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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Den 8. August.

O Mensch, Thier, Pflanze, Stein! O Erde, Meer und Luft! Ich durchlaufe alle Räume der materiellen Welt und mache doch nicht ausfindig, was der Geist ist, und ob ein Geist ist, wenn ich nicht die Versicherung seiner schon vorher in mir trage, – wie jener Astronom sagte, er habe den ganzen Himmel durchsucht und Gott doch nicht gefunden. – –

– – Sehr einsam, mein Bester! sagte ich zum Heilkünstler, als er heut früh ins Zimmer trat und mit der sächsischen Gottseligkeit sein »Nun wie geht's, mein Guter?« vorbrachte.

Zu einsam, zu einsam, Verehrtester. Die Lectüre widert mich an; geben Sie mir Gesellschaft; Menschen sind mir auch nur Bücher, aber doch die liebsten, weil lebendige, Bücher. Ich will Mittheilung und Menschen, selbst wenn es Verrückte wären.

»Sein Sie nur ruhig und gut!« tröstete der Liebenswerthe und klopfte mir die Schulter.

Gut? dachte ich, Niemand ist gut außer Einer im Himmel, – und ruhig? das wäre mein letztes Stündlein. Nein, ich will böse sein und toben, ich will in die Welt zurück, ich will der tollhäuslerischen Einsamkeit meines innern Menschen entfliehen. Das sagte ich ihm nicht, es hätte mich verdächtigt, und so hieß er mich in einer Stunde seiner gewärtig sein, ich solle mich ankleiden, er wolle mit mir einen Spaziergang durch den Garten machen. –

Im Hofraum krochen die Wahnsinnigen aus ihren vergitterten Gefängnissen hervor, – eine seltsame Menagerie von Menschen, die das Schicksal verwildert hatte. Die besten Exemplare, die exemplarischen Narren saßen aber unter Schloß und Riegel; es war nur die Hefe vom Mondstein, dumpfes Gesindel, keine Sonntagskinder der tollen Laune, schläfrige und brutale Subjecte, meist toll aus Dummheit. Ich suchte vergeblich im ganzen Chor etwas Exquisites. Einige kauerten sich in den Winkel und brüteten still für sich, es waren die Philosophen der Anstalt, sie schienen den verlorenen logischen Faden ihrer Gedanken wieder aufzusuchen; stille, blöde Gräberphysiognomieen mitten am hellen Tageslicht. Andere blickten wild um sich her, sie klafften habgierig die Lippen auf und zu; es waren verunglückte Expectanten, die Warten und Harren zu Narren gemacht. Einige sahen pfiffig drein und schlugen lächelnd ein Schnippchen; ich weiß nicht, waren es trügerische Diplomaten oder falsche Speculanten. Andere streckten die dürren Hände und das bleichgehärmte Angesicht sehnsüchtig der Sonne entgegen und erflehten Licht vom Licht der Welt; es schienen unglücklich Liebende. Drüben an der Wand chassirte einer in raschen Schritten auf und ab, mit den geballten Fäusten hielt er die Stirn zusammengepreßt, von Zeit zu Zeit seufzte er laut und sagte: O die verlorene Einheit! Er hat wol über die Einheit Deutschlands die eigne Einheit verloren, dacht' ich, und sucht das auseinanderlaufende Gehirn mit den Händen krampfhaft zusammenzuhalten. Der Arzt, der mich begleitete, trat zu dem armen Hambacher, das schien er mir; er bedeutete ihn mit einem einzigen Worte zur Ruhe. So tritt die Polizei dazwischen und ordnet Alles sanft und mild. Der gute Doctor sagte aber, der Unglückliche sei ein Millionär, gewesen, der diese Einheit mit sechs Nullen langsam aber sicher in viele Theilchen verzettelt hätte. Nun schrie er um die verlorene Einheit. Ach Deutschland, deutsche Nation, du bankerotte Millionärin, – Millionärrin, gib dich zufrieden. – So waren aber all die Leutchen, die ich für Philosophen und Poeten gehalten, verdorbene Professionisten und Fabrikanten, die der Ruin ihres Gewerbes so tiefsinnig dumm gemacht. Sie wurden auf öffentliche Kosten hier curirt, und der graue Kittel, den sie meist trugen, gab ihnen den Anschein von gefangenen Verbrechern. Ich dachte wie der Pharisäer: Herr Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie einer von Diesen! mußte aber doch erröthen, als mir die Worte des Zöllners einfielen, und ging gesenkten Hauptes weiter.

Wir traten in den Garten. Hier schien auch der Mensch mit seinem Unglück heiterer und frischer; hier war sichere Gewahr, die Welt sei zu schön und zu gut, um schmuziger Geldhandel wegen toll zu werden. Eine Menge kleiner Beete reihte sich aneinander, jedes war anmuthig abgesteckt und umhägt, in jeder Abtheilung stand oder kniete ein männliches oder weibliches Wesen, emsig mit der Anpflanzung beschäftigt. Im Hintergrunde dehnte sich das weite Kartoffelfeld, das ich von meinem Fenster aus erschauen konnte. Hier waren gröbere, handfestere Gestalten mit Spaten und Hacke bemüht, das Erdreich zu lockern. In den Baumgängen wandelten einige Personen, deren Kleidung einen höhern Stand verrieth.

»Sehen Sie hier in den Garten zwischen den Beeten meine Lieblinge unter den Patienten!« sagte der kleine Arzt mit seiner freundlichen Stimme, in der nie Arges lag. »Die milde Mutter Natur,« sagte er, »hat die Störungen im Innern dieser guten Menschen beseitigt und ausgeglichen. Ein störrischer Geist tobte früher in ihren Adern, und nun sind sie allmälig unter der friedlichen Beschäftigung, die sie Tag für Tag treiben, in diesem Umgange mit Blumen und Gewächsen so pflanzenartig sanft und gut geworden, daß ich sie meine lieben Kinder nennen darf. Ich pflege um diese Stunde einem Jeden meinen Besuch zu machen und an seiner Gärtnerei Theil zu nehmen: wollen Sie mich begleiten oder lieber in den Alleen promeniren?«

Ich zog das Letztere vor und wandelte langsam den Baumgang hinunter. Als ich mich umwandte, sah ich den Arzt von einem zahlreichen Haufen jener Gartenarbeiter umgeben, die ihm ihren Morgengruß brachten. Er schüttelte jedem Einzelnen die Hand, er war wie ein Vater unter den Seinen; mindestens erschien er mir wie der Vorsteher einer Erziehungsanstalt großer Kinder. Das stimmte mich so weich, ich hätte hingehen und mich unter die fröhliche Schar der Geretteten mischen mögen, welche dem geliebten Lehrer den Wiedergewinn der theuersten Güter des Lebens, Klarheit, Licht und innere Freiheit, zu verdanken hatten. Durch ihn waren sie dem nächtlichen Reiche des Dämons entrissen, an seiner Hand waren sie langsam aber sicher wieder heraufgestiegen an den Tag der Vernunft. Er hat sie für Lebensglück, für Freundschaft, für Liebe und alle Tugenden der lichten Geisteswelt wieder befähigt, er war ihr zweiter, ihr geistiger Vater geworden. Ach, aber sein Philipp war nicht unter seinen Lieblingen. Der arme Schelm steckt im Gebäude, in irgend einer Kammer zur Strafe für seine Unart. Es ist in der That recht unartig von dem blonden jungen Mann, verrückt zu werden!

Eine verschleierte Dame wandelte am Arme eines stolz herabblickenden ältlichen Herrn an mir vorüber. Seine vornehme Haltung machte mich verwirrt, und ich zog den Hut ehrerbietigst.

Er stand still und musterte mich mit huldvoller Miene. »Sie suchen eine Anstellung,« sagte er vornehm wegwerfend, »als Bariton vielleicht? Einen Masetto können wir brauchen zum Don Juan. Melden Sie sich, wenn Sie Muth haben, guter Jüngling.«

»Muß ergebenst depreciren« – das Wort wollte nicht von der stammelnden Zunge, als ich bestürzt zurücktrat. Er winkte aber zuversichtlich mit der Hand und führte die Dame weiter. Sie lüftete ihren Schleier und wandte sich nach mir um. Zwei wunderschöne blaue Augen leuchteten mir aus gealterten, verfallenen Zügen entgegen. Sie nickte wehmüthig lächelnd mit dem Kopfe, ihr melancholisch verschwimmender Blick schwebte noch zitternd vor mir hin, als sie sich zu ihrem Begleiter kehrte und in gemessener Feierlichkeit weiterging. Es lag etwas Imponirendes in ihrem Wesen, das mich rührte, weil es doch nur Wahnsinn sein mochte. Sie kam mir vor wie eine gestürzte Königin, die unter den Ruinen vormaliger Größe wandelt.

»Eine verrückte Theaterprinzessin!« flüsterte mir ein Fremder zu, der hinter der nahen Rosenhecke mit seiner langen Gestalt sich erhob und mein Rencontre mit dem seltsamen Paare im Versteck beobachtet zu haben schien. Der Mann grüßte und trat mir näher. Der graue, breitkrämpige Filzhut und der lange Oberrock von gleicher Farbe, der, bis an den Hals zugeknöpft, in seinen weitbauschigen Falten die dürre Figur des Mannes begrub, gab seiner Erscheinung etwas vom Charakter der Holländer, womit freilich die Redseligkeit seiner Zunge, die er später bethätigte, im Widerspruch stand. Sein offnes, aufgerissenes Auge hatte ebenso wenig Anmuth als die fahle, flache Wange und der weitgeschlitzte Mund. Ich hielt ihn auf den ersten Anblick für einen anmaßlichen Landprediger, der seine Weisheit immer nur Bauern auftischt und sie deshalb nothgedrungen breitmäulig an den Mann bringen muß. Meine Vermuthung über den Stand des Mannes bestätigte sich bald nachher.

»Der gestörte Capellmeister,« sagte er, »hat Sie für die Oper engagiren wollen, die der Unsinnige mit seiner stummen Elvira hier nächstens aufzuführen gedenkt. Wenn sie die Stumme von Portici geben wollte, ließe ich mir's gefallen, aber denken Sie, das alte Wesen hat ja total die Stimme eingebüßt. Sie galt früher für eine Primadonna in der Theaterwelt, sie machte viel Glück, noch mehr freilich wol hinter als vor den Coulissen, denn sie wußte in ihr Persönchen einen Liebreiz zu legen, der auf den Geldbeutel und den Verstand Vieler wie ein Magnet wirkte, bis sie selbst schließlich toll wurde. Eine Erscheinung wie die heidnische Juno, – Sie sehen noch respective die ehrenwerthen Reste ihrer Schönheit! – lebte sie ganz wie eine Venus, und natürlich liefen nach althergebrachter Weise, die sich schon aus der Mythenzeit datirt, besonders die Jünger des Mars in ihr aufgestelltes Liebesnetz. Sie dachte edel wie Titus, der jeden Tag für einen verlorenen hielt, an dem er nicht wenigstens Einen beglückte. Abgesehen aber davon, lebte sie eine Zeitlang ganz von sonstigen Bewerbern isolirt mit einem Fürsten. Sie hatte anfangs auf seiner Bühne, dann bei Hofe in seinen Salons gesungen und war so von Hof, Saal, Zimmer bis zur Kammer übergegangen. Der närrische Prinz war der Meinung, sie hätte einen guten Kammerton, und machte sie sozusagen zu seiner Kammersängerin, denn der Gemüthliche liebte Kammertöne. Er selbst hatte eine ungemein kräftige Fistel, und so jodelten und fistulirten und falsetirten sie denn mitsammen manchen langen ausgeschlagenen Abend, bis die Donna nach einer ambrosischen Nacht eines Morgens plötzlich stumm erwachte. Ohne bildlich zu sprechen, hatte sie wirklich in den Armen des Fürsten ihre Stimme verloren. Eine Stumme aber muß jeden Fürsten an die Stumme von Portici erinnern, die das Volk zur Rache – nicht aufruft, aber aufweint; somit gab er der stummen Elvira ein Stück Reisegeld und ließ sie von bannen ziehen aus dem Bereiche seiner Staaten. Der Verlust des Organs und der Fürstengunst, heißt es nun, habe die Gute wahnsinnig gemacht, und so sitzt sie hier auf dem Mondstein und hofft zugleich mit dem Capellmeister, einem alten Bekannten von ihr, auf die Rückkehr des treulosen Verstandes und der ebenso perfide entwichenen Kehlkraft.«

»Soweit meine Einsicht hier hinreicht,« – war meine Bemerkung, – »ist ein plötzlicher Verlust des Stimmorgans wol nicht einzig in seiner Art. Die Gesangstimme ist ein zärtlich Ding; eine einzige Erkältung ist genügend, alle Weichheit, alle Fülle, alle Höhe und Tiefe aufzuheben.«

»Wol möglich,« sagte der Fremde, »daß die Donna beim alten Fürsten, dessen Jugendfeuer längst erloschen war, sich erkältet hat. Allein die Hauptursache liegt in der fetten Küche, die der alte Herr führte. Man gebe einem Singvogel lauter Hanfkörner, so wird er immer feister und feister, eine Fetthaut wächst ihm über den Kehlkopf. In gleicher Weise ist die Kammersängerin vom fürstlichen Hanfsamen überfüttert. Tüchtige Purganzen und strenge Diät müßten physisch ihren Zustand wieder ins Geleise bringen, das ist Alles, was man thun kann; die geistige Unordnung schwindet dann von selbst. An ihrem verlaufenen Verstande ist entweder wenig gelegen, oder er stellt sich von selbst wieder ein, denn er ist blos entwichen, weil es ihm in dem gemästeten Körper nicht mehr geheuer schien; er fürchtete, von der Corpulenz erstickt zu werden, und lief so davon. Mit dem stolzen Capellmeister steht es nicht besser; er war ein der Völlerei ergebener Mensch. Man reducire die brüske Maschine auf die Hälfte ihres Umfangs, man gewöhne den Patienten an einfache, regelmäßige Kost, jage ihn durch die Kartoffelfelder und lasse ihn hungern und Wasser trinken, bis er schmachtend daniedersinkt. Der Wahnsinn sollte sich wol legen; was geistiger Hochmuth scheint, sitzt ihm nur im Leibe.«

»Ich erschrecke vor dieser Cur, mein Herr,« sagte ich ängstlich; »ich erschrecke, und das wol mit Recht.«

»Wasser ist das Beste! sagt Pindar,« – schrie der Landpastor und hieb mit dem langen Arm durch die Luft. Er zog mich mit sich, wir liefen den Baumgang weit hinunter ins freie Feld. »Wasser ist die einzige Rettung,« fuhr er fort und eiferte, als wollte er eine Feuersbrunst löschen. »Wasser ist das irdische Licht, der entzweite irdische Gott, sagt Oken, ein Ausspruch, der freilich dunkler und trüber ist als klares Wasser. Aber unserem ganzen überfüllten, übersättigten Zeitalter thut eine Wassercur noch. Unser Fühlen und Denken ist so verschlammt, verdickt, verstopft, verworren, daß wir, auch wo wir das Rechte, wie Oken, treffen, uns doch in den verbrämten Mantel der Vornehmheit hüllen und Handschuhe anziehen, um das Gefundene aufzuheben. Unsere Philosophen gehen auf Stelzen einher und ziehen wie die Kriegsknechte mit Stangen und Piken aus, um die Wahrheit zu fangen, und siehe! die Wahrheit schreitet wie ein Geist mitten unter sie hindurch, unverwundbar, unangreifbar für grobe Fäuste. Wir treffen lächerlich schwierige Anstalten, um zum Anfang im Philosophiren zu kommen, wir bemänteln uns mit einem Volumen Schwulst, als ginge es auf einen Winterfeldzug, um zu begreifen, was Wahrheit sei. Die Einfachheit ist unserem Sinnen und Denken entwichen, und die Wahrheit ist immer einfach, nie verhüllt, verwickelt, verworren. Wir sind alle zu sehr Vulcanisten in unserer Weltanschauung, wir müssen Neptunisten werden. Wasser! Wasser! Der freie Gottesathem, Luft, und das allmächtige Zeugungsprincip, Wasser! Zu Luft und Wasser müssen wir beten, wie beide Mächte von den alten einfachen Weltweisen aufgefaßt wurden. Wasser und Luft müssen die weltlichen Götter des Zeitalters werden. Zur Wasserflagge, Ihr entarteten, erhitzten, verbrannten Kinder dieses Jahrhunderts, zur Wasserflagge müßt Ihr schwören und nicht warten, bis eine große Sündflut mit Eurer Schlechtigkeit und Euren entzündeten Herzenstrieben Euch fortspült ins ewige Verderben. Und in der That, Aufgeklärte fangen auch schon für den äußern Menschen wenigstens mit der Wassercur an. Solange ich Pastor in Langenkiel war, habe ich nicht unterlassen, den Bauern von der Kanzel herab zuzurufen: Lasset ab von den Bierhefen Eurer Sündhaftigkeit und dem gebrannten Elende Eurer fuselartigen Gemeinheit, lasset ab vom Werke des Teufels und trinkt vom Wasser des zeitlichen wie auch des ewigen Lebens. Ein pietistisches Gemüth aus dem Höllenpfuhl der Stadtsphäre sagte mir dummwitzig nach, meine Predigten wären wässerig, weil ich allsonntäglich vom Wasser sprach. Die Worte: Wasser thut's freilich nicht, sondern der Geist! veränderte ich weidlich in: Wasser thut's allerdings, denn in ihm ist der Geist! Und das ist auch dem Geiste der Schrift und der orientalischen Anschauungsweise angemessen. Jedes Wasser, jeder Quell, jeder Brunnen hatte bei den Morgenländern seinen Geist, und der Geist ist überhaupt nur als Seele der Materie denkbar. Für sich selbständig ist kein Geist denkbar, noch ist er jemals blank und kahl und nackt ohne Stoff erschienen. Ohne Materie kann sich kein Geist bethätigen; er bedarf derselben, um sein Dasein zu manifestiren. Alles Psychische ist nur der Äther, der der Substanz des Physischen entsteigt, sie umschwebt und penetrirt wie die Seele den Leib. Ohne Materie – kein Geist, ohne Natur – kein Gott! Sie möchten es umkehren und sagen: ohne Gott keine Natur! aber glauben Sie nur, Beides ist so ineinander verwachsen, daß die intime Einheit des Natürlichen mit dem ihm inwohnenden Geistigen gar nicht zu verwüsten ist. – Sie sind der Gelehrte aus Berlin, unser guter Doctor erzählte mir von Ihnen. Nur ruhig, ruhig, ich weiß schon, weiß schon, es hat nichts zu sagen mit Ihnen. In Berlin legt man sich viel aufs meta- und hyperphysische Denken, es hat sich da eine Philosophie des Geistes etablirt, der Naturphilosophie des Südens gegenüber, von der sie behaupten, sie entbehre aller Methode. Offen zu gestehen, ich bin kein Anhänger Schelling's, mein Herr Geist-Philosoph; ich halte seine halbfertige Lehre für das Product einer Fieberphantasie, die sich im vermeintlichen Anschauen des Absoluten berauscht hat. Es gab eine Zeit, wo ich viel von Schelling hoffte; ich glaubte, er würde aus der Natur den immanenten Gott, aus der Materie den mit ihr behafteten Geist deuten, aber er hat es nicht zu Stande gebracht. Was thut aber nun Hegel? Er setzt Geist und Natur einander schroff gegenüber, denn diese sei treulos und sinnlos abgefallen von der Idee! Wehe! er hat die Schöpfung zerrissen, den harmlosen Frieden der Eintracht zwischen Geist und Natur gestört und die tiefe Mythe vom Ineinanderweben beider Mächte des Daseins ganz zerbrochen. Wo soll aber Versöhnung und Frieden sein, wenn die Mythe des Lebens vom uranfänglichen Einssein in Gott und Natur uns verläßt? Wer will die ungeheure Kluft nun füllen? Wie konnte man Begriff und Sein identificiren, sodaß dieses ein Moment von jenem ist; wie konnte man das als ineinandergreifend darstellig machen und doch Geist und Natur auseinanderzerren, als wäre diese des Teufels Werk! Alles ist ideell Eins, oder es stürzt rettungslos zusammen ohne irgendmögliche Verbindung. Körper und Seele getrennt, gibt ja auf der einen Seite eine Leiche und hier ein Nichts, von dem man nicht weiß, wohin es flattert; denn mit dem Tode ist's aus, es gibt ebenso wenig einen Geist als Geister, die der Form und dem Stoffe entbunden existirten. Aus der Zeit der Gespenster sind wir heraus, das Fleisch, die Natur, die Materie muß zu ihrem Rechte kommen, hohle Geister ohne Inhalt schrecken uns nicht mehr, das mögen sich die spintisirenden Metaphysiker merken! – Aber man gebe die Hoffnung nicht auf, es wird schon wieder empirisch zugehen in der Welt; man wird wieder anfangen, von der Erfahrung auszugehen, und sich der lebendigen Stoffe nicht mehr entschlagen, weil es sonst in des Wahnsinns Nacht und bodenlose Tiefe geht. Es wird nur eine Episode gewesen sein, daß wir uns so vergeistigten und verdampften bis hinauf in nebulose Räume, die man die absoluten nannte. Sehen Sie, der Stifter der Philosophie des Geistes war ein Schwabe, der an der Verschleimung litt. Das ist das Grundübel seines Denkens, darum hat sich Alles in den Paragraphen des Systems so verschleimt und wie Schlamm angesetzt, sodaß der Strom der Dialektik doch nicht, wie er sollte, Alles fortspülen konnte. Darum ist Alles so verwachsen wie ein verschlungenes Gekröse. Sagen Sie mir nicht, daß es unbedeutend sei, wo einer geboren wurde. Ei, auf klimatische Verhältnisse kommt Alles an. Sehen Sie, wenn Plato den Göttern dankt, daß sie ihn in Griechenland das Licht der Welt erblicken ließen, so wird ihm das Niemand verdenken; denn unter Barbaren konnte er nicht werden was er wurde. Aber das will noch wenig sagen, er treibt das Ding noch weiter, er dankt den Göttern sogar, daß sie ihn in Athen und nicht in Theben, das doch nur 20,000 Schritt davon entfernt war, geboren werden ließen. Schauen's, wie tief, wie schlau er das fühlte! Er hätte jedenfalls in Theben ein böotisches Temperament bekommen, aus dem heraus es sich besser grunzte als philosophirte. So läßt sich auch in Kant's Philosophie nicht verkennen, daß ihr Stifter ein hypochondrisch-hektischer Ostseeländer war; man fühlt ordentlich den naß-feuchten Luftzug, der über die Sandküsten fährt; einige Sehnsuchtsthränen, die der ewig fernen, jenseits erschlossenen Wahrheit fließen, sind zu Bernsteintropfen krystallisirt. Wenn Kant spazieren ging, so athmete er nicht wie wir die Luft ein, sondern kniff die Lippen zusammen und sog blos mit der Nase, wie er sagte, damit die Luft temperirt und vermittelt in die Lunge strömte. Hätte er eine bessere Lunge gehabt, er hätte freier geathmet und sich weder der schlechten Vermittelung der Nasenwerkzeuge noch der engbrüstigen Kategorieen bedient, um die Luft, den heiligen Athem Gottes und seine Wesenheit einzuschlürfen.«

»Von unserm Temperamente hängt all unser Denken und Fühlen ab, und das Temperament steht unter den Einwirkungen klimatisch-tellurischer Verhältnisse. Ich bitte Sie um des Himmels willen, obschon es – beiläufig gesagt – keinen eigentlichen Himmel gibt, aber ich bitte Sie, was ist denn die Seele? Können wir sie anders als bildlich fassen, anders als eine Ätheressenz, die der Materie des Leibes nicht entbehren kann? Die Seele ist ein Saiteninstrument – wieder bildlich –, und die Saiten sind unsere Nerven. Les nerfs voilà l'homme! Äußere Einflüsse fahren wie der Wind darüber hin und musiciren, dann spricht die Seele und philosophirt und poetisirt. Was wir Volkscharakter nennen, ist nichts als Einfluß des Klimas auf die Nerven. Die Nebeldünste des November verschulden die Selbstmorde der Briten, in den Hundstagen werden in Italien die Banditenstreiche verübt, im Julimonat feierten die Pariser ihre Hundswochen-Revolution. Diese Bewohner der Lutetia-Paris belobte weiland Kaiser Julian ihres Ernstes und ihrer Sittenkeuschheit wegen. Du, mein Firmament! wie hat sich das verändert! Und Tacitus würde sich entsetzen über die gegenwärtige Verweichlichung seiner wälderstarrenden Germania und über die Nachkommen seiner einfach biedern, kraftvoll rohen Naturkinder. Sehen Sie, das hat Alles die Veränderung des Klimas und der Nahrungsstoffe verursacht. Die Nahrungsstoffe sind die Vertreter der Volkscharaktere, denn wir Menschen, wie Boerhave sagt, sind Pflanzen, die ihre Wurzeln im Magen haben. Warum ist der Hindu so sanftblütig, leicht und heiter? Er lebt von Reiß und Wasser. Milch und Honig repräsentiren viele Kindervölker der Mutter Natur. Weißbrot, Bouillon und schäumender Wein: das macht den Franzosen. Schinken, Sauerkraut und Schwarzbrot, diesen Essenzen entsteigt ein Spiritus, den man deutschen Volksgeist nennt. Nur in einigen Gemüthern unter uns glüht Rheinwein, aber es ist auch ein drückendes, schweres Glühen, kein heiterer, entzückender Champagnerrausch. An dem Klima liegt es, ob wir Sklaven oder freie Männer sind. In klarer Bergluft gedeiht der Sinn für Muth und Unabhängigkeit. In heißen Ebenen herrscht die Neigung zu bequemer Ruhe, man ergibt sich einem Herrn, unter dessen Obhut des Lebens Güter stehen, man glaubt, wie in Asiens Steppen, an ein Fatum und legt die Hände in den Schooß. So lassen sich selbst die Religionen von klimatischen Einflüssen nicht losreißen, wie dumpfe Eiferer möchten. Die Religionen der Völker sollen vom Himmel stammen, sagen die seltsamen Leute. Vom Himmel! Was ist Himmel? Himmel ist Luft, eines der Elemente. Sie stammen aber aus allen Elementen, wie man zu sagen, pflegt: alle Element! d. i. so viel als die Interjection: Himmel und Hölle! Sollten die Religionen blos vom Himmel, von der Luft, gekommen sein, so wären sie ja aus der Luft gegriffen. Alles ist ländlich sittlich. Man bringe die schönste Venus unter die Pescherähs, so schrumpft sie zusammen, und der Mensch liegt betend vor einem Fratzenbilde. Auch über Das, was man Geschmack und gute Lebensart nennt, über Alles, Alles, dreimal Alles ist das Klima gebietender Herrscher. Wer unter den Kammtschadalen stark ausdünstet, gilt für einen hochbegabten Menschen. Man drängt sich zu ihm, man bittet auf ihn, wie in Deutschland auf ein berühmtes Dichterhaupt, Abendgesellschaften, man lauscht, horcht, riecht, schnüffelt aus allen Leibeskräften, man reißt sich um den Vorzug seiner wohlthuenden Nähe, – denn man spart an ihm einen Ofen. Ländlich sittlich! Wer Heu frißt, kann, absolut genommen, kein bedeutendes Thier sein; wer faule Fische für eine Delicatesse hält, muß in seinem Denken und Fühlen den genossenen Thran als Spiritus wieder von sich athmen; wer stets unter Mist wandelt, in dem kann unmöglich sub specie aeterni eine wohlparfumirte, wohlaffectionirte Seele hausen; aber absolut genommen, ist nichts wahr, nobel, delicat, vor dem absoluten Richterstuhle sinkt alle specielle Eigenthümlichkeit der Völker und Individuen als nichtig zusammen, und es ist nur ein Glück, daß es Niemand mehr einfällt, in einer Wissenschaft der Ästhetik etwas absolut Schönes auszustellen. Man hat viel von Rafael's göttlichen Madonnen gefabelt und seine weiblichen Wesen als einzig gültige Ideale, einzig nachahmungswerthe Musterstücke gepriesen. Alle Element! lauter Unsinn, Wirrsinn! Es gibt nichts Allgemeines, Alles gilt nur in der Sphäre, wo es lebte und athmete. Ich lobe mir Rubens' Madonnen ebenso sehr. Aus jeder blickt freilich immer nur sein Weib hervor, und in ihrem weißüppigen, vollsaftigen Fleische ist holländische Butter und Käse gar nicht zu verkennen, es sind die Nutrimente ihrer Schönheit. Ich wittere und rieche das überall heraus, aus dem Ideal das Weib, aus dem Weibe die Milchstoffe, aus dem Milchstoffe den schönen Viehwuchs der holländischen Kräuter. Es hat Alles seinen guten Grund, es ist Alles nicht weit her! Und überall verfolge ich die Stufenleiter der Wesen von Gott bis zum Käse, und vom Käse bis zum Gott, die ganze Schöpfung ist eine große Destillationsanstalt, aus dem Gemeinen filtrirt sich immer das Bessere heraus und dampft in die Höhe und wird aufgefangen als Gas und wieder präparirt, geläutert und ätherisirt. Und nun Rafael's Madonnen, sind das rein ideale Bilder und Schöpfungen eines aller Naturbedingung enthobenen Geistes? Alle Element! es gibt keine Idealisten, denn kommt man ihnen näher auf die Spur, so beißen sie irgendwo im Materiellen sich fest. Rafael's Weiber athmen den Duft der südlichen Früchte von sich, sie sind so gut wie irgendwas Producte des Klimas, das sie gebar. Dieser durchleuchtende Sammet ihrer Wangen – das ist die Olive, wie sie im Hauche der glühenden Luft gereift, sich eben vom Zweige ablösen möchte. Dieses selig trunkne, wie eine strahlende Sonne in sich rotirende, dunkle Feuer ihrer Augen – darin glüht sicilischer Wein und alter schäumender Falerner! So destilirt sich der Geist aus aller Materie, so brennt und leuchtet und dampft das Tiefste, das Heiligste, das rein Geistige, der Gott selbst aus der Natur hervor und schlingt die Flammenarme durch die Adern der Welt und hält und trägt sie so, der alte Überall und Nirgends, das dunkle, heilige, unnennbare Etwas, das in Allem webt und weht und bläst wie Sturmessittig und wie säuselnde Abendluft, mit dem Stoffe des Daseins zu ewiger Brautnacht verschmolzen, mit ihm und in ihm blühend und verwelkend, lebend und sterbend und aus allem Untergang als das Unsterbliche ewig auferstehend!«

So sprach der lange graue Mann und schwenkte bei den letzten Worten den breitkrämpigen schmuzigen Filzhut durch die Luft, als riefe er sich selbst ein Vivat zu. Der Schweiß troff ihm von der Stirn und rieselte stromweis über das flache Gesicht hernieder. Sein glotzendes Auge irrte seltsam umher, mit dem schlotternden Überrock schlug er, während er hastig fortschritt, allerhand närrische Falten. Es war etwas Trivialkomisches in diesem Pastor Faigenheim; das war sein Name, wie ich später erfuhr. Der Kritiker Polonius hätte den Mann für den besten Helden einer philosophicotragico-Pastoralkomödie gehalten. Der Lachkitzel, der sich anfangs bei mir geregt, war mir krampfhaft in den aufgesperrten Mundwinkeln stehen geblieben. Es war mir schauerlich zu Muth geworden bei dieser Komik des Landpastors.

Faigenheim stand eine Weile still und trocknete sich die Tropfen auf der Stirn, die ihm der Eifer seiner Rede bei der Hitze des Tages und der schweren Bekleidung ausgepreßt hatte. Dann faßte er mich wieder unter den Arm und schleppte mich im Gleichtakt seiner weitausgreifenden Schritte mit sich fort. Mich gewaltsam von ihm loszumachen, schien mir weder möglich noch räthlich. So mußte ich dem Erguß seines Herzens wie einer Wunde, die sich ausblutet, zusehen, ohne daß ich den Strom seiner Rede zu stopfen im Stande war, wozu ich mehrmals schon einen vergeblichen Versuch gemacht hatte.

»Glauben Sie mir,« – fuhr er in seiner breitspurigen Redeweise und in dem Schulmeistertone fort, womit er jeden Laut, der sich dagegen erheben wollte, zu Boden schmetterte, – »glauben Sie mir, all unser geistiges Unglück im Denken und Fühlen liegt an der schlechten Verdauung. Störungen in der Organisation des Unterleibes sind meist der Grund des Wahnsinns in unserer Zeit, und wir von der Gelehrtenprofession sind zumal sammt und sonders klägliche Unterleibnitzianer, daß Gott erbarm'! Eigentlich wird Niemand verrückt, dessen Lebensart nicht verrückt, d. h. aus der natürlichen Ordnung gerückt ist. Somit liegt unser Wahnsinn schon in den allgemeinen Zuständen des heutigen Geschlechtes. An der Kost, die wir genießen, an der raffinirten Lebensweise, an der Art der Verdauung oder Nichtverdauung, daran liegt die Schuld, nicht am Gehirn, nicht am Herzen, am Denken und Fühlen an sich. Lesen Sie Hippokrates' Werk von den Krankheiten. Wahnsinn entsteht, sehen Sie, wenn Galle und Schleim ins Blut treten. Das ist's, da liegt's. Seitdem indisches Gewürz unser Blut vergiftet, Caffee, Thee und ein Mixtum von gepfefferten Ingredienzien unsere Constitution derangirt, unser Nervensystem zerrüttet, ist die gesammte europäische Menschheit von halbem Wahnsinn befallen. Der Einzelne, den es ganz trifft, ist dann nur ein Opfer des allgemeinen Zustandes. Ein Arzt, der über die Einflüsse der indischen Gewürze auf den nervösen Organismus der modernen Zeiten ein Buch schriebe, würde zugleich zu unsrer politischen und moralischen Geschichte den wichtigsten Beitrag liefern und die geheimen Wurzeln unseres Verderbens nachweisen. Die geistige Übersättigung, das Unbehagen der vollgepfropften, vergallten oder verschleimten Gemüther liegt lediglich in der Überfülle der materiellen Reizmittel und Gifte, welche die vorigen Generationen schon in sich aufnahmen. Man sollte mich machen lassen! O ich wollte dem ganzen vertracten und verschlemmten Zeitalter Sennesblätter und Rhabarber in ungeheuren Quantitäten verordnen, ich wollte mit Laxanzen eine neue Ära in Blüthe bringen! Philosophie, Poesie, Politik, Alles leidet an Überreizung und Verstopfung, Alles ist bis zu einem Wahnsinnsgipfel hinaufgedrängt und möchte sich von oben kopfüber hinabstürzen, weil kein Mensch mehr das Räthsel der Sphinx lösen zu können vermeint, Alles drunter und drüber geht, und die stille Einfalt, das Maß der Dinge, die Ruhe des Gemüthes und die harmlose Reinlichkeit einer tugendhaften Gesinnung aus der Zeit entwichen sind. Wenn ein Mensch am Übermaß der stockenden Säfte sterben, mitten in der Fülle der vorhandenen, aber todt daliegenden Körperkräfte an Atrophie sich verzehren kann, so kann auch ein ganzes Geschlecht, ein ganzes Zeitalter, in dem Alles stagnirt und versumpft, an allgemeiner Nervenverstimmung langsam hinschmachten. Wo sich nur ein Ereigniß verlautete, waren alle Gemüther schnell gespannt und athmeten auf, sei's in Furcht oder Hoffnung auf ein kommendes Heil, aber ebenso rasch war Alles niedergehalten und abgedämpft, keine Strömung für neues Leben wollte sich irgendwo eröffnen, die Schwüle blieb, ein heiliges Donnerwetter wollte nicht allerseits dreinschlagen, eine Revolution hat die Polizei verboten; alle Element! so stopft und staucht sich Alles und verwächst aller Orten, keine Aussicht, kein Durchbruch, kein Neben- und Schlupfloch, eine enge Klause mit Gitterfenstern ausgenommen, will sich aufthun, keine Hinterthür einen Abzug erlauben, – o, ich werde rasend! eben die Hinterthür ist uns am meisten verriegelt, wir haben uns so versessen und abgesessen, das wir ganz besessen werden könnten, wenn wir es nicht schon waren. Wir sind radical toll, gottesleugnerisch, tempelräuberisch, königsmörderisch, himmelschreiend jacobinisch, Alles aus verstopften Eingeweiden, Alles vor Bauchgrimmen und wüthendem Sodbrennen! Wir sind unglückselig im Geiste, weil wir krank am Leibe sind, dumm und toll, weil verdickt und vernagelt; abgemacht sela! – Wie sehr Recht hatte doch jener Philosoph bei den Athenern, der die Rednerbühne bestieg, um dem Senate das beste Mittel zu sagen, wie das Volk glücklich zu regieren sei! Er stieg hinauf und sagte gar nichts. Alles lauschte. Da verschluckte er eine allmächtige Dosis Rhabarber und lief eiligst davon, indem sein geheimnißvoller Wink verrathen ließ, daß die Wirkung sich alsogleich einstellte. Man hat gesagt, die Könige müßten Philosophen sein, und Schleiermacher, der Krypto-Paganist des Christenthums, hatte es in einer akademischen Rede zur Feier des Geburtstags des Königs von Preußen in Berlin mit vieler Schlauheit, als stecke darin das Geheimniß der absoluten Wohlfahrt, andeutungsweise hingeworfen und wiederholt. Alle Element! wie verkehrt und pfiffig beschränkt! Sollen die Könige etwas sein, so müssen sie Ärzte und Naturforscher sein. Den Völkern an den Puls zu fühlen müssen sie verstehen, ihnen das Wasser besichtigen, den Speichel kosten! Eine Klystirspritze gehört in des Königs Hand statt des veralteten feudalistisch gehässigen Scepters! Nicht regiert, nein, curirt müssen die Völker werden, denn die stumpfe Lähmung hier und die wüste Gährung dort sind nur Folgen einer schlechten Verdauung. Sie haben einen Gedanken aufgeschnappt, den können sie gar nicht verwinden, sie haben einen Bissen Freiheit verschluckt und gebaren sich gleich, als hätten sie den Leibhaften im Leibe. Sie kauen und mummeln und würgen sich dran zu Tode. Es will sich nicht in Saft und Blut verwandeln, und das Unverdaute macht sich immer wieder geltend und fährt mit Aufruhr nach oben, und zieht es sich auch nach unterwärts, so ist der Darmcanal verstimmt, er hat eine mißvergnügte Tonart. Darum, deswegen, dieserhalb und um derowillen, sage ich in aller Elemente Namen, liegt Alles, Alles dreimal Alles, an schlechter Verdauung. Was meinen Sie dazu? Habe ich Recht oder nicht? Was haben Sie mir zu sagen?«

Wir hatten die Ringmauer des Mondsteins zweimal umkreist und standen jetzt still auf dem Kartoffelfelde unter Gottes freiem Himmel. Gott! Du siehst Alles, hörst Alles und fühlst es! Der reckenhafte Mann stellt sich mir en face, musterte mich mit den aufgerissenen Augen, über welche die graue Filzkrämpe schlotterig herüberfiel, und erwartete mit der ihm eignen Arroganz meine Antwort. Ich maß ihn ebenfalls eine Weile mit meinen Blicken von oben bis unten in seiner ganzen unbescheidenen Länge, um mich zuvörderst in meinem gerechten Erstaunen zu sättigen, daß Jemand auf so confuses Gemengsel eine bestimmte Äußerung verlangen und fragen konnte, ob er Recht habe oder nicht.

»Wie sehr ich auch« – sagte ich endlich gelassen – »Ihre zerstreute Gelehrsamkeit anzuerkennen mich gedrungen fühlen möchte, so kann ich doch nicht umhin, mein Herr, Ihrem ungebührlichen Exorcismus, womit Sie das Geistige aus der Welt treiben oder in die Materie hineinpeitschen wollen, auf das entschiedenste entgegenzutreten. Für Sie ist die Grenze zwischen Thier und Menschen aufgehoben; das schlägt Sie total. Wenn die Nerven den Menschen ausmachen, so ist der wetterkundige Laubfrosch, die prophetische Spinne, der Uhu, der den Tod des Menschen im voraus wittert, ja selbst die Sinnpflanze ein höher begabtes und bevorzugteres Wesen als der Bauer des Feldes. Auf die Kost kommt viel, sehr viel an; und ich gebe Ihnen zu, mein Herr, daß, wer von Heu sich nährt, kein Wesen von honetter und zarter Denkungsweise sein kann. Allein betrachten Sie doch den ersten großen Wahnsinnigen in der Weltgeschichte! Nebukadnezar fraß Heu; er verthierte complet, und diese Verthierung des Mannes war Wahnsinn. Allein er wurde nicht wahnsinnig, weil er Heu fraß, sondern weil er wahnsinnig war, fraß er Heu. Dieser unwiderstehliche Reiz nach einem Nahrungsstoffe, nach welchem sonst nur dem vierfüßigen Symbol absoluter Bornirtheit der Gaumen kitzelt, war eine Folge seiner totalen Bestialität. Dieser Drang nach Heu, wenn Sie gütigst erlauben, war nicht das Primäre, nicht die Quelle seiner Tollheit, sondern weil er toll, erwachte in ihm die Sehnsucht nach animalischer Kost. Und wie wurde er toll? wo rührte sein Wahnsinn her? – Die Götter, heißt es, schlugen ihn mit innerer Blindheit; sie verkehrten seinen Hochmuth in das entsetzliche Gegentheil. Und nun sehen Sie, was nach der alten Mythe die Götter sind, das ist uns Modernen die Vernunft. In unsrer Vernunft haben wir unsre Gottheit, unsern Himmel und unsre Hölle, Licht der Seele und Nacht des Geistes, i. e. Wahnsinn. Wir werden toll, weil die Vernunft uns die Kehrseite zuwendet, weil die Vernunft selber aus den Fugen geht, ein ungeheures, dunkles Schicksal durch ein Ereigniß oder Erlebniß allen Calcul zerbricht, der das kleine verständige System des Lebens zusammenstellte. Daß Lebensweise, Kost und Verdauung auf unsere Nerven und den Geist einwirken, wer will das leugnen! Allein wie kommen wir dazu, Menschen zu sein, wenn Alles aus dem Stoffe des Daseins, Alles aus der Materie, erwächst? König Saul war auch wahnsinnig, wie es in der Schrift heißt. Hatte er etwa an Pökelfleisch und Bauerknödeln sich den Magen verdorben? oder mit straßburger Leberpasteten und indischen Vogelnestern den Verstand mitaufgezehrt? Und nun, mit Verlaub, die Cur! Womit heilte man den geisteskranken König Saul? Gab der kleine David ihm Purganzen ein? Kam er mit der Klystirspritze ihm zu Hülfe? O nein, mein Herr! Wenn der Geist der Elohim über ihn kam, nahm David die Kinnor und griff in die Saiten mit zarter, rasch beflügelter Hand, da wich vom Saul der böse Geist. Also Musik, Musik! Was der Verstand verbrochen, was der Hochmuth des Denkens verdorben, indem er uns über uns selbst jäh und waghalsig hinausreißt, das müssen die zurückgedrängten Seelenkräfte nachholen und sühnen, das Herz muß wieder gutmachen, was der Verstand gefehlt und gesündigt, damit die Harmonie des innern Menschen sich wieder herstelle. Der harmonische Geist, in dem Alles gemeinsam seine Functionen übt, ist allein der wahnsinnsfreie. Was die Alten zu Göttern machten, nennen wir die Mächte des innern Lebens. Die Eumeniden der Griechen, Alekto, Megära und Tisyphone, die den Orest verfolgen, waren nichts Anderes als Wahnsinn, Raserei und Tollwuth. Iphigenia ist die ruhig schäumende, nie überwogende Macht des Selbstbewußtseins. Sie ist eine musikalische Gestalt, und die plastische Musik ihres ganzen Wesens heilt den kranken, gestörten Bruder und sühnt allen Irrsinn und alle Schuld. Die Alten wußten das so schön, wie Leib und Seele sich ineinanderschmiegt, sie hatten für alles Geistige die passende Form und fühlten aus allen Formen den Geist so zart heraus! Und wir Modernen wollen die Materialisten spielen, oder die hohlen Abstracten, und die Harmonie des griechischen Lebens niemals erreichen, niemals die wüste Zerworfenheit unserer Anschauung aufgeben! Auch das Reich der Persephone war den Alten nur die dunkle Nacht des Irreseins, der Fluch der Abwesenheit aus dem Lichte der schönen Erdenwelt. Orpheus steigt in die Unterwelt und lockt mit den Tönen seiner Leier die geliebte Euridice wieder hervor aus der Finsterniß des geistigen Todes. Aber er wird selbst irre an der Macht der Lyra, er verzweifelt an der Wirkung seiner Musik, das eigne Bewußtsein löst seine innern Bande langsam auf; so blickt er bange und ungewiß zurück, ob sie ihm auch folge, und sie bleibt in den Fesseln, die sie hielten. Die heilige Zuversicht, die Wunder bewirkt, war ihm entwichen und mit ihr des Lebens Kleinod und des Geistes leuchtender Funke, Selbstbewußtsein. Geist muß aber gegen Geist ins Feld rücken; was der innere Mensch gesündigt, kann der äußere nicht wieder gut machen, in Sack und Asche büßen sich die Verirrungen der Seele nicht ab. Nahm der Verstand die Füße in die Hand und Reißaus, so muß das in stiller Eintracht mit der Natur zurückgebliebene Gefühl ihm nacheilen wie einem Selbstmörder, der sich aus dem Schooße der Liebe losriß und nach dem Strande eilt. Das Gefühl muß sich aufmachen und ihm nachlaufen mit gedoppeltem Flügelschlag, wie der Vogel Strauß, durch die weite irre Wüste des Lebens, wo der arme verwilderte Einsiedler Verstand verschmachtet. Die Harmonie der Seelenkräfte muß wiederhergestellt werden, und wie im Menschen, so in unserer Zeit. Musik, Musik fehlt den Kindern dieses Jahrzehnts, nicht Paukengerassel und Geigengeschwätz und all das fidele Klingklangzeug der coquetten Oper, nein, Musik, wie es die Alten fühlten, Musik der harmonisch redenden Seele. Und freilich kann schon musikalischer Lärm die aufgeregten Köpfe zum Frieden bringen, man hat Beispiele, man könnte darauf schwören, es ließe sich mit Paganini's seltsamen Wundertönen und den spielerischen Trillerschlägen der weiland niedlichen Jette Sonntag eine pariser Revolution unterdrücken, und der berühmte G-Spieler sammt der kleinen aachner Nachtigall ließen sich schon als Geisterbeschwörer gebrauchen, um einige oberflächliche Teufeleien mit Glück zu bannen. Allein es gibt eine tiefere Musik, die ich meine, eine Musik der Poesie, die unserer Zeit fehlt, eine Harmonie der Gefühle, die uns Deutschen allein zum Verständniß unserer selber bringt und zur Überzeugung, wir seien Ein Volk im Denken und Dichten. Ach, der grübelnde Verstand hat viel verbrochen, viel zerstört, und über die Störniß und Verwilderung der Elemente des Lebens selbst betäubt und verwirrt, ist's kein Wunder, wenn er Reißaus nimmt und in die weite Wüste läuft, wo kein Thau des Himmels als Manna niederträufelt. O so eile du ihm nach, Vogel Strauß, Poesie, du weißt auch Bescheid in öder Wildniß und verirrst dich nicht mehr, denn du kennst schon die Stapfen, die der Verirrte in die Sandfläche grub, spanne deine Flügel – vielleicht kannst auch du nicht mehr fliegen wie Vogel Strauß, – aber spanne deine Fittiche wie schwellende Segel und fahre wie ein Schiff durch das rauschende Meer nach dem fernen schwarzen Punkt, wo ein Nothschuß fiel aus der Brust der letzten verzweifelnden Angst. – Es nutzt nicht viel, mit einem Gleichniß sich eine Anschauung von den Irrsalen des deutschen Lebens zu machen; wer's nicht an seinen eignen Gliedern fühlt, begreift's doch nicht, wo uns der Schuh drückt und der schwerfällige Holzpantoffel des systematischen Denkens. Es nutzt nicht viel, sich mit verblümten Redensarten das weinende Herz zu trösten, und doch will man nicht verwunden mit spitzen Dolchen, es sind der Wunden, deren Mahle gen Himmel aufklaffen, doch schon genug, und der Salben und Balsamkräuter so wenige! Aber die Philosophie unserer Zeit hat es nicht zur schönen Form gebracht. Das ist nicht unwichtig etwa, das ist vielmehr eine Frage über Sein und Nichtsein. Die Form ist kein Außending, das sich überstülpen ließe wie ein buntfarbig bebänderter Maskeradenhut über ein kaltes, fratzenhaft starres Larvengesicht. Die Form ist das Wichtigste in all unserm Denken und Dichten und Thun, denn sie ist der Inhalt selbst, wie er sich aus sich herausgebiert und sich selbst zur Erscheinung bringt. Wahrheit und Wirklichkeit hat die Philosophie versöhnen wollen und Beides in der Dialektik ewiger Bewegung zusammengefaßt. Wahrheit und Schönheit hat sie aber mit Pulverminen auseinandergesprengt, daß jedem fühlenden Menschen ein Brandstück an den Kopf und an das Herz geflogen. – Sie aber, mein fremder und mir fremdartiger Herr, sind im baarsten Irrthum über unsere Zeit und das ganze Menschendasein. Der Geist ist mehr als bloße Ätheressenz der Materie. Entweder steht der Mensch über oder unter dem Thiere, und das Erstere ist nur der Fall, wenn der Geist selbständig als Ursubstanz für sich von Ewigkeit zu Ewigkeit existirt. Nur so trägt den Menschen ein höherer Zusammenhang, nur so ist der Mensch. Ohne Gott – kein Mensch, nur Thier, am wenigsten aber ein ewiger, unsterblicher Mensch. Sie kennen keinen persönlichen Gott, keinen Christus, keinen persönlich daseienden Menschen. Sie sind ein grober, ein deutscher Saintsimonist, Sie kennen blos den einen Gott Saint-Simons, blos die Gott-Materie. Ihr Materialismus ist aber dazu noch ganz entgeistet, geistlos, und wenn es in einer Zeit, wo sich, jeder Lump in Zeitschriften einen Geistreichen schelten läßt, allerdings höchst verdienstlich erscheinen kann, den absolut Geistlosen zu spielen, so hat doch auch hier ein böser Dämon dabei sein Spiel, weil es eben nur Spiel ist, und bei allen Spielen der Art ist es nicht ganz geheuer. Verzeihen Sie gefälligst diese meine Offenheit, aber wenn Sie alle Irrthümer, in denen sich unser geistiges Leben in der Zeit getragen fühlt, auf blos materielle Zustände und auf Stuhlgangsprocesse reduciren, so scheint es mir vor allen Dingen, daß sie selbst leiblich wie geistig an schlechter Verdauung laboriren.«

»Das wollen Sie mir sagen?« schrie Faigenheim empört, – »mir! einem Manne, der, selbst im Fall daß er – ich will nicht sagen – –aber doch – genug, einem Manne, der sich als Sohn seiner Zeit weiß, demnach ihre Wehen mitempfinden mußte, aber ausgerungen, durchgelitten und überwunden hat! Ich bin ein Opfer des Abführungsprocesses, der der Zeit noththut, – ich! Einst eine Eiche, eine Platane – ein Platon – von mächtigem Wuchs, stark, reich, umfassend, – bin ich zur Dünnigkeit einer Fichte – eines jüngern Fichte – zusammengeschmolzen. Ich – ein Materialist? Ein Idealist bin ich, daß Sie's wissen! All mein Fleisch habe ich daran gesetzt, meine Seele zu retten. Und es gelang, es gelang! Mit jedem Pfunde, das von mir schwand, wurde mein vom Gestrüppe hypochondrischer Speculation verwachsenes und umwuchertes Gemüth freier, leichter, geläuterter. Und Sie wollen alle diese Opfer, die ich der Wahrheit, rein um ihrer selber willen, brachte, vernichten, wenn Sie meinen Idealismus verkennen, der sich durch die Schlacken hindurch rein gebrannt? Wurm, Du! ich möchte Dir alsogleich zwanzig Tassen Fliederthee einflößen, wie heißes Oel durch die Ohren, daß Du Deinen schlechten Sophismus durch die Poren Deines Schweißes jagtest!«

Der Wüthende umspannte mich mit seinen riesigen Armen, preßte mich an seine breite, harte Brust und rüttelte an mir wie ein langarmiger Orangutang an einem schmächtigen Feigenbaum. Ich wäre noch weitern Unannehmlichkeiten ausgesetzt gewesen, wenn sich nicht unerwartet Hülfe gezeigt hätte.

»Herr Pastor Faigenheim!« rief drohend eine Stimme hinter uns, und der kleine Arzt, der uns nicht aus den Augen gelassen, trat aus dem Gebüsche hervor. »Muß ich das an Ihnen erleben, Herr Pastor Faigenheim!« sagte der gute Doctor. »Müssen Sie durch Ihren Disputireifer so pflichtvergessen werden? Während Sie hier ein geistiges Thema mit beiden Händen durchzufechten bemüht sind, feiern Ihre Arbeiter drüben, da ihr Aufseher sich in Geistreichigkeiten und philosophische Thesen so weit vertieft, daß er die Praxis des Lebens vergißt! Ich werde Sie der Inspection über die Reconvalescenten entbinden müssen!«

Faigenheim fuhr wie ein großer Schulbube bei den Worten des kleinen Lehrers zusammen; der Vorwurf hatte sein Inneres getroffen und ihn plötzlich herabgestimmt. Er machte vor mir und dem ernst lächelnden Arzte eine tiefe Verbeugung und bat wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung. Es war auffallend, welches Übergewicht jener über ihn hatte, indem er auf seine Art zu denken einzugehen und ihn durch ihn selber zu lenken verstand, ohne seine Eigenheit durch scharfen und förmlichen Widerspruch zu verletzen. Es schien der gültigste Beweis, daß das einfach klare Bewußtsein überall Herr des Lebens ist und auch dem Dämon des innern Menschen gebietet. Hastig und beschämt empfahl sich uns der ländliche Pfarrer. Seine dürre Gestalt griff schon mit Titanenschritten über das Kartoffelfeld hinüber, um das äußerste Ende desselben zu erreichen, wo der Haufe Menschen mit Spaten und Hacken beschäftigt war. Wie ein Schatten Ossian's fuhr er über das Gefilde hin, das weite schlotternde Gewand und das graue Haar flatterten hinter ihm her im Spiele des Windes. Es war spaßhaft, daß mir der materialistische Faigenheim noch wie ein nebelhafter Geist erscheinen konnte.

Der brave Mann hatte als Landprediger keinesweges zu Denjenigen seiner Collegen gehört, die sich in der Sorge für ihre ländlichen Seelen als Hirten der Schafe befriedigt fühlen und neben der Viehzucht noch etwas Erdbeschreibung treiben. Er war als Candidat lange Zeit in der Residenz gewesen und blieb auch später eifrigst bemüht, sich im Zusammenhange mit der wissenschaftlichen Welt zu erhalten. Aber er las zerstreut und wild in allen Fächern umher, indem er das Entlegenste herbeizog und nicht abließ, bis er auch dem fremdesten Stoffe nach seiner Weise eine Ansicht abgewonnen hatte. Eine unglückliche, immer umfangsreicher und drohender sich gestaltende Leibesbeschaffenheit machte ihm Ruhe und äußere Bequemlichkeit lieb und legte den Grund zu dem Übel, dem er auch geistig allmälig erlag. Er lebte als Unverheiratheter sehr eingezogen und hatte nur einen Zögling um sich, den er an Kindesstatt zu sich genommen. Dieser junge Mann, der Famulus dieses Faust, ward später sein Nachfolger im Amte. Faigenheim galt lange Zeit weit und breit für den Gelehrtesten in der Provinz, man zog ihn von vielen Seiten her zu Rathe, denn der Mann schien für alle Fächer und Disciplinen eine lebendige Bibliothek zu sein, und seiner Intelligenz war es möglich, oft in den verwickeltsten und heterogensten Dingen mit Glück zu entscheiden. Gegen Philosophie mußte von Anfang an seine specielle Malice gerichtet gewesen sein, und so entwickelte sich denn unter seinen physikalischen Studien nach und nach jener heftige, bis zum Wahnsinn steigende Eifer gegen alle Speculation des Geistes im Geiste. Nicht leicht lagen in irgend einer Menschenseele Pedanterie und Schwärmerei so nahe an einander wie im Pastor Faigenheim, in welchem beide Elemente – Grundelemente der deutschen Natur – sich gegenseitig durchdrangen und verbrüderten, um ihren Feldzug gegen das Dasein und Walten des absoluten Geistes zu einer Donquichoterie zu machen. Natürlich verfeindete er sich mit dem Christenthume in gleicher Weise wie mit der Philosophie seiner Zeit, und in dieser zwiefachen Verfeindung lag sein Wahnsinn. Die Störnisse in den Functionen seiner Körperzustände gingen Hand in Hand mit der allmäligen Versumpfung seines Denkprocesses, und wenn viele seiner Zeitgenossen, die sich wie Faigenheim im Gestrüppe der Metaphysik mit den Füßen verwickeln, vor dem gänzlichen Umsturz ihres innern Menschen gesichert bleiben, so liegt der Grund nur darin, daß sie mit feiger Seele umkehren auf dem verwachsenen Waldwege, während der gute Pastor, der consequent weiterschritt, dem radicalen Wahnsinn anheimfiel. Er war ein Opfer, der edle Mann, ein Opfer des Irrthums, und ich konnte mein innigstes Mitleid ihm nicht versagen.

»Bei des Pastors vorgerücktem Alter,« sagte der Arzt, der mir über Faigenheim's früheres Leben einige Winke gab, – »ist keine Hoffnung mehr vorhanden, ihn seinem ehemaligen Wirkungskreise als einen ruhigen, stillen Mann voll geordneten Verstandes wiederzugeben. Seine Gemeinde hatte sich über die Predigten des Pfarrherrn, die immer wunderlicher zu werden drohten, beim Consistorium förmlich beklagt und sich den jungen Candidaten, der im Predigerhause lebte und den närrischen Pflegevater behütete, zum Stellvertreter erbeten. Dieser junge Mann hat sich im Umgange mit Faigenheim ganz heil erhalten, er ist ein solider Seelsorger für seine Bauern, ermahnt sie zu rechtschaffenem Wandel, tauft, traut und beackert nebenbei sein Feld, hält Land, Leute und Vieh in guter Ordnung und läßt Gott einen guten Mann sein, der im Himmel sitzt und thut was er will und was kein Mensch weiß. Der vernünftige junge Pfarrer wirft die Schöpfung nicht kunterbunt durcheinander, sucht nicht in Gott die Natur, nicht in der Natur den Gott zu deuten und hält Alles hübsch auseinander, das blöde Geschlecht der Vierfüßer, den dummen Erdenkloß, Mensch genannt, und den allmächtigen Herrn der Welt. So bleibt er fromm und moralisch gut und hält sich den Wahnsinn vom Leibe. Vor einem Jahre brachte mir der brave Jüngling seinen verunglückten Meister, der solide Wagner den alten verrückten Faust, und gab ihn mir zur Cur. Ich sah bald, daß vor allem der schwerfällige Körper des Patienten einer Reorganisation, einer großen Aufräumung bedurfte. Wider Erwarten ging er selbst bald auf meine Curmethode ein, hielt strenge Diät, fastete sich beinahe zum Gerippe und lief täglich mehrmals unter die Douche, um seinen verwelkten und übermoosten Hirnschädel aufzufrischen. Die Ekelcur schlug gut an, und der Mann genaß langsam aber sicher. Jetzt ist er so leidlich munter, obwol für die Praxis des Lebens in der vernünftigen Welt nicht brauchbar. Jede Erinnerung an seine frühere Corpulenz, mit der seine Störungen im Verdauungsprocesse und sein ganzes inneres Leiden wol auch zusammenhingen, bringt ihn nämlich sofort in Harnisch; er redet sich dann schnell ins Zeug hinein, und an der Hitze des Disputs facht der Wahnsinn seine erloschene Fackel wieder an. Oft ist er melancholisch still und härmt sich so hin, er ist dann weich und aufgelöst wie ein Kind; an mir und meiner Familie hängt er mit einer unaussprechlichen Liebe und Treue. In der Regel ist er aber ganz praktisch und zuthätig für Jedermann und mir in vielen Dingen von wesentlichem Nutzen. Er controlirt die Arbeiter auf dem Felde, die Halbgenesenen, die in dieser rührigen Handleistung zu gesunder Vernunft kommen müssen. Natürlich darf ich auch bei ihm die Zügel nicht aus der Hand lassen, aber es gehört nur ein Wort dazu, mir das nöthige moralische Übergewicht über ihn zu erhalten.«

Seltsam, Seltsam! dachte ich bei mir. Was doch der Wahnsinn oft für ein neckisches Spiel mit dem Menschen treibt! Der Pastor ist bis auf einen bestimmten Punkt ganz heil und verständig, in verborgenem Lauerwinkel sitzt ihm still der Dämon, und nur wenn man diese eine wunde Stelle berührt, tritt die dunkle Schattengestalt aus seiner Seele ans Licht und überfinstert den ganzen langen derben Mann. So ist die scheinbar gesicherte Vernünftigkeit bei Vielen in der Welt, genau genommen, nur ein modificirter, verhüllter Wahnsinn. Möchte doch uns Alle ein gutes Geschick sacht und leise an dem nahen Rande vorübergeleiten, möchte kein großes Unglück wie ein Blitz in die stille dunkle Nachtkammer der Seele mit grellem Strahle hineinfahren und unsern ganzen Menschen in Lohe setzen! Absolut vernünftig ist ja keine Gestalt, keine Erscheinung im Erdenleben, sie müßte ja ewig sein, wenn die ewige Vernunft, die absolute Wahrheit, sich vollauf in ihr aus dem Urschooße Gottes herausstellte. Man sollte nicht so unzart sein, die Grenze zwischen vernünftigen und wahnsinnigen Menschen so scharf zu ziehen.

Der Arzt war anderweitig in Anspruch genommen, er hatte sich bereits von mir entfernt. Ich sah mich allein auf dem Platze und ging die Lindenallee hinunter. Ich war zwischen den hartmäuligen Kartoffelbau-Wahnsinnigen und den sanftern gartenbautreibenden Überspannten mitten inne. Links schlugen jene, die schwerern Vernunftverbrecher, mit Hacken und Spaten in die Furchen, daß die alte gute Mutter Erde, die Alles duldet, tief erseufzte. Pastor Faigenheim stand herrschend wie ein Corporal unter dem Haufen, sein großes Auge sah auf Ordnung, seine anmaßende Stimme erscholl weithin. Der Mann kam mir jetzt beinahe zu verständig vor. Es gehört eine gewisse Grausamkeit des Gemüths dazu, so unter armen tollen Menschen den Despoten zu spielen, blos der Idee der Ordnung wegen. Nur eine philisterhafte, hartgesottene Seele vermag das; ich würde es nicht über mein Herz bringen, hier ganz vernünftig zu bleiben. Der Pastor aber wird blos toll, wenn sein Gedankenthier sich in ihm bäumt wie ein statischer Gaul, während mich vielmehr nur mein Gedankenstoff stark und wahnsinnsfrei erhält mitten in der tollen Welt der Leidenschaften.

Auf der rechten Seite zogen sich die Gartenbeete bis zum Hofraum hin. Der gute Äskulap hatte sich zu einigen Frauenzimmern gewandt, die auf ihren Beeten knieten und die schwankenden Blumenstengel mit Bast und bunten Stöckchen vor dem Einknicken sicherten. Es waren einige junge Mädchen unter ihnen, bleiche, dünne Gestalten, aus unglücklicher Liebe erkrankt, die sie an Menschen verschwendet. Nun hatten sie ihre Liebe auf die Blumen gewandt und waren so geheilt und still beruhigt. Nur die Gegenstände ihrer Neigung waren verwechselt, und auf den Gegenstand, den ich liebe, kommt es allerdings an, ob ich jubeln oder weinen, trunken die Welt anlachen oder mich tief verzehren soll im bittern Leid. Manche von ihnen sahen noch recht zerknickt und gebrochen aus, ohne daß ein buntes Haltestäbchen oder ein Bast da war, um die wankende Pflanzengestalt der armen Mädchen zu stützen. Diese mochten wol in dem Kelch der Blume nichts weiter sehen als das Angesicht des treulosen Geliebten und an den Blättern nichts Anderes zu erfassen wähnen als die Hände des Flatterhaften! Aber die Blume ist auch dankbarer als der Mensch, sie trinkt die Thräne Eures Auges, sie nährt sich vom feuchten Thau Eures weinenden Herzen, während beim Menschen das nahrhafte Korn der Freundschaft und die befruchtende Thräne der Liebe nicht selten auf einen steinigen Boden fallen.

Mann des Äskulap, Du bist aber ein ganz liebenswürdig närrischer Kauz! Der kleine Medicus schien den wahnwitzigen Weibern ordentlich die Cour zu machen, er mochte das Courschneiden mit zur Cur rechnen. Er war wie ein Haselant bald hier, bald da, erhaschte sich bald ein dankbares Liebesblickchen, bald strich er der schönen Blondine, die sich am Rosenstock den Finger geritzt, ein Pflästerchen auf die Wunde. Er war der galanteste Mann, der verrückten Mädchen je den Hof gemacht; er lächelte, schmeichelte, er war ganz verliebt in sein trauriges Metier. Es war Prinzip bei ihm, wahrhaftig, nicht Neigung oder Naturell; ich muß den Doctor bewundern. Er mochte überzeugt sein, daß es zweckmäßig sei, die Reconvalescenten allmälig an den gesammten Unsinn des Gesellschaftslebens zu gewöhnen, und er hat Recht, sehr Recht, denn wer sich mit seiner ganzen Persönlichkeit in die Manieren des Visitenlebens hüllt, der hat eine gute Schutzdecke um sich gegen alle Gefährnisse der Gemüthswelt. Wenn die junge Dame etwas fromm ist, etwas Religion hat, jedoch auch den Kitzel der weltlichen Lust etwas fühlt, wenn sie etwas prüde thut, aber auch schälkische Redensarten etwas gern hinnimmt, wenn sie etwas tanzt, etwas spielt, etwas singt, etwas in Schiller und Göthe liest, oder besser in van der Velde und Walter Scott, wenn sie sogar etwas Französisch spricht, etwas Italienisch versteht, wenn sie etwas herumgehorcht hat, was Idee ist und Wirklichkeit, was Liebe im Idealen und in der Praxis, wenn sie spatzenhaft von Allem in etwas gefüttert ist, ohne irgendwie und irgendwo satt zu werden: wie soll da ein Wahnsinn in solch einer erbärmlich zerstückelten und verflachten Seele seine Rechnung finden? Wie kann ein rechtschaffener Irrthum unter diesem Gespinnst von trivialen Irrthümlichkeiten noch aufkommen? Der Wahnsinn müßte ja umkommen vor langer Weile in so einer kleinen vertrödelten und tausendfach verzettelten Mädchenseele! Nein, Ihr Menschenkindlein, seid nur immer hübsch närrisch in den vielen nichtsnutzigen Halbheiten und Trivialitäten des modernen Gesellschaftslebens, dann kann eine einzelne, radicale Narrheit Euch nichts anhaben! Wehe Euch aber, wenn der Herr des Himmels Euch zu Gericht führt und Euch fragt: was war der Inhalt Eures Lebens? was hielt Euch lebendig mitten unter dem Strom des dahinsterbenden Daseins? welches Gefühl war der Leiter, welcher Gedanke der Träger Eurer Seele im Wandel der Vergänglichkeiten? – Ach, es ist doch immer nur Eins, was dem Leben des Menschen einen Werth, einen Inhalt gibt. Dies Eine kann der Wechsel der Zeit und der Verhältnisse neu gestalten, es kann ein ganz anderes Etwas aus der Tiefe unserer Seele heraufsteigen und als lichte Gottheit unsren dunklen innern Menschen erhellen. Aber Eins muß es sein, für das wir leben, – und war's eine Albernheit, eine Grille. Sie wird mächtig und wichtig, wenn wir sie verfolgen und sie uns erfüllt und uns beherrscht. Hier kann uns freilich der Teufel am leichtesten einen Streich spielen, und es ist eine halsbrechende Lehre, die ich docire; allein wenn man es schilt und verwirft, das Einer sein Alles auf Eins setzt, in Einem sein Heil und seine Freude findet, – so ist es immer dumm geschwatzt und gehört zu den Faseleien dieser einfältigen Salonwelt, die sich die gebildete nennt. Möglich auch, daß man, um vor complettem Wahnsinn sich zu bewahren, etwas Unsinn mittreiben muß, wie es der seichte, flache Strom des Lebens so mit sich bringt; möglich, daß es gut ist, den Göttern einen kleinen schuldigen Tribut zu spenden, damit sie den großen nicht fodern und im großen den ganzen Menschen in Beschlag nehmen! Und es kann eigentlich nichts lustiger sein, als sich ganz und gar in die tausend kleinen Thorheiten der geselligen Welt hineinzuleben und in das tolle Nest der ruhigen Gemächlichkeit hineinzukriechen. Dann nennt uns Niemand toll; die allgemeine Stimme, in deren Niveau wir uns halten, schützt und trägt uns. Das ist freilich ein Schutzmittel gegen die Narrheit, das wie ein gelindes Gegengift wirkt. Nun, es ist eine homöopathische Cur, es gilt hier simila similibus, es kann immer zeitgemäß gescholten werden!

Ach, es ist nicht gut, nicht heilsam, daß ich das hier so haarscharf untersuche und so grob deutlich ausspreche. Man sollte nichts unter den Erscheinungen des Lebens für Wahnwitz und Irrthum, und nichts für Vernunft und Wahrheit so geradezu ausgeben. Kann doch die absolute Vernunft nicht in einem Einzeldinge vollauf erschöpfend hervortreten, kann sie doch nicht nackt und hell ins Leben schreiten. Alles ist eine Mischung, Alles eine Modification beider Elemente, in jedem Einzelwesen ein Proceß dieser sich chemisch durchdringenden Stoffe. Wahrheit und Vernunft sind reiner Ätherglanz und reines Licht, und erst wenn Irrthum und dunkle Nacht hineintreten, wird das bunte Farbenspiel des Lebens möglich. Wie das Licht sich trübt in dem dunklen Stoffe, und der dunkle Stoff sich verklärt im Licht, so wird auch der Leib und alle Materie durchleuchtet von der Seele und vom Geiste, und in allem Irrthum schimmert transparent die Wahrheit hindurch. Das Leben selbst ist der durch die ewige Wahrheit verklärte Irrthum. Wer könnte die Mächte fortwährend herausfinden und scheiden, wer sagen, Dies sei blos Vernunft und Jenes Wahnsinn. Die verkappten Incognito-Reisenden lassen sich nicht gern enthüllen. Und es lebt sich so schön im Maskengewirre des Lebens! Wir sollten nicht fragen, was Schein und Lüge, was Wesen und Wahrheit sei, wir sollten uns nicht demaskiren, bis uns der Tod entlarvt und aus dem Raupengehäuse der Schmetterling sich frei zum freien Lichte schwingt. »Am farbigen Abglanz haben wir das Leben!« Das sagte der alte Göthe, der alte Urdeutsche, ein echter Dichter, weil ein echter Mensch. Ach, wie sind wir denn wieder so zurückgekommen hinter diese Weisheit, wie haben wir denn das Leben wieder so verlernt durch unsere Philosophie? Unglückselig, wen der Fluch treibt, hinter dem Scheine das Ding-an-sich zu suchen. Es liegt nicht jenseits, es ist diesseits zu finden, vor uns, in uns, und der Schleier der Göttin weicht wol zurück vor der kecken Hand des Jünglings zu Sais, aber der Jüngling zu Sais erbleicht, die Farbenfrische der Jugend fällt wie Schminke von ihm, und erschrocken steht er vor der nackten Gestalt des Urwesens, erschrocken vor ihr und vor sich selber, denn er fühlt, er sei plötzlich zum Greise verwandelt. Ach! es ist so wonnevoll schön, sich im Zwielicht des Lebens die stille Scheu vor dem unenträthselten Geheimniß zu bewahren; es lebt sich so harmlos sicher im halbdunklen Schooß der verschlossenen Welt! Wenn Du die Blume chemisch zersetzest, hast Du keine Blume mehr, und Dein Dasein ist blütenleer. Laß Alles ruhig in seinem Wandel, Gottes Auge wacht, sein Mund wird richten über die Lebendigen und die Todten, die Vernünftigen und die Unvernünftigen, und in einem Jeden jedes Einzelne sondern zur Rechten und Linken, was wahr und unwahr schien. Für uns ist Alles Mischung!

Also liegt in Dir selber Vernunft und Wahnsinn gemischt durcheinander? Und daß Du dies weißt oder zu wissen vorgibst, dieser Gedanke ist auch halb Dieses, halb Jenes, buntscheckig verwebt? Also hast Du denn doch ein Stück Wahnwitz in Dir und schleppst es so mit Dir im Leben weiter? Siehst Du wol, etwas mußte daran sein, daß sie Dich in den Mondstein brachten und hier gefangen halten! Aber Du denkst ja nun so hell darüber, Du weißt so klar, daß Du unklar bist und alles Lebendige in der erscheinenden Welt eine Mischung ist von Klarem und Dunklem! – Ist dies Denken nun radical vernünftig? Und bist Du eben deswegen den Menschen verdächtig erschienen, weil Du so absolut vernünftig thust? Dann wäre ja das für unmöglich Gehaltene, daß die Vernunft sich rein und baar in irgend einem Moment auspräge, in Dir selber, in Deiner eignen Seele möglich und wirklich geworden! O ungeheurer Gedanke, furchtbarer Fluch! im kleinen Gehäuse meiner dürftigen armen Seele die ganze heilige Allvernunft des Absoluten! Nein, nein, nein, nein! es ist nicht möglich, es müßte mich tödten, das Gefäß müßte zerspringen vor solchem Gehalt. Es kann nicht sein, darf nicht sein, ich kann und will die absolute Vernunft nicht repräsentiren, will kein Vernunftpapst sein unter den Menschen. Ich will leben und lieben, lustig und toll sein, scherzen und trauern, ich will untergehen im Irrthum und wieder auferstehen zum neuen Leben, ich will nur halb vernünftig sein und halb unvernünftig, ich will eine Mischung sein von beiden; ich schwör's beim Allmächtigen und bitte ihn, mich nicht für all meinen Aberwitz zu strafen mit ewiger Vernunft, mit unfehlbarer Weisheit, mit instinctmäßiger Sicherheit eines ewigen Lebens in ewig klarem, unbewölktem Frieden! –

So hatte ich zu mir selber gesagt und erbebte jetzt vor meinen Gedanken. Mich so principienmäßig, um der hellen Wahrheit zu entgehen, der baaren Tollheit in die Arme zu werfen, schien mir grauenhaft. Ich zitterte heftig, ein kalter Schwelt? stand mir auf der Stirn, es überlief mich wie ein Kanonenfieber, und ich rannte spornstreichs die Allee hinunter, als säße mir der böse Feind auf den Fersen und müßt' ich ihm entfliehen. Unten kam mir das verrückte Künstlerpaar in den Weg. Die stumme Elvira lüftete wieder den dichten Schleier. Wie eine blaue Sonne umspielte ihr wundersames Auge meine ganze Gestalt. Ich ging ins Röthliche über, wie der Magnetkiesel, der sich vom Magnete angezogen fühlt. Man spricht immer nur von einem »bösen Blick,« man sollte auch von einem »guten« reden. So ein umgekehrter mal occhio lag im Auge der wahnsinnigen Donna. Ich hätte mich wie die flatternde Taube ihr zu Füßen legen und sagen mögen: Süße Schlange, nimm mich hin, Dein Blick tödtet und macht wunderbar selig. Aber ich war in dem Augenblick keine Taube, ich war ein Sturmvogel, den der Böse jagt, und so zuckte ich nur und riß mich heftig los. Der Dämon, der mich quälte, trommelte Aufruhr in meinem Gehirn, in meinen Nerven, ich schlug mit Händen, Kopf und Füßen um mich, ich sprang querfeldein über Gräben und Hecken, über Spalier und Beet, ich stürzte wie wild und toll über den Hof, daß die Tollen auseinanderstoben, stieg auf mein Zimmer, riegelte die Thür hinter mir ab und hielt mich nun für sicher.

So manoeuvrirt sich der deutsche Jüngling durch die offenen Feldschlachten des Lebens, fährt hin und her und findet kein Heil, bis er seinen Rückzug hält ins Studirzimmer und sich hinter Buch und Dintenfaß wieder verschanzt. Hier ist mir wohl, hier bin ich sicher vor mir und der Welt, hier hab' ich nur mich und in mir den Complex meines Lebens. Hier weiß ich Bescheid, hier trotz' ich allen Teufeln. Ich sitze am Schreibtisch und kaue an der Feder, und aus der Feder fließt es, ob sanft und zahm wie Milch, ob wild und dunkel wie Blut, doch immer in der Farbe des alten Talars, immer Schwarz auf Weiß. So hat man's klar und deutlich, was die Seele zernagt und zermalmt, und strömt es von sich und macht sich seinen Frieden mit Gott, mit sich und aller Welt. So war der deutsche Mensch, so ist der deutsche Mensch, so wird er sein und bleiben, so schließt er seine Rechnung mit Himmel und Hölle, so ist ihm wohl auf dieser Erde. Und so schlief ich ein in meinem Sorgenstuhl, unbesorgt um Alles und um mich selber. Ich war übermüdet und schlummerte recht tief und sicher.

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