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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 4
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
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Drittes Kapitel

Kriegsfreiwilliger

Als der Zug in Lindau, auf deutschem Boden, einläuft, singen wir wieder »Deutschland, Deutschland über alles«. Wir winken den bayerischen Landwehrmännern zu, die den Bahnhof bewachen, jeder von ihnen ist das Vaterland, die Heimat; wenn ihre Vollbärte wedeln, hören wir die deutschen Wälder rauschen. Schwitzend vor Würde läuft ein spitzbäuchiger Reservemajor auf und ab, mitten in unseren Gesang fistelt seine Knödelstimme: »Niemand aussteigen!«

Die Vollbärte wedeln nicht mehr, streng und unnahbar stellen sich die Soldaten vor die Coupétüren. Endlich dürfen wir den Zug verlassen. Unsere Pässe werden kontrolliert, unsere Koffer durchsucht, unser Gefühl prallt ab an der Mauer betonierter Ordnung. Nach stundenlangem Warten werden wir in einen Güterzug verladen, jeder Waggon trägt die Aufschrift: sechzehn Mann oder acht Pferde; rohe harzduftende Bretter dienen als Sitzbänke. Wir wissen nicht, wohin uns der Zug führt, was liegt daran, wo er auch halten mag, es wird eine deutsche Stadt sein.

Ich habe die Stimmen der Menschen noch im Ohr, die schrien, daß Frankreich angegriffen sei, jetzt lese ich in deutschen Zeitungen, daß Deutschland angegriffen wird, und ich glaube es. Französische Flieger, sagte der Reichskanzler, haben Bomben auf bayerisches Land geworfen, Deutschland wurde überfallen, ich glaube es.

An den Bahnhöfen schenkt man uns Karten mit dem Bild des Kaisers und der Unterschrift: »Ich kenne keine Parteien mehr.«

Der Kaiser kennt keine Parteien mehr, hier steht es schwarz auf weiß, das Land keine Rassen mehr, alle sprechen eine Sprache, alle verteidigen eine Mutter, Deutschland.

 

Wenn wir über Brücken fahren, dürfen die Fenster nicht geöffnet werden. »Hütet euch vor Spionen!« schreien die Plakate. »Seid vorsichtig in euren Gesprächen!« warnen die Schilder. Je länger die Fahrt dauert, desto mißtrauischer werden wir. Es soll von russischen und französischen Agenten wimmeln. Ich sehe meinen Nachbarn an, einen biederen schwäbischen Viehhändler, dessen geröteter Kropf vor Erregung zittert, mein Nachbar sieht mich an, wir senken den Blick krampfhaft zu Boden, die Luft ist geladen mit unbrüderlichem Mißtrauen.

 

Ich habe mich entschlossen, nicht erst nach Hause zu fahren. In München müssen wir den Zug verlassen, es ist späte Nacht. Ich gehe in ein Hotel. Am nächsten Morgen werde ich mich als Freiwilliger melden.

Es ist nicht so leicht, Soldat zu werden. Die Kasernen sind mit Freiwilligen überfüllt, bei der Infanterie und Kavallerie werde ich abgewiesen, ich soll warten, Freiwillige werden nicht mehr eingestellt. Ich gehe durch die Straßen Münchens, am Stachus tobt Tumult, einer will gehört haben, wie zwei Frauen französisch sprechen, die zwei Frauen werden verprügelt, sie protestieren in deutscher Sprache, sie seien Deutsche, es hilft ihnen nichts, mit zerrissenen Kleidern, zerrauften Haaren und blutigen Gesichtern werden sie von Schutzleuten zur Wache geführt.

Im Englischen Garten setze ich mich auf eine Bank, über die alten Buchen streicht ein lauer Wind, es sind deutsche Buchen, nirgends auf der Welt wachsen herrlichere. Neben mir sitzt ein hagerer Mensch, selbst sein Adamsapfel, spitz und riesig, erscheint mir liebenswert. Er steht auf, er geht fort, er kommt mit anderen Menschen wieder. Verwundert sehe ich, wie man auf mich zeigt, dann auf meinen Hut, dessen Futter, allen sichtbar, mit großen blauen Buchstaben den Namen des Lyoner Hutfabrikanten trägt. Ich nehme meinen Hut, gehe weiter, die Gruppe, zu der andere Neugierige stoßen, folgt mir, ich höre erst einen, dann viele rufen: »Ein Franzose, ein Franzose!« Ich denke an die »Französinnen« vom Stachus, beschleunige meine Schritte, Kinder laufen neben mir her, weisen auf mich mit Fingern, »ein Franzos, ein Franzos!«, zum Glück begegnet mir ein Schutzmann, ich zeige ihm meinen Paß, die Menschen umringen uns, er zeigt ihnen meinen Paß, unwillig und schimpfend zerstreuen sie sich.

 

Nachmittags gerate ich in einen Zug, der zum italienischen Konsul zieht. Italien kämpft mit uns, heißt es, wir singen »Deutschland, Deutschland über alles«, wir lassen Italien hochleben und die Treue unserer Verbündeten.

Am nächsten Morgen melde ich mich bei der Artillerie, der Arzt untersucht mich, schüttelt den Kopf, ich habe Angst, daß ich nicht angenommen werde, ich sage, der Augenschein trügt, ich bin stark und gesund, ich muß angenommen werden, ich will in den Krieg. Der Arzt lächelt gutmütig, ich bin angenommen.

Die alte vertragene Uniform schlottert um meine Glieder, die Stiefel drücken mich, und meine Füße schmerzen, aber ich bin stolz, endlich bin ich Soldat, aufgenommen in die Reihen der Vaterlandsverteidiger. Ich kann einen Gemeinen nicht von einem General unterscheiden, so grüße ich mit geblähter Brust jeden, der mir begegnet. In der Trambahn spricht mich ein bieraufgeschwemmter Spießer an. Aus dem Rock zieht er die Zigarrentasche, öffnet sie, links liegen helle gute Zigarren, rechts verkümmerte schwärzliche mit prahlerischer Bauchbinde, er zeigt auf die mit der Bauchbinde, ich muß eine nehmen, jovial schlägt der Mann mir auf die Schenkel: »A Pardon gebens den verkommenen Franzosen fei net, Herr Krieger!« An der nächsten Haltestelle verläßt er den Wagen, noch bevor der Schaffner merkt, daß er kein Billett gekauft hat.

Alte Unteroffiziere und junge Kadetten lehren uns, wie ein richtiger Mann stillzustehen und wie er sich zu rühren hat. Wir lernen, daß niemand ein Held des Krieges werden kann, der den Stechschritt des Friedens nicht »wie im Schlaf« beherrscht.

Zwei- oder dreimal am Tag läuten die Glocken. Wir werden zusammengerufen. Der Offizier verkündet neue Siege. Wir schreien »Hurra!«. Wenn die Truppen so weiter siegen, wird der Krieg ohne uns gewonnen.

 

Mitte August verlassen wir, blumengeschmückt, von Frauen und Kindern begleitet, München. Noch ziehen wir nicht ins Feld. Mit unbekanntem Ziel fährt der Zug ab. Tagelang fahren wir. Auf einer Bahnstation, an der wir halten, steht im Nebengeleis ein Lazarettzug. An Krücken humpelt mit zerrissenen und blutbefleckten Kleidern einer, dem sie ein Bein weggeschossen haben. Ich sehe zum erstenmal einen Verwundeten. Ich sehe ein lehmgelbes, eingefallenes Gesicht, müde, blicklose Augen, in der Brust spüre ich einen stechenden Schmerz, ich habe Angst, ich will keine Angst haben, ich will nicht weich werden, was liegt an uns, ich denke an Deutschland.

 

Mitten in der Nacht schreckt uns eine Stimme aus dem Schlaf, wir fahren über den Rhein. Wir springen auf, wir öffnen die Fenster, unter uns fließt schwarz und still der Rhein. Die Kadetten ziehen die Säbel aus der Scheide, »Achtung!« schreit einer, ein andrer singt »Die Wacht am Rhein«, wir singen mit und schwingen drohend unsere Gewehre.

Ja, wir leben in einem Rausch des Gefühls. Die Worte Deutschland, Vaterland, Krieg haben magische Kraft, wenn wir sie aussprechen, verflüchtigen sie sich nicht, sie schweben in der Luft, kreisen um sich selbst, entzünden sich und uns.

In Bellheim in der Pfalz, nahe der Festung Germersheim, beziehen wir Quartier. Der Lagerraum einer chemischen Fabrik dient uns als Schlafraum, der beizende Dunst der Säuren vermischt sich mit den Ausdünstungen unserer Körper, eine Strohstatt ist unser Lager, ein Pferdewoilach unsere Decke. Das Stroh wird von unseren kotbespritzten Stiefeln dumpf und faulig, die Decke feucht und schimmlig. Wir beklagen uns nicht, je härter, um so besser, die im Schützengraben haben kein Dach überm Kopf, jede Entbehrung bringt uns ihnen näher. Werden zu schmutzigen Arbeiten Freiwillige verlangt, melden sich alle. Wenn ich das stinkende Klosett reinige, fühle ich mich ausgezeichnet und erhöht. Zu essen gibt es reichlich, zu reichlich. Jeden Tag sind die Abfallfässer vollgepfropft mit vertrockneten Broten und fetten Fleischstücken.

Die Vorgesetzten wissen mit unserm Enthusiasmus nichts anzufangen. Wir werden sinnlos gedrillt. Hat es geregnet, ist der Exerzierplatz aufgeweicht und schlammig, bekommt die Stimme des Unteroffiziers einen süßlich schmierigen Ton: »Hinlegen!« flötet er. »Aufstehen! Hinlegen! Aufstehen!« Wir schmeißen uns in den Dreck, wir stehen auf, wir schmeißen uns wieder in den Dreck, wir müssen mit dem Kopf im Schlamm liegenbleiben, nach der Exerzierstunde starren wir vor Nässe und Schmutz. Auf dem Heimweg befiehlt der Feldwebel, daß wir das Lied »Wie ein stolzer Adler« singen.

Einer bittet, man soll uns frisches Stroh geben, der Wunsch wird nicht erfüllt. Erst als das Ungeziefer uns nicht mehr schlafen läßt, und selbst beim Appell die Soldaten sich jucken und kratzen und der Arzt feststellt, daß alle ohne Ausnahme Filzläuse haben, muß das Stroh verbrannt und der Raum desinfiziert werden.

 

Im Januar 1915 verlassen wir die Pfalz. Vor unserer Abfahrt hält der Hauptmann eine Rede: Wir kämen zwar in deutsches Land, aber verdächtige Menschen wohnten dort, fast Feinde, vor denen wir uns in acht nehmen müßten, wir würden bei Bürgern einquartiert werden, aber wir dürften ihnen nicht trauen und müßten nachts die Stuben verriegeln und die Waffen bereithalten.

Das Land, von dem der Hauptmann spricht, ist Elsaß-Lothringen, seit dreiundvierzig Jahren deutsches Reichsland.

 

Wir beziehen in den Dörfern vor Straßburg Quartier. Wir heißen jetzt Ersatzbataillon des 1. Fußartillerieregiments. Ich wohne bei einem Gastwirt, der an der russischen Front kämpft, seine Frau und seine Tochter, deren Mann in Frankreich kämpft, verwalten die Wirtschaft. Ich werde mit gutem Wein und gutem Essen freundlich aufgenommen, aber ich bin mißtrauisch am ersten Abend, ich verschließe die Tür und lade mein Gewehr. Ich träume, die alte und die junge Frau schlagen meine Tür ein, und während mich die junge festhält, schneidet mir die alte mit einem Küchenmesser die Kehle durch. Schreiend fahre ich auf, es hat an meine Tür geklopft, draußen steht die Alte und fragt mich, ob ich zum Frühstück ein Ei essen möchte, ob ich schmutzige Wäsche habe, ich solle mich um nichts sorgen, sie werde alles in Ordnung halten. Am nächsten Abend lasse ich meine Tür offen und die Munition in der Patronentasche. Einmal, als ich mit der jungen Frau mich unterhalte, klagt sie über das Mißtrauen der Offiziere und Beamten, der elsässische Soldat werde kontrolliert und bespitzelt, die Bevölkerung schikaniert, was den Franzosen nicht gelänge, würden die Preußen erreichen: das Band zu Deutschland würde zerschnitten.

 

Wir werden weitergedrillt, auf dem Exerzierplatz hören wir jeden Tag, daß uns »die Eier geschliffen werden müssen«.

Der Vormarsch in Frankreich ist zum Stillstand gekommen, niemand weiß warum, von der verlorenen Marneschlacht haben die Zeitungen nichts berichtet, die Deutschen siegen immerfort, trotzdem ist Paris nicht gefallen, trotzdem geht der Krieg weiter.

Es ist März 1915, die Untätigkeit wird unerträglich. Den halben Tag stehen wir wartend umher, zwischen Warten und Drill verrinnt die Zeit. Ab und zu werden vom Feld Soldaten angefordert. Als eines Tages der Hauptmann drei kräftige Leute für einen Zug in Frankreich aussucht und wieder an mir vorbeigeht, trete ich unmilitärisch vor und melde mich.

»Sie sind nicht kräftig genug«, sagt der Hauptmann.

»Ich bin noch kräftiger, ich ertrag's nicht mehr hier, ich will ins Feld!«

Der Feldwebel erstarrt, die Unteroffiziere werfen mir wütende Blicke zu, der Hauptmann weiß nicht recht, was tun, er schwankt, ob er mich bestrafen soll, er dreht sich um und schreit dem Feldwebel zu:

»An die Front mit ihm!«

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