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Eine Erzählung aus den Ragged Mountains

Edgar Allan Poe: Eine Erzählung aus den Ragged Mountains - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorEdgar Allan Poe
titleEine Erzählung aus den Ragged Mountains
booktitleGeschichten von Schönheit, Liebe und Wiederkunft
publisherPropyläen-Verlag zu Berlin
seriesGesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen
volumeZweiter Band
editorTheodor Etzel
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130620
modified20160615
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Gegen Ende des Jahres 1827 während meines Aufenthaltes in der Nähe von Charlottesville in Virginia machte ich zufällig die Bekanntschaft eines Herrn August Bedloe. Dieser junge Mann war in jeder Hinsicht ein höchst seltsamer Mensch und erweckte in mir ein tiefes Interesse, eine unbeschreibliche Neugier. Er war mir nicht allein in psychischer, sondern auch in physischer Beziehung ein Rätsel. Über seine Abstammung konnte ich keine befriedigende Auskunft erhalten. Woher er kam, konnte ich nie mit Sicherheit feststellen. Und selbst was sein Alter anbetraf, so gab es – trotzdem ich ihn einen jungen Mann genannt habe – manches, was mich nicht wenig verwirrte. Gewiß, er schien jung zu sein – und er betonte gern seine Jugend –, dennoch gab es Augenblicke, da es mich wenig Mühe kostete, mir einzubilden, er sei an hundert Jahre alt. Aber nichts an ihm war so sonderbar wie seine persönliche Erscheinung. Er war auffallend hoch gewachsen und mager. Seine Haltung war gebückt. Seine Gliedmaßen waren außerordentlich lang und dünn; seine Stirn war breit und niedrig, seine Hautfarbe vollkommen blutlos. Sein Mund war groß und sehr beweglich, und seine Zähne waren kräftig, standen jedoch so unregelmäßig und in so großen Zwischenräumen, wie ich das noch bei keinem anderen Menschen bemerkt hatte. Sein Lächeln aber war keineswegs unangenehm, wie man vielleicht hätte annehmen können, doch blieb es sich immer gleich. Es war voll tiefster Melancholie, voll gleichmäßiger, immerwährender Trauer. Seine Augen waren ungewöhnlich groß und rund, wie die einer Katze; und wie bei einer Katze erweiterten oder verengten sich die Pupillen, je nach der Lichtstärke, die sie traf. In Augenblicken der Erregung trat in seine Augen ein fast unbegreiflicher Glanz, ein Leuchten und Strahlen ging von ihnen aus wie von einer selbständigen Lichtquelle, sie warfen nicht einen empfangenen Glanz zurück, sondern erstrahlten in eigenem, lebendigem Feuer, wie das Licht einer Kerze oder die Glut der Sonne. Gewöhnlich aber schienen seine Augen erloschen, verschleiert und trüb, man konnte sich einbilden, es seien die Augen eines schon lange in der Erde ruhenden Toten.

Diese Eigentümlichkeiten seiner persönlichen Erscheinung waren ihm selbst sehr unangenehm; er liebte es, sie zu erklären, zu entschuldigen, was mich zunächst recht peinlich berührte. Bald aber gewöhnte ich mich daran, und mein Unbehagen schwand. Er suchte – nicht gerade zu behaupten – doch anzudeuten, daß er physisch nicht immer so gewesen sei wie jetzt – daß vielmehr eine große Anzahl neuralgischer Anfälle ihn, einen früher sehr schönen Menschen, bis zu seinem jetzigen Zustand heruntergebracht habe.

Seit vielen Jahren schon wurde er von einem Arzt namens Templeton, einem alten Herrn von vielleicht siebzig Jahren, begleitet; Bedloe war ihm zuerst in Saratoga begegnet, wo ihm seine Behandlung sehr wohltuend gewesen oder wenigstens so erschienen war. So kam es, daß Bedloe, der wohlhabend war, mit Dr. Templeton ein Abkommen getroffen hatte, demzufolge dieser sich gegen ein bedeutendes Jahresgehalt bereit erklärte, seine Zeit und ärztliche Erfahrung ausschließlich in Bedloes Dienst zu stellen.

Dr. Templeton war in seinen jungen Jahren viel gereist und in Paris zum gläubigen Anhänger der Lehren Mesmers geworden. Lediglich mit Hilfe magnetischer Mittel war es ihm gelungen, die akuten Schmerzanfälle seines Patienten zu lindern, und dieser Erfolg hatte letzterem natürlich einiges Vertrauen zu den Anschauungen eingeflößt, denen man so wirksame Heilmittel verdankte. Der Doktor jedoch hatte sich gleich allen Enthusiasten heiß bemüht, aus seinem Schüler einen überzeugten Anhänger zu machen, und war schließlich seinem Ziel so weit nahe gekommen, daß der Leidende sich willig zahlreichen Experimenten unterwarf. Die häufige Wiederholung derselben hatte ein Resultat gezeitigt, das heutzutage allgemein gekannt und anerkannt ist und daher kaum noch Beachtung findet, von dem man aber damals in Amerika so gut wie gar nichts wußte. Ich will damit sagen, daß zwischen Doktor Templeton und Bedloe nach und nach ein ganz bestimmter und streng begrenzter Rapport erwachsen war, daß also zwischen ihnen eine magnetische Beziehung bestand. Ich will zwar nicht behaupten, daß dieser Rapport über das einfache Resultat, daß der Arzt den Patienten einzuschläfern vermochte, hinausging, aber diese Macht war immer stärker geworden. Der erste Versuch, einen magnetischen Schlaf herbeizuführen, war dem Mesmeristen fehlgeschlagen; beim fünften oder sechsten Versuch erzielte er nach großer Anstrengung einen teilweisen Erfolg. Erst beim zwölften Male war der Sieg vollkommen.

Von nun an unterlag der Wille des Patienten sehr schnell dem des Arztes, und damals, als ich die beiden kennenlernte, genügte der bloße Gedanke Templetons, um Bedloe, selbst wenn dieser von der Gegenwart des Arztes nichts wußte, sofort in Schlaf zu versetzen. Erst jetzt, im Jahre 1845, wo Tausende täglich ähnliche Wunder erleben, darf ich es wagen, diese scheinbare Unmöglichkeit als ernst zu nehmende Tatsache zu berichten.

Bedloes Temperament war im höchsten Grade empfindsam, reizbar, enthusiastisch. Seine Einbildungskraft war erstaunlich lebhaft und schöpferisch und wurde noch durch den gewohnheitsmäßigen Genuß von Morphium gesteigert, das er in großen Mengen genoß und nicht entbehren konnte. Es war seine Gewohnheit, jeden Morgen gleich nach dem Frühstück eine große Dosis zu sich zu nehmen – oder vielmehr gleich nach dem Genuß einer Tasse schwarzen Kaffees, denn am Vormittag aß er nichts – und dann allein, nur von seinem Hund begleitet, spazieren zu gehen; er machte große Wanderungen durch das wilde und düstere Hügelgelände, das sich im Westen und Süden von Charlottesville hinzieht und dem man den Namen »Ragged Mountains« verliehen hat.

An einem warmen nebligen Tage gegen Ende November, zu einer Jahreszeit also, die man in Amerika den »Indianischen Sommer« nennt, machte sich Herr Bedloe wie üblich auf den Weg nach den Hügeln. Der Tag verging, und noch immer kehrte er nicht zurück.

Gegen acht Uhr abends, als sein unerwartet langes Ausbleiben uns beunruhigte und wir uns auf die Suche machen wollten, erschien er plötzlich; sein Befinden war nicht schlechter als gewöhnlich, seine Stimmung seltsam aufgeregt. Der Bericht, den er von seiner Wanderung gab und von den Ereignissen, die sein Ausbleiben veranlaßten, war in der Tat höchst sonderbar.

»Sie werden sich erinnern,« sagte er, »daß es etwa neun Uhr morgens war, als ich Charlottesville verließ. Ich lenkte meine Schritte sogleich den Bergen zu und gelangte gegen zehn Uhr in eine Schlucht, die mir ganz unbekannt war. Ich folgte den Windungen des Engpasses mit großem Interesse. Die Szenerie, die sich rings bot, hatte, trotzdem sie nicht großartig genannt werden konnte, etwas ganz Eigenartiges und erfreute mich vor allem durch ihre vollständige Einsamkeit. Hier war geradezu jungfräulicher Boden. Ich konnte nicht umhin, mir einzubilden, daß der grüne Rasen, auf den ich trat, und die grauen Felsen, über die ich hinwanderte, noch von keinem menschlichen Fuß betreten worden seien. So vollkommen verborgen und tatsächlich nur durch allerlei wundersame Zufälle erreichbar ist der Eingang in dieses Tal, daß es durchaus nicht unmöglich ist, daß ich wirklich der erste war – der erste und einzige Abenteurer –, der je in diese Schlucht kam.

Der dichte sonderbare Nebelrauch, der für den Indianischen Sommer bezeichnend ist und der jetzt schwer auf allen Dingen lag, vertiefte den unbestimmten Eindruck, den diese Dinge auf mich machten. So dicht war dieser sanfte Nebel, daß ich den Weg vor mir stets nur eine kurze Strecke weit überblicken konnte. Der Pfad war vielfach gewunden, und da die Sonne nicht zu sehen war, wußte ich bald nicht mehr, in welcher Richtung ich mich vorwärts bewegte. Inzwischen wirkte das Morphium wie gewöhnlich: die Erscheinungen der äußeren Welt wurden für mich von tiefstem Interesse. Das Zittern eines Blattes – die Farbe eines Grashalms – die Form eines Kleeblattes – das Summen einer Biene – das Schimmern eines Tautropfens – das leise Wehen des Windes – die sanften Düfte vom Walde her – alles brachte mir eine Welt von Einbildungen, eine heitere, närrische Fülle unzusammenhängender krauser Gedanken.

So versunken ging ich stundenlang voran, und der Nebel um mich her wurde dichter und dichter, bis ich schließlich nur noch tastend vorwärts kam. Und nun ergriff mich eine unbeschreibliche Unruhe – ein nervöses Zittern und Verzagen – ich fürchtete, einen Fehltritt zu tun und in irgendeinen Abgrund zu stürzen. Auch erinnerte ich mich der seltsamen Geschichten, die über die Ragged Mountains in Umlauf sind, und der fremden wilden Menschenrasse, die in den Grotten und Höhlen dieser Berge hausen sollte. Tausend unbestimmte Einbildungen bedrückten und beunruhigten mich. Plötzlich drang lautes Trommelschlagen an mein Ohr.

Meine Bestürzung war natürlich grenzenlos. Trommelklang hier in den Bergen – das war etwas Unerhörtes! Die Posaunen des jüngsten Gerichts hätten mich nicht tiefer erschrecken können! Aber etwas Neues und noch Verwirrenderes folgte. Es näherte sich ein rasselndes, klirrendes Geräusch, wie der Klang eines großen Schlüsselbundes – und im selben Augenblick jagte ein dunkelhäutiger, halbnackter Mann mit einem Schrei an mir vorüber. Er kam mir so nahe, daß ich seinen heißen Atem im Gesicht spürte. In der einen Hand trug er einen Gegenstand, der aus vielen stählernen Reifen zu bestehen schien und den er im Laufen heftig schüttelte. Kaum war er im Nebel verschwunden, als mit offenem Rachen und flammenden Augen ein großes Untier hinter ihm herkeuchte. Ich irrte mich nicht, es war eine Hyäne.

Der Anblick dieser Bestie verminderte mein Entsetzen, statt es zu vermehren, denn jetzt war ich gewiß, daß ich träumte, und ich bemühte mich, zu klarem Bewußtsein zu erwachen. Ich schritt schnell und mutig voran. Ich rieb mir die Augen. Ich schrie laut hinaus. Ich kniff mich in den Arm. Ein kleiner Quell bot sich meinen Augen, und ich beugte mich nieder und kühlte mir Hände und Nacken und Antlitz. Dies schien das unbestimmte Angstgefühl, das mich bisher geplagt hatte, zu zerstreuen. Ich erhob mich, wie ich vermeinte, als ein neuer Mensch und setzte meinen unbekannten Weg ruhig und besonnen fort.

Endlich, als ich vom Wandern sehr ermüdet war und eine seltsame Dichtigkeit der Atmosphäre mir die Luft benahm, setzte ich mich unter einen Baum. Im selben Augenblick durchdrang ein Sonnenstrahl den Nebel, und der Schatten des Baumes zeichnete sich schwach, doch deutlich im Grase ab. Minutenlang starrte ich diesen Schatten verwundert an. Seine sonderbare Form verblüffte mich aufs höchste. Ich blickte zum Baum hinauf – es war eine Palme.

Jetzt erhob ich mich hastig und in furchtbarer Aufregung – denn die Annahme, daß ich träumte, war nun unhaltbar. Ich sah, ich fühlte, daß ich vollkommen bei Sinnen war – und meine Sinne waren es, die mir jetzt eine Welt neuer und absonderlicher Empfindungen brachten. Die Hitze wurde auf einmal unerträglich. Ein fremder Duft machte die Luft schwül und schwer. Ein leises ununterbrochenes Gemurmel, wie das Rauschen eines sanft daherströmenden Flusses, drang an mein Ohr, vermischt mit dem eigentümlichen Summen zahlloser Menschenstimmen.

Während ich in unbeschreiblichem Staunen lauschte, kam ein kräftiger Windstoß und zerteilte den lastenden Nebel wie auf ein Zauberwort.

Ich fand mich am Fuße eines hohen Berges, und vor mir lag eine weite Ebene, durch die sich ein majestätischer Strom wand. Am Ufer des Flusses lag eine morgenländische Stadt – eine Stadt, wie wir sie aus den arabischen Märchen kennen, doch von noch eigenartigerem Charakter. Von meinem Platze aus, der hoch über der Ebene und der Stadt lag, konnte ich alle Gassen und Winkel überschauen. Die Straßen schienen zahllos und kreuzten einander nach allen Richtungen, doch glichen sie mehr langen gewundenen Alleen als Straßen und waren schwarz von Menschen. Die Häuser waren ungemein malerisch. Überall bot sich den Blicken eine Fülle von Balkonen, Säulenhallen, Minaretts, Altären und phantastisch geschnitzten Erkern. In den zahlreichen Basaren lagen allerart kostbare Waren aus: Seide, Musseline, blitzende Dolche und Messer, wunderbare Juwelen und edle Steine. Außer diesen Dingen sah man auf allen Seiten Fahnen und Sänften, Tragsessel mit tief verschleierten Damen, prächtig aufgezäumte Elefanten, seltsam geformte Götzenbilder, Trommeln, Standarten und Gongs, Speere, silberne und vergoldete Keulen. Und inmitten der Menge und dem Lärm und dem ganzen verworrenen Getriebe, inmitten der Millionen schwarzer und gelber Menschen – Menschen in Turban und Prachtgewand und mit wehenden Bärten – brüllte die zahllose Horde geschmückter heiliger Stiere, während ungeheure Scharen der schmutzigen, doch geheiligten Affen schwatzend und kreischend auf den Gesimsen der Moscheen herumkletterten oder sich an den Minaretts und Hausbalkonen hinaufschwangen.

Aus den überfüllten Straßen führten viele Treppen hinab an die Ufer des Flusses, zu Badeplätzen; der Fluß selber aber schien sich nur mit Mühe zwischen den endlosen Reihen schwerbeladener Schiffe, die ihn weit und breit bedeckten, einen Weg zu bahnen. An den Grenzen der Stadt erhoben sich majestätische Gruppen von Kokospalmen und anderen riesenhaften uralten Bäumen; und hie und da gewahrte man ein Reisfeld, die Strohhütte eines Bauern, einen Teich, einen einsamen Tempel, ein Zigeunerlager oder ein anmutiges Mädchen, das mit einem Krug auf dem Kopf hinabschritt ans Ufer des herrlichen Stromes.

Natürlich werden Sie nun behaupten, ich hätte geträumt; aber dem war nicht so. Was ich sah, was ich hörte, was ich fühlte, was ich dachte – das hatte nichts von der Empfindungseigenheit des Traumes. Alles war klar und folgerecht. Ich zweifelte zunächst selbst an meinem Wachsein und stellte daher eine Anzahl Proben an, die mir bald bewiesen, daß ich tatsächlich wach war. Wenn man träumt und im Traum vermutet, daß man träumt, so wird diese Vermutung sich immer mehr verstärken, bis schließlich der Schläfer erwacht. Novalis hat also recht, wenn er sagt: »Wenn wir träumen, daß wir träumen, so sind wir kurz vor dem Erwachen.« Hätte ich die beschriebene Vision gehabt, ohne daß mir die Vermutung gekommen wäre, es sei nur ein Traum, so hätte es durchaus ein Traum sein können; da aber die Erscheinung von mir angezweifelt und auf die Probe gestellt worden war, ohne daß ich erwachte, so bin ich genötigt, sie anders zu klassifizieren.«

»Ich bin nicht sicher, ob Sie nicht in diesem Punkte unrecht haben,« bemerkte Dr. Templeton, »doch fahren Sie fort. Sie erhoben sich und gingen hinunter in die Stadt.«

»Ich erhob mich,« fuhr Bedloe fort und sah den Doktor verwundert an, »ich erhob mich, wie Sie sagen, und stieg in die Stadt hinunter. Unterwegs geriet ich in eine ungeheure Volksmenge, die von allen Seiten, aus allen Wegen herbeiströmte und sich in wildester Aufregung in ein und derselben Richtung vorwärts bewegte. Ganz plötzlich und durch einen unbegreiflichen Antrieb wurde ich für diesen Vorgang von tiefstem persönlichen Interesse erfüllt. Es war mir, als habe ich irgendeine bedeutende Rolle zu spielen, deren Tragweite ich jedoch nicht ermessen konnte. Gegen die mich umgebende Menge aber empfand ich einen tiefen Haß. Ich wich ihr aus und eilte auf einem Umweg hinunter – und hinein in die Stadt. Hier herrschte Kampf und wildester Aufruhr. Eine kleine Gruppe von Männern, teils in indischer, teils in europäischer Kleidung, die ein Herr in britischer Uniform befehligte, verteidigte sich gegen den anstürmenden Volkshaufen. Ich nahm einem gefallenen Offizier die Waffen ab, schloß mich der schwächeren Partei an und schlug wie ein Verzweifelter blindlings drauf los. Die Übermacht der Feinde zwang uns bald, in einer Art Kiosk Zuflucht zu suchen. Hier verbarrikadierten wir uns und waren für den Moment in Sicherheit. Durch ein Schlupfloch hinausspähend, gewahrte ich einen ungeheuren Volkshaufen, der in rasender Wut einen am Flußufer aufragenden glänzenden Palast umringte und zu stürmen versuchte. Plötzlich sah ich, wie sich aus einem oberen Fenster ein weibisch aussehender Mensch an einer Strickleiter herabgleiten ließ, die aus Turbanen seines Gefolges geknüpft worden war. Ein Boot lag bereit, das ihn sogleich an das gegenüberliegende Flußufer in Sicherheit brachte.

Und jetzt nahm ein neuer drängender Gedanke von meiner Seele Besitz. Ich richtete an meine Gefährten einige hastige, doch energische Worte und machte mit denen, die ich für meinen Vorschlag gewonnen hatte, einen kühnen Ausfall. Wir stürzten uns in die wogende Volksmasse. Man wich zunächst vor uns zurück. Bald aber stürmte die Menge wieder vorwärts, kämpfte wie toll und zog sich von neuem zurück.

Inzwischen hatte man uns vom Kiosk weit fortgedrängt, hinein in enge unbekannte Gassen, in deren finstere Tiefe die Sonne niemals einzudringen vermochte. Der Pöbel umringte uns, bewarf uns mit Speeren und überschüttete uns mit Pfeilen. Diese letzteren waren sehr eigentümlich und glichen in gewisser Hinsicht dem gewundenen Dolch der Malaien. Ihre Form ahmte die Gestalt der kriechenden Schlange nach, sie waren lang und schwarz, und ihre Spitze war vergiftet. Einer von ihnen traf mich an der rechten Schläfe. Ich taumelte und fiel. Entsetzliche Übelkeit erfaßte mich. Ich wälzte mich – ich rang nach Atem – ich starb.«

»Nun werden Sie kaum noch darauf bestehen wollen,« sagte ich lächelnd, »daß Ihr Abenteuer kein Traum gewesen sei. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Sie seien tot?«

Auf diese Worte hin erwartete ich natürlich irgendeinen lebhaften Einspruch von Bedloe zu vernehmen; zu meiner Verwunderung aber zögerte er, zitterte, erbleichte und blieb stumm. Ich sah auf Templeton. Er saß starr und aufrecht in seinem Stuhl – seine Zähne klapperten, und seine Augen drangen fast aus ihren Höhlen. »Weiter!« sagte er endlich mit heiserer Stimme zu Bedloe.

»Viele Minuten lang«, fuhr dieser fort, »war mein einziges Gefühl das der Dunkelheit und des Nichtseins bei dem Bewußtsein, daß ich tot sei. Auf einmal durchfuhr meine Seele eine plötzliche heftige Erschütterung, wie ein elektrischer Schlag. Gleichzeitig überkam mich ein Gefühl von Schwungkraft und Licht; letzteres sah ich nicht – ich fühlte es. Im selben Augenblick war es, als erhöbe ich mich vom Erdboden; aber ich hatte keine Körperlichkeit mehr, ich war nicht mehr sichtbar, hörbar und greifbar gegenwärtig.

Die Volksmenge hatte sich verlaufen. Der Tumult hatte aufgehört. In der Stadt herrschte Ruhe. Unter mir sah ich meinen Leichnam liegen; in der Schläfe steckte der Pfeil, der ganze Kopf war unförmig angeschwollen. Doch alle diese Dinge fühlte ich nur – ich sah sie nicht. Ich hatte an nichts mehr Interesse. Selbst meine Leiche war eine Sache, die mich nichts mehr anging. Willenskraft hatte ich nicht, jedoch den zwingenden Antrieb, mich vorwärtszubewegen. Ich schwebte zur Stadt hinaus und den gewundenen Pfad zurück, auf dem ich vorher herabgestiegen war. Als ich die Stelle der Bergschlucht erreichte, wo ich die Hyäne wahrgenommen hatte, empfand ich wieder einen Schlag wie von einer elektrischen Batterie; das Gefühl der Schwere, der Willenskraft, der Körperlichkeit kehrte zurück. Ich wurde wieder mein früheres Selbst und lenkte meine Schritte eilig heimwärts – doch das Geschehene blieb in meinem Gedächtnis mit aller Eindringlichkeit von wirklich Erlebtem haften – und auch jetzt kann ich mein Bewußtsein nicht einen Augenblick zwingen, das Ganze als einen Traum anzusehen.«

»Das war es auch nicht,« sagte Templeton mit feierlicher Miene; »dennoch würde es schwer sein, eine andere Bezeichnung dafür zu finden. Lassen Sie uns nur dies eine annehmen, daß die Seele des Menschen von heute an der Schwelle unerhörter psychischer Entdeckungen steht. Lassen Sie uns Genüge finden in dieser Annahme. Im übrigen kann ich einige Erklärungen geben. Hier ist eine Aquarellzeichnung, die ich Ihnen schon früher gezeigt haben sollte, doch hielt mich bisher ein unerklärliches Gefühl des Grauens davon ab.«

Wir blickten auf das Bild, das er uns zeigte. Ich sah daran nichts Bemerkenswertes; auf Bedloe aber schien es ganz seltsam zu wirken. Er blickte darauf – und schien einer Ohnmacht nahe. Dabei war es nichts weiter als ein Miniaturporträt – ein wundersam ähnliches allerdings – seiner eigenen auffallenden Gesichtszüge. Das wenigstens war mein Gedanke beim Anblick des Bildes.

»Beachten Sie bitte«, sagte Templeton, »das Datum des Bildes – es steht hier in dieser Ecke – kaum erkennbar – 1780. In diesem Jahre wurde das Bildnis angefertigt. Es ist das Abbild eines toten Freundes von mir – eines Herrn Oldeb – an den ich mich seinerzeit in Kalkutta während der Regierung Warren Hastings' sehr anschloß. Ich war damals erst zwanzig Jahre alt. Als ich Sie in Saratoga zum erstenmal sah, Herr Bedloe, war es die wundersame Ähnlichkeit zwischen Ihnen und dem Bildnis, die mich veranlaßte, Sie anzureden, Ihre Bekanntschaft zu suchen und danach zu trachten, daß Sie mich zu Ihrem beständigen Begleiter machten. Zu letzterem trieb mich teilweise – und vielleicht hauptsächlich – ein leidtragendes Gedenken an den Dahingegangenen, teilweise aber auch eine seltsame, unruhige Neugier in bezug auf Sie selbst.

In Ihrer Schilderung der Vision, die Sie inmitten der Berge hatten, haben Sie bis ins kleinste genau die indische Stadt Benares am Ufer des heiligen Stromes beschrieben. Der Aufruhr, die Kämpfe, das Blutbad waren tatsächliche Begebenheiten im Gefolge des Aufstandes unter Cheyte Sing, der sich 1780 ereignete und Hastings in Todesgefahr brachte. Der Mann, der sich an der Turban-Strickleiter herabließ und flüchtete, war Cheyte Sing selbst. Die Leute im Kiosk waren Sipahis und britische Offiziere unter Hastings' Anführung. Zu diesen zählte auch ich, und ich tat, was ich nur konnte, um den voreiligen und verhängnisvollen Ausfall des jungen Offiziers zu verhindern, der dann in den überfüllten Straßen durch den vergifteten Pfeil eines Bengalen getötet wurde. Dieser Offizier war mein liebster Freund. Es war Oldeb. Und nun sehen Sie hier (der Sprecher hielt ihm ein Notizbuch hin, in dem sich mehrere frischbeschriebene Seiten befanden) – an dieser Niederschrift können Sie ersehen, daß genau zur selben Zeit, als Sie in den Bergen alle jene Dinge zu erleben glaubten, ich hier zu Hause damit beschäftigt war, sie schriftlich festzuhalten.«

Etwa eine Woche nach diesem Gespräch erschien in einer Zeitung von Charlottesville folgende Notiz:

»Wir erfüllen die traurige Pflicht, von dem Ableben Herrn August Bedlos Kenntnis zu geben. Er war ein Mann, den sein tugendhafter Charakter und liebenswürdiges Wesen den Bürgern von Charlottesville lieb und teuer gemacht haben.

Herr Bedlo war vor einigen Jahren neuralgischen Anfällen unterworfen, die ihn oft dem Tode nahe brachten, doch kann dies nur als die mittelbare Ursache seines Ablebens angesehen werden. Die unmittelbare Veranlassung war äußerst seltsam. Bei einem vor einigen Tagen unternommenen Ausflug in die Ragged Mountains holte er sich eine leichte Erkältung, die von Fieber und Blutandrang zum Gehirn begleitet war. Zur Behebung des letzteren schritt Dr. Templeton zur Anwendung von lokalem Aderlaß. Man setzte dem Kranken Blutegel an die Schläfen. In erschreckend kurzer Zeit starb der Patient. Man stellte fest, daß in die Schüssel, die die Blutegel enthielt, versehentlich einer jener giftigen wurmartigen Blutsauger hineingeraten war, die hie und da in den benachbarten Weihern gefunden werden. Dieses Tier sog sich an einer Stelle der rechten Schläfe fest; seine große Ähnlichkeit mit dem offizinellen Blutegel war schuld, daß man den Mißgriff zu spät gewahrte.

N. B. – Der giftige Blutsauger von Charlottesville unterscheidet sich von dem offizinellen Blutegel durch seine auffallende Schwärze und vor allem durch seine schlangenartigen Bewegungen.«

Ich sprach mit dem Herausgeber der betreffenden Zeitung über den so seltsamen Fall und erkundigte mich auch, weshalb der Name des Verstorbenen ›Bedlo‹ geschrieben worden war.

»Ich vermute,« sagte ich, »daß Sie zu solcher Schreibweise die Berechtigung hatten, aber ich habe stets angenommen, der Name werde am Ende mit einem ›e‹ geschrieben.«

»Berechtigung? – Nein«, erwiderte er. »Es ist lediglich ein Druckfehler. Der Name ist Bedloe mit ›e‹ am Ende, und nie in meinem Leben habe ich ihn anders geschrieben gesehen.«

»Dann«, murmelte ich im Davongehen, »hat es sich gezeigt, daß eine Wahrheit seltsamer ist als irgendeine Erdichtung; denn Bedlo ohne das ›e‹ – was ist es anderes als ›Oldeb‹ umgekehrt? Und der Mann da sagt, es sei ein Druckfehler.«

 


 

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