habe, ist es mir, trotz aller Anerkenntnis Ihrer völligen Berechtigung und Befähigung zum vernunftgemäßen Leben, doch so ziemlich klar geworden, es fehle Ihnen etwas sehr Bedeutsames, ja das zum Leben Bedeutsamste, das eigentliche Lebenselixir des menschlichen Gemüthes. Sie kennen keinen Genuß. Sie erraffen und erjagen nur Alles; das Tiefste, das Schönste, das Beste, Alles wollen Sie gewaltsam herbeizwingen und wie einen Schatz, der Ihnen vorenthalten, erobern. Selbst was Sie Genuß nennen, ist Ihnen nur ein aus tausend Ängsten und Gefahren mühsam errettetes Kleinod, das Sie dann nach überstandenem Schiffbruch als Einziges und Letztes sich verzweiflungsvoll erhielten. Es läßt sich aber Ruhe so wenig wie Genuß erjagen. Der Genuß besteht nur in der Selbstversicherung einer Dauer mitten im treulosen Wandel der vergänglichen Welt. Sie müßten für jetzt sich gewöhnen, das Leben eine Zeitlang aus einer gewissen Vogelperspective zu betrachten, um dann mit dem Blicke auf irgend ein reizendes Wiesenplätzchen, das Ihnen wie ein heimischer Schooß begehrenswerth erscheint, sich dem Inhalte des Lebens langsam wieder zu nähern. Bei aller nothwendigen Bewegsamkeit des Gemüthes, zu der der Geist der Zeit uns sympathetisch mitergreift, ist doch das Gefühl für Ruhe zur Gesundheit des innern Lebens unerläßlich. Vor allen Dingen sehen Sie, Verehrtester, die Erscheinungen des Tages mit mehr Heiterkeit an, graben Sie überhaupt nicht immer nach geheimen Schätzen, seien Sie nicht der Bergmann, der sich durch Schächte windet, seien Sie der Gärtner des Lebens, falls Sie nicht den Acker für die Bedürfnisse der Gesellschaft bestellen und im Schweiße des Angesichts den schweren Dienst versehen wollen. Lassen Sie Gott einen guten Mann, einen guten Hausvater sein, der seinen Kindern und seinem Gesinde nicht alle Geheimnisse der Verwaltung der Güter anvertraut. Vieles würde ja verlieren, wenn es aus der keuschen Stille der Verschwiegenheit Gottes heraustreten und sich profaniren sollte. Es gibt, es gibt einen Schleier zu Sais! Muß ich doch als Arzt das so häufig anerkennen und die stillen, tiefen, unenträthselten Mächte der Natur ruhig walten lassen, ohne die Wurzel der Erscheinungen aufzuspüren. Doch genug, genug. Sie wissen sich ja selbst zu helfen. Ich sehe Sie heute bei Tische. Sie werden Ihre Freude an dem Faigenheim haben, wie besonnen, werkthätig und vernünftig er sich benimmt, nach Allem sieht, Alles anordnet und den rechtschaffenen Wirth macht. Bis auf einen gewissen Punkt ist er, wie so mancher Andere, durchaus verständig, brauchbar und gewandt. Nur kein Thema, das er anschlägt, zu streng verfolgt, sonst rührt sich der Sumpfgrund seines Wesens und trübt den Spiegel der Oberfläche!«

»Sie halten wol,« sagte ich etwas spitz, »das Philosophiren für ein nicht blos sehr überflüssiges, sondern verderbliches und verwegenes Unternehmen, sich in den Zusammenhang der Dinge zu stellen?«

»Das führt uns viel zu weit!« sagte der Behutsame. »Warum soll man sich nicht verständigen dürfen über die Erscheinungen des Lebens in der Geistes- und Körperwelt? Nur verliere man nicht das selbsteigene Fluidum der Seele; das Ich darf nicht aufgehen in den Objecten des Daseins, im Pantheismus liegt eine völlige Auflösung der Menschenwelt. – Standen Sie nie in politischen Verbindungen?« fragte er dann abgebrochen.

»Niemals!« sagte ich phlegmatisch, »wie kommen Sie darauf? was hat mich verdächtigt?«

»Nun, nun, ich fragte blos obenhin und hätte es ebenso gut unterlassen können!« beruhigte der Gute. »Erhalten Sie sich nur die feste Gleichmäßigkeit der Stimmung. Ihr ganzer Habitus gefällt mir heute. Verschaffen Sie sich dauernd einen Humor, den die Kraft der Gesinnung erzeugt, wenn Herz und Kopf gegen einander prallen.«

»Wie? den Humor, diesen barocken Götterknaben der Zeit, soll ich verehren?« fragte ich, absichtlich verwundert.

»Ja, das ist nun so ein Begriff, der im Gemengsel des Tagesklatsches ganz und gar verderbt und entstellt ist!« eiferte der Arzt. »Wie ich den Humor fasse, als die sprudelnde Vivacität des Ichs, das sich in die Objecte des Lebens taucht, aber sich nicht darin verliert, ist er ein nothwendiges Ingredienz der psychischen Gesundheit, ja er ist die Freiheit und Gesundheit der Seele selbst. Was ist Gesundheit anderes als innere und äußere Freiheit? wie wir im entgegengesetzten Falle die Hemmung dieser Freiheit, das Unfreisein, Krankheit, und, wird sie unaufhebbar, Tod nennen. Geistiger Tod ist aber in einem Individuum und in einer Zeit sehr wohl möglich, sie mögen beide vegetiren wie sie wollen und können. Es gibt gewisse Grüfte, Abgründe und Klippen im Gedankenleben des Einzelnen wie im historischen Leben der Völker, die unüberwindlich erscheinen für den Moment. An diesen scheitert das Individuum, wenn es jenen Humor nicht kennt, der somit in scharfen Decocten einer ganzen Zeit, die sich grämlich abmüht, jene Hemmnisse zu beseitigen, zum einzigen Remedium und einer heilsamen Purganz werden kann. Im Humor kann allerdings auch ein Dämon erwachen, wie in jeder geistigen Richtung, in der Arroganz der Speculation, in dem Verbrüten des Mysticismus, in der gottverlassenen Frivolität des Rationalismus. In seiner Ausartung hat der Humor am meisten wol mit der letzten Richtung des menschlichen Sinnens und Trachtens Verwandtschaftlichkeit. Der Humor ist dann jene aufgestachelte Weltironie, die in Börne ihren Vertreter hat. Der Humor ist ihm zum schwarzen Roß erwachsen, das teuflisch mit ihm durchgeht; Börne's Humor ist der zum Mephistopheles verwahrloste Humor, ein diabolisches Gelüst zerfrißt ihm das Herz. Die Weltironie wird zur Gottesironie, und Börne schlägt der Gottheit wie der Welt ein Schnippchen und nasenstübert sammt Heine den Jehovah selber.«

»Ich habe Börne einmal,« warf ich dazwischen, »in einem Aufsatze als den Shakspeare'schen Narren hingestellt, der, solange er seine Function als Narr neben König Lear behauptet und nicht den König selber spielen will, immer Recht hat. Humor und Witz sind die beiden Tribunen des Volks, die an den Thüren stehen und ihr Veto ausrufen im Namen desselben. Was sie lächerlich machen, läuft Gefahr, in ewige Ohnmacht zu sinken. Nur dürfen sie sich nicht selbst lächerlich machen; sie machen sich aber lächerlich, wenn sie glauben, sie wären mehr, indem sie etwas Anderes als Tribunen, indem sie Consuln wären.«

»Ich meines Theils,« entgegnete der Arzt, »muß das freilich anders auffassen, aber wie Jeder das Leben anders begreift, so auch gewiß den Puls des Lebens, den Humor. Ich habe nur Folgendes, um mich zu erklären, hinzuzufügen. Ich erinnere Sie daran, daß Börne an Goethe durchaus den Humor vermißte. Das bezeichnet, dünkt mich, den ganzen, durch und durch erkrankten Mann, der die Verirrung unserer Zeit in ihrer äußersten Spitze darstellt. Das ganze Wesen Goethe's, sehen Sie, diese ionische Eleganz, diese selbstbewußte, in sich selbst eingefriedigte Urkraft seiner Natur, die wie ein Strom erscheint, dessen sichere Welle nie den Ufersaum überschreitet, Goethe's eigenste Bedeutsamkeit ist mir, wenn ich sie nicht als Humor fasse, gar nicht erklärbar. Er gab sich den Stoffen des Lebens hin und hatte in ihnen erst recht sein eigenes Selbst und sein eigenes Leben, ohne aus der Harmonie seines Wesens herauszutreten. Er besiegte die Natürlichkeit durch Befriedigung und adelte und vergeistigte so die Leidenschaft zur Schönheit. Er blieb im Verständniß mit den Richtungen der Zeit bis ins Spätleben hinein, und seine Persönlichkeit ging ruhig mit durch den Wogenrausch der Zeiten. Er gab sein Ich nie auf, obwol er es hingab, er ließ sich nur tragen vom Allgemeinen, ohne sich in irgend eine Einzelnheit zu verlieren. So hatte und behielt und genoß er sich selbst und fühlte in jeder neuen Richtung nur einen neuen Anreiz zum leben. Diese lächelnde Ungetrübtheit ohne lachendes Aufflackern, diese Kraft bei solchem Maß, diese Stärke bei so viel weiblicher Schmiegsamkeit, dies spröde Marmorkorn seiner Natur bei so viel elastischer Dehnbarkeit, das ist es, was ich psychische Gesundheit nenne und was lediglich das Wesen des Humors ist. Bei Tieck war von Hause aus mehr Willkür der Laune, mehr Vereinzelung des Strebens, mehr Oppositionstrieb. Sein Humor ist wie in Shakspeare aus seiner Persönlichkeit zu ironischen Gestalten herausgetreten und hat, oft sehr glücklich, die Objectivität des Briten erstrebt. Allein zu sehr Reflexionsdichter, weil ihn, zum Unterschiede gegen sein angestrebtes Vorbild, seine Zeit und seine Nation dazu schufen, ist sein Humor fast immer gefangen geblieben im Hader mit der Welt der Meinungen. Im Witz ist er oft unglücklich gewesen, und seine Ironie ist, als Polemik und Gegengift gegen Krankheit und Mysticismus, gar zu mannichfach von den Elementen, die sie bekämpfte, selber inficirt. Tieck hat den Humor zu einer allöopathischen Cur gebraucht, wahrend Goethe in seinem Humor der wahre Homöopath gewesen ist, der mit kleinen Dosen nachhaltiger wirkte als Jener mit überreizenden Essenzen, womit er die ruhige, einfache Entwickelung der Naturphänomene störte und trübte. Was aber die heutigen Richtungen der Philosophie betrifft, um auch hierüber mein Glaubensbekenntniß abzulegen, so bin ich freilich als in praxi agirender medicus loci viel zu wenig darin eingeweiht, um hier der Zeit eine Prognose mit Sicherheit zu stellen. Nur von fern kann ich den Tendenzen zuschauen, nur an den Ausgeburten in Einzelnen, die von allen Gegenden Deutschlands hier als Patienten zusammenströmen, kann ich mir in ungefährer Weise abnehmen, was draußen in Gährung ist. Alles zu Allem genommen möchte ich glauben, das System der Vernunftnothwendigkeit, das wir in Hegel's großartiger Schöpfung vollendet sehen, müsse einmal wieder aufhören, die Gemüther zu stagniren, und so tiefe Wurzel es auch gefaßt haben mag im Leben des deutschen Denkers, so scheint mir doch, es werde ihm ein anderes System bald folgen, ein System, das nur wie die Geschichte des Lebens selbst System ist, das System der Freiheit des Geistes in den Persönlichkeiten. Vielleicht kommt es nur darauf an, den Gemüthern un peu de déclassement zu gönnen, damit sie sich verschnaufen; manche Seele ist im Exercitium und in der militairischen Schnürbrust ganz verklommen und versteift. Wol möglich auch, daß die Idee der persönlichen Freiheit sich auf Grund und Boden der Hegel'schen Vernunftnothwendigkeit selbst von neuem Leben und Spielraum gewinnt, und das Ich des Geistes, nachdem es sich in den Objecten des Lebens durch Hegel tiefer orientirt, ganz naturgemäß wieder zu sich kommt und sich selbst erfaßt. Die Irren des Fichte'schen Ichs haben aufgehört, und in unserer Zeit können vielleicht nur noch Irrthümer des Gedankens selber sich ausleben; allein die Freiheit der Seele ist doch immer noch etwas Anderes als die Nothwendigkeit der Vernunft; jene ist active, diese nur passive Gesundheit des Geistes. Doch, wie gesagt, ich bin den Dingen zu fern, ich stehe hier nicht in den Strömungen der geistigen Luftschichten, ich stehe als Arzt der Seelenstörungen nur in der Zugluft der geistigen Atmosphäre. Ich kann nur wittern, nur schnuppern, wie man vom Jagdhund sagt, wenn er sucht und spürt; aber ich wittere oft das Wild von ferne, es hat schon bei lebendigem Leibe einen stechenden hohen goût, und danach deute ich mir auf meine Weise die allgemeinen Constellationen im Reiche des Denkens da draußen in der Welt. Ich bin nur ein unsicherer Fernfühler der logischen Entdeckungen, nur leise aber unleugbar wirken sie auf die Erscheinungen und Erfahrungen in meinem Kreise ein. Die magnetische Drahtkette, die vom Focus der wissenschaftlichen Herde in Berlin, München, Halle, Leipzig, Göttingen, Königsberg, Jena, Bonn, Marburg u. s. w. ins Leben hineinreicht und die Gemüther, die sich von dort einen elektrischen Funken holten, in die Praxis begleitet, verläuft sich mit ihren Enden bis ins Irrenhaus. Ich kann an den Explosionen des Wahnsinns die Krisen und die Kehrpunkte der Philosophie nur still und leise verfolgen und komme mir wie ein verkehrter Laubfrosch vor, der immer rückwärts aus den Krankheitsfolgen auf die Ursachen deutet; allein wenn man näher controliren wollte, würde man die ärztlichen Tagebücher im Irrenhause mit der geschichtlichen Entfaltung des wissenschaftlichen Lebens in einem interessanten Connex finden, wie denn im geistigen Leben nichts isolirt dasteht, am wenigsten die Krankheiten des Gehirns, die jezuweilen grassiren. Unter den Wahnsinnigen sind die gestörten Gelehrten immer die hartnäckigsten und verknöchertsten, weil sie meist aus Princip den Verstand verloren zu haben scheinen und sich stets mit mir in gelehrte Discurse einlassen, um mir zu beweisen, die Welt sei toll, nicht sie. Seit Immanuel Kant's stricte Anhängerschaft so gut wie ausgestorben zu erachten ist, hat die Zahl der hartgesottenen transcendentalen Wahnsinnigen sehr abgenommen. Kant – verzeihen Sie den hülfsbedürftigen Ausdruck, er ist das ungezogene Kind meiner ferntappenden Auffassungsweise – Kant stieß das Ding-an-sich über Hals und Kopf zur Vorderthür hinaus und ließ es doch zur Hinterthür wieder herein. Indem er zeigte, man könne das Absolute nicht construiren und begreifen, entriß er die Summe der Wahrheiten den Leuten aus den zähen, scheidekünstelnden, kritischen Fäusten, entleerte den Verstand und die Vernunft des geistig Substantiellen und konnte es den Menschen doch nicht ganz in die Ferne einer abstracten Jenseitswelt entrücken. Sie behielten das Absolute dunkel im Gefühl, dämmerten sich hinein in einen Zusammenhang mit dem ewigen Dasein, mußten aber den Finger an den Mund legen und pst! sagen, sobald der Verstand eine Frage hineinwarf in die sehnsuchtsschwangere Brust. Sehen Sie da, welche Auflösung im Organismus des innern Menschen, welche Zerrissenheit, welche Aufhebung aller Harmonie des Ichs! Das kommt davon, wenn man von den Geheimnissen sagt, sie seien Geheimnisse, und die Unenträthselbarkeit der Räthsel des Lebens zum Gegenstand raisonnirender Betrachtung macht. Wer die Wunder des Daseins nicht still und ruhig über sich walten läßt, der profanirt schon Alles an ihnen, sobald er sie Wunder titulirt, sobald er sagt, es gäbe Dinge, die nicht zu erforschen seien, es existire ein Ding-an-sich, aber wir dürften es nicht schauen. Das ist die lächerlichste Kritik, zu sagen, es gäbe keine Kritik. Das eckige Wort hat den Fluch der Bornirtheit an sich. Der Ton spreche, die Musik rede; denn mit allen ihren tausend Zungen ist die Musik unendlich verschwiegen, sie enthüllt Alles, indem sie Nichts entschleiert, sie offenbart Alles, indem sie Alles verheimlicht, und wenn sie mit allen ihren Äolsfittichen Deine Stirn umflattert, Deine Sinne berauscht und Deine tiefste Seele küßt: sie sagt Dir nichts, sie hat Dir nie etwas vertraut von den Geheimnissen des ewigen Lebens. Sie verschweigt Alles, sie hat den Schleier nie gelüftet, sie ist ja selbst nur ein Schleier, in den sich die Gottheit hüllt. In dieser Poesie des Schweigens liegt die tiefste Religion.«

»Kant hatte seiner Zeit die Tollhäuser sehr angefüllt. Es hat Vielen den Verstand gekostet, daß man wissen solle, man könne nichts wissen. Der innere Mensch zerfiel in ein helles und ein dunkles Element, und die Wärme der Dunkelheit durchzog nicht mehr mildernd und versöhnend die kühle Helligkeit der einen Hälfte seines Wesens. Die ganze Welt riß zu einem Diesseits und einem Jenseits auseinander, wie sollte das arme Menschengehirn da allezeit compact bleiben! Mit Fichte war es freilich doch noch schlimmer für uns Irrenärzte. Fichte leugnete alles Sein, er sah gar kein objectives Sein, konnte keines finden und gelten lassen, überall war nur das Ich in seiner sich selbst erfassenden Kraft als wirkliche Potenz vorhanden. Das Ur-Ich war Schöpfer, das Ich sein Stellvertreter in der Welt, alles Nicht-Ich war nichtig. Begreifen Sie wol, wieviel Wahnsinnige aus Arroganz, die der Zwiespalt mit Welt, Zeit, Schicksal um ihren innern Haltpunkt gebracht, aus dem Fichtianismus hervorgehen mußten? Wie oft finden Sie in den Instituten Subjecte, die ihr kleines Ich zum Ur-Ich stimulirten, wie jene beiden ganz verfichteten Narren, die über einander die Achseln zuckten und sich verhöhnten. Der Eine bildete sich ein, Gott-Sohn zu sein, während der Andere sich darüber lustig machte und sagte, er müsse das besser wissen, denn er sei ja Gott-Vater. Und Mancher, der es in der ideellen Carrière nicht so weit brachte, verlor ganz schlicht den Verstand über den Fichte'schen Schlangensatz: Ich bin Ich und setze mich selber!« –

» Jacobi hat wenig Beiträge zu den Irrenhäusern geliefert. Aus dem Streben, Wahrheit und Schönheit zu identificiren, wie auch schon im Plato diese Versöhnung beider Begriffe sich gestaltete, erbaut sich ein so wohlgefügtes Menschenleben, daß der Wahnwitz in der Larve der Häßlichkeit sich fern hält oder sich erst des schmuzigen Schuhwerks, in dem er einherläuft, entledigt, eh' er diese Stätte betritt, denn hier wohnt die Göttin Harmonie. Ich weiß sehr wohl, wie heftig nachfolgende Philosophen darauf gedrungen haben, man könne dabei nicht stehen bleiben, in Jacobi's Lehre sei ein verstecktes Dilemma, das, mit Consequenz verfolgt, die Welt nicht minder als in Kant's Philosophie als in sich gebrochen und gespalten zeige. Jacobi hat auch selbst daraus kein Hehl gemacht, da er an Hamann unter anderem schrieb: Mit dem Verstande ein Heide, mit dem Herzen ein Christ, schwanke ich so durch die Welt des Geistes hin. Aber in diesem Schwanken fühlte er sich doch getragen, und auf und ab gewiegt von den Mächten des Lebens, hatte er doch eine unendliche Zuversicht in sich selber, denn er faßte die Philosophie als unmittelbares Vernehmen des Wahren und Übersinnlichen ohne Beweis, als einen Vernunftinstinct, ein Wissen aus unmittelbarem Geistesgefühl. Und wenn Schelling die völlige Durchdringung des Welträthsels dadurch anstrebte, daß er das Dilemma zwischen Ur-Sein und Ur-Gedanken aufhob und an der von Ewigkeit her gesetzten Identität zwischen Sub- und Object festhielt, wenn er sozusagen durch diesen Gewaltcoup, diesen philosophischen Salto mortale sich in den tiefern Zusammenhang der Geheimnisse des Lebens zu versetzen wähnte, hat er dadurch nicht eben allen Ausgangspunkt zum lichten, besonnenen und gegliederten Dasein einer Menschenwelt verloren, hat er etwas Anderes erreicht als den paradiesischen Anfang des Lebens, wo eine vollendete, ungetrübte Identität allerdings zu suchen und zu finden ist? Und in Hegel's System scheint nun diese, in sich und in aller Gegenständlichkeit sich wissende Vernunft die ungeheure Metempsychose durch die Welt des Daseins vollendet und ihren Triumphzug durch das Universum des Wissens gefeiert zu haben, überall siegerisch auftretend, aber auch überall befehlshaberisch vernichtend, wo sie sich selbst nicht wiederfand und sich als das Eine und das Alles manifestirt glaubte. Die Gemüther überreden sich, daß hier zum ersten Male ein logischer Idealismus als aller Realität vollkommen incarnirt aufgezeigt werde, sodaß aus der Welt des Daseins nichts Anderes herausrede als die Stimme des Absoluten, das sich in ihr verzweigt und in der Geschichte des Lebens seinen nothwendigen Proceß hat. So sollen denn Wirklichkeit und Wahrheit versöhnt in einander weben und eins sein. Allein, mein Bester, gerade deshalb, welche Schwere, welche Lähmung in den Gemüthern! Wo soll da die Lust zum Weiterleben sich frisch erhalten, wenn ein Kassandra-Spruch ertönt, der erst am Ende der Tage seine Geltung findet! Das System kommt mir wie ein türkischer Divan vor, wo alle Schätze der Welt, todt oder lebendig, wie sie sich fangen ließen, als Kriegsraub vor uns liegen, und wo man, der irdischen Genüsse geistig und körperlich gewiß, sich auch zugleich des Himmelreichs für versichert hält. Bleibt es in der Wissenschaft bei diesem System, so staucht sich alles Leben; auch die Völkergeschichte hört auf activ zu sein, die ganze Welt versinkt in ein großes passives Vegetiren. Und das wäre nicht unmöglich, – nicht unmöglich; es wäre ein famoser ewiger Friede, der, wie der ewige Jude, nicht leben und nicht sterben kann. Sie dürfen mich nicht mißverstehen, mein Lieber. Mir kommen in meiner Praxis als Irrenarzt und Irrenlehrer immer nur Individuen vor, in denen sich ein Gedanke verfestet und zur Carikatur seiner selber umgesetzt hat. Da trägt's denn die arme Seele um den Nacken wie einen Pferdekummet und schleppt sich daran zu Tode. Was mir jetzt von armen Sündern des Gedankenlebens in die Hände gespielt wird, sieht oft wie mystische Verkehrung des innern Menschen aus. Ein Aufgeben seiner selber ist schlechthin so anrüchig wie das Gegentheil, der Egoismus, die Selbstvergötterung. Seit der Schelling'schen Subject-Objectivirung läuft mir ein dämonisches Etwas unter die Finger, ein Etwas, das sich wie Nichts anfühlt und doch so reichlich um sich greift und wuchert. Ein gewisser Blödsinn aus Prädestination, ein Dumpf- und Stumpfsinn, ein stupendes Sicheinswissen mit dem Objecte des Lebens, eine schreckhafte Ataraxie des Wahnes, eine päpstliche Unfehlbarkeit zu prätendiren – wahrhaftig! das ist's, das ist's. Mich ergreift, ich weiß nicht wie, dieser horror vacui! Wenn ich so ein Ich vor mir habe, das gar kein Ich mehr ist, so wird mir ganz kraus zu Muthe. Ich manoeuvrire hin und her, die arme Seele zu bearbeiten, ich zwicke hier und zwicke da, keine Douche hilft, kein Streichen mit Nesseln, auch die Ekelcur schlägt nicht an, der erbärmliche Geist hat sich schon selber Alles verekelt. So bin ich Irrenlehrer in der Irre und weiß nicht ein, nicht aus; ich martere mich ab, ich mortificire mich sichtlich, ich schreie nach allen Mitteln um Hülfe, vergebens, vergebens – ich finde den Menschen nicht mehr im Menschen! Ein ungeheures Mitleid ergreift mich, ich fühle das ganze trostlose Unglück des Unglücklichen, ich manipulire rastlos auf ihn ein, ich suche in allen Ecken und Winkeln seines Innern nach einem Stückchen Persönlichkeit, das wie ein verschüchtertes Restchen sich irgendwie versteckt gehalten, – Alles umsonst, alle Ichheit ist wie fortgeblasen und in alle Winde zerstoben, in seiner tiefsten Seele sitzt dem armen Menschen nur ein Paragraph, ein sich selbst schlechthin wissender, sich selbst schlechtweg erfassender Kettensatz des Systems. Wer inmitten der praktischen Werkthätigkeit des Lebens aus Unglück, schmerzlichem Verlust, zügelloser Leidenschaft und Verirrung der Sinne eine Geistesstörung erlebte, ist viel einfacher, leichter und rein medicinisch zu heilen als so ein in seinem Ideenkreise verunglückter gelehrter Mensch. Was die Natur verbrochen, sühnt sie selbst wieder mit milder Hand. Aber wer aus Verstandesschärfe, aus Vernunftspeculation, aus Princip den Verstand verlor, an dem ist oft schier zu verzweifeln. Und Sie werden mir einräumen, daß Jemand, der die Natur geringschätzt, sich ihrer wohlthätigen Einflüsse nicht zu erfreuen hat. Sie räumen mir das ein?«

»O was werde ich Ihnen nicht Alles einräumen müssen!« sagte ich mit möglichster Kälte, indem ich die tiefe Empörung, die sich in meiner Seele regte, glücklich bezwang. »Ich werde Ihnen, mein Herr, hier Alles einräumen müssen, was bliebe mir Anderes übrig? Sie sind hier auf Ihrem Grund und Boden Potentat und Autokrat; Sie sind und gelten hier Alles, und ich bin hier nichts als Ihr unglückseliger wahnsinniger Knecht. Aber wenn ich ganz gehorsamst bitten darf, Sie absoluter, unumschränkter Narrenkönig, wenn ich ganz unterthänigst bitten darf, was brachte mich denn in Ihre Botmäßigkeit? Wer spielte mich Ihnen sozusagen in die Hände? Wie bin ich zu der verteufelten Ehre gekommen, Ihnen für geistesirr zu gelten? Wie, wann und wo nahmen Sie besagten Blödsinn aus Prädestination, und sothanen Dumpf- und Stumpfsinn nebst Sicheinswissen mit den Stoffen des Lebens an mir wahr? Wieso scheint Ihnen mein Ich wie zerblasen und in alle Winde zerstreut? Hier stehe ich als fragendes Ich vor Ihnen als einem zum Antworten verpflichteten Ich; hier stehe ich und frage und bin allerdings capabel, ein Ich zum Nicht-Ich zu machen und zu vernichten, falls mir kein Bescheid wird.«

»Daß wir uns um Gotteswillen in Ruh und Frieden auseinandersetzen!« bat der Kleine schmeichelnd. »Mit Ihnen war es ganz etwas Anderes. Sie sind physisch hergestellt, und ich bitte Sie, nicht mit Groll einen Ort zu verlassen, dem Sie doch Ihre körperliche Heilung zu verdanken haben. In geistiger Hinsicht – ja mein Himmel! – Sie waren mir zu dringend empfohlen«–

»Herrliche Empfehlung!« rief ich roth vor Scham und Zorn, – »und wer war der Boshafte, der mich empfehlen durfte? Nicht der Empfohlene, der Empfehlende gehört in Ihre Anstalt!«

»Nur ruhig, ruhig, Alles wird sich aufklären!« beschwichtigte der Kleine. »Es war weder Verwechselung der Person, noch Irrthum, es war Mißdeutung Ihres hyperkritischen, absolut hypochondrischen Wesens. Der erste Empfang täuscht in der Regel, wer kann auch gleich Alles enträthseln! Dazu Ihr hitziges Fieber, sodaß Sie ja eigentlich hier als Körperkranker, nicht als Gestörter, einer Cur bedurften. Ich besuchte Sie regelmäßig des Nachts, ohne daß Sie es wußten. Der Wärter, den ich Ihnen anfangs beizugesellen für nöthig hielt, klagte, Sie seien in der Nachtzeit schwer zu behüten, trieben sich im Zimmer umher und machten unsäglich viel Possen. Ich sah denn bald, daß eine angeborene Neigung zur Mondsucht sich während des Fiebers bei Ihnen culminirte. Nachtwandelei, wie Epilepsie und jede soporöse Erscheinung, ist noch kein widernatürlicher, obschon unregelmäßiger Seelenzustand. Es ist keine Seelenstörung, kann aber leicht dazu werden. Wie nahe lag ohnedies die Besorgniß, das hitzige Fieber könne auf das Gehirn gewirkt haben, da Sie davon schriftlich wie mündlich, wenn nicht unzweideutige, doch furchterregende Zeichen gaben. Sagen Sie selbst, hier in Ihrem Tagebuche, das ich jede Nacht regelmäßig las, steht doch bei manchen lichten Intervallationslinien viel mystische Hieroglyphe, viel dämonisch irres Getriebe, nicht ohne Methode, aber überwacht, übernommen, mein Verehrtester! Sie könnten sich, scheint es, beklagen, und der Meinung sein, man müsse dem Einfluß der Ansteckung viel beimessen, man habe Sie der Gefahr, confuse zu werden, schnöde ausgesetzt, indem man Sie in ein confuses Haus brachte. Allein dagegen habe ich einzuwenden, daß Sie lange Zeit, ja eigentlich immer, abgesondert geblieben sind, und hatten Sie sich einmal verdächtigt, so mußten Sie die Feuerprobe aushalten.«

Ich war, während der Mann sprach, entrüstet aufgestanden; jetzt sank ich kleinlaut und zerknirscht auf den Sessel zurück. Es war mir, als hätte ein Iltis mir heimlich über Nacht meine Bruteier ausgesogen. Ich hatte dem Listigen nichts mehr zu sagen, ich war mit ihm fertig. Hassen konnte ich ihn nicht, obwol man Denjenigen seinen Feind nennt, der uns zu genau belauschte.

Ein Diener des Hauses trat ins Zimmer, um den Arzt abzurufen.

»Hegen Sie weiter keinen Groll gegen mich,« sagte der Mann mit aller Freundlichkeit seines Wesens. »Ihre Ehre ist nicht verletzt worden durch den Verdacht, in dem Sie bei mir standen. Sie reisen, wann Sie wollen. Sie sind hier physisch geheilt und denken später an den Aufenthalt bei uns gewiß mit dankbarer Anerkennung der psychologischen Erfahrungen zurück, die Sie hier zu machen Gelegenheit hatten. Sie sind Philosoph, und welche Sphäre sollte den Philosophen gereuen durchwandelt zu sein! Bleiben Sie noch einige Tage hier und beobachten Sie mit mir die interessanten Phänomene, die sich uns darbieten. Oder reisen Sie, sobald es Ihnen genehm ist, jeder Ausgang steht Ihnen frei. In jedem Falle bleiben Sie mein Freund. In einigen Stunden hoff' ich Sie bei Tische zu sehen.«

»Was macht Ihr Neffe?« fragte ich fast mit wehmüthiger Aufregung. »Gott im Himmel! ich muß für genesen gelten, und der harmlose, gesund vegetirende, naturfrische Mensch für gestört! Sagen Sie mir in aller Welt, was macht Philipp? Was mir die Diener andeutungsweise und wider Willen auf meine Fragen verriethen, läßt mich kaum bezweifeln, daß ein wirklicher Irrsinn sich des Armen bemächtigt hat.«

»Es ist noch immer das alte, tiefsinnige, zerstreute Wesen an ihm sichtbar, das weder Gesundheit noch Krankheit zu nennen ist,« sagte der Arzt mit Fassung, aber doch mit bekämpfter Bewegung. »Er geht umher, ißt, trinkt, liest, sinnt auf neue Curen für die Patientin, deren Wohl ihm leider allzusehr am Herzen liegt. Er spricht wenig, aber nie irre, sein Gedankenconnex scheint sogar innerlicher geworden zu sein, als ich früher an ihm wahrnahm. So scheint er noch Derselbe, allein – um mit den Worten des Dichters zu reden – ›das Schöne ist doch fort aus seinem Leben!‹ Sie werden ihn sehen und erschrecken, wie seine Natur sich so still und doch so rasch zu verzehren droht. Seine Sorgsamkeit um die Kranke, deren Stumpfsinn so hartnäckig ist, nimmt zu von Tag zu Tag. Er hatte die gewöhnliche Cur, die bei ihr nicht anschlug, von neuem begonnen, und besonders die Douche in verstärkter Potenz in Anwendung gebracht, allein vergebens, und das martert ihn und reibt ihn langsam auf. Er leidet sehr, der arme Junge, ohne daß er dabei aus den Fugen tritt. Sein Zustand hat noch keine Krisis, sein Stillesein ist durch keine Explosion unterbrochen. Wollte der Himmel, es käme dazu, damit sich ein entscheidender Wendepunkt erzeugt und sein Gemüth nicht so ruhig hinsiecht. Ich habe freilich schon vielfach den Fall gehabt, daß sich eine ebenso aus heiler Haut erzeugte Störniß ruhig fixirte. Der Zustand der Seele ist dann wie ein Landsee, der ohne Ab- und Zufluß eine Schleimhaut über seinen Spiegel zieht und in sich langsam versumpft. Sprechen mag ich mit ihm selber gar nicht mehr über seinen Zustand. Er hat dann ein gewisses Lächeln, das nicht wie Wahnwitz, eher wie verständige Überlegenheit aussieht. Er scheint sich selbst klar zu sein, thut alles Mögliche, um sich aus seiner Passivität zu reißen, und legt sich in meiner Nähe einen Zwang auf, heiter und naiv zu erscheinen. In die Nähe seiner Patientin ist er wie gebannt; seine ganze Seele hat sich in die ihrige hineinverirrt. Mögen Sie ihn selbst sehen, ich führe Sie zu ihm.«

Der Arzt schüttelte mir die Hand und ging. Sowie er fort war, fiel mir ein, daß er mir nähere Auskunft geben müsse über meine Hertransportirung. Ich muß wissen, auf wessen wahnwitzige Empfehlung ich hier aufgenommen wurde. Jedenfalls bleibe ich so lange, bis sich Alles aufgeklärt hat. – Und die Sängerin! – Eben schlägt sie trillernd auf wie eine Lerche aus dunklem Gebüsch. Wie sie steigt und sich senkt und sich hebt im Wirbelwind der morgendlichen Sonne! Ich sitze und sinne und lausche mit Entzücken auf die jubelnden Töne, die heute in voller Glorie aufrauschen, als feierten sie den Sieg der Vernunft über die dunkle, irre Nacht. Ich muß von der Sängerin Näheres hören, ich muß sie sehen, sie sprechen, und will dann meines Weges gehen und in die Weite ziehen mit dem versöhnenden Gedanken, wie süß, wie schön, wie wonnig und duftig ein Wahnsinn sein muß, in welchem die umdüsterte Seele mit solchen reinen Himmelsglocken läutet.

Vor der Hand will ich eine Promenade durch Hof und Garten machen. Ich will mich dem Mondstein zeigen mit der Sonne der Vernunft auf der Stirn und als verständiger Mensch die Räume jetzt durchwandeln, die ich vor kurzem scheu und schüchtern in der Zwangsjacke des Argwohns durchlief. Der gute Medicus hat eigentlich niemals völlig an meiner innern Gesundheit gezweifelt; Triumph für mich und ihn! Es liegt eine Wollust in dem Gedanken, ein anerkannt vernünftiger Mensch zu sein. Das heilt, das sichert. Nennt uns Einer verständig, so halten wir uns selbst dafür; schon die Eitelkeit erlaubt es nicht anders, da drunten im Grunde der Seele mag es wogen und gähren wie es will. Armer Philipp! warum kannst Du nicht besser verhüllen, was in Dir wurmt? Nur Das gilt, was an das Licht des Tages tritt. Im Traume sind wir Alle nicht recht bei Sinnen, weil die dunklen Mächte der Seele, die der wache Verstand gebunden hält, sich der Fessel entledigen, und unser Gemüth, wie ein gährender Most, so Manches schäumend nach oben wirft, was in den verborgenen Winkelspalten nistet. Ist es nicht oft, als wenn im Traume ein Wahnsinn, der im Stillen längst auf uns gelauert, mit beiden Händen nach uns greift; eine nächtliche Eule, die aus den Klüften aufrauscht? Welche Verbrechen begeht man nicht im Schlafe, welche höhnenden Schreckgestalten jagt ein unruhiger Traum durch die schuldlose Seele! Aber man zählt das nicht, man schlägt das nicht mit an in der Rechnung, wenn man sein Facit macht über Tollsein und Verständigsein. Armer Philipp! wenn sich nun irre Traumgewalten in Deinen lichten Tag hineindrängen, so ist das traurig, sehr traurig. Du mußt Dir Zwang anthun vor dem Licht der Sonne und dem Anblick der Menschen, Du mußt Dich mehr zusammennehmen, sonst geht es nicht, wahrhaftig nicht, guter Jüngling. –

Ich aber, ich bin jetzt anerkannt vernünftig. O wie sich meine Seele auf frischer bewegten Schwingen hebt! Ich bin als Mensch emancipirt! Mir ist so wohlig zu Muthe wie einem Volke, das schon lange, ach! lange schon mündig war, aber es nun erst praktisch erfährt, indem der Herrscher sich gnädig herabläßt, den alten Jungen für kein Kind mehr zu halten und ihn für Das anzuerkennen, was er längst ist. Mir ist die dumpfe Fessel abgefeilt, der freie Arm bewegt sich frei. Keck schau' ich in die Welt wie ein emancipirter Jude, der sich listig in die Finger bläst und sagt: Längst war ich Mensch, aber was half es mir, die Leute dachten doch nur, ich sei ein Halbmensch. Nun haben sie jedoch die gewaltig große Gnade gehabt, zu sagen, ich sei ein ganzer Mensch. Was gilt das Prädicat Mensch? Wer kauft mir den Menschen ab? Doch es bietet Niemand. Es muß auch wohlfeil sein, weil man's erlaubt. Man erlaubt mir's, Mensch zu sein und zu heißen. Ist das nicht was Curioses?

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