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Eine Blaugras-Penelope

Bret Harte: Eine Blaugras-Penelope - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/harte/blaugras/blaugras.xml
typenovelette
authorFrancis Bret Harte
booktitleVon der Grenze<
titleEine Blaugras-Penelope
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesZweiter Jahrgang.
volumeBand 34.
year1886
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101228
projectid602459f7
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Zweites Kapitel.

Wind und Regen hatten die ohnehin wenig belebte Vorstadt noch mehr verödet und alle etwa unbequemen Pflastertreter verscheucht. Die düster brennenden, sehr dünn gesäeten Straßenlaternen verrieten die flüchtig dahin eilende Gestalt nicht, und kaum hatte sie die zweite Straße überschritten, als sie das Klappern von Pferdehufen hinter sich vernahm. Eine leichte, bedeckte Chaise mit vier hohen Rädern, ein sogenannter Buggy, kam heran, und hielt dicht am Trottoir. Poindexter sprang heraus. Sie stieg schnell ein, aber er behielt die Zügel des ungeduldigen Pferdes noch einen Augenblick in der Hand.

»Das Tier ist ziemlich feurig,« sagte er. »Sind Sie überzeugt, seiner Herr zu werden?«

»Geben Sie mir die Zügel,« erwiderte sie einfach.

Er legte die Riemen in die beiden festen, wohlgeformten Hände, welche sich aus der Tiefe des Wagendaches hervorstreckten, blieb aber noch einen Moment stehen.

»Eine schwere Aufgabe für eine Frau,« sagte er beinahe rauh. »Ich kann Sie leider nicht begleiten – aber sprechen Sie offen – gibt es denn sonst keinen Mann, dem Sie sich anvertrauen dürften? Denken Sie einen Augenblick nach – noch ist's Zeit.«

Er schwieg während er die Spritzleder des Gefährtes zuknöpfte.

»Nein, es gibt keinen,« entgegnete eine feste Stimme unter dem Dache des Wagens hervor. »Es ist auch besser so. Alles fertig?«

»Nur noch einen Moment,« fuhr er in seiner gewöhnlichen, halb scherzenden Weise fort. »Sie haben einen Freund und Landsmann bei sich – wissen Sie das? Ihr Pferd ist Blaugrasblut. Gute Nacht.«

Fort ging die Reise. Das Pferd setzte sich in Galopp, als sei es begierig, seinem Heimatlands, welches auch das der schönen Frau hinter ihm war, Ehre zu machen; aber die feinen, nervigen Hände, die sein Ungestüm mehr nur zu leiten, als zu hemmen schienen, brachten es bald in den seiner Rasse eigenen langen Trab und mußten es stetig darin zu erhalten. Der leichte Buggy rasselte durch die gepflasterten Straßen, um dann, nachdem die Landstraße erreicht war, schnell und geräuschlos wie ein Nebelgebilde dahin zu fliegen.

Mrs. Tucker sah den graziös gerundeten Rücken des Pferdes in strengem Rhythmus vor sich auf und nieder tauchen und empfand den verständnisvollen Druck des Tieres, das sich unter der verantwortlichen Leitung einer starken aber gütigen Hand fühlte, auf dem Gebiß, Der Reiz eines errungenen Sieges rötete ihre kalten, bleichen Wangen, ein Gefühl von Stolz ließ ihr beklommenes Herz höher aufschlagen und ein feuchter Glanz trat in ihre braunen Augen. Die einsame Frau, welche ohne Mann und Heimat durch Sturm und Nacht flüchtete, sie wußte kaum wohin, beugte sich vorwärts zu dem Pferde.

»Bist du wirklich ein Blaugras-Landsmann, mein alter braver Kerl?« fragte sie schmeichelnd. Er bejahte die Frage durch ein freundliches Schnauben mit zurückgewendetem Kopfe. »Und willst du auch gut sein gegen die arme Bell, und ihr nichts zuleide thun?« fuhr sie in liebkosendem Tone fort. Aber hier machte ihn der Zauber ihrer Stimme übermütig und er warf den Kopf so heftig empor, daß Mrs, Tucker den doppelten Triumph hatte, die Leidenschaft zügeln zu müssen, die sie geweckt.

Um in diesen ersten Abendstunden belebtere Gegenden zu vermeiden, war beschlossen worden, daß sie einen etwas weiteren, aber jetzt ganz einsam liegenden Weg einschlagen sollte, nämlich den berühmten Korso von San Francisco, eine mit Kies gut aufgeschüttete Straße, von etwa vier Wegstunden Länge, welche am Meeresstrande entlang, bis zu einem, mitten in den Strandklippen erbauten »Erfrischungstempel« führt. Diese Straße war, dem Wind und dem Regen preisgegeben, jetzt vollständig öde und verlassen; Mrs. Tucker würde dieselbe aus eigenem Antriebe nicht gewählt haben, denn mit der instinktiven Eifersucht aller Ackerbauer und Viehzüchter der binnenländischen großen Flußgebiete haßte sie das Meer, und außerdem war der Anblick der weiten Wasserwüste nur zu sehr geeignet, ihr die mit der Flucht ihres Mannes zusammenhängende Vision ins Gedächtnis zu rufen, an die sie nicht mehr denken wollte. Hier auf dem Strandwege angekommen, ließ sich der Verlockung, ihr nachzuhängen, kaum noch ausweichen. Der vereinigte Donner des Windes und der Wellen schlug voll an ihr Ohr, und als der Sturm Mrs. Tucker zwang, das schützende Dach des Buggy zurückzuschlagen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, mit dem leichten Gefährt umgeworfen zu werden, vermochte sie die Augen nicht mehr vor dem wogenden Chaos zu schließen, aus welchem heraus die an den Klippen brandenden, aufschäumenden und wieder verrinnenden Wellen wie bleiche Geister unheimlich zu grüßen und zu winken schienen.

Dann und wann schoß in der Finsternis ein weißer Gischtstreifen zwischen den Rädern des Buggy über den Weg, als ob er in zornigem Zurücklauschen den widerstrebenden Strand mit sich hinabreißen wollte, und der blinde Schrecken des Pferdes, welches bei jeder herandringenden Schaumwelle zur Seite sprang, besiegte endlich die halb abergläubische Furcht, welche sich der einsamen Frau zu bemächtigen drohte. Unter den Bemühungen, das Tier zu beruhigen, gewann sie ihr Selbstgefühl wieder, aber das salzige Naß, das ihrs Wimpern feuchtete, war nur zum Teil sprühendes Seewasser.

Diesem Zustande folgte ein Umschlag in das Gegenteil, welcher vielleicht der vollkommenen Beherrschung des mutigen Pferdes mit entsprang, und eine Weile – sie wußte nicht wie lange – schwelgte sie in einer mahnsinnigen Freude an Macht und Freiheit. Sie vergaß alle Sorgen, vergaß die verlorene Heimat sowie die Trennung von dem geliebten Lebensgefährten, und versenkte sich mit der ganzen Heftigkeit des weiblichen Gemütes in den einen glühenden Wunsch, ein Mann zu sein. Dabei wurde sie nicht gewahr, daß der Weg sich drehte und vom Strande abbog. Erst das lautere Klappern der Hufe auf festerem Boden sagte ihr, daß sie die See jetzt im Rücken hatte und daß sie sich der eisten Station ihrer Reise näherte. Eine halbe Stunde später schimmerten ihr aus der Dunkelheit die Lichter des Wirtshauses entgegen, in dem sie ein anderes Pferd bekommen sollte.

Zum Glück interessierte sich der Hausknecht mehr für das Pferd, welches eine Art Ruf in der Umgegend genoß, als für die verhüllte Gestalt im Schatten des zurückgeschlagenen Wagendaches und führte das Tier nach einer sorgfältigen Betrachtung seiner Hufe und einigen bewundernden Ausrufen, welche seinen vorzüglichern Eigenschaften galten, in den Stall. Mrs. Tucker hätte gern einen zärtlicheren Abschied von ihrem vierfüßigen Landsmanne genommen und empfand ein plötzliches Gefühl von Einsamkeit, als sie den neuen Freund davongehen sah – verhielt sich aber in der Erinnerung an allerlei Vorsichtsmaßregeln, welche ihr Kapitän Poindexter anempfohlen, still und schweigend.

Der offenbar für ihr Ohr bestimmte Ausruf des Hausknechtes: »Na, bringt ihr denn den Mustang für die Señora noch nicht herbei?« setzte sie in einige Verwunderung – aber erst als das neue Pferd vorgespannt war und der Hausknecht sich für das ihm zugeworfene Goldstück, trotz seiner unzweifelhaften angelsächsischen Abkunft mit einem »Gracias!« bedankt hatte, fing der Grund dieser Vorsichtsmaßregel an, ihr klar zu werden – und das Blut stieg ihr bei diesem ersten Verdachte eines Betruges heiß ins Gesicht. Wie durfte er sich erdreisten, sie für eine andere Persönlichkeit auszugeben? Warum reiste sie nicht unter ihrem eigenen Namen, das heißt unter dem ihres Mannes? Sie biß sich heftig in die Lippen und gab sich einer Reihenfolge sehr unerfreulicher Gedanken hin.

Sie dachte plötzlich an Calhoun Weaver und keineswegs mit angenehmeren Gefühlen. Er hörte gewiß schon morgen von dem Sturze Spencers, vielleicht sogar von ihrer Flucht, und in welchem Lichte mußten ihm nun ihre leichtfertigen Reden erscheinen? Würde er glauben, daß ihr der Zusammenbruch ihrer Verhältnisse damals wirklich noch unbekannt gewesen war? Und diesem Gedanken, was andere von ihr halten möchten, schloß sich die viel gewichtigere Frage an, was Spencer empfinden müsse, wenn er sich der Beurteilung und Verurteilung solcher Menschen wie Calhoun preisgegeben sähe. Ob die Leute wohl erfahren würden, daß er sie, seine Frau, in Unwissenheit über seine Flucht gelassen? Ob es Poindexter gewußt, oder sich nur so gestellt hatte? Warum war sie nicht klug und geschickt genug gewesen, ihn glauben zu machen, daß sie bereits unterrichtet sei!

Im Augenblicke haßte sie Poindexter darum, daß er dies Geheimnis kannte. Dann empörte sich ihr stolzer Sinn wieder gegen den Mangel an Vertrauen, welchen Spencer ihr gezeigt. Er hatte offenbar keine große Meinung von ihrem Talent, ihm zu helfen und beizustehen. Natürlich hatte der Arme es nicht übers Herz bringen können, ihr Schmerz zu bereiten, oder sich Leuten wie diesem Calhoun und selbst diesem – wie sie mit einer Art von innerlichem Frohlocken hinzusetzte – diesem Poindexter anzuvertrauen. Aber er hätte ihr doch immerhin, als er sich auf die Flucht begab, eine Zeile senden sollen, wenn auch nur, um sie darauf vorzubereiten, daß sie der Schande allein würde begegnen müssen. In ihrer Herzenseinfalt kam ihr nicht bei, daß sie als Gefühlsirrtum nahm, was die Welt wahrscheinlich als feige Selbstsucht bezeichnete.

Gegen Mitternacht legte sich der Sturm und einige Sterne wurden durch die zerrissenen Wolken sichtbar. Mrs. Tuckers Augen hatten sich an die Finsternis gewöhnt und ihre ländlichen Instinkte, welche in den letzten Jahren während ihres Lebens in der Stadt eingeschlummert waren, wachten urplötzlich wieder in ihr auf. Sie fühlte den kühlen Hauch frisch umgebrochener Felder, sog den kräftigen Duft bereits keimender Saaten und junger Baumsprossen ein und fing an, daran zu denken, ob Los Cuervos wohl in demselben saftigen Grün schimmern würde, wie die heimatlichen Triften. In ihrer Phantasie blitzte ein ehrgeiziger Plan auf, das verlorene Vermögen durch Ackerbau und Viehzucht wieder zu gewinnen. Ihr Geschmack und häuslicher Sinn hatten sich längst gegen die jetzige lieblose, gleichsam mechanische Ausbeutung des so fruchtbaren kalifornischen Bodens empört, welche – da die großen Unternehmer, die ihn betreiben, nur selten ein bleibendes Heimwesen für sich und ihre Familien in diesen Gemarkungen gründen – dem Lande den Stempel der Verödung aufdrückt. Die Vision einer weinumrankten Cottage stieg mit allem heimatlichen Zauber vor ihr auf; aber dieselbe stimmte sie nicht sentimental.

Da ihre vom langen Sitzen erstarrten Glieder anfingen zu schmerzen, so benutzte sie die Sicherheit, welche die Nacht und die Einsamkeit der Felder ihr gewährten, um abzusteigen. Mit hochgeschürzten Kleidern ging sie neben dem Mustang her, bis ihr Blut wieder in raschere Bewegung gekommen war, und die plötzliche Erscheinung eines Prairiewolfes, eines sogenannten Coyoten, sie erschreckte und in den Buggy zurücktrieb. Aber sie fühlte sich durch den Marsch gestärkt und fähig, ihre Reise fortzusetzen. In der früh anbrechenden kalten, grauen Dämmerung langte sie am Ende ihrer zweiten Station an. Hier verließ sie wieder die Hauptstraße, welche bei Anbruch des Tages und durch die Nähe einiger Viehhöfe unsicher wurde. Der Weg war rauh und uneben, und dies, sowie das neue Pferd machten die noch vor ihr liegende Strecke zu der gefährlichsten und anstrengendsten der ganzen Tour. Die wenigen Wagenspuren, welche den Weg bezeichneten, waren oft kaum zu erkennen, führten zuweilen durch Holzschläge und Rodungen, an verdächtigen Morästen entlang, an steilen schlüpfrigen Höhen hinauf, oder schlängelten sich an schroffen Abhängen mit scharfen Biegungen dahin. Einigemal mußte sie sogar aussteigen, um an solchen Abhängen die glitschenden Räder zu stützen, oder, um den Wagen zu erleichtern und ihn durch ausgefahrene Geleise und zähen Schlamm zu bringen.

Endlich vermochte sie im undeutlichen Morgenlichte in der Entfernung die niedrige, von Sümpfen und Kanälen durchschnittenen Marschen zu unterscheiden, hinter denen sich die hellgraue Fläche der untern Bai ausdehnte, sowie die etwas dunkleren Umrisse einer Halbinsel, welche, wie sie wußte, die äußerste Grenze ihres künftigen Wohnsitzes, des Rancho de los Cuervos bildete. Eine Stunde später neigte sich der Weg nach der Ebene hinab und näherte sich wieder der Landstraße, neben welcher er nun beinahe ohne Unterbrechung hinlief. Nach einem etwaigen frühen Reisenden ausspähend, blickte Mrs. Tucker die Straße auf und ab, da sich diese aber nach Norden und Süden in anscheinend gleicher unabsehbarer Einsamkeit vor ihr ausdehnte, lenkte sie kühn und keck in dieselbe ein und trieb ihr Pferd zu möglichst schnellem Laufe, bis sie den seitwärts abbiegenden, nach dem Rancho führenden Fahrweg erreicht hatte.

Hier hielt sie eine Weile und ließ ihrem Mustang die Zügel auf den Rücken fallen. Eine seltsame, unbegreifliche Zaghaftigkeit bemächtigte sich ihrer. Die Schwierigkeiten der Reise waren vorüber, der Viehhof lag, kaum noch eine Wegstunde entfernt, vor ihr; sie hatte den wichtigsten Teil ihrer Aufgabe in der gegebenen Zeit erfüllt – und nun hielt sie unschlüssig und zögernd ihr Pferd an. Was war denn über sie gekommen?

Sie rief sich Poindexters Worte, ihre eigene Begeisterung ins Gedächtnis zurück, aber vergeblich. Alles, was sie noch wußte, war, daß sie sich hier befand, um das Eigentum ihres Mannes in Besitz zu nehmen – aber für diesen einfachen Zweck erschienen ihr plötzlich die Mittel und Wege so übertrieben und lächerlich geheimnisvoll, daß sie sich von Angst vor irgend einem drohenden Etwas, vor einer Gefahr ergriffen fühlte, die sie vielleicht nicht ins Auge gefaßt hatte und in welche sie sich nun blindlings hinein stürzte.

Unter dem Einflusse dieses sonderbaren Gefühls hielt sie noch vor dem sich von der Landstraße abzweigenden Wege, als ein eigentümlicher Ton sie aus ihrer Unentschlossenheit aufrüttelte. Wie ein flüchtiger, unsichtbarer Note der Luft, wie die Ankündigung eines fliegenden Herolds oder eines nahenden Sturmes schwirrte er, erst anschwellend, dann wieder verhallend vorüber und durchschauerte Mrs. Tucker bis ins Innerste. Erschrocken schaute sie in die Höhe, von woher der Ton zu kommen schien, und erblickte über sich zwei Telegraphendrähte. Sie mußte nun, daß sie es waren, welche unter dem Hauche des Morgenwindes diesen vibrierenden Aeolsharfenton von sich gegeben hatten – aber der Anblick weckte eine andere mehr praktische Befürchtung in ihrer Seele. Wurde sie nicht vielleicht in demselben Augenblicke von dem Telegraphen überholt! Hatte Poindexter daran gedacht? Jetzt zögerte sie nicht langer. Die Peitsche berührte den Rücken des ermüdeten Mustang und von neuem trabte er vorwärts.

Als die Fernsicht sich mehr aufklärte, wurde ihre Aufmerksamkeit durch die weißen Segel eines kleinen Bootes in Anspruch genommen, das langsam in dem sich durch die Marschen schlängelnden Kanäle daher kam. Das konnte Poindexter sein, der den näheren Weg zu Wasser benutzt hatte, und sich nun von dem Dampfboote, welches bei Bedarf an dem alten Landungsplätze von Los Cuervos anlegte, herüberrudern ließ. Aber wahrend sie dies Segel nach beobachtete, vernahm sie den Galopp eines Pferdes hinter sich. Schnell drehte sie sich um, und erblickte einen Reiter, der ihr folgte – die momentan aufsteigende Besorgnis verwandelte sich jedoch in ein Gefühl der Erleichterung, als sie die stramme Gestalt und die breiten Schultern Poindexters erkannte, der allerdings mehr denn je das Ansehen einer militärischen Vedette und weniger denn je das eines klugen, vorsichtigen Advokaten hatte.

Mit natürlicher weiblicher Koketterie ordnete Mrs. Tucker, ehe er herankam, ihr etwas in Unordnung geratenes Haar.

»Ich dachte, Sie befänden sich in jenem Boote!« rief sie ihm entgegen.

»Nein,« gab er lachend zur Antwort. »Ich war auf der Landstraße um zwei Stunden hinter Ihnen und habe vergeblich nach Ihnen ausgeschaut, bis ich Sie endlich da oben an dem abbiegenden Wege offenbar unschlüssig halten sah.«

»Aber wer kann in jenem Boote sein?« fragte Mrs. Tucker, halb in der Absicht, ihre Verlegenheit zu verbergen.

»Wahrscheinlich ein Chinese, der seine Gartenfrüchte in der Morgenfrische zu Markte fährt. Aber Sie sind bereits in Sicherheit und haben Ihren Zweck erreicht, denn Sie befinden sich auf Ihrem eigenen Grund und Boden. Vor etwa fünf Minuten haben Sie die Grenze Ihrer Besitzung überschritten – und sehen Sie! – alles, was da vor Ihnen liegt, vom Landungsplätze bis zu dem Küstengebirge hinab, ist Ihr Eigentum.«

Der halb scherzende Ton erheiterte Mrs. Tucker nicht. Sie schauerte leicht zusammen, als sie ihr Auge über diese gleichförmige, beinahe unabsehbare, nur von Gras und Seebinsen bewachsene Fläche hinschweifen ließ.

»Es sieht vielleicht nicht besonders schön aus, aber der Boden ist der fruchtbarste in ganz Kalifornien, und an dem Landungsplätze da unten wird einmal eine Stadt stehen. Sie können dieselbe ›Blaugrasville‹ nennen, – Aber Sie scheinen abgespannt und erschöpft,« fuhr Poindexter im Tone halb humoristischer Teilnahme fort.

Mrs. Tucker gab sich Mühe, eine in ihren Wimpern hängende Thräne zu verbergen.

»Sind wir bald da?« fragte sie.

»Beinahe. – Sie wissen, daß Sie nicht gerade in einen Palast kommen,« gab er mit derselben halb teilnehmenden, halb spöttischen Heiterkeit zur Antwort, »Sie finden nur die alte Casa, welche seit Jahren nicht bewohnt ist; aber ich halte es für besser, daß Sie dort wohnen, als in der Nahe der Arbeiterhütten. Kein Mensch wird eine Ahnung davon haben, wann sie von der alten Casa Besitz ergreifen, wahrend man in den Hütten die Stunde Ihrer Ankunft genau wissen würde, und, falls man Ihnen Schwierigkeiten in den Weg legen sollte –«

»Wenn man mir Schwierigkeiten in den Weg legen sollte?« fragte Mrs, Tucker, indem sie ihre offenen, ehrlichen Augen zu Poindexter erhob.

In diesem Moment machte sein Roß – allem Anschein nach ganz zufällig von den Sporen berührt – einen Seitensprung und so vergingen ein oder zwei Minuten, ehe er ihr die verlangte Erklärung geben konnte.

»Ich meinte nur, falls das einmal als Beweis angeführt werden sollte –«, sagte er. »Aber da wären wir ja angekommen.«

Was aus der Entfernung wie ein sich mitten aus der flachen Ebene erhebender grüner Hügel ausgesehen hatte, entpuppte sich jetzt in der Nähe als ein Sammelsurium von Mauern aus ungebrannten Backsteinen, das von Büschen und Schlingpflanzen überwuchert war und sich äußerlich in nichts von dem gewöhnlichen öden, verlassenen und verfallenen amerikanisch-spanischen Ansiedelungen unterschied. Die ehemaligen Spitzbogenfenster, welche sich jetzt nur noch als Löcher und Spalten in den Mauern präsentierten und mit Strauchwerk und Gras ausgefüllt und überwachsen waren, gestatteten keinen Einblick in das Innere, und erst, nachdem die Ankömmlinge einen verfallenen Corral, d. h. eine Einfriedigung für das Vieh, passier hatten, gelangten sie in den Patio, den Hof, der Casa.

Die Veranda mit ihren von der Sonne, dem Regen und dem ewigen Winde gebleichten hölzernen Säulen und Sparren, an welchen sich noch einige verwitterte Lederriemen wiegten, gab allein noch Kunde von dem ehemaligen Bewohntsein des Platzes, aber an diesen letzten Resten haftete wenigstens weder ekelerregender Schmutz noch der Moder des Verfalls. Im Gegenteil füllte ein seiner Duft von vertrockneten Kräutern die öden Mauern; nirgends zeigte sich eine Spur von Schwamm- oder Schimmelbildung und nur trockener Blütenstaub schien sich in den dunklen Winkeln angehäuft zu haben. Die Elemente hatten das Gerippe der alten Ansiedelung rein genagt und gewaschen, ehe sie es vollends zerstörten.

Ein ebenso vertrocknetes, kleines altes Weib, deren Kleidung, Gestalt und Haarfarbe sie wie einen Teil der verwitterten Trümmerstätte erscheinen ließen, raschelte aus einer niedrigen, gewölbten Eingangsthür hervor, bewillkommnete die Gäste mit schwacher, knarrender Stimme und lud sie ein, näher zu treten. Mrs. Tucker folgte ihr in die dämmerige Behausung und war erstaunt, im Inneren zwei oder drei bewohnbare Räume zu finden, welche sogar einige schwache Versuche erkennen ließen, sie behaglich einzurichten und auszuschmücken. Vor allem aber waren sie trocken und peinlich sauber gehalten – zwei Eigenschaften, welche in Mrs. Tuckers weiblichen Augen für die sonstige Aermlichkeit Ersatz boten.

»Ich konnte von San Bruno, der nächsten kleinen Stadt, nichts herüberschicken, ohne Verdacht zu erregen,« erklärte Poindexter, »aber wenn Sie es über sich gewinnen, hier einen Tag und eine Nacht zu bivouakieren, werde ich einen unserer chinesischen Freunde da draußen auf dem Kanäle beauftragen, als Rückfracht alles Notwendige für Sie mit herüber zu bringen. Wir laufen da auch keine Gefahr, verraten zu werden, denn nach den Gesetzen Kaliforniens können Chinesen und Indianer nicht Zeugnis gegen einen Weißen ablegen. Und nun lassen Sie mich Ihnen lebewohl sagen, denn ich muß das aufwärts gehende Dampfschiff noch erreichen und der Landungsplatz liegt fünf Wegstunden von hier. Morgen komme ich wieder und hoffe, Ihnen einen Plan für die Zukunft unterbreiten zu können. Das Schwerste ist vorüber,« fügte er dann in ernsterem Tone hinzu, indem er ihre Hand einen Moment in der seinigen hielt. »Lassen Sie mich aussprechen, daß Sie die Probe vortrefflich bestanden haben, Mrs. Tucker.«

In der leichten Verlegenheit, welche sich ihrer bei diesem plötzlichen Umschlagen seines Tones bemächtigte, empfand sie, daß ihr Dank sehr gemessen und kühl herauskam. Aber Poindexter unterbrach sie.

»Danken Sie mir nicht,« rief er, sofort in die frühere leichte Ironie zurückfallend. »Ich habe nur gethan, was meines Amtes ist, das heißt, ich habe Ihnen Rat erteilt. Alles übrige haben Sie selbst vollbracht und zwar wie eine wackere, mutige Frau – echtes Blaugras, möchte ich sagen. Und nun leben Sie wohl.« Damit schwang er sich auf sein Pferd, kehrte aber, als komme ihm noch ein Gedanke, nochmals um, lenkte das Roß dicht an sie heran und sagte: »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich in den nächsten Tagen wenig fremde Menschen sehen und mich von allen Neuigkeiten so fern zu halten suchen, wie dies einer Frau nur immer möglich ist,« Dabei lachte er wieder, warf ihr einen halb galanten, halb militärischen Gruß zu und sprengte davon. Die Frage, welche Mrs. Tucker am meisten auf dem Herzen lag, die, auf welche Weise sie sich mit ihrem Mann in Verbindung setzen könne, blieb unausgesprochen. Aber sie hatte wenigstens Poindexter gegenüber ihrem Stolze nichts vergeben.

Mrs. Tucker wendete sich zurück in das Haus, um gleichsam mechanisch die Kleinigkeiten wegzuräumen, welche sie mitgebracht hatte, sowie die wenigen vorhandenen Geräte und Möbel nach ihrem Geschmacks zu ordnen. Der gänzliche Mangel an Schränken, Kasten, Haken, ja selbst an Fensterwirbeln, die man als Haken hätte benutzen können, brachte sie bei diesem Bestreben allerdings einigermaßen in Verlegenheit, und nachdem der alten Concha gänzliche Unfähigkeit, zu erraten, was sie suchte, sie überzeugt hatte, daß alle diese Dinge in Los Cueruos unbekannt und nicht zu beschassen seien, gab sie dasselbe vorläufig auf. Ueberdies blieb ihr, da ihr mangelhaftes Spanisch kaum zur Verständigung über das Notwendigste ausreichte, selbst die Erleichterung durch ein Gespräch mit dem einzigen lebenden Wesen im Hause versagt, und sie mußte sich mit dem vertrockneten Lächeln und den verwitterten Knicksen begnügen, welche die Alte ihr wie dürre Blätter auf den Weg streute.

Am Nachmittage endlich, als das Haus in dem gleichmäßig sausenden Winde anfing, wie eine leere Muschel zu singen und zu klingen, vermochte sie die Einsamkeit des Zimmers nicht länger zu ertragen. Sie schritt über die hölzerne Veranda, durch welche der Wind pfeifend strich, und über den im blendenden Sonnenschein liegenden Patio hinaus durch das offene Thor. Aber die Aussicht, welche sich ihr bot, war nicht geeignet, ihren Mut und ihre Stimmung zu heben. Eine weite Fläche, welche sich bis zu dem fernen Küstengebirge hinzog, lag pfad- und schattenlos vor ihr und wurde auch durch die wenigen vorhandenen Gruppen von Zwergeichen nicht unterbrochen, denn aus dieser Entfernung gesehen, erschienen sie nur wie kleine moosige Bodenschwellungen, die sich kaum über die endlose Ebene erhoben. Nach der anderen Seite hin setzten die Marschen die Einförmigkeit fort und trugen sie, von nur undeutlich wahrnehmbaren Wasserstreifen durchschossen, bis zu der fernen Bai hin, welche wie eine schwache graue Linie den Horizont begrenzte. Anscheinend unbewegliche, auf den Grastriften verstreute schwarze Flecken gaben dem Namen Los Cuervos (Aaskrähenland), welchen die Besitzung trug, eine unheimliche Bedeutung, und graue Wolken von Strandläufern, die sich hier und da aus den Marschen erhoben und unter dem Winde verschwanden, waren das einzige Zeichen von Leben in der endlosen grünen Wüste. Selbst das weiße Segel von heute morgen war nicht mehr sichtbar.

Da stand sie, bis die Augen sie schmerzten und ihre in dem kalten Winde erstarrenden Glieder sie erinnerten, die Wärme des geschützt liegenden Patio zu suchen. Hier machte sie den Versuch, mit einer helläugigen Lazerte – einem schönen gold- und blaugefleckten Tierchen, vor dem sie vielleicht zu anderen Zeiten die Flucht ergriffen hätte – Freundschaft zu schließen. Das kleine Geschöpf sonnte sich in der Veranda und seine Schönheit und Furchtlosigkeit reizten die einsame Frau, sich mit ihm bekannt zu machen. Sie streute dem Tierchen Brotkrumen hin, ohne durch diese falsch angebrachte Güte etwas anderes zu erreichen, als daß es vor Verwunderung starr und steif wurde. Mrs. Tucker fragte sich, ob es ihr hier nicht etwa gehen werde, wie jenen Gefangenen, von denen sie gelesen, daß sie in der Abgeschlossenheit ihrer Zelle irgend ein häßliches, widerwärtiges Tier liebgewonnen hätten, und empfand beinahe etwas wie Sehnsucht nach den: Mustang, der samt dein Buggy gleich nach ihrer Ankunft von einem unbekannten Manne davongeführt morden war. War sie denn nicht auch eine Gefangene? Die gitterlosen Fenster, die offenen Thüren und Thore schienen dem freilich zu widersprechen – aber die sie umgebende pfadlose Wüste hielt sie nicht weniger gefangen. Poindexter hatte ihr gesagt, daß die Ansiedelungen der Arbeiter etwa zwei Stunden von der alten Casa lägen – dorthin wollte sie gehen. Doch hatte sie ihm nicht versprochen, hier Zu bleiben, bis er wiederkam?

In tödlicher Einförmigkeit schlich der lange Tag dahin, und freudig bewillkommnete Mrs. Tucker die Nacht, welche wenigstens die trostlose Aussicht verhüllte. Aber eines dauerte fort. Der schreckliche Wind, welcher ihre Nerven aufregte und dessen eintöniges Sausen ihr unbeschreibliche Qualen verursachte, blies weiter. Als sie endlich vor Erschöpfung dennoch einschlief, wehte er um ihr Kopfkissen, schien sie voll Ungeduld aufzufordern, ihm zu folgen, und brachte ihr fieberhafte Träume von Spencer, den sie müde und mit wunden Füßen unter seinen unbarmherzigen Flügelschlägen und seinem klagendem Geheul dahinwanken sah. Sie wollte dem Geliebten zu Hilfe kommen, aber als sie ihn erreicht hatte und ihre Arme nach ihm ausbreitete, trieb der Sturm sie mitleidslos an ihm vorüber und weiter – immer weiter, während Spencer verzweiflungsvoll hinter ihr zurückblieb.

Der helle Tag schien bereits in die Fenster, als Mrs. Tucker erwachte. Der gewöhnliche nächtliche Gewitterguß der Regenzeit hatte weder an dem glänzenden Himmel noch auf den grünen Triften eine Spur Hinterlassen-, die warme Morgensonne hatte den Patio bereits wieder getrocknet – nur der unablässig sausende Wind war noch derselbe.

Mrs. Tucker erhob sich mit einem festen Entschlüsse. Sie hatte gestern abend von der alten Concha erfahren, daß sich in der Nähe der Arbeiterniederlassung auch eine Tienda, ein Kramladen für die Viehtreiber und Hirten des Rancho befand, und da sie notwendig einige Kleinigkeiten brauchte, wollte sie dies als Vorwand benutzen, um sich dorthin zu begeben und sich eine Weile da aufzuhalten. Sie war sicher, niemand zu treffen, der sie kannte, aber selbst wenn es der Fall sein sollte, schien ihr dies noch immer einem weiteren in so peinlicher Ungewißheit hingebrachten Tage vorzuziehen.

Als sie das Haus Zerließ, schien der Wind sie zu packen und fortzuführen, gerade so, wie sie es im Traume erlebt. Schon nach wenigen Augenblicken waren die niedrigen Mauern der Casa hinter ihr wie in die Erde versunken und sie befand sich mit dem Winde allein auf der im scharfen Sonnenlicht glitzernden Ebene. Einige Krähen segelten mit schräg gestellten Flügeln vor ihr im Winde dahin und von den Marschen her ließ sich das Geschrei der Kibitze vernehmen.

So mochte sie, durch die Morgenluft und den Sonnenschein belebt, wohl eine Stunde gegangen sein, als sie der Gruppe von Zwergeichen, die ihr Ziel bildeten, nahe genug gekommen war, um zwei schuppenartige Gebäude zu erkennen, von welchen das eine mit einem Vorbau versehen war, unter dem mehrere Kisten und Fässer standen. Näher kommend, bemerkte sie im Schatten der Bäume zwei oder drei Reitpferds, deren Besitzer auf dem Rande eines Tränktroges saßen. Ueber der offenen Thür stand, mit plumpen Buchstaben auf ein Brett gemalt, das Wort: »Tienda«, welches seine weitere Erklärung durch die an der Thür und an den Fenstern aufgestapelten Waren empfing.

Mrs. Tucker war an die Aermlichkeit und Schmucklosigkeit der Grenzarchitektur gewöhnt, aber neben diesen scharfeckigen, unangestrichenen, roh aufgeführten Schuppen schienen ihr die zerbröckelnden Mauern der alten Hacienda, welche ihr gegenwärtig ein Obdach bot, schön und malerisch. Einer der Reiter, welcher eben etwas aus einer Zeitung vorlas, ließ das Blatt bei ihrer Annäherung sinken und starrte sie an. Ihre Erscheinung rief offenbar eine ungewöhnliche Bewegung in dem Schuppen hervor und als sie atemlos und mit klopfendem Herzen den Vorbau betrat, fühlte sie ein Dutzend verwunderter Augen auf sich gerichtet. Ihr leicht verletzter Stolz empörte sich gegen diese« Musterung und ihr gewöhnlich gleichgültiger, nachlässiger Ton nahm einen noch kühleren Klang an, als sie sich auf den Ladentisch lehnte und die gewünschten Artikel verlangte.

Nur ein tiefes Schweigen gab ihr Antwort und Mrs. Tucker wiederholte ihr Begehren in etwas schärferer Weise.

»Schätze, Sie wollen sich nicht den Anschein geben, als wüßten Sie nicht, daß der Laden hier vom Sheriff mit Beschlag belegt ist,« sagte einer der Männer.

Mrs. Tucker beachtete die Rede nicht.

»Na, ich wüßte nicht, wem das besser bekannt sein sollte, als Spence Tuckers Frau!« rief ein anderer der Männer mit rauhem Lachen, in das die übrigen einstimmten.

Mrs. Tucker sah jetzt, in welche Lage sie sich gebracht hatte, ließ sich aber nicht einschüchtern.

»Ist denn niemand zur Bedienung der Käufer hier?« fragte sie, indem sie ihre klaren Augen voll auf die Umstehenden richtete.

»Da müssen Sie den Sheriff fragen; er war der letzte, den man hier bediente,« gab der Spaßmacher, der sich in jeder kalifornischen Gesellschaft befindet, zur Antwort.

»Ist der Sheriff hier?« fragt«: Mrs. Tucker weiter, ohne das neue Gelächter zu beachten, welches dieser seine Witz hervorrief.

Die, welche in der Thür lehnten, machten für einen Mann aus ihrer Mitte Platz, welcher halb gezogen, halb geschoben in den Laden stolperte.

»Da ist er!« riefen ein halbes Dutzend Stimmen, offenbar in der Erwartung, daß die Gegenwart dieser Persönlichkeit Veranlassung zu einem neuen Spaße geben würde.

Der Mann sah Mrs. Tucker mit bittendem Blicke an.

»Es ist so, Madame,« sagte er dann, »Dieser Laden hier ist mit Beschlag belegt. Aber wenn Sie irgend was brauchen – na, nicht wahr, Bursche,« wandte er sich in befürwortendem Tone an die Umstehenden – »nicht wahr, dann werden wir gegen 'ne Dame nicht ungefällig sein?«

Von der Hinterthür des Ladens her ließ sich ein unwilliges Murmeln, ein Einspruch gegen den Vorschlag vernehmen; aber der größte Teil der Männer gab, vielleicht durch Mrs. Tuckers Schönheit bestrickt, seine Einwilligung.

»Nur,« fuhr der Beamte erklärend fort, »da diese Waren im Auftrage der Gläubiger mit Beschlag belegt sind, müßten Sie den Wert an Geld dafür einlegen, und wenn Sie vielleicht geglaubt haben sollten, Sie könnten die Sachen auf Rechnung nehmen –«

»Aber ich will ja bezahlen, was ich kaufe!« rief Mrs. Tucker, indem eine dunkle Zornesröte in ihrem Gesicht aufstieg. »Ich habe das Geld dazu hier.«

»Das glaube ich wohl!« rief die Stimme, welche vorhin schon von der Hinterthür her protestiert hatte, und ihre Eigentümerin, eine wütende, aufgeregte Frau, drängte sich in den Laden. »Das glaube ich wohl, daß Sie Geld haben! Seht sie nur 'mal an, ihr Männer! Beseht euch nur die Frau des Diebes, des Betrügers! Sie hat natürlich Geld in der Tasche, trägt Diamanten in den Ohren und Ringe an den Fingern. Sie hat natürlich Geld, aber wir haben keins. Sie kann kaufen, was ihr Herze begehrt – wir besitzen keinen Cent, um das Bett wieder zu erstehen, das man uns unterm Leibe weggestohlen hat. Ja, kaufen Sie nur ein, Mrs. Spencer Tucker! Kaufen Sie den ganzen Laden aus, Mrs. Spencer Tucker! Hören Sie? Und wenn Sie daran noch nicht genug haben sollten, so können Sie auch meine Kleider laufen und meinen Trauring, das einzige, was uns Ihr sauberer Mann gelassen hat.«

»Ich verstehe Sie nicht,« gab Mrs. Tucker kalt zur Antwort und wendete sich der Thür zu; aber ihre Gegnerin hatte mit einem Satze den Ladentisch übersprungen und stand zwischen ihr und dem Ausgange.

»Sie verstehen mich nicht!« rief sie. »Vielleicht verstehen Sie auch nicht, daß Ihr Mann diese Männer hier nicht nur um den Ertrag ihrer sauren Arbeit betrogen hat, sondern auch um die Sparpfennige, die sie mit hierher brachten und seinen diebischen Händen anvertrauten. Vielleicht missen Sie gar nicht, daß Ihr Mann meinen Mann um sein bißchen mühsam Erspartes gebracht und ihm dafür die Waren, die Sie jetzt laufen wollen, verpfändet hat, und daß er ein verführter Dieb, ein Fälscher und feiger Ausreißer ist! Und wenn Sie noch immer nicht verstehen sollten, was ich sage, so können Sie's ja in den Zeitungen lesen. Da sehen Sie!« rief das Weib, indem sie das Blatt ergriff, aus dem der Sheriff vorhin den anderen Männern vorgelesen hatte, und auf den Hauptartikel deutete. »Da steht's: ›Fälschung, Schwindel, Unterschleif und Diebstahl‹. Sehen Sie? Und wenn Sie das auch noch nicht verstehen, so hören Sie weiter was da steht: ›Ehrlose Flucht – sein Weib im Stiche gelassen, um mit einer berüchtigten –‹«

»Halt, altes Mädchen, halt. Wirst du schweigen? Nicht 'n Wort mehr!«

Zu spät! Der Sheriff riß der Frau das Zeitungsblatt aus der Hand – aber Mrs. Tucker hatte die Stelle, auf welche jene hindeutete, bereits gelesen. Es war nur eine einzige Zeile – eine Zeile, wie sie ihr bei der gleichgültigen Durchsicht der Tagesneuigkeiten oft genug in die Augen gefallen war und sie mit Verachtung erfüllt hatte. Eheliche Untreue! Sie hatte sich immer gewundert, wie es solche Männer und solche Frauen geben könne, und nun –!

Die Mrs. Tucker umdrängende Menge wich zurück und selbst das wütende Weib verstummte, als sie ihr ins Antlitz sah. Das Gesicht des Spaßvogels war so bleich, wenn auch nicht so steinern unbeweglich wie das der verlassenen Frau, als er halblaut hervorstieß: »Jesus Christus, Sie hat wirklich nichts davon gewußt.«

Die Versammlung begriff sofort die ganze furchtbare Tragweite dieser Vermutung und das erregte Gefühl machte die Leute für einen Augenblick hellsehend. Die Wahrheit enthüllte sich ihnen wenigstens zum Teil und in einem jener seltsamen Umschläge der menschlichen Leidenschaft erwarteten sie nur ein ihr Mitleid anrufendes oder erklärendes Wort von den Lippen der bleichen Frau, um sich ihr mit Leib und Seele zur Verfügung zu stellen. Sie hätte nur einfach die Vorgänge der letzten Tage zu erzählen brauchen, um Glauben zu finden und Thronen, Klagen und Krämpfe hätten ihr das volle Mitgefühl zugewendet. Aber von alledem that sie nichts und geschah nichts. Vielleicht dachte und sah Bell Tucker sogar eine Weile nichts.

Dann faßte sie sich und schritt stolz und aufrecht nach der Thür. Auf der Schwelle drehte sie sich um.

»Ich wiederhole, daß ich Sie nicht verstehe,« sagte sie zu der Frau gewendet anscheinend ruhig, »Aber wenn irgend jemand berechtigte Forderungen an Mr. Tucker haben sollte, so werde ich sie bezahlen, oder sein Anwalt, Kapitän Poindexter, wird sie begleichen.«

Damit hatte Mrs. Tucker das Mitgefühl der Zuhörer verscherzt, aber nicht ihre Achtung, Man machte ihr mit einer gewissen verbissenen Höflichkeit Platz, um sie in den Vorbau hinaustreten zu lassen – nur die Frau brach bei den letzten Worten in ein spöttisches Lachen aus.

»Na, was den Kapitän Poindexter betrifft – so wird der vielleicht Ihre Rechnungen bezahlen, aber mit den Schulden Ihres Mannes –«

»Ist das eine andere Sache,« fiel hier eine wohlbekannte Stimme im wohlwollendsten Tone ein. »Das wollten Sie doch eben sagen, Mrs, Patterson, und Sie haben nie ein wahreres Wort gesprochen,« fuhr Poindexter fort, indem er aus seinem Buggy sprang, »Einen Augenblick, Mrs. Tucker. Kommen Sie, benutzen Sie meinen Buggy, um nach der Hacienda zurückzukehren. Um mich machen Sie sich keine Sorge, Ich lasse mir ein Pferd von dem Sheriff geben – bin hier bekannt und wie zu Hause. Kommt 'mal mit, Patterson; nur um ein paar Schritte, damit uns Eure Frau nicht hört. So, das genügt. Ihr habt eine Forderung von fünftausend Dollar an die Besitzung hier – war's nicht so?«

»Ja.«

»Gut. Nun hört: Auf der Frau, die dort hinfährt, beruht Eure einzige Hoffnung, je einen Cent von Eurem Gelde wiederzusehen. Wenn Eure Frau jene Frau aber noch ein einziges Mal beleidigt, so ist diese Aussicht verloren – und wenn Ihr selbst Euch unterstehen solltet –«

»Was dann?«

»So schwöre ich Euch, so wahr ein Gott in Israel lebt und es einen obersten Gerichtshof in Kalifornien gibt, bringe ich Euch in Euren Schuhen um! ... Halt, hört mich weiter!«

Patterson blieb stehen. Der unverkennbare Ausdruck einer gewissen humoristischen Duldsamkeit gegenüber menschlichen Schwächen hatte Poindexters schwarzen Augen einen verräterischen feuchten Glanz verliehen als er fortfuhr: »Und wenn Ihr es für klug und rätlich haltet, Eurem Weibe die Aussicht auf eine glückliche Witwenschaft, die ich ihr da eben eröffnet habe, mitzuteilen, so könnt Ihr's thun. Ich habe nichts dagegen.«

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