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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 5
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
firstpub1936
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Viertes Kapitel

Die Front

Wir fahren über Metz der Front entgegen. Erst werden die Gespräche krampfhaft laut, wir kreischen uns Worte zu, alberne, zotige, törichte Worte, wir recken unsere Körper, wir ziehen die Knie an und sehen mit harten Augen in die Nacht. Wir fühlen uns als Frontsoldaten, wir spielen Frontsoldaten, wir öffnen die Patronentaschen, wir zählen die scharfe Munition, wir hantieren an den Schlössern unserer Karabiner. Die Worte werden leiser, sie tropfen in die dicke, stehende Luft. Die Lichter in den Abteilen verlöschen. Mit geblendeten Scheinwerfern fährt der Zug weiter. Nun spricht keiner mehr, wir atmen stiller, die verkrampfte Haltung löst sich, wir spielen nicht mehr Frontsoldaten, da wir die Front hören. Bald nach Metz hämmert sie an unsere Ohren. Der Zug hält auf offener Strecke, wir steigen aus. Leute stehen da, die uns erwarten. Wir marschieren durch die Nacht, Regen weicht unsere Kleider, die Tornister drücken, wir erreichen ein Dorf. Wir stolpern durch Straßen, der Führer klopft an Fensterläden, eine Tür wird geöffnet, wir treten in die Küche des Geschützzuges, dem wir zugeteilt worden sind. Ein dicker Soldat gibt uns heißen Kaffee.

»Alle drei Kriegsmutwillige!« schreit unser Führer.

»Drei Idioten mehr«, sagt der Koch.

 

Vor Tag wache ich auf. Ich gehe durch das Dorf, vorbei an den schwarzen Brandmauern zerschossener Häuser, ich falle in Granatlöcher, die die Straßen zerwühlen. Die Tür einer Kirche steht offen. Ich gehe hinein, grau fällt der Tag durch die zerspellten Scheiben, meine schweren Stiefel hallen auf den Fliesen des steinernen Bodens. Vor dem Altar liegt ein Soldat. Wie ich mich über ihn beuge, sehe ich, daß er tot ist. Der Kopf ist in der Mitte aufgebrochen, wie riesige Eischalen klaffen die Hälften auseinander, das Gehirn quillt breiig darüber.

 

Unsere Geschütze stehen auf halber Höhe vor Pont à Mousson. Wir kommen morgens an, mit Kaffeekesseln und Brot für die Mannschaft beladen, die Soldaten sitzen mit nacktem Oberkörper vor den Unterständen, die Hemden auf ihre Knie gebreitet, und knacken die Läuse, die in den Nähten sich eingenistet haben.

Auf dem Weg zum Geschütz höre ich das Surren eines Flugzeuges. Neugierig bleibe ich stehen, erkenne auf der unteren Tragfläche des Apparates den Kreis der Trikolore.

»Hinschmeißen!« ruft unser Führer.

Vielstimmiges Pfeifen, der Flieger hat zwei Bündel kleiner stählerner Pfeile auf unsere Gruppe geworfen. Niemand ist verletzt.

»Net amal a kloaner Heimatschuß«, sagt unser Führer. »Dei Vorgänger hat mehr Schwein ghabt«, wendet er sich zu mir, »als er grad auf der Latrin gsessen is, hat eahm a Schrapnell dawischt, jetzt hat er sei Ruah im Lazarett.«

 

Der Beobachterstand liegt in der Talmulde vor der Kuppe des Berges. Ich sehe durchs Scherenfernrohr, sehe die Schützengräben der Franzosen, dahinter Pont à Mousson, die zerschossene Stadt, die Mosel, die durch die Landschaft des Vorfrühlings weich und träge sich schlängelt. Ich beginne zu unterscheiden: In den Straßen der Stadt marschiert eine Gruppe französischer Soldaten. Sie löst sich, die Soldaten gehen einzeln in den Laufgraben, der zur vorderen Linie führt. Wieder marschiert eine Gruppe.

Am zweiten Fernrohr steht der Leutnant.

»Sehen Sie die Franzosen?« fragt der Leutnant.

»Ja.«

»Wollen ihnen Zunder geben.«

»Granate zweiundzwanzighundert«, ruft der Leutnant hinüber zum Telephonisten.

»Granate zweiundzwanzighundert«, wiederholt der Telephonist.

Ich starre durchs Scherenfernrohr. Eine rote Fieberwelle überspült mein Hirn, Erregung befällt mich wie vorm Spieltisch, wie auf der Jagd, mein Herz trommelt, die Hände zucken. In der Luft hohles Gurgeln, drüben steigt eine braune Staubsäule auf.

Die Franzosen stieben auseinander, nicht alle, etliche liegen am Boden, Tote, Verletzte.

»Volltreffer!« ruft der Leutnant.

»Hurra!« schreit der Telephonist.

»Hurra!« schreie ich.

 

Jeden Mittag um elf Uhr platzen mit automatischer Pünktlichkeit über unseren Geschützen ein Dutzend Schrapnellschüsse. Wir sind daran gewöhnt, wir wissen, welche feindlichen Geschütze uns zum Ziel ausersehen, wir schießen die Antwort eine Stunde später. Fünf Minuten vor elf sagt Josef:

»Machts, daß eini kimmts.«

Wir sagen: »Geh, so schnell schießen die net, mir habn no fünf Minuten Zeit.« Dann verschwinden wir im Unterstand und spielen Tarock. Die französischen Geschosse tun unseren Kanonen nichts, die deutschen Geschosse tun den französischen Kanonen nichts, man schießt als Zeichen, daß noch Krieg ist, daß die drüben da sind, daß wir da sind. Wir sitzen im Unterstand. Elf Uhr, elf Uhr zwei, elf Uhr zehn.

»Kreuz sieben«, sagt Alois. »Kreuz As«, sage ich. »Gstocha«, sagt Josef. Aber er nimmt die Karten nicht auf. »Himmi Kruzitürken«, schreit er, »warum schiaßen denn die Luader net?« – »Dena ihr Uhr wird nachgehn«, sagt Alois, schweigend spielen wir zehn Minuten. Unheimlich ist diese Stille.

Zwanzig Meter vom Geschütz krepiert eine Granate.

»Na endli«, ruft Alois. »Trumpf!«

Wieder krepiert eine Granate.

»Dös san net unsere Franzosn«, schreit Alois und wirft die Karten hin.

Ein Granatsplitter fliegt krachend gegen die Tür des Unterstands.

Das Telephon klingelt.

»Alles in den Laufgang!«

Wir stürzen in den Gang, der vom Unterstand seitlich in den Berg sich gräbt. Die Decke über unseren Köpfen ist kaum dreißig Zentimeter dick, darüber liegen Balken und Wellblech. Jeder Volltreffer wird uns zu Brei schlagen. Aber dieser lächerliche Graben gibt uns die Illusion vager Sicherheit. Ein Regen von Granatsplittern prasselt auf unser Dach.

Unser ältester Landwehrmann, Bauernknecht aus Berchtesgaden, zieht seinen Rosenkranz hervor und betet leise. Franz singt ein Schnadahüpferl.

»Halts Mäu«, sagt verkniffen Sebastian, »versündig di net.«

Von ungeheurem Krach und Getose zittert der Unterstand. Unser zweites Munitionsdepot ist in die Luft geflogen. Sebastian hat aufgehört zu beten, Franz stiert zur Decke. Zwei Stunden trommeln die Geschosse über unseren Köpfen. Das Warten lähmt. Kein Befehl kommt vom Beobachterstand. Vielleicht ist die Telephonleitung zerschossen.

Jetzt antworten unsere schweren Geschütze.

»Zwei müssen hinaus«, sagt der Unteroffizier. Josef und ich springen den Abhang hinauf, Kugeln und Splitter surren und pfeifen. Wir erreichen den Beobachterstand. Das feindliche Feuer hat nachgelassen. Ab und zu wühlen sich Granaten in unsern Berg, Zeitzünder, braune Staub-Geysire schießen in die Luft. Wie wir zu unseren Geschützen zurückkommen, sehen wir uns die Bescherung an.

»Schwindel«, sagt Josef.

»Der Krieg«, sagt Josef.

Endlich sind wir in Ruhestellung. Seit Wochen hängt mir die Uniform am Leib, seit Wochen habe ich mich nicht mehr reinigen können. Ich hole mir einen Eimer Wasser, ich reiße mir die Kleider herunter, ich seife und bürste mich mit genießerischer Freude. Wie ich so dastehe, nackt, prustend, nähert sich Sebastian, der Bauernknecht aus Berchtesgaden. Er ist fromm, und er begreift nicht, warum dieser Krieg tobt. Wenn sie ihm von Hause Schinken und Speck schicken, setzt er sich mit abgewandtem krummem Rücken in einen Winkel und ißt und stiert und sinnt. Vielleicht sind die Preußen »an der Gaudi« schuld, bestimmt sind sie schuld. Die können ja nie nicht das Maul halten, wegen ihnen hat König Ludwig II. dran glauben müssen, wenn der leben tät', manche sagen, er ist gar nicht ertrunken, er lebt, der Bismarck hat die Bayern beschissen, vorne und hinten, sein Großvater hat im Krieg 1866 ganz allein sechs Preußen gefangengenommen. »Ergebts euch«, hat er geschrien, »die Bayern san da«, und jetzt saufen sie uns das Bier weg aus der Kantine. Sebastian bleibt stehen, erblickt mich nackt und schließt vor Schreck die Augen. Er öffnet die Augen, er stopft seine Pfeife und sieht schief über mich hinweg in die Bäume.

»Jetzt woaß ma ja, warum der Krieg hat kemma müssn«, brummt er. »Der Preiß wascht sich nackad.«

Aus seinem Mundwinkel zischt ein Strahl Spucke.

»Saupreiß!« ruft er und geht in den Unterstand und haut sich aufs Stroh.

 

In Kellern und Scheunen, in schmalen Kämmerchen und in Küchenecken hausen die französischen Einwohner, die der Krieg in den Frontdörfern zurückließ, Schiffbrüchige, die auf Planken leben, morgen stößt sie ein Sturm ins Bodenlose. Ohnmächtige Zeugen ihres eigenen Untergangs, das Dorf, in dem Eltern und Ureltern wohnten, wird zerschossen, den Acker pflügen Kanonen, die Saat streuen Granaten, die Ernte, die wächst, heißt Tod und Heimatlosigkeit.

Was die Franzosen brauchen, um nicht zu verhungern, bekommen sie von den Deutschen, aber für ein Brot oder ein Stück Wurst verkauft sich manche Frau.

Soldaten und Bauern sind freundlich zueinander, sie kennen sich und ihre alltäglichen Gewohnheiten, sie vertrauen sich und schütteln den Kopf beim Wort Krieg, sie schimpfen gemeinsam über sinnlose Kommandobefehle, und wenn die Frauen des Dorfes antreten müssen zu niedriger Arbeit, fluchen sie gemeinsam »Merde«.

Wir brauchen keine Angst zu haben, daß uns nichts mehr zu tun bleibt, kein Ende des Krieges ist abzusehen, die Heere haben in den Schützengräben Frankreichs, Polens, Rußlands, Asiens Quartier bezogen, die Soldaten singen: »Ach dieser Feldzug, er ist kein Schnellzug, wann wird die Hochzeit sein zu Köln am Rhein.«

 

Unser Zugführer ist Student der Medizin, früher war er Kadett, er wurde aus dem Kadettenhaus verwiesen und mußte den Soldatenrock ausziehen, im Krieg hat man ihn zum Offizierstellvertreter befördert. Er trägt Leutnantsabzeichen, wir spotten über seine Eitelkeit, seinen Dünkel, seinen Größenwahn.

Als er einmal an mir vorbeigeht, grüße ich ihn nicht stramm und militärisch genug.

Am nächsten Tag verliest beim Rapport der Wachtmeister seinen Befehl:

»Toller tritt bis auf weiteres jeden Tag um elf Uhr fünfzehn Minuten mit kriegsmäßig gepacktem Tornister beim Beobachterstand an.«

Um elf Uhr fünfzehn bin ich im Beobachterstand. Leutnant Siegel sitzt am Tisch und liest. Ich melde mich beim Gefreiten Sedlmeier.

»Die Strümpf san net vorschriftsmäßig packt.«

»Zurück und noch mal antreten«, flüstert Leutnant Siegel mit trockener Stimme.

Ich renne den Abhang hinunter, der in dieser Zeit von Schrapnellen bestrichen ist. Schwitzend laufe ich in den Unterstand, packe wieder den Tornister, laufe wieder hinauf.

»Wo is denn des Verbandzeug?« fragt Sedlmeier.

»Ich habe es liegenlassen.«

»Zurück!« faucht Leutnant Siegel.

Sedlmeier schlägt die Hacken zusammen und lacht albern.

Wieder renne ich hinunter, wieder renne ich hinauf. Das Blut kocht mir vor Wut.

Drei Tage wiederholt sich das erbärmliche Spiel.

Ich sitze ohne Schlaf auf meinem Lager und starre vor mich hin.

»Ich schieß' den Kerl tot, wenn das so weitergeht«, sage ich laut.

»Warum hat er so an Haß auf di?« sagt Franz.

»Ich weiß nicht.«

»Aber i. Die Intellektuellen untereinander können sich nia net leiden.«

In der Frühe melde ich mich beim Major des badischen Zuges, dem unsere Geschütze zugeteilt sind.

»Kriegsfreiwilliger Toller zum Rapport.«

Der Major, ein aktiver Offizier aus Karlsruhe, mit gutmütigem aufgeschwemmtem Trinkergesicht, sieht mich erstaunt an, ich habe den Dienstweg übersprungen, er müßte mich einsperren. Ich erzähle ihm, was geschehen ist. Der Major schweigt, ich weiß, auch er mag den falschen Leutnant nicht.

»Setzen Sie sich und trinken Sie einen Schnaps«, sagt der Major. »Was sollen wir mit Ihnen anfangen?«

»Weg möcht' ich, Herr Major.«

»Wohin?«

»Am liebsten zur Infanterie.«

»Warum zur Infanterie? Was haben Sie gegen die Artillerie?«

»Wir schießen und wissen nicht, auf wen. Die drüben schießen, wir wissen nicht wer. Ich will den Feind sehen, gegen den ich kämpfe.«

»Sie schreiben Gedichte?« sagt der Major.

»Zu Befehl, Herr Major.«

»Wohl moderne? Als Dichter Kampf der Romantik, als Soldat wünschen Sie sich einen kleinen romantischen Krieg. Prost.«

»Prost, Herr Major.«

»Wohin wollen Sie?«

»Zu den Revolverkanonen im Priesterwald.«

»Meinetwegen. Wenn Sie davonkommen, schicken Sie mir Ihre neuen Gedichte.«

»Zu Befehl, Herr Major.«

Zwei Stunden später sagt mir der Wachtmeister, daß ich versetzt bin. Ich packe meinen Tornister, schmeiße die Sachen durcheinander und melde mich beim Leutnant. Mit schleimigem Lächeln empfängt mich der Leutnant.

»Wollen uns versöhnen«, sagt er und will mir die Hand reichen.

Ich mache kurz kehrt.

»Halt!« ruft er.

Ich drehe mich um.

»Haben Sie nicht gesehen, daß ich Ihnen die Hand geben wollte?«

»Jawohl, Herr Leutnant.«

»Was fällt Ihnen ein?«

»Wenn es ein dienstlicher Befehl ist«, sage ich und strecke steif die Hand hin. Der dünne Hals schwillt rot an.

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

»Jawohl, Herr Leutnant.«

Zerschossener Wald, zwei armselige Worte. Ein Baum ist wie ein Mensch. Die Sonne bescheint ihn, er hat Wurzeln, die Wurzeln stecken in Erde, der Regen wässert sie, die Winde streichen über sein Geäst, er wächst, er stirbt, wir wissen wenig von seinem Wachsen und noch weniger von seinem Sterben. Dem Herbststurm neigt er sich wie seiner Erfüllung, aber es ist nicht der Tod, der kommt, sondern der sammelnde Schlaf des Winters.

Ein Wald ist ein Volk. Ein zerschossener Wald ist ein gemeucheltes Volk. Die gliedlosen Stümpfe stehen schwarz im Tag, und auch die erbarmende Nacht verhüllt sie nicht, selbst die Winde streichen fremd über sie hinweg.

Durch einen dieser zerschossenen Wälder, die überall in Europa verwesen, den Priesterwald, ziehen sich die Schützengräben der Franzosen und der Deutschen. Wir liegen so nahe beieinander, daß wir, steckten wir die Köpfe aus den Gräben, miteinander sprechen könnten, ohne unsere Stimme zu erheben.

Wir schlafen aneinandergekauert in schlammigen Unterständen, von den Wänden rinnt Wasser, an unserem Brot nagen die Ratten, an unserem Schlaf der Krieg und die Heimat. Heute sind wir zehn Mann, morgen acht, zwei haben Granaten zerfleischt. Wir begraben unsere Toten nicht. Wir setzen sie in die kleinen Nischen, die in die Grabenwand geschachtet sind für uns zum Ausruhen. Wenn ich geduckt durch den Graben schleiche, weiß ich nicht, ob ich an einem Toten oder einem Lebenden vorübergehe. Hier haben Leichen und Lebende die gleichen graugelben Gesichter.

Nicht immer müssen wir nach einem Platz für die Toten suchen.

Oft werden ihre Körper so zerrissen, daß nur ein Fetzen Fleisch, an einem Baumstumpf klebend, an sie erinnert.

Oder sie verröcheln im Drahtverhau zwischen den Gräben.

Oder wenn Minen ein Grabenstück in die Luft sprengen, wird die Erde selbst zum Totengräber.

Dreihundert Meter rechts von uns, im Hexenkessel, liegt an einem Blockhaus, das zwanzigmal Besitz der Deutschen, zwanzigmal Besitz der Franzosen war, ein Haufen Leichen. Die Körper sind ineinanderverschlungen wie in großer Umarmung. Ein furchtbarer Gestank ging davon aus, jetzt bedeckt alle die gleiche dünne Decke weißen Ätzkalks.

Die Revolverkanonen werden zurückgezogen, ich werde zu einem Geschützzug östlich von Verdun versetzt. Die grünen dichten Kronen alter Buchen decken uns gegen feindliche Flieger, wir schießen, wir werden beschossen, im ganzen leben wir ein friedliches, langweiliges Leben. Nur auf das schlechte Essen wird geschimpft, bei den Ställen die Zahlmeister und Feldwebel essen gebratene Beefsteaks und schlagen sich den Bauch voll, das macht böses Blut. Auch daß die Offiziere in der Ruhestellung sich ein neues Kasino bauen lassen, während durch unsere Unterstände Regen rinnt, Bretter und Teerpappe für uns fehlen. Oder daß nahe unseren Geschützen ein betonierter Unterstand für den Stab gebaut wird, mit allem Komfort. »Kostet zwanzigtausend Mark«, sagt ein Maurer, »mit so dicken Geldern kannst du mehr als einen Krieg überwintern.«

Latrinengerüchte schwirren von Mund zu Mund, dort sollen Soldaten gemeutert, dort sich mit den Franzosen verbrüdert haben. Einem General hätten sie die Kaffeebrühe vor die Füße gegossen, einen Offizier im Graben erschossen.

Der Kaiser wird kommen, wir müssen antreten, der Hauptmann bestimmt die Soldaten, die die saubersten Uniformen tragen, so werden schließlich Köche, Schreiber und Offiziersburschen für die Kaiserparade gewählt und mit Eisernen Kreuzen dekoriert. Frontschweine haben da nichts zu suchen, sagen die Soldaten. Brüllendes Gelächter weckt die Nachricht, daß alle ihre scharfe Munition abgeben mußten, bevor sie vor des Kaisers Angesicht traten.

Am besten vertragen wir uns mit den aktiven Offizieren, ihre überlegene Art ist dem Sachlichen und Notwendigen zugewandt, verliert sich selten ans Kleinliche, am schlechtesten stehen wir mit den kleinbürgerlichen Reserveoffizieren, sie spielen sich auf und schikanieren bei jeder Gelegenheit, als müßten sie sich und uns beweisen, wie mächtige Herren sie geworden sind.

Franz bekam von Hause einen dünnhäutigen Regenmantel, ein junger Reserveoffizier hielt ihn an, was er sich einbilde, die Soldaten hätten sich an Regen und Dreck zu gewöhnen, zum Spaß sei der Krieg nicht da, wenn der gemeine Mann heute einen Regenmantel trage, werde er morgen das Recht nehmen, sich Offiziersmützen aufzusetzen.

»Sterben können die Offiziere wie wir«, sagt Franz, »aber leben können sie nicht mit uns.«

Wir wissen vom Krieg nur, was sich in unserem kleinen Abschnitt begibt, von den anderen Fronten erzählen die Zeitungen, selbst das Bild der Gefechte, die wir erleben, formt sich für viele erst nach dem Bericht, das ursprüngliche Bild ändert seine Konturen oder wird verwischt und verdrängt.

In den Feuilletons der Zeitungen sind die Franzosen eine degenerierte Rasse, die Engländer feige Krämerseelen, die Russen Schweine; die Sucht, den Gegner herabzusetzen, zu beschimpfen und zu besudeln, ist so widerwärtig, daß ich in einem Aufsatz, den ich dem »Kunstwart« schicke, mich gegen diese Haltung, die uns selbst herabsetzt, wehre, der Redakteur schickt das Manuskript mit vielen gewundenen Phrasen zurück, man müsse auf die Volksstimmung Rücksicht nehmen. Dabei ist diese Volksstimmung in der Heimat gezüchtet, die Frontsoldaten »spucken darauf«.

Das Dorf A. muß geräumt werden. Um sieben Uhr in der Früh kommt der Befehl, um sieben Uhr dreißig Minuten hat der letzte Einwohner das Dorf verlassen. Als ich um acht Uhr durch die stillen Straßen gehe, in Häuser trete, deren offene Türen niemandem wehren und niemanden einladen, bin ich doch nicht allein. In den Gängen und Stuben die Luft trägt die Wärme der Menschen, die hier gewohnt, und auch die Dinge haben sich nicht gelöst von ihren Besitzern, die Klinken bewahren den Druck der Hände, an Geschirr und Töpfen haften die sorgenden Blicke der Hausfrauen, Schränke und Kommoden bergen Kleider und Hausrat, den Geruch alltäglicher und festlicher Stunden, die Dinge lösen sich schwerer vom Menschen als die Menschen von ihnen, und wenn ein Mensch längst gestorben ist, bleiben sie ihm verhaftet. Hier sind die Menschen nur fortgezogen aus ihren Häusern, weil der Krieg sie verjagt hat, sie durften nichts mit sich nehmen, als was sie tragen konnten mit ihren Armen, jede Stube erzählt vom Schmerz der Wahl. Eine Frau hat Bettwäsche gebündelt und ließ sie liegen. Eine andere Kleider aus einem Schrank gerissen und sie wieder hingeworfen. Einer, Mutter oder Kind, Spielzeug gesammelt und verschnürt, um sich am Ende davon zu trennen.

In der Stille des verlassenen Dorfes ist niemand, mich zu fragen, trotzdem sage ich laut, als ob ich einem der verjagten Menschen Rede stünde:

»Es mußte sein, auch dieses.«

Und mit hastigen Schritten renne ich aus dem Dorf, niemand wird mich aufhalten, vor wem fliehe ich?

Ich bin Unteroffizier geworden. Jede Nacht habe ich Dienst im Graben bei der Infanterie, wir müssen das Mündungsfeuer der französischen Geschütze »anschneiden«, aus der Pause von Licht und Schall läßt sich ihr Standort errechnen.

In drei Schichten wechseln wir ab, die erste Schicht beginnt um acht Uhr abends, die zweite um Mitternacht, die dritte um vier Uhr morgens. Nach ein paar Stunden Schlaf verlassen wir den Unterstand bei den Geschützen und laufen schweigend die aufgeweichten Wege zum Wald, der hinter der dritten Stellung liegt. Krachend und pfeifend, mit vielfachem Echo, explodieren Granaten und Schrapnells. Wir stolpern über Baumstümpfe, wir springen von Granatloch zu Granatloch, in Wassertümpel, in Schlamm. Gelbfeuriges Licht der Geschosse umflammt die Stämme, wir schauen nie nach dem Himmel, wir wissen nicht, ob Sterne uns leuchten oder die Finsternis wie ein schwarzer Sack über uns hängt, endlich finden wir den Laufgraben, und die Augen lösen sich von der Erde.

Wir stehen hinter der Grabenwand und lauern, Gewehrkugeln spritzen lichtzuckend in die Erde, Querschläger surren, Leuchtkugeln entfalten sich, schweben mit weißfahlem Schein über den Drahtverhauen, alle Geräusche vermischen sich mit den Stimmen der Nacht. Da, in der Ferne, blitzen Mündungsfeuer, wir schneiden sie an mit den Scherenfernrohren, wir zählen die Sekunden, bis mit dumpfer Gewalt das Geschoß zerreißt. Aber über allem Schrecken besänftigt die Nacht unsere Herzen, groß und feierlich umhüllt sie Erde und Kreatur, freier wird der Atem, stiller der Puls, sie bettet uns in den Strom der ewigen Gesetze.

Eines Nachts hören wir Schreie, so, als wenn ein Mensch furchtbare Schmerzen leidet, dann ist es still. ›Wird einer zu Tode getroffen sein‹, denken wir. Nach einer Stunde kommen die Schreie wieder. Nun hört es nicht mehr auf. Diese Nacht nicht. Die nächste Nacht nicht. Nackt und wortlos wimmert der Schrei, wir wissen nicht, dringt er aus der Kehle eines Deutschen oder eines Franzosen. Der Schrei lebt für sich, er klagt die Erde an und den Himmel. Wir pressen die Fäuste an unsere Ohren, um das Gewimmer nicht zu hören, es hilft nichts, der Schrei dreht sich wie ein Kreisel in unsern Köpfen, er zerdehnt die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren. Wir vertrocknen und vergreisen zwischen Ton und Ton.

Wir haben erfahren, wer schreit, einer der Unsern, er hängt im Drahtverhau, niemand kann ihn retten, zwei haben's versucht, sie wurden erschossen, irgendeiner Mutter Sohn wehrt sich verzweifelt gegen seinen Tod, zum Teufel, er macht so viel Aufhebens davon, wir werden verrückt, wenn er noch lange schreit. Der Tod stopft ihm den Mund am dritten Tag.

Ich sehe die Toten, und ich sehe sie nicht. Als Knabe habe ich auf Jahrmärkten Schreckenskammern besucht, darin in wächsernen Figuren die Kaiser und Könige, die Helden und Mörder des Tages gezeigt wurden. Die gleiche Unwirklichkeit, die Grauen zeugt, aber kein Mitleid, haben die Toten.

Ich stehe im Graben, mit dem Pickel schürfe ich die Erde. Die stählerne Spitze bleibt hängen, ich zerre und ziehe sie mit einem Ruck heraus. An ihr hängt ein schleimiger Knoten, und wie ich mich beuge, sehe ich, es ist menschliches Gedärm. Ein toter Mensch ist hier begraben. Ein – toter – Mensch.

Warum halte ich inne? Warum zwingen diese Worte zum Verweilen, warum pressen sie mein Hirn mit der Gewalt eines Schraubstocks, warum schnüren sie mir die Kehle zu und das Herz ab? Drei Worte wie irgendwelche drei andern.

Ein toter Mensch – ich will endlich diese drei Worte vergessen, was ist nur an diesen Worten, warum übermächtigen und überwältigen sie mich?

Ein – toter – Mensch –

Und plötzlich, als teile sich die Finsternis vom Licht, das Wort vom Sinn, erfasse ich die einfache Wahrheit Mensch, die ich vergessen hatte, die vergraben und verschüttet lag, die Gemeinsamkeit, das Eine und Einende.

Ein toter Mensch.

Nicht: ein toter Franzose.

Nicht: ein toter Deutscher.

Ein toter Mensch.

Alle diese Toten sind Menschen, alle diese Toten haben geatmet wie ich, alle diese Toten hatten einen Vater, eine Mutter, Frauen, die sie liebten, ein Stück Land, in dem sie wurzelten, Gesichter, die von ihren Freuden und ihren Leiden sagten, Augen, die das Licht sahen und den Himmel. In dieser Stunde weiß ich, daß ich blind war, weil ich mich geblendet hatte, in dieser Stunde weiß ich endlich, daß alle diese Toten, Franzosen und Deutsche, Brüder waren und daß ich ihr Bruder bin. – Nun kann ich an keinem Toten mehr vorbeigehen, ohne innezuhalten, sein Antlitz zu betrachten, dessen erdige Patina, eine undurchdringliche Mauer, ihn der vertrauten Zeit entrückt; wer warst du, frage ich, von wo kommst du, wer trauert um dich? Niemals frage ich: Warum mußtest du sterben? Niemals: wer ist schuld? Alle verteidigen ihr Land, der Deutsche Deutschland, der Franzose Frankreich, alle erfüllen ihre Pflicht.

 

Ich hole Kaffee aus der Feldküche. Am Wegrand sitzt ein Soldat, ein Knabe, dem die graue Uniform um die mageren Glieder schlottert, als gehöre sie nicht ihm, sondern seinem Vater, und er trage sie zu kindlichem Spiel. Der Knabe weint, er schlägt die Hände vors Gesicht, er preßt die Nägel in die Handwurzeln. Die Arme lösen sich, sinken kraftlos zu Boden, der Körper sackt zusammen.

»Junge«, sage ich.

Der Knabe strafft sich blicklos.

»Junge«, sage ich noch einmal.

Der Knabe sitzt starr da, aus den Augen rinnen willenlos die Tränen.

Ich berühre seine Schultern, er weist mit müder Bewegung des Kopfes nach rückwärts.

Dort liegt ein zweiter Knabe, eine Mütze bedeckt sein Gesicht. Ich hebe die Mütze auf. Blonde Strähnen fallen wirr auf die gewölbte Stirn, die Augen im schmalen, kantigen Gesicht sind geschlossen, der Mund, das Kinn ... aber das ist blutiger Brei, der Knabe ist tot.

»Er war mein Freund«, sagt der erste, »wir gingen in eine Schule, in eine Klasse. Er war ein Jahr jünger als ich, noch nicht siebzehn. Ich meldete mich freiwillig, er durfte nicht, seine Mutter wollte es nicht erlauben, er war der einzige Sohn. Er schämte sich, wir bettelten beide, endlich gab seine Mutter nach. Vor einer Woche kamen wir ins Feld, jetzt ist er tot. Was soll ich seiner Mutter schreiben?«

»Schreib, er hat seine Pflicht getan«, will ich sagen, aber ich sag's nicht, im Munde bleibt ein fader Geschmack, ich packe die scheppernden Kaffeetöpfe.

»Schreib ihr gar nicht«, rufe ich, »hör auf zu heulen, Junge.«

 

Wieder ist Frühling. In der Waldlichtung aus den Gräbern der Soldaten sprießt Gras. Die Grabdecke ist dünn, zu dünn, von einem toten Soldaten hat der Regen die Erde weggespült, die seine Füße bedeckte, in schauriger Blöße wachsen zwei derbe rindslederne Stiefel aus dem Boden.

»Schuhnummer 48«, sagt ein Berliner Infanterist, der neben mir steht.

In den Stiefeln verwesen Beine, die marschiert sind über die Felder Rußlands und Frankreichs, sie haben Stechschritt gelernt und sind im Parademarsch vorbeimarschiert an Generälen und vielleicht am Kaiser, sie konnten auf der Stelle treten nach den Geboten des Exerzierreglements, in Eilmärschen die Stellung wechseln und sich gegen den Boden stemmen, wenn es galt, ein Stück Stacheldraht zu verteidigen, sie waren mehr wert als ein Kopf und weniger als ein Gewehr. Millionen Beine verwesen in der Erde Europas, die Stiefel hat man ihnen mitgegeben ins dürftige Grabgewölbe, wie toten Königen das Zepter.

Ich ziehe mein Seitengewehr und breche damit Erdschollen, ich bedecke die Stiefel, die »ihre Pflicht« getan haben.

 

Hinter unseren Linien ist ein französisches Flugzeug brennend abgestürzt. Der Apparat war zertrümmert, der Führer verkohlt, nur die gelben Juchtenstiefel blieben unversehrt. Jetzt trägt sie der Gefreite vom zweiten Geschütz, er paradiert damit vor den französischen Mädchen im Dorf. »Comme elles sont chiques«, lachen die Mädchen, »Franzä«, lacht der Gefreite, und er erzählt, wie er sie erobert hat, »Flieger bum, kaput«. Die Mädchen blicken stumm und ängstlich zu Boden.

»Flieger kaput, la France kaput«, sagt der Gefreite.

»Jamais«, sagt zornig ein Mädchen.

»Ich und du amour«, sagt der Gefreite.

Dreizehn Monate bleibe ich an der Front, die großen Empfindungen werden stumpf, die großen Worte klein, Krieg wird zum Alltag, Frontdienst zum Tagwerk, Helden werden Opfer, Freiwillige Gekettete, das Leben ist eine Hölle, der Tod eine Bagatelle, wir alle sind Schrauben einer Maschine, die vorwärts sich wälzt, keiner weiß, wohin, die zurück sich wälzt, keiner weiß, warum, wir werden gelockert, gefeilt, angezogen, ausgewechselt, verworfen – der Sinn ist abhanden gekommen, was brannte, ist verschlackt, der Schmerz ausgelaugt, der Boden, aus dem Tat und Einsatz wuchsen, eine öde Wüste.

Die Führungsringe von Blindgängergranaten hauen wir ab, aus Leichtsinn. Neulich ist eine krepiert und hat zwei Mann zerrissen, ist nicht alles gleichgültig?

 

Ich melde mich zum Fliegerkorps, nicht aus Tapferkeit, nicht einmal aus Lust am Abenteuer, ich will aus der Masse ausbrechen, aus dem Massenleben, aus dem Massensterben.

Bevor ich zur neuen Truppe versetzt werde, erkranke ich. Magen und Herz versagen. Ich komme ins Lazarett nach Straßburg. In ein stilles Franziskanerkloster. Schweigsame, freundliche Mönche pflegen mich. Nach vielen Wochen werde ich entlassen. Ich bin kriegsuntauglich.

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