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Eine Mondgeschichte

Oskar Panizza: Eine Mondgeschichte - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEine Mondgeschichte
authorOskar Panizza
year1995
publisherMerlin Verlag
addressGifkendorf
isbn3-926112-49-2
titleEine Mondgeschichte
pages3-100
created20010720
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sollte der Leser nach dem Vorausgegangenen der Meinung sein, es gäbe noch viel Interessantes oder Schönes auf dem Mond zu erleben, so will ich ihn gleich hier von dieser Erwartung abbringen. Ja, die Geschichte da droben endet mit einer Katastrofe, und es wird Sache des Lesers sein, nachdem er Näheres darüber erfahren, sich sein Urteil zu bilden. Aber, was den Verlauf dieser letzten Woche anlangt, so war sie wohl die traurigste und erbärmlichste meines Mondaufenthalts: Nichts, oder soviel wie Nichts zu essen; denn die Mondfrau hatte die letzten Käse, aus Furcht, der Mondmann könne sie erwischen und den Kleinen heimlich davon austeilen, versteckt. Zur Zeit als ich dies inne wurde, hatte ich selbst nur noch einen viertel Käs, war somit selbst auf Hunger-Portionen angewiesen. Viele der Kinder blieben jetzt in den Betten, wie mir schien, mit Rücksicht auf die kärgliche Nahrung, um die tierische Wärme besser zu konservieren, und von der Mondfrau dazu angehalten. Das einzig Auffallende in dieser Woche war das Benehmen der Mondfrau selbst; und zwar ihrem Gatten gegenüber. Das war auf einmal ein Betugtsein und ein Bescheidentun und ein Entgegenkommen und Sich-Besorgt-Stellen, welches in mir die gerechteste Befürchtung erweckte, es möchte was Großes bevorstehn, wobei der Mondmann wieder mithelfen müsse. Und wenn wir, was leicht vorauszusehen war, an die höchst notwendige Verproviantierung mit Käsen dachten und an die Ereignisse, die zweifellos auch diesmal mit dem Reisen des Vollmonds eintreten würden, so war Grund genug auf Seite der Mondfrau, den Hausherrn bei guter Laune zu erhalten. – »Wie hast Du geschlafen, Papa?« – »Papa, willst Du nicht was essen?« – »Willst Du noch ein Kopfkissen, Papa?« – Mit solchen oder ähnlichen Fragen suchte sie ihn zu kirren, während er über solch plumpe Manöver nicht nur weit erhaben war, sondern ihr nicht einmal Gelegenheit gab, zu merken, daß er sie durchschaue. Einmal verbrannte sie sich aber doch bei solcher Gelegenheit bös die Finger. Der Mondmann saß eines Nachmittags mit aufgestützten Ellbogen am Tischende, schweigend vor sich hinblickend und, wie gewöhnlich, eifrig mit seinen Gedanken beschäftigt. – »Über was denkst Du nach, Papa?« frug die Alte. – »Ich hab' da eine neue Idee.« – »Was ist denn das?« – »Ich glaub, daß die runden gelben Käse, die die Holländer bauen, das Ähnlichkeits-Produkt unseres großen, gelben Mondhauses sind, wenn es, auf der Rückseite beleuchtet, hinunter scheint. Der Mond zieht sie gleichsam aus der Erde heraus.« – »Himmel, welcher Blödsinn!« sagte die Alte kopfschüttelnd, »Papa, Du wirst noch verrückt!« – »Mondfrau!« schrie der Hausherr, kittgelb vor Zorn, und in seiner ganzen Länge in dem gelb-damastenen Schlafrock sich aufrichtend, – »Mondfrau!« – so redete er sie immer an, wenn er zornig war; sonst sagte er: Mama! – »eine Theorie, auch wenn sie der Wirklichkeit nicht entspricht, hat an sich schon originäre Kraft; was in meinem gelben Kopf arbeitet, merk' Dir, ist nie Unsinn!« – Die Mondfrau fühlte wohl, daß sie diesmal an den Nerv dieses unglücklichen Mannes gerührt, und schwieg. Aber auch von seiner Seite wurde dieser Theorie, wenigstens die fünf Wochen, die ich noch oben war, nicht mehr gedacht.

Der Leser wird vielleicht von der folgenden Bemerkung ebenso erstaunt sein, wie die Mondfrau über die soeben ausgesprochene Idee des Mondmanns; allein es ist meine Pflicht, alles das dem Leser mitzuteilen, was ich hier heroben Bemerkenswertes oder Auffallendes entdecke. Und es gibt Entdeckungen minutiöser und feiner Art, die man nicht alle einzeln aufzählen kann, die sich aber summieren, und schließlich im Kopfe des Beschauers zu einer Ansicht ganz bestimmter Art verdichten. Und diese Ansicht gewinnt zwingende, überzeugende Kraft. Mit einem Wort: Ich glaube, daß die Mondfrau kein dem ursprünglichen Mondgeschlecht entstammendes Frauenzimmer war, sondern daß sie zu irgend einem Zeitpunkt von drunten von der Erde, heraufkam. Wann? und wie? das weiß ich nicht. Aber diese Meinung drängte sich mir mit Entschiedenheit auf. Die Art, wie sie die Betten machte, war ganz die Art, wie es am Niederrhein geschieht. Dieses Einschlagen der Plümeaus, wodurch es schmäler und höher wird, die Placierung des zweiten Kopfkissens in die Mitte des Bettes, damit, wenn die Convert-Decke darauf kommt, es eine schöne, gleichmäßige Fläche bildet, die Art des Drauf-Patschens, die Behandlung des Leintuchs, kurz, eine Menge solcher Kleinigkeiten wiesen auf eine ganz bestimmte Zone von Volksbräuchen zwischen Maas und Niederrhein hin. Es ist klar, daß der Charakter der Bettstücke hier gar keine Beweiskraft hatte für die Herkunft der Mondfrau. Denn der Alte schleppte eben an Bettzeug zusammen, was und wo er es kriegen konnte. Aber die Art, wie sie, die Mondfrau, dieses Kunterbunt von gestohlenem Bettzeug behandelte, glättete, bauschte, streckte und patschte, war eine ihr eigentümliche, anerzogene und zuletzt in Fleisch und Blut übergegangene Manier. Und woher sollte sie sie denn haben? Ohne auf das dumme Religions-Gewäsch einzugehen, welches die Mondfrau vor vierzehn Tagen ihren Kindern vortrug, – es war eben ein eigens zu dem Zweck der Kinderbelehrung, wie mir schien, vom Mondmann zusammengestoppeltes System, welches die Mondfrau falsch verstanden oder falsch vorgetragen hatte, – darf man doch, rein nach der Beobachtung, fragen, wo die Leute herkamen! – »Nun, wo kam denn der Mondmann her?« – Das weiß ich nicht! – »Nun, wo kam die Mondfrau her?« – Aus der Gegend zwischen Krefeld und Xanten! – Dieses Jucken mit der Haarnadel, wenn es sie am Kopfe kratzte, diese Art den Scheitel zu machen, wie sie das Halstuch legte, wie sie sich mit den Fingern schneuzte, und, – das Wichtigste zuletzt, – das eigentümliche Platt, welches sie in ihren Dialekt mischte, wiesen geographisch und ethnologisch auf einen bestimmten Bezirk in der Nähe der holländisch-deutschen Grenze hin; und da die Mondfrau seit absehbarer Zeit durch ihre Korpulenz nicht in der Lage war, weder den Mond zu verlassen, noch zu ihm heraufzusteigen, so blieb keine andere Annahme übrig, als daß sie als junges Mädchen, vermutlich auf Veranlassung des Mondmannes, die Erde verließ und heraufkam. Wie? – ob durch Gewalt, mit Überredung, aus Neugier, – das läßt sich nicht sagen. – Möge der Leser nicht mir es in die Schuhe schieben, wenn es nicht gelingt, alle die Schwierigkeiten, die sich bei Beurteilung dieser absonderlichen Verhältnisse ergeben, zu beseitigen. Soll ich wissen, woher der Mondmann kommt?! – Soll ich die Genealogie des ursprünglichen Mond-Geschlechts angeben, von dem ich nur so viel sagte, daß ich die Mondfrau davon ausgeschlossen wissen möchte. – Soll ich die ganze Mond-Komödie da droben lösen? Und auf alle die Fragen Antwort geben, die ein Astronom, Physiker, Aeronaut, Anthropologe oder sonst wer an mich richten könnte?! Während ich knapp so viel Medizin auf meinen bisher durchwanderten Hochschulen aufgeschnappt habe, um eine hörbare Meinung darüber abzugeben, wieso die Leute da droben ohne Wasser auskamen! – Was sich übrigens über den Mondmann sagen läßt, ist Folgendes: Auch er sprach Dialekt; aber, man hörte, mehr wie etwas Fremdartiges, und aus Notwendigkeit, um sich mit seiner Frau zu verständigen, wiewohl durch lange Übung sehr geschult; das Rein-Holländische gelang ihm noch etwas besser. In seinen Äußerungen, in seinem Benehmen, in seinen Handlungen verriet er keinen Typus, keine Nation, keine Arbeiter-Klasse. Was er tat, seine Verrichtungen für das Mondhaus, seine Leistungen für die Familie, tat und verrichtete er gezwungen, mißmutig, und schien dieselben nur als Nebenbeschäftigung in seinem Leben zu betrachten. Was die Hauptsache war, wußte man nicht. Sein Mißmut schien übrigens nicht, oder nicht vorwiegend, aus der Schwere seiner irdischen Arbeit zu entspringen. Vielmehr sprach Alles dafür, daß es innere und tiefere Konflikte waren, die ihn niederdrückten. Er war nicht schweigsam, weil er müde war, sondern er war verschlossen, weil er seine Gedanken niemandem mitteilen wollte. Sein Geisteszustand war überhaupt höchst verdächtig. –

Nun drängten aber die Ereignisse der letzten Woche unaufhaltsam vorwärts, und auf ein leicht vorauszusehendes Ende hin. Die Außenseite des Mondhauses hatte inzwischen einen geradezu bedrohlichen Charakter angenommen. Mitten in der Nacht entdeckte ich einmal eine plötzlich auftretende Helle durch das Fenster, sehr verschieden von dem ruhigen, strahlenden Lichte des »großen Käses«, der noch einige Male in der Nacht hoch über unseren Häuptern hinwegzog. Ich öffnete einmal das Fenster und sah nach, und fand, daß auch die ganze nördliche Dachseite in ihrem Teer-Überzug von der Glut ergriffen war, während von der Südseite her eine hell-leuchtende, glostende Fläche mit ihrem Funken-Meer herüberzitterte. Wir mochten jetzt am Ende der vierten Woche sein; – das Zählen der Tage mittelst Strohhalmen hatte ich in der Dunkelheit aufgeben müssen. Eine ziemlich hohe Temperatur bildete sich im Zimmer. Das Fenster blieb bald Tag und Nacht offen. Gesprochen wurde jetzt fast gar nichts mehr. Mondmann und Mondfrau gingen schweigend aneinander vorüber, aber offenbar mit Vorbereitungen beschäftigt, deren Einzelheiten ich von unter dem Bett aus nicht verfolgen konnte; die Kinder blieben ganz im Bett. Zu essen hatte es während der letzten drei Tage nichts mehr gegeben. – Es war am vorletzten Tag gegen Mittag, als einige Funken durchs Fenster hereingeweht wurden, und das Bettzeug des zunächst liegenden Kindes etwas in Brand setzte. Das Mädchen stürzte sofort aus dem Bett, und zu ihrem Papa hin, und rief: »Papa, der Mond brennt!« – Und im gleichen Augenblick stürzten sich alle übrigen neunundzwanzig Kinder im Hemd aus dem Bett, liefen an den Tisch zu ihrem Papa, und riefen: »Papa, der Mond brennt!« – Es war aber garnicht so gefährlich. Die Mondfrau hatte mit einem einzigen Klaps den kleinen Brand gelöscht. Es war das einzigemal, daß ich in diesem Augenblick den Mondmann ein heiteres Gesicht machen sah; das passierte also augenscheinlich am Schluß jedes Monats. Denn wer wollte noch zweifeln, daß, nachdem die Käs-Vorräte aufgezehrt waren, und der Mond schon halb in Flammen stand, wir zeitlich in die Nähe jener Epoche gekommen waren, deren Anfang ich damals auf dem Felde bei D'decke Bosh, als ich plötzlich auf dem Mond sich etwas bewegen sah, beobachten konnte. Es ist mir nicht mehr alles erinnerlich, was sich jetzt in dem knappen Zeitraum von vielleicht sechs Stunden zusammendrängte. Ich weiß nur, daß die Mondfrau unten im Keller augenscheinlich an der Maschine beschäftigt war, daß die Kinder wie besessen herumliefen und fürchterlich schrien, sodaß sie sogar das laute Prasseln des jetzt lichterloh brennenden Monddaches übertäubten, was mir nur ein neuer Beweis ihrer niederen geistigen Anlage war, nachdem sie doch diese Szene schon öfters erlebt haben mußten, – und daß der Mondmann plötzlich mit einer langen eisernen Schürstange bewaffnet, und in einem ganz eng anliegenden, gelben, lederartigen Kostüm, aus der Kellertür hervorkam. Dieses gelbe, mir wohlbekannte Kostüm brachte mir wieder die ganze Szene auf dem Feld zwischen Leyden und D'decke Bosh an jenem Samstag in Erinnerung. Ich wußte jetzt gewiß, daß hinabgestiegen wird. Ich wußte, daß ein Teil dieses brennenden Stoffs mithinunter geht. Und für mich gab es jetzt nur den einen Befehl: Um jeden Preis mit hinuntersteigen! – Dies schien mir durchaus nicht schwer. In dem allgemeinen Wirrwarr, der jetzt entstand, – herinnen komplette Dunkelheit, draußen glühende Feuer-Garben, dazwischen Reflex-Lichter, Schlag-Schatten und Blendungen, Jedes mit sich selbst beschäftigt, – die Mondfrau vermutlich unten im Keller vollständig unabkömmlich, – die Kinder unzurechnungsfähig, – der Mondmann ganz Auge und Aufmerksamkeit für eine glückliche Abreise mit seinem Feuer-Ballast, – unter solchen Umständen war es doch ein Leichtes unter einem Bett, welches dicht neben dem Ausgang stand, hervorzukriechen und eine Leiter zu besteigen, deren Einzelheiten mir nur zu gut im Gedächtnis waren. Ich machte mich also parat, das heißt, ich that das Einzige, was ich in diesem Fall tun konnte: ich zog meine Stiefel an, und beobachtete mit gespannter Aufmerksamkeit alles, was sich jetzt in Szene setzte. Der Mondmann war mit seinem Schürhaken zum Fenster hinausgestiegen und löste dort durch scheuernde und schabende Bewegungen die Teer-Papp-Rinden von der Mondoberfläche ab; dabei drängte er die obere Hälfte des Überzuges nach oben, gegen den Pol hin, die untere nach abwärts; wobei er also die Kruste, die den Mond umschloß, in ihrer Mitte, in einer Äquator-Linie durchschnitt. Diese absonderliche Arbeit, die ich mehr ahnte als beobachtete, setzte er kurz darauf dicht in meiner Nähe, vor der Ausgangstür fort, um sie schließlich unten von der Keller-Luke aus zu vollenden. Wie ein gelber Schlotfeger arbeitete und hantierte der erhitzte Mensch, dem seine außerordentliche Länge, wie ich glaube, bei dieser Gelegenheit sehr zu statten kam. – Ein seit einer halben Stunde schon währendes Schnurren und Rollen machte mich in meiner nächsten Nähe aufmerksam; ich erkannte bald, um was es sich handle: dicht unter dem Fußboden bei der Ausgangstür lief die Strickleiter durch und hinunter in's Freie. Der Mondmann, – überlegte ich, – mußte also bei vollständig hinabgelassener Leiter hinuntersteigen, und die ganze Tret-Arbeit sowohl hinauf wie hinunter durchkosten, statt ihn mitsamt der Leiter hinunterzuseilen. Freilich hätte dann ein einziger Fehlgriff von Seite der die Maschine überwachenden Mondfrau die Leiter in's Rollen gebracht, und dann den unglücklichen Steiger auf dem »großen Käs« zerschmettert.

Ich bedauere, daß ich dem Leser hier nicht etwas mehr Feuerwerk vorführen kann, was vielleicht nach seinem Geschmack wäre. Aber ich muß mich streng an meine Wahrnehmungen halten. Und ich sah leider kein Feuerwerk, weil ich unter meinem Bett oder wenigstens in der Mondstube zurückblieb. Ja, liebe Leser, es ist dies eine traurige Episode, die ich hier vorführen muß; traurig, nicht allein hinsichtlich der Knappheit meiner Geschichte, sondern auch in Bezug auf die Vorgänge an der Leydener Universität, und deren Konsequenzen. Denn wie ich später erfuhr, war es nach vierwöchiger Abwesenheit meiner Person, und zu Beginn des Neumond, daß man im Senat der medizinischen Fakultät zu Leyden Recherchen anzuheben begann, deren für mich folgenschweres Resultat der Leser am Schlusse dieser Erzählung vermutlich erfahren wird. – Durch mein Verbleiben unter dem Bett war es mir also nicht möglich, das Abheben der glühenden Mondhauben, ich meine der beiden Hohldächer, des oberen und des unteren, vielleicht die interessanteste, individuelle Leistung des Mondmannes, zu beobachten, sondern auch das Befestigen dieser, wie mir schien, mit einer centrifugalen Tendenz nach oben behafteten, und jedenfalls rasch in sich selbst zusammensinkenden glühenden Massen an einer eisernen Kette, deren Glieder ich wiederholt draußen an der Eingangstür anschlagen hörte, entging mir vollständig, und nur die Maßnahmen von Seiten der Mondfrau im Innern der Stube gegen eine etwaige Feuersgefahr für das jetzt blanke hölzerne Monddach können mich und den Leser in Etwas dafür entschädigen, was wir draußen bei rechtzeitiger Besteigung der Leiter hätten beobachten können: nämlich das Hinabschleppen des Vollmonds. – Die Ereignisse im Innern der Mondstube spielten sich aber folgendermaßen ab. Als der Mondmann mit seinem Schürhaken durch die aufregend hin- und herrasenden und Feurioh! schreienden Kinder hindurch sich zur Ausgangsthür begeben hatte, war ich der Meinung, er komme jedenfalls zu einem förmlichen Abschiednehmen retour, und vollende nur draußen, wo, wie der Leser sich erinnern wird, ein förmliches Trittbrett oder Landungs-Vorsprung war, die Abhebungs-Arbeiten. Statt dessen kam auf einmal die Mondfrau schweißtriefend von ihrer Ab-Winde-Arbeit aus der Klapptür herauf, und sie und die Kinder versammelten sich an der Ausgangstür, die nun geöffnet wurde. Jetzt ahnte mir der Stand der Dinge; ich kroch schleunigst hervor und wollte mich zur Leiter begeben. Aber durch diesen kompakten Wall von Kindern mich durcharbeiten, oder jetzt in diesem Moment, und an dieser gefährlichen Stelle, wo durch den kleinsten Ruck ein halb Dutzend Kinder »in die Ewigkeit« stürzen konnten, einen Skandal und eine Entdeckung provozieren, war doch ein wahnsinniger Gedanke. Die Kinder winkten mit der Hand ihrem Papa Adieu! zu und setzten ihr blödsinnigstes Lächeln auf, wie ich von der Seite sehen konnte, und die Mondfrau sagte zu dem schon drunten stehenden, für mich nicht mehr sichtbaren Mondmann: »Vater, zwei Potschamber!« – und als er nicht hörte, schrie sie noch einmal: »Vater! – Zwei Potschamber!« worauf es »Ja, ja« von unten 'rauf schallte; der Himmel war voll Lohe und Funken, ohne daß ich einen glühenden Körper selbst sehen konnte. – So vollzog sich die Abreise des Mondmanns. Und ich mußte knirschend und ohnmächtig in meiner Wut wie ein Hund wieder unter mein Bett hinunterkriechen, wo ich einem epileptischen Anfall näher war als allem anderen, wo aber ein Strom von Tränen mich glücklicherweise von dem stärksten Druck, der auf meiner Seele lastete, befreite. Was jetzt um mich vorging, hatte nicht das geringste Interesse für mich, und konnte mich schon deshalb nicht aus meiner Lethargie aufmuntern, weil wir wieder in fast vollständige Dunkelheit gehüllt waren. Aber um meiner Pflicht als getreuer Erzähler zu genügen, und da ich kein Recht habe, die mehr oder weniger feine Nase des Lesers vielleicht gegen dessen Willen zu schonen, will ich hier mitteilen, was ich von unter meinem Bett aus sah. Sobald die Außentür wieder geschlossen war, und Mutter und Kinder stillschweigend in das Innere der Stube sich zurückgezogen hatten, wurde der lange Tisch von den ältesten Mädchen ans Fenster gerückt, die Mondfrau stieg mit Hilfe derselben hinauf, und während nun die jüngeren Kinder einen Nachtopf nach dem andern, gefüllt mit Pipi, aus dem Mondkeller heraufschleppten, ihn den älteren gaben, die ihn der Mutter hinaufreichten, schüttete diese, halb am Fenster-Gesimse stehend, den Inhalt mit einem kräftigen Ruck über das Monddach, von wo er in langen Strähnen und unter zischender Berührung mit zurückgebliebenen Brandmassen herabrieselte. – Wo diese Pipi-Massen im Keller aufgespeichert waren, weiß ich nicht; ob diese Vorsichtsmaßregel einer Anordnung des Mondmann entsprach, kann ich auch nicht sagen. Aber es stank fürchterlich, und als die Mondfrau herabstieg, lachte sie, und patschte ihren Mädchen auf die Backen.

Ich möchte hier dem Leser einen Vorschlag machen; die Ereignisse der letzten paar Stunden sind vielleicht zu rasch aufeinander gefolgt, und er hat das Bedürfnis auszuschnaufen. Dem Verfasser geht es ebenso. Der Mondmann ist fort, und wird einige Zeit fortbleiben. Bevor er zurückkommt, ist es zwecklos den Faden der Erzählung wieder aufzunehmen; denn wie die Mondfrau mit ihren dreißig Kindern und dem Verfasser da droben in der Dunkelheit hungert, kann unmöglich besonderes Interesse erregen. Ich möchte also dem Leser den Vorschlag machen, die hier durch den Gang der Ereignisse notwendig eingetretene Pause in passender Weise auszufüllen. Ich möchte ihn bitten, dies durch ein kritisches Intermezzo geschehen zu lassen, welches sich darüber verbreitet, ob es möglich wäre, alles, was wir bisher erlebten, von der Begegnung auf dem Felde bei D'decke Bosh an bis zum Abhub der brennenden Monddächer vor wenigen Stunden, was alles mit den Gesetzen der Erfahrung und der Wissenschaft im Widerspruch steht, auf einer natürlichen Basis aufzubauen. Der Leser weiß, mit welcher Ängstlichkeit ich bisher auf seine Bedürfnisse und die des gesunden Menschen-Verstandes Rücksicht genommen habe, wie ich an Adjektivis nichts gespart habe, um für jeden einzelnen Fall in Ton, Farbe, Größe, Geräusch, Schnelligkeit u.s.w. stets einen analogen Eindruck dessen beim Leser hervorzurufen, was ich selber empfand. – Gibt es denn kein Mittel, um aus dem Dilemma, daß die »Mondgeschichte« entweder ein Wunder, oder der Verfasser ein Lügner sei, herauszukommen? – Ich bitte den Leser um seine gespannteste Aufmerksamkeit: Es ist bekannt, wie herumreisende Zigeuner, welche durch kleine Vorstellungen im Saltibankieren oder durch Wahrsagekunst ihr Leben fristen, bei der Wahl ihrer nächtlichen Lagerplätze stets die Neigung haben, möglichst entfernt, oder wenigstens in sicherer Entfernung von menschlichen Niederlassungen Halt zu machen. – Warum? – Vielleicht aus einer bei diesen verwahrlosten Stämmen eigentümlichen Delikatesse, nicht mit Menschen in Berührung zu kommen, die sie, trotz deren höherer, Kultur, innerlich verachten. Aber wohl mehr noch aus Vorsicht vor Diebstahl, Überfall, Brandlegung, Männer-Neugier u.s.w. Aus Mitteilungen über die Sitten in der Tropen-Welt, aus den Schilderungen von Robinson Crusoe wissen wir, daß Reisende, die in unbewohnter Gegend von der Nacht überrascht werden, auf Bäume steigen, um dort vor Tieren wie Menschen sicher zu sein; freilich sind sie es nicht vor Schlangen, giftigen Spinnen u. dergl. – Auch vierfüßige Tiere geben sich auf hohen Bäumen der Ruhe und dem Schlaf hin, um wenigstens vor jenen ihrer Feinde geschützt zu sein, die keine so gewandten Kletterer wie sie selbst sind. Der Zug in die Höhe, wenn es sich um Sicherheit handelt, ist also ein Mensch wie Tier innewohnender Instinkt, welcher sich durch die Erfahrung als berechtigt herausgestellt hat. – Weshalb setzen wir ein Taubenhaus auf eine himmelhohe Stange? – Um die jeder Verteidigung fast unfähigen Insassen vor dem Marder zu schützen. Er kommt aber doch hinein. – Was wäre denn das Ideal eines Taubenhauses? – Wenn die Stange in Wegfall käme! – Ja, dann fiel aber das Taubenhaus hinunter! – Gut, aber das Ideal eines Taubenhauses wäre doch, eines ohne Stange. – Ja, dann müßte es aber schwebend erhalten werden! – Gut, aber das Ideal eines Taubenhauses wäre doch – ein Kasten, der schwebend erhalten wird, und in dem Tauben wohnen. – Nun denke man sich einen höchst verschlagenen, rührigen, überall gleich seinen Vorteil erspähenden Zigeuner, der vielleicht durch Kränklichkeit zu fortwährender Gedanken-Arbeit verurteilt ist, mit den abgekauten Nägeln am Mund fortwährend lauert und simuliert, daneben mit jenem genialen Naturblick begabt ist, wie ihn im Freien lebende Volksstämme aufweisen, der auf seinen vielfachen Hin- und Herzügen oft bestohlen worden ist, selbst aber fleißig stiehlt, dessen blaue Holzwägen oft angezündet wurden, der aber selbst schon fleißig Bauernscheunen angesteckt, um das davonfliehende Federvieh sich anzueignen, der also durch diese Beschäftigung und Unbilden die meiste Erfahrung besitzt, wie man sich gegen Brand und Diebstahl am besten schützt, – sollte der, auf diese Weise mit großer Überlegung und Erfindungsgabe ausgerüstet, nicht auf die Idee kommen, sich ein einfaches, leicht konstruiertes, aber wohnliches und gegen Wind und Regen schützbares, vor Diebstahl und Brandlegung sicher gestelltes Wohnhaus in gemessener Entfernung vom Erdboden zu bauen, das er verlassen kann, wann er will, in das aber kein Fremder hineinsteigen kann, wenn er, der Mondmann, – ich wollte sagen, der Zigeuner, – nicht will? Dasselbe müßte mindestens soweit entfernt sein, daß, sagen wir, ein Büchsenschuß es nicht erreichen kann; damit fällt natürlich die Stange, die es tragen könnte, die Unterlage, von selbst weg; wenn möglich, sollte es aber auch mit dem bloßen Aug' nicht gesehen werden können; damit die betreffende Gegend nicht aufmerksam würde und all ihr Hab und Gut versteckt. Auf der anderen Seite aber dürfte es auch nicht zu entfernt vom Erdboden sein, um die Steige-Arbeit und die Verproviantierung nicht zu mühevoll zu machen. – Was aber die Verproviantierung anlangt, was wäre wohl diejenige Nahrung, die der Zigeuner sich aussuchen würde, und die die eine Bedingung erfüllen müßte, daß sie konsistent und eine Ergänzung des Vorrats so selten wie möglich nötig machte? – Gestohlene Hühner? – Gewiß nicht! Denn abgesehen davon, daß sie tot, also geschlachtet, sich nur wenige Tage hielten, – lebend aber leicht wegfliegen könnten, – dürfte doch so hoch oben nicht gebraten werden und zwar wegen der Feuersgefahr; die ganze Bude könnte ihm ja eines Tages wegbrennen, und der arme Kerl, der seine Steige-Vorrichtung nicht schnell genug losbringt, stürzte zerschmettert auf die Erde. – Kondensierte Kindermilch? – Noch weniger! – Denn zu deren Zubereitung gehörte ja Wasser, und Wasser dahinauf zu schleppen würde der überlegende Zigeuner wohl bleiben lassen. – Aber was meint der verehrte Leser zu: Käse? – Käse wäre wohl ein intensives, zusammengedrängtes, eine Neu-Verproviantierung selten nötig machendes Nahrungsmittel, welches dem Mais der Italiener und dem Reis der Chinesen keck die Waage halten könnte. – Selbstredend: Gestohlene Käse. – Ich will den Leser nicht durch weitere überflüssige Fragen ermüden, oder ihm Gelegenheit zu unüberlegten Antworten geben, – aber, wenn die Bedachung dieser in Holz ausgeführten Wohnung in Frage käme, mit der Forderung, daß es ein möglichst leichtes Material sein müsste, – nicht wahr, Teerpappe wäre der geeignete Stoff? Und die Bedachung müßte ganz herum gehen, weil bei der außergewöhnlichen Höhe Wolken und Niederschläge und Entladungen auch unterhalb der hölzernen Wohnung vor sich gehen könnten? Und nicht wahr, bei lang andauerndem Auffallen der Sonnenstrahlen könnte die Bedachung in Brand geraten, und müßte dann schleunigst durch eine neue ersetzt werden? – Welche Gestalt aber würde das Haus annehmen? – Gothisch oder Byzantinisch? – Zunächst doch wohl rund, um dem Wind so wenig wie möglich Gelegenheit zu geben, sich zu fangen, und das Haus herumzudrehen. – So eingerichtet aber und im Innern mit einigen Bequemlichkeiten versehen, wäre es dann nicht eine vollkommen sichere Zufluchtsstätte für einen geschickten Dieb, – unerreichbar für alle Nachstellungen, Polizisten, Bauern, Grenz-Plackereien, Rekruten-Aushebungen, Steuer-Einnehmer, Feuer-Beschau, Kriegs-Tumult, Überschwemmung? – Der Zigeuner, wenn er Hunger hätte, stiege über irgend ein friedliches holländisches oder deutsches Dorf hinunter, macht seine Saltibank-Kunststücke, die er in seiner Jugend erlernt, nähme mit, was zu erhaschen wäre und kehrte mittelst seiner sorgfältig hinter einem Busch versteckten Leiter in seine Wohnung zurück. – Später vielleicht käme er auf die Entdeckung, daß man Nachts stehlen könne ohne Saltibank-Kunststücke zu machen; er stiege nur noch Nachts herunter und würde sich nicht mehr produzieren. – Noch später käme er auf die Idee, das in ihm repräsentierte höchst erfindungsreiche Diebs-Geschlecht fortzupflanzen. Und er ginge eines Tags auf einen Jahrmarkt, wo seine früheren Kunst-Kollegen sich produzieren, und würbe um die Gunst einer leichten, sein luftiges Wohnhaus nicht zu schwer belastenden Zirkus-Reiterin, die er auf seinen Schultern hinauftrüge. – Und er zeugte Kinder mit ihr und ernährte seine Familie durch Fleiß, Ausdauer und Geschicklichkeit im Stehlen; und schaffte Mobiliar und Bettzeug hinauf. Aber zuletzt würde er alt und gebrechlich, und sie dick und zornig, und die Kinder, die nie eine Schule besucht, und nie Menschen, und die Erde nur aus höchster Entfernung, gesehen, wären verdummt und Idioten geworden. – Und da kein Knabe da, der das Gewerbe des Vaters übernähme, so zögen die Sorgen ein in dies ursprünglich so genial erdachte Haus!

Während ich so unter meinen Bett überlegte und simulierte, entstand plötzlich eine heftige Schwankung am Mondhaus, der mehrere größere Oszillationen folgten; da ein eigentlicher Stoß nicht hörbar, so war das Karambolieren mit einem Himmelskörper, woran ich zuerst gedacht hatte, unwahrscheinlich. Aber wie aus einem Mund sagten gleich darauf die dreißig Kinder, die inzwischen unter der Aufsicht der Mondfrau wieder ihre Spinn-Arbeit vorgenommen hatten: »Jetzt ist er drunten am großen Käs!« – Und die Mondfrau setzte nach einiger Zeit mit einem Seufzer hinzu: »Ja, jetzt ist er drunten!« im Tone, wie etwa eine Mutter zu den sich nach dem Papa erkundigenden Kindern trübselig sagt: Ja, der Vater ist im Krieg! – oder: Der Vater, der liegt vor Belgrad! – In Wahrheit aber setzte die Mondfrau ganz trocken hinzu: »Der hat wieder schön lang gebraucht!« – so daß ich mich über die sentimentale Stimmung der Alten doch getäuscht hatte. – »Nicht wahr auf Amerika-Land?« – frug dann noch ergänzend eines der älteren Kinder. Diese Frage frappierte mich über die Maßen.

Ich will den Leser nicht mit all den Kombinationen belästigen, die ein scharfsinnigerer Erzähler als der Verfasser, – sagen wir: Edgar Poe, – aus dem einzigen Wort »Amerika-Land« in dem Mund des einen Kindes zu ziehen sich berechtigt hielte, und damit wieder um zehn unnütze Seiten das Ende der Erzählung hinausschieben; – aber der Leser wird zugestehen, daß das Wort zu denken gibt; weniger in der Richtung der Annahme, daß ein kleiner Ansatz zur Schulbildung bei den Mondkindern doch vorliege; das Wort »Amerika-Land« konnte ja rein mechanisch nachgeschwatzt sein; sondern der Schwerpunkt liegt darin, daß das ominöse Wort von einem der beiden Eltern auf dem Mond faktisch ausgesprochen worden sein muß; denn daß die Kinder die Mondstube nie verlassen hatten, darüber konnte kein Zweifel sein; daß aber ein so distinkter Laut-Begriff und Begriffs-Wert wie »Amerika-Land« zu gleicher Zeit und unabhängig voneinander auf zwei Weltkörpern, die ohne Verbindung sind, entstehen könne, das macht mir niemand weis. – Also muß das im Mond-Haus von einem der beiden Eltern ausgesprochene Wort von der Erde stammen; also muß eines der beiden Eltern auf der Erde, und dort in der Schule gewesen sein; und da ich schon ungefähr fünfzehn Seiten vorher die Mondfrau ausdrücklich, und unter Anführung unwiderleglicher Beweisgründe, als eine Xantnerin (oder Krefelderin) angesprochen habe, so bleibt bezüglich des Mondmannes nur die eine Frage: Ist er auch ein Erdenkind, ein Holländer und dergleichen, oder gehört er einem spezifischen Mondgeschlecht, einer erhabenen Götterverbindung, einer transcendentalen Himmels-Familie, mit einem Wort, einer Wesens-Reihe sui generis, d. h. einem jeden Vergleich mit uns armen Erdenwürmern ausschließenden Geschlecht an? – Ich sah den vertrackten, gelb-sittenen, gallig verkränkelten Mondmann jetzt wieder deutlich vor meinem Auge, wie er über das frische Saatfeld bei D'decke Bosh hinschlich, mißtrauisch und vorsichtig seine Schaufel hervorziehen, und keuchend und schwitzend, und manchmal fluchend, seine Arbeit verrichten, wie ein alter Bauer, der verspekuliert hat, und auf seine alten Tage noch einmal arbeiten muß. – Wenn das ein Gott ist, – sagte ich mir, – dann ist es ein kranker Gott. –

Der Leser und ich wurden durch den heftigen Stoß am Mondgehäuse in der Weiter-Entwickelung einer Theorie unterbrochen, welche die Erklärung meiner bisherigen Ergebnisse auf natürlichem, wissenschaftlichen Boden beabsichtigte. Ich hatte den Versuch unternommen, einen schlauen und vorsichtigen Zigeuner sich ein rundes Haus in kecklicher Entfernung vom Erdboden konstruieren zu lassen, mittelst einer Leiter dasselbe zugänglich zu machen, dort oben die Frucht seiner Ersparnisse und Diebstähle zu bergen, schließlich sich ein Weib hinaufzuholen und für zahlreiche Nachkommenschaft zu sorgen. Der Leser wird mir vielleicht zum Vorwurf machen, einen Hauptpunkt in dieser ganzen Erörterung unbeachtet gelassen zu haben, nämlich: wieso denn dieses Zigeunerhaus da droben schwebend erhalten werden soll; und er meint, daß ich die Beantwortung dieser Frage an die Spitze der ganzen Theorie hätte stellen sollen. – Gut, ich gebe zu, daß ohne das Schweben des Zigeunerhauses die ganze Theorie rettungslos zusammenbricht. Aber ich bitte den Leser zu erwägen, daß das Haus aus dem leichtesten Material gebaut war: ausgetrocknetes Fichtenholz; die Bedachung noch leichter: Teer-Pappen; für die Verproviantierung eine konsistente Form gewählt war; runde, holländische Käse, von denen einer allerdings zwei bis drei Pfund wog, aber die Nahrung für mindestens drei bis vier Tage bildete; daß alles schwere Material wie Wasser, Stein, Eisen vermieden wurde, daß die Leiter, in beträchtlicher Länge, aus dem leichtesten Stoff, Hanf, war; daß die junge Frau, die sich der kühne Architekt hinaufholte, eine leichte Person war: Kunstreiterin; ja, ich hin überzeugt, daß er, als seine Frau im Wochenbett lag, ihr fortwährend vorpredigte: »Leichte Kinder, hörst Du, leichte Kinder!« – Nachdem also alles nach dieser Richtung, und nach diesem einzigen Gesichts-Punkt vorgesehen war – und die faktisch fothane Einrichtung des Mondhauses erlaubt mir doch, die wesentlichen Züge auf mein theoretisches Haus zu übertragen, – was verbietet denn die Annahme, daß der Zigeuner sein Haus nur als Gondel zu einem drüber schwebenden Ballon betrachtete? – »Nein, – welche Versteigung! » wird der Leser ausrufen. – Gut, ich behaupte ja nicht, daß es so war, ich rede nur von der Möglichkeit; – mit anderen Worten: das Haus des Zigeuners wurde durch einen zehn oder zwanzigmal größeren Ballon, der mit irgend einer leichten Gas-Art gefüllt war, in Schwebe erhalten. – »Nein – das wäre das Höchste!« – Das Höchste? – nun freilich, – insofern, als der Ballon höher war, als das Haus; – aber will mir der Leser erlauben, einige Fragen an ihn zu richten: Hat der Leser je vom Mondfenster aus direkt in die Höhe geblickt? – »Nein!« – Ich auch nicht. – Konnte also der Leser überhaupt einen etwa über dem Mondhaus schwebenden Ballon vom Fenster aus sehen? – »Nein!« – Gut. – Noch eine Frage: Um welche Zeit stiegen wir damals am Samstag hinauf? – »Bei Nacht!« – Sieht man bei Nacht einen Ballon? – »Nein!« – Darf demnach aus dem Umstand, daß wir nicht in der Lage waren, einen vielleicht über dem Mondhaus befestigten Ballon zu sehen, darauf geschlossen werden, daß keiner da war? – »Nein!« – Gut! – »Aber wo soll der Mensch das Gas zur Füllung des Ballons herbekommen?« – wird der Leser fragen. – Das weiß ich nicht, obwohl die Anwesenheit von Steinkohlenteer, einer Masse, aus der mehrere leichte Gas-Arten ohne Mühe dargestellt werden können, zu denken gibt. – »Aber da droben in so beträchtlicher Höhe!« – Da droben handelt es sich vielleicht nur um Ersetzung kleiner, durch mangelhafte Dichtigkeit der Ballonwände entstandene Entweichungen von Gas, und die erstmalige Füllung fand auf dem Erdboden statt. – »Von einem Zigeuner?« – Die Zigeuner sind ein alter, grundgescheiter, in eine Menge Geheimnisse eingeweihter Volksstamm; sie reichen höchst wahrscheinlich über die Assyrer und Chinesen zurück, die ihrer bereits erwähnen; auf ihren tausendjährigen Wanderzügen mögen sie eine große Menge von Erfahrungen aufeinandergehäuft, aus den Kulturen der wichtigsten Völker geschöpft haben; wieviel Erfindungen wurden außerdem schon zweimal gemacht; die Chinesen hatten bereits das Schießpulver entdeckt: warum soll den ältesten Zigeunerstämmen unbekannt gewesen sein, durch Benutzung einer leichteren Gasart, als die Luft, und Abschließung derselben in einem dünnwandigen Raum, Körper herzustellen, die sich vom Erdboden in die Luft erheben können?! – »Demnach will der Verfasser glauben machen, daß die Zigeuner vor den Franzosen im Besitz der Luftschiffahrt waren, und daß Niemand davon etwas merkte?« Möge es der Leser nicht für ungut nehmen, wenn ich hier abbreche. – Ich liege unter dem Mondbett und habe Hunger; seit vier Tagen habe ich nichts gegessen; die Mondfrau mit den Kindern vielleicht noch länger; aber letztere brauchen keine Theorien zu ersinnen, um skeptischen Lesern ihr allerdings wunderbares und dabei doch ärmliches Heim begreiflich zu machen; während dies die Pflicht des Verfassers ist; und ich fürchte, schon die letzten Seiten haben in ihrer Beweisführung, in ihren Repliken und Antithesen unter meinem leeren Magen gelitten. Möge übrigens der Leser meinen Standpunkt nicht verkennen; nicht meinetwegen habe ich die, ich gestehe, etwas gewagte Zigeuner-Theorie unternommen, sondern seinetwegen; was konnte mir daran liegen, die Vorgeschichte des Mondes zu erklären, und der Kant-Laplace'schen Theorie über die Entstehung der Himmelskörper die so notwendige Ergänzung zu verschaffen? – Analyse ist meine Stärke so wie so nicht. – Für mich war es die Hauptsache, dieses ärmliche Mondheim, dieses wunderbare Etwas, welches so und so viel Nächte im Monat verhöhnend auf uns Erdbewohner herunterglänzt, entdeckt und beobachtet zu haben. Und dies verdanke ich einer großen Dosis Courage; denn, offen gestanden, wer von den Lesern hätte damals auf dem Felde von D'decke Bosh den Mut gehabt, in die Strickleiter zu greifen und einem unbestimmten Etwas entgegenzusteigen?

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