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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
firstpub1936
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Neuntes Kapitel

Irrenhaus

Verflogen ist der Kriegsrausch, niemand meldet sich mehr freiwillig, den jungen Rekruten, Kinder fast, schlecht genährt und schwächlich, wird im vaterländischen Unterricht Begeisterung eingepaukt, sie müssen lernen, daß Deutschland ein Recht auf Belgien, auf die baltischen Provinzen, auf Kolonien habe. Aber sie hören nicht auf die Worte gutgenährter Redner, sie hören auf die Gerüchte, die einer zum andern trägt, an der Front sollen Regimenter gemeutert haben, Österreich werde nicht mehr lange mittun, dort und dort hätten Frauen Bäcker- und Fleischerläden geplündert. Schon weigern sich Soldaten, ins Feld zu fahren, nur mit Mühe können die Offiziere sie überreden, Strafen schrecken sie nicht, besser im Zuchthaus hungern als draußen verrecken, rief einer, als man ihn verhaftete, die Frontsoldaten hätten den Krieg satt.

 

Der Hunger geht um in Deutschland, Professoren beweisen, daß Kleie denselben Nährwert habe wie Mehl, saccharingesüßte Marmelade bekömmlicher sei als Butter, Kartoffelkraut den Nerven zuträglicher und so gut schmecke wie Tabak. Die Lehren der Professoren dringen nicht bis zum Magen, der antwortet dem Unsinn auf seine Weise, die Menschen verfallen, erkranken, verzweifeln.

Ein deutsches Sprichwort heißt »Hunger ist ein guter Koch«. Mir graust vor diesem Koch, als ich eines Abends vor der Neu-Ulmer Kaserne russische Kriegsgefangene sehe, die auf der Fahrt in ein neues Lager den Zug wechseln, sie stürzen sich auf die Tonnen, in die die Köche Kartoffelschalen und Abfall, die Soldaten Reste ihres Essens, verschimmeltes Brot und Knochen, geworfen haben, sie greifen mit ihren Händen in den säuerlich stinkenden Schleim, sie stopfen das Schweinefutter in den Mund.

Wenn wir die Kaserne verlassen, stehen Haufen von bettelnden, ausgemergelten Kindern vorm Tor, froh, ein Stück Brot zu ergattern.

 

Heimlich fahre ich eines Sonntags zu Gustav Landauer nach Krumbach. Ich frage mich, warum in dieser Zeit, in der die Menschen auf die Stimme der Wahrheit warten, dieser glühende Revolutionär schweigt. »Ich habe«, sagt er, »mein Leben lang gearbeitet, daß diese Gesellschaft, die auf Lug und Trug, auf der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen ruht, zusammenbreche, jetzt weiß ich, der Zusammenbruch wird kommen, morgen oder in einem Jahr, ich habe das Recht und den Atem, mich für diese Zeit zu bewahren, wenn die Stunde es fordert, werde ich dasein und arbeiten.«

Ich habe die Nacht im Krumbacher Gasthaus geschlafen, morgens sehe ich im Fremdenbuch, daß zufällig in diesem kleinen Dorf mein Münchener Kriegsgerichtsrat seine Ferien verbringt. Wenn er mich entdeckt, ist mir neue Haft gewiß. Ich muß sofort abreisen. In Krumbach den Zug zu nehmen, ist gefährlich, Landauer und ich laufen durch fremde Gärten, über Zäune und Felder zur nächsten Station.

Unentdeckt erreiche ich Neu-Ulm, zur rechten Zeit, der Feldwebel hat nach mir verlangt. »Sie haben sich sofort transportfähig zu machen, Sie werden laut Befehl der psychiatrischen Klinik in München überwiesen.«

 

Meine Mutter konnte nicht fassen, daß ihr Sohn wegen Landesverrats angeklagt war, furchtbar schien ihr die Anklage, furchtbar die drohende Strafe, sie begriff nicht, wie ein Mensch aus bürgerlicher Familie sich dem Kampf der Arbeiter zuwenden konnte, ›er muß krank sein‹, dachte sie, ›ich will ihm helfen‹, sie alarmiert die Hausärzte, sie schickt Atteste ans Gericht, ich sei schon als Kind nervös gewesen, die Folge war diese psychiatrische Untersuchung.

 

Im Büro der psychiatrischen Klinik empfängt mich ein hübsches Fräulein, obschon sie meine Papiere in Händen hält, in denen sie das Notwendige findet, fragt sie mich, wann und wo ich geboren und ob ich verheiratet sei. Weiche braune Augen strahlen mich an.

»Geben Sie mir Ihr Messer«, sagt das hübsche Fräulein.

»Ich habe keins.«

»Ihr Geld, Ihr Nasentuch und was Sie sonst in der Tasche haben.«

Verdutzt sehe ich das Fräulein an.

»Kommen Sie mit.«

Eine Tür öffnet sich, ein mächtiger Wärter nimmt mich in Empfang.

»Nu wollen wir mal erst baden«, sagt er.

Wir?

Er schiebt mich in einen gekachelten Raum mit drei Wannen, in zwei Wannen liegen Menschen, einer schreit spitz und die Vokale zerreißend, der andere singt mit quäkender Stimme drei Takte la-lala-la, unaufhörlich, pausenlos.

»Ziehen Sie sich aus.«

»Herr Wärter, ich habe schon gebadet, heute früh.«

Der Wärter sieht gleichgültig über mich hinweg. »Ich weiß schon, ziehen Sie sich aus.«

Der glaubt mir nicht, der glaubt mir nicht, alles, was ich sage, hält er für den Trick eines Verrückten, vielleicht glaubt er, es sei meine Krankheit, daß ich vorgebe, frühmorgens zu baden, ich bin einem Menschen ausgeliefert, der taube Ohren, blinde Augen hat, ich muß von hier fort, gleich, zurück in die Kaserne, oder meinethalben ins Gefängnis, nur hier nicht bleiben, ich werde schreien, ich werde toben, nein, dann bin ich verloren, was soll ich tun, daß er mir glaubt, er wird mir nie glauben, nie, ich starre auf die Tür, ein Sprung, ich bin gerettet.

»Da ist keine Klinke dran, auch an der Tür im Korridor nicht«, sagt der Wärter.

Ich ziehe mich aus, ich bleibe eine Stunde mit dem Schreienden und dem Singenden im Bade, ich ziehe die bereitgelegten Hosen und den Krankenkittel an und lasse mich in einen Saal führen, in dem zwanzig oder dreißig »unruhige« Irre liegen, ich muß mich in ein Bett legen, ich beginne, an meiner Vernunft zu zweifeln.

 

Ein junger Mensch, auf dessen kurzem, dünnem Hals statt eines Kopfes ein verquollener Kürbis hin und her pendelt, steht von seinem Bett auf, schlürft mit schlenkernden Schritten auf mich zu, bleibt stehen, verbeugt sich feierlich dreimal, wendet sich, geht wieder zu seinem Bett und wiederholt die Zeremonie alle Viertelstunde.

 

Nach zwei Tagen ziehe ich um, in den Saal der Melancholiker. Ach, wäre ich doch bei meinen schreienden, singenden, gestikulierenden Freunden geblieben. Aus dreißig Betten starren schweigend zerbrochene Augen in das Grab der eigenen Finsternis.

Mein Nachbar, ein Greis, erhebt sich von seinem Bett, die blicklosen Augen, eben noch unendlich traurig, strahlen verzückt, die welken Hände suchen in wütender Bewegung, im Orgasmus sackt er zusammen, ein Wärter legt ihn in sein Bett zurück.

 

Abends besucht uns eine junge Ärztin, die Tochter des Professors Kräpelin, sie kommt an mein Bett, freundlich zittert ihr Kneifer, ich bitte sie leise um ein Schlafmittel, ich weiß nicht, ob meine Nerven einer dritten schlaflosen Nacht standhalten, heftig schwankt der Kneifer:

»Das glaub' ich, erst das Vaterland verraten und dann so schlapp sein und Schlafmittel verlangen!« Schon beugt sie sich über das Bett eines Idioten:

»Nicht wahr, Herr Schmidt, Sie waren an der Front, Sie würden nicht dem Feinde Vorschub leisten?«

Blöde stiert Herr Schmidt.

Man soll nicht zu große Ansprüche an Ärzte stellen, ist einer schlau, hat er bald das Abrakadabra der guten alten weisen Frauen begriffen, und an Stelle von roten Schutzbändchen und magischen Sprüchlein liefert er das Seinige. Von dem, was den Menschen bedrückt, weiß er nichts, und wenn er es weiß, versteht er es nicht.

Der Direktor der psychiatrischen Klinik ist jener berühmte Professor Kräpelin, der in einem Münchener Bierkeller einen Bund zur Niederkämpfung Englands gegründet hat.

»Herr«, fährt er mich an, als ich ihm vorgeführt werde, »wie können Sie es wagen, die berechtigten Machtansprüche Deutschlands zu leugnen, dieser Krieg wird gewonnen, Deutschland braucht neuen Lebensraum, Belgien und die baltischen Provinzen, Sie sind schuld, daß Paris noch nicht erobert ist, Sie verhindern den Siegfrieden, der Feind heißt England.«

Das Gesicht des Herrn Professor rötet sich, mit dem Pathos des manischen Versammlungsredners sucht er mich von der Notwendigkeit alldeutscher Politik zu überzeugen, ich lerne, daß es zwei Arten Kranke gibt, die harmlosen liegen in vergitterten klinkenlosen Stuben und heißen Irre, die gefährlichen weisen nach, daß Hunger ein Volk erzieht, und gründen Bünde zur Niederwerfung Englands, sie dürfen die harmlosen einsperren.

»Wir sprechen zwei Sprachen, Herr Professor«, sage ich, »ich verstehe vielleicht Ihre Sprache, aber meine Worte sind Ihnen fremder denn chinesisch.«

»Nicht länger dabehalten als notwendig«, schnarrt seine Stimme.

 

Am vierten Tage werde ich entlassen, ich danke meinem Schicksal.

Einige Wochen später, im Sommer 1918, entläßt mich die Kaserne, ich fahre nach Berlin.

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