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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Die Hegel'sche Philosophie gehört mit zu meinen geistigen Erlebnissen. Sie bezeichnet in meinem Leben eine Revolutionsepoche, auf die für meinen innern Menschen noch keine Restauration erfolgt ist. Seitdem ich Hegel's Gedankenwelt in mir erlebt, bin ich nie wieder glücklich, nie wieder heil geworden in meiner tiefsten Seele. Es gibt schmerzhafte Wunden, deren klaffende Mahle zum Himmel aufschreien, und für die man doch keinen Balsam, keine heilende Salbe weiß. Ich war wie Einer, der offene Wunden und an vielen Stellen des Leibes ein penetrirendes Jücken hat. So war mir seitdem, ich kann mir nicht helfen, ich muß es sagen. Mag die Welt hierüber lächeln; ich kann es ihr nicht wehren, ich bin ein armer Mensch im Irrenhause.

Ich war nicht mehr blutjung, aber doch noch ein jugendfrischer Mensch, als ich in Berlin vor Hegel's Katheder zog, wo ich meine Revolution erleben sollte, vor deren Mächten kein Entrinnen möglich war. Christenthum und Poesie hatte ich schon kennen gelernt, nicht blos durch Angewöhnung, vielmehr war Beides in mir gewurzelt, ich glaubte in beidem den ernsten Halt und die Freuden des Lebens gefunden zu haben. In meinem Herzen hing ich mit theuern Menschen zusammen, in meinen Gedanken war ich ein gläubiger Christ. Mit diesem Inhalt zog ich hin zu dem großen Denker. Ich staunte, zitterte, erbebte, ich weinte, und die Thränen waren blutig. Ein ungeheurer Riß lief durch meinen innern Menschen, kalte Novemberschauer und glühende trockne Hitze wechselten als Temperatur in meinem ganzen Wesen. Alle meine Laren wurden zertrümmert, Hauspostillen und Hausgötter zerstört, das heilige Terzett von Glaube, Liebe, Hoffnung verstummte, die Statuen meiner Musen brachen in tausend Scherben, und ich lief händeringend durch die öden Säle meines innern Hauses, dessen wankende Säulen und bebende Kuppeln über mein Haupt zusammenzustürzen drohten. Und nicht blos meine kleine Welt wurde vernichtet. Dieser Riß, den ein finstrer, ein grollender Gott der Tiefe mit Erdbebenschlägen zu verursachen schien, diese furchtbare Spalte lief unaufhaltsam durch alle Sphären des Lebens, durch alle empirischen Wissenschaften, durch das historische Herkommen der Gelehrsamkeit, durch die Familienverhältnisse, die Staatenformation, durch das All der weiten Natur bis in die fernste Sternenwelt hin, auf der ich mir ein heiliges Leben göttlicher Seelen geträumt. Alle Welten, die sich das Herz des Menschen erbaut, wurden zerstört, und was der Verstand geschaffen, umgestürzt; aber aus den Trümmern, unter denen Herz und Phantasie erdrückt lagen, hob der Verstand sich als Phönix hervor und proclamirte sich zur absoluten Vernunft. Nie hatte eine Philosophie soviel Haß und Furcht gegen sich erweckt, die Schärfe und Erhabenheit solcher Consequenz in der Dialektik war noch unerhört, nie wurden erst soviel Herde umgestürzt, um einen neuen Altar zu bauen. Die Welt mußte erst radical an Allem verzweifeln, um an den neuen Gott zu glauben, und dieser neue Gott des Lebens war die absolute Vernunft, vor deren Richterstuhle alle geistigen Functionen des Menschen sich entweder ergeben und beugen mußten oder verurtheilt und verdammt wurden. Was sich gefangen gab, wurde »aufgehoben« in die höhere Sphäre, d. h. zu Gnaden angenommen, aber seiner Lebensluft entzogen und vernichtet; was eine selbständige Haltung behaupten wollte, wurde erbarmungslos verstoßen. Nie haben die Musen mehr geweint als seitdem, nie die Herzen mehr geblutet, nie hat sich die Empirie zu einem hartnäckigeren Gegenkampfe gerüstet, nie die Frömmigkeit sich pietistischer in sich vergraben, um sich vor dem Umsturz des ganzen Lebens zu sichern. Die alten Mächte sind auch nicht todt, sie halten die Hegel'sche Philosophie für eine Episode, sie haben bereits ihre Restaurationsepoche angefangen. Man kann sich jedoch in dieser Restauration nicht eben sehr satt restauriren.

Eine wirkliche Philosophie, die sich aus den Conflicten des Gedankenlebens in einer Zeit entwickelte, kann aber ebenso wenig wie eine wirkliche Revolution in der politischen Welt eine blos episodenhafte Erscheinung sein. Ihre äußere Herrschaft kann gebrochen, ihr System kann aufgelöst werden; aber ihr Ideelles lebt weiter. Ein Gedanke kann nicht sterben; tödtet man ihn, so feiert er doch einmal wieder in neuem Fleisch und Blut seine Auferstehung. Wir Deutschen erlebten in den Gebieten unsers Denkens und Fühlens dieselben Katastrophen, welche die große französische Revolution in Bezug auf die gesellschaftlichen Zustände herbeiführte In Frankreich brachen die Formen des Lebens rettungslos zusammen, sobald die Stimme des innern Menschen einmal erwacht war und aus der drückenden Hülle des historischen Herkommens nach Hülfe herausschrie. Alle Bande wurden gelöst, die bisher gegolten, alle Altare gestürzt, auf denen man bisher geopfert, bis zur Verzweiflung an Allem kam man auch dort und hielt den alten Christengott für todt, bis man wieder ein oberstes Wesen proclamirte. Es ging Alles rapider zu, aber es war dieselbe furchtbare Consequenz. Der nackte, absolute, radicale Mensch federte seine Rechte und zerschlug die Gestaltungen des Lebens mit grausamer Hand. Er kannte keine Liebe, keine Hingebung, keine Freundschaft, keine persönliche Größe, keine fromme Andacht, keine Verklärung in Kunst und Poesie; er beraubte Alles seiner Idealität, wie Hegel's absolute Vernunft. Ein erhabener Dämon schnob nach Rache; erst auf Trümmern wollte er den neuen Altar erbaut wissen. Es war eine heilige Inbrunst, die ihn beseelte, das Leben zu verwüsten, um es neu zu bauen. In Hegel war Nationalconvent und Napoleon in Einer Person beisammen. Wie Napoleon, construirte er ein neues monarchisches System mit einer römerstarken Größe des Geistes. Seine Polemik gegen die Naturphilosophie glich ganz dem Zuge des Corsen durch die Brust Deutschlands bis zum Gefrierpunkte. Keiner seiner Anhänger hat diese Bahn ihm nachgemessen. Seine Anthropologie, Psychologie und Ästhetik riefen Scharen von Gegnern auf, die die Freiheit der Phantasie, die Heiligkeit des Gefühls, die Illusionen der bunten Traumwelt vertheidigten. Seine Logik hat Niemand gestürzt, wie Napoleon's logische Consequenz durch die Beschlüsse der heiligen Allianz keineswegs in Schatten gestellt wurde. Die frommen Völker und ihre Hirten machten sich aber auf und erbauten sich wieder die alten Herde und Hürden. So kam die Restauration in die Welt. Hegel beklagte sein Unglück, keinen einzigen großen Gegner gehabt zu haben; er mußte, tragisch genug, eine seiner Recensionen mit Friedrich's des Zweiten Worten schließen: Sieht Er, mit solchem Gesindel muß ich mich herumschlagen! Als er todt war, begann erst der Feldzug bedeutender zu werden, und man machte mit Glück und Unglück einzelne Streifzüge. Es erwacht in den Gemüthern das drängende Bedürfniß, die Hegel'sche Vernunftnothwendigkeit zu zerbrechen, die objectiven Potenzen des logischen Gedankens zu ignoriren, ein individuelles Freiheitssystem hervorzurufen und mit einer neuen Persönlichkeitslehre ein frischeres Athmen in freierer Lebensluft möglich zu machen. Den subjectiven Idealismus hatte Hegel in Bande geworfen, aber er liegt nicht todt am Boden, er rafft sich wieder auf, und über die Wunden, die man ihm schlug, erzürnt, über den langen Druck empört, hat er die frühere Zahmheit in der Fichte'schen Periode verlernt. Er ist tief getroffen im Innersten, aber er kann die letzten Blutstropfen noch furchtbar geltend machen. Er hat die Ketten gesprengt und tobt wild durch die Welt, seine entfesselte Freiheit gefällt sich in Willkür. Der gehöhnte Dichter greift zum Stachel, statt zur Feder. So will Alles in der Welt seine Rache. Es gilt aber hier vielleicht den letzten Kampf, denn mit dem Untergang des subjectiven Idealismus hört alles Dichten auf. Die Vernunftnothwendigkeit soll nicht monarchisch herrschen, als Despotin gebietet sie den Pulsen der Menschengeschichte Stillstand. Sie mag still walten über Alles, ruhig und leise hinübergreifen über die Gestalten des Lebens, wie die penetrirende Luft ungesehen Alles durchwogt. Nimmt sie selbst Gestalt an und wirft sich in ein kriegerisches Kleid, so gibt sie ihre ruhige Obmacht auf und tritt in den Kampf mit allen Elementen. Auch die Frömmigkeit hat ihren guten Harnisch, die Vertreter der historischen Richtung bilden eine tüchtige Phalanx, auch Phantasie, Witz und Humor haben ihre Lanzen und Speere, Apollo war immer noch der Ferntreffer genannt. So stehen denn alle Mächte des Lebens gewappnet, zum Kampf entbrannt. Dieser Kampf ist ihre Lust und ihr Leben. Die Vernunftnothwendigkeit hat in der Hegel'schen Philosophie Gestalt angenommen. Ihrer Form nach ist sie hinter unserer Zeit ebenso weit zurückgeblieben, als sie mit ihrem ideellen Gehalte die Zeit überholt hat. Sie hat sich an das Ende der Völkergeschichte gestellt und will ein Weltgericht halten. Die dazwischenliegenden Gestaltungen in Kunst und Wissenschaft hat sie übersprungen. Aber diese Kinder lassen sich nicht vor der Geburt abtödten; sie gebären sich hervor, sie schreien laut um Rache, sie müssen sich ihr Leben erkämpfen.

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