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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
projectid805f27fd
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Erstes Kapitel.
Ein verlassenes Kind

Es ist ein trüber, trauriger Winternachmittag. Die zahlreichen Lichter, die den Bahnhof Paddington erhellen sollen, schimmern nur matt durch den feuchten Nebel, der die weite Halle in einen dichten Schleier hüllt. Der breite Perron ist von dem Getriebe, das der Abfahrt eines Zuges stets voranzugehen pflegt, erfüllt. Nur die Zeitungsjungen haben es verhältnismäßig ruhig, weil jeder Reisende sofort nach dem Einsteigen das Fenster heraufzieht, um möglichst wenig Nebel hereinzulassen. Die Thüre des Coupés wird erst wieder geöffnet, wenn andere Reisende, die sich inzwischen auch ein Billet gelöst haben, ihr Recht auf einen Platz im Waggon geltend machen – ein Vorgehen, das übrigens dem Zuerstgekommenen stets in höchst selbstsüchtigem Lichte erscheint, da der andere sich ja ebensogut ein anderes Coupé hätte wählen können.

Endlich hat der leichtfüßige Junge, der so behend auf den Waggons herumrennt und von einem zum anderen springt, die letzte Lampe angesteckt, der Schaffner die letzte Thüre zugeworfen, ist in das Dienstgelaß gesprungen und auf die Minute pünktlich fährt der Fünfuhrzug von London ab.

In einem Coupé der ersten Wagenklasse befinden sich drei Personen, zwei Erwachsene und ein kleines Kind.

Daß die beiden Reisenden, ein Mann und eine Frau, nicht zusammengehörten, fiel sofort in die Augen; ebenso leicht erkannte man in dem Herrn einen erfahrenen Reisenden. Sobald sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte und er sich für einige Zeit vor Störung sicher fühlte, setzte er eine weiche Mütze auf, hüllte sich sorgfältig in seine Decken, steckte eine Lampe an und vertiefte sich in ein Buch. Er war ein junger Mann; aber da er in dieser Geschichte nur erscheint, um sofort wieder zu verschwinden, so ist eine genauere Beschreibung seiner Person überflüssig. Es genügt, zu wissen, daß er ein gutgekleideter, dem Anschein nach vermöglicher Herr war, der in der ersten Klasse ganz an seinem Platze zu sein schien.

Anders verhielt es sich mit der Frau. Es war kein ersichtlicher Grund zu der Annahme vorhanden, daß sie nicht in der Lage sei, den höheren Fahrpreis zu bezahlen, um schneller und bequemer an ihren Bestimmungsort zu gelangen. Immerhin konnte man sich auch leicht vorstellen, daß ein Controleur ihr Billet zu sehen wünschte, oder daß ein wohlwollender Reisegefährte, der wußte, wie leicht sich Frauen in solchen Dingen täuschen, anzüglich gesagt hätte: »Wie angenehm reist es sich doch in der ersten Klasse!«

Die Erscheinung der Frau hatte nichts Auffallendes an sich, als einen absoluten Mangel jeder Individualität. Ihrem Aussehen nach konnte sie reich oder arm, jung oder alt, von vornehmer oder von niedriger Herkunft sein. Wäre auch ihr Reisegefährte ebenso neugierig gewesen, als er gleichgültig war, so hätte er doch bis ans Ende der Welt ihr gegenüber sitzen können, ohne zu wissen, was er aus ihr machen solle. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, und Schwarz bedeckt und verhüllt – gleich der Nacht und der christlichen Liebe – gar manches. Auch nicht das kleinste Endchen helles Band, auch nicht ein Schimmer von Farbe unterbrach die düstere Einförmigkeit ihres Anzugs, und ein dicker schwarzer Schleier verbarg den oberen Teil ihres Gesichts. Ihr Kopf war nachdenklich geneigt und so trat auch Mund und Kinn in Schatten. Die Hände waren von schwarzen Handschuhen bedeckt, man konnte also nicht sehen, ob sie einen Trauring trug oder nicht.

Von dem Kind, einem kleinen Jungen, war nichts sichtbar als eine Fülle glänzenden goldenen Haares. Die Frau hatte ein dickes wollenes Tuch um ihn gewunden und preßte ihn fest an ihr Herz; er belästigte niemand, denn er war gleich nach der Abfahrt fest eingeschlafen. Die Frau und das Kind verursachten so wenig Störung, daß der Herr, der mißmutig geworden war, als er sie einsteigen sah, den Gedanken aufgab, ihnen bei der ersten Station das Feld zu räumen. Weiter ging es durch den weißen Nebel. In der Nähe von Reading verminderte sich die Geschwindigkeit des Zuges, der zwar ein sogenannter Schnellzug war, aber immerhin ab und zu anhielt. Der lesende Herr sandte ein Stoßgebet zum Himmel, daß er nicht gestört werden möge. Er bemerkte nicht, daß sich die Frau, als der Zug hielt, halb von ihrem Sitz erhob, als ob sie am Ziel ihrer Reise angelangt wäre, und sich dann, nach kurzem Zögern, wieder niederließ. Die Reisenden wurden nicht gestört; der Zug eilte weiter. Noch immer las der Herr, noch immer drückte die Frau das schlafende Kind an ihre Brust.

In weniger als einer halben Stunde war Didcot erreicht. Nachdem sich die Frau durch einen raschen Blick überzeugt hatte, daß der Herr ganz in sein Buch vertieft war, preßte sie ihre Lippen auf das goldlockige Köpfchen des Kindes, bis der Zug hielt.

Sie verharrte eine oder zwei Minuten regungslos, legte dann das Kind auf den Sitz, erhob sich rasch und öffnete die Wagenthüre. Der Reisende blickte auf, als die kalte, feuchte Luft in das geheizte Gelaß eindrang.

»Sie haben keine Zeit auszusteigen,« sagte er, »wir fahren in einer Minute weiter.«

Wenn sie die wohlgemeinte Warnung überhaupt gehört hatte, so beherzigte sie dieselbe jedenfalls nicht. Sie gab keine Antwort, stieg aus und schloß die Wagenthüre hinter sich. Der junge Mann zuckte die Achseln und las weiter – was ging es ihn an, wenn ein dummes Frauenzimmer riskieren wollte, den Zug zu verfehlen.

Als jedoch zwei Minuten später der Zug in rascher Bewegung und er und das schlafende Kind die einzigen Insassen des Coupés waren, sah er ein, daß er bei der Sache doch in erster Linie beteiligt sei. Trotz seiner Warnung war die Mutter zurückgeblieben, und er befand sich in der wenig beneidenswerten Lage, das Kind bis zum nächsten Haltepunkt auf dem Hals zu haben.

Obgleich er Junggeselle war und nicht mit Kindern umzugehen verstand, glaubte er sich doch nicht berechtigt, die Notleine zu ziehen. Swindon mußte in einer Stunde erreicht werden – dann wurde er befreit. Für den Augenblick konnte er nichts thun, als die leichtsinnige Mutter verwünschen und hoffen, daß des Kindes Schlummer nicht unterbrochen werde. Welchen Erfolg die Verwünschung auch haben mochte, dieser fromme Wunsch sollte nicht erhört werden, das sah er sehr bald ein, denn das Kind, das ohne Zweifel seine Beschützerin vermißte, schlug die Augen auf und begann zu zappeln. Es wäre ohne Zweifel über den Sitz heruntergerollt, wenn sein unfreiwilliger Wärter, der ein gutherziger junger Mensch war, es nicht aufgenommen und auf seinen Schoß gesetzt hätte.

Er meinte es gut, wenn er das Kind auch nicht gerade kunstgerecht anfaßte; er that sein Bestes, aber so ungeschickt, daß das wollene Tuch herabfiel und eine große Karte, die auf das Kleid des Kindes genäht war, zum Vorschein kam. Auf der Karte stand geschrieben: H. Talbert, Esq. Hazlewood House, Oakbury bei Blacktown. Der junge Mann pries den gesunden praktischen Sinn, der für das nun wirklich eingetroffene Ereignis vorgesorgt hatte. Dann suchte er, so gut es eben ging, die fehlende Mutter bis Swindon, den Ort seiner Erlösung, zu ersetzen.

Endlich war Swindon erreicht. Der Reisende, dem so übel mitgespielt worden, rief den Schaffner und lud alle weitere Verantwortlichkeit mit Seelenruhe auf die Schultern dieses Beamten ab, der ja dafür bezahlt wird, daß er alle möglichen unangenehmen und unvorhergesehenen Pflichten auf sich nimmt. Der Reisende griff wieder zu seinem Buch und kümmerte sich nicht mehr um die Sache.

Der Schaffner, dem es nicht einfiel, zu bestreiten, daß ihm die Vormundschaft über alle unbeschützten Reisenden zukomme, wußte in dem gegebenen Fall kaum, was er thun sollte. Die Hoffnung, daß die thörichte Mutter noch in ein anderes Coupé habe springen können, erwies sich als trügerisch, da die Verlorene nicht wieder erschien. Er war auch stutzig geworden durch die genaue Adresse, mit der das Kind versehen war. Dieser Schaffner hatte etwas von der Welt gesehen und gar mancherlei erlebt, und es schien ihm gar nicht unwahrscheinlich, daß die verlassene Lage des Kindes weniger auf Rechnung des Zufalls als der Ueberlegung zu setzen sei. Erst wollte er den ausgesetzten Kleinen in Swindon zurücklassen für den Fall, daß die Mutter mit dem nächsten Zug nachkomme, aber je mehr er sich die Sache überlegte, je klarer wurde es ihm, daß sich weder mit dem nächsten noch einem anderen Zuge eine Mutter einfinden würde.

Da er selbst Familienvater war, fühlte er Zuneigung zu dem kleinen goldlockigen Köpfchen, das sich so vertrauensvoll an ihn schmiegte, und beschloß, das Kind nach Blacktown mitzunehmen und von da an den Ort seiner Bestimmung zu senden. Er nahm einige Kissen aus einem Waggon erster Klasse in das Dienstcoupé mit und bettete das Goldköpfchen so weich und warm, daß es die blauen Augen wieder schloß und schlief, bis der Zug Blacktown erreicht hatte.

Hier trug der Schaffner den kleinen Burschen in das Restaurationszimmer und ließ ihn bei dem freundlichen jungen Mädchen dort, während er einen zuverlässigen und spekulativen Mann aufsuchte, der das Kind nach Oakbury bringen wollte, in der Hoffnung, dort für seine Mühe bezahlt zu werden. Der Schaffner gab dem Mann sogar eine halbe Krone (zweieinhalb Schilling) – sie sollte ihm von der erwarteten Belohnung zurückerstattet werden – um einen Wagen zu nehmen. Er warf noch einen letzten Blick auf die kleine Waise, die Milch trank und ein Biskuit kaute, eilte dann zu seinen etwas vernachlässigten Pflichten zurück und fuhr bald, mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißig englischen Meilen die Stunde, gen Westen weiter.

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