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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 13
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
firstpub1936
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Zwölftes Kapitel

Flucht und Verhaftung

In breiten Schwarmreihen ziehen die Weißen in Schwabing ein. Die Bürger haben die Fenster geöffnet, sie jubeln, sie überschütten die Soldaten mit Geschenken. Eine Frau in ärmlicher Kleidung läuft auf einen Offizier zu und reicht ihm eine Rose.

Eine Gruppe Soldaten postiert sich vor der Kirche, unserem Haus gegenüber.

Der l. Mai.

Ich stehe am Fenster, die Freundin berührt meine Hand.

»Wir werden beobachtet. Als ich eben die Treppe hinaufging, wurde die Tür im dritten Stock geöffnet, irgend jemand muß Sie gesehen haben und für verdächtig halten.«

»In der nächsten Straße wohnt Doktor Berut, mein Freund.«

»Ich hole ihn.«

Minuten später ist Doktor Berut bei mir.

»Du mußt fort, ein Mann wurde erschlagen, nur weil er eine vage Ähnlichkeit mit dir hatte, die Menge weiß nicht, daß du die Gefangenen retten wolltest, sie hält dich für den Mörder.«

»Wohin soll ich?«

»Komm zu mir, hier darfst du nicht bleiben, die Wohnung gehört einem Ausländer, sie wird bestimmt durchsucht.«

Ich ziehe meinen Überzieher an und schlage den Kragen hoch, wir gehen die Treppe hinunter, im dritten Stock öffnet sich eine Tür.

»Weitergehen!« ruft mir leise Berut zu.

Vor der Haustür stehen zwei Offiziere. »Ich gehe voran«, sagt Berut, »du folgst mir.« Einer der Offiziere blickt mich mißtrauisch an, ich gehe auf ihn zu: »Sind Sie Preuße oder Bayer?«

»Bayer natürlich«, schnarrt er in preußischem Militärdeutsch.

Ich grüße, er grüßt, ich gehe weiter.

 

Über der Stadt kreisen Aeroplane und werfen Flugzettel herab. Ich wage nicht, mich zu bücken und einen aufzuheben.

Berut erwartet mich am Eingang seines Hauses, neben ihm steht die Portierfrau und liest einen der Flugzettel.

»Da könnt ma ein schönes Stück Geld verdienen, wenn ma wissen tat, wo der Leviné und der Toller stecken.«

»Möchten Sie das Geld verdienen?«

»Brauchen könnt mas scho.«

Ich gehe rasch die Treppe hinauf in die Wohnung von Berut.

 

Fern rollen dumpf Artillerieschüsse.

Es wird also doch gekämpft.

»Die Roten halten sich am Stachus, die Weißen haben den Platz umzingelt.«

»Ich muß zum Stachus.«

»Du kommst nicht durch, du wirst erkannt und erschossen, wie willst du den Truppenkordon passieren?«

Berut geht fort, nach einer Weile kehrt er zurück, ein Unbekannter begleitet ihn.

»Ich bin nicht Ihr Genosse«, sagt der Unbekannte, »ich bin auch nicht Sozialist, man will Sie morden, darum helfe ich Ihnen, kommen Sie in meine Wohnung, dort bleiben Sie, bis Sie weiterkönnen.«

»Warum sollte Ihre Wohnung nicht durchsucht werden?«

Berut lächelt.

»Sein Vater ist bayerischer Fürst, er floh aus Angst vor uns. Wenn du irgendwo sicher bist, dann dort.«

Ich warte, bis der Abend dämmert, dann gehe ich in die Wohnung eines dieser namenlosen Menschen, die immer da sind, wo Hilfe not tut.

»Der Köchin werde ich sagen, Sie seien ein Freund aus Berlin, Sie seien krank, Sie können nicht abreisen.«

 

Am nächsten Tag besucht mich Berut, er begrüßt mich mit breitem Lachen:

»Deine Leiche liegt im Schauhaus.«

»Meine Leiche?«

»Hier ist die Zeitung mit der amtlichen Meldung. Du wurdest erschossen aufgefunden und ins Schauhaus gebracht. Polizisten holten den Chauffeur, der dich in Dachau gefahren hat, er erkannte deine Leiche und schluchzte vor Rührung, für die nächsten Tage hast du nichts zu fürchten, sie werden dich nicht suchen.«

Ich lese die Nachricht von meinem Tode und denke an meine alte Mutter. Auch sie hat die Nachricht gelesen, drei Tage kauerte sie auf einem Schemel, sie verhängte die Spiegel, sie trauerte um den Sohn, am vierten Tag erfuhr sie, daß ich noch lebe.

 

Der einzige Mensch, der mich in meinem Versteck besucht, ist Berut. Auch die Polizei hat inzwischen erfahren, daß ich noch lebe. Eines Tages bleibt Berut aus, er ist verhaftet. Im Polizeipräsidium setzt ein Kriminalbeamter ihm den Revolver an die Stirn und droht, er werde erschossen, wenn er nicht sofort mein Versteck angäbe. Berut führt den Kriminalbeamten in eine fremde Wohnung. Er habe sich geirrt, sagt er, er erinnere sich nicht mehr. Ein Offizier rettet ihn vor der Erschießung.

 

Auf meinen Kopf hat die Regierung einen Preis von 10000 Mark ausgesetzt, an den Litfaßsäulen klebt ein Plakat:

10 000 Mark Belohnung
wegen Hochverrats

Nach § 81 Ziff. 2 des R StGB ist Haftbefehl erlassen gegen den hier abgebildeten Studenten der Rechte und der Philosophie Ernst Toller. Er ist geboren am 1. Dezember 1893 in Samotschin in Posen, Reg. Bez. Bromberg, Kreis Kolmar, Amtsger. Margonin, als Sohn der Kaufmannseheleute Max und Ida Toller geb. Kohn.

Toller ist von schmächtiger Statur, er ist etwa 1,65-1,68 m groß, hat mageres, blasses Gesicht, trägt keinen Bart, hat große braune Augen, scharfen Blick, schließt beim Nachdenken die Augen, hat dunkle, beinahe schwarze wellige Haare, spricht schriftdeutsch.

Für seine Ergreifung und für Mitteilungen, die zu seiner Ergreifung führen, ist eine Belohnung von

zehntausend Mark

ausgesetzt.

Sachdienliche Mitteilungen können an die Staatsanwaltschaft, die Polizeidirektion München oder an die Stadtkommandantur München – Fahndungsabteilung gerichtet werden.

Um eifrigste Fahndung, Drahtnachricht bei Festnahme und weitmöglichste Verbreitung dieses Ausschreibens wird ersucht.

Bei Aufgreifung im Auslande wird Auslieferungsantrag gestellt.

München, den 13. Mai 1919.
Der Staatsanwalt bei dem standrechtlichen Gericht für München.

 

Das Bild ist schlecht, und ich habe mir inzwischen einen Schnurrbart wachsen lassen, aber der Köchin ist nicht zu trauen, vielleicht erkennt sie mich, ich muß eine andere Wohnung suchen.

Niemand will mich aufnehmen. Die Intellektuellen sind verängstigt, die Wohnungen der Arbeiter werden täglich durchsucht.

Eines Morgens weckt mich der hallende Schritt einer marschierenden Kolonne, ich springe ans Fenster, ein Zug Soldaten hält vorm Haus.

Jetzt ist es soweit, denke ich.

Mein Gastfreund ist ratlos. »Wir werden beide erschossen.«

Er zeigt auf die Querstangen der Gardinen: »Die hohlen Stangen sind vollgepfropft mit Munition, meine Eltern haben sie versteckt, damals, als die Roten die Bürger Münchens aufforderten, Waffen und Munition auszuliefern.«

Er hat die Brille aufgesetzt, er nimmt die Brille ab, er putzt sie, er sieht mich mit blinden Augen verlegen an.

»Irgend etwas müssen wir versuchen«, sage ich, »haben Sie einen eleganten Anzug?«

»Ja, einen Cutaway.«

»Ziehen Sie ihn an. Besitzen Sie ein Monokel?«

Er zieht eine Schublade auf: »Hier von meinen Vater eine Sammlung.«

»Klemmen Sie den Glasscherben ein.«

Mit dummem, offenem Mund blickt er mich verständnislos an.

»Vielleicht helfen uns diese Requisiten, vor Cut und Monokel knickt jeder Offizier zusammen.«

Mein Einfall war närrisch, was soll es helfen, wenn ein Herr um sechs Uhr früh in Cut und Monokel die Tür öffnet, in diesem Augenblick erscheint er mir die Rettung. Ich helfe meinem Freund beim Anziehen, ich suche ihm die rechte Krawatte, großartig sieht er aus, würdig und unverdächtig.

Inzwischen durchsuchen die Soldaten das Haus, oben im Atelier beginnen sie, dort wohnt ein Maler, ein bekannter Nationalist. Bevor er seine Gesinnung bekennen kann, hageln die Ohrfeigen:

»Maler?« ruft der Feldwebel. »Ein Schlawiner!«

Über uns tappen schwere Schritte, die Wohnung der ersten Etage wird durchsucht, gleich werden die Soldaten an unsere Tür klopfen.

Vom Hof tönt Geschrei, die Frau des Pförtners weint und jammert, die Soldaten haben ihren Mann verhaftet, sie stoßen ihn auf die Straße.

Wir warten, wir reden gleichgültige Worte, wir starren nach der Tür, wir hören klingeln, wir gehen in den Korridor, nicht an unserer Tür wurde geklingelt, Spannung sitzt uns in den Kniekehlen, keiner spricht mehr ein Wort, jetzt müssen sie kommen, wären sie nur erst da, unerträglich dehnen sich die Sekunden.

Ich höre Kommandorufe, ich gehe zum Fenster, ich traue meinen Augen nicht, ich sehe, wie die Soldaten sich formieren und den verhafteten Pförtner, wankend mit erhobenen Händen in der Mitte, abmarschieren.

Sind sie unserer so sicher? Stehen Posten vor der Tür?

Niemand kommt.

Später hören wir, daß der Offizier, als er den hohen adligen Namen am Türschild las, den Soldaten abwinkte. Die deutsche Revolution weiß, wen sie zu respektieren hat.

 

Das Schicksal hat mich wieder verschont; aber jetzt ist keine Zeit zu verlieren, ich muß das Haus verlassen. Wohin soll ich?

Erschießungen, Mißhandlungen, Verhaftungen haben die Mutigsten eingeschüchtert, endlich, am Abend, ist eine junge Frau bereit, mich für eine Nacht in der Wohnung ihrer Eltern zu beherbergen.

Vor dem Haus, in dem sie wohnt, stehen Soldaten, sie flirten mit den Hausmädchen, ich zögere, ich kann nicht mehr zurück, unerkannt drücke ich mich an ihnen vorbei ins Haus.

Der Vater der jungen Frau ist Arzt, er wohnt auf der einen Seite des Stockwerks, auf der andern liegen die ärztlichen Sprechzimmer und die Zimmer der Tochter. Er darf nichts merken, er würde mich verraten.

Müde von den Erregungen dieses Tages lege ich mich auf das Sofa des kleinen Wohnzimmers, immer, wenn ich eingeschlafen bin, höre ich die Stimme der jungen Frau:

»Eben wird die Tür aufgeschlossen.«

»Jetzt hat man geklopft.«

»Da kommen Menschen.«

Ich lausche. Nichts.

Ich sehe nach der Uhr. Es ist halb sechs.

Die junge Frau steht in meinem Zimmer.

»Gleich wird das Hausmädchen das Wohnzimmer reinigen, verstecken Sie sich.«

Ich kauere auf dem Boden des Schlafzimmers, über mir Wäsche und Decken, ich kann kaum atmen, das Mädchen räumt nebenan auf, ich darf mich nicht bewegen, im Spiegel des Wohnzimmers kann sie das Schlafzimmer überblicken.

Das Mädchen ist gegangen.

»Gleich wird mein Vater mir guten Morgen sagen: Gehen Sie ins Badezimmer. Hocken Sie sich in die Badewanne. Werfen Sie das Badelaken über sich.«

Ich sitze in der kalten Badewanne und horche, ich höre Schritte, höre die Tür sich öffnen, ich warte, höre wieder Schritte, die sich entfernen, ich schleiche rasch ins Wohnzimmer.

»Mein Vater hat nichts gemerkt, aber noch eine Nacht können Sie nicht bleiben.«

»Wissen Sie jemand?«

»Vielleicht nimmt Rainer Maria Rilke Sie auf. Ich werde ihn fragen.«

 

Am Nachmittag kommt Rilke.

Immer wenn ich ihn sehe, denke ich an ein Bild, das ich in irgendeinem Buch fand, es zeigte einen Tataren, der, beutebeladen, auf kleinem Steppenpferd müde durch die gelbbrennende Wüste ritt. Der jungen Frau bringt er langstielige Maréchal-Niel-Rosen, die er, man sieht es, sorgfältig gewählt hat, sie sind nicht mehr Knospen und noch nicht zur Blüte geöffnet, sie stehen in jener süßen Schwebe, wo sie nicht wissen, ob sie sich schließen oder entfalten sollen.

Mattgraue Augen unter schweren Lidern sehen mich traurig und behutsam an, dann senken sich Blick und die Spitzen des hängenden Schnurrbarts auf seine Hände.

»Ich bin sehr betrübt, bei mir sind Sie nicht sicher, zweimal schon wurde mein Haus durchsucht. Sie hatten meine Wohnung unter den Schutz der Räterepublik gestellt, ich vergaß, den Anschlag zu entfernen, das wurde mir zum Verhängnis. Vor zwei Tagen war die Polizei wieder da. Detektive haben beim Photographen eine Mappe gefunden, in der Ihr Bild neben meinem lag. Dieser Zufall war der Anlaß zu neuer Verfolgung.«

Rilke geht, bald danach wird er aus München ausgewiesen. Die Kämpfe der Politik berührten ihn nie, daß er ein Dichter war, machte ihn der Polizei verdächtig.

 

Endlich ist ein Mensch bereit, mich aufzunehmen, der Maler Lech. Ich darf nicht länger zögern, aber wie komme ich zu ihm, mein Steckbrief hängt an allen Litfaßsäulen, mein Gesicht ist allzu vielen bekannt. Ich verkleide mich. Der Schauspieler Werin hilft mir. Ich ziehe einen Gehrock an, Haar und Augenbrauen werden weiß gepudert und geschminkt, einige Minuten später verläßt ein soignierter alter Herr, sichtlich Rückenmärker, mit leichtem Knickschritt das Haus.

 

Der Maler Lech wohnt in einem Gartenhaus Schwabings. Drei Wochen bleibe ich dort verborgen. Tagsüber schleiche ich gebückt durch die Zimmer, damit niemand mich am Fenster erblicke, abends wage ich mich für Minuten in den Garten und atme die Luft des Frühlings. Lech und seine Frau haben nicht viel zu essen, das wenige teilen sie mit mir. Leer verrinnen die Tage. Ich lese in den Zeitungen, daß die Polizei nach mir fahndet, kaum eine Stadt, in der man mich nicht gesehen haben will. Eisenbahnzüge werden angehalten, Dörfer umzingelt. Einmal sucht man mich in Österreich, Soldaten dringen in das Schloß Ottensheim an der Donau, wo Verwandte wohnen. Die Schweizer Grenzbehörden verhaften einen Arzt, er habe mich heimlich über die Grenze geschafft. Man bedroht meinen Bruder, der in Ostdeutschland wohnt.

Man verhaftet meinen Vetter, obschon er als Leutnant der Weißen Garde im Freikorps Epp dient und geschworen hat, er werde mich erbarmungslos niederknallen, wenn er mich träfe.

Mein Steckbrief ist selbst in den kleinsten Weilern Deutschlands plakatiert. Arbeiter und Arbeiterinnen versuchen mir zu helfen, sie zerstören mein Bild im Steckbrief.

Man sucht mich im Atelier des Malers Sohn-Rethel, dem Enkel des Totentanzzeichners. Rethel muß mit erhobenen Händen der Haussuchung folgen, da man mich nicht findet, wird er geohrfeigt und mißhandelt.

 

Polizisten, Soldaten, Denunzianten wollen den Kopfpreis von zehntausend Mark verdienen.

In eine Wohnung der Römerstraße dringen zwei Kriminalbeamte. Während sie die Zimmer durchsuchen, schrillt die Klingel, vorsichtig öffnet der Kriminalbeamte Gradl die Tür, draußen stehen Soldaten der Regierung Hoffmann.

»Das ist Toller«, ruft der Führer.

Revolver knallen, der Kriminalbeamte sinkt tot zu Boden.

Ich lese den Zeitungsbericht, ich weiß, was mich erwartet, ich will die Stadt trotzdem nicht verlassen. Aber ich muß mich schützen. Mit Wasserstoffsuperoxyd entfärbe ich mein Haar, nach einigen Waschungen wird es rötlich, wie ich mich im Spiegel sehe, erkenne ich mich selbst kaum.

Vom Atelier führt eine Tapetentür in die Kammer eines vorgebauten Erkers. Wir verhängen die Tür mit Bildern, die Nagelköpfe auf einer Seite sind abgefeilt, niemand weiß von meinem Versteck außer einem Freund.

Eines Abends besucht mich eine Frau, sie sagt, sie sei seit Jahren Mitglied der Partei, sie wolle mich aus München herausführen, sie habe auch anderen bei der Flucht geholfen, sie läßt sich die Wohnung zeigen, das Atelier, die Kammer hinter der Tapetentür.

Am nächsten Morgen um vier Uhr schlagen Fäuste an die Wohnung. Die Polizei! Ich springe aus meinem Bett, laufe ans Fenster, das Haus ist von Soldaten umstellt.

»Sie sind da!« rufe ich meinen Freunden zu, die im anderen Raum schlafen. »Einer von euch muß rasch in mein Bett.«

Meine Kleider hatte ich, wie immer, abends in die kleine Kammer gelegt, im Hemd laufe ich in mein Versteck, packe von innen die Türklinke und warte.

Schritte nähern sich, ich höre Stimmen, ich höre, wie man die Zimmerwände abklopft, das Klopfen kommt näher und näher, noch eine Sekunde, noch eine Sekunde, jetzt klopfen sie gegen meine Tür, jetzt müssen sie mich finden, ich halte den Atem an, wieder wird geklopft, wieder, das Klopfen entfernt sich, ich höre Schritte, nach einer Weile ist es still.

Sie haben mich nicht gefunden, merkwürdig, ich bin nicht froh, ich weiß, sie werden mich finden, wenn sie mich nur nicht quälen, wie Landauer, wie Eglhofer, wie die andern.

Von draußen ruft Lech mir leise zu: »Bleiben, sie sind noch im Haus!«

Wieder nähern sich Menschen, ich höre eine gequetschte Stimme:

»Wo ist die Tapetentür, die wir in der gleichen Wohnung im ersten Stockwerk gesehen haben?«

Eine andere Stimme schreit:

»Dort!«

Bilder werden abgenommen, durch die Türritzen dringt Licht. Ich stoße die Tür auf, ich sehe Kriminalkommissare und Soldaten.

»Sie suchen Toller, ich bin's.«

»Hände hoch!« schreit ein Soldat.

Die Kriminalkommissare schauen mich scharf an, sie erkennen mich nicht. Ein Soldat fällt auf die Knie, richtet mit quellenden Augäpfeln das Gewehr auf mich, entsichert und hält die zitternden Finger am Abzug.

»Sie sind ...?«

»Ja, ich bin Toller. Ich werde nicht fliehen. Wenn ich jetzt erschossen werde, wurde ich nicht auf der Flucht erschossen. Sie alle sind meine Zeugen.«

Die Kriminalbeamten stürzen sich auf mich und fesseln meine Hände mit Handschellen.

»Meine Herren, soll ich im Hemd mit Ihnen zur Polizei gehen?«

Man löst meine Fesseln, ich darf mich anziehen.

Wie ich an meinen Gastfreunden vorbeigeführt werde, sage ich, um sie vor Verhaftung zu schützen:

»Diese Menschen wußten nicht, wer ich bin.«

Es half Lech nichts, er wurde zu vielen Monaten Festung verurteilt.

 

Wir gehen durch die morgenleeren, dämmrigen Straßen, voran marschieren drei Soldaten, an den Eisen der Handgelenke halten mich die beiden Kommissare, drei Soldaten mit schußfertigem Gewehr folgen.

In der Luitpoldstraße schlägt die Uhr fünf, eine alte Frau trippelt zur Morgenmesse, an der Kirchentür wendet sie sich um und erblickt mich.

»Habt ihr ihn?« schreit sie, sie senkt den Blick zu Boden, läßt betend den Rosenkranz durch die Finger gleiten, dann, an der geöffneten Kirchentür, kreischt der zerknitterte Mund:

»Totschlagen!«

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