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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
projectid805f27fd
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Sechzehntes Kapitel.
Nachgiebigkeit

Der Brief, der wie eine Bombe bei den Talberts hereingefallen war, lautete folgendermaßen:

 

»An die Herren Horace und Herbert Talbert.

Wir sind diesen Morgen von Herrn Rawlings zu Rate gezogen worden, in betreff Ihrer Weigerung, ihm seinen Sohn John Rawlings, den er vor zwei Jahren auf rätselhafte Weise verloren und nun in Ihrem Hause wiedergefunden hat, zurückzugeben.

Die uns von unserem Klienten mitgeteilten Umstände beweisen, daß das Kind von einer unbekannten Person in einem Eisenbahnwagen ausgesetzt worden und von da durch einen Zufall in Ihr Haus gekommen ist, wo es, wie wir hören, seither verblieben ist.

Herr Rawlings wird nächsten Samstag nachmittags drei Uhr mit einem Wagen an Ihrem Hause sein und wir vertrauen, daß Sie ihm das Kind ohne Weiterungen ausfolgen werden, widrigenfalls wir von unserem Klienten beauftragt sind, sofort das nötige gerichtliche Verfahren einzuleiten, um ihn in den Besitz seines Sohnes zu setzen. Der gesetzliche Beweis der Identität des Kindes wird dann geleistet werden.

Mit ausgezeichneter Verehrung
Euer Hochwohlgeboren ergebenste
Blackett & Wiggens.«

 

Kein Wunder, daß Horace beim Lesen des letzten Teiles und bei dem Gedanken, daß der Mann mit dem schrecklichen Namen um seinen Sprößling kämpfen wolle, ausrief: »Das Kind muß hergegeben werden!« Kein Wunder, daß Herbert diese Worte wiederholte – ein entsetzliches Bild von den Folgen eines weiteren Widerstandes hatte sich vor ihrem Geist entfaltet.

Beatrice war bei weitem am meisten erregt; sie erblaßte; die Hand, die sie nach dem Brief ausstreckte, zitterte. Sie las den Brief zweimal; ohne ein Wort zu sagen, gab sie ihn Herbert zurück, trat an den Kamin und starrte ins Feuer. Sie hatte ihren Onkeln den Rücken zugedreht, so daß diese ihr furchtbar entstelltes Gesicht nicht sehen konnten. Plötzlich wandte sich das Mädchen um.

»Ihr seid also entschlossen, dieser Forderung nachzugeben?« Ihre Stimme hatte einen ungewohnten, scharfen Ton angenommen.

»Wir können nichts anderes thun,« entgegnete Horace, wozu Herbert seinen Beifall nickte.

»Nichts anderes thun!« wiederholte Beatrice mit einem leisen Anflug von Verachtung in ihrer Stimme. »Onkel Horace, Onkel Herbert, diese Leute haben kein Recht auf das Kind, es ist nicht das ihre! Denkt nur daran, wie es hier ankam, wie schön es gekleidet war, wie gut gehalten. Könnt ihr – kann irgend jemand im Ernst annehmen, es könne diesen Schweinemetzgern gehören?«

»Auch Schweinemetzger können Kinder haben.« Herbert stellte diese Thatsache in ungemein feierlichem und ernstem Tone fest.

»Uebrigens bleibt doch die Thatsache, daß sie das Kind zurückfordern und ihre Rechte vor Gericht geltend machen wollen,« sagte Horace.

»Vor den Gerichten, Beatrice,« echote Herbert.

»Laßt sie es doch thun – sagt ihnen, sie sollen ihre Rechte beweisen,« bat Beatrice.

Die Brüder, die keine Ahnung von Rechtsverhältnissen hatten und infolgedessen durch die angedrohte gerichtliche Verfolgung der Sache vollständig eingeschüchtert worden waren, hoben entsetzt ihre Hände auf.

»Meine liebe Beatrice,« sagte Horace in feierlichem und verweisendem Tone, »sei doch um Gottes willen vernünftig und sieh ein, daß es eine Unmöglichkeit für uns ist, vor Gericht zu erscheinen und diese Forderung anzufechten! Du mußt einsehen, daß es ganz und gar unmöglich ist, dein Verlangen zu erfüllen.«

»Ja, Beatrice, du mußt es einsehen,« sagte Herbert.

Wie hätte die gute Gesellschaft in Oakbury gelacht, wenn sich die Talberts um dieses unbekannte Kind mit einem Schweinemetzger Namens Rawlings vor Gericht herumgestritten hätten! Ihrer Ansicht nach blieb ihnen nur ein Ausweg: Wenn der Wagen Rawlings' an ihrem Hause vorfuhr, mußte Harry reisefertig sein und ausgeliefert werden.

Aber Beatrice war und blieb unvernünftig und kam immer wieder auf ihre erste Forderung zurück. »Wenn jemand ein Stück Feld von euch fordert, überlaßt ihr es ihm auch nicht ohne weiteres,« meinte sie.

»Dein Vergleich hinkt,« entgegnete Horace; »ein Stück Feld wird uns auch nicht über Nacht ins Haus geschickt. Nimm lieber an, du habest ein Goldstück auf der Straße gefunden, und es kommt ein Mensch, dessen Behauptung, das Goldstück gehöre ihm, dir ganz unglaubhaft erschiene. – Du würdest es ihm doch ohne Widerrede ausfolgen.«

»Nein, das thäte ich nicht,« beharrte das halsstarrige Mädchen.

»Gewiß thätest du es,« redete ihr der sanfte Herbert zu.

Beatrice verfolgte das geniale Gleichnis nicht weiter, sondern fragte noch einmal mit ernster, eindringlicher Stimme: »Meine Bitten vermögen also nicht, euch von eurem Entschlusse abzubringen?«

Horace und Herbert schüttelten traurig ihre Köpfe. Es that ihnen zwar weh, ihr eine Bitte abschlagen zu müssen, aber ihre ernsten Augen blickten in die Zukunft und sahen die Schrecken voraus, die aus einem Prozeß mit diesen Rawlings unfehlbar hervorgehen mußten. Beatrice wußte, daß jedes weitere Wort verschwendet gewesen wäre. »Ich muß gehen und darüber nachdenken,« sagte sie traurig.

»Beatrice,« sagte Horace leicht errötend, »ich kann dich versichern, daß wir beide die Notwendigkeit, uns der Forderung zu fügen, bedauern; wir haben Kinder sonst nicht sehr gerne, aber dein kleiner Freund ist so artig, daß wir ihn, falls es anginge, gerne im Hause behalten hätten, bis seine Zukunft gesichert gewesen wäre.«

Beatrice ergriff seine Hand, drückte sie warm und sagte: »Ich danke euch herzlich.« Dann ging sie hinaus.

Allein geblieben, nahmen die Brüder ihre Plätze wieder ein und versanken in ein nachdenkliches Schweigen. Sie waren ärgerlich und vielleicht auch ein wenig unzufrieden mit sich selbst. Horace und Herbert hatten beide eine Empfindung von Scham, die jedem Engländer natürlich ist, der sich gezwungen sieht, einer Drohung zu weichen. Der Wunsch, alles bis aufs äußerste zu verfechten, machte England zu dem, was es heute ist. Vielleicht hatten die Talberts das fremde Kind auch lieber, als sie sich selbst gestehen mochten. Jedenfalls war nach einigem Nachdenken wenigstens Herberts Entschluß etwas ins Wanken geraten.

»Es ist wohl ganz unmöglich,« sagte er, wie jemand, der Belehrung sucht, »Beatrices Wunsch zu erfüllen?«

Horace jedoch zeigte sich der Sache gewachsen. »Ganz unmöglich,« entgegnete er, »wir würden uns lächerlich machen und der Spott der ganzen Gegend werden.«

Sie schauderten schon bei dem bloßen Gedanken und soweit die Talberts in Betracht kamen, war das Geschick des Knaben entschieden.

Sie suchten für ihr inneres Unbehagen Zerstreuung in häuslichen Geschäften. Für gewöhnlich waren sie gerecht, wenn auch genau, nicht unvernünftig, wenn auch anspruchsvoll in ihren Forderungen – heute aber brachten sie den Koch und Whittaker fast zur Verzweiflung, so daß diese sich verwundert fragten, was denn eigentlich mit den Herren los sei.

Unterdessen war Beatrice ganz verstört in ihr Zimmer hinaufgegangen, hatte sich eingeschlossen und auf ein Ruhebett geworfen, auf dem sie, die Hände vors Gesicht gepreßt, lange liegen blieb. Sie sah nicht aus wie jemand, der sich ruhig in ein unvermeidliches Schicksal ergibt, sondern im Gegenteil wie einer, der auf Auswege sinnet; doch schien jeder Pfad, den sie in ihren Gedanken verfolgte, in einer Sackgasse zu endigen, denn endlich seufzte das junge Mädchen tief auf und Thränen stahlen sich unter den gesenkten Lidern hervor.

Sie stand auf, klingelte und ließ sich das Kind bringen. Bald darauf lief der Kleine mit dem Freudengeschrei in das Zimmer, mit dem er seine Beschützerin stets zu begrüßen pflegte. Fräulein Clauson nahm ihn auf ihren Schoß, drückte ihn an ihr Herz, streichelte sein schönes, glänzendes Haar, gab ihm tausend Liebesnamen, bedeckte seinen Mund, seine Stirne, Augen, Arme und Hals mit Küssen – kurzum es war leicht zu sehen, daß sie nicht gesonnen war, sich der Drohung so geduldig zu fügen, wie ihre Onkel. Keine der Liebkosungen, mit denen sie das Kind überschüttete, deutete auf Abschiedsschmerz.

Endlich nahm Beatrice, noch bleicher als zuvor, das Kind an der Hand und ging mit ihm hinunter. Vor der Thüre des Zimmers, in dem sie ihre Onkel vorhin verlassen hatte, zauderte sie einen Augenblick. »Ich sehe keinen anderen Ausweg. Es muß geschehen,« sagte sie vor sich hin. Was immer auch ihr Vorhaben gewesen sein mochte, der Umstand, daß das Zimmer leer war, schien ihr angenehm zu sein – wenigstens atmete sie erleichtert auf. Nachdem sie einige Minuten gewartet hatte, machte sie sich indessen doch auf, ihre Onkel zu suchen.

Plötzlich schien sie aber ihren Entschluß wieder geändert zu haben; ein Schimmer von Farbe kehrte auf ihre blassen Wangen zurück. Raschen Schrittes brachte sie den Jungen zu Frau Miller, kehrte in ihr Zimmer zurück und schrieb dann, nach abermaligem langem Ueberlegen, ein Briefchen an Sylvanus Mordle, in dem sie ihn bat, sie noch am selben Nachmittag, oder am nächsten Morgen früh zu besuchen. Sie schickte diese Zeilen sofort ins Dorf.

Nun endlich ging sie zu ihren Onkeln, die sie etwas verlegen empfingen, vermutlich weil sie glaubten, sie werde wieder auf ihre Wünsche in betreff des Kindes zurückkommen. War dies der Fall, so wurden sie jedoch bald von ihrer Furcht befreit. Beatrice erneuerte den Angriff nicht. Sie bat nur um die Kleider, die das Kind bei seiner Ankunft getragen hatte und die, wie wir uns erinnern, von Horace in dem feuerfesten Schrank verwahrt wurden. Da die Erfüllung dieses Wunsches ganz unschädlich schien, holte Horace das Paket und übergab es dem Mädchen.

»Ihr werdet den Brief des Advokaten hoffentlich nicht beantworten,« sagte sie.

»Es ist keine Antwort nötig. Die Auslieferung des Kindes wird Antwort genug sein.«

Nachmittags fuhr Mordle auf seinem Tricycle vor. Sein Gesicht leuchtete sowohl von der Bewegung in der frischen Luft, als auch von der Freude, von Fräulein Clauson eine solche Botschaft erhalten zu haben. Er war glücklich und wünschte Whittaker ein gutes neues Jahr in einem Tone, der vermuten ließ, die guten Jahre seien die Regel, und schlechte nur eine betrübende Ausnahme. Beatrice hatte seine laute, fröhliche Stimme schon lange vernommen, ehe er zu ihr in das Wohnzimmer trat, in dem sie ihn empfing.

Er begrüßte sie und vernahm, daß ihre Onkel ausgegangen waren, was ihn nicht sehr überraschte, weil die Talberts immer des Nachmittags spazieren zu gehen pflegten. Wer weiß, ob Sylvanus nicht die Zeit seines Besuches dem entsprechend gewählt hatte? Eine Unterhaltung unter vier Augen ist oft bei weitem angenehmer, auch wenn man nichts als Freundschaft empfindet.

»Sie bedürfen meiner,« sagte Sylvanus. »Verfügen Sie über mich – ich stehe ganz zu Ihren Diensten.«

»Ich habe eine Bitte an Sie, deshalb erlaubte ich mir zu schreiben.« Beatrices Worte waren alltäglich, aber es lag etwas in ihrem Wesen, was das Erstaunen des klugen Vikars erregte.

»Verfügen Sie über mich in allem und jedem.« Er sprach noch rascher und ausdrucksvoller als gewöhnlich. In seinem Herzen glaubte der gute Mensch, Beatrice brauche seinen Beistand in irgend etwas, das Carruthers angehe, welchen sie, wie er fest überzeugt war, liebte.

Trotzdem war er bereit, alles zu thun, um dem Manne, der ihm den letzten Schimmer von Hoffnung geraubt hatte, zu seinem Glück zu verhelfen.

Die geforderte Gefälligkeit bestand indes darin, daß Herr Mordle Fräulein Clauson am nächsten Morgen nach Blacktown begleiten sollte. Sie hatte in einem ihr unbekannten Stadtteil eine Privatangelegenheit zu erledigen. Sylvanus fühlte sich sehr geehrt und sagte ihr dies auch. Wollte sie gehen oder fahren? Um wie viel Uhr durfte er sie abholen? Beatrice sah ihn an und sagte langsam, wie mit Anstrengung: »Ich möchte, daß niemand – auch meine Onkel nicht – von diesem Gange etwas erfahren. Wollen Sie mich um zehn Uhr am Kreuzweg treffen? Wenn ich zu große Ansprüche an Ihre Zeit oder Ihre Güte mache, so sagen Sie es mir, bitte, ganz ungeniert.«

»Durchaus nicht! Also um zehn Uhr. Ich werde Sie erwarten.«

Immerhin war Sylvanus sehr überrascht, ja sogar beunruhigt. Es lag außer aller Möglichkeit für ihn, Fräulein Clauson etwas abzuschlagen, mochte es sein, was es wollte, aber da sein Thun und Lassen offen vor aller Welt lag, hatte er eine gewisse Abneigung gegen alles Geheimnisvolle. »Eine Wohlthätigkeitssache, natürlich?« sagte er, doch nicht aus Neugierde, sondern um sein Gewissen zu beruhigen.

»Es ist nichts Unrechtes,« sagte Beatrice ernst. Ihre Worte befriedigten Sylvanus – die Worte einer schönen Frau befriedigen Männer stets ziemlich leicht; die Beweiskraft der Schönheit ist wunderbar groß.

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