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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
projectid805f27fd
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Achtes Kapitel.
Frau Miller nimmt einen Tag Urlaub

Frau Miller, die ehrbare Witwe in mittleren Jahren, die trotz des Mangels von Zeugnissen die Stelle des leichtfertigen Kindermädchens bekommen hatte, bewies durch die That, daß Besen, die, wenn sie neu sind, gut kehren, diese Eigenschaft nicht immer mit der Zeit verlieren. Außerdem war Frau Miller auch ein Besen, der wenig Staub aufwirbelte.

Sie war eine bleiche Frau mit eckigen Zügen, einer scharf gebogenen Nase und hohlen Wangen; Mund und Kinn zeugten von einer gewissen Charakterstärke, die Augen waren dunkel und leuchteten zeitweise in einem eigentümlichen Feuer, das verriet, daß sie im höchsten Grade nervös erregbar, und die Ruhe und Gleichmäßigkeit, mit der sie ihre Pflicht erfüllte, nur das Resultat jahrelanger Selbstbeherrschung war.

Sie war mager, und die schwarzen Kleider, die sie unabänderlich trug, verliehen ihr ein fast ascetisches Aussehen. Für Männer hatte sie nichts Anziehendes, und der Untergärtner, der mit einem Verweis davon gekommen, war wahrscheinlich mit dem Tausch gar nicht zufrieden. Um so zufriedener waren die anderen Beteiligten alle; Fräulein Clauson, der Junge, die beiden Gebieter und sogar Whittaker hatten sie gerne. Die Zuneigung des letzteren besonders war von Bedeutung, denn seine auf langjährige Dienste und einen tadellosen Charakter gegründete Herrschaft im Dienstbotenzimmer war unantastbar. Die neue Kinderfrau war ganz nach seinem Herzen, sie bezeigte ihm die Achtung, die er erwarten konnte und machte seine Herren nicht lächerlich – ein Vergehen, das sich die übrige Dienerschaft meistens zu schulden kommen ließ. Nur in religiöser Beziehung war Herr Whittaker mit Frau Miller nicht zufrieden. Whittaker beschäftigte sich nämlich als kluger Mann in seinen Mußestunden mit Theologie, er war altmodisch in seinen Anschauungen und hatte die unerschütterliche Ueberzeugung, daß der einzige Weg zum Heil in der orthodoxen Kirche zu finden sei.

Eines Abends fühlte er das Bedürfnis, auch Frau Miller seiner Erkenntnis teilhaftig werden zu lassen, und geriet infolgedessen in der Speisekammer, in der sie etwas hatte holen wollen, in einen heftigen Streit. Als er harmlos an Herrn Mordles gestrige Predigt anknüpfte, ahnte er nicht, welchen Sturm er heraufbeschwor, und daß sich die ruhig blickende Frau unter seinen Worten in eine wütende Fanatikerin verwandeln würde; er hatte aber wirklich Funken aus dem Stein geschlagen.

Sie vergaß den Zweck ihres Kommens und beteiligte sich an dem religiösen Disput, so daß ihrem männlichen Widersacher Hören und Sehen verging. Sie sprach von Gnadenwahl und Vorherbestimmung, von der gänzlichen Unwirksamkeit der guten Werke und des Glaubens; sie bewies ihm mit furchtbaren Bibeltexten, daß es für niemand Hoffnung auf Gnade oder Erlösung gäbe, als für die Erwählten. Der arme alte Whittaker war sprachlos und schüttelte mitleidig den Kopf über ihren traurigen Seelenzustand. Seine einseitigen Studien gaben ihm keine Waffen an die Hand, um diesen heftigen Angriff abzuwehren. Er unterschied sich in diesem Punkt nicht wesentlich von vielen berühmten Lehrern der Menschheit.

Plötzlich wurde Frau Miller wieder ruhig, aber offenbar nur mit großem Aufwand von Selbstbeherrschung. Sie bat um Entschuldigung für ihre Heftigkeit, die Herr Whittaker hoffentlich vergessen würde, dann entfernte sie sich.

Whittaker glaubte erst, er in seiner verantwortlichen Stellung, müsse seinen Herren von den ketzerischen Ansichten der Kinderfrau Mitteilung machen. Er überlegte sich aber, daß dies gegen die Frau, die übrigens so regelmäßig wie alle anderen zur Kirche ging, nicht schön gehandelt wäre, und begnügte sich deshalb, bei Gelegenheit Herrn Mordle auf den beklagenswerten Seelenzustand und die sonderbaren religiösen Ansichten derselben aufmerksam zu machen und ihm die stattgehabte Unterredung mitzuteilen.

»Ach so,« sagte Mordle, »Calvinismus! Trübseliger Glaube – traurigster und trübseligster von allen!«

Der Vikar war ziemlich kurz mit Whittaker, er fand ihn lästig und etwas naseweis.

»Wollen Sie sie besuchen und mit ihr reden?« fragte Whittaker ehrerbietig.

»Nein – Calvinisten sind unheilbar. Aber um Ihnen einen Gefallen zu thun, Whittaker, will ich einmal Sonntags für sie predigen.«

Man muß annehmen, daß Beatrice von dem Calvinismus Frau Millers nicht belästigt wurde, denn sie war außerordentlich zufrieden mit ihr. Es war allen ersichtlich, daß die Kinderfrau eine außergewöhnliche Zuneigung zu ihrer jungen Herrin gefaßt hatte. Nichts schien sie so glücklich zu machen, als Beatrice dienen zu dürfen, und wenn diese an ihr vorüberging, so folgte sie ihr liebevoll mit den Augen. Beatrice ihrerseits behandelte die Dienerin mit einer Rücksicht, die auch die liebenswürdigsten Menschen nicht immer für ihre Untergebenen haben. Die Dienerschaft sagte sich, Frau Miller verstehe es, sich bei Fräulein Clauson wohl dran zu machen. Ob nun Frau Miller über Verdienst begünstigt wurde oder nicht, so ging doch in Hazlewood House alles glatt und regelmäßig von statten. Vielleicht war es gerade die vollkommene Ordnung, mit der das Uhrwerk weiter ging, die Frau Miller veranlaßte, sich einen Tag Urlaub zu nehmen.

Den Tag nachdem Herr Mordle sein Glück versucht und verspielt hatte, sahen Horace und Herbert, die im Garten herumschlenderten, daß der goldlockige Knabe unter der Obhut des Zimmermädchens ausging. Dies war ein Verstoß gegen die Regel, der nicht unbeanstandet durchgehen konnte. Sie fragten nach der Ursache und erfuhren, daß Frau Miller um einen freien Tag gebeten habe.

Die Brüder sagten natürlich nichts weiter, aber als sie mit Beatrice zusammentrafen, erwähnten sie die Sache gegen sie.

»Ja,« antwortete sie, »ich habe ihr erlaubt, einen Tag auszugehen.«

Die Talberts waren zu höflich, um Beatrice zu tadeln, aber vier hoch aufgezogene Augenbrauen verkündeten ihr Mißfallen; Beatrice hatte sich eine Freiheit herausgenommen.

»Wohin ist sie gegangen?« fragte Herbert, der gerne beruhigt darüber war, daß seine Leute ihre Zeit richtig anwendeten.

»Vermutlich nach London,« sagte Beatrice sorglos.

Frau Miller jedoch verlebte ihren freien Tag in folgender Weise: Sie stand morgens sehr früh auf, ging von Hazlewood House bis zu dem Kreuzweg, wartete dort auf den altmodischen Omnibus, nahm einen Platz in demselben und wurde zur rechten Zeit von ihm auf dem Bahnhof von Blacktown abgesetzt, von wo sie mit der Bahn nach Weymuth fuhr, einem eleganten Seebad, in dem sie gegen elf Uhr ankam. Man sah indessen sofort, daß sie nicht hierher gekommen war, um einen Tag an der See zu genießen; denn statt auf den fröhlich belebten Strand zu gehen, blieb sie eine Stunde im Wartesaal sitzen und bestieg dann einen anderen Zug, der auf einer eingleisigen Linie fuhr, die fast den ganzen Weg der See entlang lief, während sich rechts ein mächtiger, mit freundlichen Pappeln bewachsener Hügel, Chesil Beach genannt, erhob, und im Vordergrund die weithin leuchtenden, zackigen, steilen Klippen ragten, an deren Fuß der Ort ihrer Bestimmung lag.

Frau Miller kümmerte sich nicht um ihre landschaftliche Umgebung, sondern verließ ruhig und geschäftsmäßig den kleinen Bahnhof. Es war unzweifelhaft, daß diese Frau mit einer besonderen Absicht hierher gekommen war.

Es war ein glühend heißer Tag. Die Sonne warf ihre sengenden Strahlen erbarmungslos herab auf die baum- und schattenlose, unfruchtbare Halbinsel. Frau Millers schwarze Kleidung schien diesem Wetter nicht zu entsprechen; auch war ihr Körper offenbar nicht stark genug, um diese steilen Klippen von oolithischem Kalkstein zu erklimmen, die drohend auf sie herniederblickten. Die zwei Wagen, die vor dem Bahnhof standen, waren schreckliche, alte Fuhrwerke, aber die Pferde waren kräftig. Frau Miller wurde mit einem der Kutscher handelseinig und stieg in eines der staubigen Gefährte. Erst ging es durch die kleine, graue Stadt, die am Fuße des Hügels liegt und sich noch ein gut Teil an demselben hinaufzieht. Das Pferd quälte sich höher und höher die steile vielgewundene Straße hinauf, bis schließlich zur Befriedigung des Pferdes und der Insassin des Wagens, vorausgesetzt, daß diese im Besitz normaler Nerven war, das Tafelland oben erreicht war.

Schon einige Zeit, ehe das Fuhrwerk auf den Gipfel der Klippe gelangte, war es an einzelnen Gruppen von Männern vorbeigefahren, die am Wege arbeiteten. Aus der Ferne gesehen, unterschieden sich diese Leute nur wenig von anderen Menschen, aber bei genauerem Zusehen entdeckte man, daß die Kleidung der meisten aus dunkelgelben wollenen Beinkleidern und einer ärmellosen Jacke aus leichtem Barchent bestand, und daß diese Jacke an verschiedenen Stellen mit dem großen Wappen der Regierung gestempelt war. Alle trugen Gamaschen und eigenartige Kappen, unter denen kein Haar zu sehen war. Gelegentlich konnte man den einen oder anderen bemerken, der sich mit einer gewissen Steifheit in seinen Gamaschen bewegte, als ob er dieses Kleidungsstück, das jede freiere Bewegung seiner unteren Gliedmaßen hemmte, gerne entbehrt hätte. Ab und zu wurde die Einförmigkeit der Kleidung durch eine Erscheinung unterbrochen, die in Blau statt in Gelb gekleidet war. Alles in allem war die Tracht eine solche, daß sie kaum ein Mann ausgesucht haben würde, dem die Wahl freigestanden hätte.

Die Gruppen am Wege, an denen Frau Miller vorbeifuhr, waren meistenteils damit beschäftigt, Rasenstücke von einem zum anderen zu reichen. Sie verrichteten ihre Arbeit in einer möglichst verdrossenen und gleichgültigen Weise, obgleich sie von zwei Aufsehern in langen dunklen Röcken, an denen blanke obrigkeitliche Knöpfe glänzten, mit geladenem Gewehr bewacht wurden.

Weiter vom Wege ab konnte man noch manch anderen Trupp Gefangener sehen, die damit beschäftigt waren, die berühmten Portlandsteine heraufzuschaffen. Nachdem er an mehreren Schildwachen vorüber und eine Strecke weit über den Kiesgrund gefahren war, hielt der Wagen endlich vor einem großen, aus grauem Stein errichteten Gebäude, über dessen Thorweg das königliche Wappen von England angebracht war. Das Haus war Ihrer Majestät Zuchthaus von Portland. Ihm gegenüber auf der anderen Seite des Weges lag der Garten des Direktors, der in seiner Blumenpracht eine Oase in der unfruchtbaren Gegend bildete. Ein Mann, der in Erfüllung seiner Pflichten hier leben muß, braucht einen Garten, oder sonst etwas derartiges, damit er in der trostlosen Einförmigkeit dieses Ortes nicht wahnsinnig wird.

Frau Miller stieg aus und schritt, ohne einen Blick auf die heiteren Blumenbeete zu werfen, mutig durch das Gefängnisthor, nachdem sie dem Kutscher befohlen hatte, zu warten.

Sie wurde sofort von einem majestätischen aber gutmütig aussehenden Thürhüter angesprochen. Dieser führte sie in ein kleines Wartezimmer innerhalb des Thores und fragte nach ihrem Begehr. Frau Miller wünschte einen Sträfling Namens Maurice Hervey zu sehen.

Der Pförtner schüttelte zweifelhaft den Kopf, denn die Züchtlinge durften ihre Angehörigen nur alle sechs Monate einmal sehen. Da aber Frau Miller sehr anständig aussah, war er bereit, die Sache dem Direktor vorzutragen. Er bot ihr einen Stuhl an und ließ sie allein.

Sie saß einige Zeit in einem Wartezimmer, an dessen Wänden Plakate hingen mit der Aufforderung, den Gefangenen nicht heimlich Geld zuzustecken, sondern dasselbe lieber zum Besten der entlassenen Sträflinge und der für die Kinder der Beamten eingerichteten Schulen in die aufgestellten Büchsen zu thun. Nach einiger Zeit kehrte der gutmütige Thürhüter zurück und teilte Frau Miller mit, daß der Sträfling lange keinen Besuch gehabt habe und deshalb nach der Rückkehr von der Arbeit gefragt werden solle, ob er sie sehen wolle. Sie mußte ihren Namen aufschreiben. Sie that es und wartete geduldig. Endlich hörte sie den abgemessenen Schritt vieler schwer auftretender Füße – sie wußte, daß die Sträflinge zum Essen zurückgekommen waren. Als das Geräusch verstummt war, erschien ein Gefängniswärter und bat sie, ihm zu folgen.

Es war nur ein Schritt; er öffnete eine Thüre im Hintergrunde des Wartezimmers und Frau Miller befand sich in einem Raum, der sich nur mit einem Käfig in einem zoologischen Garten vergleichen läßt, denn ein Teil desselben bestand aus einem Gitter von Eisenstäben, die ungefähr sechs Zoll voneinander abstanden. Diesem Gitter gegenüber war ein zweites, ebensolches, zu dem eine Thüre hinter demselben führte. Zwischen diesen beiden Gittern war ein Raum, in dem ein Stuhl stand und in welchen man durch eine dritte Thüre gelangte.

Die mittlere Thüre öffnete sich und ein Aufseher setzte sich auf den Stuhl. Dann ging die von Frau Miller am weitesten entfernte Thüre auf und ein blaugekleideter Sträfling erschien hinter dem zweiten Gitter und nickte seinem Besuch gleichgültig zu.

Sonst gibt es Weinen und Wehklagen, wenn ein Sträfling weiblichen Besuch bekommt. Die Hände werden durch die Gitter gestreckt und die Fingerspitzen können sich gerade berühren, wenn die Leute von gewöhnlicher Größe sind – es ist so wenig, aber doch besser als nichts.

Es gab eine Zeit, in der kein leerer Raum die Freunde trennte, in der sie sich durch die Stäbe eines einfachen Gitters küssen, ja beinahe umarmen konnten: allein es stellte sich heraus, daß die Küsse der Besucher häufig Geldstücke in den Mund der Sträflinge beförderten – es war dies ohne Zweifel gut gemeint, brachte aber, falls es entdeckt wurde, den betreffenden Mann in Ungelegenheiten, verminderte die Zahl der guten Noten und verlängerte somit die Zeit seiner Gefangenschaft. Daher kommt es, daß jetzt ein Zwischenraum von fünf Fuß Breite sich zwischen dem Besucher und dem Besuchten ausdehnt.

Diesmal jedoch wurden keine Hände ausgestreckt und keine Thränen vergossen. In der That blickte Frau Miller auf das eingekäfigte Geschöpf vor ihr mit einem an Haß grenzenden bitteren Ausdruck in ihren scharfen Zügen. Und doch sah der Züchtling trotz der kurzgeschorenen Haare, der glattrasierten Wangen und dem häßlichen Anzug gar nicht übel aus. Seine Züge waren regelmäßig, fast fein. Er war über Mittelgröße, breitschulterig und gesund aussehend. Seine Zähne waren schön und seine Hände sahen, trotz der jetzigen Schwielen nicht aus, als ob sie von jeher gearbeitet hätten. Seine Augen hatten einen grausamen, verschmitzten Ausdruck, indessen hatten sie diesen vielleicht erst seit seiner Einkerkerung angenommen. Frau Miller hatte den nämlichen Blick bei vielen der Gefangenen bemerkt.

Frau Miller sah den Gefangenen durch ihr Gitter an; er sie durch das seine; der Aufseher saß anscheinend gleichgültig zwischen ihnen. Eine Weile blieb es still; der Sträfling brach das Schweigen zuerst.

»So, Sie sind's?« sagte er.

»Ja, ich bin's,« antwortete Frau Miller.

»Nun, was wollen Sie? Sehen, wie mir's geht?«

Er sprach diese Worte unendlich leichtfertig. Seine Besucherin sah ihn verächtlich an.

»O, ich befinde mich in ausgezeichneter Gesundheit,« fuhr er fort, »ich bin noch einmal so stark, als wie ich herkam. Regelmäßige Arbeit, regelmäßige Mahlzeiten, regelmäßiger Schlaf haben mich vollständig gestärkt und erfrischt. Es ist gar keine Aussicht vorhanden, daß ich sterbe, ehe ich entlassen werde.«

»Nein, das fürchte ich auch,« sagte Frau Miller mit solcher Bitterkeit, daß der gleichgültige Aufseher sie ansah und dachte, das sei ein sonderbarer Besuch für den Sträfling.

Das Gesicht des Gefangenen veränderte sich. Er sah sie ebenso finster an, als sie ihn.

»Wann ist Ihre Zeit vorbei?« fragte sie scharf. »Können Sie es mir sagen?« wandte sie sich an den Aufseher.

»Kann's nicht genau sagen,« antwortete dieser, »er ist in blau, also ist er im letzten Jahre.«

Frau Miller schauderte zusammen, ihre Hände krampften sich ineinander.

»Ich will wissen,« sagte sie wieder zu dem Gefangenen, »was Sie thun wollen, wenn Sie entlassen sind. Dies ist der Grund meines Kommens.«

Der Mann blickte sie höhnisch an, als er sagte: »Ich habe noch an nichts gedacht, als an die Wonne, die ich empfinden werde, wenn ich wieder in die Arme meines treuen Weibes zurückkehren darf.«

Die dunklen Augen der Frau sprühten Feuer. Sie drückte ihr Gesicht an das Gitter und starrte auf das rasierte Gesicht vor ihr.

»Wieviel Geld wollen Sie haben?« flüsterte sie.

Der Züchtling zuckte die Achseln. »Geld kommt erst in zweiter Linie in Betracht. – Ich sehne mich nach ehelicher Zärtlichkeit.«

Sie wandte sich ab und durchmaß den engen Raum mit hastigen Schritten. Der Aufseher begann an dieser ungewöhnlichen Zusammenkunft Interesse zu nehmen. Die Frau schien indes seine Anwesenheit ganz vergessen zu haben. Sie stampfte mit dem Fuße und fuhr den Gefangenen heftig an: »Wollen Sie nach Amerika oder Australien gehen? – Geld soll geschafft werden.«

»Keineswegs,« antwortete der Sträfling höflich. »Außerdem,« er wandte sich mit gemachter Ehrerbietung an den Aufseher, »ist es, glaube ich, nötig, mich einmal im Monat auf der Polizei zu stellen?«

Der Aufseher nickte.

»Gott helfe uns!« stöhnte die Frau. Dann sagte sie zu dem Züchtling: »Sie werden mich's wissen lassen, wenn Sie frei sind?«

»O ja, Sie sollen bald genug von mir hören! Sie werden eine der ersten sein, die ich aufsuche. Wenn Sie für jetzt nichts mehr zu sagen haben, möchte ich bitten, zu meinem Essen zurückgeführt zu werden. Gut und reichlich wie die Kost ist, mag ich sie doch lieber warm als kalt.«

Der ernsthafte Aufseher konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Die für einen Besuch gewöhnlich erlaubte Zeit war noch lange nicht zu Ende, und es war ihm neu, daß ein Sträfling sie freiwillig abkürzte. Er fragte Frau Miller: »Haben Sie ihm noch etwas zu sagen?«

»Nein,« antwortete sie düster.

Der Gefangene verbeugte sich höflich vor ihr, als sie die Thüre öffnete, um hinaus zu gehen. Sie blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen und sah Nr. 1080 nach, als er wieder nach seiner Zelle geführt wurde. Dann trat sie in das Wartezimmer zurück, wo sie den höflichen Beamten traf, der zuerst mit ihr gesprochen hatte. Von ihm hörte sie, wo sie sich des Näheren nach Nr. 1080 erkundigen könne. Sie erfuhr, daß der Sträfling, falls er fortfahre sich so gut wie bisher zu führen, etwa in einem halben Jahr freikomme.

»Was wird dann aus ihm?« fragte sie weiter. »Stellen Sie ihn einfach vor die Thüre und sagen, er solle machen, daß er fortkomme?«

»O nein,« lächelte der Beamte; »er wird gefragt, ob er Angehörige hat, zu denen er gehen kann, oder wo er sonst hin will. Dorthin wird ihm die Reise bezahlt; er bekommt auch einen Anzug und etwas Geld, dann muß er selbst sehen wie er weiter kommt.«

Frau Miller überlegte einen Augenblick, dann fragte sie: »Gibt es jemand, an den ich schreiben und die Bitte richten kann, mir den Tag mitzuteilen, an dem er entlassen wird?«

»Gewiß, wenn Sie mit ihm verwandt oder befreundet sind und sich seiner annehmen wollen und darum an den Direktor schreiben, werden Sie ohne Zweifel von ihm benachrichtigt werden.«

»Danke Ihnen bestens,« sagte Frau Miller, strich ihre schwarzen Gewänder zurecht, verließ das Zuchthaus und fuhr nach dem Bahnhof zurück. Da ihr bis zu Abgang des Zuges nach Weymouth noch einige Zeit blieb, so stieg sie auf den Chesil Beach und blickte hinaus auf die See. Ihre Lippen bewegten sich leise, während sie regungslos dasaß. Sie sandte ein heißes Gebet zum Himmel empor, dessen Erfüllung einen gewissen Sträfling noch vor Ablauf seiner Strafzeit dieser Erde entrückt haben würde. Ein sonderbares Gebet, aber schließlich nicht sonderbarer, als die Gebete feindlicher Heere vor Beginn der Schlacht.

Der Zug ging endlich ab und führte sie wieder nach Weymouth zurück, wo sie eine Erfrischung zu sich nahm, deren sie sehr bedürftig war. Durch einen Zufall täuschte sie sich in der Zeit und verfehlte den Nachmittagszug. Infolgedessen läutete sie erst nachts um elf Uhr an der Thüre von Hazlewood House. Es war eine Regel in dem wohlgeordneten Hause, daß kein Dienstbote nach halb zehn Uhr außer dem Hause und – wenn nicht Besuch da war – nach halb elf Uhr außer dem Bett sein durfte.

Ihre Gebieter hatten sie erwartet und nahmen sie alsbald vor. Sie erklärte, sie habe den Zug versäumt.

»Welchen Zug?« fragte Horace.

»Den Zug von Weymouth.«

»Aber Fräulein Clauson sagte uns, Sie seien nach London gegangen.«

»Fräulein Clauson täuschte sich.«

Horace ärgerte sich, daß irgend jemand annahm, eine Autorität, wenn auch nur eine stellvertretende, könne sich täuschen. Deshalb sagte er ziemlich scharf: »Das darf nicht wieder vorkommen, Frau Miller.«

»Und,« fügte Herbert hinzu, »wenn Sie wieder einen freien Tag haben wollen, so haben Sie die Güte, es uns ebensowohl wie Fräulein Clauson mitzuteilen. Wir haben in diesen Dingen feste Regeln.«

Frau Miller verbeugte sich und verließ das Zimmer.

»Sie sieht doch recht sonderbar aus,« sagte Horace; »ob es wohl richtig war, sie ohne Zeugnisse ins Haus zu nehmen?«

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