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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
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Drittes Kapitel.
Ein Beweis und eine Ankunft

An dem Abend, an dem der Eilzug das goldlockige Kind nach Blacktown beförderte, hatten die Talberts allein zu Hause gespeist. Die beiden Herren saßen noch bei Tische und tranken Rotwein und schmauchten Cigaretten dazu. Es ist wohl überflüssig, besonders zu erwähnen, daß die Talberts den tadellosesten Gesellschaftsanzug des neunzehnten Jahrhunderts trugen; ebenso leicht läßt sich erraten, daß der Tisch aufs geschmackvollste mit feinem, altem Silber, schneeweißem Tischzeug und trotz der vorgerückten Jahreszeit mit Blumen geschmückt war. Die Gläser und Flaschen auf der Tafel funkelten so glänzend und hell, daß sie den Neid und die Bewunderung jeder Hausfrau und jedes gewissenhaften Dienstboten hätten erregen müssen.

An die Krystallgefäße der Brüder knüpfte sich eine komische Geschichte. Bei einer Gesellschaft, die sie gaben, hatte eine Dame die Wirte gefragt, wie sie es denn ermöglichten, ihre Dienerschaft dahin zu bringen, daß die Gläser und Karaffen in solch glänzender Klarheit auf den Tisch kämen. Horace Talbert lächelte und sagte mit köstlicher Einfachheit:

»Wir würden nie daran denken, unsere Gläser den Dienern anzuvertrauen. Mein Bruder und ich besorgen dies selbst.«

Darauf hatte die Dame, die im Besitze heiratsfähiger Schwestern war und nicht vergaß, daß sie mit einem höchst annehmbaren Junggesellen sprach, geantwortet: »Wie außerordentlich gütig Sie sind, daß Sie sich selbst bemühen.«

Leider hatte der Gemahl der Dame, ein gewöhnlicher, plumper Mensch, der das Ideale nicht vom Materiellen zu trennen vermochte, Frage und Antwort gehört und brach in lautes, nicht zu unterdrückendes Gelächter aus. Für eine Natur wie die seine war es ein unendlich komischer Gedanke, daß diese großen, kräftigen Männer sich hinstellten und ihre seltenen, kostbaren Gläser und Flaschen spülten, abtrockneten und abrieben, bis sie glänzend genug waren.

Die Talberts zeigten keinen Verdruß, sondern beantworteten diesen unfeinen Heiterkeitsausbruch mit einem ruhigen Lächeln, aber Hazlewood House sah diesen Menschen niemals wieder.

Allein der Bösewicht, dessen Stellung in der Gegend trotz seiner Fehler nicht zu verachten war und der einen gewissen derben Humor besaß, rächte sich nach seiner Weise und war roh genug, unseren Freunden den Spitznamen »die Tabbies« anzuhängen, den sie niemals wieder loswerden konnten – ein neuer Beweis, daß man in der Wahl seiner Freunde nicht vorsichtig genug sein kann.

Obgleich in jener Nacht die Gläser so hell als je funkelten, war außer den Eigentümern und Pflegern derselben niemand da, um sie zu bewundern. Da Horace Talbert ein Jahr älter war als sein Bruder, saß er oben am Tische, und Herbert zu seiner Rechten. Die beiden Brüder sahen sich wunderbar ähnlich mit ihren braunen Haaren, geraden Nasen, ruhigen, ernstblickenden Augen, gewölbten Brauen und regelmäßigen Stirnen. Beide trugen wohlgepflegte Schnurr- und Backenbärte, welch letztere kurz gehalten waren und am Kinn spitz zuliefen, was den länglichen Gesichtern merkwürdig gut stand und ihrer allgemeinen Erscheinung vielleicht auch etwas altmodisch Höfisches verlieh. Sie sahen beide aus, als ob sie eine ganze Galerie teurer Bilder besäßen, und man empfand es als eine besondere Härte des Geschicks, daß dies bei ihnen keineswegs der Fall war.

In der Einrichtung des Zimmers, in dem sich die Brüder befanden, war Modernes und Altes kühn vermischt. Wo die Behaglichkeit und Bequemlichkeit in Betracht kam, hatte man sich an das erstere gehalten, aber überall da, wo es sich um Dekoration handelte, auf das Antike zurückgegriffen.

Auf dem hohen, mit Bildhauerarbeiten verzierten Kaminsims standen zwei orientalische Bronzevasen, um die sich schreckliche Drachen wanden, daneben grinsende alte Porzellanfiguren, die spöttisch und durchaus nicht ängstlich auf die finsteren metallenen Ungeheuer starrten. Sie wußten ganz gut – alte Porzellanfiguren wissen nämlich viel mehr als man gemeinhin vermutet – daß die Drachen fester und unauflöslicher an ihre Vasen geschmiedet waren, als Prometheus an seinen Felsen.

Hier und da fand sich eine vielfarbige Emailleschüssel mit erhabenen Konturen aus eingelegten Metallstreifen, ein Stück Porzellan aus Nanking, ein Regal aus wirklich altem, geschnitztem Eichenholz, eine antike Lampe oder sonst ein für Sammler wertvolles Stück. An den Wänden hingen etwa ein halbes Dutzend nur mittelgroßer aber wertvoller Gemälde.

Den Fußboden bedeckte ein mattfarbiger, persischer Teppich und im Kamine flackerte ein lustiges Feuer.

Die Talberts blickten ernst, sehr ernst – sie berieten über einen wichtigen Gegenstand. Nach kurzem Schweigen erhob sich Herbert und trat zu seinem Bruder. Beide sahen mit kritischem Blick den Tisch hinunter, dann schritten sie ans andere Ende desselben und sahen hinauf; dann gingen sie an die Seiten und blickten quer über den Tisch, ja sie warfen sogar schräge Blicke von Ecke zu Ecke über ihn hin.

»Es ist unzweifelhaft eine wesentliche Verbesserung,« sagte Horace mit ruhiger Siegesfreude.

»Eine wesentliche Verbesserung,« echote Herbert. »Echo« ist das rechte Wort – sogar ihre Stimmen glichen einander.

In völlig befriedigter Gemütsstimmung nahmen sie ihre Sitze wieder ein und kehrten zu ihrem Wein und ihren Cigaretten zurück. Die große Verbesserung bestand darin, daß es ihnen vor einer Woche bei einem Besuch in der Waschküche gelungen war, der Waschfrau, die sie mit ihren Forderungen und Erklärungen fast von Sinnen gebracht hatten, eine neue Art des Auffaltens der Tischtücher beizubringen. Die beiden guten Haushälter hatten schon längere Zeit schwer unter den drei Brüchen gelitten, die jedes Tischtuch bei der schrecklichen Weise, in der Wäscherinnen Tischtücher zusammenlegen, zur Schau trug. Sie hatten endlich etwas Besseres ausgedacht und der Nymphe des Waschfasses und der Mangel selbst vorgemacht, und nun war der erste Versuch so gut gelungen, daß sie von dem Erfolge ihres Unterrichtes sehr befriedigt waren.

Nun wurde der Kaffee gebracht und die Herren waren eben im Begriffe, das Speisezimmer zu verlassen, als der ehrwürdige Herr Mordle gemeldet wurde. Herr Mordle war der Vikar von Oakbury und ein stets willkommener Gast in Hazlewood House. Es war ein unausgesprochener Grundsatz bei den Talberts, daß die Kirche ihre Diener adelt – das heißt ihre höheren Diener – und so konnte ein Geistlicher trotz ihrer Ausschließlichkeit stets bei ihnen Zutritt erlangen. Herr Mordle war in seiner Weise ein kluger Mann, wußte gut zu plaudern und kannte natürlich alle und jeden im ganzen Kirchspiel, in dessen Verwaltung, wenigstens soweit es die Armenpflege betraf, ihm die Talberts stets willige Hilfe leisteten.

Alle großen Männer haben ihre Schwäche – vielleicht bestand die der Talberts in ihrer Freundschaft für Herrn Mordle. Aber abgesehen davon, daß sie den Vikar gerne hatten und seine Verlassenheit bedauerten, liebten sie es auch sehr, ihre Hand bei den inneren Angelegenheiten der Kirchengemeinde im Spiele zu haben.

So kam er oft, auch ungeladen, und wußte ohne Zweifel die Auszeichnung, die ihm dadurch zu teil wurde, nach Gebühr zu schätzen.

Herr Mordle seinerseits hatte viel Humor und fand in der Beobachtung Herberts und Horaces eine Fülle von Genuß.

Sie standen auf und begrüßten ihn.

»Entschuldigen Sie,« sagte Horace etwas erregt, »haben Sie …«

»Ja, gewiß habe ich,« sagte der Vikar rasch; »ich habe sie so gründlich abgerieben, daß meine Füße feuern. Ich könnte ein Menuett auf Ihrem Tischtuch tanzen, ohne es zu beschmutzen.«

Die Weitschweifigkeit der Antwort beruhigte ihre Gemüter; sie lebten nämlich in beständiger Angst, es könnte jemand in ihre Zimmer treten, ohne vorher gebührendermaßen seine Stiefeln abgeputzt zu haben, wie es doch von jedem Christenmenschen zu verlangen war. Die Hausthüre und der Flur waren so reichlich mit Matten und Kratzeisen ausgerüstet, daß eine solche Unterlassungssünde unmöglich schien – trotzdem wurde sie ab und zu begangen und die Folgen waren furchtbar – fast tragisch.

Horace klingelte nach einer frischen Flasche Rotwein, Herbert reichte dem Vikar sein Cigarettenetui und die drei Männer begannen über allerlei zu plaudern. Plötzlich sagte Horace mit trauriger Bestimmtheit: »Vorgestern kam Anna Jenkins zu uns; sie erzählte eine traurige Geschichte, wir gaben ihr fünf Schillinge.«

»Das war sehr gut von Ihnen,« sagte der Geistliche, »sie hat eine große Familie – neun, glaube ich.«

»Ja, aber wir bedauern jetzt, ihr das Geld gegeben zu haben. Wir sind überzeugt, daß sie keine sorgsame, sparsame Hausfrau ist.«

Der Vikar blinzelte; er kannte Anna Jenkins gut – zu gut.

»Sorgsame und sparsame Leute würden Ihr Geld nicht brauchen. Aber wie haben Sie ihren wahren Charakter entdeckt?«

Herr Mordle war darauf gefaßt, einen traurigen Bericht über einen Besuch in der Häuslichkeit Anna Jenkins' zu vernehmen und eine längere Abhandlung über die verschiedenen, fast allzu ursprünglichen und durchaus nicht netten Zustände zu hören, in denen seine Freunde die zahlreiche Nachkommenschaft der armen Frau gefunden hatten. Die Wahrheit sollte aber seine Erwartungen weit übertreffen.

»Wir gingen heute morgen hinter ihr her durch das Feld,« sagte Horace mit ernstem Bedauern, »und da sahen wir, daß sie zweierlei Strümpfe, einen schwarzen und einen grauen, anhatte – möglich auch, daß es ein blauer und ein grauer war. Ich bin in betreff der Farbe nicht ganz sicher.«

»Blau und grau,« sagte Herbert, »ich sah es ganz deutlich.«

»Vielleicht ist Anna Jenkins' Geschmack so ausgebildet, daß sie philisterhafte Einförmigkeit vermeiden will.«

»O nein, mein Lieber,« sagte Herbert ernsthaft, »wir schließen so: Das Weib hat zwei Paar Strümpfe –«

»Das bezweifle ich,« sagte der Vikar, »aber, bitte, fahren Sie fort.« – Seine Freunde übertrafen sich selbst in dieser Sache.

»Sie hat also zwei Paar Strümpfe – das eine grau, das andere blau oder schwarz. Sie hat einen Strumpf getragen, bis er vollständig durchlöchert war. Statt sich hinzusetzen und ihn auszubessern, wie es sich für eine anständige Person geschickt hätte, zog sie einfach einen von dem anderen Paar an.«

»Warum zog sie das andere Paar nicht vollständig an?«

»Weil der eine Strumpf des zweiten Paares in dem gleichen trostlosen Zustande ist,« sagte Horace triumphierend. »Wie ich schon bemerkte, sie verdient keine Unterstützung.«

»Ihren Vordersatz einmal zugestanden,« sagte Mordle, »so ist Ihre Beweisführung nicht unlogisch; Ihre Schlußfolgerungen scheinen richtig, Ihre Ausführungen klar. Allein – – –«

Der Vikar wollte gerade ein lustiges kleines Wortgefecht über Anna Jenkins' Strümpfe beginnen und ermitteln, warum sie immer nur einen Strumpf und nicht beide zerreiße, warum der eine weniger dauerhaft sein sollte, als der andere, als die Aufmerksamkeit der kleinen Gesellschaft von den zerrissenen Strümpfen durch den Eintritt des untadelhaften Bedienten der Talberts abgelenkt wurde, der seine Herren benachrichtigte, daß der Mann das Kind gebracht habe.

»Welcher Mann? Welches Kind?« frug Horace. »Erwartest du einen Mann oder ein Kind, Herbert?«

»Keineswegs. – – Von wem sprechen Sie denn, Whittaker?«

»Ein Mann von der Bahn hat ein Kind gebracht, Herr Herbert. Er sagt, daß er es hier abgeben solle.«

»Das muß irgend ein albernes Mißverständnis sein.«

»Ohne Zweifel, Herr Herbert,« sagte Whittaker in ehrerbietigem Tone, der indessen zeigte, daß seine Auffassung der Sache mit der seiner Gebieter übereinstimmte.

»Wo ist der Mann?« fragte Horace.

»Im Hausflur.«

»Hat er seine Füße abgeputzt?« fragte Herbert ängstlich.

»Gewiß, ich bestand darauf, daß er's that.«

»Wir gehen wohl am besten zu dem dummen Kerl hinaus und bringen die Sache in Ordnung,« sagte Herbert. »Bitte, entschuldigen Sie uns für einen Augenblick, Herr Mordle.«

Die beiden stattlichen Männer gingen hinaus und Herr Mordle konnte nach Herzenslust kichern; es war heute abend in Hazlewood House auch gar zu interessant. Nur gut, daß der Vikar bei diesem Ausbruch seiner Heiterkeit der Thüre den Rücken kehrte, denn eine Minute später trat der ehrbare Whittaker wieder ein, der großen Wert darauf legte, daß seinen Herren die ihnen gebührende Achtung gezollt würde.

»Herr Horace und Herr Herbert würden Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie einen Augenblick hinauskommen wollten, Herr Vikar.«

Die Vorhalle, in die Herr Mordle demgemäß trat, gewährte ihm einen überaus komischen Anblick, der durch den Ernst der beteiligten Personen noch erhöht wurde. Ein Dienstmann in grober brauner Uniformsjacke stand blöde auf der Matte an der Hausthüre, oder vielmehr auf einer der Unzahl von Matten, die vorhanden waren. Auf jeder Seite des massiven länglichen Tisches stand einer der Talberts, jeder mit einem in Horn gefaßten Augenglas bewaffnet, und blickten vollständig verblüfft und fassungslos aus ein von goldenen, seidenweichen Locken umwalltes Kind, das zwischen ihnen auf dem Tische saß und zu dem sie sich herunterneigten.

»Das ist eine höchst merkwürdige Geschichte; das Kind ist per Eisenbahn hierhergeschickt und an uns adressiert worden,« sagte Horace.

Herr Mordle las den Zettel mit der Adresse: »H. Talbert Esq., Hazlewood House, Oakbury bei Blacktown.«

»Woher sagten Sie, daß es komme?« fragte Herbert den Dienstmann, »sagen Sie noch einmal alles, was Sie wissen.«

»Schaffner vom Fünfuhrzug, meine Herren; er sagt, das Kind sei in einem Coupé erster Klasse liegen geblieben. Mutter stieg in Didcot aus und verfehlte den Zug oder kam nicht wieder. Schaffner hieß mich einen Wagen nehmen und das Kind hierher bringen, sagte, ich würde hier für meine Mühe bezahlt werden; Wagen macht drei Schilling sechs, meine Herren.«

»Es muß ein Irrtum sein! Was wollen wir thun?« fragten die Brüder.

»Sie erwarten keinen Besuch?« fragte der Vikar.

»Nein, absolut keinen. Sie müssen das Kind wieder mitnehmen,« sagte Horace zu dem Dienstmann.

Der Mann riß vor Verwunderung Mund und Augen auf, dann sagte er: »Was soll ich mit ihm anfangen?«

»Bureau für verlorene Gegenstände,« schlug Herr Mordle gelassen vor. Whittaker warf ihm einen strafenden Blick zu; die Sache war denn doch zu ernst für einen Scherz. »Schneiden Sie den Zettel los, vielleicht steckt ein Brief darunter,« riet der Vikar zunächst.

Sie thaten es; die Adresse war auf eine leere, unregelmäßig beschnittene Karte geklebt; kein Brief war darunter verborgen, so wenig wie in den Taschen des Mäntelchens, die sie auch durchsuchten. Die Verwirrung nahm zu.

»Ich wünsche Ihnen guten Abend, meine Herren,« sagte endlich der Dienstmann, »der Wagen macht drei Schilling sechs.«

Die Talberts wußten nicht wo aus noch ein; die Augen, die imstande waren, den mangelhaften Zustand der Strümpfe der armen Frau Jenkins zu entdecken, waren auch scharf genug, um zu sehen, daß das Kind gut, ja sehr gut gekleidet war. Es war immerhin möglich, daß ein Brief verloren gegangen war – möglich, daß irgend jemand ohne Einladung oder Nachricht nach Hazlewood House kommen wollte, möglich, daß diese Person wirklich mit dem Zug in Didcot nicht mehr hatte weiter kommen können, daß sie in ein oder zwei Stunden kam und alles aufklärte. Das sicherste war es wohl doch, wenn sie das Kind für kurze Zeit behielten.

Nachdem dies festgestellt war, zog Horace fünf Schilling aus der Tasche und entließ den beglückten Dienstmann; darauf händigte Herbert seinem Bruder die Hälfte dieser Summe wieder ein, der sie ohne weiteres einsteckte.

Sie waren keineswegs geizig, aber sie hatten es sich zum Grundsatz gemacht, in ihren gegenseitigen Abrechnungen bis ins kleinste pünktlich und genau zu sein.

Unterdessen stand der kleine Kerl mit seinen dicken, kräftigen Beinen auf dem großen eichenen Tisch in der Vorhalle. Das Licht aus der vielfarbigen Lampe über demselben warf warme Töne über sein goldenes Köpfchen. Er schien durchaus nicht schüchtern oder ängstlich zu sein, im Gegenteil, er erlaubte sich Vertraulichkeiten, wie sie eine so kurze Bekanntschaft keineswegs rechtfertigte. So hielt er z. B. Herrn Herberts Uhrkette mit den kleinen runden Fäustchen fest und brach in ein fröhliches Gelächter aus, in das Herr Mordle sofort einstimmte – er war froh, daß er seinen Gefühlen endlich Luft machen konnte. Die Geschichte war zu lustig. Ein unbekanntes Kind wurde seinen Freunden bei nachtschlafender Zeit aufgehalst! Und nicht etwa ein schmutziges Bettelkind, sondern ein wohlgekleideter kleiner Junge, alt genug, um eine Reihe blendendweißer Zähnchen zu zeigen, aber nicht alt genug, um sein unerwartetes Eindringen hier erklären zu können. Das Kind hatte so große blaue Augen, so wundervolles goldenes Haar, ein so sicheres vertrauensvolles Wesen, daß Herbert, der Kinder liebte, ihn streichelte und die Uhr herauszog, um ihn das Ticktack hören zu lassen. Herr Mordle schlich sich ins Eßzimmer zurück und holte einige ganz ungesunde Makronen.

»Der nächste Weg zu einem Kinderherzen geht durch den Mund,« sagte er, als der Kleine seinen ersten Freund um der Süßigkeiten willen verließ.

Horace sah dem allen unzufrieden zu und sagte schließlich: »Aber was ist nun zu thun?«

In diesem Augenblicke drangen die Klänge eines Klaviers durch die geschlossene Thüre des Wohnzimmers.

»Fragen Sie Fräulein Clauson um Rat,« sagte der Vikar.

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