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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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– – Es ist nicht möglich, daß Jemand ohne Liebe zu leben vermag; es kömmt nur darauf an, was man in der Liebe sucht und will. Ich habe geliebt im Leben und nie darüber nachgedacht, bis es mich jetzt im Bewußtsein einer gänzlichen Einsamkeit befällt, und ich gern wissen möchte, was ich an der Liebe und in ihr hätte. Es klingt profan, aber es muß so sein. Ich habe in der Liebe das Verständniß meiner selber im Andern und das Verständniß des Andern in mir gesucht. – »Nichts als Verständniß?« – Ich glaube. – »Nichts als Wissensdrang war die Quelle deiner Liebe?« – Ich glaube fast. – »Dann ist es freilich schrecklich klar, warum du unter Todten, Niegesehenen ebenso gern als unter Lebenden deine Freunde suchst und die wohlthuende Nähe eines Menschen, dessen Brust die hüpfende Welle des jugendlichen Blutes belebt, nicht kennst, nicht fühlst! Dann sind dir die Menschen nur Speichen und Räder für die Maschinerie eines Gedankensystems, dann hältst du sie blos für Zahlengrößen, aus denen du, das Facit des Lebens ziehst; und das ganze heilig, lebendige, dunkel strömende, wundersam bewegte Leben ist dir nichts als ein Rechenexempel!«–Ach, ach! ich glaube auch, in meiner Liebe war mehr als Wissensdrang, ich suchte mehr in ihr als das Verständniß Dessen, den ich liebte: nur weiß ich's nicht zu nennen, nicht zu deuten, was noch für Mächte sich in der Liebe regten. – »Wenn dich blos Erkenntnißlust zu Menschen trieb, und käme es dir auch darauf an, das Mysterium des Lebens in ihnen zu begreifen, wenn du noch etwas Anderes im Menschen suchtest als seine Persönlichkeit, dann ist es klar, warum du in der Fülle der Jugend schon mit dem Leben fertig bist. Fertig bist du dann und doch ein klägliches Bruchstück. Wenn du blos speculativ rechnen wolltest mit Menschengrößen und sie wie Zähler und Nenner zusammenstelltest, dann ist es deutlich, warum du eben nur einen Bruch erhieltst aus Zähler und Nenner, und das Leben sich dir als eine gebrochene Zahl ergibt!« – Nur ruhig, ruhig! Ich hatte wol mehr in der Liebe als bloßen Calcul. Ja, ich weiß sogar, daß eben der Calcul in der Liebe diese meine Liebe einmal völlig zerstörte. Als ich mit Dem, den ich am innigsten im Leben geliebt, zu berechnen anfing, was der Eine dem Andern gewesen, geleistet, gedient, genützt, da hörte das Arcanum der Liebe und mit ihm sie selber auf! Denn wenn auch das Tiefste, das Heilige, wie das Göttliche selbst, ein Bewußtsein ist, so ist es doch nur ein in der Entzückung der Seele empfangenes Bewußtsein; in kalter, berechnender Stimmung existirt für uns gar keine Gottheit.

Ich habe einmal drei Menschen geliebt, die ich erst zu Menschen machen wollte. Es waren drei unerzogene und ungezogene junge Heiden, und ich war ihr Präceptor. Wenn Liebe die unnennbar drängende Lust ist, eine Seele zu retten, zu halten, für das Heilige zu befähigen und für eine Leben in der Liebe zu gewinnen: so habe ich die drei Menschen geliebt, die ich retten wollte. Ich erschrecke jetzt vor der jahrelangen Mühsal, mit der ich wachte und arbeitete, aber was thut die Liebe nicht! Ich schalt mich einen Thoren, daß ich aus kleinen Anzeichen die Gewährniß nahm, meine Sorge werde eines glücklichen Zieles nicht entbehren; aber wann war die Liebe nicht töricht, wann täuschte sie sich nicht? Ich wollte Sodom und Gomorrah retten, weil ich einen Loth darin wußte. Ich ließ den Loth darin, ich wollte ihn mit Sodom erhalten, und so ging Alles mit verloren. Ich könnte die Kindheitsgeschichte dreier Übelthäter beschreiben, die die Menschheit aus ihrem Schooße entfernte; ich könnte die Erlebnisse eines bis auf halbe Verrücktheit reducirten Pädagogen als Roman abfassen, und der Roman hätte schauerliche Wirklichkeit, reelle Wahrheit; aber ich will meine wahnwitzige Liebe nicht anatomiren, noch ihre Geschichte beschreiben, deren Ende Verzweiflung war. Das war meine unglückliche Liebe. Ich wollte der Macht des Bösen, die hier waltete, bis auf den Grund nachspüren, nicht lehren, mein lernen wollte ich, ob der Teufel ein abgefallener Gott sei, der ewig überwunden daliegt, aber mitunter seine mächtigen Zuckungen hat. Das war der Reiz meiner Liebe, der Wissensdrang meiner unglücklichen Neigung.

Und nun meine glückliche Liebe? – Ach ja, eine recht glückselige Liebe mit allem Zauber erster Hingebung, aller kindlichen Anmuth der reinsten Jugendlust! Ich hatte mir aus der Zeit, in welcher der Knabe Jüngling wird, einen Freund gewonnen, einen lieben Menschen, mit dem ich ganz aufging in Seele. Tag für Tag Arm in Arm, Nacht für Nacht Gedanken in Gedanken, so hatten wir jahrelang mitten in der Residenz ein idyllisches Schäferleben geführt. Ein rosenfarbener Morgenglanz lag um unsere Schläfe, die Poesie war das Gestirn unserer jungen Tage. Das frische Wiesengrün, auf dem wir wandelten, war uns das Symbol der immergrünen Hoffnung, der blaue Himmel das Zeugniß für ein Dasein voll Treue, und hinten am Horizonte leuchtete als lockender Stern ein Dichterruhm unter den Geistern des Vaterlandes. Wir waren nur wie Ein Mensch mit seinem Doppelgänger, denn was sich Verschiedenes in Beider Naturen ergeben wollte, das hielt, die Liebe gebunden und überwob es still mit ihrem Schleiergespinnst. Das Leben war uns ein Märchen geworden, in dem nur Träumen und Dichten galt. –

Und wenn das Leben kein Märchen blieb, blieben wir denn nicht dieselben? – Wir hatten mancherlei Unglück, Jeder das seine. Vereitelte Pläne, gescheiterte Hoffnungen, kalte und müßige Welthändel, bittere Entsagungen wechselten mit einander. Kann über das Alles den Grund der Seele ganz umpflügen, sodaß dem gefurchten Boden nicht mehr dieselben Blumen und Ähren entsprießen? Kann Leid und Ungemach auf beiden Selten zwei Herzen entfremden? Sagt man nicht, gerade Schmerz vereine, und Freude lasse die Gemüther luftig zerflattern? Ach, ich weiß es nicht, ich weiß nur von jenem idyllischen Myrtillglück des friedlichen Ineinanderlebens, – und wenn ich über Jahre hinwegeile zu der Stätte, wo ein gebeugter Psycholog, ein verzweifelter Pädagog im Winkel saß und seine Hände vor die Stirn schlug, so schienen wir Beide noch neben einander Dieselben, Amadeus und ich. Wir hatten noch das Bedürfniß eines täglichem Beisammenseins, wir kamen, wir blieben, nur die Nacht trennte uns. Alles ging noch Hand in Hand, wir schienen noch unsere innersten Lebensfäden in einander zu verweben. Und doch schien es nur so, und war Alles anders. Mein Unglück als Pädagog hatte meine Seele wie einen Knäuel zusammengedrückt; ich glaubte, es könne Niemand den verunglückten Prometheus verstehen, der aus Leidenschaften und Rohheit hatte Menschen hervorbilden wollen, und dem nun der Geierfraß des Unmuths im Innern saß. Das Gefühl gescheiterter Hoffnungen macht dumpf und schwer; indem es demüthigt, läßt es doch den eitlen Stolz zurück, nicht gebeugt erscheinen zu wollen. Aus den Schmerzen des Lebens waren zwei Gestalten hervorgestiegen, die sich nicht mehr ähnlich sahen. Unsere Liebe konnte nicht von uns Abschied nehmen, sie ging und kam doch wieder. Oft faßte uns eine namenlose Ungeduld, wenn wir getrennt waren. Wir eilten zu einander und griffen mit ungestümer Hand in die Vergangenheit hinein und in das Andenken unserer glücklichsten Tage; oft saßen wir stundenlang wortkarg neben einander und blickten uns ernst und forschend ins Angesicht, als wollten wir die verlorengegangenen Züge früherer Gleichähnlichkeit wieder auffinden. Jeder suchte im Andern noch immer sich selbst und war erstaunt und verwirrt, wenn er weder sich mehr, noch das alte Paradies der süßen Liebe fand. So muß den Völkern zu Muthe sein, wenn sich die Periode der factischen Geschichte noch nicht trennen kann von der holden Eintracht des Mythenalters, und der Riß durchs Leben so schmerzlich scheint.

Wir waren ganz verschiedene Naturen. Amadeus war leichtbeschwingt und flügelschnell; ich kroch am Boden nach Kräutern. Er war ein Schmetterling, der sich im Kelche der Blumen wiegt und ihre geheimsten Süßigkeiten nascht; ich war ein Käfer, ein Wurm, der nach den Säften der Wurzeln geht oder am Blatte zehrt, bis nichts als dessen Geäder und Gerippe übrig ist. Niemand, sagt man, soll sich in seiner Eigenheit erhärten. Wie dem aber auch sein mag, und wenn er die ganze Welt umfaßte, er kann sie nur in sich aufnehmen, wie sein Gefäß es erlaubt. Schlürfe du vom Blüthenduft oder saug' an der Wurzel; Gottes ist Alles, die ganze Blume, das Dichten und Denken. Aber sie wissen es nicht im Gedränge des Lebens, sie ahnen es kaum im Eifer der Strebsamkeit, sie verstehen sich nicht, und Jeder bleibt dem Andern verhüllt. Ich bin Dir dunkel, wie Du mich auch liebst, liebende Seele. Du bist mir dunkel, wie ich auch Dich liebe, geliebtes Menschenherz. Die Liebe löst wol die sieben Siegel am Buche des Lebens, sie hilft das Buch erschließen und will nichts Anderes als Verständniß der geheimen Offenbarung des Daseins, wie sie denn, vollendet, nichts Anderes ist als vollendetes Wissen. Aber wann ist die Liebe die vollendete Liebe? – Erst mit dem Tode ist das Leben fertig, die Liebe vollauf enthüllt, erst der Tod verklärt Leben und Liebe; was wäre sonst die Seligkeit? In der Erscheinung ist Alles zerstreut, zerfallen, verknittert, es gibt keine absolute Harmonie zweier Seelen in sterblicher Hülle. Wenn sie sich in Liebe gegen einander erschließen, beginnt erst recht das tiefere Geheimniß ihres Lebens heraufzusteigen; erst wenn Du mich liebst, kannst Du es fassen, wie unerschöpflich ich bin, erst wenn ich Dich liebe, fang' ich an zu ahnen, wie unermeßlich Deine Seele sich weitet, welchen Mikrokosmus Dein Geist in sich birgt. Ach! so sind wir uns denn ein Räthsel, weil wir uns lieben, und der Reiz der Hinneigung ist eben der stärkste, solange das Tiefste, das Zarteste Deines Gemüthes noch verhüllt vor mir liegt und mich die namenlose Sehnsucht ergreift, Dich zu finden und zu entdecken in dem geheimsten Brennpunkt Deines Wesens. Meine Liebe zu Dir ist eine Leuchte, die mir das Dunkel erst recht fühlbar machte Und so wird es möglich, daß ich bei aller Liebe Dich nicht trösten, bei aller Liebe Dir nicht helfen, noch rathen und Balsam tröpfeln kann in Deine brennendste Wunde. Du schreist um Hülfe, Du schwimmst wie das Nest dahin, das der Strom vom Ufer löste und unaufhaltsam weiter treibt, und ich flattere keuchend um Dich her wie der Vogel, der es retten möchte und es nicht vermag. Dies Zittern, dies Flattern, dies Beben um Dich, siehe! das ist die Liebe, – die Liebe ist ein tiefer Schmerz. Ach! wir können einander wenig geben, wenig sein! Wir können, rings von Liebe umgeben, uns dennoch einsam fühlen: das ist die Armuth des Lebens bei allem Reichthum, das ist der Bettelstolz der menschlichen Seele! Ich lag oft an Händen und Füßen gebunden in den Stricken der Verzweiflung. Die Liebe regte sich geschäftig um mich her, sie mühte sich angstvoll ab, sie erschöpfte sich an Mitteln und Gaben, und ich fühlte, daß sie doch nicht hineinreicht in mein ganzes Selbst. Wer hat mich über die Abgründe hinweggetragen, vor Wahnsinn bewahrt, vor Selbstmord gesichert? – Der Gedanke Gottes, mein Ich, das sich in der Irre des Lebens in ihm zurechtfand, – nicht die Liebe. Die Liebe füllt augenblicklich Dein volles Dasein, aber Dein Ich entwindet sich der Gemeinschaft wieder, es ragt über alle Bande mit Menschen hinüber, – ein sprödes Korn, an dem der Meißel des Geschickes zerbricht: so ist Deine Seele. Alle Neigung unter Menschen unterliegt dem Wandel; in diesem Fliehen und Sichfinden wogt die Liebe, ohne das Niveau zu finden, in Ebbe und Fluth unaufhörlich ab und auf. Am allerwenigsten ist die bürgerlich geschlossene Ehe ein Takthalter der Pulse. Sie ist eine gesellschaftliche Accommodation der Sitte und des Herkommens, sie bürgt aber nicht für eine Dauer geistiger Gemeinsamkeit und für ein Zusammenleben der Seelen. Die Ehe sanctionirt durch kirchliche Form ein Doppelleben, aber in diesem Doppelleben ist wie überall, in allen Verhältnissen, dies Hin- und Herwogen eines lebendigen Fluidums. Der Mensch müßte ja sterben, wenn sich eine ewige Liebe seiner bemächtigte. So aber lebt die Seele aus der Liebe sich wieder hindurch und ringt sich los, um sich selbst von neuem zu erfassen. Sie erfaßt sich aber nur, um wieder sich selbst zu fliehen, und gibt sich doch wieder hin, gefangen, gebunden, sie begräbt sich in Flammen und steigt von neuem – der alte Phönix – unversehrt aus der Asche empor. Das ist die Sophistik in der Geschichte der Seele, das ist die Wonne und der Schmerz des Lebens im ewigen Wechselspiel, – das ist Wahrheit und Wirklichkeit. Sich selbst aber treu sein, ist die höchste Treue, bis der Gott uns von uns selbst befreit.

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