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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
projectid805f27fd
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Zwölftes Kapitel.
Ein Pferd! Ein Pferd!

Obgleich bisher weder von Freunden noch Bekannten Beatrices die Rede war, so hatte sie deren doch genug, wie ja auch anzunehmen ist, da die beiden Brüder großen Wert auf die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Beziehungen mit der Nachbarschaft legten.

Einer ihrer Bekannten kreuzte um jene Zeit öfters Frank Carruthers' Weg. Der junge Purton, der Sohn und Erbe einer reichen Familie aus der Nachbarschaft, war ein großer, etwas schwerfälliger, gutmütiger Junge, auf den seine Mutter in einigen Jahren vielleicht stolz sein konnte. Er mochte etwa zwanzig Jahre alt sein und hatte in Oxford, wo er noch studierte, zu Franks Schülern gehört; er war sehr erstaunt, als er den berühmten »Einpauker« in Hazlewood House traf, wohin er eines Morgens kam, um Fräulein Clauson seine Begleitung auf einem Spazierritt anzubieten.

Obgleich Carruthers gelegentlich gehört hatte, daß Beatrice gerne reite, hatte er sie noch nicht zu Pferde gesehen, weil sich ihr Pferd im Augenblick in der Behandlung des Tierarztes befand, so daß sie den Wunsch des jungen Purton vorderhand nicht erfüllen konnte. Dieser geduldige junge Mann kam von da an jeden Morgen nach Hazlewood House geritten, um sich nach dem Befinden des Pferdes zu erkundigen. Endlich war das Pferd genesen und der erste Ausritt fand statt. Frank hatte das Vergnügen, Beatrice mit Purton fortreiten zu sehen. Der letztere verbarg nicht, daß er sich wohl bewußt sei, wie hoch ein guter Reiter, dessen Schutz sich eine schöne Dame anvertraute, über dem gelehrtesten Einpauker stehe. Ueber Beatrices Erscheinung zu Pferd brauchen wir keine Worte zu machen; Frank folgte der leichten anmutigen Gestalt soweit es ging mit den Augen und spazierte nachdenklich im Garten herum, wo er sich, seiner Lieblingsbeschäftigung frönend, ins Gras legte, bis Horace und Herbert zu ihm kamen und ihn ob seiner Faulheit neckten. Er schob seinen Hut zurück und sah schläfrig auf.

»Du, Horace, sag 'mal, wo ich mir ein Pferd kaufen kann; ich habe bisher ganz vergessen, daß mir mein Arzt das Reiten verordnet hat.«

»Ich wußte gar nicht, daß du reiten kannst!«

»Doch, ich kann es – natürlich ein ruhiges Tier. Oh ja, ich kann reiten, bis ich herunterfalle – ich habe nämlich Pech: falle ich irgendwo herunter, sei es von einer Leiter oder von einem Pferd – ich falle immer auf den Kopf so sicher wie ein Federball. – Ich will ein Pferd kaufen und es wieder verkaufen, wenn ich von hier abreise; ich will mich nicht dem Mietling anvertrauen – was thut der Mietling nur gleich …?«

»Die Herde verlassen,« sagte Herbert.

»Die Schafe,« verbesserte Horace.

»Ganz recht. Wenn ich nun auch kein Schaf und keine Herde bin, so fürchte ich doch, daß mich der Mietling schlecht behandeln könnte. Deshalb sagt mir, wo ich ein Pferd herbekommen kann.«

»Das scheint mir eine große Verschwendung zu sein, Frank.«

»Verschwendung! Was ist Verschwendung? Mehr ausgeben als man erschwingen kann. Ich wälze mich im Geld; ich bin widerwärtig reich; ich brauche weder eine Begegnung mit meinem Schuhmacher, noch mit meinem Banquier zu scheuen. Aber meinem Arzt muß ich gerecht werden und seine Rezepte machen lassen.«

Als die Brüder sahen, daß es Frank ernst war, riefen sie ihren Kutscher zu Hilfe, der in seiner gestreiften leinenen Weste alsbald erschien und der Befehle seiner Herren harrte.

»William,« sagte Horace, »Herr Carruthers denkt daran, ein Pferd zu kaufen. Wissen Sie etwas Passendes, das in der Nachbarschaft zum Verkauf steht?«

»Weiß ich ein Ferd, Herr,« sagte William nachdenklich.

»Etwas Ruhiges,« warf Herbert ein, der um Franks Wohl besorgt war.

»Ferd – ruhig – zum Reiten,« wiederholte William, »das ist Herr Bulgers Hengst – sein Kutscher sagt, er stehe zum Verkauf. Ganz gut für Ihr Gewicht, Herr Carruthers. Solche Schulterblätter, solch eine Hinterhand, solch einen Rumpf hat er!«

»Wer? Herr Bulger?« fragte Frank.

»Nein – der Hengst.«

»Ach so, der Hengst! ha, es ist ein Unterschied zwischen Rumpf und Rumpf. Ich möchte einen von gewöhnlichem Umfang. Ich würde mir aus dem großen Heidelberger Faß nicht viel machen.«

»Gewiß nicht, Herr Carruthers,« sagte William.

»Hengste haben so breite Rücken,« fuhr Frank nachdenklich fort, »daß es fast verächtlich ist, sie zu besteigen. Die Versuchung liegt nahe, die Füße hinaufzuziehen und stehend zu reiten. Findest du das nicht auch, Horace?«

»Nein, das kann ich nicht behaupten,« antwortete Horace mit dem höflichen Ernst, der seinen Vetter stets so sehr belustigte.

»Mit Herrn Bulger ist es nichts,« sagte Frank; »'was anderes, William!«

William rieb sich die Nase und versank eine Minute lang in tiefes Sinnen.

»Da ist auch Kapitän Taylors Stute,« sagte er mit einem schüchternen Blick auf seine Herren. »Sie ist mit der Chaise durchgegangen und hat sie zertrümmert, aber man sagt, sie gehe mit einem Sattel auf dem Rücken ganz ruhig, wenigstens wenn einer reiten kann.«

»Wir wollen Kapitän Taylor seines Kleinodes nicht berauben,« sagte Frank. »Besinnen Sie sich noch einmal, William.«

»Wollen Sie nicht in Barkers Stallung gehen, Herr Carruthers?« sagte William.

»Wo ist diese Stallung?«

»In Blacktown,« sagte Herbert, »wir wollen mit dir gehen.«

»Nein, danke schön. Ich will die Wahl allein treffen, damit niemand als mein Arzt zu tadeln ist, wenn ich zu Schaden komme. Ist Barker ein ehrlicher Mann?«

»So ehrlich als je ein Pferdehändler war.«

»Dann will ich ihm meinen Hals anvertrauen und sogleich nach Blacktown gehen,« sagte Frank, ging ins Haus und machte sich zum Ausgehen fertig; die Brüder sahen ihn mit schlimmer Ahnung fortgehen, mochten ihm aber ihre Begleitung nicht weiter aufdrängen, nachdem er dieselbe noch einmal abgelehnt hatte. Am Gartenthor wartete William auf ihn.

»Wenn ich so frei sein dürfte, Herrn Carruthers zu bitten, Barker zu sagen, daß ich ihn empfohlen habe. Barker ist nicht so schlimm wie mancher andere, und wenn er hört, daß ich mit dem Ferd zu thun haben werde, beschummelt er Sie vielleicht nicht.«

»Sehr verbunden, William, für Ihre uneigennützige Güte,« sagte Frank ernsthaft.

»Gern geschehen,« sagte William höflich; »William Giles, Herrn Talberts Kutscher – wollen Sie daran denken, Herr Carruthers?«

»Gewiß, gerne. Soll ich Barker vielleicht auch gleich fragen, ob er Ihnen fünf oder zehn Prozent an dem Handel gibt?«

Williams Gesicht war urkomisch. Er schaute Frank überrascht an und blickte dann ängstlich um sich, um sich zu vergewissern, ob seine Herren außer Hörweite wären. Dann sah er wieder Frank an, dessen Augen lustig zwinkerten, und brach in Lachen aus: »Ich sehe, Sie wissen Bescheid auf der Rennbahn, Herr Carruthers. Wenn Sie ebenso gut reiten, als Sie schlau sind, hätten Sie auch Kapitän Taylors Stute kaufen können. Barker wird Sie wohl nicht sehr über's Ohr hauen!«

Die nächste Stunde verbrachte Frank in den Ställen Barkers, der jedes einzelne Tier, das auf den Hof vorgeführt wurde, über die Maßen rühmte. Frank hörte ihm gelassen zu, rauchte seine Cigarette und schwieg beharrlich, was Barker zur Verzweiflung brachte, weil er gar nicht mehr wußte, wie er daran war, ob er es mit einem Dummkopf, oder mit einem, der sogar ihm über war, zu thun hatte. Erst forderte er übermäßig hohe Preise, bei dem zweiten Dutzend Pferde, das er vorführen ließ, ging er in seinen Forderungen weit herunter, doch Frank äußerte sich nicht, und Barker sah ihm schließlich nach den Beinen, weil er auf den Gedanken kam, er sei ein Pferdehändler aus einer anderen Stadt, allein Franks Beine waren so gerade wie möglich. Endlich, als das letzte seiner fünfunddreißig Pferde in den Stall zurückgeführt worden war, sagte Barker: »Sie sind schwer zu befriedigen!«

»Ich wollte einige Pferde sehen,« sagte Frank und schleuderte die Asche von seiner Cigarette fort. »Ja, ich bedaure, so viel Mühe verursacht zu haben – kann ich Ihrem Stallburschen eine halbe Krone geben?«

»So – Sie wollten einige Ferde sehen!« Nur in der höchsten Aufregung vergaß sich Barker so weit, daß er das P unterschlug und seine Ware »Ferde« nannte. Er war ein wohlhabender Mann und hatte Töchter, die Klavier spielten. Er wußte, daß ihn die richtige Aussprache des Wortes über die Grooms und Stallknechte erhob; er hatte sie sich mühsam erworben, weshalb das Festhalten daran von Wert für ihn war. »Bitte,« sagte er mit vertraulichem Flüstern, »sprechen Sie kein Wort von den Pferden, die ich Ihnen vorgeführt habe, aber sagen Sie mir einmal, was für Ansprüche Sie an ein Pferd machen?«

»Ich bin nicht eigen.«

»So, Sie sind nicht eigen? – Jim, führe den Kastanienbraunen heraus.«

»Nein, bemühen Sie sich nicht, ich will ihn nicht sehen; Sie sollen selbst ein Pferd für mich wählen.«

Ein Pferdehändler ist gewiß so ehrlich wie ein anderer Händler auch, aber Barkers Erstaunen war ungeheuer. Es glich der Verwunderung eines Wechselfälschers, dem man eine unausgefüllte Anweisung gibt mit der Bitte, dieselbe in Verwahrung zu nehmen, oder dem Staunen eines Wolfes, von dem ein Schaf verlangt, er solle sein Lamm hüten, oder dem einer Katze, der man zumutet, vor einem Napf mit Sahne Schildwache zu stehen. Immerhin war er aber der Gelegenheit gewachsen.

»Soll Ihnen ein Pferd wählen? Können gar nichts Besseres thun. Wenn immer der Herr Herzog oder der Herr Marquis ein Pferd brauchen, schreiben sie mir, ich soll ihnen eines schicken. Hoffe, daß ich auch Sie befriedigen kann, so gut wie einen Herzog!«

»Ich weiß nicht. Ich bin ungeduldig. Aber Sie können's ja versuchen.«

Noch immer wußte Barker nicht, mit wem er es zu thun hatte.

»Das ist der Kastanienbraune, von dem ich eben sprach – –«

»Wieviel?« unterbrach ihn Frank kurz.

»Einhundertzwanzig Guineen,« sagte Barker.

»Nun, hören Sie,« erwiderte Frank scharf, »Sie wählen mir ein Pferd für sechs Wochen. Es ist mir einerlei, ob es schwarz oder weiß oder blau ist. Sie geben sogleich den niedersten Preis an, um den Sie's abgeben; gefällt mir der Preis und das Pferd, so zahle ich Ihnen zwanzig Prozent mehr und Sie verkaufen es nach Ablauf der Zeit wieder für mich. Soll es doch noch der Kastanienbraune sein?«

Barker machte eine lange Pause; dann sagte er mit gemachter Offenheit; »Nein, dann ist es nicht der Braune, kommen Sie, ich will Ihnen zeigen, welches es ist.«

Niemand konnte genau erfahren, was Frank für das dunkelbraune Pferd bezahlt hatte, das nachmittags nach Hazlewood House gebracht wurde.

Als er nach abgeschlossenem Handel von Blacktown zurückkam, wurde er nahe beim Hause von Beatrice und ihrem Begleiter eingeholt. Der junge Purton war in bester Laune und köstlich herablassend.

»Schade, daß Sie nicht reiten, Herr Carruthers,« sagte er.

»Jammerschade! Wollen Sie mich einpauken? Rache ist süß, wie Sie wissen.«

»Ich will dieser Tage meines Vaters altes Pferd mit herüberbringen; Sie würden es gewiß schnell lernen.«

»Sie waren immer ein guter Kerl,« sagte Frank dankbar, »glauben Sie, daß ich reiten lernen kann, Fräulein Clauson?«

»Ich fürchte, Sie sind zu faul dazu.«

»Ja, das vermute ich auch; ich möchte Sie nicht bemühen, Purton. Auf Wiedersehen.«

Die Pferde trabten weiter und Frank schlenderte lächelnd nach Hazlewood House.

Nachmittags langte zu Beatrices Erstaunen das neugekaufte Pferd an und wurde William Giles' Obhut anvertraut; William war sehr zufrieden, als er es untersucht hatte: erstens, weil Barker Frank nicht »beschummelt« hatte, und zweitens, weil das Tier trotzdem so viel gekostet haben mußte, daß das Trinkgeld schon zum Mitnehmen war.

»Ich dachte, Sie machten sich nichts aus dem Reiten,« sagte Beatrice.

»Ich mache mir auch nicht viel daraus.«

»Warum aber dann ein solches Pferd?«

»Weil ich mir etwas daraus mache, mit Ihnen zu reiten.«

Er warf ihr einen seiner flüchtigen Blicke zu; sie wandte sich ab und ärgerte sich über ihr Erröten. Sie war den ganzen Abend kühl und zurückhaltend, aber der anmaßende junge Mann nahm es als ganz selbstverständlich an, daß sie am anderen Morgen mit ihm ausreite.

Horace machte, nachdem er das Pferd genugsam bewundert hatte, die schwierigsten Regel de Tri-Rechnungen, und stellte fest, was vier Pferde fressen, wenn drei in einer bestimmten Zeit so und so viel fressen.

Der junge Purton war zu schüchtern, am nächsten Tag seine Begleitung schon wieder anzubieten, und ärgerte sich furchtbar, als er auf seinem einsamen Ritt Beatrice und Frank begegnete und sah, daß der letztere ein Prachtpferd ritt, wie er sich selbst schon lange eines wünschte, und außerdem auch noch ein vorzüglicher Reiter war. Der Anblick that dem armen Burschen weh, und er ritt nach den unvermeidlichen Begrüßungen und einem mißmutig geäußerten: »Ein hübscher Kauf, bei Gott,« in trostloser Gemütsverfassung nach Hause zurück.

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