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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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– Der kleine Irrenvater ist ein recht böser Mensch. Er hält mich noch immer eingeschlossen, er will mich, wie ein unartiges Kind, durch Einsperren strafen. Ich habe den gestrigen Tag einsam zugebracht und bin auch heute ganz allein gewesen. Der Abend ist heraufgezogen, und es erlöst mich Niemand. Guter Heilkünstler, erbarme dich meiner; ich will fromm und sanft sein wie ein Lamm. Wir haben so heiße Tage, daß ich mein Fenster vor der Sonne verhüllen mußte. Auch die Sonne kann ich nicht meine Freundin nennen, auch mit ihr kann ich nicht reden, noch mit Berg und Thal da drüben Worte der Liebe wechseln. Mondschein haben wir nicht jetzund – ich bin ganz unglücklich. – Zwei Stühle, einen Tisch, einen Spiegel hab' ich im Zimmer. Der Spiegel gibt mir mein eignes Bild; – ich mag nichts weiter mit mir zu thun haben; es ist Zeit, daß ich mich von mir selbst erhole. Also bleiben mir zwei Stühle und ein Tisch. Ach, ach! ich könnte Götzendienerei treiben und Stuhl oder Tisch als meinen Fetisch anbeten! Ich könnte allerhand Unsinn treiben und kindisch wahnsinnig werden; ich könnte Fräulein Feder und Monsieur Siegellack hier auf dem Tische balanciren und sich Dialoge halten lassen aus dem Geisterreich. – Nun weiß ich, wie der Mensch dazu kommt, Steine und Klötze zu seinen Göttern zu machen. Es ist aus purer Einsamkeit. Man setze ihn in die Wüste, von aller Welt geschieden, man umgebe ihn mit den Schrecken eines Steppenlandes, man überlasse ihn seinem abstracten Ich, und er wird sagen: Liebes Sandkorn, guter Steinklotz, du dummer Teufel, ich bitte dich, sei mein Gott, sei mir ein Wesen, das ich anbeten, das ich lieben kann. Wie kann man denn leben ohne Liebe! Der verrückte lange Faigenheim hat insofern Recht, Materie und Körperlichkeit für die Hauptsache zu halten, damit nämlich der Geist erscheinen kann und einen Spielraum hat. Sagt doch Hegel selbst: Trachtet vor Allem nach Essen und Trinken, dann kommt das Himmelreich von selbst! Und von der Liebe war er der Meinung, man solle sich nur erst zusammenthun, dann käme und verstände sich die Liebe von selbst! – Ach, ach! gebt mir nur einen kleinen unnützen Körper, einen schwächlichen, schiefen, nichtsnutzigen Menschenleib, und ich versenke träumend in ihn eine schöne, reizende Seele. Man muß sich behelfen, man muß vorlieb nehmen! Auch auf unreine Lippen lassen sich Küsse drücken, in denen die ganze Seele brennt, auch in unwürdigen Armen läßt sich vom sündlosen, keuschen Frieden des Paradieses träumen. Nur mit einer Zehe meines Fußes laßt mich materiell festtreten, und ich hebe geistig die Welt aus ihren Angeln und auf meine Schultern.

Nicht einmal die alte schmuzige Köchin ist gestern und heute erschienen, um mir mein frugales Mittagbrod zu bringen und als Hebe das Glas Wasser zu credenzen! Durch die Klappe in der Thür hat man mir wie einem Pestkranken die Schüssel hereingeschoben, und damit gut. Den alten Narren von Aufwärter hatte man auf mein eignes Verlangen von meiner Seite schon früher entfernt. Aber die zerlumpte Köchin hätte man mir nicht nehmen sollen. Schnöder Heilkünstler! denkst du mich so zu strafen? Mir wäre jetzt die Erscheinung des häßlichsten Menschengesichts eine Wohlthat. Ich kenne so gut die geheime Kunst, aus alten, verschobenen und abgenutzten Gesichtslineamenten den erloschenen Frühling, wo alle diese nun erschlafften Züge in lichter Glorie standen und ein Morgenhauch der Jugend über das Antlitz fuhr, mir wieder heraufzuconstruiren, und was Zeit und Gram und Krankheit an der Blume entblätterten, wieder geistig mit frischem Athem zu beleben. Gebt mir eine Fratze, und ich mache sie zum Engelskopf und schaffe mir mit der Kraft der Erinnerung irgend ein liebgewonnenes Bild daraus, das Portrait der Angelica Kaufmann auf dem berliner Museum, oder das Madonnengesicht in Coreggio's Nacht von der dresdener Galerie, oder die Züge der Gräfin Gorée, van Dyk's Gattin im Hofgarten zu München. Gebt mir das Gesicht einer Klosternonne, und ich schaffe aus diesem steinernen Bilde eine Galathee; es soll mir der Rahmen blos sein, in das ich mein Ideelles hineintrage. Alles, Alles schaffe ich aus Allem! Nur einen Anknüpfungspunkt muß ich haben, ich muß Fleisch und Bein sehen; ich bin wie der arme dumme Thomas, der Zeichen und Mahle sehen und fühlen mußte, sonst gläubete er nicht.

Ich habe vergeblich an die vier Wände meiner Klostermauern geklopft, vergeblich dreimal angestampft mit beiden Fäusten. Es wollte sich nichts aufthun, Niemand in Körpergestalt zu mir treten, um mir zu sagen: Lieber Mensch, ich bin Mensch wie du, von Blut und Saft; komm, wir wollen verträglich sein und uns liebgewinnen. So komm du denn herbei, einziger Nothbehelf, Phantasie! Spinne aus dir selbst eine Gefährtin für mein einsames Herz. Ignota will ich sie nennen, Udemia soll die Geliebte heißen, die ich geistig umarme, eine duftige Wolke, – eine umgekehrte Jupiter-Io-Gruppe! Klopstock und Hölty, zwei glückliche Dichter des vorigen glücklichen Dichterjahrhunderts, dachten sich und besangen eine zukünftige Geliebte. Ach, heutzutage lockt man mit solchen Gemüthlichkeiten keinen Hund mehr aus dem Ofen. Alle Schwärmereien, alle Sentimentalitäten hat die sich selbst verhöhnende Zeit abgeworfen. Ignota, süßes Herz, kannst du dich wirklich nicht als Traumbild gestalten? kannst du, flüchtiges Gedankenbild, eine deutsche Jünglingsseele von heute nicht mehr ganz erfüllen, begeistern und beseligen? Sind wir denn so sehr Materialisten im Fühlen und Dichten geworden, daß unsere syrischen Poeten nicht mehr im Mondschein schwärmen, fern auf der Haide in stiller Einsamkeit? Müssen sie denn durch die Gassen schlendern, wie Heine mit dem zersetzten Herzen, und in schlechten Winkeln herumkriechen, wo ihre zerrüttete Phantasie wie ein zerrissenes Nachtkleid hinter ihnen herschlottert? – Ignota, Ignota, mit den Traumbilderdichtungen ist es aus, wie mit allen deutschen Träumen!

Ganz verlassen von materiellen Anknüpfungspunkten bin ich doch nicht, wie ich eben fühle. Das blaue Augenzweigestirn der stummen Donna Elvira steht noch vor mir in Gedanken. Habe ich die Augen – o! in dem Auge liegt das volle, ganze Selbst, die geheime Ader des Ichs. Auf diesem Spiegel schwimmt die tiefste Seele, das Andere formt sich leicht herum und schießt zusammen wie ein zaubervolles, rasch lebendiges Blütengewächs! –

*

 

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