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Eine Familiengeschichte. Erster Band

Hugh Conway: Eine Familiengeschichte. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHugh Conway
titleEine Familiengeschichte. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorNatalie Rümelin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181223
projectid805f27fd
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Neuntes Kapitel.
Neue Vermutungen

Herr Mordle reiste in der nächsten Woche ab; er nahm seinen Kummer mit, hatte aber den festen Vorsatz, ihn auf dem Gipfel des Montblanc oder des Matterhornes zurückzulassen, ihn in den Lago Maggiore oder in den Comer-See zu versenken, oder ihn vielleicht schon von den Fluten des Rheines fortspülen zu lassen. Er machte sich mit so viel Heiterkeit, als er aufbringen konnte, klar, daß er zwar gefährlich verwundet, aber nicht getötet worden sei.

Ehe er abreiste, erfüllte er noch eine Pflicht, die ihm sein Ehrgefühl auferlegte; er besuchte die Talberts und teilte ihnen mit, was zwischen ihm und Beatrice vorgefallen war. Sie waren damit beschäftigt, ein Viertelfaß Sherry abzufüllen. Sie fanden nämlich, daß sie, Gott weiß wieviel sparten, wenn sie den Wein im Faß kauften. Nun ist das Weinverfüllen eine hübsche, würdige und obendrein angenehme Beschäftigung, bei der sich selbst ein Herzog ohne zu erröten, sehen lassen kann. Manche Leute würden gerne zehn Stunden des Tages Wein verfüllen, wenn sie nur welchen hätten. Deshalb ließen die Brüder, als sie hörten, Herr Mordle wolle sie sprechen, denselben einfach bitten, zu ihnen in den Keller herunter zu kommen.

Er ging also zu ihnen in den Keller, der an einem so schwülen Tage gar kein übler Aufenthaltsort war. Er fand Horace in einer Stellung, die eines Bacchus würdig gewesen wäre; er saß auf einem niederen Stuhl, streckte seine langen Beine zur Rechten und Linken des Fasses aus und füllte die goldene Flüssigkeit in die Flaschen, während Herbert neben ihm stand und die Pfropfen, nachdem er sie in ein kleines, mit Wein gefülltes Becken getaucht und mit einer Korkpresse behandelt hatte, mittels eines spatenförmigen kleinen Schlegels in ihre Ruhestätte hineintrieb. Für jede Flasche, die gefüllt, verkorkt und beiseite gesetzt war, machte Herbert einen Kreidestrich auf ein Brett; je vier solcher Striche durchkreuzte er mit einem anderen, so daß die Gesamtzahl leicht berechnet werden konnte! Die ganze Sache wurde wundervoll methodisch und geschäftsmäßig besorgt und machte den Brüdern alle Ehre.

Mit der ihnen angeborenen Höflichkeit stellten sie, sobald Mordle in Sicht kam, ihre Beschäftigung ein. Horace drehte den Hahn zu und erhob sich mit der halb vollen Flasche, Herbert ließ einen nur zur Hälfte eingetriebenen Kork im Stich. Sie begrüßten ihren Gast und entschuldigten sich, daß sie ihn in die unteren Regionen des Hauses herabbemüht hätten. Obgleich sie beide grobe weiße Schürzen vorgebunden hatten, sahen sie doch wie zwei feine, vornehme Herren aus.

»Ich glaube,« begann der Vikar erregt, »Sie wissen, daß ich übermorgen abreise?«

»Ja, wir wünschen Ihnen eine recht angenehme Reise.«

»Danke. Bin sicher, vergnügt zu sein. Ich muß Ihnen etwas sagen, ehe ich gehe.« Sie baten ihn zu reden; sie dachten, eine kleine Gemeindeangelegenheit beschwere sein Gemüt.

»Wollen Sie nicht die Güte haben, Ihre Schürzen einen Augenblick abzulegen? Meine Mitteilung scheint mir nicht recht zu denselben zu passen.«

Herr Mordle war eine bevorzugte Persönlichkeit. Er konnte manches sagen und thun, was sich kein anderer herausnehmen durfte. Außerdem zeigte auch sein ganzes Wesen, daß er ihnen etwas von Bedeutung mitzuteilen hatte.

Ohne ein Wort zu sagen, banden sie ihre Schürzen ab und falteten sie sorgfältig zusammen, ehe sie dieselben quer über das Sherryfaß legten.

»Sollen wir nicht hinaufgehen?« fragte Horace.

»O nein, danke, das genügt vollständig.«

»Vorige Woche habe ich um Fräulein Clausons Hand angehalten; sie lehnte ab. Dachte, Sie müßten es wissen.«

Horace sah Herbert, Herbert Horace an. Sie streichelten eine Weile nachdenklich ihre Bärte. Keiner sprach.

»So, das ist alles!« sagte Mordle.

»Ich glaube, Mordle,« sagte Horace traurig, »Sie hätten zuerst mit uns reden sollen.«

»Ganz meine Meinung,« sagte Herbert.

»Kann ich nicht finden. Fräulein Clauson ist volljährig. Ist übrigens einerlei, sage es Ihnen jetzt.«

Die Brüder schüttelten sehr ernsthaft ihre Köpfe.

»Ich teile es Ihnen mit,« sagte Sylvanus, »weil ich abreise, um mich zu kurieren. Wenn ich zurückkomme, möchte ich Sie wie früher besuchen. Sie haben nichts zu fürchten.«

»Fräulein Clauson muß dies entscheiden,« sagte Horace.

»Gewiß,« bestätigte Herbert.

So begab sich Herr Mordle wenigstens mit gutem Gewissen, wenn auch mit schwerem Herzen auf seine sauer verdiente Vergnügungsreise.

Die Brüder kehrten zu ihrer angenehmen Beschäftigung zurück und hatten gewiß drei Dutzend Flaschen abgefüllt und zugekorkt, ehe Horace das Wort ergriff: »Es ist Zeit, daß Beatrice sich verheiratet.«

»Gewiß,« entgegnete sein Bruder, »aber sie hat wenig Lust dazu, sie schlägt uns nach, glaube ich.«

Dies war stets ein sehr angenehmer Gedanke für die Brüder, besonders seit Beatrices Schönheit in ganz Westshire bekannt geworden war.

In der That wäre es an der Zeit gewesen, daß ein annehmbarer Bewerber aufgetreten wäre, denn es war die Gefahr vorhanden, daß das junge Mädchen im Verlauf einiger Jahre ganz das altjüngferliche Wesen ihrer Onkel annehmen werde, die sich immer mehr und mehr zu Hause festsetzten und an allen Einzelheiten ihres Hauswesens wachsende Freude gewannen. Mit Ausnahme von einem alljährlichen kurzen Aufenthalte in London, saßen sie in Hazlewood House fest, seit sie es übernommen hatten. Sie gingen in diesem Jahre in der letzten Woche des Mai nach London und wollten den ganzen Juni dort zubringen. Fräulein Clauson begleitete sie jedoch nicht dorthin; sie hatte erklärt, daß sie London verabscheue und Oakbury und seine Umgebung liebe.

So blieb sie also in Oakbury; es war dies gewiß eine sehr merkwürdige Wahl von einer jungen Dame, die, wenn sie nur wollte, während der ganzen Saison die Zerstreuungen und Freuden der sogenannten »höchsten Kreise der Gesellschaft« hätte teilen können.

Mit ihrer Entscheidung befreite sie die Talberts von einer Sorge. Für die beiden Junggesellen wäre es eine Last und eine Verantwortung gewesen, ihre schöne Nichte in London bei sich zu haben. Da sie ihr Verhalten ihrer Stiefmutter gegenüber billigten, konnten sie ihr nicht raten, in ihres Vaters Hause zu verweilen; da dieser aber in London lebte, konnten die Brüder sie auch nicht einer befreundeten Familie, deren sie manche hatten, anvertrauen, ohne daß der Familienzwist an die Oeffentlichkeit gekommen wäre. Dies wäre der Ansicht der Talberts nach entsetzlich gewesen, und aus diesem Grunde erklärten sie auch jetzt noch ihre Nichte für ihren Gast, was ziemlich kostspielig für sie war. Hätten sie dies nicht gethan, so hätte Horace die Gelegenheit gehabt, bei der großen Abrechnung zu zeigen, daß er ebensogut mit drei wie mit zwei dividieren konnte.

So blieb also Beatrice, die ihren Onkeln dadurch aus einer Verlegenheit half, in Hazlewood House und hielt fünf Wochen lang Whittaker und die anderen Dienstboten nach Kräften in Ordnung.

Nach ihrer Rückkehr von London richteten sich die Talberts für den Rest des Jahres fest in Hazlewood House ein. Herbst oder Winter machten für sie keinen Unterschied. Sie waren, wie man leicht glauben wird, keine begeisterten Jäger. Manchmal nahmen sie für einen oder zwei Tage die Einladung zu einer Jagd an, aber diese Annahme wurde mehr von den Eigenschaften des Gastgebers, als von der Beschaffenheit seiner Jagd abhängig gemacht. Obgleich sie gut schossen, wenn sie einmal schossen – wie sie ja die meisten Sachen gut machten, mit denen sie sich befaßten – so kann man doch mit Bestimmtheit annehmen, daß ihre Kenntnisse in der Behandlung des Wildes wertvoller waren, wenn dieses schon in der Speisekammer hing, als wenn es noch frei herum lief oder flog. Sie konnten viel besser sagen, wie ein Hase beträufelt, als wie er geschossen werden mußte. So kam es, daß sie nach ihrer Rückkehr von London annahmen, sie würden bis zum nächsten Frühjahre ihr gewohntes Leben in Hazlewood House ungestört weiterführen.

Beatrice war nun gerade dreiundzwanzig Jahre alt. Es war Zeit, daß der richtige Bewerber kam. Die Talberts, die leicht auch im Heiratstiften ihr weibliches Talent entfalten konnten, berieten über jeden heiratsfähigen Mann in der Nachbarschaft. Plötzlich förderte das Geschick einen Bewerber zu Tage, den es bis dahin im Dunklen gehalten hatte – ob er aber annehmbar war oder nicht, mußte die Zukunft zeigen.

Beatrice trat eines Morgens in das Bibliothekzimmer und fand ihre Onkel in feierlicher Beratung. Sie fürchtete schon, daß der rote Johannisbeersaft, der kürzlich nach einem eigenen Rezepte und unter eigener Oberaufsicht der Talberts bereitet worden war, schimmelig geworden sei. Sie machte sich zwar selbst nichts aus rotem Johannisbeersaft, aber sie fürchtete den Kummer, den dies Mißgeschick den guten Herzen ihrer Onkel bereitet hätte. Die Sache war indessen nicht so schlimm, wie sie fürchtete. Onkel Horace reichte ihr einen offenen Brief: »Lies dies, meine Liebe, und sage, was wir darauf antworten sollen.«

Sie las wie folgt:

 

»Lieber Herr Talbert! Sie und Ihr Bruder haben mich mehrmals zu sich eingeladen. Kann ich in den nächsten Ferien eine oder zwei Wochen bei Ihnen zubringen? Ich bin von angestrengter Arbeit etwas angegriffen, und mein Arzt rät mir, einige Zeit still auf dem Lande zu verleben. Ich erinnerte mich Ihrer gütigen Einladung, und wenn ich Ihnen nicht ungelegen komme, werde ich von Oxford direkt nach Hazlewood House reisen. Obgleich ziemlich überarbeitet, bin ich doch nicht krank, sonst würde ich mir nicht erlauben, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen. Ganz der Ihre,

Frank Carruthers.«

 

»Wer ist Frank Carruthers?« fragte Beatrice. »Ist er mit uns verwandt?«

»Seine Mutter war unseres Vaters Stiefschwester.«

»Wie ist er dann mit mir verwandt?«

Herbert streichelte seinen Bart und berechnete das schwierige Verhältnis.

»Er muß dein Stiefvetter im dritten Gliede sein,« sagte er endlich.

»Ganz recht,« bestätigte Horace.

Als dies festgestellt war, erkundigte sich Fräulein Clauson des Näheren nach Frank Carruthers. Horace vertiefte sich so sehr in die Familiengeschichte, daß wir besser daran thun, der Sache allein auf den Grund zu gehen. Bei solchen Gelegenheiten wurde Horace leicht langweilig.

Frau Carruthers war die Stiefschwester des alten Talbert und hatte sich schon, ehe dieser reich geworden war, mit Herrn Carruthers, dem mäßig besoldeten Verwalter eines Eisenwerkes im Norden von England verheiratet. Später hätte ihr Bruder wohl eine vorteilhaftere Verbindung für sie angestrebt.

Im Laufe der Jahre schlief der Briefwechsel zwischen Talbert und seiner Schwester so ein, daß sie ihm nur noch die Geburt oder den Tod ihrer Kinder anzeigte, worauf er dann, je nachdem, mit einem Glückwunsch oder einer Beileidsbezeugung antwortete.

Von all ihren Kindern blieb nur Frank am Leben, der ein kräftiger Junge von siebzehn Jahren war, als sein Vater starb.

Herr Carruthers hinterließ seiner Witwe eine Leibrente und einige hundert Pfund bar. Sie kam gut aus und verwandte ihr Einkommen größtenteils für die Ausbildung ihres Sohnes, den sie nach Oxford sandte. Drei oder vier Semester lebte Frank dort sehr leichtsinnig und geriet in Schulden und Verlegenheiten, und dies so sehr, daß seine Mutter zum ersten und einzigen Male Herrn Talbert um Hilfe bitten mußte, die er aufs bereitwilligste gewährte.

Plötzlich starb Frau Carruthers. Sie hatte von ihrer Leibrente genug erspart, um die Prämien für eine Lebensversicherung bezahlen zu können, so daß sich Frank, der gerade einundzwanzig Jahre alt war, im Besitze einer Summe von siebenhundert Pfund sah, die er ihrer Vorsorge und Liebe verdankte. Mag er auch sonst viele Fehler gehabt haben – jedenfalls hing er mit leidenschaftlicher Liebe an seiner Mutter. Durch ihren Tod wurde er ein anderer Mensch. Zuallererst zahlte er Herrn Talbert das Anlehen zurück und dann arbeitete er wie ein Pferd, so daß er binnen kurzem der bedeutendste unter seinen Studiengenossen war und ihm auch bald die Stelle eines Kollegiaten Englisch Fellow. Fellowships sind Pensionen für Graduierte – im Gegensatz zu Scholarships = Stipendien für Studierende. Der Inhaber eines Fellowships behält dies dauernd und verliert es nur, wenn er aus der Englischen Kirche tritt, eine Stelle als Geistlicher annimmt, oder früher (dies fällt jetzt fort) auch, wenn er sich verheiratete. Anm. d. Uebers. zu teil wurde.

Das war ein großes Glück für ihn, denn nachdem er seine Schuld bei Herrn Talbert abgetragen hatte, blieb ihm gerade genug übrig, um seine Studien in Oxford beendigen zu können.

Er ließ sich dort als »Einpauker« ( coach) nieder, um Privatschüler auf das Examen vorzubereiten und dadurch seine Einnahme zu vermehren. In den ersten Jahren hatte er trotz seiner Tüchtigkeit wenig zu thun, weil mehr »Einpauker« als nötig vorhanden waren; später bekam er aber so viel und mehr Schüler, als er nur annehmen konnte – daher die Ueberarbeitung.

Dies alles berichtete Onkel Horace seiner Nichte; nur die leichtsinnigen Streiche erwähnte er nicht, die mußte man jetzt, wo Frank ein gemachter Mann war und sich die Hörner abgelaufen hatte, zu vergessen suchen. Beatrice hatte von diesem weitläufigen Verwandten bisher nichts gewußt. Solange ihre Mutter lebte, hatte diese einen spärlichen Briefwechsel mit Frau Carruthers unterhalten, der aber von Sir Maingay nicht fortgesetzt wurde.

Die Talberts, die viel zu stolz waren, um einen aus ihrer Familie zu verleugnen, hatten den jungen Mann öfters getroffen und mochten ihn gerne leiden. Sie hatten ihn nach Oakbury eingeladen, und nun sagte er sich selbst an, nachdem er ihre Aufforderung zwei- oder dreimal abgelehnt hatte.

»Ist er Geistlicher?« fragte Beatrice.

»Nein,« antwortete Herbert, »seine Stellung erfordert dies nicht.«

»So müßten alle derartigen Stellen beschaffen sein,« sagte Beatrice. »Man sollte die Leute nicht zwingen oder durch Geld bestimmen, Geistlicher zu werden. Außerdem müßte man den Kollegiaten auch das Gehalt nicht entziehen, wenn sie heiraten; gerade wenn einer das Geld am nötigsten hat, wird es ihm entzogen, so daß er seine Frau oder sein Einkommen aufgeben muß.«

Sie sprach mit so philosophischer Ruhe vom Heiraten, als ob dies für sie gar nie in Betracht kommen könnte.

»Meine Liebe,« sagte Onkel Horace galant, »ich glaube nicht, daß ein Mann großen Wert auf zweihundert Pfund jährlich legen würde, wenn es sich um dich handelte.«

Sie lächelte ein wenig über die Schmeichelei.

»Die Einrichtung ist sicherlich schlecht,« fuhr sie fort, »sie kann Unglück aller Art herbeiführen; ein Mann kann eine Heirat ganz geheim halten oder gar nicht heiraten. Alles mögliche Elend kann daraus entstehen.«

»Du kannst dich darauf verlassen, daß, was besteht, sicher auch gut ist,« sagte Horace.

»Ganz gewiß,« stimmte Herbert zu.

Immerhin scheint Fräulein Clauson ihrer Zeit vorausgewesen zu sein, denn seither ist das System ihrer Ansicht entsprechend geändert worden.

»Sollen wir ihm schreiben, er könne kommen? Belästigt dich seine Anwesenheit nicht?« fragte Horace höflich.

»Ladet ihn jedenfalls ein – was sollte es mir ausmachen?«

Das Getrappel kleiner Füße nahte sich hörbar und sie eilte in den Garten, wo sie mit dem Kinde herumtollte.

Horace schrieb einen Brief an Frank Carruthers, in dem er seine und seines Bruders Freude über den beabsichtigten Besuch in schöne Worte kleidete und bat, Frank möchte kommen, wann es ihm passe, und so lange bleiben, als ihm irgend möglich sei. Er händigte Herbert den Brief zur Durchsicht ein. Dieser las und hielt den Brief nachdenklich in der Hand. Merkwürdigerweise versank auch Horace in tiefes Sinnen und so saßen sie einander stumm gegenüber und streichelten ihre Bärte. Jeder wußte, daß die Gedanken des anderen dieselbe Richtung genommen hatten, wie seine eigenen. Endlich brach Horace das Schweigen.

»Herbert,« begann er, »du denkst an das, was Beatrice eben gesagt hat?«

»Ja.«

»Ich ebenfalls. Es war wie eine Erleuchtung, aber wir dürfen natürlich keine Vermutungen daran anknüpfen.«

»Nein,« antwortete Herbert, »aber die Thatsache bleibt doch bestehen, daß er vor vier Jahren noch nichts hatte, als das Gehalt, das ihm seine Kollegiatenstelle einbrachte.«

»So ist's, sonst gar nichts. Beatrice hatte recht; es mag wohl sein, daß sie den Nagel auf den Kopf getroffen hat.«

»Ich fürchte es. Doch dürfen wir nicht zu hastig sein. Sicher ist nur, daß derjenige, der uns das Kind schickte, gedacht hat, es habe ein Recht an uns.«

»Es wäre lächerlich, zu glauben, daß ein ganz Fremder auf den Einfall gekommen wäre.«

»Ganz recht,« sagte Herbert.

»Vielleicht ist er in tiefer Not gewesen und wußte sich nicht anders zu helfen. Es ist eine traurige Geschichte, laß uns sehen, ob wir sie zusammenbekommen.«

Und nun steckten sie wie ein paar alte Weiber ihre Köpfe zusammen und fügten Glied an Glied, so daß sie sich nach kurzer Zeit in den Glauben hineingeredet hatten, ihr Vetter habe sich vor vier Jahren verheiratet und dies verheimlicht, um sein Einkommen nicht zu verlieren – es war ihnen übrigens sehr unangenehm, einem Glied ihrer Familie eine unehrenhafte Handlung zuzutrauen –, die Frau sei dann gestorben, und als das Kind größer geworden und mit ihm auch die Gefahr der Entdeckung gewachsen sei, habe er es in seiner Not auf geheimnisvolle Weise nach Hazlewood House geschickt, in der Hoffnung, sie würden es behalten. Weil nun das Kind bei ihnen war, sagte er sich jetzt auch an, obgleich er frühere Einladungen abgelehnt hatte.

»Didcot ist die Zweigstation für Oxford,« fuhr Herbert nach einer kleinen Pause wieder fort.

»Abgesehen von allem anderen dürfen wir nicht außer acht lassen, daß sein Leben nicht immer war, wie es hätte sein sollen,« sagte Horace.

Das ist die schlimmste Folge von Verirrungen, daß auch der beste Lebenswandel die Leute nicht vergessen machen kann, daß man einmal vom rechten Weg abgewichen ist. Das Werk der Besserung selbst ist ein Kinderspiel im Vergleich zu der Aufgabe, seinen Angehörigen und Freunden den Glauben an eine Besserung beizubringen. Deshalb brachte Horaces letzte Bemerkung die Sache zum Abschluß.

Herbert bewegte den offenen Brief nachdenklich hin und her. »Sollen wir ihn doch absenden?« fragte er.

Und wieder begannen sie ihre Bärte zu streicheln, bis ihre natürliche Herzensgüte die Oberhand gewonnen hatte.

»Alles in allem,« antwortete Horace, »ist es doch bloß eine Vermutung.«

»Ganz recht.«

»Es ist deshalb am besten, daß er kommt. Dann haben wir auch Gelegenheit, ihn mit dem Knaben zusammen zu sehen – die väterlichen Gefühle werden sich verraten.«

»Man sagt, dieselben seien sehr stark.«

Da jedoch beide in diesem Punkt keine Erfahrungen gemacht hatten, wurden die Vermutungen in zweifelndem Ton ausgesprochen und blieben dahingestellt.

Der höfliche Brief ging also ab und nach Schluß des Semesters, gegen den 20. Juni, packte der junge Oxforder Lehrer seine sieben Sachen und reiste nach Oakbury ab.

Es ist kein Grund zu überflüssiger Geheimniskrämerei vorhanden, deshalb sei schon hier bemerkt, daß Frank Carruthers von der Existenz des Kindes, das nach der mühsam erworbenen Meinung seiner liebenswürdigen Onkel sein Eigentum sein sollte, ebensowenig wußte, wie von der Anwesenheit eines gewissen grauäugigen Mädchens, dessen Schönheit groß genug war, um auch seinen etwas verwöhnten Geschmack befriedigen zu können.

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