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Gutenberg > Heinrich Hoffmann >

Eine Kartoffelkomödie

Heinrich Hoffmann: Eine Kartoffelkomödie - Kapitel 3
Quellenangabe
typesatire
booktitleHumoristische Studien und Satiren
authorHeinrich Hoffmann
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14520-6
titleEine Kartoffelkomödie
pages133-185
created20020725
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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Zweiter Akt

Erster Auftritt

Garten des kaiserlichen Palastes; links ein chinesisches Haus.

Wuwatz
(mit Zepter und Krone)
Lala

Lala. Ach, harter Herr Vater, lassen Sie sich doch erflehen! Schon zwanzigmal habe ich bereits den goldenen Lenz die Erde schmücken sehen, und ich brauche keinen Hofmeister mehr.

Wuwatz. Baberlabbab! Du kriegst aber einen, und damit Punktum, streu Sand drum!

Lala. Ach! soll die schmähliche Zeit der Windeln gar nicht enden!

Wuwatz. Liebes Kind, du bist eine Gans, und ich bin viel zu bequem, dir meine Gründe auseinanderzusetzen. Dazu ist es viel zu heiß, ich bin es auch gar nicht gewohnt. Kurzum, Punktum, streu Sand drum, du kriegst einen Hofmeister, und zwar je eher je lieber.

Lala. Ihr rauhen Männer! Ehrt ihr so das zartere Geschlecht! – (beiseite) Meinen geliebten Knot-jang habe ich doch noch nicht vergessen. – (laut) Ich werde in das Wasser springen.

Wuwatz. Dann lasse ich dich herausfischen, und du kriegst zwei Hofmeister, und so bei jeder andern Gelegenheit derart einen mehr. Wenn aber der Lump von Handwerksbursch sich noch einmal blicken läßt, so wird er geköpft.

Lala. Ha! Entsetzlicher! Zersprengen Sie nicht die Bande der Natur!

Wuwatz. Lala, du bringst mich außer mir mit deinem Gewäsch. Das Staatsoberhaupt wird eine Indigestion davontragen. – (Hinter die Szene) Ein viertelhundert Austern mehr zum Frühstück als gestern! – Nun, so höre denn, du starriges Kind, warum du durchaus einen Hofmeister haben mußt! Deine selige Erzieherin, die Schwester meines Ministers, war ein weichherziges, butteriges Wesen, das dich und deine Erziehung total verpfuscht hat. Die Tochter des Kaisers Wuwatz des Sechzigsten darf kein schwärmendes tränenträufelndes Geschöpf sein, wie du geworden bist. Die Gouvernante wurde geköpft, ihr eigener Bruder hat sie hingerichtet. Du aber mußt kuriert werden, und zwar durch einen Hofmeister mit streng absolutistischen Ansichten. Jeder, der die Stelle will, muß sich examinieren lassen; fällt er im Examen durch, so verliert er die Stelle und auf der Stelle den Kopf, wie gewöhnlich. Bereits 249 Kandidaten sind auf diese Art schon abgewiesen worden, und ihre Köpfe liegen bei den Akten. Dies Mittelchen hilft auch in etwas dem unvernünftigen Andrang zu öffentlichen Ämtern ab und schreckt die jungen Leute vom Studieren ab. Ich will einen Hofmeister, der dieselben praktischen Grundsätze hat wie ich; und damit Punktum, streu Sand drum! –

Lala. O ungeheueres, lastendes Schicksal! Ich soll also zur Hyäne werden? – Greuel von einem Vater, unglücklich werden Sie mich machen, aber niemals anders denkend und fühlend! – (Geht weinend ab.)

Wuwatz (allein). Flausen! Nichts als Flausen! – 59 Wuwatze vor mir haben Wütriche zu Kindern gehabt, und ich sollte keine Wütrichin besitzen? Bei der Glatze des Konfuzius, ja! und abermals ja! – Ich will sie etwas aufzuheitern suchen. Vor ihrem Fenster sollen 300 Mohren gespießt werden. Das wird sie schon zerstreuen. (ab)

Zweiter Auftritt

Kopf-ab-tschingErscheint während des ganzen Stückes nie ohne ein Tischmesser, als Zeichen und Werkzeug seines Amtes.
Ein Mohr
(eine Pfeife tragend)

Kopf-ab-tsching (Zum Mohren). Hier warte! Seine himmlische Majestät wollen hier dero Morgenpfeife rauchen. – (Für sich) Mit meinem Weibe ist es nicht mehr auszuhalten. Mein Haus ist meine Hölle. Seit achtzehn Jahren, seit dem Tage, wo unser einzig Söhnchen verschwand, ist sie ein feuerspeiender Satan. – Doch ruhig; dort kommt der Kaiser.

Dritter Auftritt

Vorige. Wuwatz

Wuwatz. Die Spießung ist angeordnet. – Ah, guten Morgen, mein lieber Kopf-ab-tsching! Wie geht es? Warum so traurig? (Zu dem Mohren) Pfeife und Feuer! (Dieser gibt ihm die Pfeife und hält ihm einen brennenden Fidibus hin.)

Kopf-ab-tsching. Ach, himmlische Majestät! Meine Frau –

Wuwatz. Seid ihr euch wieder einmal an die Köpfe geraten?

Kopf-ab-tsching. Ach, alle Tage, Herr! Fände ich mein geraubtes Söhnchen wieder, dann hätte ich wohl Ruhe.

Wuwatz. Habt ihr denn gar keine Spur entdecken können?

Kopf-ab-tsching. Nicht die Spur von einer Spur! Vor 18 Jahren spielte das Kind, es war damals zwei Jahre alt, am Fenster, es entglitt meinen Händen, fiel hinaus, aber glücklicherweise auf einen Kehrichthaufen. Als ich unten ankam, um es zu holen, war das Kind verschwunden; im Kote war noch der Eindruck, wo es gelegen hatte. Ach, in meinem Herzen war ein tieferer! Das Kind war gestohlen, und alle Bemühungen, es wiederzuerlangen, fruchtlos.

Wuwatz. Warum aber nahmt Ihr kein fremdes, und brachtet es Eurer Frau als das ihrige?

Kopf-ab-tsching. Ach, Herr, alles schon versucht und umsonst. Der Knabe hat ein Mal am Halse, woran die Mutter ihn sicher unterscheiden kann.

Wuwatz. Eine traurige Geschichte! Nun so prügelt Euch in Gottes Namen weiter, und damit Punktum, streu Sand drum! – (Will rauchen.) Erbärmlicher Mohr! die Pfeife ist ausgegangen. Kopf-ab-tsching, köpfe den Staatsverräter!

Kopf-ab-tsching. Ganz wohl, Ihre Majestät! (Zum Mohren) Mach dich fertig! (Zu Wuwatz) Wollen wir nicht einmal den ersten Versuch machen mit der von Ihrer Majestät erfundenen neuen und verbesserten Methode zu skalpieren?

Wuwatz. Schön! Ich hoffe, in meinem Lande hat niemand über schleppendes Rechtsverfahren zu klagen, und damit Punktum, streu Sand drum!

Kopf-ab-tsching (zum Mohren). Komm her!

Mohr. Gleich! Ich will nur noch einmal die Nase putzen.

(Kopf-ab-tsching skalpiert und köpft ihn. Wuwatz gibt dann dem Mohren die Pfeife, die dieser fortträgt. Alle ab.)

Vierter Auftritt

Männecken. Knot-jang

Männecken. Da wären wir denn endlich an dem kaiserlich Wuwatzlichen Palaste. Das war eine billige, aber mehr als billig beschwerliche Reise.

Knot-jang. Will's wohl glauben, Herr Professor; ich habe alles bezahlen müssen und Ihr Bündelchen dazu tragen.

Solche Art, bequem zu reisen,
Ja bei Gott, die leuchtet ein!
Immer vorne an beim Beißen,
Hinten beim Bezahlen sein.

Männecken. Trösten Sie sich, mein verehrter Baron, sobald mein Wagen kommt, oder ich die Stelle bekomme, sollen Sie fürstlich bezahlt, königlich remuneriert und kaiserlich belohnt werden.

Knot-jang. Mein bester Monsieur des beaux arts, selig sind die Gläubigen; ich aber glaube, ich bleibe Ihr Gläubiger, bis ich selig bin. Schnickschnack mit Ihrem Wagen! Der kommt sein Lebtag nicht. Und ob Sie die Hofmeisterstelle bekommen, ist noch sehr die Frage.

Männecken. Mein lieber Junker von der Landstraße, das ist wohl gar keine Frage.

Knot-jang. Haben Sie am Eingang der Burg die 249 Totenköpfe gesehen?

Männecken Ja! nun, das werden die Vorfahren des Kaisers sein.

Knot-jang. Prosit! Das sind Ihre eigenen Vorfahren, Herr Schulmeister! Es sind 20¾ Dutzend durchgefallene Hofmeister.

Männecken. Wa – Wa – Wa – Was?

Knot-jang. Wie ich sage: durchgefallene Hofmeister.

S'ist die beste Art zu sorgen
        Für Erleuchtung in der Welt,
Weil die Sonn' vom frühen Morgen
        Bis zum Abend auf sie fällt.

Männecken. Wirklich? – Adio, Knot-jang, ich gehe wieder nach Hause.

Knot-jang. Halt, Professor! Wer wird gleich den Mut verlieren? Tausend Wege stehen ja offen, zu unserem Ziele zu gelangen.

Männecken. Zu den 249?

Knot-jang. Nein! Zur Hofmeisterstelle bei der Prinzessin Lala.

(Melodie: »Sa donk, Sa donk«)

                  Pfui, schäm er sich!
Pfui, schäm er sich!
Wo steckt denn die Courage?
Ist ihm in die Hosen gefallen denn sein Herz?
Er meint in diesen Staaten,
Da regnete es Wein;
Da flögen auch gebraten
Die Tauben hinterdrein!

Versuchen wir es! Seit ich am Hofe bin, fühle ich mich erst wohl. Diese Luft behagt mir. Mut und Schlauheit! Es wird sich schon ein Mittel finden lassen, dem allerdings unangenehmen Köpfen zu entgehen.

Männecken. Richtig, nobler Freund! Ich schöpfe Vertrauen in dem Brunnen Ihrer Rede. An Höfen ist es wie in Italien, nur die großen Landstraßen, die sogenannten geraden Wege sind unsicher; auf den krummen, den Seitenpfaden, hat es keine Gefahr.

Knot-jang. Bravo! Und einen solchen Seitenpfad, einen Vizinalweg schlagen Sie ein! Machen Sie den Weibern den Hof, und der ganze Hof muß in Sie verliebt werden.

      Wollt' ich bauen eine Leiter
Bis in alle Himmel hoch,
Wollt' ich graben noch viel weiter
Als zur Erdenmitt' ein Loch.

Ei, dann hielt ich's mit den Frauen
Und ich brächt es schon zustand.
Drum beim Graben und beim Bauen,
Lieb Barönchen, sei galant!

Männecken. Vortrefflich, mein Vortrefflichster! Ja, Köpfe zu verrücken, ist mein Element. Ich werde schmachten, zürnen, seufzen, wüten, weinen, rasen, rosenfarbene Billette schreiben, immer Bonbons in der Tasche führen, Serenaden bringen, Verse machen, blaß werden wie Hamlet, öffentlich hungern und heimlich essen; ich werde der chinesische Don Juan, ich werde Kommandeure erstechen, ich werde ein Wüterich von Liebenswürdigkeit. Und du, mein edler Knot-jang, wirst mein getreuer Leporello.

Knot-jang. So! So!

Männecken. Aber Freund, was willst du denn eigentlich am Hofe? Wer bist du? Und woher?

Knot-jang. Wohlan, Sie sollen es jetzt erfahren, Herr Professor! Woher ich bin? Das weiß ich nicht; ich wurde als kleiner Bube meinen Eltern gestohlen. Am Hofe aber will ich mein Glück und nebenbei meinen Vater suchen.

        Ihr verlangt jetzt mein Schicksal zu hören;
Diese Bitte, sie sei Euch gewährt.

Ich will Ihnen meinen Lebenslauf erzählen.

        Hätt' ich vom Vater was gewußt,
Dann hätt' ich nicht in Not gemußt.
Ich läg' wohl jetzt im weichen Bett,
Und wär' von Braten dick und fett;
Doch als ich noch ein Bübchen war,
Stahl man mich meinen Eltern gar.

Als kleiner Knabe trieb ich viel
Halsbrechend lustig Gaukelspiel,
Ich zog umher durch Stadt und Land
Als Kind mit der Zigeunerband;
Auch stahl ich nebenbei, wenn's ging,
Bis endlich man mich dabei fing.

Glücklicherweise brauchte der Amtmann, der mich verhörte, einen Küchenjungen; deshalb kam ich mit heiler Haut davon. Er nahm mich in seinen Dienst. Wer war anfangs froher als ich; bald aber merkte ich, daß ich besser gefahren wäre, hätte er mich ins Zuchthaus gesteckt. Zu essen gab's täglich weniger und Prügel täglich mehr, und des Amtmanns alte Köchin quälte mich grimmig. Müde, nichts als Knochen zu bekommen, in den Magen und auf den Rücken, lief ich fort. Seit zwölf Jahren nun beschaue ich mir die Welt. Ich bin alles geworden und gewesen: Advokat und Dreher, Doktor und Totengräber, Pfarrer und Komödiant, Schuster und Hutmacher, Färber und Bleicher; alles, alles: Kaltwasserdoktor, Börsenspekulant, selbst Friseur war ich, Herr Baron, und immer ein Windbeutel; kurz, Sie sehen in mir eine personifizierte Industrieausstellung, eine ganze polytechnische Gesellschaft. Zu einem aber konnt' ich es nicht bringen, zum reichen Manne. Da beschloß ich, meine Eltern aufzusuchen, um zu sehen, ob nichts durch Erbschaft zu erlangen sei. Aber leider weder Vater und Mutter, und noch leiderer auch keine Erbschaft will sich zeigen.

(Melodie: God save the king)

    Ach, welche Lust so rein,
Als so recht faul zu sein,
        Faul und recht reich!
Selbst um zu schneuzen mich
Brauch 'nen Bedienten ich;
        Gar auf der Welt nichts mehr
                Tät ich dann selbst.

Verzeihen Sie mir diesen kommunistischen Ausbruch; der liegt eben jetzt in der Zeit. – Aber, Herr Professor, wenn Sie nun die Stelle als Hofmeister bekommen, was wollen Sie dann mit mir anfangen?

Männecken. Nun, ich werde Sie dann zuweilen als gutes Beispiel zitieren.

Knot-jang. Was man so einen Tugendspiegel nennt?

Männecken. Nun will ich einmal mein Jagdrevier durchstöbern. Auf Wiedersehen! (Ab)

Fünfter Auftritt

Knot-jang. Sachte! Sachte, Herr Haarkräusler! – Richtig, dieser Türe hat mich die Majestät hinauswerfen lassen, weil ich, ein Handwerksbursche, die Augen nach der göttlichen Lala aufzuheben wagte, und weil dieser Engel mich hold anlächelte. Nur als Diener dieses Berliner Windbeutels darf ich es wagen, wieder bei Hofe aufzutreten. Aber wo weilt jetzt wohl die Herrliche? – Doch ich höre Leute. Geschwinde fort! (Ab)

Sechster Auftritt

Lulu,
die mit einem Besen auf
Kopf-ab-tsching
losschlägt

Kopf-ab-tsching. Um Gottes willen! So laß doch! Au! Au!

Lulu. Warte nur, ich will dich Ordnung lehren, du Bruder Lüdrian. Bis 11 Uhr im Weinhaus zu sitzen, ist das erlaubt? (Schlägt ihn)

Kopf-ab-tsching. Au! Au!

Lulu. Alles schmeißt der Lump zum Fenster hinaus, sein Geld und sein Kind. (Schlägt)

Kopf-ab-tsching. He! Hilfe! Au! (Läuft fort, sie wirft ihm den Besen nach.)

Lulu. Dich will ich doch noch zurechtbringen, du Hasenfuß! – Was so eine kleine Erzürnung einem wohltut! – Ich will mich hier noch ein wenig ergehen, um mich auszuschnaufen.

Siebenter Auftritt

Vorige. Männecken

Männecken. Ha! Da ist gleich eine, der ich das Netz der Schmeichelei um Kopf und Herz werfen will. Aber wahrlich, ich bin im Zweifel, ob ich sie bitten soll, mein Schatz oder meine Mutter zu sein. Ist aber am Ende egal. – (Laut) Mein Fräulein!

Lulu (Für sich). Er hält mich für ein Mädchen. – (Laut) Mein Herr, ich bin Lulu, die Gemahlin Seiner Exzellenz des Herrn von Kopf-ab-tsching, Ministers seiner himmlischen Majestät, und zwar eine Geborne aus dem alten Geschlechte derer von Zornzung.

Männecken. Wenn dieses reine Antlitz nicht zugleich der Spiegel der Wahrheit wäre, so würde ich behaupten, dem kann unmöglich sein. Über diesen jugendlichen Reiz sollten die Stürme des ehelichen Lebens gegangen sein?

Lulu. Und doch! Und was für Stürme! Aber wer sind Sie, Fremdling, Keckredender?

Männecken. Ich bin Adrian, Baron von Männecken, Professor der schönen Künste, Erfinder der Europäischen Zivilisation und Veredler des weiblichen Geschlechts.

Lulu. Aber edler Veredler, was wollen sie bei uns?

Männecken. Was ich wollte, ist erfüllt! Ich zog aus, zu suchen das Vollkommenste, was die Erde trägt. Ich habe es gesucht lange unter den Steinen und Blumen, unter Kriechendem und Fliegendem, bis ich es gefunden, wo ich es am wenigsten glaubte, unter den Weibern, in dir, meine Heilige, in der göttlichen Lulu. (Vor ihr kniend)

Lulu. Stehen Sie auf, Tollkühner! Wenn mein Mann Sie erblickt, ist's um Ihren Kopf geschehen.

Männecken (Erschrocken aufspringend). Ach, ja so! – (sich umblickend) Doch was liegt am Kopf, wenn man das Herz verloren!

Lulu. Ei! Für ein verloren Herz können Sie ein anderes eintauschen; aber wenn der Kopf hin ist, dann ist es aus, auf ewig!

Männecken. Ja, leider auf ewig! Und hierzulande scheint es etwas sehr Gewöhnliches zu sein, seine Nebenmenschen also zu verkürzen. Und doch habe ich eine Unternehmung auf dem Herzen, wobei ich gar sehr den kürzeren ziehen kann.

Lulu. Und welche, mein Bester?

Männecken. Ja, wenn die Allmacht in Lulus lieblicher Gestalt mit Rat und Tat mich unterstützen wollte!

Lulu. Nun reden Sie! Heraus mit der Sprache!

Männecken. So hören Sie, Meteor meines Himmels! Ich will mich melden hier am Hofe zur Stelle eines Hofmeisters bei Ihrer Hoheit der Prinzessin Lala. Als ich herkam, erzählte man mir von den greulichen Gefahren, da wollte ich davon abstehen. Aber jetzt, da ich gesehen, daß diese Stelle mich in die Nähe des schönsten Sternes bringt und mir das glücklichste Los des Sterblichen verspricht, jetzt, ha! trotze ich allen Schrecken des Spießens, Hängens, Köpfens und Verbrennens. Jetzt, ja, Frau Ministerin, ick melde mir!

Lulu. Dieses mutige Erglühen liebe ich, Herr Baron; aber Sie können Ihre Tollkühnheit nur ruhig wieder in die Tasche stecken, sie wird unnötig sein. Ich will Ihnen mitteilen, welche Bewandtnis es mit dieser Hofmeisterstelle hat.

Männecken. Ja, herrlich! – Sehen Sie, Göttliche, alles will ich wagen für Sie; ich will mich mit einer Armee schlagen, will durch einen feurigen See schwimmen, will mich köpfen lassen, will –

Lulu. Alles unnötig! Hören Sie! Mein Mann, der, beiläufig bemerkt, ein Esel und ein Hasenfuß ist, steht in großer Gunst bei dem Kaiser. Diese Zuneigung hat einen zweifachen Grund. Erstens versteht mein Mann auf das Trefflichste, den Leuten die Köpfe abzuschlagen.

Männecken. Glaub's! Übung hat er genug.

Lulu. Zweitens hat er des Kaisers Vater, der ein sehr zähes Leben hatte, in Auftrag des Herrn Sohnes umgebracht.

Männecken. Ich sehe, Ihr Herr Gemahl hat volle Ansprüche auf sein Ministertum.

Lulu. Und diese sucht er sich auch, auf alle Weise zu erhalten. Der Kaiser hat nun ein Töchterlein, Ihre künftige Schülerin; die ist gar weichherzig und schwärmerisch. Das ärgert aber den Herrn Papa sehr, zumal da sie nach ihm das Regiment führen soll; er erkennt in ihr nicht mehr den alten Stamm der Wuwatze. Der Kaiser sucht nun einen Lehrer für sie, der ihr andere Grundsätze und mehr Liebhaberei am Köpfen und Hängen beibringen soll. Mein Mann, der Esel, fürchtet für seinen Einfluß durch solch einen Pädagogen, und er hat jedem, der sich meldete, bis jetzt geraten, in dem Examen, das der Kaiser mit ihm anstellen würde, mit recht zarten und weichmütigen Ansichten herauszurücken. Ein Gleiches wird er auch Ihnen zu verstehen geben, und der Kaiser, ergrimmt darob, würde Sie wie die andern 249 hinrichten lassen.

Männecken. Ha! schändliche Tücke!

Lulu. Tun Sie aber das Gegenteil von allem, was mein Mann will, gerade wie ich; sagen Sie der Majestät, Sie wollten aus seiner Tochter eine echte Wuwatzliche Wütrichin bilden, dann ist die Stelle Ihnen; und ich habe Gelegenheit gehabt, meinem Manne, dem Esel, einen derben Possen zu spielen.

Männecken. Herrlich, du meine Gnadensonne, mein Idol! Ich will dir dein ganzes Leben umsonst die Haare – ich wollte sagen, die Kur machen. (Fällt ihr um den Hals.)

Lulu. Halt, so weit sind wir noch nicht! – Aber kommen Sie mit, ich will Ihnen noch weitere Ratschläge geben.

Männecken. Das sind die besten Schläge, die ich je gekriegt habe.

(Beide Arm in Arm ab)

Achter Auftritt

Lala. Nachher Knot-jang

Lala
(in einem Buche lesend)
                  Wenn der Glühwurm leuchtet,
Und am Halme taubefeuchtet
Blasser Mondschein zittert;
Wenn es fern gewittert
In der Berge dunkler Kette,
Und in ihrem tiefen Bette
Schaurig dumpf die Welle rauscht,
Dann ist wach mein Herz und lauscht.
Und im Busen glüht ein Sehnen;
Unbewußt mit heißen Tränen
Füllet sich mein Aug;
Und des Abendwindes Hauch
Trägt den Seufzer zu der Sterne
Heil'ger Höhe, in die Ferne.
Könnte doch dem schwärmerischen Ach
Liebedürstend meine Seele nach!

Knot-jang (tritt auf; beiseite). Ha! Seh ich recht, so wandelt Lala dort?

Lala
(weiter lesend)
      Finden würde ich den Ort,
Wo, Geliebter, du vertrieben
Denkst in Tränen deiner Lieben.
Ach! wo bist du?–
Knot-jang
(hervorspringend)
Hier zur Stell'!

Lala. Ha! (Wirft ihr Buch weg und wird ohnmächtig)

Knot-jang
                 Farina! – Hilfe! – Schnell!
Lala! Engel! Ha, Verderben!
Kann man denn vor Freude sterben?
Bleich die Lippen, kalt die Wangen,
Feueraug' von Nacht umfangen!
Liefr' ich aus mich dem Tyrann?
Soll' ich laufen, was ich kann?
Nein! Ich hol
Ein Pistol,
Und zerschmettre durch die Stirn'
Auf der Stell mir das Gehirn. –
Diesen letzten Kuß nur noch! –
(Küßt sie und will fort)
Lala
Knot-jang! He, so warte doch!
Knot-jang
Tausend! Was, du lebest frisch!
Lala
Munter bin ich wie ein Fisch.
Knot-jang
Wer verzweifelt, ist ein Tor.
Lala
Wie ein Wunder kommt mir's vor.
Knot-jang
Ist es nicht ein Traum gewesen?
Lala
Sieh! vertieft war ich im Lesen
Des Chinesischen Novalis;
Plötzlich wie mit Blitzesstrahles
Überraschung warst du hier.
Alle Sinne schwanden mir,
Und ich stürzte leblos nieder.
Knot-jang
Alles gleich! Ich hab dich wieder.
Lala
Ach, du kamst so plump und hart.
Knot-jang
So ist's Handwerksburschenart.
Lala
Aber jetzt vor allen Dingen
Mußt du mir zur Kenntnis bringen,
Was du in der langen Frist
Hast getrieben;
Ob geblieben
Treu du immer mir auch bist.
Knot-jang
Niemand hat noch gut erzählt,
Während ihn der Hunger quält.
Lala
Ach, zu Ende wär' die Not,
Wär' mein lieber Vater tot!
Knot-jang
Hol' mir doch ein Butterbrot!
Lala
Hast du treulos mich verraten?
Knot-jang
Etwas Wein und Brot und Braten!
Lala
Erst die Beichte, dann die Mahlzeit!
Knot-jang
Nun so hör von meiner Qualzeit! –
Als dein Vater, der Tyrann,
Mir die Schande angetan,
Mich zu werfen aus dem Haus,
Überfiel mich Angst und Graus;
Und ich lief durch Wald und Feld
Beinah' bis ans End der Welt.
Ach! Die Not war arg und groß;
Auf den Füßen lief ich bloß.
Schlaflos hab ich manche Nacht
Frei im Walde zugebracht,
Und das Ärgste kam zum Schlimmen:
Es brach aus die Hungersnot.
Lala
Wehe! meine Augen schwimmen
Wie auf salziger Flut ein Boot!
Knot-jang
Als ich endlich sicher war
Vor des Wuwatz Mörderschar,
Wagt' ich wieder mich ans Licht,
Und das Glück verließ mich nicht.
Fechtend zog ich durch das Land;
Da bei einer Witwe fand
– Alles war mir damals recht –
Eine Stelle ich als Knecht.
Viel zu essen, wenig Sorgen,
Gleich war gestern, heut und morgen!
Recht wie im Schlaraffenlande
Lebt' ich. Himmel! Da entbrannte
Meine Herrin, liebeglühend.
Jeder Blick ward funkensprühend,
Jedes Wort ein Feuerzeichen;
Doch ich hört's mit bittrem Schweigen,
Eisig blieb mein Herz und kalt.
– Häßlich war die Frau und alt. –
Unerträglich war's zuletzt,
Wie das Weib mir zugesetzt;
Und ich sagte still bei mir:
Wie der Joseph mach ich's hier!
Ich entlief. Jedoch im Stich
Ließ nicht meinen Mantel ich;
Ja, ich lud
Manches auf von ihrem Gut,
Und mit meinem Liebesraub
Macht' ich nachts mich aus dem Staub!
Lala
Wie getreu zugleich und schlau!
Knot-jang
Kurzum, ich bestahl die Frau.
Bald auch traf die Kund' mein Ohr
Von dem großen Räuber Mohr,
Der sich gerade eben jetzt
In den Ruhestand versetzt.
Ich, der Bande längst bekannt
Wurd' zum Hauptmann nun ernannt.
Leider wurd' ich bald gefangen,
Und dein lieber Knote-jang
Sollte an dem Galgen prangen.
Lala
Mann! Du machst mir angst und bang.
Knot-jang
Mich ergriff ein heiß Verlangen
Jetzt nach dir, – und ich entsprang.
Lala
Doch wie kamst du her? O sprich!
Knot-jang
Hunger plagt mich fürchterlich.
Lala
Wie gelang ein solches Wagen?
Knot-jang
Öd und wüste ist mein Magen.
Lala
In die Laube von Jasmin
Bring ich dir das Essen hin.
Knot-jang
Hat erquickt mich Trank und Speise,
So erzähl ich dir die Reise.
Lala
Alle Leiden sind vergessen!
Knot-jang
Geh! Ich freu mich auf das Essen.

(Beide ab)

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