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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Abends.

Ich kann mein Tagebuch mit Dem, was ich schrieb, für heute nicht schließen. Wie ein Nebel wogt es mir dampfend durch die Seele; ich suche Licht, Beruhigung, Frieden, und wär's nur ein Einfall, ein Bild, das sich mir bietet, ich muß ein Wort finden, das mich zufriedenstellt. Ein Wort, ein Mann!

Den Tag über hat mich der Gedanke gequält, was ist nun Wahrheit? Ist Jeder auf sich selbst verwiesen, um die Fragen über Sein und Nichtsein zur Entscheidung zu bringen, so will ich denn an mein Herz schlagen und pochen, bis das lösende Wort wie ein Funke aus der hatten Schale springt.

Ein herrlich duftender Abend wallt von den Thälern herauf nach den Felsenspitzen des Mondsteins. Der Tag, das spielende, hüpfende Kind, klettert noch auf die Gipfel der Berge und möchte in den Himmel springen und in die rosigen Wolken, die mit der Sonne ziehen. Aber die Nacht, die dunkelbraune Amme, die zärtlich sorgsame Mutter, macht sich in der Tiefe auf und eilt dem fröhlichen Kindlein nach von Spitze zu Spitze; sie will es heimtragen in die Hütte, es soll sich nicht verirren, nicht immer spielen, auch schlafen. Siehe, da oben steht es noch lächelnd wie ein Maitag auf dem buschigen höchsten Berggipfel, aber die dunkle Hand der Mutter greift schon hinauf, der helle Punkt ist fort, nun ist Alles in süße Dämmerung gewiegt; die Welt ist das Kind in der Wiege der Nacht.

Ich sitze am Fenster und höre und sehe und fühle den Abend. Mit leisen Tritten überschleicht er das Herz, wie ein Sammethauch fährt er über meine Seele, einen sanften Schleier wirft er über mein Auge. Ach, wie ist die Welt so schön, so wonnig und wohlig. Der Herr ist gut und ewig mild, denn er ist die Güte und die Milde selbst, und die Milde ist die kräftigste Macht von allen Mächten der Welt. Alles erschöpft sich, weil es rasch lebt, der Haß, die Glut, die Donnerwetter, die Laster der menschlichen Seele, Alles ist schnell erloschen nach krampfhaftem Proceß; die Milde, die Liebe ist ewig. Die Welt ist unendlich schön; ich fühle, was Schönheit sei, denn die Schönheit ist die ewige Liebe, die Alles trägt am treuen Herzen. Was ist aber Wahrheit? – Ich kann nicht schlafen gehen, mich quält und zerlöst dieser Gedanke der Schönheit des Lebens und macht mich so weich und unglücklich; ich kann nicht ruhen, bis ich das Wort gefunden, das auf meine Frage paßt. Ich will alle Gedanken von mir abthun, die mir zuflüstern: Sei kein Thor; wenn Du weißt und fühlst, was die Liebe ist, so braucht es der Weisheit nicht! – Ich will nichts wissen mehr von der verweichelnden Tugend des Herzens, das sich still gefangen hingibt, ich will mich in schwarzen Haß, in gelben Neid, in schwefelfarbene Verzweiflung kleiden, ich will das Heil meiner Seele in die Schanze schlagen; aber ich will wissen: was Wahrheit genannt zu werden verdient.

Vergebens frage ich die tausend Geschlechter, die vor mir sich auf der schönen Erde tummelten, sich des Lebens freuten in Kampf und Sieg, in Liebe und Wonne, die ihren Gott nach Gebrauch fürchteten, ihre Väter ehrten und so die Kette des menschlichen Daseins den Nachkommenden in die Hände spielten. Wie ein Mondstrahl fuhr ihr Leben über das Angesicht der Erde, kaum daß man die Stätte noch kennt, wo sie lebten und liebten und jubelten. Die Welt ist immer noch dieselbe, im Schooße der Behäbigkeit schaukelt sich das gesellige Leben der Völker. Nicht bei Euch, Ihr Glücklichen dieser Erde, frage ich an, Euer Gebäude steht locker. Laßt einen Windstoß des Ungemachs kommen, und es stürzt; laßt die Hand des Schicksals über Eure Wangen greifen, und die Rosen der Lust fallen wie Schminke von Euch. Lebt wohl und lebt weiter: ich setze meine Hoffnung auf die Unglücklichen. Ihr, die Ihr ein geheimes Weh in Euren tiefsten Nerven fühlt, Ihr seid meine Brüder! Ihr wißt sympathetisch von dem Schmerze, der die Adern der Welt durchläuft, von dem Unfrieden jedes Dinges mit sich und seinem Dasein; Ihr wißt es, daß Alles im bloßen, schlichten Sein, auch Gott im ruhigen Sein nichts ist; daß Alles und Jedes im Werden ein Anderes erstrebt und im Werden die Wahrheit ist; Ihr könnt es fassen, was es sagen will, die Creatur seufzt nach Erlösung, das Dunkel nach dem Licht, das Gebundene nach der Freiheit, das vereinzelte, zerfallende, vergängliche Wesen, das sich Mensch nennt, nach dem Wissen der ewigen Weisheit, nach dem Athemzuge Gottes. Ihr schmerzdurchaderte Herzen fühlt es, warum Alles danach ringt, sich und sein Anderes in der Welt zu begreifen, warum selbst Gott sich danach sehnte von Uranfang, sein geheimstes Wesen zu offenbaren; Ihr kennt das Unglück des alten Faust, des alten absoluten Menschen, sein Unglück, nach dem Glücke der Weisheit zu streben. Kommt heran, Freunde, und tretet näher. So stehen wir denn hier gemeinsam an der Stätte, geliebte Brüder, wir stehen sinnend still und falten die Hände und beten: Steig herauf, verborgener, geheimnißvoller Schatz! Wir gruben nach dir mit der Schaufel des Denkens, wir gruben so emsig, daß die Leuchte des Verstandes, die wir von der Oberwelt der Menschenkinder mitnahmen, uns erloschen ist; wir waren so eifrig im Schacht, daß die Hände uns bluten: komm nun hervor ans Licht und laß dich heben! Betend und flehend steh' ich hier und frage: Was ist Wahrheit? Wahrheit ist das Sein Gottes in mir.– Gott in mir? – Also doch Gott und Creatur nicht Eins? – Gut, so ist noch kein Wahnwitz darin, noch nicht!

»Sag' zwischen mir und Gott den Unterscheid!
Er ist mit Einem Wort nichts als die Anderheit.
Der Mensch hat eher nicht vollkommne Seligkeit,
Bis daß die Einheit hat verschluckt die Anderheit.«

So sagt der cherubinische Wächter. – Das wäre nun also Wahrheit! das Sein Gottes in mir. – Aber blos in mir? – Meine Wahrheit wäre das, aber Wahrheit, absolute Wahrheit! Gott ist überall, Wahrheit ist also sein Sein in mir, in Dir, in uns, in Allem. Ja, das ist die stille verhüllte Wahrheit, die im All der Welt schläft, und träumt, und in allen Räumen zittert, die überall war und ist vom Aufgang bis zum Niedergang, soweit die Hand des Herrn die Welten und Himmel wie ein Tuch entfaltete. Aber es ist nicht die erkannte Wahrheit, und das Subject, dieser Egoist, will eine Wahrheit für sich.

Was ist Wahrheit? frage ich noch immer, denn das Sein und Weben Gottes im All ist die schlummernde Wahrheit; ich will bewußte Wahrheit für mich.

Da trittst du, gläubige Christenseele, vor mich hin und sagst: Christus ist die Wahrheit. – Ach, wie schön, wie schön! Ja, in ihm ist der gesammte Complex aller Weisheit der Jahrhunderte; es reicht kein Gedanke weiter als er ihn trug und offenbarte. Seine Rede versetzte Berge, sein Wort weckte Todte auf, der Schweiß seiner Hand war ein Universalbalsam für alle Wunden des Leibes und der Seele. Er ward geboren rein vom reinen Fleisch, von einer Jungfrau Maria, hat gelitten unter Pontio Pilato, – – ach! die Mythe weiß ich wol, doch was soll sie mir?

»Ist Christus tausendmal in Bethlehem geboren –
Und nicht in dir, so bleibst du ewig doch verloren!«

Was hilft es mir, die Geschichte seines wundersamen Lebens zu hören, ich glaub's, ich glaub's,– aber was ist mir damit geschehen? Der Glaube ist eine passive Frömmigkeit, er ist ein gutmüthiges Zugeständniß Dessen, was einmal geschah; der Glaube läßt Alles in seiner Richtigkeit bestehen und kömmt der Sache doch nicht auf die Spur. Ich will mehr als glauben, ich will mich in das Geheimniß versenken, das Gegenwärtige vom Vergangenen wissen, will dabeisein, wenn sie ihn kreuzigen, will die Wundenmale an mir selbst prüfen und zusehen, ob Der, der gemartert und geschlagen wird, ein Sohn Gottes ist oder nicht. Ich bedarf mehr als des Fürwahrhaltens der Historie, und ich fühl's auch schon, ich bin mit dabei, das Leben ist immer noch das alte, immer noch kommen die Pharisäer und Saduzäer, Priester und Schriftgelehrten, ich werde mitgekreuzigt, mitbegraben und darf und kann, weil mich der Herr über die Abgründe des Daseins trägt, am dritten Tage wieder auferstehen von den Todten und sitzen in der Herrlichkeit und in der Liebe meines Gottes. Es ist die Liebe, die Alles kann und Jedes, die Pforten der Hölle entriegeln, das Siegel vom Buche des Lebens lösen und seine Geheimschrift entziffern. Die Wahrheit, die in Christo ist, ist die Wahrheit in jeder Menschenseele; er ist der Prototyp der Selbsterlösung, er ist der absolute Mensch und darum der Sohn Gottes. Was einmal sich als wahr ergeben, bleibt wahr für jede Spanne der Zeit, für jeden Moment des Lebens; das einmal gelöste Räthsel der Versöhnung zwischen Gott und Creatur löst sich alltäglich neu und ist doch das alte, ganz so wie es war. Die Mythe der Erlösung ist nicht geschlossen, sie ist nur Geschichte geworden. Christus wird in jeder Seele geboren, gemartert, getödtet, fährt mit ihr zur Höllen nieder und aufersteht mit ihr zur lichten Herrlichkeit des ewigen Lebens. Und wenn Du das erkennst als Wahrheit für Dich, so hilft Dir freilich der Glaube nicht. Dir hilft nur die sich selbst hingebende Liebe. Liebe ist der Seraphim, der in alle Weiten und Fernen fliegt, der sich in den Schooß des Herrn drängt und zu seinen Füßen kniet. Glaube ist nur ein Cherubim, der an der Schwelle steht und das Heiligthum bewacht und rein hält. Schon in der Ferne stehend ist der Glaube befriedigt; auch was er nicht sieht, glaubt der Glaube. Die Liebe geht dringlicher zu Werke, sie will schauen, und der Glaube begnügt sich mit Hören und Hörensagen. Die Liebe ist ein stürmender Eroberer, der Glaube steht in der Defensive. Die Liebe weiß was der Glaube nur glaubt, darum ist auch das Wissen höher als der Glaube, denn die Liebe ist das Wissen selbst, die Liebe weiß um Alles. Verhülle die Liebe und mach' sie blind, so fühlt sie um so mehr die Farben des Lebens an den zehn Augennerven der Fingerspitzen; die augenlose Liebe sieht mit allen Poren ihres Daseins und fühlt die Nähe ihres Gottes durch und durch. Wo der Glaube schon still sitzt und gesättigt ist, da zittert die Liebe noch in aller Ungeduld und ruht und rastet nicht, bis sie hinter alle Geheimnisse gekommen, die der Herr nur in tiefster Stille mit leisem Lispeln seinen Lieblingen zuflüstert. So hat mich denn die Liebe ins Innerste des absoluten Lebens hineingeführt, und ich weiß, was Wahrheit, erkannte, bewußte Wahrheit ist, sie ist das Sein meiner in Gott.

Das Sein meiner in Gott: das ist die Wahrheit. Es ist das Höchste, das Größte, was die Jahrhunderte heraufgewälzt haben aus der Mythennacht der Ahnung an das Licht der erkennenden Vernunft, – es liegt nichts mehr darüber hinaus. Das Sein meiner in Gott! Ja, ja, die Welt ist unvollständig, lückenhaft, ihr fehlt das Beste, wenn der Mensch sie nicht denkt. Sowie auch Gott nicht der völlig offenbare, nicht der volle Gott ist, wenn er in der Menschenseele sich nicht spiegelt und sie sich in ihm. Es gehört zu Gottes Wesen, daß wir ihn denken. Darum ist dies eben die Wahrheit: das Sein meiner in Gott.

Nur ruhig, stürmischer Mensch! Was treibt dir das Blut nach dem Herzen und in die Stirn? Ruhig! Sein in Gott ist noch nicht Gott sein; also noch nicht Wahnwitz. Aber ach! wie nahe gehst Du am Rande vorbei, welcher Abgrund neben der höchsten Höhe deines Gedankens! Bete, halte den Athem an, daß Du nicht gleitest, – hier ist Gefahr, höchste schwindelnde Seligkeit und dicht daneben die trostlose Tiefe einer nachtverhüllten Seele!

Siehe! so ist's mit all unserer Cultur geworden. Wir haben den Stein mit der Mühe des Sisyphus hinaufgewälzt, er steht schwankend oben auf der Spitze zwischen Sein und Nichtsein, – ein kleiner Fehlstoß, und er stürzt jählings in die wilde Tiefe, und das Menschengeschlecht fängt wieder von vorn an mit der Arbeit, sich aus der Finsterniß der Barbarei langsam hinaufzuwinden an das Licht des Bewußtseins. Ach! es ist nur eine sehr zarte Scheidelinie zwischen Weisheit und Wahnsinn, und mir laufen die Gedanken schaudervoll durcheinander, wenn ich erwäge, daß es keine Umkehr, keine Flucht von dieser Spitze des Erkennens gibt, – und auch kein Festhalten? In dem seligen Gefühl der lichten Erkenntniß, die das Menschengeschlecht errungen hat, zittert meine Seele vor der Nähe der Gefahr. Ein kleiner Anstoß, ein Fehltritt auf dem gipfeligen Rande – und gute Nacht, Licht, Weisheit, Liebe! Tief unten ist die animalische Creatur wieder gesetzgebend, wie beim Anfange des Daseins so in der wüsten Verirrung unsers innern Menschen. Je reicher Wissenschaft und Aufklärung ihre Fackeln anzünden, desto näher keucht die Schreckgestalt ihres Gegenstückes, der Wahnsinn, hinter dem Geschlechte her und tappt blöde lächelnd nach seinen Opfern. Mephistopheles steht mit auf der Lauer, er holt sich seine Gesellen auch am liebsten in der Zeitepoche einer raffinirten Geistesbildung. Unter den Kindern der Flur, in der Idylle des Schäferlebens »vermißquemt,« ennuyirt er sich; wo die Saat der Cultur am vollsten aufschießt, hat er sein liebstes Tummelfeld. Es ist ausgemacht, daß die Zahl der Irren mit den Fortschritten der Bildung bei allen Völkern steigt. Ich sage nicht: wohl Dem, der das weiß! – ich sage vielmehr: sei auf deiner Hut, liebe Seele!

Und nicht blos der Einzelne, auch Völker mögen sich in Acht nehmen, ob Samiel nicht hinter ihnen steht, in ihre Arme und Gelenke greift und sie gesticuliren läßt nach seinem tollen Gelüste! Niebuhr's umflorte Ahnungen gingen auf eine völlige Demoralisation, die die Völker Europas ergreifen wird. Wie aber, wenn ein allgemeiner Wahnsinn sich der Welt bemächtigte, und der menschliche Geist von dem Höhepunkt der Civilisation nicht in die Nacht der Barbarei, sondern in den Pfuhl der Verrücktheit versänke? Ein ganzes wahnsinniges Volk gäbe ein Schauspiel, das noch nicht da war im Laufe der Geschichte! Einige kleine verrückte Lumpereien sind wol schon oft bagatellenhaft vorgefallen; Erkleckliches, Furchtbares, Haarsträubendes geben die Dämonen nur selten zum Besten. Wenn sich ein Rudel in Hambach zusammenthat, so ist das noch nicht viel mehr als ein Haufe Menschen, die einigen Irrenanstalten entlaufen sind. Allein es gibt in der Menschengeschichte einige bedeutendere Züge. Aus den Religionsschwärmereien der Schamanen und anderer hochasiatischer Völkerstämme weht es uns mitunter wie crasser Wahnwitz an, das ist nicht zu leugnen. Und abgelebte, entnervte Zeitalter, deren Lebenssonne unterging, haben auch ihre verrückten Gelüste. In der römischen Kaiserzeit ist die Verworfenheit oft nur Wahnsinn. Bei vielen Einzelnen, bei ganzen Familien jener Zeitperiode läßt es sich deutlich nachweisen und verfolgen wie ein rother Faden, der durch die Generationen läuft. Ein Arzt sollte die Geschichte der Imperatoren schreiben. So zuckt es über dem Haupte manches Volkes momentan wie irres Wetterleuchten; aber es käme darauf an, als Folge radicaler Abspannung und Entnervung, ein ganzes Geschlecht wüst, verworren, complet wahnsinnig zu sehen!

Es müßte ein grauenhaft lustiger Anblick sein. Mephistopheles würde vor Lachen ersticken und sterben. Auch brauchte der Teufel nicht mehr in Person zu erscheinen, denn der Satan wäre allenthalben los, allerwegen personificirt. Jeder Lump von der Gasse wäre Souverain, die Könige knieten im Kothe vor ihm und küßten den Saum seiner Fetzen. Die Menschen trügen Fracks ohne Beinkleider, alles wäre sansculott, und wo man außerdem noch eine ungeahnte Blöße sähe, müßte Jedermann auf der Straße stille stehen, an seine Brust schlagen und ein Mutterunser beten zur Göttin Natur. Die Natur wäre die oberste Gottheit, der man Alles opferte, la réhabilitation de la chair wäre das erste Religions- und Staatsgrundgesetz, einen Gott brauchte man weiter nicht, desto mehr Göttinnen. Jede Metze wäre eine Ceres mit dem Fruchtbecken. Gemeinschaft der Weiber wäre so natürlich wie Gemeinschaftlichkeit und Allgemeinheit der Göttinnen. Das ganze Leben wäre ein Ragout von Sodom und Gomorrah. Die einzelnen Vernünftigen, die sich noch in seltenen Exemplaren fänden, würden sich in den Irrenanstalten verpflegen lassen; die Tollhäuser wären die Klostermauern und stillen Zufluchtstätten der Vernunft und der Tugend. Hier würden sich die Trümmer der alten untergegangenen Cultur beisammen finden; es würden die Vernunft-Oasen sein in der Wüste des Wahnsinns, die sich über die Welt erstreckte. In diesen Pflanzcolonien der als pedantisch verhöhnten Tugend des Geschlechts würde man die Rudera der frühern Zustände, Sitte, Zucht, holde Scham, treue Freundschaft, innige Seelenliebe, stilles Eheleben, als antiquarische Seltenheiten antreffen; hier würde man allein noch wissen, wer Vater und Mutter, Schwester und Geliebte, Freundin und Eheweib ist; hier sähe man noch ein Crucifix, ein Bildniß der büßenden Magdalene; hier würde man noch von der alten verklungenen Sage reden hören, daß es etwas Höheres gebe als einen fieberhaften Rausch der zitternden Nerven, und die Geschichts- und Alterthumsforscher, falls sich deren noch fänden in der Republik des Wahnsinns, müßten nach den Tollhäusern pilgern, um alte Trachten altväterischer Tugenden und die Religionen verschwundener Zeiten zu studiren. Vivant die Irrenanstalten als Asyle der Wahrheit! Einer sitzt schon darin, der vernünftig ist und für eine wahnsinnige Zukunft Weisheit predigt.

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