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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 15
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
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Vierzehntes Kapitel

Standgericht

Einen Tag vor der Verhandlung besucht mich der Frisör. Er schneidet mir die zweifarbigen Haare, die rötlichen Spitzen müssen bleiben, verrät er, der Staatsanwalt habe es eigens befohlen, damit die Richter und die Herren von der Presse und die Leute sähen, wie raffiniert ich es angestellt hätte, mich dem Zugriff der Gerechtigkeit zu entziehen. »Trösten Eahna, Herr Toller«, meint er, »in zwei Farben schillern ist modern, das tun ja alle miteinand heit.«

 

Am Morgen führt mich ein Auto, dem ein Lastwagen mit schwerbewaffneten Soldaten folgt, zum Gerichtsgebäude. Von zwei Gendarmen eskortiert, betrete ich den Saal und setze mich auf die Anklagebank. Ich sehe niemand, nicht die »Herren von der Presse« und nicht »die Leute«, ich sehe nur das große Bild in Goldrahmen, das über dem leeren Richtertisch an der Wand hängt, es ist der gute König Ludwig. Millibauer nannte ihn sein Volk. Zuletzt begegnete ich ihm im Krieg, in den Harmonikahosen knickten die Knie, als er die Front der Kriegsfreiwilligen abschritt, jetzt lebt er auf einem Gut in Ungarn; aber sein heroisches Bild ist der Schutzpatron des republikanischen Reiches geblieben.

Habe die Ehre, Majestät, blinzle ich dem Bild zu.

»Aufstehen, der Gerichtshof«, flüstern die Gendarmen.

Da schreiten in feierlichem Gänsemarsch die Richter durch die geöffnete Tür, drei Talare, zwei Uniformen und zwei Bratenröcke.

Aus den Kleiderrequisiten wachsen Köpfe, und die Köpfe haben Augen. Harte Sezieraugen und kalte Fischaugen, neugierige Flackeraugen und stahlblaue Puppenaugen.

Komisch, wie unfeierlich sie wirken, ich kann das Gefühl nicht loswerden, die da oben spielen Richter, wie wir als Kinder Pfarrer oder Kapellmeister gespielt haben.

 

Eine alte Arbeiterfrau brachte mir jeden Tag ins Gefängnis eine Thermosflasche mit Suppe. Damit ich etwas Warmes habe, ließ sie mir sagen.

Die Richter des Standgerichts nennen, was ich getan, Hochverrat, sie weisen mit dem Finger auf das kaiserliche Gesetzbuch, nach dem sie richten, sie sind zweifellos weiser als die alte Arbeiterfrau, sie verachten den gesunden Menschenverstand, der begreift, daß der Hochverratsparagraph dieses Gesetzbuchs die Monarchie schützen sollte und die Monarchie längst entthront ist.

Mit der Anklage, ich hätte die Verfassung gestürzt, ist es auch so eine Sache, die alte Verfassung haben jene Minister gestürzt, die mich heute vor Gericht stellen, und eine neue gibt es noch nicht. Das weiß wohl die alte Arbeiterfrau; aber die Richter brauchen es nicht zu wissen, wie denn auch, etwa die beiden Offiziere, die in Paradeuniform neben den gelblichen Herren in schwarzen Talaren sitzen, denen frische Luft mangelt, oder die beiden Beisitzer »aus dem Volk«, nicht zum Richten bestellt, sondern zu kontrollieren, ob alles seinen ordentlichen Weg gehe und die Paragraphen beachtet würden, angst und bange ist ihnen vor der Aufgabe, der sie nicht gewachsen sein könnten, selbst wenn sie hundertmal klüger wären, als sie sind. Sie wischen sich mit dem Taschentuch den Schweiß von Stirn und Nase, sie atmen erleichtert auf, wenn sie im Zuschauerraum Bekannte sehen, die stolzgeschwellte Gattin oder neidische Freunde, wär's nur schon vorbei.

 

Arme Angeklagte, ihr werdet aus der warmen Dumpfheit des Lebens gerissen, ihr steht vor euren Richtern und sollt eine Tat verantworten, es wird euch bewiesen, daß diese Tat einen Grund hat, daß sie einer früheren Tat mit gesetzmäßiger Notwendigkeit folgte. Ihr sollt den Grund nennen, ihr kennt ihn nicht, ihr wißt viele Gründe und viele nicht, da spielten mit Gefühle, Begierden, Erinnerung, ja vielleicht die Sonne, der Sturm, eine Speise, ein Getränk, die Ahnen. Ein Licht kann erlöschen aus vielen Gründen, der Docht kann verglimmt sein, das Öl fehlen, der Wind es ausgeblasen, ein Regen es erstickt haben. Aber des Menschen Worte sind vor dem Richter einsinnig, seine Taten eindeutig und haben nur einen Grund, eingeleisig ist seine Bahn, das Leben einfach und einfältig.

 

Ein junger Mensch erschlug im Gasthaus in der Leidenschaft einen Kameraden, nach der Tat rannten Wirt und Gäste erschreckt davon, er blieb mit dem Toten allein, er faßte nicht mehr, was er getan, nur Durst verspürte er, großen Durst, er ging zum Bierhahn, goß sich ein Glas ein, leerte das Glas in einem Zug, sah zur Erde, dort lag der Tote, neben ihm das Messer, es war sein Messer, da begriff er und floh. Daß er Bier getrunken habe, sagte der Richter, zeuge nicht für seinen Durst, sondern für seine Roheit, und darum wurde ihm Milde versagt, das Bier kam ihn teuer zu stehen, es kostete ihn viele Jahre Zuchthaus.

 

Daran muß ich denken, als mich die Richter vernehmen, für meinen Hochverrat scheinen sie sich nicht zu interessieren, ob ich intime Beziehungen zu einer bekannten Schauspielerin hatte, ist ihnen wichtig, ob ich geschlechtskrank gewesen sei, nein, sie sehen sich bedeutungsvoll an und nicken mit den Köpfen, ich weiß nicht, in welchem Kausalzusammenhang Erotik und Hochverrat stehen, weiß nicht, ob sie mein Verbrechen nun milder oder härter beurteilen.

 

Den Ernst der Verhandlung unterbricht ein heiteres Zwischenspiel, als erster Zeuge wird der Bauer Eisenberger vernommen, er ist Abgeordneter, in Kniehosen, Wadenstrümpfen und grünem Lodenhütchen erscheint er vor Gericht, der Richter bedeutet ihm, daß solches Gewand der Würde des Gerichts nicht angemessen sei. »So, nicht angemessen«, sagt er, »da kann i ja wieder gehn, i will Eahna wos sagn, angmessener erschein i in der Nationalversammlung a nöt, und die Nationalversammlung, die is noch würdiger als wie das Gricht«, und überhaupt habe das Gericht gar kein Recht, ihn als Zeugen zu laden, weil er Abgeordneter sei und ein Immuner, und wenn einer immun sei, müsse erst die Nationalversammlung gefragt werden, ob er aussagen dürfe. Trotzdem sagt er aus. Er weiß nichts zu bekunden, er spricht aus seiner Lebenserfahrung: »Entweder wissen wir nichts mehr, wir Alten«, sagt er, »oder die andern sind gescheiter«, und überhaupt sei er nur ein einfacher Bauer. Da der Vorsitzende ihm zublinzelt, er solle nicht so tun, so ein einfacher Bauer sei er gar nicht, bezeugt er endlich unter Eid, der Angeklagte habe auf ihn einen dummen Eindruck gemacht. Mit »Grüß Eahna Gott, Herr Vorsitzender«, verabschiedet er sich und fragt, bevor er zur Tür hinausgeht, wo er seine Diäten holen könne, viel Zeit habe er nicht, er müsse nach Weimar fahren zur Nationalversammlung, damit das deutsche Volk endlich seine Verfassung bekomme.

 

Meine Verteidiger wollen durch Zeugen beweisen, daß die Minister der amtierenden Regierung an der Schaffung der Räterepublik beteiligt waren und den Hochverrat förderten, diese einfache Frage ist den Richtern zu verzwickt, sie erklären sie als nicht zur Sache gehörig, wichtiger scheint ihnen, ob die Bücher der roten Armee in Dachau ordentlich geführt wurden und ob ich, wie ein Bürger aus Dachau bekunden werde, tatsächlich dem Hausmädchen bei meiner Abreise vom Kriegsschauplatz kein Trinkgeld gegeben hätte.

 

Viele Zeugen werden vernommen, die einen sagen Gutes, die andern Schlechtes, ich lerne, daß man gewünschte Antworten durch geschickte Fragen erzielt. Fragt der Staatsanwalt, weint der Zeuge, fragt der Verteidiger, lacht er. Ich muß mich gegen den Vorwurf der Feigheit wehren, weil ich mich nicht erschlagen ließ. Ich muß darum kämpfen, daß ich für meine Tat verantwortlich bin, denn ich weiß, daß man aus meinem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik im vorigen Jahr mir einen Strick drehen möchte, wenn man mir die Verantwortung abspricht, wird die Partei, deren Vorsitzender ich war, verurteilt.

 

Ich lasse es zu, daß Thomas Mann, Björn Björnson, Max Halbe, Carl Hauptmann meine Dichtungen loben, ich schäme mich, dieses Lob soll ein milderes Urteil erwirken.

 

Schon ist die Beweisaufnahme geschlossen, da meldet sich der Staatsanwalt, neue Zeugen würden bekunden, daß ein militärischer Befehl, den ich abgeleugnet habe, meine Unterschrift trüge. Dieser Befehl belastet mich nicht ernstlich, trotzdem, aus einem plötzlichen Gefühl von Angst leugne ich, ich rede mir ein, wenn ich jetzt auf einer Lüge ertappt würde, müßte das Urteil härter ausfallen, der Mut verläßt mich, meine Rede verwirrt sich, ich möchte stark sein und bin klein, während ich spreche, denke ich daran, daß ich schon einmal so klein war, als ich nicht zugeben wollte, das Streikflugblatt geschrieben zu haben, ich wünsche, daß die Richter mir nicht glauben, aber die Richter glauben mir, die Beweisaufnahme bleibt geschlossen.

 

Das Wort hat mein Anwalt Hugo Haase, zum letzten Mal verteidigt er Recht gegen Willkür, bald danach wird er, wie so viele Männer des neuen Deutschland, erschossen. »Es ist ein unfaßbarer Gedanke«, sagt er, »daß die Revolutionäre von gestern die Revolutionäre von heute wegen Hochverrats vor die Richter ziehen können, die zum Schutze der ursprünglichen monarchischen Verfassung eingesetzt worden sind. Es ist ein Nonsens, daß die Regierung, die selbst durch eine Revolution zur Herrschaft gekommen ist, diejenigen als Hochverräter ins Zuchthaus oder gar aufs Schafott schickt, die nichts anderes tun, als sie selbst getan hat. Als das Parlament nach dem Tode Eisners die Flucht ergriff, hat es sich selbst als gesetzgeberisches Organ ausgeschaltet. Aber auch das alte Ministerium stellte seine Funktionen ein. Die Minister ließen sich fast gar nicht mehr sehen, nur drei von ihnen verhandelten weiter mit dem Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte. Damit war anerkannt, daß anstelle der parlamentarischen Verfassung die Räte die oberste Gewalt in Bayern hatten. Die Beschlüsse dieser Körperschaft wurden allgemein als maßgebend angesehen. Die Räterepublik war beschlossen, und zwar gerade unter dem Drängen der rechtssozialistischen Partei, als Toller sich nicht in München befand. Er hat sich auf den Boden der gegebenen Tatsachen gestellt und für die neue Regierung gearbeitet. Unvergeßlich ist mir, wie nach dem 9. November 1918 der Generalfeldmarschall Hindenburg, der General Groener, der frühere Staatssekretär des Auswärtigen v. Hintze und zahlreiche andere hohe Beamte und Militärs unter ausdrücklicher Betonung, daß sie sich auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellten, der revolutionären Regierung ihre Dienste anboten. Wird die Anklagebehörde die Behauptung aufstellen wollen, daß alle diese Männer Hochverräter waren?

Einer der edelsten Menschen, der sich auch im Krieg bewährt hat, Romain Rolland, ist warm für Toller eingetreten. Am 7. Juli haben die französischen sozialistischen Studenten ihn zu ihrem Ehrenpräsidenten gewählt.

Der Staatsanwalt hat ihn dadurch herabsetzen zu können geglaubt, daß er ihn einen ›Landfremden‹ nannte. Die Engherzigkeit dieser Auffassung scheint mir besonders kraß in diesem Augenblicke, wo die neue Reichsverfassung noch schärfer als bisher den Grundsatz vertritt, daß jeder Deutsche überall in Deutschland vollberechtigt zu Hause ist. Die Äußerung des Staatsanwalts mutet um so merkwürdiger an, als er gewiß den Preußen Toller nicht für einen Landfremden angesehen hat, als er sich nach Kriegsausbruch in seinem jugendlichen Enthusiasmus bei einer bayerischen Truppe stellte. Die bayerischen Kameraden, die bayerischen Offiziere, die als Zeugen für ihn aufgetreten sind und ihm Kameradschaftlichkeit, Mut, Unerschrockenheit und Pflichttreue nachgerühmt haben, sind weit entfernt von dem engen Standpunkt des Staatsanwalts. Selbst das rechtssozialistische Organ Münchens, die ›Münchener Post‹, hat geschrieben, daß Toller vom Vertrauen der Arbeitermassen getragen war.

Es ist meine innerste Überzeugung, daß Toller freigesprochen werden muß.«

 

Ich spreche das letzte Wort des Angeklagten, ich habe mich gesammelt und wiedergefunden.

»Meine Herren Richter«, sage ich, »ich habe all meine Handlungen aus sachlichen Gründen, mit kühler Überlegung begangen und beanspruche, daß Sie mich für diese Handlungen verantwortlich machen.

Ich würde mich nicht Revolutionär nennen, wenn ich sagte, niemals kann es für mich in Frage kommen, bestehende Zustände mit Gewalt zu ändern. Wir Revolutionäre anerkennen das Recht zur Revolution, wenn wir einsehen, daß Zustände nach ihren Gesamtbedingungen nicht mehr zu ertragen, daß sie erstarrt sind. Dann haben wir das Recht, sie umzustürzen.

Sie werden nicht von mir verlangen, daß ich nach meinen Anschauungen vom Standgericht Gnade erbitte. Ich frage mich, warum setzt man Standgerichte ein? Glaubt man, wenn man einige Führer erschießt oder ins Gefängnis schickt, die gewaltige revolutionäre Bewegung der ausgebeuteten werktätigen Bevölkerung der Erde eindämmen zu können? Welche Unterschätzung dieser elementaren Massenbewegung, welche Überschätzung von uns Führern!

Die Revolution gleicht einem Gefäß, gefüllt mit dem pulsierenden Herzschlag der Millionen arbeitender Menschen. Nicht eher wird der revolutionäre Geist tot sein, als bis die Herzen dieser Menschen aufgehört haben zu schlagen.

Man sagt von der Revolution, sie sei eine Lohnbewegung des Proletariats und will sie damit verächtlich machen.

Meine Herren Richter! Wenn Sie einmal zu den Arbeitern gehen, dann werden Sie begreifen, warum diese Menschen vor allen Dingen ihre materielle Notdurft befriedigen müssen.

Aber in diesen Menschen lebt auch ein tiefes Ringen um geistige Befreiung, ein tiefes Sehnen nach Kunst und Kultur. Der Kampf hat begonnen, und er wird nicht niedergehalten werden durch die Bajonette und Standgerichte der vereinigten kapitalistischen Regierungen der ganzen Welt.

Ich bin überzeugt, daß Sie nach bestem Wissen und Gewissen das Urteil sprechen. Aber nach meinen Anschauungen müssen Sie mir zugestehen, daß ich dieses Urteil nicht als ein Urteil des Rechts, sondern als ein Urteil der Macht hinnehmen werde.«

 

Zu fünf Jahren Festung werde ich verurteilt, ich hätte das Verbrechen eines Hochverrats begangen, aber aus ehrenhaften Motiven.

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