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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
projectid805f27fd
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Fünftes Kapitel.
Herr Mordle gibt ein unüberlegtes Versprechen

Am nächsten Morgen ereignete sich etwas Ungewöhnliches: Die Brüder Talbert brachen eine ihrer Regeln und eröffneten die eingelaufenen Briefe schon vor dem Frühstück. Sie hatten für alles ihre bestimmte Zeit, und so pflegten sie dieselben erst bei der zweiten Tasse Thee zu lesen. An diesem Morgen waren sie aber so begierig, zu erfahren, ob dieselben keine Erklärung für das Erscheinen des Kindes brächten, daß sie die Briefe sofort erbrachen. Sie enthielten aber nichts als Einladungen, Rechnungen etc. Darauf wurde der Theekessel gebracht und Herbert, der am Frühstückstisch den Vorsitz führen durfte, begann den Thee zu machen. Nun erschien auch Fräulein Clauson mit dem Kinde auf dem Arme, das sie sorgfältig gewaschen und gekämmt hatte, so daß es so frisch und duftig aussah, wie eine Junirose. Sie setzte den Jungen neben sich, nachdem sie den Stuhl mit Kissen genügend erhöht hatte, und ließ sich dann Milch und Brot reichen.

Die Talberts erhoben keinen Einspruch gegen Beatrices Vorgehen, obgleich sie geglaubt hatten, das Kind werde mit den Dienstboten frühstücken. Sie besichtigten ihren herzhaften kleinen Gast mit Hilfe ihrer Augengläser nun auch beim Tageslicht, und sogar Onkel Horace konnte seinem furchtlosen Wesen und hübschen Aussehen seinen Beifall nicht versagen, während Herbert ihn mit Beatrice um die Wette verhätschelte.

Es schien dem Knaben an seinem neuen Aufenthaltsort recht wohl zu gefallen. Es ist überhaupt recht traurig, zu beobachten, wie schnell ein Kind seine Mutter vergißt. Es weint, weil es Wärme, Nahrung oder Trost vermißt – nicht aber weil das Wesen ferne ist, von dem es mit einer Welt von Liebe umgeben worden ist.

Das Kind indessen, um das es sich in diesem besonderen Falle handelt und das so grausam verlassen worden war, kann doch vielleicht von der Sünde der verhärteten Gleichgültigkeit und der Nichterwiderung der Liebe freigesprochen werden, wenn es den veränderten Verhältnissen die beste Seite abgewann und bei jeder Gelegenheit hell auflachte. Bei anderen Kindern steht die Sache freilich anders.

Beatrice hatte sich vergewissert, daß keine Nachrichten eingetroffen waren, kam aber auf ihren ungeheuerlichen Vorschlag vom Abend vorher nicht zurück. Vielleicht entging ihr nicht, daß das hübsche, kecke Kind anfing, ihre Onkel zu interessieren; so hielt sie es mit weiblicher Diplomatie für richtiger, die Sache für eine Weile ruhen zu lassen. Sobald das Frühstück vorüber war, führte sie das Kind fort und spielte den Tag über nach Herzenslust mit ihm. Es schien in der That, als habe Fräulein Clausons Leben jetzt erst einen Zweck bekommen.

Um die Wahrheit zu sagen, so war sie eine junge Dame, der etwas Anregung zu fehlen schien. Sie war mit ihren zweiundzwanzig Jahren sehr verschieden von dem, was einst das junge Mädchen gewesen war, das seiner Stiefmutter den Handschuh so hastig hingeworfen hatte. Die Ruhe und Gleichgültigkeit, die ihr von den Talberts so hoch angeschlagen wurden, war für ein Mädchen von ihrer Schönheit, Geburt und ihrem Vermögen kaum natürlich. Sie war wirklich eine Schönheit; wenn ihr Gesicht auch wenig Farbe hatte, so war doch die gesunde Blässe desselben anziehender als irgend welche rosige Wangen. Reiches braunes Haar beschattete die wohlgeformte Stirne; ein Mund mit vollen, roten Lippen und Augen von einem wundervollen, seltenen Grau, das so tief war, daß die meisten Menschen sie für dunkel hielten, strahlten in dem länglichen Antlitz.

Beatrice war eine weibliche Ausgabe der Talberts; die charakteristischen Züge, die bei ihnen übertrieben waren, zeigten sich bei ihr im richtigen Verhältnis. Die Gesichter der Onkel waren verlängerte Ovale, das ihrige aber nur oval; ihre Nasen waren gerade, aber zu lang, die ihre nur gerade; sie waren zu groß, Beatrice gerade groß genug, um eine schöne Gestalt zu haben. Außerdem hatte sie auch das vornehme Aussehen, auf das die Talberts nicht mit Unrecht stolz waren.

Sie freuten sich, daß Beatrice dieses Aeußere von ihrer Familie geerbt hatte, da ihr Vater, der Baronet, wie so viele andere Baronets und Leute von hohem Rang, ein Mann von höchst gewöhnlichem Aeußeren war. Bei jedem Wohlthätigkeitsball oder einer sonstigen gemischten Gesellschaft kann es zehnmal für einmal geschehen, daß man nach dem Namen der am vornehmsten aussehenden Männer fragt und hört, daß sie »Niemande« sind. Man sollte nie fragen – es ist doch zu schmerzlich, daß der vornehm aussehende Herr, der so herablassend lächelt, Herr Smith heißt, während der andere, von unbedeutendem Aeußeren, der Lord oder Herzog Soundso ist. Das ganze Ideal, das man sich von dem gemacht hat, was die Aristokratie eigentlich sein sollte, wird einem auf den Kopf gestellt.

An jenem Morgen also schob Beatrice Bücher, Noten und Malgeräte beiseite und spielte nur mit ihrem neuen Spielzeug. Es war Sonnabend; an diesem Tage gingen die Brüder unabänderlich miteinander nach Blacktown, um Materialwaren einzukaufen. Ehe sie aufbrachen, suchte Herbert Beatrice auf, um zu fragen, ob sie keinen Auftrag für ihn habe. Er fand sie mit erhitztem Gesicht und zerzaustem Haar mit dem Kinde herumtollend. Eine Weile sah er den beiden belustigt zu, dann ging er auf den Boden und holte dort aus einer Dachkammer ein paar uralte Spielsachen, die vor fünfunddreißig Jahren Horace und ihn beglückt hatten; er trug sie hinunter und Beatrice dankte ihm herzlich für den gütigen Einfall.

Als die Onkel nach einigen Stunden mit einem Wagen voll Thee, Kaffee, Zucker, gelber Seife, Putztüchern, Putzstein und Schmirgelpapier zurückkehrten, fanden sie Beatrice noch bei der gleichen Beschäftigung. Sie sprachen kaum mit ihr; der Sonnabend war ein viel zu wichtiger Tag, als daß sie an etwas anderes als an Haushaltungsgeschäfte hätten denken können; da sie außerdem auf dem Bahnhof in Blacktown mit dem Einziehen von Erkundigungen manche kostbare Minute verloren hatten, waren sie sehr eilig und so beschäftigt, daß sie sich, als Herr Mordle um vier Uhr kam, entschuldigen und diesen zu Beatrice führen ließen.

Wenn der hochwürdige Herr Mordle dem Himmel für allerlei gute Gaben Dank sagte, nahm er immer seinen Namen davon aus. Es war – meinte er – stets ein schrecklicher Name, allein er wurde noch schrecklicher, wenn er von einem Geistlichen geführt wurde; er war überzeugt, daß ihm dieser Name in seiner geistlichen Laufbahn zu großem Nachteil gereichen werde. Da man sich jedoch seinen Familiennamen ebensowenig wählen kann wie eine weiße oder braune Haut, so war Herr Mordle geneigt, diesen Namen als ein unvermeidliches Uebel hinzunehmen, allein daß man demselben auch noch den Vornamen »Sylvanus« beigesellt hatte, erklärte er für eine Niederträchtigkeit, und er verwünschte die Paten und Patinnen, die ihm dies Leid zugefügt hatten. Wie von einem Montmorency oder Plantagenet erwartet wird, daß er dem großen Namen nachlebe, den er trägt, so strebte Mordle von seinem Namen quasi wegzuleben. Infolge dieses Vorsatzes war er stets heiter und wohlgemut. Für Sylvanus Mordle war es nie zu heiß, nie zu kalt, nie zu sonnig, nie zu windig. Seine Predigten waren fast immer heiter, in kurze, schneidige Sätze zusammengefaßt, die er in raschem, entschiedenem Tone vortrug. Ach, der arme Träger eines lächerlichen Namens konnte niemals wagen, eine rührende, pathetische Predigt zu halten. Nur seine Grabreden konnte man etwa bekritteln; da er bei solchen Gelegenheiten doppelt bemüht war, seinen Stil nicht in Einklang mit seinem Namen zu bringen, so kam es wohl vor, daß die beraubten Verwandten und die trauernden Freunde nicht ganz mit ihm zufrieden waren.

Im übrigen war er ein etwa dreißigjähriger Mann, allgemein beliebt, von hübschem Aeußeren, der die Güter dieser Welt zwar nicht verachtete, aber ihnen auch nicht nachjagte und die ganze Arbeit eines Vikars und drei Viertel von der eines Pfarrers um hundertzwanzig Pfund jährlich besorgte. Es war ein Glück, daß er sich einer guten Konstitution und eines kleinen Privatvermögens erfreute.

An jenem Nachmittage fühlte sich Herr Mordle durch die Entschuldigungen der Gebrüder Talbert nicht beleidigt; er war ganz gern mit Fräulein Clauson allein. Er erkundigte sich, ob Nachricht von der vermißten Mutter gekommen sei, und begann sich mit dem Kinde zu beschäftigen. Als er sah, wieviel Anhänglichkeit dieses schon für Beatrice an den Tag legte, machte er eine schmeichelhafte Bemerkung darüber, hinter der sie leicht eine tiefere Meinung hätte finden können, wenn sie sich überhaupt die Mühe genommen hätte, eine solche zu suchen.

»Und wo sind Ihre Onkel eigentlich?« fragte er nach einiger Zeit.

»In dem Zimmer der Haushälterin,« antwortete Beatrice ernsthaft.

»Natürlich beschäftigt … Sonnabend. Schlechter Tag zu einem Besuch. Was thun sie jetzt?«

Beatrice sah ihn blinzeln und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Nun? – Was thun sie denn?« fragte Mordle.

»Ach, Herr Mordle, sie sehen die Wäsche nach,« sagte sie lachend.

»Ganz in der Ordnung! Sie muß doch von irgend jemand nachgesehen werden. Ich möchte nur wissen,« fuhr er nachdenklich fort, »ob sie auch die schmutzige Wäsche vorzählen.«

»Ach nein, das denn doch nicht! Aber haben Sie je etwas so Komisches gesehen?«

»Sie waren überrascht, nicht wahr?« sagte der Vikar kurz.

»Ja, obgleich ich vorher schon davon gehört hatte, so überwältigte mich die Wirklichkeit doch. Gleich am ersten Morgen sah ich Onkel Herbert der Haushälterin Vorräte herausgeben. Sie halten das Hauswesen aber auch besser in Ordnung, als irgend eine Frau.«

»Es ist zu köstlich! Ich könnte Ihnen heitere Geschichten erzählen, Fräulein Clauson.«

»Bitte, thun Sie's nicht; sie sind so gut und liebenswürdig, daß ich es nicht ertragen kann, wenn man sie lächerlich macht.«

»Sie sind sehr gut und ich habe sie sehr lieb. Was ohne sie aus meinen Armen werden würde, weiß ich nicht. Wenn sie Ihnen etwas zu thun übrig lassen, werden Sie sich hier sehr glücklich fühlen.«

Beatrice lächelte; sie dachte an das Entsetzen, das ihr Anerbieten, zu helfen, hervorgerufen hatte.

»Ich habe in der That nicht genug zu thun,« sagte Beatrice, während sie ihre Finger durch das goldene Haar des Kindes gleiten ließ, das sich an sie schmiegte. »Herr Mordle, ich habe eine Bitte an Sie.«

»Alles, alles … Verfügen Sie ganz über mich,« sagte der Vikar möglichst schnell und entschieden.

»Ich habe den kleinen Mann hier so lieb gewonnen, daß ich, falls er von seinen Angehörigen nicht zurückgefordert wird, meine Onkel bitten möchte, ihn behalten zu dürfen. Ich wäre so glücklich mit ihm.« Sie küßte und liebkoste das Kind.

Als der Vikar sah, wohin ihn sein rasches Versprechen führte, hätte er es gerne wieder zurückgenommen; er zögerte mit der Antwort.

»Onkel Herbert hätte gewiß nichts dagegen,« setzte Beatrice hinzu.

»Herr Talbert würde es niemals zugeben.«

»Was wäre denn dabei?«

Der hochwürdige Sylvanus schwieg. Er mochte dem Mädchen nicht sagen, daß die Aufnahme des so geheimnisvoll gefundenen Kindes Anlaß zu übler Nachrede geben konnte.

»Nicht wahr, Sie helfen mir?« bat Beatrice und ein Blick in ihre Augen machte Sylvanus wachsweich, so daß er mit der gewöhnlichen Schwäche der Männer, wenn sie in dieser Weise angegriffen werden, alles versprach, was sie wollte. Dann verabschiedete er sich mit dem angenehmen Gefühl, sich ein schönes Mädchen verpflichtet zu haben.

Horace und Herbert sah er diesen Tag nicht, sie waren ungeheuer beschäftigt. Die abgelieferte Wäsche stimmte nicht mit dem Verzeichnis im Wäschebuch, und so mußten sie alles noch einmal durchgehen – eine lästige, aber unvermeidliche Aufgabe.

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