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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
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Viertes Kapitel.
Beatrices Vorschlag

In unserer Schilderung von Hazlewood House und seinen Bewohnern wurde Fräulein Clauson nicht erwähnt, weil ihre Stellung in dem wohlgeordneten Haushalte bis jetzt noch eine unbestimmte war – sie war weder Herrin noch Gast. Beatrice Clauson war die einzige Tochter Miß Talberts, die sich so glänzend verheiratet hatte und in allen Dingen den Ansprüchen gerecht wurde, die man an die Frau eines Baronets zu stellen berechtigt ist. Nur unterließ es Lady Clauson leider, ihrem Gatten einen Sohn und Erben zu schenken, was er ihr indessen in Anbetracht ihrer sonstigen Tugenden verzieh. Sie starb, als ihr einziges Töchterlein zwölf Jahre alt war; Sir Maingay vergoß reichliche Thränen, öffnete seit Jahren zum erstenmal wieder die Bibel, wählte einen den zahlreichen Tugenden der Verstorbenen entsprechenden Text aus und blieb überdies noch um ihret-, vielleicht auch um seinetwillen fünf Jahre unvermählt. Dann that er, was alle der Gattin beraubten Männer von Rang in mittlerem Lebensalter zu thun pflegen: Er heiratete wieder.

Beatrice Clauson, eine romantische junge Dame, die gerade die Schule verlassen sollte und von nichts als von der Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten träumte, malte es sich eben aus, wie schön sie ihres Vaters Haushalt führen, wie gut sie für ihn sorgen, ihm jede Bequemlichkeit verschaffen wollte und wie ihr keine Mühe zu groß sein sollte, um die Stelle ihrer verstorbenen Mutter würdig auszufüllen. Da wurde sie plötzlich, ohne irgend ein vorbereitendes Wort, einer Stiefmutter vorgestellt, die noch dazu nur vier Jahre älter war als sie selbst. Es war ein vernichtender Schlag für das junge Mädchen, die erste Lehre von der Eitelkeit und Unbeständigkeit aller irdischen Hoffnungen und Erwartungen.

Sie hätte dies natürlich voraussehen müssen, allein sie war jung und ihr erst im mittleren Alter stehender Vater erschien ihr, wie es den meisten jungen Leuten zu gehen pflegt, furchtbar alt und gesetzt. Außerdem hatte sie eine lebhafte Erinnerung an ihre Mutter bewahrt und ebenso an den Kummer, den Sir Maingay an den Tag gelegt, als ihm der Tod sein Weib entriß. Damals hatte ihr Vater sie an sein Herz gedrückt und ihr gesagt, jetzt sei sie sein alles, das einzige Band, das ihn noch an das Leben knüpfe. Der Blitz kam für sie wirklich aus blauem Himmel.

Mit siebzehn Jahren war Beatrice noch ein verwöhntes Kind – alle Witwer verwöhnen einzige Kinder – außerdem war sie zur Zeit der zweiten Vermählung ihres Vaters eigenwillig, widerspenstig und romantisch und in ihrer Weise stolz wie Lucifer.

Die zweite Lady Clauson war eine Schönheit, weiter nichts. Ihre Familie war eine sogenannte »achtbare Familie«, worunter sich bekanntlich jeder denken kann, was er will, weil die wahre Bedeutung bis jetzt weder von einem Mann noch von einer Frau genau festgestellt worden ist. Schon bei der notgedrungenen ersten Zusammenkunft zwischen Lady Clauson und ihrer Stieftochter wurde von beiden Seiten vermittelst unzweideutiger Zeichen, die aber nur für Frauen verständlich sind, der Krieg bis zum Messer erklärt.

Ein innerer Krieg in einer Familie ist stets beklagenswert – doppelt beklagenswert für die neutralen Teile, und längere Zeit hindurch war Sir Maingays Leben alles, nur nicht glücklich.

Es kommt wenig darauf an, wer am meisten zu tadeln war, und auch bei den Scharmützeln zwischen den beiden Damen, die dem unheilbaren Bruch vorausgingen, brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Die Hauptschlacht wurde geschlagen, als Fräulein Clauson bei Hofe vorgestellt werden sollte.

Lady Clauson erklärte, sie sei die geeignetste Person, um ihre Stieftochter vorzustellen. Beatrice indes lehnte ihren Beistand kühl ab; die Dame bestand auf ihrem Willen – ihre Stieftochter beharrte bei ihrer Ablehnung. Sir Maingay schlug sich auf die Seite seiner Frau und suchte zum erstenmal seine väterliche Autorität geltend zu machen. Daraufhin machte Fräulein Clauson der Sache ein Ende und erklärte, sie lasse sich gar nicht vorstellen. Es war ein schrecklicher Zustand! Man kann ein Pferd ins Wasser treiben, wenn man es auch nicht zum Trinken zu zwingen vermag, aber es geht doch nicht an, eine junge Dame gewaltsam vor das Antlitz einer huldvollen Monarchin zu schleppen.

Lady Clauson, die alle vorgeschriebenen Regeln der Gesellschaft streng befolgte, erklärte, vielleicht nicht ganz mit Unrecht, eine nicht bei Hof vorgestellte Baronetstochter für eine Ungeheuerlichkeit.

Sir Maingay wußte nichts anderes zu thun, als seinen Rebellen allein vorzunehmen. Wenn Beatrice mit ihrem Vater allein war, so zeigte sie sich immer sanft und gut, denn sie liebte ihn zärtlich, obgleich sie seit seiner Wiedervermählung, auf die er nur um des hübschen Aeußeren seiner zweiten Gattin willen, trotz seiner Thränen, des Textes und der einst im ersten Schmerz abgelegten Gelübde, eingegangen war, mit einer leisen Verachtung auf ihn herabblickte. Sie wußte eben nicht, daß es dem Menschen nicht gut ist, daß er allein sei. Sie hörte seine Bemerkungen ruhig an, dann entgegnete sie:

»Ich möchte dir keine Last sein, Papa. Ich bin jetzt achtzehn Jahre alt und kann nicht in die Schule zurückgehen; es wäre Unsinn, zu sagen, ich wolle mein Brot verdienen, denn wenn ich volljährig werde, habe ich ja Vermögen. Kann ich nicht in Fairholme leben?«

Fairholme war der selten bewohnte Landsitz Sir Maingays in einer der südlichen Grafschaften.

»Aber du kannst dort doch nicht allein leben!«

»Doch, das könnte ich. Frau Williams würde für mich sorgen und ich wäre glücklich und zufrieden.«

»Mein liebes Kind, warum willst du denn nicht vernünftig sein und dich mit Lady Clauson aussöhnen? Wir könnten dann alle miteinander ins Ausland reisen.«

Lady Clauson, die durchaus nicht dumm war, hatte um diese Zeit entdeckt, daß man doch etwas mehr als ein hübsches Gesicht brauche, um eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft einzunehmen, wonach ihr Herz sich sehnte. Sie hatte beschlossen, eine gereiste Frau zu werden, und Sir Maingay das Versprechen abgenommen, sie in verschiedene fremde Länder zu führen. Die beabsichtigte Reise sollte mehrere Jahre dauern und Lady Clauson hegte den Gedanken, ein Buch zu schreiben – oder jemand zu suchen, der es für sie schreiben könnte – in dem der ausgetretene Pfad, dem sie zu folgen beabsichtigte, ausführlich geschildert werden sollte. Sie wollte als Schriftstellerin die Gesellschaft im Sturm erobern.

»Ich kann nicht mit ins Ausland gehen,« sagte Beatrice, »ich wäre selbst unglücklich und würde dich unglücklich machen.«

»Aber wenn du in England bleibst, mußt du bei Hofe vorgestellt und in die Gesellschaft eingeführt werden.«

»Ich will vorgestellt werden, wie Lady Clauson – nach meiner Hochzeit.«

Sir Maingay errötete – er fühlte den Spott wohl, der ihn tief verletzte. Was sollte er thun? Es wäre ihm sonst schon lieb gewesen, wenn sie zurückblieb, aber er besaß wenig Verwandte und hatte sich niemals um dieselben gekümmert.

Der alte Herr Talbert, Beatrices Großvater, war leidend; Horace und Herbert waren nicht verheiratet, wo sollte seine Tochter bleiben? Endlich fiel ihm ein, daß er noch eine alte Tante besaß, die in ruhiger Beschaulichkeit in einer Vorstadt Londons lebte. Da Beatrice nicht allein in Fairholme leben konnte, wurde sie ihrer Großtante, Frau Erskine, übergeben; diese war sehr alt, sehr taub und empfing gar keine Gesellschaft, so daß sich annehmen läßt, daß das junge Mädchen während der vierjährigen Abwesenheit ihrer Familie kein sehr heiteres Leben führte.

Sir Maingay vergaß während seines Aufenthaltes auf dem Festland, den er seiner Frau zulieb so lange ausdehnte, beinahe, daß er eine Tochter hatte. Lady Clauson machte während der vier im Ausland verlebten Jahre die Unterlassungssünde ihrer Vorgängerin wieder gut und beglückte ihren Gatten in dieser Zeit mit zwei Söhnen, die ihr halfen, das lästige, eigensinnige Mädchen, das in England so einsam und allein zurückgelassen worden war, aus dem Herzen des Vaters fast zu verdrängen. Endlich kehrten die Clausons nach England zurück; es ist indes nicht festgestellt, ob die Baronin ihr Buch schrieb oder nicht – jedenfalls ist es nicht veröffentlicht worden. Beatrice weigerte sich nicht, in den Schoß der Familie zurückzukehren. Ihr Vater und seine Frau fanden sie viel ernster, zurückhaltender und ruhiger Ueberlegung zugänglicher. Es schien Sir Maingay, daß sie ihre Zeit bei Frau Erskine ganz mit Studien ausgefüllt hatte, und er fürchtete sich fast vor ihrer Gelehrtheit, aber er freute sich, daß seine vernachlässigte Tochter ein sehr schönes Mädchen geworden war, auf das er stolz sein konnte. Er hoffte, es werde sich nun in der Zukunft alles zum besten gestalten. Diese Hoffnung war eitel, doch konnte diesmal kein Zweifel obwalten, wem die Schuld beizumessen sei. Eine Schönheit wie Lady Clauson konnte die beständige Gegenwart einer jüngeren, frischeren und noch schöneren Schönheit nicht ertragen, dazu kam auch noch die Eifersucht auf die Zuneigung, die ihre eigenen Kinder zu der Stiefschwester faßten, und bald waren die Sachen so weit gediehen, daß Beatrice an ihre Onkel schrieb und dieselben bat, ihr eine Heimat zu geben.

Sie war nun beinahe dreiundzwanzig Jahre alt und seit ihrer Volljährigkeit im Besitz ihres mütterlichen Vermögens, so daß sie in jeder Beziehung unabhängig war. Hätten ihre Onkel sie nicht aufgenommen, so würde sie einen selbständigen Haushalt gegründet haben.

Die Talberts, denen das wenige, was sie von ihrer Nichte gesehen hatten, wohl gefiel, berieten in feierlichem Konklave über das Gesuch. Sie beschlossen, daß, falls der Baronet seine Einwilligung gebe – auf diesem Punkt bestanden sie – das junge Mädchen zu ihnen kommen könne. Sir Maingay hatte keinen Einwand erhoben und so war Beatrice nach Hazlewood House gekommen, wo sie seit einer Woche in anhaltender fröhlicher Verwunderung über die liebenswürdigen Eigenheiten ihrer Onkel lebte, die sie erst nach und nach ganz kennen lernte.

Natürlich hatte sie beabsichtigt, sich im Hause nützlich zu machen, und ihren Onkeln sofort angedeutet, daß sie bereit sei, den Haushalt zu führen. Sie sah aber an dem stummen Schrecken, mit dem dieser Vorschlag aufgenommen wurde, daß sie auch hier die gehoffte Beschäftigung nicht finden werde und daß die Brüder nicht daran dachten, die Sorge um das Hauswesen anderen Händen anzuvertrauen. Als sie am ersten Tag ihrer Anwesenheit sah, wie Onkel Horace dem Mädchen, das die Weißnähtereien besorgte, ganz geduldig zeigte, wie man Nadel und Faden am besten handhabe, war sie auch überzeugt, daß alles in den richtigen Händen sei.

Nach einer unthätig in Hazlewood House verlebten Woche begrüßte Fräulein Clauson natürlich auch die kleinste Abwechslung mit Interesse, und es war kein Wunder, daß das Ereignis, das ihr Horace, auf Mordles Rat hin, mitteilte, ihre Neugierde aufs höchste erregte.

»Ist es ein hübsches Kind?« fragte sie.

»Wunderbar hübsch; Herbert und Mordle verhätscheln es fast, als ob sie Frauen wären.«

Beatrice eilte nicht sofort hinaus.

»Was gedenkt ihr zu thun, Onkel Horace?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht. Ich denke, wir müssen es bis morgen behalten und sehen, ob das Geheimnis nicht aufgeklärt wird. Komm und gib uns deinen Rat.«

Beatrice kam in die Vorhalle.

Das Kind hatte unterdessen Fortschritte gemacht; der Vikar kitzelte es und brachte es zum Lachen, während Herbert väterlich das goldene Haar streichelte und sogar der feierliche Whittaker wohlgefällig lächelte.

»Was für ein herziger kleiner Kerl!« rief Beatrice, als sie an den Tisch trat.

Sie war das erste weibliche Wesen, das dem Kinde vor die Augen kam, seit es die Bahnhofrestauration verlassen hatte, denn die weiblichen Dienstboten, die über das Treppengeländer herabschielten, hatten seine Aufmerksamkeit nicht erregt. In diesem Alter ist aber das Weib die natürliche Beschützerin des Kindes und so war es nicht zu vermeiden, daß der kleine Junge seine männlichen Freunde sofort verließ, als er das schöne lächelnde Mädchen sah, das ihm die Arme entgegenbreitete. Der Junge war so hübsch, daß keine Frau es sich hätte versagen können, ihn zu liebkosen. Fräulein Clauson küßte ihn, als er sich so vertraulich an sie schmiegte, und begann mit seinen goldenen Locken zu spielen. Des Kindes Augen fielen unter der sanften ruhigen Berührung zu.

»Er muß zu Bett gebracht werden,« sagte Beatrice in entschiedenem Ton.

»Gewiß,« bestätigte Horace, »wo schläft er wohl am besten?«

»Jane hat ein sehr gutes Bett,« sagte Herbert.

Jane war das Zimmermädchen, aber Herbert war in seiner Eigenschaft als Hausfrau über den Zustand jedes Bettes, sogar über die Zahl der dazu gehörigen Bettstücke genau unterrichtet.

Herr Mordle wandte sich ab, denn er fürchtete den Ausbruch einer unzeitgemäßen Heiterkeit.

»Nein, nein,« rief Beatrice, »er soll bei mir schlafen! Sieh ihn an, Onkel Horace, ist er nicht der reine Cherub?«

»Er ist ein hübscher Junge, aber wir wissen nicht, woher er kommt, meine Liebe. Ich glaube nicht, daß es sich für dich schickt, ein fremdes Kind bei dir schlafen zu lassen.«

»Ach, Unsinn, Onkel Horace! Sieh, was für ein appetitliches, schönes Kind es ist. Whittaker, senden Sie eine Kanne heißen Wassers in mein Zimmer. Komm, mein Liebling, ich will versuchen, ob ich ein gutes Kindermädchen abgebe.«

Lachend und singend trug sie das Kind fort.

»Sieh nach dem Weißzeug, Beatrice,« sagte Horace, »vielleicht ist es mit seinem Namen gezeichnet.«

Die drei Herren zogen sich nun wieder ins Eßzimmer zurück und besprachen das seltsame Ereignis wieder und wieder.

Nach einer halben Stunde kam Beatrice zurück und berichtete, daß kein Zeichen irgend welcher Art an den Kleidungsstücken des kleinen Knaben zu entdecken sei; es schien alles ganz nagelneu zu sein. Ihr neues Spielzeug machte ihr offenbar viel Freude; denn sie lief beständig treppauf, treppab, um den Schlaf ihres Schützlings zu überwachen, und bald zog sie sich ganz zurück.

»Beatrice ist bedeutend lebhafter, als ich gedacht habe,« sagte Horace bedauernd. Herbert echote das Bedauern. Mordle aber schwieg, denn in seinen Augen verlieh die instinktive Güte, die sie gegen das so geheimnisvoll gesandte Kind zeigte, dem jungen Mädchen einen neuen Reiz zu den vielen, die er schon an ihr entdeckt hatte.

Die drei Männer blieben zusammen, bis jede Hoffnung geschwunden war, in dieser Nacht noch Aufklärung zu bekommen. Keine Mutter, kein Telegramm erschien. Der Vikar verabschiedete sich und malte sich auf dem Heimweg das schöne Bild aus, das er heute abend gesehen: Beatrice mit dem Kind auf dem Arm.

Armer Mordle! Er kannte sie erst seit einer Woche und begann schon einen thörichten Traum zu träumen.

Die Brüder saßen noch miteinander am Kamin. Sie sprachen nicht mehr über das Ereignis, das sie in den letzten drei Stunden nach allen Seiten hin erörtert hatten, ohne eine Erklärung dafür zu finden. Schweigend suchte jeder nach einer neuen Lösung. Plötzlich tauchte in Horaces Geist ein sonderbarer, schrecklicher Verdacht auf – ein Verdacht, der ihn veranlaßte, ab und zu forschende Blicke auf seinen Bruder zu werfen. War es möglich, daß Herbert etwas von der Sache wußte? Er hatte offenbar großes Wohlgefallen an dem Kinde gezeigt. Er besann sich darauf, daß das Kind gleich sehr vertraut mit Herbert gewesen war, und daß dieser, als Beatrice und er selbst aus dem Wohnzimmer kamen, den kleinen Kopf zärtlich gestreichelt und getätschelt hatte. War es möglich, daß Herbert ein romantisches Abenteuer gehabt hatte, von dem sein Bruder nichts wußte? Horace verscheuchte den Gedanken, aber derselbe kehrte immer wieder.

Gleich nach ein Uhr, als die Brüder, die nie früh zu Bett gingen, sich gerade zurückziehen wollten, kam zu ihrer Ueberraschung Beatrice in elegantem Schlafrock und Pantoffeln wieder herunter, natürlich um zu hören, ob keine Nachricht gekommen sei.

Horace richtete seine Augen fest auf Herbert, als er die Ueberzeugung aussprach, es werde wohl überhaupt keine kommen.

Beatrice blickte sinnend ins Feuer, sie sah fast aus wie ein schönes, klassisches Gemälde, was ihre Onkel, die Männer von Geschmack, sicherlich auch zu schätzen wußten.

»Was werdet ihr dann thun?« fragte sie nach einer Weile.

»Wir werden bis morgen oder übermorgen warten und dann die Sache der Polizei übergeben,« erklärte Horace entschieden.

Herbert sagte nichts, was den Verdacht seines Bruders noch vermehrte. Beatrice erhob sich, wie um gute Nacht zu sagen. Nachdenklich blickte sie vor sich hin. Plötzlich sah sie auf und sagte erregt, mit geröteten Wangen: »Hättet ihr etwas dagegen, wenn ich das Kind behielte, falls niemand kommt, um es abzuholen?«

»Aber Kind! Hier?« rief Onkel Horace bestürzt.

Sie preßte ihre Hände zusammen und sagte ruhiger: »Ach, Onkel Horace, ich habe seit meinem siebzehnten Jahre ein so trübes, elendes Leben geführt. Ich habe nichts zu thun – nichts, wofür ich leben oder sorgen dürfte. Ich wäre so glücklich, wenn ich das herzige Kind erziehen könnte. Komm mit hinauf und sieh es schlafen – es ist das süßeste kleine Geschöpf.«

»Ein solcher Unsinn, Beatrice!« Onkel Horace ließ sich wieder in seinen Sessel nieder und zeigte durch diese Bewegung, daß er kein Interesse für schlafende Kinder habe.

»Dann komm du, Onkel Herbert – es ist ein hübscheres Bild, als irgend einer eurer alten Meister gemalt hat.«

Herbert lächelte in seiner ruhigen Weise und ließ sich von Beatrice in ihr Zimmer führen, wo er den kleinen Fremdling gebührend bewunderte. Dann kam er mit seiner Nichte zu Horace zurück. Nach diesem Beweis von Schwäche wurde Horaces unwürdiger Verdacht beinahe zur Gewißheit.

»Ihr laßt mich ihn behalten, nicht wahr?« bat Beatrice.

Horace hatte keine Antwort auf dieses unvernünftige Verlangen. Die Herren machten in gewohnter feierlicher Weise Miene sich zurückzuziehen und auch Beatrice ging wieder in ihr Zimmer hinauf.

»Sie wird sehr, sehr lebhaft,« seufzte Horace. Diesmal sagte Herbert nichts.

Als Horace Talbert zu Bett ging, war er überzeugt, daß sein Bruder alles wisse, was von dem Kinde zu wissen sei. Er war sich aber auch klar darüber, daß keine Macht der Welt ihn veranlassen könne, Herbert dieses Wissens zu beschuldigen. Er selbst hatte den Satz aufgestellt, daß eines Mannes Privatangelegenheiten seine eigene Sache seien, und konnte um so weniger gegen diesen Grundsatz verstoßen, weil er einstens, wegen Zuwiderhandelns gegen diese Regel, sechs Jahre lang mit Herbert gebrochen hatte.

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