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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 14
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
firstpub1936
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Dreizehntes Kapitel

Eine Zelle, ein Hof, eine Mauer

Im Korridor vor meiner Zelle postieren sich zwei Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten. Rasch hat es sich im Polizeigebäude herumgesprochen, daß ich gefangen bin, an die Zellenfenster aller Stockwerke pressen sich Köpfe, Hände winken mir, alte Kameraden grüßen mich, selbst die Straßenmädchen verleugnen ihren Beruf. »Mir san a politisch«, schreien sie im Chor und »Hoch die Retterepublik!«

Vor meiner Zelle defilieren in großer Prozession die Polizeifunktionäre, jeden Augenblick wird die Klappe am Spion geöffnet, ein Auge glotzt. Wie grauenhaft ein menschliches Auge aussehen kann, aus dem weißen Augapfel quillt gierig die Pupille. Ich drehe der Tür den Rücken zu.

Die Zellentür wird aufgeschlossen, herein trampeln zwei Beamte, Polizeiassessor Lang und ein Schmied.

»Welche Fesseln?« fragt der Schmied.

»Wie bei Leviné«, antwortet Lang.

Der Schmied faßt eine grobe Kette, nietet ein Ende an mein linkes Handgelenk, das andere an den Knöchel. Ich lache.

»Ihnen wird das Lachen vergehen!«

»Wenn Sie meine Gedanken fesseln könnten, vielleicht.«

Die Tür knallt zu. Mir ist eigentümlich leicht und heiter zumute, die zerrende Spannung der letzten Wochen hat sich gelöst, ich schleiche nicht mehr gebückt und lauernd, ich kann mich wieder frei aufrichten, frei durch die Zelle gehen.

Ich werde zum Photographen geführt, ich muß mich auf einen Stuhl setzen, der meine »Verbrechernummer« trägt. Der Photograph drückt mir eine Reisemütze ins Gesicht und photographiert mich von allen Seiten, später bringen die Zeitungen das Bild, mit retouchierten wulstigen Lippen und stechenden »Verbrecheraugen«, zum Abschrecken.

»Wenn die Bilder gut werden, geben Sie mir ein paar«, sage ich.

Aus dem steifen hohen Kragen schießt die Antwort:

»Bis die fertig sind, fressen die Würmer an Ihnen.«

Als ein Beamter meine Fingerabdrücke nehmen will, protestiere ich:

»Ich bin kein Krimineller.«

»Du Lump, du Schurke, hier wird nicht protestiert«, er packt meine Hand, klatscht sie in die Farbe und nimmt die Abdrücke.

 

Ich werde ins Vernehmungszimmer geführt, am Tisch sitzt Staatsanwalt Lieberich, ein kleiner hagerer Mann mit verknittertem Gesicht, von Falten überzogen, die Augen flach, von unzähligen Krähenfüßen umrissen, die Lippen dünn und scharf.

»Wo sind die Soldaten?« schreit er.

Rechts und links neben meinem Stuhl stellen sich Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett.

»Lassen Sie die Kette nicht abnehmen?« frage ich.

Kurz und scharf die Antwort: »Nein ... Sie werden gegen Leviné aussagen!«

»Gegen Leviné? Leviné ist unschuldig an der Erschießung der Gefangenen.«

»In der Räterepublik bekämpften Sie ihn?«

»Ja, diesseits der Barrikade.«

Lieberichs Stimme wird ölig:

»Herr Toller, Sie haben jetzt Gelegenheit, Ihre Situation zu verbessern.«

»Bitte protokollieren Sie meine Aussage.«

»Wie Sie wollen. Welche Konfession haben Sie?«

»Ich bin konfessionslos.«

Er wendet sich zur Stenotypistin:

»Schreiben Sie: Jude, jetzt konfessionslos ... Also Sie wollen den Mord verteidigen?«

»Wer hat gemordet, wer hat Gustav Landauer erschlagen, wer die zahllosen Unschuldigen erschossen?«

»Ich verbitte mir diesen Ton, Gustav Landauer war ein Rebell, er wurde mit Fug und Recht legal gerichtet.«

Stundenlang werde ich vernommen, Herr Lieberich macht sich kleine Notizen, dann diktiert er ein Protokoll, das manchmal meine Worte wiedergibt, oft ihren Sinn entstellt.

Nach der Vernehmung bitte ich um die Erlaubnis, Zeitungen zu lesen.

»Im Interesse Ihrer Nerven kann ich Ihnen die Erlaubnis nicht erteilen, schonen Sie sich, regen Sie sich nicht auf ... Abführen!«

 

Nachts in meiner Zelle wache ich auf, über mein Bett beugt sich ein fremder Mann:

»Haben Sie diese Verordnung unterzeichnet?«

»Lassen Sie mich schlafen, ich antworte jetzt nicht.«

»Ich meine es gut mit Ihnen, wollen Sie eine Zigarette rauchen?«

»Ich will schlafen.«

Ich kehre mich zur Wand und schweige.

Das Klappfenster öffnet sich, draußen stehen die Posten, zwei Arbeiter aus Stuttgart, wir sprechen wie Kameraden, über den Krieg, über die Revolution, ich bin nicht mehr Gefangener, sie sind nicht mehr Wärter.

Einer der Soldaten bringt mir ein Päckchen Butter, zwei Stunden später wird er abgelöst und bestraft, aber nachts öffnet sich die Klappe wieder, einer steckt mir Zeitungen zu.

»Leviné erschossen!« lese ich.

Mein Herzschlag setzt aus, diese Erschießung ist ein Justizmord, und die Rechtssozialisten haben ihn nicht verhindert, der Kriegsminister, der mit seinem Kopf sich für die Räterepublik verpfändete, hat sich der Stimme enthalten, als der Ministerrat über die Begnadigung beriet. Daß die sozialdemokratischen Führer diesem Justizmord nicht wehrten, zeigt ihre Ohnmacht, ihre Schwäche, ihren moralischen Verfall, doch die Millionen Anhänger haben sie nicht mit Schimpf und Schande davongejagt.

Und mit welch infamer Rechtskonstruktion wurde das Todesurteil begründet! Als Leviné Mitglied der Räteregierung wurde, die er anfänglich bekämpft hatte, hielt sich die Räterepublik schon eine Woche, der angebliche Hochverrat war begangen, Levinés Tätigkeit nach juristischen Begriffen also nur Beihilfe zum Hochverrat, ein Verbrechen, das mit Festung oder Zuchthaus geahndet werden kann, nicht mit dem Tod. Doch Leviné sollte zum Tode verurteilt und hingerichtet werden. Die willigen Richter wußten sich zu helfen. Die »erste« Räterepublik, erklärten sie, sei nur eine »Auflehnung« gewesen, erst mit Levinés Eingreifen habe der Hochverrat begonnen. Sie sprachen ihm die Ehre ab und verurteilten ihn zum Tod. Gestern hatten die gleichen Richter Männer, die an der »Auflehnung« teilgenommen hatten, des vollendeten Hochverrats schuldig befunden und zu vielen Jahren Festung und Zuchthaus, ja zum Tode verurteilt. Sie wunderten sich, wenn das Volk das Vertrauen zu ihren Richtersprüchen verlor. So gedächtnisschwach waren sie, daß sie in heller Empörung flammten, wenn jemand aufstand und sie anklagte, Klassenjustiz zu üben.

 

Überall in München regieren die alten Herren, sie verteidigen die Republik. Die gleichen Männer, die im Auftrag der Monarchie Pazifisten und Sozialisten verfolgten, verfolgen heute im Auftrag der Republik Revolutionäre, einige Jahre später werden sie ihre Brotgeber einsperren, die Roth und Pöhner.

Nach einigen Tagen bringt man mich ins Gefängnis Stadelheim, im Auto sitze ich gefesselt zwischen zwei Kriminalbeamten, mir gegenüber mit entsichertem Revolver Offiziere, ein Lastauto eskortiert uns, Soldaten stehen darauf, vor sich schußbereit Maschinengewehre.

Wir fahren durch die Maximilianstraße, welch anderes Gesicht zeigt heute die Stadt, auf dem Trottoir flaniert Militär, ordengeschmückt, Monokel im Auge, elegante Damen flirten, die Bourgeoisie ist obenauf, in den Arbeitervierteln ducken sich die Menschen und schielen nach unserm Wagen, sie haben so viele Gefangene gesehen in der letzten Zeit.

 

Vor dem Tor des Stadelheimer Gefängnisses halten wir, weiße Kreideschrift, Menetekel dieser Zeit, leuchtet: »Hier wird aus Spartakistenblut Blut- und Leberwurst gemacht, hier werden die Roten kostenlos zu Tode befördert.«

Johlend, schimpfend empfängt uns die Soldateska. Ein Kriminalbeamter will mir meinen kleinen Koffer tragen helfen.

»Dem Hund wird nicht geholfen!« schreien die Soldaten. »Erschossen wird er!«

Im Aufnahmezimmer muß ich mich ausziehen, man betastet mich, meine Kleider, Kamm, Zündhölzer, Taschentuch, Taschenspiegel werden mir weggenommen, ich werde in eine Zelle geführt, die Türriegel knallen, mich umfängt die tödliche Stille des Stadelheimer Zellenbaus.

 

Ich hause im Gang der Schwerverbrecher.

Trostlos grau und leer sind die Wände, das Fenster aus Mattglas liegt hoch an der Decke, wenn ich es öffne, sehe ich einen Fetzen Himmel. Ein Klapptisch, eine Bank, eine Pritsche mit graugewürfeltem grobem Leinen, in der Ecke der stinkende Abortkübel.

Im Polizeigefängnis spürte ich das Leben der vielen hundert anderen Gefangenen, ich sah ihre Gesichter, ich hörte ihre Stimmen und manchmal, nachts, den warmen Lärm der Stadt. Ich bin sehr allein, im Käfig der schweren Stille überfällt mich die Angst der großen Verlassenheit, um einen Menschen zu hören, spreche ich ein paar Worte laut vor mich hin, die Worte tönen hohl und ohne Echo, mitten im Satz zerbricht meine Stimme.

Ich lese die Tafel der Hausordnung, ich suche auf den Wänden die Zeichen der Gefangenen, ich finde eingekratzte Namen von Menschen, die in diesem Raum Jahre gekerkert waren, in einem Winkel sehe ich mit Bleistift geschriebene Worte, ich entziffere sie:

»Gleich holen sie mich zum Erschießen, ich sterbe unschuldig, 2. Mai 1919.«

 

Leise öffnet sich die Türklappe, ein junger Wärter in Militäruniform steckt seinen Kopf in die Zelle:

»Genosse ...«

Ich laufe zur Tür, ich bin nicht allein.

»Ich war Rotgardist, als die Weißen einzogen, haben wir unsere roten Binden abgerissen. Du bist in der Zelle von Leviné.«

Die Klapptüre schlägt zu. Diese Zelle hat Eugen Leviné bewohnt, bevor er zur Mauer ging, drüben im Frauengefängnis lag in einer Zelle schreiend seine Frau, sie preßte die Hände an ihre Ohren, um nicht die Schüsse zu hören, die ihn töteten.

Lärm tost im Bau, zack, schlagen die Riegel zurück, zack, das Kosttürchen fliegt auf, der Hausel bringt mir das Mittagessen, ein Stück stinkenden amerikanischen Speck und Sauerkohl.

»Wer liegt rechts neben mir?« frage ich.

»Ein Raubmörder, der auf seine Hinrichtung wartet.«

»Und links?«

»Ein Lebenslänglicher.«

»Wo sind die anderen politischen Gefangenen?«

»Drüben im andern Zellenbau.«

In der Nacht weckt mich das Knattern von Maschinengewehren. Was bedeutet das? Neue Kämpfe? Werden wir befreit? Das Knallen verstummt, beginnt von neuem, einzelne Schüsse rollen in die Nacht, Salven spritzen gegen die Backsteinmauern. Am Morgen erzählt mir der Wächter, es werde immer nachts geschossen, die Soldaten täten's zu ihrem Vergnügen, er habe sich daran gewöhnt, ich solle mich nur nicht am Fenster zeigen, gleich knallten die Gewehre.

 

Die Erschießung Levinés hat die Menschen erregt, man fürchtet, daß mich das gleiche Los treffen wird, in allen Ländern regen sich die Kräfte der Solidarität.

 

Am zweiten Tag werde ich zum Spaziergang in den Hof geführt, allein gehe ich im Quadrat des kleinen gepflasterten Hofes, zwei Wächter bewachen mich, an den Fensterflügeln des Gefängnisses hängen Soldaten, sie schimpfen und johlen.

Die Schatten der toten Kameraden begegnen mir, ich sehe die Mauer, an der sechsunddreißig Menschen erschossen wurden, von zahllosen Kugeleinschlägen ist sie durchlöchert, vertrocknete Fleischteile, Gehirnfetzen, Haare kleben daran, die Erde davor narben eingetrocknete Blutlachen. Ich zähle an der Mauer die Einschläge, der Wärter erzählt, warum sie so tief sitzen, die betrunkenen württembergischen Soldaten zielten nach Bauch und Knien. »Du darfscht nit gleich verrecke, du Spartakischte-Hund, a Bauchschüßle muschte hawe«, sagten sie.

Ich stehe vor der Mauer und friere.

Hier wurde der Knabe erschossen, der einem Rotgardisten Munition gebracht hatte.

Hier starb die Frau, die, um ihren Liebsten zu retten, seine Handgranate auf ihrer Brust verbarg.

Hier war Leviné mit dem Ruf »Es lebe die Weltrevolution!« zusammengebrochen.

Eine kleine Tür trennt uns von dem Hof des Frauengefängnisses, in dem Gustav Landauer erschlagen wurde.

Über den Hof geht ein junger Mensch mit verbundenem pausbäckigem Kindergesicht. »Eisners Mörder, Graf Arco«, sagt der Aufseher.

Dieser lächelnde Knabe ist Eisners Mörder, der Tat dieses Kindes folgten die Schüsse auf Auer, die Wirren, die Räterepublik, die Niederlage, das Wüten der Weißen.

 

Ich kann nachts nicht schlafen, ich höre eine Stimme jammern: »Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig!«

Gegen Morgen wird es still.

Während ich spazierengehe, überqueren zwei Frauen den Hof, eine junge Frau, gestützt auf eine alte, die alte ist stumm, ihre Lippen pressen sich, die junge schreit unaufhörlich.

»Mein Mann, mein Mann, ich will meinen Mann haben!«

Die Wärter führen die Frauen zu einem kleinen Schuppen im Winkel des Hofs, Sargkisten aus grobem Holz liegen dort, auf Vorrat, ich betrachte sie jeden Tag. Die junge Frau stürzt sich über einen Sarg und bricht zusammen:

»Meinen Mann will ich haben«, jammert sie, »gebt mir meinen Mann.« Plötzlich schnellt sie auf. »Einen solch häßlichen Sarg habt ihr ihm gegeben!«

 

Eines Tages führt mich der Aufseher in ein Bürozimmer zur Vernehmung. Im Korridor des Erdgeschosses erblicke ich sechs Leute in Mannschaftsuniform. Studenten und Offiziere, man sieht es Gesichtern und Gesten an.

»Da ist er«, ruft einer.

Nach der Vernehmung führt mich der Aufseher wieder nach oben, die sechs Soldaten, die immer noch im Korridor stehen, folgen uns schimpfend auf den Fersen.

»Du roter Lump, du roter Hund, du Spartakistenaas, warte nur, die Kugel ist schon für dich gerichtet, jetzt hat deine Stunde geschlagen!«

Der Aufseher schließt die Eisentür auf, die zum Zellengang führt, ich gehe hinein, die sechs bleiben vor der Tür stehen.

Nach einer Stunde öffnet der junge Wärter das Kosttürchen.

»Herr Toller, lassen Sie sich nicht auf den Spazierhof führen, ich stand vor der Tür des Vernehmungszimmers und hörte, was die sechs Soldaten mit Ihnen vorhaben, sie sagten, jetzt sei eine gute Gelegenheit, Sie um die Ecke zu bringen. Als einer fragte, wie denn, schlug ein anderer vor, wenn er auf den Spazierhof geführt wird, gehen wir mit, einer tritt ihm auf die Fersen, daß er aufspringt, das wäre dann Fluchtversuch.«

Der Gangaufseher ruft »Spazierhof«, ich folge ihm.

Vor dem Eisengitter des Zellenganges lauern wirklich die sechs. Wir gehen die Treppe hinunter, die sechs folgen schweigend. Sekunden habe ich Angst, oft hatte ich von solchen »Erschießungen auf der Flucht« gelesen, dann fühle ich nichts mehr, ich sehe. Ich sehe, daß an einigen Stellen der Wand Mörtelteile sich abgelöst haben, ich sehe, daß der Kragen des Aufsehers speckig ist, ich sehe, daß neben dem linken Ohr des Aufsehers ein großer roter eitriger Pustel schwärt.

Wir stehen vor dem Eisengitter des Zellengangs im Erdgeschoß, durch das eine Seitentür in den Spazierhof führt. Der alte Aufseher Müller, der wie der junge den Plan der sechs kennen mußte, hatte nicht gewagt, mich zu warnen, er mußte mich auf den Spazierhof führen, die Vorschrift verlangt es, am Eisentor aber handelt er nicht nach der Vorschrift, er sperrt das Tor auf, gibt mir einen Stoß, folgt schnell, dann schließt er das Tor von innen zu, so rettet er mir das Leben.

Ich melde mich beim Gefängnisdirektor und berichte den Vorfall, eine Woche später läßt er mich rufen, meine Angaben hätten die Aufseher bestätigt, aber man habe nicht feststellen können, welche Truppe an jenem Tag in Stadelheim Dienst getan, alle Nachforschungen nach den sechs Soldaten seien vergeblich.

 

Ich erkranke, eine Operation wird notwendig. In der chirurgischen Klinik liege ich in der Krankenstube der Gefangenen, das Fenster ist mit engen Stäben vergittert, selbst der Fiebernde ist fluchtverdächtig. Vor der Tür stehen zwei Soldaten mit Revolvern und Handgranaten, im Nebenzimmer wachen Kriminalbeamte.

In der ersten schlaflosen Nacht nach der Operation klingele ich, ich möchte einen Schluck Wasser trinken, Durst quält mich, ich kann mich nicht rühren.

Eine junge Nonne öffnet behutsam die Tür, am Eingang neben dem Weihwassergefäß bleibt sie stehen, taucht ihre Finger hinein und bekreuzigt sich.

»Wasser bitte«, sage ich.

Sie eilt hinaus, nach einer Weile kehrt sie zurück, ein Glas Wasser in Händen. Ihre Hände zittern, ihr Gesicht ist bleich, ängstlich stolpern die Füße ein paar Schritte, ängstlich verharrt sie, flackernden Schreck in den Augen.

»Darf ich Sie bekreuzigen?« flüstert sie.

Ich sehe sie fragend an.

»Alle Schwestern sagen, Sie sind der Teufel.«

Ich lache, das Lachen tut mir weh, sie wird rot, hastig stellt sie das Glas hin.

»Erlauben Sie es«, sagt sie bittend, sie schlägt das Kreuz über mein Bett, sie gibt mir zu trinken und läuft davon.

In der nächsten Nacht sieht sie wieder nach mir, ohne daß ich geklingelt habe, und nun kommt sie jede Nacht, sie hat keine Angst mehr, sie setzt sich zu mir ans Bett, zutraulich spricht sie von ihrem Heimatdorf in Oberbayern, von ihrem Bruder, der einen Bauernhof besitzt, wie ärmlich er lebt, wie er sich plagt und so schwer durchbringt, dabei muß er noch für die alte Mutter sorgen, die Kuh gibt wenig Milch, und die Städter drücken den Preis, ein Pferd hätte er auch, einen Schimmel, früher hätte sie ihn gefüttert, wenn sie über den Hof zum Stall ging, hat er gewiehert, nein, jetzt fährt sie nicht mehr nach Haus, sie sei Jesu Braut und habe Abschied genommen von der Welt.

Einmal fragt sie mich: »Glauben Sie an Gott?«

Ehe ich noch antworten kann, spricht sie schon, ihre Stimme verrät, daß sie sich vor meiner Antwort fürchtet:

»Viele Menschen sagen, sie glauben nicht an Gott, und doch wohnt Gott in ihren Herzen.«

In der Nacht, bevor ich entlassen werde, beugt sie sich über mein Bett und küßt mich.

Am Morgen, draußen wartet schon der Gefangenenwagen, kommt schüchtern eine Novize, heimlich gibt sie mir ein Päckchen:

»Schwester Ottmara schickt es Ihnen, ein kleines Kreuz, es ist sehr heilig, es ist ein Reliquienkreuz, es soll Sie schützen, immer, Ihr ganzes Leben.«

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