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Eine Blaugras-Penelope

Bret Harte: Eine Blaugras-Penelope - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorFrancis Bret Harte
booktitleVon der Grenze<
titleEine Blaugras-Penelope
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesZweiter Jahrgang.
volumeBand 34.
year1886
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101228
projectid602459f7
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Fünftes Kapitel.

Die beiden Männer bewahrten, wie sie sich gegenseitig Versprochen hatten, das Geheimnis. Mr. Poindexter überzeugte Mrs. Tucker davon, daß der Verkauf von Los Cuervos unmöglich sei, bis der Lärm über die Flucht ihres Mannes sich etwas gelegt hätte, und sie war gezwungen, sich in ihr Schicksal zu ergeben. Der Verkauf ihrer Diamanten, welcher eine fast unbegreiflich hohe Summe einbrachte, gestattete ihr, die Pattersons wieder in den ruhigen Besitz und Betrieb der Tienda zu setzen und die Verpflichtungen ihres Mannes gegen die Rancheros, sowie einige andere kleine Leute einzulösen.

Inzwischen war die Regenzeit zu Ende gegangen. Es schien Mrs. Tucker, als hätten die Regenwolken gleichsam über Nacht ihre weißen Zelte abgebrochen und sich davongemacht. Die Sonne war Siegerin geblieben und behauptete sich hinfort unangefochten im alleinigen Besitz des blauen, glänzenden Himmelsgewölbes. Eines Nachmittags kam es Mrs. Tucker vor, als habe die traurige, monotone Ebene vor ihrem Fenster eine etwas heiterere Färbung angenommen, und schon eine Woche später sah sie sich von einer knospenden, in allen Farben strahlenden Blütenpracht umgeben. Strecken von flammenden Mohnblumen wechselten mit blauen Lupinen, zarten Maßliebchen, duftenden wilden Rosen und goldigem Löwenzahn, während die grünen Wellen des wilden Hafers bis zu dem die Berge krönenden Tannenwald hinaufliefen.

Zwei Monate lang sah sich Mrs. Tucker täglich neu überrascht und fast wie berauscht von dieser Farbenpracht. Sie hatte der üppig jungfräulichen Flora Kaliforniens niemals so unmittelbar von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und keine Ahnung von der strahlenden Herrlichkeit gehabt, welche sie verschwenderisch aus ihrem Füllhorn schüttet. Wie ein junger Gott schritt der Frühling über die kraftstrotzende Erde, Unter seinen Füßen erwachte überall pulsierendes Leben, und selbst die wenigen flachen Furchen, welche die Pflugschar rings um die äußere Umfassung des Corral zog, genügten, um ein wahres Dickicht gigantischer Getreidehalme so hoch emporschießen zu lassen, daß sie die niedrigen Mauern der Hacienda fast verbargen. Nur eines blieb bei alle diesem Sprießen, Blühen und Wachsen, in dieser schimmernden Flut von Farbe und Licht, bei aller überströmenden Jugend und Frische der Erde und allem strahlenden Glanze des Himmels ewig unveränderlich – die unfruchtbare Vergangenheit. Wie ein ausgegrabener grinsender Totenschädel auf dem grünen Rasen eines Friedhofes, so lag sie inmitten der jubelnden Auferstehung, inmitten der glorreichen Wiedergeburt der Natur leblos, unveränderlich und stumm.

Während dieser Zeit sprach Don José häufig in Los Cueruos vor, um sich nach dem Befinden der Herrin des Hauses zu erkundigen. In strenger Beobachtung aller Höflichkeitsformen, die von der stolzen Tochter des Blaugraslandes wohl bemerkt und nach Gebühr gewürdigt wurden, hatte er gleich bei den ersten Besuchen seine Nichte und seine Schwester mitgebracht. Mrs. Tucker hatte den Damen ihren Gegenbesuch abgestattet und bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft der Großmutter Don Josés gemacht, einer Dame, welche sogar die alte gebrechliche Concha noch als eine mutwillige Muchacha, einen Springinsfeld, ansah und sich selbst gleichsam mit dem phosphorescierendem Glanze der Verwitterung schmückte. Bei dieser Gelegenheit hatte denn auch Mrs. Tucker in Erfahrung gebracht, daß Don José noch nicht ganz fünfzig Jahre zahlte und daß der Ernst seiner Haltung und die gemessene Ruhe seines Wesens nicht sowohl das Resultat des Alters, sondern das einer stolzen Selbstbeherrschung sowie des Temperamentes war, und dieser Umstand hatte sie – sie würde nicht haben sagen können warum – äußerst unangenehm berührt. Sie bedauerte plötzlich, daß sich Poindexter jetzt so selten in Los Cueruos sehen ließ und fragte sich mit einer Art ungeduldiger, nervöser Verwunderung, warum er wohl in letzter Zeit so geflissentlich vermieden hatte, mit ihr zusammenzutreffen. Konnte das eine Folge der schmachvollen Andeutungen jenes Weibes in der Tienda sein? Der Gedanke ließ ihre Pulse vor Empörung schneller schlagen.

»Als wenn –« aber sie brachte die Rede nicht einmal vor sich selbst zu Ende. Ihre Augen füllten sich mit bitteren Thränen.

Dessenungeachtet hatte sie nach und nach angefangen, mit weniger fieberhafter Erregung und Unruhe, mit geringerer Ungeduld an den Mann zu denken, der so schlecht an ihr gehandelt. Es schien ihr, als ob sie ihn jetzt nur um so inniger liebe, da seine Abwesenheit – obgleich sie sich mit dieser keineswegs ausgesöhnt fühlte – die Erinnerung an das in ihr frisch erhielt, was er gewesen, ehe jener wahnsinnige, verzweifelte Schritt ihn von ihr trennte. Sie hatte nie mit eignen Augen gesehen, daß sich das Auge eines anderen Weibes in dem seinigen spiegelte, die Vergangenheit war für sie durch kein Zeichen des Erkaltens oder Abnehmens der Liebe getrübt; sie konnte ihn wiederfinden, ihre Arme um ihn schlingen, konnte aus dem bösen, wirren Traume der Gegenwart erwachen, ohne ihm einen Vorwurf zu machen, ohne eine Erklärung zu verlangen.

In diesem unwandelbaren Glauben fand sie Geduld und Ruhe wieder. Sie versuchte nicht mehr, die Einzelheiten seiner Flucht zu erfahren und es kam ihr nicht im Traume bei, daß diese passive Ergebung in seine Abwesenheit zum Teil vielleicht der geheimen Furcht entstammte, es könne in seinem jetzigen Leben Momente geben, welche ihr Vertrauen für immer zerstören müßten.

Aus diesem Grunde war ihr die taktvolle Zurückhaltung der Familie in Los Gatos doppelt wohlthuend, und die Abgeschiedenheit, in der dieselbe von einer Welt lebte, welche die Nennungen ihres Mannes kannte und verurteilte, ließ ihr Don Josés Besuche erwünscht und angenehm erscheinen, bis sie, wie schon erwähnt, durch den erwachenden Instinkt aus ihrer Unbefangenheit aufgescheucht wurde.

An dem nächsten Besuchstage Don Josés forderte sie Kapitän Poindexter auf, ihr ebenfalls seinen Besuch zu schenken – bemerkte aber zu ihrem Erstaunen, daß die beiden Männer einander mit einer gewissen Kälte und Abneigung begegneten. Es erforderte ihren ganzen Takt als Wirtin, diese Gegnerschaft nicht zum offenen Ausbruch kommen zu lassen, und die Anstrengung, die beiderseitige Unzufriedenheit niederzuhalten, sowie andere ihr vorderhand noch unerklärliche Empfindungen versetzten sie in eine nervöse Erregtheit, die ihr das Blut in die Wangen trieb und ihren Augen einen gefährlichen Glanz verlieh – zwei Dinge, welche ihren beiden Gästen nicht entgingen und ihre Deutung bei ihnen fanden.

Das brachte die beiden Männer einander aber nicht näher – im Gegenteil, je hübscher Mrs. Tucker wurde, je kühler und steifer zeigten sie sich gegeneinander, bis sich endlich Don José vor seiner gewöhnlichen Zeit erhob und sich mit mehr als gewöhnlicher Förmlichkeit verabschiedete.

»Sie scheinen mich demnach nicht gerufen zu haben, um ein Geschäft, das ihn angeht, abzumachen,« sagte Poindexter kalt und ruhig, als Mrs. Tucker sich mit ärgerlich verwunderte!« Gesicht zu ihm wandte. »Oder haben Sie mir unter vier Augen etwas über ihn mitzuteilen?«

»Ich begreife Sie beide nicht,« gab Mrs. Tucker mit einem leisen Beben der Stimme zur Antwort. »Ich hatte keine Ahnung, daß Sie so schlecht zu einander stehen-, vielmehr glaubte ich, Sie ständen auf gutem Fuße. Es ist wirklich ärgerlich.« Und ihn, ohne eine Spur von Koketterie mit ihren sanften blauen Augen seitwärts ansehend, setzte sie hinzu: »Sie sind beide doch so gut gegen mich gewesen.«

»Vielleicht ist das gerade der Grund,« gab Poindexter ernsthaft zur Antwort, Aber diese Vermutung wurde von Mrs. Tucker nicht mit gleicher Ernsthaftigkeit aufgenommen. Sie begann zu lachen, doch fing dies Lachen, welches anfänglich ganz harmlos und offen, wie das eines Kindes geklungen hatte, eben an, einen nervösen Anstrich zu bekommen, als Mr. Poindexter dasselbe Plötzlich unterbrach.

»Ich habe nichts mit Don José Santierra vorgehabt,« sagte er, ihre Heiterkeit gänzlich unbemerkt lassend. »Aber vielleicht fühlt er sich weniger zur Höflichkeit gegen den Freund des Mannes geneigt, als gegen dessen Frau.«

»Mr. Poindexter!« rief Mrs. Tucker, indem sie blaß wurde.

»Ich bitte um Entschuldigung!« versetzte er errötend, »aber –«

»Sie wollten ohne Zweifel sagen, daß Sie keine besondere Freunde sind,« siel sie mit wiedergewonnener Ruhe ein, »Ist das der Grund, warum Sie in der letzten Zeit mein Haus vermieden haben?«

»Ich dachte, ich könnte Ihnen anderwärts nützlicher sein, als hier,« gab er ausweichend zur Antwort. »Ich bin nämlich vor kurzem auf eine Spur gekommen und habe dieselbe eifrig verfolgt; ich meine auf die Spur jener – jener Person.«

Ein Schatten huschte über Mrs. Tuckers Gesicht.

»Wirklich,« sagte sie kühl. »Ich muß demnach annehmen, daß es Ihnen lieber ist, in Ihren Mußestunden jener Kreatur nachzuspüren, als mich zu besuchen?«

Poindexter stand bestürzt. War das die Frau, welche noch vor etwa vier Monaten keinen heißeren Wunsch gekannt hatte, als die Maitresse ihres Mannes zu verfolgen? Darauf konnte es nur eine Antwort geben – Don José! Vor vier Monaten würde er selbst eine solche frivole Vermutung noch mitleidig belächelt haben. Jetzt vermochte er nur mit Anstrengung seine Bitterkeit zu mäßigen, als er sagte: »Wenn Sie nicht wünschen, daß wir die Nachforschungen fortsetzen, so –«

»Wenn ich nicht wünsche? Was geht mich die Sache an?« fragte Mrs. Tucker in der kühlsten Weise. »Thun und handeln Sie ganz nach Ihrem eigenen Ermessen.«

Dessenungeachtet sagte sie, als er etwa eine halbe Stunde später aufbrach, beim Abschied mit einem gewissen schüchternen Zögern: »Lassen Sie mich nicht so viel allein, Kapitän Poindexter – und geben Sie die Verfolgung jener Person auf.«

Und das war nicht die einzige unvorhergesehene Folge dieser unschuldigen Bemühung, ihre besten Freunde einander näher zu bringen. Don José erschien an dem nächsten gewöhnlichen Besuchstage nicht, sondern an seiner Stelle fand sich Doña Clara, seine jüngste Schwester ein. Als sich Mrs. Tucker höflich nach Don José und dem Grunde seines Ausbleibens erkundigte, schlang Doña Clara ihre bräunlichen Arme um die Taille der blonden Amerikanerin und sagte: »Aber warum lassen Sie auch den Abogado, Ihren Anwalt, diesen Poindexter, kommen, wenn mein Bruder Sie besucht?«

»Aber Kapitän Poindexter besucht mich als Freund!« entgegnete Mrs. Tucker erstaunt. »Er ist ein Gentleman und ist Soldat und Offizier gewesen,« setzte sie dann etwas wärmer hinzu.

»Ah, ja – er ist so eine Art Soldat des Gesetzes, so – was Sie official de policia, Offizier der Gendarmerie, nennen. Aber er ist kein Gentleman, kein camarero, um eine Dame zu beschützen.«

Mrs. Tucker hatte eine etwas scharfe Antwort auf der Zunge, aber die vollständige Harmlosigkeit und gutmütige Einfalt Doña Claras hielt diese zurück. Dennoch begegnete sie Don José bei seinem nächsten Besuche mit einer gewissen Zurückhaltung, erreichte dadurch bei dem einfachen Kastilianer aber nur das Gegenteil ihrer Absicht – d. h, sie brachte ihn bei einem Haare dazu, sie um eine Erklärung zu bitten, und da diese eine Menge Gefahren in sich geschlossen hätte, sah sie sich gezwungen, wenigstens für den Moment den alten Verkehrston wieder anzunehmen.

Inzwischen kam ihr ein prächtiger Gedanke, Sie wollte an Calhoun Weaver schreiben, den sie seit jenem denkwürdigen Tage nicht wieder gesehen und gern vermieden hatte, und wollte ihm schreiben, daß sie seines Rates bedürfe. Jedenfalls kam er darauf hin nach Los Cueruos, und vielleicht vermochte er etwas zur Klärung der auf ihr lastenden Verhältnisse und zur Abkürzung der schrecklichen Zeit des Wartens beizutragen. Wenigstens zeigte sie damit den Leuten hier, daß sie noch alte Freunde hatte. Nicht im entferntesten aber dachte sie daran, nach dem heimatlandlichen Blaugraslande zurückzukehren, Ihre Eltern waren, seitdem die Tochter das Haus verlassen hatte, gestorben und der Gedanke, mit ihrem zerstörten Leben den Gespielen und Gefährten ihrer Jugendtage wieder unter die Augen zu treten, würde sie mit Schauder und Entsetzen erfüllt haben.

Mr. Calhoun Weaver erschien denn auch sofort, zeigte sich so großthuerisch wie möglich, war voll Weisheitssprüche, sehr freundschaftlich – aber ein wenig rüde. Er hatte ihr ja – daran erinnerte sie sich wohl noch? – alles vorausgesagt. Spencer hatte aus lauter Eitelkeit den Kopf verloren und zu viel auf einmal unternommen. Solche Geschäfte erforderten Vorsicht und Festigkeit, das wußte er, ihr Jugendfreund – vielleicht hatte Mrs. Tucker von den erfolgreichen Unternehmungen, die er selbst kürzlich ins Leben gerufen, gehört? – aus eigener Erfahrung. Aber Spencer war über Hals und Kopf ins Zeug gegangen. Und was jenes Frauenzimmer betraf – übrigens eine verfl– schöne Person! – so wußte ja jedermann, daß Spencer nach der Seite hin immer seine kleinen Schwächen gehabt hatte. Er, Calhoun Weaver, konnte ihr nur sagen – aber wenn sie nichts weiter davon hören wollte, so hatte sie vielleicht ganz recht. Das beste war, die Sache nicht allzu schwer zu nehmen.

Der Jugendfreund, als er so breit, aufgeblasen, selbstsüchtig, verständnis- und urteilslos, ohne jegliche Spur von Zartgefühl und dennoch erfüllt von einem dunklen Drange, ihr nützlich zu sein, vor ihr saß, flößte Mrs. Tucker den tiefsten Widerwillen ein. Das beschämende Bewußtsein, wie thöricht sie gehandelt, als sie ihn hierher gerufen, und die erneuerte schmerzliche Empfindung ihrer gänzlichen Verlassenheit und Hilflosigkeit bemächtigten sich ihrer und schienen sie zu lähmen.

»Natürlich fühlen Sie sich unglücklich,« fuhr Calhoun Weaver mit der Selbstgefälligkeit eines gründlichen Kenners der menschlichen Natur fort. »Natürlich – sehr natürlich. Sie befinden sich in 'ner ganz fatalen Lage und wissen im Augenblicke weder aus noch ein. Aber da ist nur eines zu thun – 'nen raschen Entschluß zu fassen, und in aller Ruhe 'ne Ehescheidungsklage einzureichen. Lassen Sie mich ausreden. Es gibt keinen Richter und kein Geschworenengericht in ganz Kalifornien, der und das Ihnen nicht ohne weiteres recht geben und Spencer in contumaciam verdonnern würde. Und bann Bell –« dabei zog Calhoun seinen Stuhl näher heran, »wenn Sie dann geschieden und frei sind – so –! Nein Bell, ich will jetzt nicht etwa den Antrag wiederholen, den ich Ihnen früher 'mal machte, ehe Spencer dazwischen kam – nein – wahrhaftig – auf Ehre – Sie haben nichts zu fürchten! Da nehmen Sie meine Hand darauf!«

Welche Antwort er von Mrs. Tucker empfing, verschweigt die Geschichte. Nur so viel ist sicher, daß Calhoun Weaver eine halbe Stunde später mit Spuren von Thronen auf dem guten dummen Gesicht, mit heiserer Falsettstimme und anderen Zeichen körperlicher und geistiger Gebrochenheit aus dem Hause in den Hof trat und gerade nur noch so viel Kraft zu besitzen schien, um der alten Concha – mit einem Fingerzeige nach ihrer blaß und stolz in der Thür stehenden Herrin, welche ihm ein stummes, halb mitleidiges Lebewohl zuwinkte – in vertraulichem Tone das geheimnisvolle Wort »Blaugras!« zuzuflüstern.

Von der Zeit an bemerkten die wenigen Menschen, welche Mrs. Tucker häufiger sahen, eine Veränderung in ihrem Wesen. Ihre kindliche Heiterkeit und mädchenhafte Art und Weise wichen einem mehr frauenhaften Ernste. Sie widmete sich mit Vorliebe ihrem Haushalte und beschäftigte sich mit einem ihr ganz neuen Pflichtgefühl mit Verbesserungen und Verschönerungen der Hacienda, bis dieselbe nach und nach nicht allein ihrem seinen Sinne für Nettigkeit und Anmut entsprach, sondern gleichsam zum Ausdrucke eines Teiles ihrer eigenen Individualität geworden war. Die rauhen Rancheros, sowie die Handelsleute, denen in der Ausübung ihres Berufes der Zutritt zu der Besitzung gestattet war, singen sogar an, in geheimnisvoller Weise von einem schönen Garten zu sprechen, welcher im Almarjal, d. h. an einer Stelle entstanden war, wo ehedem nur Unkraut und wildes Gesträuch gewuchert hatte.

Mrs. Tucker ging selten aus, machte meist nur lange Spazierfahrten auf einsamen Straßen, und war dann immer von der einen oder anderen ihrer Dienerinnen begleitet. Sonntags begab sie sich zuweilen nach der halb in Ruinen liegenden Kirche der Mission Santa Inez, wo sie sich während der Messe stets im dunkelsten Schatten des klösterlichen Chores hielt, und nach und nach begannen die niederen Leute, denen sie bei diesen Ausflügen begegnete, ihr eine beinahe verehrungsvolle Achtung zu zeigen. Sie blieben mit entblößten Köpfen am Wege stehen, um sie vorüber zu lassen, machten ihr mit stummer Höflichkeit in der Tienda oder auf dem Markte des elenden Oertchens Platz, wenn sie erschien, und Bell Tucker begann nach und nach sich als Witwe zu fühlen – eine Empfindung, welche ihr zwar Thränen erpreßte, ihr, auf der anderen Seite, aber doch eine Art stillen Trostes gewährte. Diese Stimmung kam ihr übrigens bald so natürlich und einfach vor, daß sie die Trauerkleider, welche sie um ihre Eltern getragen, wieder hervorsuchte – leider aber kleideten dieselben sie so gut und erhöhten ihre Schönheit dergestalt, daß sie bei einzelnen Herren, welche im Lande fremd waren und ihre Geschichte nicht kannten, Mißverständnisse hervorriefen und Mrs. Tucker sich genötigt sah, sie wieder abzulegen.

Außerdem gaben ihre Zurückhaltung und ihre ernste Würde nicht selten Veranlassung zu einem anderen Irrtume. Man hielt sie für eine Landsmännin der Santierras und über der stolzen »Dona Bella« geriet für eine Weile die einfache Mrs. Tucker in Vergessenheit, ja Mrs. Tucker selbst kam hin und wieder in Gefahr, sie zu vergessen. Nachdem sie sich jetzt vollständig an den Klang einer anderen Sprache und an die Physiognomie eines anderen Volkes gewöhnt hatte, konnte sie stundenlang in der Veranda sitzen, oder von ihrem Fenster aus, über den Garten hinüber nach der schimmernden Lagune blicken, für deren ruhigen von Ebbe und Flut nicht berührten Spiegel sie eine große Vorliebe hatte, da er bei Sonnen- wie bei Sternenschein stets das ungetrübte Bild des darüber ausgespannten Himmelszeltes wiedergab und ihren müden Augen einen festen Ruhepunkt gewählte.

An einem jener langen, träumerischen Sommernachmittage nun, an welchem der blinkende Wasserspiegel durch nichts belebt wurde, als durch das Licht und den gelegentlichen Flügelschatten vorüberziehender Vögel, bemerkte sie einen Wagen, welcher langsam am Ufer der Lagune daherkam und auf diesem kürzeren Richtewege einen scharfen Winkel der gewöhnlichen Straße abgeschnitten hatte – ein Umstand, der Mrs. Tucker – sie wußte selbst nicht recht warum – mit Unruhe erfüllte. Mit einer seltsamen Empfindung beobachtete sie das näher kommende Fuhrwerk, bis es nach dem Corral einbog, und einige Augenblicke später meldete das Mädchen Mr. Patterson, welcher Mrs. Tucker allein zu sprechen wünschte.

Mrs. Tucker begab sich nach der Veranda, welche während der trockenen Jahreszeit als Empfangszimmer diente, war aber nicht wenig erstaunt, zu finden, daß Mr. Patterson Gesellschaft bei sich hatte, denn neben ihm stand eine sehr hübsche, gut gekleidete junge Frau, welche Mrs. Tucker mit unverhohlener gutmütiger Neugier und Bewunderung anblickte.

»Es sieht jetzt hier ganz anders aus, als vor zwei Jahren – Sie haben alles so viel schöner eingerichtet,« begann die Fremde mit munterem Lachen.

Mrs. Tucker richtete sich bei dieser vertraulichen Anrede etwas höher auf und wandte sich mit fragender Miene zu Mr. Patterson. Aber die gewöhnliche Melancholie dieses Herrn schien sich durch die Heiterkeit seiner Gefährtin nur noch zu verstärken. Er stieß nur einen tiefen Seufzer aus und rieb, offenbar in düsteres Nachdenken versunken, sein Bein mit der Hutkrempe.

»Na, so geht doch los, Patterson,« sagte die junge Frau lachend, indem sie ihm einen kleinen Rippenstoß versetzte. »Geht doch los und stellt mich vor. Steht nicht da, wie ein Leichenstein. Ihr wollt nicht? Gut, so werde ich's selbst besorgen,« und die düstere Sprechweise Mr. Pattersons vortrefflich nachahmend, fuhr sie fort: »Mrs. Tucker, ich habe die Ehre, Ihnen die ehemalige Geliebte Mr. Spencer Tuckers vorzustellen. Halt, laufen Sie nicht davon. Ich sagte, die ehemalige, und so wahr ich hier stehe,. Ma'am – ich sagte die Wahrheit. Schätze, ich würde gar nicht hier stehen, wenn es nicht die reine Wahrheit wäre, daß ich ihn, nachdem er Sie verlassen, mit keinem Auge wieder gesehen habe.«

»Das is so wahr, wie's Evangelium,« fiel Patterson ein, den ein Blick in Mrs. Tuckers marmorbleiches, versteinertes Gesicht plötzlich aus seinen Gedanken aufzurütteln schien, »'s is die reine Wahrheit, und ich kann's beweisen. Ich kann beschwüren, daß diese junge Dame längst außerhalb des goldnen Thores draußen auf 'm Meere schwamm, während sich Spencer Tucker in meiner Schenkstube befand. Ich kann's beschwören, denn ich habe ihm in jener Nacht zu essen und zu trinken gegeben, habe ihn auf 'n Pferd gesetzt und ihn auf den Weg nach Monterey gebracht.«

»Und wo ist er jetzt?« fragte Mrs. Tucker mit einem Tone, der beinahe wie ein Aufschrei klang.

Die beiden blickten erst einander und dann Mrs. Tucker an. Dann entgegneten beide langsam und in vollständigem Unisono: »Aber – das – wollten – wir – ja – eben – von – Ihnen – wissen!« Der Effekt dieser Rede schien beide so zu erfreuen, daß sie noch einmal in demselben Takt und Einklang wiederholten: »Das – wollten – wir – ja – eben – von – Ihnen – wissen.«

Zwischen der Erschütterung, sich so plötzlich der Mitschuldigen ihres Gatten gegenüber zu befinden und der unerwarteten Eröffnung, daß derselbe, allem Anschein nach, mit jener Person nicht mehr im Zusammenhang stand – zwischen den äußersten Extremen von Hoffnung und Befürchtung, welche die Worte derselben in Mrs. Tuckers Seele weckten, nahm sich der melodramatische Chorus so unaussprechlich lächerlich und komisch aus, daß Mrs. Tucker nur mit Mühe ein lautes nervöses Auflachen zu unterdrücken vermochte.

»Das ist die richtige Art und Weise, die Sache zu nehmen,« sagte die Fremde, welche Mrs. Tuckers Miene nach ihrer eigenen lustigen Auffassung des Lebens deutete und auslegte. »Na, hören Sie mich an, ich werde Ihnen alles haarklein erzählen.« Dabei suchte sie sich sorgfältig den bequemsten Stuhl aus, setzte sich und kreuzte die Hände im Schöße. »Ich fuhr also am 18. Januar mit dem Schiffe ›Argo‹ von hier ab. Wir hatten besprochen und berechnet, daß Ihr Mann das Schiff bei San Francisco besteigen sollte – käme ihm etwas dazwischen, so wollte er, nach unserer Verabredung, in Acapulco mit uns zusammentreffen. Gut. In San Francisco kam er nicht an Bord und wir segelten ohne ihn weiter. Wie es scheint, hat er allerdings die Absicht gehabt, das Schiff auf der Reede von San Francisco zu erreichen, ist aber daran verhindert morden, weil sein Boot bei dem starken Winde kenterte. Erschrecken Sie nur nicht – er ist, wie Patterson beschwören kann, nicht ertrunken. Ihm ist kein Haar auf dem Kopfe gekrümmt worden. Aber ich – mir ist's schlechter gegangen. Mich haben sie bis ans Weltende mitgenommen und in Mexiko allein und ohne 'nen Cent in der Tasche ans Land gesetzt. Ich schwör's Ihnen bei meinem und Ihrem Leben: dieser Hund von Kapitän nahm – als er sicher zu sein glaubte, daß sie Spencer erwischt hätten, oder daß er ertrunken wäre, alle seine Koffer und sonstigen Sachen in Beschlag und setzte mich arm wie eine Kirchenmaus ans Land. Hätte ich da unten nicht 'nen Mann gefunden, der mir anbot, mich zu heiraten, und mich hierher zurückzubringen, ich hätte sterben und verderben können. Na, ich nahm den Vorschlag an und die, welche als Mr. Tuckers Schatz von hier fortgegangen, ist als die Frau eines ehrlichen Mannes wiedergekommen. – Damit, schätze ich, ist meine Rechnung glatt.«

Es lag etwas so unwiderstehlich Aufrichtiges in den Worten der Frau, sie sprach, bei aller moralischen Unzurechnungsfähigkeit, mit so viel Selbstzufriedenheit und gutmütigem Humor, daß sogar Mrs. Tucker, wenn sie weniger mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt gewesen wäre, schwerlich widerstanden hätte. Aber ihre Augen waren noch immer fest auf das melancholische Gesicht Pattersons gerichtet, welcher eben anfing, den Totenschrein seines Gedächtnisses aufzuschließen und seine tief eingesargten Erinnerungen auszugraben.

»Sie können sich strikte auf das verlassen, was Ihnen die Frau Kapitän Baxter da – wir nannten sie früher, weil sie aus New Orleans kam, immer die französische Inez – erzählt hat, Mrs. Tucker,« sagte er. »Können ihr alles aufs Wort glauben, denn sie is jetzt 'ne verheiratete Frau und über die Dummheiten 'naus, 's is wirklich und wahrhaftig so, wie sie sagt. Spencer Tucker kam an dem Tage, nachdem sie abgesegelt und sein Boot gekentert war, zu mir in die Tienda.«

Und nun gab Patterson einen so ausführlichen, keine noch so überflüssige Einzelheit übergehenden Bericht über die Vorgänge jener Nacht, wie Leute seiner Art zu geben pflegen, und fügte dem, was wir schon wissen, ergänzend bei, er sei einige Tage später nach dem Wirtshause oben auf dem Passe gekommen und habe zu seinem Erstaunen gehört, daß man Spencer weder dort gesehen habe, noch in Monterey, von wo er sich nach Acapulco hatte einschiffen wollen.

»Aber warum hat man mir alles das nicht früher gesagt?« rief Mrs. Tucker mit beinahe wilder Heftigkeit, während sie bald Patterson, bald Mrs. Baxter ansah. »Warum erfahre ich das erst jetzt? Warum hat man mir alle diese Thatsachen verheimlicht?«

»Das will ich Ihnen sagen,« entgegnete Patterson, während er sich voll Demut und wie zerschlagen in einen Stuhl sinken ließ. »Als ich fand, daß er nicht dahin geritten war, wohin er hatte reiten wollen, da suchte ich 'n anderswo. Ich kannte die Spur des Mustang, den ich 'm geborgt hatte, an 'nem lockeren Eisen, und da fand ich denn auch richtig 'raus, daß er jenseits der Lagune von dem eigentlichen Wege abgewichen war, und eine Richtung eingeschlagen hatte, als ob er in schöner gerader Linie, sowie 'ne Biene fliegt, hierher hätte reiten wollen.«

»Nun, und weiter?« fragte Mrs. Tucker atemlos.

»Nun,« fuhr Mr. Patterson in dem resignierten Tone eines Mannes fort, der an hartes Martyrium gewöhnt ist, »vielleicht bin ich ein gottverlassener alter Esel, aber ich kalkuliere, er is auch wirklich und wahrhaftig hierher geritten – und 's is ja, wie schon gesagt, immer möglich, daß ich so was, wie'n regelrechter Schafskopf bin – aber ich kalkulierte weiter, daß wenn er dagewesen is, Sie das ja ohne Frage wissen werden.«

Mrs. Tucker fühlte, daß ihr unter den prüfenden Blicken der beiden das Blut siedendheiß in den Kopf stieg und daß sie rot wurde bis in die Schläfen, obgleich sie nicht wußte, warum. Aber beide schienen sich immer mehr von ihrer gänzlichen Unkenntnis zu überzeugen, denn Patterson fuhr nach einer Weile nur noch düsterer fort: »Wenn er Ihres Wissens wirklich nich hier war, so muß er unterwegs nochmals seine Absicht geändert haben und nach dem Dampfschifflandeplatze geritten sein, um sich von dort ab einzuschiffen. Das einzige, was ich dabei nich wüßte, is nur, wo er 'n Boot hergekriegt und wo er mein Pferd gelassen hätte. – Aber ich habe auch noch 'nen ganz anderen Gedanken, den man freilich nicht beweisen kann,« setzte der Mann hinzu, indem er seine Stimme zu noch melancholischerer Tiefe herabsinken ließ, »habe 'ne Idee, die nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse nich unmöglich wäre.«

Bei diesen Worten, welche durch den unangenehmen Eindruck, den der Sprecher immer auf sie gemacht hatte und noch machte, sowie durch seine unheimliche Betonung, nur an Schwere und düsterer Bedeutung gewannen, fühlte Mrs. Tucker einen kalten Schauder über ihren Rücken laufen.

»Was denken Sie?« fragte sie mit blassen Lippen.

»Ich meine – obgleich niemand daran glaubt als ich – ich meine also, daß man doch schon hin und wieder von solchen Warnungen und Anzeichen gehört hat – daß sie eigentlich dabei immer nur demjenigen gelten, der sie hört und sieht. Na, wenn's wirklich mir gegolten hat, so füge ich mich in den Willen des allmächtigen Gottes! Ich habe nämlich den Gedanken, daß – daß Spencer Tucker – wirklich ertrunken is – als das Boot kenterte – und daß es« – hier ging Pattersons Stimme in einem rauhen Flüstern unter – »daß es gar kein lebendiger Mensch gewesen is, der damals in der Nacht zu mir kam, sondern aber ein Geist, welcher der Finsternis entstieg und wieder in die Finsternis zurücksank! Keines Menschen Auge, außer dem meinigen, hat 'n gesehen, keines Menschen Ohr, außer dem meinigen, hat 'n gehört. Kalkuliere, 's war niemand bestimmt als mir!« Hier schwieg Patterson einen Moment und strich sich mit der Hutkrempe über die Augen. »Sie werden freilich sagen, daß die Kürbispastete dagegen spricht, und daß der Whiskey dagegen spricht – auch 'n paar Worte, die 'm gelegentlich so entfielen, könnten dagegen sprechen,« fuhr er dann in demselben Tone fort, »aber 's wäre immer möglich, daß er alles nur gethan und gesagt hatte, damit daß ich 'n daran erkennen sollte.«

Mrs. Baxters heiteres Lachen fuhr etwas unsanft in Pattersons düstere Stimmung und zerstörte ihre ansteckende Wirkung.

»Schätze, 's war in jener Nacht kein anderer Geist in Eurer Schenkstube, als der Whiskey, den Ihr und Spencer vertilgtet,« sagte sie vergnügt. »'s sollte mich gar nicht wundern, wenn ihr Euch 'n bißchen beduselt und falsch verstanden hättet, was Euch Spencer von seinen Plänen sagte.«

Patterson schüttelte schwermütig den Kopf.

»Ich wette,« fuhr Mrs. Baxter, dadurch nicht im mindesten beirrt fort, »ich wette, was Ihr wollt, er kommt nächstens frisch und gesund irgendwo zum Vorschein. Außerdem ist's mehr als wahrscheinlich, daß Poindexter ganz genau weiß, wo er sich aufhält.«

»Nein,« rief Mrs. Tucker eifrig. »Er hätte es mir gesagt.«

Mrs. Baxter sah stumm zu Patterson hinüber. Patterson beantwortete diesen Blick durch einen langen schwermütigen Pfiff. »Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen!« rief Mrs. Tucker, indem sie sich mit kühler Würde aufrichtete und ihren Stuhl etwas zurückschob.

»Sie verstehen nicht? Na, dann segne Gott Ihr unschuldiges Herz!« gab Mrs. Baxter zur Antwort. »Warum war denn der Advokat erst so dahinterher, mich aufzuspüren und saß allen meinen Freunden und Bekannten auf dem Nacken – und warum hätte er das alles aufgesteckt und ließe mich, seitdem ich hier bin, in Ruhe und Frieden, wenn er nicht recht gut wüßte, wo Spencer ist?«

»Ich kann Ihnen das nicht erklären,« fiel Mrs. Tucker hastig ein, »Das heißt – ich –«

»Dann können Sie uns wohl auch nich erklären,« fragte Patterson mit düsterer Bedeutsamkeit, »warum Poindexter die meisten Forderungen an Spencer aufgekauft und in seine eigenen Hände gebracht hat? Sie sind natürlich überzeugt, daß er's nich thut, um ihn unter'n Daumen zu kriegen und an der Rückkehr hierher zu hindern, nich wahr? Vielleicht wissen Sie auch nich, warum er Himmel und Erde in Bewegung setzt, um Don José Santierra zum Verkauf von Los Cuervos zu bewegen, und warum Don José nich drauf eingeht?«

»Don José soll Los Cuervos verkaufen! Sie meinen wohl kaufen?« gab Mrs. Tucker zur Antwort. »Ich selbst habe es ihm zum Kauf angeboten.«

Patterson stand von seinem Stuhle auf, sah sich wie verzweifelt um und fuhr sich dann langsam über die Stirn.

»Ich wußte wohl, daß es kommen mußte,« sagte er in dem früheren unheilverkündenden Tone. »Ich wußte 's, und nu is es da! Das is das Anzeichen gewesen. Ich bin verrückt geworden oder blödsinnig. Ich würde 'nen Eid darauf geschworen haben, daß Mrs. Baxter hier mir erst vor 'n paar Stunden erzählte, sie hätte den Rancho vor etwa zwei Jahren an Don José verkauft und jetzt sagen Sie –«

»Halten Sie ein!« rief Mrs. Tucker mit einer Stimme, welche dem Manns und der Frau, die ihr gegenüber standen, durch Mark und Bein ging. Starr und aufrecht, als wäre sie aus Stein gemeißelt, stand sie da. »Ich befehle Ihnen, mir zu erklären, was alles dies zu bedeuten hat!« fuhr sie fort, indem sie ihre funkensprühenden Augen, aber auch nur diese, Mrs. Baxter zuwandte.

Selbst von Mrs. Baxters Lippen verschwand das vergnügte Lächeln und sie wurde bleich, als sie, zögernd und unterwürfig zugleich erwiderte: »Ich glaubte, Sie wüßten es längst, daß Spencer mir Los Cueruos geschenkt hatte. Ich verkaufte den Rancho an Don José, um Geld zu unserer Flucht zu bekommen. Es geschah auf Spencers Wunsch und Geheiß –«

»Das ist eine Lüge!« rief Mrs. Tucker.

Für einen Augenblick trat tiefes Schweigen ein. Die glühende Zornesröte, welche Mrs. Baxter ins Gesicht geschossen war, verschwand, zu Pattersons starrer Verwunderung, ebenso schnell, wie sie gekommen war. Die junge Frau erhob die Augen nicht zu Mrs. Tucker, aber sie stand langsam von ihrem Sitze auf. Dann sagte sie: »Ich wünschte zu Gott, daß es eine Lüge wäre; aber es ist die Wahrheit. Ebenso wahr ist es aber auch, daß ich keinen Cent des Geldes für mich behalten habe. Spencer hat die Summe unverkürzt in Empfang genommen! – Und nun kommt, Patterson, laßt uns gehen,« fuhr sie fort, indem sie ihre Hand auf den Arm des melancholischen Mannes legte.

Beide schritten dem Thore zu; aber ehe sie es erreichten, blieb Patterson noch einmal stehen und strich mit der Hand über die gesenkte Stirn. Es schien, als dringe sich ihm die Notwendigkeit auf, der Unterredung einen passenden und folgerichtigen Abschluß zu geben.

»Somit haben Sie also gar nichts wieder von Spencer gehört!« sagte er betrübt. Dann verschwand er mit Mrs. Baxter jenseits des Thores.

Sobald sich Mrs. Tucker allein sah, hob sie mit einem Aufschrei die verschränkten, kalten Hände über den Kopf empor – dann ließ sie dieselben langsam auf ihr nach oben gekehrtes Antlitz und die Augen herabsinken, in deren Höhlen sie die Ballen so fest eindrückte, als wolle sie damit alles Licht und das ganze noch vor ihr liegende Leben auslöschen. So stand sie einige Minuten regungslos und lautlos da, während der sich erhebende Wind leise mit ihrem weißen Morgengewande spielte und das Laubwerk zitternde Schatten darauf warf. Endlich ließ sie – mit noch immer geschlossenen Augen – die gefalteten Hände auf die Brust herabsinken, preßte sie fest aufs Herz, löste sie dann, und fuhr damit, während sie einen zweiten Schrei ausstieß, an sich herunter, als wolle sie ein verhaßtes, ekelhaftes Kleidungsstück abstreifen.

Schnellen Schrittes eilte sie nun nach dem Thore, blickte sich draußen um, und kehrte, auf dem Wege ihren Trauring vom Finger ziehend, nach der Veranda zurück. Hier stand sie eine Weile – dann rückte sie bedächtig und langsam die Stühle wieder zurecht, brachte die buntfarbigen Kissen und Behänge derselben wieder in Ordnung und begab sich anscheinend ruhig in ihr Zimmer zurück.

*

Zwei Tage später trabte die schwitzende Stute Kapitän Poindexters in den Corral von Los Cuervos ein und wenige Augenblicke danach betrat der Reiter die Veranda. Er händigte Concha einen Brief ein, dessen Inhalt sowohl, wie die kurzen Worte, mit denen er ihr überreicht wurde, die alte Frau gänzlich aus der Fassung zu bringen schienen. Dann blickte er still auf die leeren Räume, welche von dem Duft und Atem seiner bisherigen anmutigen Bewohnerin noch ganz erfüllt schienen, bis sich seine schwarzen Augen feuchteten.

Endlich störte ihn das Geklingel mexikanischer Sporen aus seinen Träumereien auf und das alte humoristische Lächeln lag bereits wieder auf seinem Gesichte, als Don José ungestüm eintrat.

Der Spanier fuhr bei seinem Anblick zurück, gewann jedoch sofort die Fassung wieder.

»Ah, finde ich Sie hier! Das ist mir ja sehr lieb!« rief er, indem er einen Brief aus seiner Brusttasche zog. »Sehen Sie her! Nennen Sie das ein gegebenes Ehrenwort halten? Kann man sich so auf eine Verabredung mit Ihnen verlassen?«

Poindexter ergriff den Brief kühl und gelassen. Derselbe enthielt einige sehr würdevoll gehaltene Zeilen von Mrs. Tucker, in welchen sie Don José mitteilte, wie sie erst in diesem Augenblicke in Erfahrung gebracht, welche berechtigten Ansprüche er an Los Cuervos habe, ihm für seine zarte Rücksicht den herzlichsten Dank abstattete und in den achtungsvollsten aber auch bestimmtesten Worten die Hoffnung aussprach, er werde begreifen, daß es ihr unmöglich sei, seine Gastfreundschaft auch nur einen Tag länger in Anspruch zu nehmen.

»Von mir hat sie kein Wort erfahren,« sagte Poindexter ruhig, »Mögen wir im Recht oder Unrecht gewesen sein – ich habe Ihnen mein Wort gehalten. – Ebensogut und mit demselben Rechte konnte ich Sie beschuldigen, Verrat an mir geübt zu haben,« setzte er noch kühler hinzu, indem er einen zweiten Brief aus der Tasche zog und ihn Don José einhändigte.

Derselbe schien noch kürzer und kälter, war es aber nicht. Er sagte Kapitän Poindexter, daß Mrs. Tucker, nachdem er sie ein zweites Mal hintergangen, sich genötigt sehe, ihre Angelegenheiten fortan in die eigenen Hände zu nehmen und daß sie die ganze Einrichtung von Los Cuervos ihm hinterlasse, dem sie, wie sie jetzt wisse, dafür verpflichtet und verschuldet sei. Sie verzichte darauf, so fuhr sie fort, ihm zu danken, denn seiner ritterlichen Natur nach würde er für die erste beste Frau in ihrer Lage dasselbe gethan haben – aber sie verzeihe ihm, daß er sie so falsch beurteilt und eben auch wie die erste beste – vielleicht sollte sie sagen: wie ein Kind – behandelt hätte. Wenn er diese Zeilen erhalte – so schloß der Brief – befände sie sich bereits auf dem Wege nach ihrer alten Heimat in Kentucky, wo sie hoffte, durch eigene Kraft und Anstrengung so viel zu erwerben, daß sie ihre Schuld an ihn abtragen könne.

»Sie sagt kein Wort von ihrem Manne,« brach endlich Don José das Schweigen, indem er Poindexter prüfend in die Augen sah. »Wäre es möglich, daß sie sich doch wieder mit ihm vereinigte? Was meinen Sie?«

»Ich glaube, in gewissem Sinne ist sie nie von ihm getrennt gewesen,« entgegnete der Sachwalter mit ernster Miene.

Don José wurde rot, entgegnete aber anscheinend gleichgültig: »Und was wird nun mit dem Rancho – natürlich haben Sie jetzt nicht mehr die Absicht, ihn zu kaufen?«

»Im Gegenteil – ich bleibe bei meinem Gebot auf die Besitzung,« gab Poindexter ruhig zur Antwort.

Don José sah ihn noch einmal prüfend an.

»Nun, wir wollen uns die Sache überlegen und dann weiter davon sprechen,« sagte er.

Und nachdem er die Sache in Ueberlegung gezogen, nahm er Kapitän Poindexters Gebot an.

Der neue Besitzer brachte nun seine längst gehegten Absichten zur Urbarmachung der Ländereien schnell und unter eigener energischer Leitung zur Ausführung. Zuerst sanken die dicken Mauern der Hacienda unter den Hammerschlägen der Arbeiter zusammen, dann verschwand auch die niedrige Umfassung des Corrals und der nächste Sommerwind strich ohne Hindernis über die nun völlig flache Ebene bis hinab zum Landungsplatze, wo neue Baulichkeiten rasch emporstiegen. Nur ein etwas lebhafteres Grün bezeichnete die Stelle, wo die zerfallenden Backsteinmauern der alten Casa sich wieder dem Erdboden einverleibten, dem sie entstammten. Der Kanal wurde vertieft, die Lagune entwässert und ausgetrocknet, bis eines Tages der magische Spiegel, welcher dem suchenden Auge der Blaugras-Penelope so lange einen Ruhepunkt gewährt, auch an der tiefsten Stelle tot und glanzlos – nur noch ein zäher, häßlicher Sumpf, ein Schauplatz des Moders und der Verrottung – dalag, um bald ganz und für immer aus dem Gesicht der Menschen zu verschwinden.

An dieser Stelle des Morastes hielten die Krähen – welchen Los Cuervos den Namen verdankte – besonders laute und zahlreiche Versammlungen, Sie kamen und gingen in großen Wolken oder arbeiteten in dichten Haufen am Boden, als wollten sie das von den Menschen begonnene Werk vollenden, und so gründlich und fleißig thaten sie ihre Arbeit, daß am Ende der Woche nur noch einige zerstreute, weißschimmernde Gebeine auf der Oberfläche des schnell austrocknenden Bodens zurückblieben. Diese Gebeine waren die letzten Ueberreste des vermißten Flüchtlings, Spencer Tucker!

*

In denselben Frühlingstagen stieg aus anderen, über das ganze Land verbreiteten Sümpfen ein Wind empor, welcher Dinge, wie die eben erzählten mit seinem Hauche hinwegfegte, wie leichte Nebel. Es war der Krieg! Er rief die Männer aller Stände und jedes Berufs in die Reihen der Kämpfer für das Heil der Nation, und unter den ersten, welche dem Rufe folgten, befand sich Kapitän Poindexter. Der Krieg, welcher ihm die Epauletten wieder auf den Schultern befestigte, verzierte dieselben mit zwei weiteren Sternen, stellte ihn im Triumph in die ersten Reihen der Helden und legte ihn endlich, an einem Sommerabende, nach erbittertem und siegreichem Kampfe vor der Thür eines Farm-Hauses im Blaugraslande nieder. Die Frau aber, welche ihn aufnahm, ihn pflegte und seine Wunden kühlte, sagte nach seiner Genesung, während sie ihre Hand in die seinige legte mit leiser, schüchterner Stimme:

»Ich habe es ja immer gewußt, daß ich leben müßte, um meine Schuld an dich abzutragen.«

 

Ende.

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