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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 24
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Nach Mitternacht.

Eine ganze Stunde habe ich wach gesessen und auf die Töne gelauscht, die im Nebenzimmer wieder laut wurden. Es ist eine klangvolle, schmelzende weibliche Stimme, bald himmelhoch jauchzend, bald bis zum Tode betrübt. Es liegt in den Klängen so viel warmes, tiefes Gefühl, so viel Verständniß der geheimsten Seelenschmerzen: – armes Wesen! und Du solltest auch wahnsinnig sein? Die Menschen, die verständigen Menschen halten Dich dafür – o Himmel! laß mich's nicht denken; Schwachheit, dein Name ist menschlicher Verstand!

Aber es kann nicht anders sein, als daß man sie zu uns Verrückten zählt! Die ganze Zimmerreihe ist ja voller Leute, an denen man Geistesstörung curirt! Ich hörte gestern Abend Geräusch neben an, man kam und ging und trug Sachen herbei; da hat man die arme Nachtigall still untergebracht. Ach Gott! hier wird sie gewiß schiefköpfig, sie muß schiefköpfig werden, es kann nicht anders sein! Ach, ach! sie besingt vielleicht schon in der Ahnung ihr kommendes Leid, es kommt der Gedanke sie an, daß sie, ausgestoßen aus dem ganzen Revier der verständigen Welt, einer Waldnacht voller Einsamkeit mit den irren Sinnen entgegenliefe. So singt sie denn wie ein Schwan, der matt und krank aus den dunklen Todesfluten sein lichtes Gefieder noch einmal in die Höhe hebt und sein Sterbelied ertönen läßt. O Schwan, süßer Todessänger, warum läßt Apollo dich nur singen, wenn du aus dem letzten Loche pfeifst? Warum singt der Dichter nur dann sein schönstes Lied, wenn die Angst des Lebens ihm den Tod vor Augen rückt? Ach, die Mythe ist schmerzlich wahr, daß der Apollosänger nur singt, wenn er sein Letztes zu singen wähnt!

Sonderbar, sehr sonderbar! aber warum nicht? Ich dachte eben, es könnte meine Weißschuh sein, die hier neben mir eingesperrt ist. Meine Weißschuh? Meine! – Als Knabe nannte ich sie so, als Jüngling nenne ich nichts mehr mein in dieser Welt. Es ist Alles treulos, es muß Alles treulos sein bis auf Einen; der Eine große Gott, der ist nicht treulos im Leben, denn er ist der Athem des Lebens selber. Meine Weißschuh! Wie viel unglücklich Glückliche mögen das, seitdem ich es sagen konnte, auch gesagt haben! Aber meine Wandnachbarin kann sie recht gut sein: warum nicht? Denn daß die stumme Donna im Garten Clementine Weißschuh war, leidet keinen Zweifel. Ihr Auge ist der Verräther, im Auge ist noch die sonst entflohene Jugendseele stehen geblieben, während ihr ganzes Wesen so verwandelt ist im Sturm der Zeit und in Wind und Wetter des luftigen Schauspielerlebens. Meine Clementine, meine erste Liebe; meine alt, meine wahnsinnig gewordene Geliebte hier neben mir! – Was ist das Leben der Sterblichen doch so kunterbunt, so wunderlich verstrickt, – eine buntscheckige Narrenjacke! Ach ja, man thut wohl, ins Narrenhaus zu gehen, man muß ins Tollhaus gehen, um in den Brennpunkt des Lebens zu treten, wo sich Alles entzündet, alle Wunderlichkeiten des Lebens sich concentriren und Alles jäh zum Äußersten aufschießt, was in der Welt so trödelhaft und texturlos durch einander liegt, hier ist man doch exquisit wahnwitzig, in der Welt da draußen schlottert jeder salop mit seinem Stück Narrheit umher und bringt es nicht zu etwas Erklecklichem. Hier im Tollhaus ist das Tragische und Komische zu Shakspeare'schen Doppelconflicten in einander getrieben, daß man vor Wehmuth lachen und vor Lachlust heulen und weinen muß. Hier ist Weisheit und Wahrheit, denn hier hat der Irrthum sein Extrem erfaßt. Hic Rhodus, hic salta! Hier oder nirgends tritt das Absolute mit einem einzigen jähen Wurfe ins Leben. Alle Mythen der Vorzeit, die ganze Weltgeschichte des Thatenlebens drängen sich hier in eine einzige winzig kleine Seele zusammen. Denn wenn Einer sagen kann: ich erlebte Dies und Das, ich erfuhr so viel Ungemach, daß mir nichts weiter übrig blieb als wahnsinnig zu werden: so hat er gewiß Alles durchgemacht, die ganze Geschichte der menschlichen Seele durchgelebt, ehe er zu diesem verzweifelten Punkte kam, zu sagen, mir bleibt nichts weiter übrig! Er müßte ja schon vorher ein Narr sein, wenn ihm noch ein anderer Ausweg offen stände und er doch ein Narr würde!

Ach, Clementine Weißschuh, Heldin meiner Kinderzeit! Ich weiß noch so gut, wie Du die Donna Anna in Mozart's Oper gabst auf der Bühne meiner Vaterstadt und, mit dem Trauerkleide umhüllt, aber Zorn und sprühende Flammen im Angesicht, vor den mattherzigen Ottavio hintratst, um ihn zur Rache zu begeistern. Der Junge im Parterre, der vor Dir stand, weinte schluchzend in seine vorgehaltene Mütze hinein, wenn Du ohnmächtig über der Leiche des Comthurs zusammensankst mit dem herzzerschneidenden Ruf: »Gerechter Himmel! ach, mein Vater!« Und am andern Abend, wenn Du im Cirkel meiner Eltern erschienst, in dem bunten Gewande der Freude, Blumen und Spitzen um Haar und Busen, eine triumphirende Siegermiene im Angesicht, lachende Lust und üppige Heiterkeit im spielerischen Augenpaar: da hatte ich vom vorigen Tage noch eine kindische Scheu vor Dir, ein geheimes Beben befiel mich, wenn Du mich berührtest, weil ich ungewiß war, welches nun Deine eigentliche Gestalt und welches Deine Theaterlarve sein sollte. Ach, es war wohl Beides eine Maskerade, Dein ganzes Leben vor und hinter den Coulissen wol nur ein Maskenspiel, – und das endet nun so traurig? – Als ich das elterliche Haus und die Vaterstadt verließ, verlor ich Dich ganz aus den Augen, ich wußte, ich hörte nichts von Dir. Müssen wir uns nun so wiederfinden, Clementine Weißschuh? Dein ganzes, rasches, schnellgelebtes Leben war nur eine lustige Komödiantenmummerei; jetzt aber kannst Du nichts mehr spielen, Alles ist verspielt, in der Nacht des Wahnsinns hat man nichts als sich, sein ödes, kahles, unverbrämtes, nacktes Ich. Nehmt einer armen Seele alle Gewandung, in die sie sich hüllte und versteckte, nehmt ihr die tausend kleinen Zierathen des Lebens, zieht ihr das letzte Hemd über den Kopf: die nackte, blanke Seele ist immer die wahnwitzige Seele.

Horch! sie singt wieder, die Weißschuh-Elvira, ganz piano, klagend und sehnsüchtig. Also bist Du doch nicht stumm, wie der verrückte Faigenheim sagte. Du bist vielleicht nur still für den lauten Tag und wirst laut für die schweigende und verschwiegene Nacht, wie die Nachtigall. O Elvira, wonach sehnt sich Dein wundes Herz? Als Donna Anna hast Du Aufruhr gepredigt und in Trauerkleidern oder Freudengewändern alle Welt in Flammen gesetzt. Und nun als Elvira bist Du so weich zerfließend, so in Gram zerlöst? Hast Du vielleicht wirklich in Deiner ganzen Natur die Rolle vertauscht und bist an Dir selbst aus der Anna zur Elvira geworden, zu der unglückseligen Donna, die der Undankbare verließ, und die ihm doch folgt auf allen Stegen, sich ihm zu Füßen wirft und liebesehnsüchtig seine Knie umklammert, da sie sein Herz nicht mehr zu umspannen vermag? Wer ist Dein Don Juan, armes gutes Mädchen? Wer ist der Grausame, dem Du Dein ganzes Selbst, Dein Alles gabst, und der Dich doch fesselt, daß Du ihm auch die Hefen bietest, nachdem er sich satt getrunken vom Champagnerkelch Deiner Liebe! O schrecklich, schrecklich um ein Mädchenherz, das zum Geliebten, wie der alte Lear zu den Töchtern, sagen muß: Ich gab dir Alles, Alles! Ja, fürwahr! Mozart's Elvira ist ein weiblicher wahnsinniger Lear, eine verblendete Königin, die aber ihr Reich nicht theilte, nein, es ganz und unzerstückelt, ganz rein und voll an den Einen fortgab, in dessen Armen sie den ersten Rausch des Lebens lebte, und nun, nachdem ihre Blume zerknickt, wie eine Bettlerin umirrt, ein Obdach der Liebe sucht und den Fußtritt des Hohnes findet. O pfui! sich so tief erniedrigen, Elvira! noch knieend um Liebe betteln bei dem Verräther, den der Dämon des Leichtsinns an tausend süßen, stillen Herzen zum Tempelräuber machte! O, o! es kann nur Wahnsinn sein, was ihren Stolz so in den Staub tritt, sodaß sie sich dem Mörder ihrer Tugend noch zu Füßen wirft. »Glaubt mir's doch, sie ist von Sinnen!« sagte der Verräther, ja, und er hat Recht, sie ist wahnwitzig über seine Treulosigkeit geworden, ihre Mädchennatur ist aus den Fugen, die Ehre des Weibes verkriecht sich scheu in ihrer Seele; so muß sie sinnlos sein, denn sie bringt es nicht mehr zum Hasse, zum Rachegefühl. Das süße Andenken an die geheimen Schäferstunden der Liebe hat ihren Stolz als Weib erweicht und eingeschläfert; die Schauer der namenlosen Wonne weiblicher Hingebung haben alles Starke in ihrer Natur erlahmt; sie ist entnervt, krank, todtmüde; sie ist nichts als der Schwan, der noch einmal, und doch freilich immer wieder noch einmal aus den Wogen aufrauscht und sein Todeslied singt und noch immer nicht in den dunklen Fluten sich begraben möchte.

Jetzt ist's still im Zimmer – der Schwan ist todt. – Nein, noch ein Seelenhauch, noch ein Zucken der sterbenden Philomele. O Himmel! nun athmet sie wieder laut und klagt und windet wie im Händeringen die weinenden Töne durcheinander. O Macht des Lebens, süße Wollust des Daseins! es will Keiner gern von dir scheiden. Ach, Weißschuh-Elvira, das Leben ist Dein Don Juan, Dein treuloser Schmetterlingsgeliebter. Du gabst ihm Dein ganzes Selbst, und es stößt Dich von sich. Das Leben, das bewußte Leben, streicht Dich aus der Zahl der vernünftig Lebendigen, und Du klammerst Dich mit letzter Kraft noch am Fuße fest, der Dich fortschleudert. Stirb, stirb, Elvira, es ist aus mit Dir! – Ach, fast klingt es, wenn Du singst, als sei der Verstand Dein Don Juan, und Du sprächest grauenhaftwitzig: »Mich verläßt der Undankbare!« Sei gescheit, wahnsinniges Mädchen, geh schlafen und sterben, ich bin entsetzlich müde, oder ich muß mit singen und dem Leben und der Vernunft ein Vivat bringen, wie Don Juan in der Schmausescene, um Dich zu betäuben. Lieber Gott! meine Stimme ist so rostig, auch habe ich nichts als aus der Studentenzeit ein paar liederliche Freiheitslieder bei der Hand und in der Macht meines Kehlkopfes. Aber das Singen der Donna wird mir wirklich zu viel, lieber verlange ich gar nichts. Es wird mir zu bunt, ich wetze meine Gurgel und singe mit:

»Freiheit! die ich meine,
Die mein Herz erfüllt,
Komm mit deinem Scheine,
Süßes Himmelsbild!«

Es ist ein altes gutes deutsches Lied, echt deutsch, und voll bitterer Wahrheit. Es spricht vom Scheine der Freiheit. Der Schein trügt, und die Freiheit lügt, weil sie nur scheinbar erscheint, den Völkern oft nur zu erscheinen scheint. So jagen wir dem Scheine nach und haschen nach dem Schatten des Dinges!

Hu hu! kaum hab' ich die erste Strophe gesungen, da pocht der verrückte Kobold unten mit drei Schlägen gegen die Balken, die für mich den Fußboden, für ihn die Decke des Zimmers bilden. Dabei heult er in seltsam dumpfen Tönen, die mir bis ins innerste Mark des Lebens dringen. Husch, husch! ich mag nicht länger wach sein, ich lösche das Licht, ich mag nicht mehr bei hellem Lichte singen von Freiheit und ihrem Schein. Ich fahre, nicht aus der Haut, aber aus meinen Kleidern, ich stürze mich ins Federbett. So ging's den Hambachern, als sie von Freiheit sangen und ihrem Trugschein. Es grollte der Berg unter ihren Füßen, die Kobolde der Tiefe pochten und murrten, sie nahmen es für ein Erdbeben, und der Schwarm stob auseinander wie Spreu, denn er war von Spreu, von Hecksel und Strohschnitzeln. – Gute Nacht, du arge Welt! Gute Nacht, verrückter Schneidergeselle! Gute Nacht, Freiheit, süßes Trugbild! Gute Nacht, Elvira, mein armer Todesschwan! –

*

 

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