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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
projectid805f27fd
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Elftes Kapitel.
Frank Carruthers als Arzt

Dank der guten Luft, der vollständigen Enthaltung von anstrengender Arbeit und, vor allem, dank der vortrefflichen Pflege, die ihm die besten aller Hausfrauen, seine Vettern, angedeihen ließen, sah Herr Carruthers bald wieder ganz frisch aus und erklärte sich schon nach zehn Tagen für gesund. Er ward aber auch ausgezeichnet versorgt. Die Brüder fütterten ihn förmlich und bestanden darauf, daß er in gewissen Zwischenpausen »Beeftea« nehme und zur Beschleunigung seiner Kur möglichst viel von dem alten 47er Portwein trinke, für den ihres Vaters Keller berühmt gewesen war. Genau wie die Talberts in ihrem Haushalt waren, sparten sie doch an dem Gast ihres Hauses nichts.

In weniger als einer Woche kannte Frank seine Vettern durch und durch, ja er hatte sogar die Lust überwunden, die ihn anfangs öfters überkommen hatte, an einen einsamen Ort zu fliehen und sich vor Lachen auszuschütten, wenn er diese großen Männer bei einer Beschäftigung sah, die man sonst ausschließlich dem weiblichen Geschlecht zu überlassen pflegt, oder wenn er ihre Beratungen über Fleisch- und Brotpreise mitanhörte. Wie Herr Mordle hatte auch er Humor und die eigentümlichen Charaktere seiner Vettern flößten ihm Interesse ein. Selbst wenn ihm ihre Eigenheiten lästig gewesen wären, hätte ihn ihre Güte gegen ihn wieder ausgesöhnt. Er nahm sie, wie sie waren, und gewann die Brüder immer lieber, je besser er sie kennen lernte.

Anders war es mit Beatrice. Er hatte sie mit noch mehr Aufmerksamkeit beobachtet, aber das Ergebnis war nicht zufriedenstellend. Auf den ersten Blick war er von ihrer Schönheit betroffen gewesen, aber kein Tag verging, an dem er nicht neue Reize an ihr entdeckt hätte – es gibt Verhältnisse, unter welchen derartige Entdeckungen nie ein Ende nehmen. Frank Carruthers Beobachtungen über Fräulein Clausons Aeußeres wären dieser jungen Dame gewiß sehr angenehm gewesen, wenn sie nur mit dem Ergebnis derselben bekannt gewesen, oder sich auch nur nagelgroß darum bekümmert hätte, ob sie vor den Augen des Gelehrten Gnade finde oder nicht. Ueber ihr inneres Wesen aber war Carruthers vollständig im Dunklen, und Beatrice ahnte nicht, wenn sie ihn von ihrem Fenster aus im Grase liegen sah, daß ihr eigenes leibliches Selbst der Gegenstand seines Nachdenkens war, und daß er nicht über einen neuen Aufsatz für die »Saturday Review« nachsann, während er die dünnen blauen Rauchwölkchen seiner Cigarette unter dem über das Gesicht herabgezogenen Strohhut hervorblies.

Wirklich konnte Frank stundenlang im Grase liegen, seine Cigarre rauchen und über das Rätsel grübeln, das für ihn in Beatrices unerklärlicher Apathie lag. Mochten die Talberts die sogenannte vornehme Ruhe ihrer Nichte bewundern, soviel sie wollten – Frank war überzeugt, daß es nicht Ruhe, sondern eine bei einem Mädchen in ihrem Alter und in ihren Verhältnissen ganz unverständliche Gleichgültigkeit gegen die Außenwelt war.

Sie waren in der letzten Woche viel zusammen gewesen; Frank war für große Spaziergänge nicht eingenommen, noch hatte er Lust, von einem Ende der Grafschaft an das andere zu laufen, um einen Felsen oder einen Wasserfall zu bewundern. Sein Begriff von Ferien und Erholung ließ sich in dem Wort »bummeln« zusammenfassen.

»Ein wirklich guter Bummler ist eine große Seltenheit,« teilte er Fräulein Clauson mit. »Richtig bummeln können, ist eine Kunst, die man nicht erlernen kann. Ich habe schon viele unechte Kopien begegnet, aber die unverfälschten Originale sind seltener zu finden. Zeigen Sie mir den Mann, der einen Tag auf diese Weise verbringen kann, und Sie zeigen mir einen, der der Glückseligkeit sehr nahe kommt.«

»Auf diese Weise« hieß, wie oben beschrieben, auf dem Rücken liegend.

»Aber Sie thun ja doch auch etwas – Sie rauchen,« sagte Beatrice.

»Ja, um des Anstandes willen. In unserer an schwere Arbeit gewöhnten Zeit darf ein Mann nicht vollständig müßig gehen.«

Natürlich hätte sie über diesen schwachen Scherz lachen sollen; sie that es aber nicht. Sie blickte von ihrem Stuhl aus auf ihn herab und die grauen Augen waren unbequem ernst. Bei strahlendem Augustwetter, bei wolkenlosem, leuchtendblauem Himmel, wenn alle Bäume, mit Ausnahme der verschwenderischen Kastanien, noch in voller Pracht stehen, wenn die Rosen immer neue Knospen treiben, die an Stelle der schon verwelkten Gefährten erblühen, hat eine junge Dame von Beatrices Schönheit und Reichtum kein Recht, ernsthaft auf einen Mann an ihrer Seite zu blicken.

Und doch blickte und sprach sie ernsthaft.

»Sie thun sich selbst unrecht, Herr Carruthers, wenn Sie solchen Unsinn sprechen.«

Er stützte sich auf seinen Ellbogen.

»Ich spreche keinen Unsinn. Ich spreche von meiner Ansicht über den Genuß von Ferien. Wenn ich arbeite, ist es eine andere Sache; dann thue ich es, wie ich glaube, nach besten Kräften. Faulenze ich aber einmal, so thue ich es auch nach besten Kräften.«

»Ihr Begriff von menschlichem Glück ist sehr bescheiden.«

»Wirklich? Dann lassen Sie mich den Ihrigen hören.«

Beatrice blieb stumm. Sie wandte sogar den Kopf beiseite.

»Nun, ich warte auf Ihre Definition.«

Es lag keine Spur von Leichtfertigkeit in Franks Stimme, als er sprach. Er war so ernst, wie sie selbst.

»Ich habe keine zu geben,« sagte Beatrice.

»Was, keine! In Ihrem Alter! Sind Ihre Träume alle entschwunden? Junge Damen träumen doch immer! Sie träumen von unerhörten Erfolgen in der Gesellschaft, von der Heirat mit einem reichen oder, wenn sie romantisch sind, mit einem armen Mann. Sie träumen von einem gottseligen Leben oder einer Sendung, die sie zu erfüllen haben. Von was träumen Sie denn?«

»Ich träume von nichts,« sagte sie kalt.

»Sie müssen träumen. Sie schlafen jetzt und alle Schläfer träumen. Nur vergessen die Menschen in der geschäftigen, immer wachen Welt ihre Träume. Sie arbeiten weiter und weiter und für etliche unter ihnen kommt der Tag, an dem sich einer ihrer alten Träume verwirklicht. Ach! Dann haben sie meistens vergessen, daß sie ihn je geträumt haben, oder finden, daß er sich zu spät verwirklicht hat.«

Beatrice saß stumm, mit niedergeschlagenen Augen da.

»Vielleicht habe ich nur nicht Ihren wahren Traum erraten,« fuhr Carruthers fort. »Sie sind eine so gelehrte junge Dame – vielleicht träumen Sie von der Berühmtheit, die Sie sich als Gelehrte oder Schriftstellerin erwerben möchten.«

»Ich träume von nichts,« wiederholte sie. Er sah ihr fest ins Gesicht.

»Können Sie auch sagen, Sie haben nie geträumt?«

Sie antwortete nicht. Er blickte sie an und dachte, sie sehe aus, als ob sie sogar in diesem Augenblick weit fort im Reich der Träume weile und als ob sie mit der Versicherung, daß sie nie geträumt habe, das – er wußte nicht gleich, das wievielte – Gebot bräche, das über das Lügen; oder gibt es am Ende gar kein Gebot gegen die Unwahrheit außer jenem indirekten, das nur vom »falschen Zeugnis« spricht?

»Nicht einmal von Rang, Reichtum, Ruhm und Macht?« sagte er in leichterem Ton; »Sie sind ein Rätsel, Fräulein Clauson.«

Sie brach das Gespräch ab und ging in Franks Begleitung ins Dorf.

Soviel auch der hochgelehrte und kluge Frank Carruthers, Oxfords berühmtester »Einpauker«, über das Wesen Beatrices grübelte und sann – er konnte das charakteristische Wort für sie, das er suchte, nicht finden.

Daß sehr viel Traurigkeit in ihrem Wesen lag, konnte von dem Zerwürfnis mit ihrem Vater herrühren; er war schlau genug, aus dem Umstand, daß das junge Mädchen schon acht Monate lang zu Besuch in Hazlewood House war, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Aber die Traurigkeit war es nicht allein, er hatte auch mit der Apathie zu rechnen; es war doch unerhört, daß ein so geistvolles Mädchen gar keinen Wunsch, gar keinen Ehrgeiz im Leben haben sollte. Vom ersten Augenblick an, hatte er ihren Charakter gleich so hoch gestellt wie ihre Schönheit und hatte bei näherer Bekanntschaft seine erste Ansicht nur bestätigen können.

Nach langem, langem Nachdenken gelangte Carruthers endlich zu der Ueberzeugung, daß diese Erscheinungen krankhaft seien. Beatrice war schwermütig. Nun besteht bekanntlich das beste Mittel gegen Trübsinn darin, Interesse für die Mitmenschen zu erwecken – unter Umständen ist auch das Interesse für einen Einzelnen hinreichend.

Nachdem Herr Dr. Carruthers seine Diagnose gestellt hatte, beschloß er auch, eine Kur zu versuchen, was überaus gütig von ihm war. Eine gute That trägt manchmal den Lohn schon in sich. In dem Umstand, daß Beatrice in Gegenwart ihres kleinen Jungen viel lebhafter und teilnehmender war, schien sich Carruthers Auffassung von ihrem Zustand nur zu bestätigen.

Das innige Interesse, das sie an dem Kinde nahm, ließ sie zu solchen Zeiten all die Eigenschaften entfalten, die alle recht denkenden und fühlenden unverheirateten Männer bei Frauen so sehr bewundern – Liebe, Güte und Nachsicht für Kinder. Ledige Männer, falls sie gut und poetisch sind – was eigentlich gleichbedeutend miteinander ist – sind geneigt, eine Frau nie reizender zu finden, als wenn sie ein Kind, oder auch mehrere, bei sich hat. Allerdings soll es ab und zu vorkommen, daß der eine oder andere nach seiner Verheiratung wünscht, die Vereinigung möchte nicht so anhaltend sein.

Obgleich sich Herr Carruthers dahin entschieden hatte, daß Beatrice schwermütig sei, so mußte er doch auch noch in Betracht ziehen, daß diese Krankheit bei einer Gemütsbeschaffenheit auftrat, die ihr zu allerletzt hätte unterliegen dürfen.

Aber woher kam diese Schwermut Beatrices unter Verhältnissen, die allem Anschein nach so glücklich wie möglich waren? So unangenehm ihm dies auch schon damals sein mochte, Frank konnte sich der Thatsache nicht verschließen, daß junge Damen, die sich als Opfer einer unglücklichen Liebe fühlen, ab und zu schwermütig werden und ihren Angehörigen begreiflich zu machen suchen, daß für sie das Leben zu Ende sei.

Er richtete deshalb, um in dem schwierigen Fall klarer zu sehen, eines Abends nach dem Essen einige harmlose gelegentliche Fragen über Beatrice an die beiden Brüder, warum sie nicht verheiratet sei, oder doch wenigstens verlobt.

Die Talberts gaben ihre alte Antwort, daß es allerdings Zeit sei, falls Beatrice nicht ihnen nachschlage und unverheiratet bleiben wolle. Frank zog dies in Zweifel und ließ gleichgültig die Bemerkung fallen, sie könne ja auch eine unglückliche Liebe haben.

»Mein lieber Frank,« entgegnete Horace, »das würde sich Fräulein Clauson nie gestatten.«

»Gewiß nicht,« stimmte Herbert zu.

»Was nicht erlauben? Sich zu verlieben?«

»Eine unglückliche Liebe zu haben. Sie ist viel zu – zu wohlerzogen, als daß so etwas vorkommen könnte. Wenn sie eine Wahl trifft, so fällt sie auch so aus, daß wir alle unsere Zustimmung geben können.«

»Das ist höchst befriedigend,« sagte Frank; »es geht ja heutzutage gar nichts über ein wohlgeordnetes junges Frauenzimmer.« Sie hatten sich schon an seine Art gewöhnt, fühlten sich aber doch unangenehm berührt, als er Beatrice ein »junges Frauenzimmer« nannte. »Also hat sie noch nicht gewählt?« fragte Frank.

»Soviel uns und, wie ich glaube, auch Sir Maingay bekannt ist, noch nicht.«

Carruthers fragte nicht weiter; bis in die sinkende Nacht hinein ging er mit Fräulein Clauson im Garten spazieren – er begann, sie in die Kur zu nehmen; da er sich davon überzeugt hatte, daß sie sich noch nicht in der Behandlung eines anderen Arztes befand, konnte er dies thun, ohne mit der professionellen Etikette in Widerspruch zu geraten.

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