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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 23
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Den 14. August, um Mitternacht.

Hatte ich sonst mein Tagewerk denkend und lebend vollbracht und suchte mein Lager, so konnte ich gewiß sein, für die abgemüdete Seele im Schlummer Frieden zu finden. Die ermattete Natur nahm sich meiner an; das ist die Wohlthat der Gnade für den ewig irrenden Geist, diesen unermüdlichen Selbstpeiniger. Hier ist der Moment meines Einschlafens in der Regel krampfhaft gestört; er wird durch das wilde Geschrei meines wahnsinnigen Unterschößlings, des unglücklichen Voigtländers im untern Geschoß, gewaltsam unterbrochen. Die elende Schneiderseele wähnt, der Hölle verfallen zu sein, weil ihr Leben hienieden voll Irrthum war. Ich habe immer geglaubt, daß an meinem innern Unglück nur mein Denken Schuld ist, obwol ich lebhaft fühlte, daß in diesem Unglück mein ganzes Glück eingeschlossen liege und ich dies innere Weh nicht vertauschen möchte für alle Schätze der Welt! Gegen den dumpfen Souterrain-Menschen gehalten, bin ich aber doch eine beseligte Creatur. Kraft meines Denkens habe ich Himmel und Hölle überwunden und halte die dunklen Dämonen sammt allen lockenden Engelgestalten in meiner Brust gefesselt, sodaß sie mein eigen sind. Wer Alles durchlebend durchgedacht hätte, der bliebe gewiß unverwüstlich in allen Irren und Wirren, denn er wüßte, daß Leben und Irren in Eins fällt für die Menschenbrust, und das Ziel alles Irrthums Wahrheit ist. Das Denken führt zur Seligkeit. Im Denken liegt sie nicht, aber auch nicht in der Unmittelbarkeit des Gefühls. Sonst wäre ein animalisches Vegetiren die höchste Wonne. Die Seligkeit liegt im Bewußtsein des Gefühls, im überwundenen Denken, im Gedanken. Denken und Gedanke darf man nicht verwechseln. Das Denken ist meine innere Thätigkeit, der Gedanke ist der Athem des Geistes, der die Welt durchhaucht. Erst wenn die sich kreuzende Dialektik des Denkens überwunden ist, erst wenn das Erdbeben des Zweifels, der Vulcan der bangen Sorge schweigt, wenn die Hand des Friedens sich wieder segnend über die Erde legt und im Schooße der Ruhe, die sich wie ein Gewand der Geliebten entfaltet, die Welt sich selbst genießt, wenn Alles nach dem Orkane im innern Menschen wieder gut und schön und ruhig ist wie zuvor: erst dann beginnt die Seligkeit. Genuß und Gedanke ist wie Äußeres und Inneres in ihr verschieden und doch ineinandergreifend und sich ergänzend. Das Bewußtsein des Ichs, das sich in die Schlünde der Vernichtung mit Allem, was ihm lieb und theuer schien, hinuntertauchte, dies mein Bewußtsein in einem durch Sturm errungenen Frieden ist, meine Seligkeit.

Wunderbar still und bewegt schlief ich diesmal ein, – ich weiß nicht, soll ich sagen heute oder gestern; es ist um Mitternacht, das Gestern und das Heute kämpfen mit einander. – Musik umwogte mich bald näher, bald ferner und schaukelte meine ermüdete Seele auf sanften Abendfluten. Aber die tiefste Musik war in mir selber, ich lag im Gedanken Gottes sicher eingebettet. Siehe! das ist der Tod mit seiner absoluten Seligkeit, Tod und Seligkeit sind die Musik der Welt. Ich kann es nicht anders fassen, mein zukünftiges ewiges Leben nicht anders begreifen. In unsere diesseitigen Seligkeiten nehmen wir immer ein Stück Materielles mit hinein, und dergleichen verwob sich mir gestern, als ich einschlief, zu einem Traum, der mir die Kindheit meines Lebens wiederspiegelte.

Auf sanftbewegten Fluten schaukelte sich meine Seele. Eine Abendfeier ruhte auf dem Meere des Friedens. Ich schlief, aber ich übersah die ganze weite Fläche. Hinten am fernen Horizonte tanzten die kleinsten silbernen Wellen, und der Strahl des Mondes tändelte mit ihnen wie der Hirt mit den frommen Schäfchen seiner Heerde. Auf den blinkenden Wogen hüpften lachend, bald näher bald ferner, zwei lichtblaue Sterne, wie die Musik bald lauter bald schwächer an mein Ohr drang. Alles wogte endlich in tanzender Bewegung, der Himmel und das Meer, die Sterne und meine Seele; Alles war in Gestalt nur dasselbe, was die Musik in Tönen gab. Die Gallopade der Sternlichter ward immer rascher und lustiger. Meine Seele sprang ihnen nach und suchte sie zu haschen, aber sie entglitten mir schlau wie eine Meerfei und trieben mich neckisch in die Irre. Bald flogen sie hinauf ins rothe Abendlicht und lachten spöttisch, wenn meine Hand, statt sie zu ergreifen, in die Heere tappte. Bald sanken sie in die silberne Flut und tauchten thränenfeucht wieder auf, ein langer Kometenschweif zog triefend hinter ihnen her. Endlich erfaßte ich sie bei diesem Schopf, und siehe! der Kometenschwanz wurde zum Haarbüschel, die lichten Sterne zu blauen Augen, und eine ganze vollblühende Menschengestalt, eine Venus, aus dem Schaum des Meeres mit Sternenlicht erzeugt, lag in meinen bebenden Armen, an meiner klopfenden Brust. Sie lag nicht still, sie zuckte auf und wand sich wie eine Schlange. Da hielt ich sie fest und drückte sie krampfhaft gegen den Busen, aber mit einem gewaltsamen Schrei war sie plötzlich meinen Händen entglitten und verschwunden. Ich erschrak. Die Woge grollte, der Himmel erblaßte, Alles zerrann, zerflog, und ich zitterte mit fort in die ungewisse Weite. Die Sinne waren betäubt, verloren, bis ich mich, ein müder Knabe, im Schattenwinkel eines Gartens wiederfand. Hier saß ich im dunklen Gebüsch und überdachte mein verschwundenes süßes Glück und weinte tief und still.

Der dichtumlaubte Schattengang, der zur Laube führte, war mir wohlbekannt; ich war ganz in meine Kindheit versetzt, ich war in der ländlichen Behausung meines Vaters auf dem schönen grünen Werder der schäumenden Elbe. Es war der Rausch meines kindischen Glückes, der sich wieder in meine Seele drängte, und mein Vater war innerlich und äußerlich noch ganz der glückliche, überglückliche Mann. Wohlleben und Heiterkeit war der Strom meines Lebens, in dem sich meine Kindheit badete; eine bequeme Gemächlichkeit trug mich auf leichten Wellen. Ein geschmücktes, zierliches Bübchen, lief ich lachend durch bunte Säle, über die Flur hinaus in schöne Gärten und tummelte mich wie ein Buttervogel von Blume zu Blume, ohne Zweck, ohne Wissen, ohne Wollen; das bloße Gefühl des Daseins durchrieselte mich wie ein üppiger Schauer. Das Haus meines Vaters war der Sammelplatz der Talente der Stadt, die am jenseitigen Ufer mit dem alten gothischen Dome herüberblickte. Die Theater-Helden und Heldinnen drängten sich zu den fröhlichen Abenden im Cirkel meiner Eltern. Bunte Wagen fuhren vor, geputzte Damen und Herren stiegen aus, Flöten und Geigen ertönten im Saale. Die Männer von der Oper sangen ihr Bestes, denn hier gab es offene Tafel, und ein gewandter Wirth dilettirte selber mit Anmuth und Würde. Die Becher schäumten, und mit dem Champagner um die Wette sprudelten Witz und Laune. Das freilich kümmerte mich nicht, das wußte ich Alles einzeln nicht zu sagen, ich schlürfte blos den allgemeinen Duft von den Festivitäten, der Wohlgeruch in den Zimmern war köstlich labend, und ich lief, ein wunderlich betäubtes Kind, von Diesem zu Jenem unter den vielen Gästen. Clementine Weißschuh, damals die Primadonna der Oper in meiner Vaterstadt, die bei Festlichkeiten niemals fehlte, nahm mich oft auf ihren Schooß und schaukelte mich auf ihren Knieen. Die Leute sagten ihr nach, sie wäre eine sehr galante Dame. Ich dummer Junge wußte nicht, was das heißen wollte; nach ihrem Herzen sah ich nicht, ob es weiß oder schwarz war, wol aber in ihr blaues Veilchenauge und nach ihren zarten weißen Händen, die mit den meinigen spielten; und das Rauschen und Knittern ihres gelbseidenen Kleides klang mir wie süßer Lautenschlag an mein kindisches Herz. Auch Elisa Bürger, die geschiedene Frau des Dichters, die eine Zeit lang auf dem dortigen Theater agirte, eine nicht eben allzu bejahrte Dame mit jugendlichem Spiel, war häufig in der Gesellschaft, die mein Vater zu sich lud. Sie nannte mich ihren kleinen und letzten Bräutigam, und strich mir das Haar und küßte mir die Wangen, und mir eitlem Buben war das Alles ganz recht und lieb und in der Ordnung, obwol die Weißschuh meine auserlesene Primadonna blieb. Zu den Hauptgöttern meiner Kindheit gehörte auch noch der alte Emir. Dies war der damalige Musikdirector der Oper, ein wohlbeleibter, rothbäckiger Mann in schwarzem Frack, gleichfarbigen Beinkleidern und einer für mich dermalen höchst merkwürdigen Weste, vor deren Farbenspiel ich eine geheime Scheu nicht unterdrücken konnte. Sie schillerte zwischen Grün, Gelb und Dunkelbraun; man würde das prosaisch bronzenfarbig nennen, für mich blickte aber ein schielender Dämon aus diesem Tricolor. Der Mann selbst hatte bald etwas höchst Spaßhaftes und Joviales, bald etwas Schauriges in seinem Wesen, vor dem mein kindischer Sinn ebenfalls erschreckt zurückfloh. Zum Glück waren es nur seltne Augenblicke, wo sich diese Schreckensseite an ihm herauskehrte. Es entging mir eigentlich schon damals nicht, daß mein Vater Viele, die er an seinem Tische sah, nur als dienende Geister betrachtete, um Denen, an deren geistigem Verkehr ihm gelegen war, zur Folie der Unterhaltung zu dienen. Der Tenorist von der Bühne, ein langer, seichter Blondin, wurde offenbar nur zum Korkzieher und Stöpsel gebraucht, um an ihm den Champagnerschaum des Humors zu entladen. Der Assessor Hohlmann, dem nun schon lange der hohle Knochenmann, der Tod, assidirt, ein simpler, stiller Mensch, den die Weißschuh tyrannisirte, weil er sie mit seiner treuen Liebe quälte, wurde von der Gesellschaft, wenn die Laune bis zum Übermuth stieg, so schlecht wie ein Stiefelknecht behandelt; man trat ihn und entschuhte sich bequem an der geduldigen Assessorseele. Und den Musikdirector setzte mein Vater seinen Gästen gewissermaßen als Confect vor. Wenn alle Tonleitern der Jovialität abgespielt waren, dann wurden diesem Mann, der bisher still seinen Pontac hinter die Schiller-Weste gestürzt hatte, die Adern geöffnet. Der Sonderling fing überhaupt erst spät zu reden an und rückte als schwerer Nachtrab ins Treffen, wenn sich alle andern Truppengattungen erschöpft, er selbst sich aber erst vollgeschöpft hatte. Der alte Emir war ex officio Musikus. Genau genommen wußte man aber nicht, ob er mehr zum Apoll oder zum Bacchus betete. Fast möchte ich sagen, Vater Dionys sei seine einzige Gottheit gewesen, und da auch die Theaterspiele der Alten diesem Beherrscher der trunkenen Gemüths- und Phantasiewelt geweiht waren, so darf es nicht eben auffällig scheinen, wenn der alte Emir dem Weingotte vorzugsweise huldigte, der Cither des Apollo und der Rhythmen der Musen im Bacchustaumel vergaß und anonym ein Buch: »der echte Weinkenner,« schrieb, das noch vor einigen Jahren in Leipzig die vierte Auflage erlebt hat. Der alte Emir hatte, wenn er sprach, einen grollenden Baß wie ein alter Eber. Lachte er aber, so fistulirte er discantartig wie ein entmannter Paradesänger. Bei anhaltendem Lachen ward jedoch sein Discant heiser und schartig, und der Capellmeister sah sich dann genöthigt, zum alten Grundbaß in seiner Stimmtonleiter herunterzusteigen. Das war der Moment, wo der Mann für meine kindische Seele furchtbar zu werden begann. Mit einem lauten Knalle brach bei diesem Übergange aus dem perfiden, feingespitzten Piano in ein grandioses Forte-Staccato sein eigentliches Urelement sich Bahn. Sein anfangs kindlich weiches Lachgeplätscher wurde dann ein tosender Sturzbach, der mit lautem Gebrüll sich durch die Felsen seiner fleischigen Wangen drängte, sodaß die Gläser auf dem Tische zitterten und tanzten. Die erschreckten Damen flohen seine Nähe und schlossen sich in dem nächsten Zimmer ein oder eilten ins Freie hinaus, wenn das Dämonische, das der Musikus unter seiner zweideutigen Weste verborgen trug, so unverholen hervorbrach. Ich ging mit den Frauen von hinnen, denn ich haßte den tobenden Mann, der alle Töne und Stimmen, nur nicht seine eigne, beherrschen und, wie er als Capellmeister doch sollte, dirigiren konnte. Ich lief mit in den Garten oder durch die schattige Lindenallee den Werder entlang und haschte nach den flatternden Bandschleifen meiner schönen Weißschuh. Wenn ich zärtlich that und gut schien, hob sie mich auf ihren Arm, um mir zu liebkosen, und dann übermüthig von all dem süßen Glück, das mir widerfuhr, zog ich ihr boshaft eine Locke aus dem Gekrausel und lachte so garstig wie der Herr Capellmeister. Da stieß mich Clementine von sich und nannte mich, obwol nur halb böse gemacht, ihren Unart, und nun, verstoßen und unglücklich, war mir plötzlich, wie immer im Unglück, die Seele voll von weicher Liebe. Weinend lief ich ihr nach und bat sie, nicht zu grollen, sie sei ja meine große Prinzessin und habe mich sonst ihren guten Edelknaben genannt. Dann gab sie mir wieder versöhnt die Hand, weiter aber nichts für den ganzen Abend, und ich blickte nun von ferne, von unten hinauf nach ihrem lichtblauen Auge, nach den sanften, blassen Wangen, die sie nur auf der Bühne röthete, und nach den wundersüßen Lippen, und dachte wehmüthig an das vor wenig Augenblicken noch so nahe, nun verscherzte Glück. Sie gewährte mir aber nichts für den Tag als ihre Hand, die freilich schön genug war, um jahrelang damit zu spielen. Sie hatte alle Finger voll Ringe, nur der kleine an der Linken war frei geblieben vom unnöthigen Zierrath, und dieser Kleine war mir der liebste von allen, nicht weil ich nicht eitel genug gewesen, um bunte Ringe hübsch zu finden, sondern weil ich sie beschwor, sie möchte den Einen sich frei behalten, bis ich groß geworden und ihr auch einen Schmuck daran stecken könnte, um sie als meine Braut zu bezeichnen. »Und wenn Du von Deinem ganzen Herzen auch Alles schon verschenkt hast, Clementine Weißschuh, und hältst mir nur einen ganz winzig kleinen Schlupfwinkel für meine Seele frei, so will ich mich wie ein Mäuschen darin krümmen und doch recht glücklich sein!« So sagte ich einmal zu meiner Theaterprinzessin, und ich weiß nicht, warum sie so roth wurde, und die Gesellschaft, die es hörte, heimlich lachte. – Ach, ihr flatternden Gestalten und Gebilde meiner ersten Jugend, mein süßes, heidnisches Kinderglück, du warst gar wunderschön! Zum Narren dieser Welt würde ich freilich geworden sein, hätt' ich später nicht ebenso viel christliches Unglück gehabt und in metaphysischen Studien den Leichtsinn des Lebens wieder abgebüßt. So wird uns Alles zur Buße, wir mögen uns rechts wenden oder links, und aus der Irre führt uns kein anderer Weg heraus – als ein neuer Irrgang.

Ich fühlte mich ganz heimisch in dieser Periode meiner Kinderzeit, als mich der Traum in die stille Schattenlaube versetzt hatte, wo ich die erloschenen Sternenaugen und die verlorene Göttingestalt, die ich in meinen Armen, an meinem Busen getragen, schmerzlich beweinte. Ich war der launisch verwöhnte Bube von damals, der über den Verlust des Spielzeugs, das er selbst zerbrochen, das Schicksal anklagt und Alles um sich her mit seinem anmaßlich kindischen Schrei erfüllt. Noch mit thränenfeuchten Wangen trat ich aus dem dunklen Schmollwinkel und tappte, denn die Nacht war über die Fluren gezogen, nach dem Ausgang. Von ferne leuchteten die Fenster des väterlichen Hauses durch den finstern Hofraum herüber; es war Gesellschaft in den Sälen; das schien mir, wie damals, ein gewöhnliches Ereigniß. Ich mochte in meiner Betrübniß um den Verlust der schönen Göttin mit den blauen Sternenaugen an dem Jubel des Festes nicht Theil nehmen; ich schlich an der hellen Fensterreihe mürrisch hin und her. Wie ein gährendes Meer mit wüstem Gebrause hörte sich die lärmende Bewegung der freudeberauschten Gäste an, und wenn eine Thür auf- und zuschlug, traf ein lauterer gellender Ton wie ein Messerschnitt mein banges Herz. Dennoch zwang mich der kühle Nachtwind, den innern Raum zu betreten. Fremde und bekannte Diener liefen in geschäftiger Eile durch den Flur die Treppen auf und ab. Aus den Zimmern tönten üppige Flöten und süße Geigen, die würzige Luft der dampfenden Essenzen erfrischte mit belebendem Hauch meine ausgeweinte und abgemüdete Seele. Ich fühlte mich ganz im alten Elemente heimisch, ich lief durch die Reihen der Tänzer querfeldein, ich lachte hinein in all das wogende Getümmel und hüpfte und drehte mich wie vom Wirbelwind der Lust ergriffen im schwankenden Kreise. Die Musik schwieg, das helle Getöse verstummte. Die Raserei der tobenden Bacchanten war erschöpft und pausirte; es war wie ein Hauch des Friedens über die Menge gekommen, als wenn im Tollhause ein lichter Augenblick sich Aller mit einem Male bemächtigt. Dabei war noch immer Lärm genug. Das Gewirre der Sprechenden umtönte mich wie eine aufgelöste Fuge. Hier ein hervorbrechendes lauteres Wort, dort ein aufrauschendes Gelächter, sonst ein wogendes Gewühl unverständlicher Stimmen und Töne, wie ein walzendes Mühlrad ewig kreist und gleichförmig tost. Mir wurde unwohl, unheimlich. Die Gestalten blickten mich fremd und verzerrt an, ich glaubte unter Masken zu sein mit erheucheltem Leben, unter schlaffen Automaten, deren Federdruck die Spannung verlor. Eine zerstörende Bangigkeit beschlich meine Seele, eine nagende Wehmuth ließ mein Herz zerfließen. Alles um mich her ward immer lebloser und starrer; ich blickte hin und her, selbst die lächelnde Miene blieb steif an der Lippe der Menschen; ich wollte mich ermuthigen, ich wollte singen, reden, declamiren, aber mir fiel von der Ballade nur die eine Verszeile ein: Unter Larven die einzig fühlende Brust!« Laut weinend lief ich durch die seelenlose Menschenmenge, ich suchte ein Herz, ein lebendiges, klopfendes, liebendes Herz, ich suchte meine Mutter, ich wollte in ihren Schooß mich flüchten, um mein Antlitz zu verstecken. Ich lief und weinte, und lief und konnte sie nicht finden. Da traten mir aus dem letzten Zimmer ein Paar Menschen entgegen, ein Herr und eine Dame Arm in Arm. Die gelbe Seide rauschte, das blonde Haar – die lichtblauen Augen – Himmel! es waren meine Traumsterne, die ich hier als Augen wieder schaute, und der corpulente Herr erschien mir wie Gott Neptun, seine schillernde Weste wie eine wogende Flut. Es war Clementine Weißschuh am Arme des Capellmeisters! Sie nickte mir lächelnd zu, aber es lag etwas Krankhaftes, etwas Irres in ihrer Miene, ihre Züge hatten den strahlenden Glanz der Jugend verloren, die Augensterne waren verdunkelt und halb erloschen, ein Thränenflor umhüllte das sonst so leichtbeflügelte, spielende Licht. Ich blickte näher und näher, und jemehr ich sah, desto mehr erbebte ich über mich selber, denn ich wuchs aus meiner Knabengestalt heraus, ich ward vom Kinde zum Jüngling, zum Mann, und wäre gewiß zum Greise gereift, wenn ich nicht plötzlich sinnlos zu Boden gestürzt wäre. Wie ich um mich schaute, war nämlich Alles in den Garten auf dem Mondstein verwandelt und ich selbst in den kranken Gefangenen, dem das wahnsinnige Künstlerpaar, der stolze brüske Mann mit der stummen Elvira, entgegenwandelte. Eben standen sie vor mir still, eben wollte der Capellmeister mich als Masetto engagiren, da schrie ich laut auf mit kreischender Stimme und erwachte.

*

 

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