Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bret Harte >

Eine Blaugras-Penelope

Bret Harte: Eine Blaugras-Penelope - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/harte/blaugras/blaugras.xml
typenovelette
authorFrancis Bret Harte
booktitleVon der Grenze<
titleEine Blaugras-Penelope
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesZweiter Jahrgang.
volumeBand 34.
year1886
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101228
projectid602459f7
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Mr. Patterson unterrichtete nun zwar seine Frau nicht von der ihn persönlich betreffenden Drohung, aber nachdem Poindexter fort war, trug er Sorge, ihr begreiflich zu machen, daß Mrs. Tucker eine Macht sei, die man zu schonen und vielleicht zu fürchten hatte.

»Du hast deiner Zunge 'ne Güte gethan, und gleichviel, ob du ins Schwarze getroffen hast oder nich, du hast dein Recht gehabt,« sagte er. »Aber nu halte hübsch dein Schnattermaul, wenn du nich etwa der Meinung bist, daß dein Reden mehr wert wäre, als die fünftausend Dollar mitsamt den Zinsen.«

»Du glaubst doch nich, daß die je 'was haben wird, als was Mr. Poindexter, der ihr Schatz zu sein scheint, hergibt?« fragte Mrs. Patterson verächtlich.

»Wie der Sheriff mir sagt, so is ihm bereits die Anzeige zugegangen, daß Mr. Tucker seiner Frau vor drei Jahren den Rancho geschenkt hat, und daß sie sich im Besitz befindet und schon im Besitz war, als der Bankerott ausbrach,« entgegnete Mr. Patterson melancholisch. »Uebrigens kann's mir ganz egal sein, wer die Trümpfe jetzo in der Hand hat, wenn ich sie nich habe,« fuhr er mit einer Art düsterer Philosophie fort. »Alles was ich wollte, is nur, daß Sven« Tucker mir 'n Wort gesagt hätte, ehe er durch die Lappen ging.«

»Wärst wohl gern mit 'm gegangen?« rief seine Ehehälfte ärgerlich.

»Schätze, 's könnte so sein,« entgegnete Patterson einfach.

Er kam im Laufe des Tages noch einigemal in mehr oder weniger direkter Weise auf diesen Mangel an Vertrauen seitens seines Schuldners zurück und derselbe schien ihm mehr zu Herzen zu gehen, als der Verlust seines Vermögens. Er sprach dies Gefühl ganz offen gegen den Sheriff aus, als die beiden sich am Abend bei einem Glas Whiskey und einem Spielchen über die Schwierigkeiten der augenblicklichen Lage hinwegzuhelfen suchten, und brütete noch darüber, nachdem er, als sie sich für die Nacht trennten, dem Sheriff die Schlüssel zu dem Laden übergeben hatte. Er konnte sich auch von dem Gedanken noch nicht losmachen, nachdem alles im Hause bereits zu Bett gegangen war, und er sich nochmals hinaus begab, um einen Krug frischen Wassers vom Brunnen zu holen. Als Patterson dies that, wurde der Mond schon hin und wieder von fliegenden Wolken, den Vorboten der allnächtlichen Regenschauer, verhüllt. In dem Augenblicke war es ganz finster, und der melancholische Mann beugte sich eben nach dem Wasser hinab, als er plötzlich wieder auf die Füße sprang.

»Wer ist da?« fragte er mit scharfer Betonung.

»Still!« flüsterte eine Stimme so leise und heimlich, daß man es für ein Lispeln des Windes durch die Pallisaden der Viehhürde hatte halten können – aber so wenig vernehmlich die Stimme auch zu ihm drang, Patterson hatte sie doch als die eines Mannes erkannt, den er bereits in weiter Ferne glaubte, und fühlte, wie eine gemischte Empfindung von Schrecken und Freude durch seine Adern rieselte.

Vorsichtig blickte er sich um. Der Mond verbarg sich noch immer hinter der eben vorüberziehenden Wolke und nur die Umrisse des Hauses, das Patterson eben verlassen, waren in der Dunkelheit sichtbar.

»Seid Ihr's, Spence?« fragte er mit bebender Stimme.

»Ja,« entgegnete die Stimme, wahrend sich eine dunkle Gestalt aus einem Winkel des Corrals ablöste.

»Um Gottes willen, redet leise!« flüsterte Patterson, indem er sich der Gestalt näherte. »Der Sheriff ist im Hause!«

»Aber ich muß Euch einen Augenblick sprechen,« sagte die Gestalt.

»Wartet 'n bißchen,« flüsterte Patterson zurück. Dann musterte er noch einmal das Haus, dessen ladenlose Fenster indessen kein Licht mehr im Inneren wahrnehmen ließen. »Kommt schnell!« fuhr er dann, noch immer im leisen Flüstertone fort, indem er die widerstandslose Hand des Fremden ergriff und ihn im Schatten der Mauer hin, durch die offene Hausthür in die leere Schenkstube zog. Darauf verriegelte er die Thür von innen, schenkte ein Glas voll Whiskey, schob es dem Fremden hin und sah zu, wie dieser es auf einen Zug leerte. Der Mond kam eben wieder zum Vorschein; sein Licht siel durch das gardinenlose Fenster auf das Gesicht des Fremden und ließ den jetzt etwas in Unordnung geratenen Lockenbau und den weichen Schnurrbart des flüchtigen Spencer Tucker erkennen.

Welcher Art der Einfluß dieses Mannes auf seine Mitmenschen gewesen sein mochte, das Urteil über ihn war ein ziemlich übereinstimmendes und fand seinen Ausdruck durch Patterson, der, nachdem er den Gast mit halb unbehaglichem halb freundlichem Lächeln betrachtet hatte, fast unwillkürlich in die Worte ausbrach: »Seid doch 'n verfluchter Kerl, Spence!«

Spencer Tucker fuhr sich mit der Hand durch das Haar und strich es mit etwas theatralischer Bewegung von der Stirn zurück.

»Ich bin ein Mensch, auf dessen Habhaftwerdung man einen Preis gesetzt hat!« sagte er bitter. »Wenn Ihr mich dem Sheriff ausliefert, verdient Ihr fünftausend Dollar; wenn Ihr mir durchhelft, habt Ihr nicht das Geringste davon – und ich fürchte, Ihr werdet das Glück, das Euch in den Schoß fällt, nicht 'mal zu benutzen wissen.«

»Schatze, Ihr könnt recht haben,« gab Patterson mit seiner gewöhnlichen Melancholie zur Antwort. »Aber ich dachte, Ihr wäret längst über alle Berge – hättet 'n gerade auslaufendes Schiff benutzt –«

»Das heißt, ich fuhr in 'nem Boote hinaus nach dem Schiffe,« unterbrach ihn Tucker mit verhaltener Wut. »Nach dem Schiffe, das bereits all mein Hab und Gut am Bord hatte. Das verd– Boot kenterte draußen in der scharfen Nu und das Schiff segelte davon. Man hatte von dort aus den Unfall mit angesehen, dachte wahrscheinlich, ich sei ertrunken, und befrachtete mein Gepäck als gute Beute. Schätze so.«

»Aber die Dirne – die Inez – die doch schon auf dem Schiffe war – machte denn die keinen Spektakel?«

» Quien sabe? Wer weiß es?« gab Tucker mit unbekümmertem Lachen zur Antwort. »Ich klammerte mich, wie man in der Todesangst thut, mit der Kraft der Verzweiflung an den Kiel des Bootes und hielt mich über Wasser, bis ich von einem chinesischen Fischer, gegenüber von Sancelito herausgeangelt wurde. Ich mietete dann den Mann und seinen Seelentränker, um mich hierher zu bringen.«

»Und warum gerade hierher?« fragte Patterson mit anscheinender Vorsicht, hinter welcher sich die innerliche Befriedigung nur schlecht verbarg.

»Ihr habt recht, so zu fragen,« entgegnete Tucker mit ebenso unechter Bitterkeit, indem er Patterson mit einer leichten Handbewegung zur Seite schob, »Aber ich dachte, ich dürfte mich wohl 'nem weißen Manne anvertrauen, gegen den ich immer gut gewesen bin, und der in gleichem Falle auch auf mich hätte rechnen können. Nein, nein, laßt mich nur gehen oder überliefert mich dem Sheriff.«

Patterson hatte die beiden Hände des hübschen Taugenichts, der ihn zu Grunde gerichtet, mit einer Wärme ergriffen, welche selbst diesen einen Augenblick beschämte. Aber schon im nächsten Moment flüsterten Eitelkeit und Selbstsucht ihm zu, daß diese Anhänglichkeit ja nur ein seiner höheren Natur dargebrachter Tribut sei. Er fühlte sich geschmeichelt und sing wirklich an zu glauben, daß es an ihm sei, sich zu beklagen.

»Was ich habe und was ich hatte, gehört Euch, Spence,« gab Patterson mit so einfacher und ruhiger Bestimmtheit zur Antwort, daß jede weitere Erörterung nur eine weitere Beleidigung gewesen wäre, »Ich wollte nur wissen, was Ihr hier zu thun gedenkt.«

»Ich möchte über das Küstengebirge hinüber nach Monieren gehen,« sagte Tucker. »Von dort wird mich einer der Küstenfahrer hinunter nach Acapulco bringen, wo mein Schiff anlegt.«

Patterson schwieg einen Augenblick.

»Ich habe da im Corral 'nen Mustang,« sagte er endlich. »Dessen könnt Ihr Euch leicht bemächtigen und ich brauche erst morgen nachmittag zu bemerken, daß er fort is. In 'ner Stunde,« setzte er hinzu, indem er aus dem Fenster nach dem Himmel blickte, »in 'ner Stunde werden sich die Wolken vollends zusammengezogen haben und 's wird regnen, 's bleibt hell genug, um Euch auf dem gewöhnlichen Wege über die Berge zurecht zu finden, doch aber nicht so hell, daß man Euch leicht erkennen sollte. Seid Ihr nicht imstande, die ganze Tour auf 'nmal zurückzulegen, so kehrt in der Posada oben auf dem Kamme ein. Die mexikanischen Rothäute, welche die Schenke halten, kennen Euch nicht, und selbst wenn sie Euch erkennen sollten, würden sie Euch schwerlich 'was anhaben. Könnten's ja kaum, denn gesetzten Falls sie hätten Lust, Euch zu verraten – wer würde ihnen Glauben schenken? 's is kurios,« fügte er in seiner etwas nebelhaften Weltweisheit hinzu, »ganz kurios; schätze indessen, 's is gerade darum, daß der liebe Gott diese braunen Biester – doch nur so 'ne Art Viehzeug – zwischen den weißen Menschen leben läßt, die er nach seinem Ebenbild« gemacht hat. – Aber wollt Ihr nicht 'nen Bissen essen?« unterbrach er sich in diesen allgemeinen Betrachtungen, indem er die Hälfte einer ungeheuren flachen Kürbispastete hinter dem Schenktische hervorholte.

Spencer ergriff mit der einen Hand das dargereichte Stück, mit der anderen die rauhe Faust seines Gastfreundes und blieb im gierigen Genuß der Speise, wie von seinen Gefühlen überwältigt, einige Augenblicke stumm.

»Ihr seid ein ganzer Kerl, ein echter weißer Mann, Patterson,« gab er endlich zur Antwort. »Ich nehme Euer Pferd an, und werde Euch den Posten buchen und gut schreiben. Sobald diese verfluchte Geschichte vorüber ist, komme ich wieder, und helfe Euch aus der Patsche-, darauf könnt Ihr Euch fest verlassen. Ich vergesse meine Freunde nicht, auch wenn es mir noch so schlecht geht.«

»Das sehe ich,« erwiderte Patterson mit einer Ehrlichkeit und Einfachheit, welche dieser Antwort, ihm selbst wohl am wenigsten bewußt, den Anklang der bittersten Ironie gaben. »Ich sagte 's vorhin noch zum Sheriff, daß Ihr sicherlich nicht davongegangen wäret, ohne 's mir zu sagen, wenn ich Euch in irgend 'ner Art hätte von Nutzen sein können,« Und ohne Tuckers etwas unbehaglichen Blick zu bemerken, fuhr ei fort: »Kann ich Euch sonst noch mit 'was dienen, Spence? Aber ich sehe,« setzte er hinzu, als er bemerkte, daß sein Freund und Patron in groben aber neuen Kleidern steckte, »ich sehe, Ihr habt schon anderes Geschirr aufgelegt.«

»Ja, der Chinese hat das für mich unten am Landungsplätze gekauft,« entgegnete Tucker. »Freilich passen die Sachen nicht besonders und haben weder Stil noch Schick; aber was schadet's am Ende,« fuhr er fort, indem er versuchte, im Mondschein einen Blick in den Spiegel hinter dem Schenktische zu thun. Dann füllte er sein Glas nochmals mit Whiskey, lehnte sich selbstgefällig in den Stuhl zurück und setzte leichtfertig und munter hinzu: »Junge Weibsbilder gibt's doch nicht hier in der Nähe.«

»Nein, außer Eurer eigenen Frau, die heute hier war, wüßte ich keine,« gab Patterson nachdenklich zur Antwort.

Mr. Tucker, der eben von seiner Pastete abbeißen wollte, hielt einen Augenblick inne.

»Uh, richtig!« lief er dann, indem er ein sorgloses Lachen versuchte, dessen unechter Klang aber vor Pattersons melancholischer Miene nicht standhielt, und etwas ernster, wenn auch unter dem Anscheine, als bequeme er sich nur der Stimmung seines Freundes an, fuhr der leichtsinnige junge Mann fort: »Habt Ihr mir darüber noch was weiteres zu sagen?«

»Nichts, als daß Mr. Poindexter mit ihr hier war. Er hat sie nach der Hacienda gebracht, um dieselbe in Besitz zu nehmen, ehe noch die Geschichte ruchbar wurde.«

»Unmöglich!« rief Tucker aufspringend. »Ich glaube nicht – das heißt –« zögernd hielt er inne.

»Ihr meint wahrscheinlich, die Gläubiger würden den Rancho mit Beschlag belegen,« gab Patterson zur Antwort, während er die Augen auf den Fußboden richtete. »Das können sie aber nich, solange Mrs. Tucker fest d'rauf sitzen bleibt, gleichviel ob die Hacienda wirklich ihr Eigentum is, oder ob sie nur für Mr. Poindexter dort haushält. Sie sind 'ne gutes Gespann, und wenn sie richtig zusammen anziehen, kommen sie durch.«

Das Lächeln war langsam von Mr. Tuckers Gesicht verschwunden und jetzt sah er im blassen Mondlicht beinahe steinern aus. Er setzte sein Glas auf den Tisch und trat ans Fenster, während Patterson in seiner düsteren Weise fortfuhr: »Aber das geht Euch eigentlich nichts mehr an. Ihr seid den beiden zuvorgekommen und habt Eure Rache genommen dadurch, daß Ihr mit dem Frauenzimmer, der Inez, 's Weite gesucht habt. Ich hab's immer gesagt, wenn die Leute – besonders was die Weibsleute waren – sich wunderten, daß Ihr 'ne Frau, wie Eure Frau, im Stiche lassen könntet, um Euch an 'ne solche Vettel zu hängen, da habe ich immer gesagt, das würde schon seine Gründe haben. Und als nu Eure Frau mit Poindexter hier angeflitzt kam, eh'r daß sie Euch noch ganz los war, da wird ihnen, schätz' ich, wohl die Geschichte klar geworden sein. Nein, Spence, ich wußte wohl, daß Ihr Euch aus jenem Frauenzimmer nichts macht, und daß es nich um ihretwillen geschah. Und wenn ich's noch nich gewußt hätte, so würde ich's vorhin weggekriegt haben, als Ihr mir so schlankhin erzählt hattet, daß sie mit dem Schiffe fortgesegelt wäre, und Euch hernach Eure Pastete und Euren Whiskey so gut schmecken ließt. Da habt Ihr meine Hand, Spence! Ihr seid so 'n bißchen'n Hanswurst, aber doch 'n ganzer Kerl! Na was is denn nu wieder los?«

So oberflächlich und selbstsüchtig Tucker auch sein mochte, so waren Pattersons Worte doch gleich einem Blitze in seine Seele gefallen und hatten ihn tief erregt – ebenso tief vielleicht, wie sie einen besseren Mann nur hatten erregen können. Hatte er früher, in seiner maßlosen Eitelkeit und Oberflächlichkeit, die Liebe und Treue seiner Frau hauptsächlich auf Rechnung seiner Erfolge und der daraus entspringenden allgemeinen Beliebtheit gesetzt, so machten ihn dieselben Eigenschaften jetzt, da all der Glanz von ihm abgefallen war, dem niedrigsten Verdachte zugänglich. Er war ein entehrter Flüchtling, sein guter Name wie sein Vermögen waren verloren – warum sollte sie ihn nicht verlassen? Er war ihr aus Uebermut, aus Laune untreu gewesen – war es nun nicht ganz natürlich, daß sie aus Berechnung und zu ihrem wohlerwogenen Vorteil treulos wurde? Er vertiefte sich sogar mit einer Art von Schwelgerei in den Gedanken, denn lag hier nicht wirklich Grund genug zu der Befürchtung vor, daß er eine große und schöne Liebe verloren hatte, und mußte ihn das nicht vollends elend machen? Außerdem fand der Komödiant in ihm hier seine volle Rechnung, und so erwiderte er den Händedruck seines Freundes mit krampfhafter Innigkeit und lehnte seine Stirn an dessen Schulter, wobei er mit Befriedigung den tiefen Eindruck empfand, welchen sein Unglück auf den ihm mit hündischer Treue und Anhänglichkeit ergebenen Patterson hervorbrachte. Es war ihm ein Genuß, seine Trauer vor dem teilnehmenden, melancholischem Manne zur Schau zu stellen.

Plötzlich richtete er sich auf, trat einige Schritte zurück und verbarg seine Hand mit theatralischer Gebärde im Busen.

»Was hält mich ab, Poindexter auf der Stelle umzubringen!« schrie er wütend.

»Nichts, als daß er Euch vorher totschießen würde,« entgegnete Patterson. »Er is, wie alle alten Soldaten, verflucht hitzig und mit 'ner Kugel schnell bei der Hand. Schätze, 's hätte nich viel gefehlt, so hätte er heute mich übern Haufen geschossen.«

»Mischt Euch nicht ein, Patterson, es ist nicht Eure Sache,« sagte Tucker, indem er noch einmal die Hand des Freundes ergriff und drückte. »Ueberlaßt den Burschen mir. Ich werde ihn zu finden wissen, wenn ich zurückkomme. Spart ihn für mich auf.«

»Wenn er mich nur aufspart,« gab Patterson düster zur Antwort, »Schätze, er würde keine großen Umstände mit mir machen. Scheint 'n paar kleine Bemerkungen über Eure Frau so übelgenommen zu haben, als ob sie 'ne Königin oder 'n Engel wäre.«

Spencer wurde rot und wandte sich verlegen nach dem Fenster, »Es wird jetzt finster genug sein, um mich auf den Weg zu machen,« sagte er ablenkend. »Wenn ich ohne Aufenthalt über die Berge kommen könnte, hätte ich einen ganzen Tag gewonnen.«

Patterson stand auf, ohne ein Wort zu sagen, füllte eine kleine Flasche mit Branntwein, reichte sie dem Freunde und führte ihn dann stumm hinaus in den sanften Regen und die Finsternis. Der Mustang war schnell angefangen und gesattelt, und ein großer, dicker Poncho – einer jener mexikanischen Mäntel, welche man aus wollenen Decken dadurch herstellt, daß man in der Mitte ein Loch zum Durchstecken des Kopfes einschneidet, schützte Tucker sowohl vor dem Regen, wie vor der Gefahr erkannt zu werden. Er schüttelte Patterson nochmals die Hand, nahm mit einigen eiligen, abgerissenen Worten und mit zerstreuter Miene Abschied von ihm und verließ vorsichtig den Corral. Sobald er außer der Gehörweite des Hauses war, gab er seinem Pferde die Sporen und jagte im Galopp davon.

Um den Bergpfad zu erreichen, mußte er an einer Stelle die Straße, welche seine Frau heute morgen gegangen war, kreuzen, und in der Entfernung von etwa einer halben Stunde an der Casa vorüberreiten, unter deren Dache sie jetzt weilte. Aber schon, lange ehe er diesen Punkt erreichte, hielt er die Augen nach der Gegend gerichtet, um wo möglich eine Spur der ihm wohlbekannten Stätte zu erblicken. Ei hatte sich bereits an die gleichmäßige Dunkelheit gewöhnt, welche Augentäuschungen weniger begünstigt, als der Wechsel von Licht und Schatten unter den ziehenden Wolken, ja selbst als heller Mondenschein, und glaubte wirklich die niedrigen Dächer und Mauern über die einförmige Fläche emporragen zu sehen. Einer jener Impulse, welche bei seinem Charakter so oft an die Stelle überlegter Entschlüsse traten, bestimmte ihn plötzlich, von seinem Wege abzuweichen und sich der Hacienda zu nähern. Warum er es that, hätte er sich selber schwerlich zu erklären vermocht. Er handelte weder unter dem Einflüsse eines eifersüchtigen Verdachtes, noch von Rachegelüsten getrieben – diese Empfindungen waren nur Schaugerichte für Patterson gewesen – und ebensowenig entsprang sein Thun etwa einem in seinem Herzen schlummernden zärtlichen Gefühle für die Frau, die er so schändlich verlassen. Im Gegenteil, er würde jetzt einem Zusammentreffen mit ihr vorsichtig aus dem Wege gegangen sein. Wahrscheinlich war ihm der leitende Grund selbst vollkommen unklar; er folgte nur einem unbestimmten Drange zu einem ebenso unbestimmten Ziele, oder handelte auch nur in dem instinktiven Bedürfnisse, gewissen Gedanken zu entfliehen, welche ihm unbequem waren, die er aber doch nicht so ohne weiteres abzuschütteln vermochte. Genug, er gab einem Zuge nach, den man, da jeder denkbare menschliche Grund dafür fehlte, vielleicht um seiner Folgen willen, als eine Fügung des Schicksals, als ein Verhängnis, hatte bezeichnen können.

Tucker Verließ die Straße an einer ihm wohlbekannten Stelle, wo Marsch- und Wiesenland zusammenstießen und in deren Nähe ihn tags vorher der Chinese ausgesetzt. Er hatte von dem Platze aus, wo er, in den Binsen versteckt, den Anbruch der Nacht abgewartet, die Mauern der Hacienda deutlich gesehen und wußte jetzt, daß die Gestalten in der Nähe der Gebäude, welche ihn bei seinem ersten Landungsversuche zurückgescheucht hatten, seine Frau und sein Freund gewesen sein mußten. Er glaubte sich zu erinnern, daß zwischen ihm und der Hacienda ein langer Wassergraben, eine Art Lagune lag, welche längs der Marschen hinlief und sich bei steigender Flut mit Seewasser füllte, und bald belehrte ihn das Einsinken der Hufe seines Pferdes in den schlammigen Boden, daß ihn sein Gedächtnis nicht getäuscht hatte. Um dem zähen Elemente auszuweichen, ließ er sein Tier einen kleinen Bogen nach rechts beschreiben, und plötzlich erblickte er in der Ferne ein Licht, das anfänglich zitternd auf und ab flackerte, dann aber mit ruhiger Stetigkeit zu ihm herüberleuchtete.

Das war ohne Zweifel ein Licht in der Hacienda. Halb mechanisch lenkte er seinen Mustang nach dieser Richtung, und obwohl hier und da das mit der Flut herübertretende Seewasser unter den Hufen des Pferdes aufspritzte, erwies sich doch der Boden, seiner Meinung nach, fest und zuverlässig genug. Die Augen stetig auf das Licht geheftet, ritt er vorwärts. Der Regen begann schwächer zu werden, die Wolken fingen an zu brechen, die Finsternis erhellte sich von Zeit zu Zeit ein wenig und dann wurden die zerbröckelnden Mauern der Hacienda deutlicher sichtbar.

Tucker fand eine eigentümliche, träumerische Ähnlichkeit zwischen dieser Gegend und den langgestreckten Triften des Blaugraslandes, über die er, während er seiner Frau den Hof machte, so häufig in den Abend- und Nachtstunden geritten war. Er dachte daran, wie sie, um ihn von ihrem Daheimsein zu unterrichten, gewöhnlich ein Licht ins Fenster gestellt hatte – und während er sich diesen Erinnerungen hingab, brach der Mond plötzlich durch die Wolken und übergoß die Landschaft mit silbernem Schimmer. Eine Minute später verhüllte er sich wieder und es war nun ganz finster – aber der kleinere irdische Stern da vor dem nächtlichen Reiter leuchtete noch immer, diente ihm als Führer und zog ihn unaufhaltsam an, während die dunkle Nacht ringsum über ihm zusammenschlug.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.