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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
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Dreizehntes Kapitel.
Gastronomisches und Erotisches

Die langen Ferien nahten ihrem Ende; aus August war September geworden und der September war leise entschwunden. Die scharlachroten Geranien, Calceolarien und die anderen Teppichpflanzen, die im Sommer dazu gedient hatten, die Gärten von Hazlewood House zu schmücken, begannen dahinzuwelken. Der Untergärtner fand es schon nicht mehr leicht, die Wege des Gartens von den fallenden Blättern zu säubern, und noch immer weilte Frank Carruthers in Oakbury und genoß die Gastfreundschaft seiner Vettern. Nachdem er sich selbst mit der Heilung von Fräulein Clausons Gemütsleiden betraut hatte, konnte er sich vermutlich schwer entschließen, den Fall aufzugeben, ohne einen sichtbaren Erfolg davongetragen zu haben. Außerdem verging die Zeit angenehm genug. Es gab schöne Fahrten durch die grünen, von Ulmen beschatteten Westshirer Heckenwege, die zu Hügeln führen, von deren Gipfel aus man eine schöne Aussicht über die Gegend und die ferne See genießt. Da Horace kutschierte und Herbert unabänderlich neben ihm auf dem Bock saß, so hatten Beatrice und Frank das Innere des geräumigen Gesellschaftswagens für sich allein, was wenigstens dem einen Teil keineswegs mißfiel.

Daneben gab es köstliche Spazierritte zu zweien. Das dunkelbraune Pferd bewährte sich so gut, daß Frank Herrn Barker sein Wort brach und es nicht wieder verkaufte. Der junge Purton hatte mißmutig das Feld geräumt und sich den »Elfen« Elf gegen elf ist die regelmäßige Zahl der Spieler bei einer vollständigen Partie Cricket. Er ist einer von den »Elfen« heißt: Er gehört zu den auserwählten Leuten in Oxford, die das College im Cricket repräsentieren. Anm. d. Uebers. angeschlossen, die ganz England durchwanderten und Cricketschlachten lieferten – eine viel bessere und gesündere Beschäftigung für einen solchen jungen Mann, als hoffnungsloses Lieben.

Auch Gesellschaft gab es. Angenehme Leute, die nach Hazlewood House kamen, und ebensolche, die von den Bewohnern von Hazlewood House besucht wurden. Frank gefiel diesen allen so gut, daß Horace und Herbert auf ihren Vetter ganz stolz wurden.

Und dann gab es wieder Spaziergänge mit Fräulein Clauson, und vor allem die köstlichen, traumhaften Stunden, die sie miteinander unter dem Ahorn saßen, in dessen kühlem Schatten sie über alles in der Welt, über die Himmel über ihr und die Wasser unter ihr plauderten. Es kam auch vor, daß Fräulein Clauson schwieg, während Frank jede Linie ihres schönen Antlitzes studierte und sich sagte, daß die Krankheit, die ihn selbst befallen habe, chronisch und unheilbar zu werden drohe.

Es war somit nicht Mangel an Gelegenheit, erschöpfende Beobachtungen anzustellen, schuld daran, wenn es Herrn Carruthers nicht gelang, Fräulein Clausons Leiden zu heben. Mit einem Worte, Frank hatte sich in Beatrice in guter altmodischer Weise, fast auf den ersten Blick verliebt und war den grauen Augen so gut unterlegen wie der junge Purton, den er vertrieben hatte, und wie der arme Sylvanus, der von seiner Reise nur wenig gebessert zurückgekommen war. Manchmal legte sich Frank die Frage vor, ob es ihm wohl besser ergehen werde, als dem guten Mordle, den er indessen kennen gelernt und von dem er erfahren hatte, daß ihn Beatrice abgewiesen habe. Uebrigens hatte er die Kenntnis von dessen Mißgeschick weder von Beatrice, die, wie jede richtig empfindende Frau thun müßte, bestrebt war, die Enttäuschung, die sie einem Manne bereitet hatte, zu verbergen, noch von den beiden Brüdern, die zwar sonst so geschwätzig waren, wie fast alle Männer sind, aber ein solches Geheimnis nie verraten hätten, sondern von Sylvanus selbst.

Nach der Rückkehr des energischen, geschäftigen Vikars hatten die Talberts Beatrice gebeten, zu bestimmen, wie sich künftig die Beziehungen zwischen Herrn Mordle und Hazlewood House gestalten sollten. Sie hatte zur Freude ihrer Onkel ruhig den Wunsch geäußert, daß man mit dem Vikar genau so verkehre wie bisher. Diese Entscheidung befriedigte die Talberts sehr; sie waren nicht imstande, sich zu denken, wie die Gemeindeangelegenheiten erledigt würden, wenn sie nicht mehr Hand in Hand mit dem Vikar hätten arbeiten können. So wurde also Sylvanus bei seiner Rückkehr benachrichtigt, daß er sich auf seinem Tricycle so oft nach Hazlewood House befördern könne, als er Lust habe, was sehr häufig der Fall war, da er sein Herz abhärten und sich daran gewöhnen wollte, in Fräulein Clauson nichts anderes als seine Freundin zu sehen. So trafen sich Frank und Sylvanus ziemlich oft. Sie erkannten ihre gegenseitigen guten Eigenschaften und befreundeten sich mehr, als Nebenbuhler sonst zu thun pflegen. Nebenbuhler ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn falls Sylvanus noch einen Schimmer von Hoffnung gehabt hätte, wäre derselbe sofort verflogen, als er Frank und Beatrice zusammen sah. Er erkannte die Absicht des Geschickes und unterwarf sich demselben, wie es einem wohlerzogenen Mann zukommt. Vermutlich veranlaßte ihn der Wunsch, zu zeigen, daß er von seiner Liebe geheilt sei, Frank zu erzählen, was vorgefallen war.

Die Art und Weise, wie er dies that, zeigte Frank, daß sein eigenes Geheimnis für Mordle keines mehr sei. Wenn er auch nicht Vertrauen mit Vertrauen erwiderte, so sagte er doch mit bedeutungsvollem Lächeln: »Sie werden von mir nicht erwarten, daß ich diesen Ausgang bedauere.«

»Nein. Brauche kein Mitleid. Nur sollen Sie wissen, daß ich Ihnen von Herzen Glück wünschen werde, wenn die Zeit kommt.«

»Ach,« sagte Frank lächelnd, »Sie sind edel, sehr edel. Wenn die Zeit kommt« … und damit versank er in tiefes Sinnen – in ein Sinnen, das sich immer nur um einen Punkt drehte.

So standen die Dinge Anfangs Oktober. Herr Carruthers, der um diese Zeit vielleicht nicht zu seiner vollen Zufriedenheit endgültig seine Diagnose fertig hatte, fühlte, daß der Augenblick immer näher rückte, in dem er einen letzten Versuch machen müsse, die Schwermut, die sich, wie er glaubte, bei Fräulein Clauson bemerklich machte, endgültig zu vertreiben. Immerhin mußte er sich – wie so mancher andere Arzt – gestehen, daß er im Dunklen tappe. Er war im Begriff ein Heilmittel anzuwenden, das seine entweder tödliche, oder belebende Wirkung wunderbarerweise nicht an dem Kranken zeigen sollte, sondern am Arzt. Kein Wunder also, daß er bei so geringen Anhaltspunkten, die ihn leiten konnten, zögerte und den entscheidenden Augenblick immer wieder hinausschob. Um diese Zeit gaben die beiden Brüder ein Mittagessen – eine Herrengesellschaft von acht auserlesenen, ausgezeichneten Personen; die Talberts waren der Ansicht, daß diese Zahl womöglich nie überschritten werden sollte. Auf das Herstellen des richtigen Gleichgewichts in einer Gesellschaft und die geeignetste Wahl der geladenen Gäste setzten die Talberts ihren Stolz noch mehr, als auf die feine Zusammenstellung des Gastmahls selbst. In der Gesellschaft, um die es sich hier handelte, fanden sich, so klein sie war, sowohl Kunst und Wissenschaft und das Militär, wie auch der Grundbesitz und der Erbadel vertreten. Es war wirklich eine Zusammenstellung nach dem Herzen der Talberts.

Allein zwei Tage, ehe die Gesellschaft stattfinden sollte, trat ein Ereignis ein, das ihr Unglück zu bringen drohte. Lord Kelston, der vorübergehend auf seinem benachbarten Landsitz weilte und dem zu Ehren das Festessen gegeben wurde, schrieb an Horace eines jener kleinen, vertraulichen Briefchen, die immer wertvoll sind, wenn sie von einem Lord kommen. Er schrieb, er würde sich die Freiheit nehmen, seinen Freund, Herrn Simmons, mitzubringen. Da dies die Zahl der Gäste auf neun erhöhte, entstand die Notwendigkeit, noch einen zehnten Herrn einzuladen, um die Symmetrie des Tisches zu erhalten.

Nun gab es eine lange und ernste Beratung. Wen konnten sie noch so kurz vorher einladen, der würdig gewesen wäre, an einer so ausgesuchten Gesellschaft teilzunehmen? Jeder der beiden Talberts hätte sich beleidigt gefühlt, wenn er so als Lückenbüßer eingeladen worden wäre, und so schreckten sie auch, der goldenen Regel gemäß, vor der Aufgabe zurück, die vor ihnen lag. Und doch konnten sie unmöglich auf einer Seite des Tisches drei und aus der anderen vier Personen sitzen haben!

Frank hörte ihren feierlichen Erwägungen eine Weile zu, dann suchte er ihnen aus der Verlegenheit zu helfen.

»Laßt mich weg,« sagte er, »Beatrice und ich« – er nannte sie jetzt ab und zu kurzweg Beatrice, wenn er von ihr sprach – »können miteinander in der Kinderstube oder in dem Zimmer der Haushälterin essen. Whittaker kann uns die Speisen gleich von eurem Tisch hinbringen. Das wäre köstlich!«

»Aber mein lieber Frank!« Dieser gemeinsame Ausruf bewies ihm die gänzliche Nichtigkeit seines Vorschlags.

»Warum nicht den Pfarrer bitten? Ich glaube, es ist die Pflicht eines Landgeistlichen, bei solchen Gelegenheiten einzuspringen?«

»Er spricht von nichts als von seinem Fischen.«

»Vom Fischen von was? Von Menschen?«

»Nein, von Salmen und Forellen,« antwortete Horace, der die Sache wie gewöhnlich wörtlich nahm.

»Warum nicht Mordle? Er ist ein vorzüglicher Gesellschafter.«

»Hm, hm,« sagte Horace und blickte Herbert an.

»Das dürfte kaum eine passende Gesellschaft für einen Vikar sein.«

»Nein, kaum,« sagte Herbert mit Kopfschütteln.

Endlich beschlossen sie, Herrn Turner einzuladen, aber der Entschluß war von schweren Besorgnissen begleitet, denn Herr Turner gehörte zum Handelsstand. Er war übrigens ein Handelsfürst, wenn nicht -Kaiser und, wie Horace sich ausdrückte, ein Geldaristokrat. Sie fühlten, daß sie Herrn Turner wohl so kurz vorher einladen konnten und daß dieser sich durchaus nicht beleidigt fühlen werde, wenn er höre, daß er mit Lord Kelston zusammentreffen werde. Das ist einer der vielen Vorteile, die man davon hat, Lords einzuladen.

Da sie aber trotz alledem ein schlechtes Gewissen hatten, daß sie ihn so zuguterletzt gebeten hatten, hielten sie ihn dadurch schadlos, daß sie ihm seinen Platz links von Herbert, einem der Wirte, anwiesen; Horace, als der älteste, saß zwischen Lord Kelston und Herrn Simmons, einem Mann mit feingemeißelten Zügen und vornehmem Wesen, das bei Horace gleich für ihn sprach. Der Tisch war in wundervoller Weise gedeckt und selbst Frank, der doch hinter die Coulissen gesehen hatte und wußte, wieviel Zeit und Gedanken sie darauf verwendet hatten, bewunderte den Erfolg der gastfreundlichen und künstlerischen Anstrengung seiner Vettern; immerhin zollte er ihnen das Mitleid, das jeder Wirt verdient, der durch eine mißglückte Suppe oder angebrannte Sauce unglücklich gemacht werden kann. Horace unterhielt sich höflich und ernst nach rechts und links, während Herbert fast ausschließlich von Herrn Turner in Anspruch genommen wurde, der sich einer sehr kräftigen Stimme erfreute, der er gerne Gehör verschaffte. Alles ging nach Wunsch, sogar Frank, der neben einem Künstler saß, fand die Gesellschaft nicht so langweilig, wie er sie sich ohne Beatrice gedacht hatte.

Im Lauf der Unterhaltung erfuhr Horace, daß Lord Kelstons Freund, Herr Simmons, der bekannte Rechtsgelehrte sei, der so plötzlich berühmt geworden war. Herr Simmons war ein Jude von guter Herkunft und Erziehung, und Horace mochte bedeutende, feine Juden sehr gerne. So kamen die beiden Männer vortrefflich miteinander zurecht. Frank wußte ebenfalls, wer Herr Simmons war; Herbert aber wußte es nicht.

Alles ging so gut von statten, als es sich die Talberts nur wünschen konnten, bis der Rotwein auf den Tisch gestellt wurde. Da ereignete sich etwas Schreckliches, Unerhörtes – ein so widriger Zwischenfall, daß er noch heute Herbert und Horace ein Gegenstand des Bedauerns ist. Es kam alles davon her, daß sie einen Lückenbüßer eingeladen hatten.

Herr Turner begann, wie es die Gewohnheit sehr vieler Handelsgrößen ist, über Englands wirtschaftliche Verhältnisse zu reden. Er sprach mit Aufwand aller seiner Stimmmittel; da er einen Gegenstand behandelte, über den seine Ansichten maßgebend waren, fühlte er sich berechtigt, seine Stimme voll zu entfalten. Herbert hörte ihm mit seinem freundlichen, höflichen Lächeln zu, bedauerte aber innerlich, daß Herr Turner eingeladen worden war.

»Was ist der Ruin Englands?« schrie Turner wie eine Rohrdommel, »ich will es Ihnen sagen, mein lieber Herr. Die Juden sind der Ruin Englands.« Herbert, wie Herr Turner bestätigen konnte, nickte hierauf.

Unterdessen sagte Horace zu Herrn Simmons: »Es ist eine unbestreitbare Thatsache, daß die Juden die loyalste, patriotischste Rasse unter der Sonne sind. Ihre geistigen Fähigkeiten sind unbestritten und es ist bewiesen, daß jeder, der es in den edleren, ergreifenderen Künsten, wie in der Musik oder Poesie zu etwas Hervorragendem gebracht hat, wenigstens einige Tropfen jüdischen Blutes in seinen Adern hatte.«

Hier verbeugte sich Herr Simmons lächelnd.

»Lesen Sie nur eines der Handelsblätter,« fuhr Turner lebhaft fort.

»Ich würde es doch nicht verstehen,« wandte Herbert ein.

»Lesen Sie die Unterpfandbücher,« schrie Turner, »und sehen Sie die Levis, die Abrahams und Moses, die sich auf Kosten ihrer Schuldner mästen! Die Juden sind der Fluch des Landes! Sie saugen ihm das Blut aus den Adern und das Mark aus den Knochen.«

Und Horace, der, obgleich er sich über Herrn Turners dröhnendes Sprechen entsetzte, es ängstlich vermied, auf dessen Worte zu hören, sagte zu seinem Nachbar: »In der Gesetzgebung und der Staatskunst haben wir lebendige Beweise; und was das Gebiet betrifft, von dem ich nichts verstehe, den Handel nämlich, so braucht man nur den Verfall Spaniens zu verfolgen, der mit der Austreibung und Verfolgung dieser so hochbegabten Nation begann.«

Aber Herr Simmons überhörte diese schmeichelhafte Bemerkung, weil er plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit Herrn Turner zugewandt hatte, der mit erhobener Stimme sagte: »Sehen Sie Oesterreich an! Zu Grunde gerichtet, mein Herr, zu Grunde gerichtet durch die Juden. Alles Land ist in ihren Händen. Ich wünschte, die Zeiten kehrten wieder, in denen die österreichischen Studenten in Pest –«

»Pest liegt in Ungarn,« bemerkte Herbert sanft.

»In denen also die ungarischen Studenten,« fuhr Turner unbeirrt fort, »in der Asche der verbrannten Juden nach dem Golde suchten, das diese verschluckt hatten.«

Die ganze Gesellschaft hörte diesen rohen, gemeinen Wunsch. Herr Simmons wurde dunkelrot; er war halb aufgesprungen und blickte Horace an. Dieser eine Blick war genug, um ihn zu veranlassen, seinen Sitz wieder einzunehmen.

Der Ausdruck des Entsetzens, des absoluten Entsetzens, das sich auf Horaces Gesicht zeigte, als einer seiner Gäste an seinem Tisch beleidigt wurde, war mehr als wunderbar – er war erhaben. Nie war etwas so Unerhörtes erlebt worden. Eine zweite derartige Erschütterung hätte ohne Zweifel sein Ende herbeigeführt. Seine Kniee zitterten, sein Gesicht erblaßte bis in die Lippen. Seine Augen begegneten dem Blick Simmons' mit einem unsäglich flehenden, dringenden entschuldigenden Ausdruck, der mehr Aerger und Beschämung ausdrückte, als viele Bände hätten thun können.

Herr Simmons begriff mit der raschen Auffassungskraft seines Stammes, was in Horaces Innerem vorging. Er setzte sich wieder und sagte mit freundlichem Lächeln: »Wie sonderbar solche Reden in den Ohren von Männern klingen, die in der Welt leben.«

Horace atmete erleichtert auf und dankte es dem liebenswürdigen Juden bis zu seinem Todestage. Unterdessen hatte auch Herbert an dem Gesicht seines Bruders gemerkt, daß etwas Unangenehmes vorgefallen war. Da er vermutete, daß Herrn Turners judenhetzerische Neigungen die Schuld daran trugen, lenkte er die Unterhaltung gewandt auf ein anderes Gebiet und brachte Turner mit anerkennenswerter Selbstverleugnung auf die Unfähigkeit des Bürgermeisters, der Stadtverordneten und des Gemeinderates zu sprechen. Es war eine heroische That und nur Herbert selbst weiß, was sie ihn gekostet hat.

Alles in allem genommen, rechnen die Talberts dieses Festessen nicht unter ihre gesellschaftlichen Erfolge. Frank Carruthers, der in der Mitte zwischen den Gästen saß und die ganze Simmons-Turnersche Angelegenheit verfolgte, hatte sich dabei nach einer stillen Ecke gesehnt, um sich auslachen zu können. Außerdem hatte er von dem Künstler neben ihm nun auch genug über das wahre Wesen der Kunst gehört und dachte an Fräulein Clauson und an ihre gegenwärtige Einsamkeit. Ein junger Mann schmeichelt sich immer, daß das junge Mädchen, das er liebt, sich einsam fühle, wenn er nicht bei ihr ist. Frank wußte, daß sie auf Wunsch ihrer Onkel im Wohnzimmer die Herren erwarte und daß er sie dort finden würde. Es wurde ihm immer langweiliger und der Gedanke an Beatrices Einsamkeit bedrückte ihn, und als schließlich die sonderbar geformten venetianischen Karaffen mit gastlicher, aber keineswegs unfeiner Geschäftigkeit die Runde um den Tisch machten, benutzte er einen günstigen Augenblick, in dem Horace in die Unterhaltung mit Lord Kelston vertieft war, sich aus dem Zimmer zu stehlen und Beatrice aufzusuchen.

Die Thüre des Wohnzimmers that, wie jede andere Thüre, in Hazlewood House ihre Schuldigkeit, ohne irgend ein Geräusch hervorzubringen. Es gibt Menschen, deren Thüren immer knarren und ächzen, wie es Menschen gibt, deren Stiefeln immer krachen. Die Schuhe der Talberts krachten nie; die Thüren der Talberts gaben nie einen Ton von sich. So stand Frank auf dem dicken weichen Teppich und blickte Fräulein Clauson an, die keine Ahnung davon hatte, daß die Einsamkeit, in die sie verbannt worden war, zu Ende ging.

Sie saß auf dem Klavierstuhl und starrte, in tiefes Sinnen verloren, vor sich hin, während ihre Hände regungslos auf den Tasten lagen.

Ob ihre Gedanken traurig oder heiter waren – jedenfalls weilten sie weit, weit fort im Lande der Träume.

Und Carruthers stand da und beobachtete sie. Er wußte, daß er unrecht that; er wußte, daß er ihr seine Anwesenheit bemerklich machen müßte, aber das Bild vor seinen Augen erschien ihm so himmlisch schön, daß er sich nicht loszureißen vermochte.

Das junge Mädchen war mit vollkommenem Geschmack gekleidet; wenn an ihrem Anzuge überhaupt etwas auszusetzen gewesen wäre, so konnte es nur das sein, daß er sie zu alt erscheinen ließ. Ihre Arme und ihr Nacken hoben sich weiß und schön gebildet von dem schwarzen Atlas ihres Kleides ab, das ihr so ausgezeichnet paßte, wie ein Kleid überhaupt nur einer Gestalt wie der ihrigen passen kann. Das üppige braune Haar war kunstvoll und kleidsam in einen Knoten geschlungen und glänzte, ohne eine Blume oder einen sonstigen Schmuck, nur durch sich selbst.

Kein Wunder also, daß Carruthers sich glücklich fühlte, sie in stummer Bewunderung betrachten zu können!

Und während er sie so betrachtete, sah er, oder glaubte wenigstens zu sehen, daß Thränen in den herrlichen grauen Augen aufstiegen. Das war mehr, als ein Mensch ertragen konnte. Ehe er sich dessen bewußt war, war er schon neben ihr, hatte seinen Arm um sie geschlungen und hielt sie fest an sein Herz gedrückt – Klavierstühle sind ungemein bequem für solche Zwecke – und flüsterte ihr mit leidenschaftlicher Beredsamkeit ins Ohr, daß er sie liebe, liebe, grenzenlos liebe! An Frank war von der Mutlosigkeit, die Mordle seiner Zeit gezeigt hatte, keine Spur zu bemerken.

Aber Beatrice? Wie nahm sie es auf? Totenbleich mit einem leichten Schrei, vielleicht des Schrecks, vielleicht auch des Widerwillens, sprang sie auf und starrte ihn einen Augenblick an. Ohne ein Wort zu reden, wandte sie sich dann der Thüre zu. Frank, so bleich wie sie, vertrat ihr den Weg, faßte ihre Hand und hielt sie zurück.

»Beatrice, Beatrice, haben Sie mir nichts zu sagen, gar nichts?« Sie atmete tief und rasch; sie schien mit den Zähnen zu knirschen, aber sie antwortete keine Silbe.

»Antworten Sie mir, Beatrice! Haben Sie mir nichts zu sagen? Können Sie mir nicht sagen, daß Sie mich lieben? Antworten Sie mir!«

In Carruthers' Wesen war keine Spur von Spott oder Leichtfertigkeit mehr zu entdecken.

»Antworten Sie mir!« wiederholte er mit der Angst eines Mannes, für den Leben oder Tod auf dem Spiel steht, »sagen Sie, daß Sie mich lieben!«

»Ich kann es nicht,« stieß Beatrice mit heiserer Stimme heraus, »lassen Sie mich gehen!«

Schweigend ließ er ihre Hand fallen, öffnete ihr noch die Thüre und machte sie hinter ihr wieder zu. Dann stand er halb bewußtlos in der Mitte des Zimmers, blickte starr auf die geschlossene Thüre und besann sich, ob er nicht träume – ob er denn wirklich, seit er in dies Zimmer getreten war, alles gewagt und verloren habe.

Hätte Frank Beatrice folgen können, so würde er gesehen haben, wie sie sich, in ihrem Zimmer angelangt, aufs Bett warf und in Schluchzen und Thränen ausbrach. Er hätte gesehen, wie die düstere Frau Miller sie umarmte und tröstete und sie zu beruhigen suchte. Vielleicht würde er auch den Ausdruck eines unerschütterlichen Entschlusses gesehen haben, der sich plötzlich in den scharfen Zügen der Dienerin ausprägte, ein Ausdruck, der mit der weichen Zärtlichkeit, mit der sie sich um ihre Herrin bemühte, in grellem Widerspruch stand.

Aber Carruthers sah dies alles nicht, und wenn er es auch gesehen hätte, so wäre er darum doch nicht klüger gewesen.

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