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Eine Blaugras-Penelope

Bret Harte: Eine Blaugras-Penelope - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorFrancis Bret Harte
booktitleVon der Grenze<
titleEine Blaugras-Penelope
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesZweiter Jahrgang.
volumeBand 34.
year1886
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid602459f7
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Erstes Kapitel.

Sie war dreiundzwanzig Jahre alt geworden und hatte, allem Vermuten nach, bis dahin nichts Besonderes erlebt. Ihre Wiege hatte in den weiten Grasdistrikten von Kentucky – dem Blaugraslande Blaugras ( Blue-Grass) nennt man das Gras, welches auf dem reichen Kalkboden von Kentucky und Tennessee wächst und dessen Name als Bezeichnung der ganzen Gegend sowie ihrer Bewohner dient. Anm. d. Uebers. – gestanden und sie war in jenem gemächlichen Behagen aufgewachsen, welches durch die sich ausgleichenden Extreme: kleine Farmhäuser, ungeheure, dazu gehörende Landstrecken, günstige Vermögensverhältnisse, sowie einen vollständigen Mangel an geselligem Verkehr geschaffen wird. Vor ihr lagen alle Möglichkeiten, die das Leben jeder jungen Amerikanerin des Westens vorbehält, und ein Pianoforte in dem Hause mit den kahlen, schmucklosen Wänden, die neuesten Grasschneidemaschinen draußen auf den unabsehbaren Triften, sowie ein Seidenkleid, welches über den unebenen Fußboden des roh zusammengezimmerten Betsaales hinschleifte, konnten bereits als Verheißungen aller dieser Möglichkeiten gelten.

Sie war schön, aber die Macht ihrer Reize erlitt dadurch Abbruch, daß es in den freilich dünn gesäten Nachbarfamilien ebenfalls schöne Mädchen gab. Außer ihrem schmalen, hochspannigen Füßchen schritten andere schmale, hochspannige Füßchen ebenso stolz und graziös über den teppichlosen Estrich der weit verstreuten Blockhäuser – noch andere glänzende, klare Augen waren, wie die ihrigen, imstande, denen von Prinzen und Potentaten zu begegnen ohne die Lider zu senken – einige fanden später wirtlich Gelegenheit die Probe zu bestehen – und die Erbin des Richters der Grafschaft suchte und fand ohne Neid in dem offenen Blicke und dem hochgetragenen Kopfe der Tochter des Grobschmieds das Spiegelbild ihrer eigenen Schönheit.

Unter diesen Umständen hatte sie sich ihrer Zeit mit einein männlichen Individuum derselben Species, einem jungen Manne verheiratet, welcher sein mäßiges Kapital an Wissen und Bildung in der benachbarten kleinen Stadt als Schulmeister verwertete, Nach der Hochzeit hatten sich – den noch ungeschriebenen Gesetzen des Westens gemäß – die Thüren des elterlichen Hauses liebevoll aufgethan, um das junge Paar hinauszulassen, und dasselbe war ohne Bedauern und ohne großen Gefühlsaufwand gegangen, um fern von diesem, ihnen schon allzu bekannten Schauplätze, ein neues Dasein zu beginnen. Mit ihrer Abreise nach Kalifornien, als Mr. und Mrs. Tucker, wurden sie Fremde für das heimatliche Nest im Blaugraslande und dasselbe kannte sie nicht mehr.

Beide junge Leute ertrugen die schlimmen Tage ihres neuen Lebens mit demselben heiteren Mute, wie sie die überraschenden Glücksfälle hinnahmen. In einem Zeitraume von drei Jahren hatte sich der Schulmeister zuerst in einen Advokaten und dann in einen Geldmann umgewandelt, und seine Frau aus dem Blaugraslande fand sich in diese Umwandlungen mit der ihr eigenen Anmut. Sie verstand es, den plötzlichen Uebergang zum Reichtum und zu dem damit verbundenen, neu erworbenen Einflusse zu mildern, und glich die schreiendsten Mißverhältnisse mit geschickter Hand aus. Nur ein Punkt zeigte sich in dem Bereiche aller dieser erfüllten Möglichkeiten als ein störender. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Es war, als hätten die Erfolge ihrer eigenen jungen Jahre auch die Zukunft erschöpft, so daß einer kommenden Generation nichts mehr zu thun übrig bliebe.

Ein heftiger Südweststurm tobte gegen die Fenster der Ankleidezimmer ihres neuen, in einer der hügeligen Vorstädte von San Francisco gelegenen Hauses, und bedrohte die unpassenden und unsoliden Stuckornamente des Balkons und der Simse mit Untergang und Verderben, als Mrs. Tucker durch die Anmeldung eines Besuches in der Beobachtung des Unwetters gestört wurde. Sie fand den gemeldeten Gast, als sie in das Empfangszimmer trat, mit einer halb bewundernden, halb mißbilligenden Betrachtung ihrer Möbel, Tapeten und Gardinen beschäftigt, und erkannte in ihm sofort Mr. Calhoun Weaver, einen ihrer früheren Blaugras-Nachbarn, während sie gleichzeitig mit feinem weiblichen Instinkt herausfand, daß er drauf und dran war, sein angehendes Mißfallen an ihrer Einrichtung auf ihre Person zu übertragen. Mit leichter südlicher Liebenswürdigkeit scheuchte sie dasselbe hinweg, indem sie ihn in vertrauter Weise bewillkommnete und mit seinem Taufnamen begrüßte.

»Schätze, Ihre alten Blaugras-Freunde passen nicht besonders hier in den Firlefanz herein,« sagte er, während er seine Blicke rundum schweifen ließ, als wollte er ihre klaren Augen vermeiden und sich, indem er sich gegen den Eindruck des neuen Glanzes ihrer Umgebung auflehnte, gegen den alten Zauber ihres Wesens wappnen. »Aber ich dachte, ich wollte doch, um der alten Zeiten willen, 'mal mit vorsprechen.«

»Und warum sollten Sie das auch nicht, Cal?« fragte Mrs. Tucker mit ihrem offenen Lächeln.

»Und da ich mich gerade mit 'n paar einflußreichen Freunden auf dem Wege nach Sacramento befinde –« fuhr der Gast noch immer in dem sichtlichen Bestreben fort, sich von ihren Reizen und ihrer Umgebung nicht bethören zu lassen. »Ich bin nämlich mit Senator Dyce von Kentucky und seinem Vetter, dem Richter Briggs, hier – sind Ihnen vielleicht bekannt, oder wenigstens kennt Spencer – wollte sagen Mr. Tucker – die beiden Männer.«

»Schätze, daß es so ist,« erwiderte Mrs. Tucker lächelnd. »Aber erzählen Sie mir etwas von den jungen Burschen und Mädchen daheim und auch von sich selber. Sie sehen sehr wohl aus, und als ob es Ihnen gut ginge.« Hier machte sie eine kleine Pause, um die letztere Bemerkung, welche einer schweren, etwas absichtlich zur Schau getragenen goldenen Uhrkette galt, wirken zu lassen.

»Ich wußte nicht, ob Ihnen viel dran läge, 'was aus dem alten Blaugraslande zu hören,« sagte er ein wenig besänftigt. »Bin selbst 'ne Weile von dort weg gewesen,« und da sich seine Eitelkeit unter dem Verdacht eines leisen Anklanges von Gönnerhaftigkeit in dem Wesen seiner Wirtin sofort aufbäumte, fügte er hinzu: »Es geht den Leuten dort gut – vielleicht ebenso gut wie manchen anderen.«

»Und Sie haben sich noch nicht verheiratet,« fuhr Mrs. Tucker, ohne den Stich zu beachten, schelmisch fort. »O, Cal, Cal, ich fürchte, Sie sind noch immer der alte unbeständige Schmetterling. Welches arme junge Ding härmt sich denn jetzt in Vineville um Sie ab?«

Bei dieser Anspielung auf seine altmodische, häufig den Gegenstand wechselnde Galanterie wurde Cal vor Vergnügen rot bis über die Ohren.

»Na, sehen Sie, Bell,« sagte er, sich vor innerlicher Befriedigung schüttelnd – »sehen Sie, wenn Sie von alten Zeiten sprechen, und etwa denken sollten, ich trüge es Spencer nach, daß –«

Aber Mrs. Tucker unterbrach diesen nutzlosen, sentimentalen Rückblick, indem sie schalkhaft und warnend zugleich den Finger aufhob.

»Genug davon!« sagte sie. »Aber ich bin so neugierig, von Ihnen zu hören, wie es den alten Bekannten geht, daß Sie zum Mittagessen bleiben und mir viel erzählen müssen. Leider treffen Sie Spencer nicht zu Hause; er ist noch nicht von Sacramento zurück.«

So angenehm nun auch Cal Weaver ein têtê-à-têtê mit seiner ehemaligen Nachbarin hier inmitten ihres Glanzes und Reichtums gewesen wäre, so verstieß es doch zu sehr gegen seinen Stolz und vertrug sich zu wenig mit seinen angeblichen notwendigen Geschäften, um es anzunehmen. Außerdem empfand er mit einem gewissen Unbehagen, daß sich hinter Mrs. Tuckers einfacher, ungezwungener Art eine größere Ueberlegenheit versteckte, als er während des früheren Verkehrs an ihr bemerkt hatte. Es wäre ihm im Grunde lieber gewesen, sie hätte sich aufs hohe Pferd gesetzt und herablassende Manieren angenommen, denn damit hätte man sich abfinden und sie ihr schließlich verzeihen können. So stammelte er denn einige nichtssagende Entschuldigungen und sprach von Mangel an Zeit, während er doch gemächlich sitzen blieb. Er hoffte heimlich noch immer auf eine Gelegenheit, ihr etwas Unangenehmes zu sagen, was sie aus ihrer heiteren, gelassenen Ruhe aufstörte, um so einen Teil seines eigenen Aergers auf sie zu übertragen.

»Schätze,« sagte er, indem er endlich zögernd auf die Thür zuschritt, »schätze, Spencer hat sich bei seinen Unternehmungen ordentlich vorgesehen. Das Geschäft mit dem Alameda-Damme, von dem man so viel spricht, ist 'ne gewaltige Sache – vielleicht zu gewaltig für ihn, wenn man's ihm 'mal allein auf dem Hälfe ließe. Aber ich denke, er ist an Wagnisse gewöhnt.«

»Gewiß,« entgegnete Mrs. Tucker heiter, »er hat es ja gewagt, mich zu heiraten.«

Mr. Cal Weaver lächelte, konnte aber der Gelegenheit zu einer galanten Anspielung nicht widerstehen, »Aber Sie sind desto weniger zu Wagnissen geneigt,« sagte er.

»Warum nicht? Habe ich doch Spencer zum Manne genommen,« gab Mrs. Tucker zur Antwort.

Mr. Calhoun Weaver war ein Mensch und unterlag diesem letzten Streiche bezaubernden Uebermutes. Er brach in ein schallendes, diesmal echtes Gelächter aus und schüttelte Mrs. Tucker herzlich die Hand, indem er rief: »Na, das ist echter Blaugrashumor, den hat so leicht kein anderer.« Noch immer lachend verließ er das Zimmer, blieb aber in der Vorhalle stehen, um der herbeieilenden Dienerin vertraulich zu erklären: »Blaugras für immer – könnt Euer Leben drauf verwetten.« Dann öffnete er die Hausthür und wurde allem Anscheine nach von dem Sturme draußen verschlungen.

Auf Mrs. Tuckers Lippen blieb ein Lächeln stehen, bis sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war; auch dann, als sie den Blick bereits wieder nach der vom Sturme gepeitschten Wasseroberfläche der Bai hinaus gerichtet hatte, leuchtete es noch für einige Minuten in ihren Augen weiter. Vielleicht schwebte ihr eine Erinnerung aus den friedlichen, in jenen stillen Ebenen verlebten Jugendtagen vor, aber wir müssen es dahingestellt sein lassen, ob bei diesem Rückblick eine sanfter schwingende Saite ihres Herzens erklang, und ob ihr das Bild aus der Jugendzeit interessanter vorkam, als die klaren, scharfen Umrisse ihres jetzigen Lebens.

Außerdem gingen diese Erinnerungen bald in der eifrigen Beobachtung eines Bootes unter, welches, dem Winde gerade entgegen, soeben um die Alcatraz-Insel bog. Obgleich das kleine Fahrzeug fast nur wie ein dunkler Fleck in der grauen Schaummasse erschien, ließ sich bei genauerem Hinsehen doch erkennen, daß es eines der italienischen Fischerboote mit lateinischen Segeln war, die so häufig die Bai kreuzen, und obwohl es mehr als einmal hinter den Schleiern eines niederstürzenden Regengusses verschwand, um dann aufs neue in dem schäumenden Gischt sichtbar zu werden, verfolgte sie seinen mühsamen, aber streng innegehaltenen Kurs nach dem offenen Kanal mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Bei einem momentanen Zerreißen der dunklen Wolkenmassen erschienen draußen die Konturen der »Goldenen Pforte« und dazwischen kam ganz unvermutet das Ziel des kleinen Fahrzeuges – ein großes Schiff, welches bisher im Nebel verborgen gelegen hatte, zum Vorschein. Während sich die Entfernung zwischen Boot und Schiff sichtlich verringerte, verschwanden beide plötzlich wieder in einem Regenschauer, und als dieser aufhörte, verfolgte das Schiff bereits langsam seinen Weg nach der offenen See. Das Boot war verschwunden. Vergeblich wischte Mrs. Tucker die angelaufene Fensterscheibe mit ihrem Taschentuche ab – das kleine Fahrzeug kam nicht wieder zum Vorschein, Indessen hatte sich das Schiff der »Goldenen Pforte« genähert und zeichnete sich, als es die schützende Landspitze verließ, einen Moment mit allen seinen Rahen und Segeln scharf und deutlich wie eine schwarze Totenlade gegen einen lichten, glänzenden Streifen am Horizonte ab. Dann schien es allmählich in der wachsenden Dunkelheit zu versinken. Ein abermaliger Regenguß, der gegen die Fenster schlug, verwischte das Bild und der Eintritt einer Dienerin zog die Aufmerksamkeit der Zuschauerin vollends davon ab.

»Kapitän Poindexter, Ma'am!«

Mrs. Tucker zog fragend die schönen Augenbrauen empor. Kapitän Poindexter war ein Freund ihres Mannes und hatte schon oft bei ihnen gespeist. Dessenungeachtet fragte sie:

»Haben Sie ihm gesagt, daß Mr. Tucker nicht zu Hause ist?«

»Ja, Ma'am.«

»Fragte er nach mir?«

»Ja, Ma'am.«

»Sagen Sie ihm, ich würde augenblicklich hinunter kommen.«

Mrs. Tucker verriet mit keiner Miene, daß ihr dieser zweite Besuch noch weniger angenehm war, als der erste. Sie nährte im Innersten ihres Herzens eine Abneigung gegen Kapitän Poindexter, denn sie hatte mit dem Instinkte einer klugen Frau langst erraten, daß er ihrem Manne in vielen Punkten überlegen war, und als gute Ehefrau empfand sie es sehr unangenehm, wenn der Freund die Beweise für diese Thatsache gelegentlich, ganz unbewußt, im engeren Verkehr zur Schau trug. Neben dieser geheimen Eifersucht bestand zwischen ihr und dem Kapitän eine gewisse geistige Gegnerschaft, von deren Dasein indessen nur die beiden Beteiligten Kenntnis hatten. Beide waren philosophische Köpfe und Mrs. Tuckers heiterer, die Dinge gehen lassender Optimismus vertrug sich nicht mit dem gutmütigen, menschenfreundlichen und thatkräftigen Pessimismus des Advokaten.

»Wenn man bedenkt,« hatte Mr. Tucker eines Tages geäußert, »welche Erfahrungen Jack Poindexter in Bezug auf die menschliche Natur gemacht hat, so ist es wirklich wunderbar, wie mild er denkt und wie geneigt er ist, alles zu verzeihen. Du solltest ihn wirklich höher schätzen, Bell.«

»Damit er auch mir seine Verzeihung angedeihen lassen könnte,« hatte Bell lebhaft erwidert.

»Ich verstehe dich nicht, gebe es aber auf, dich zu einer anderen Ansicht zu bekehren,« hatte Mr. Tucker zur Antwort gegeben, und Mrs. Tucker hatte ihm darauf zärtlich die glatte, hohe, aber sehr thörichte Stirn geküßt und gesagt: »Das ist mir lieb, Schatz.«

Inzwischen hatte sich der zweite Besucher wie der erste damit beschäftigt, die Pracht und Herrlichkeit der neuen Einrichtung mit kritischen Augen zu betrachten; aber es lag dabei mehr Teilnahme als Mißbilligung in seinem Wesen, und dieser Ausdruck war nur einmal getrübt worden. Ueber dem Kamin hing eine große Photographie von Mr. Spencer Tucker. Dieselbe war nach der Art dieser höflichen und diplomatischen Kunst im höchsten Grade retouchiert, verschönert und idealisiert, und als Kapitän Poindexter prüfend auf diese langbewimperten, nußbraunen Augen blickte, auf diesen weich herabfallenden schwarzen Schnurrbart, auf die wohlgeordneten Locken um die Stirn und um den vollen Nacken und Hals, welche der à la Byron umgeschlagene Hemdtragen zum Vorschein kommen ließ, da flog ein gutmütig-humoristisches Lächeln über sein Gesicht und eine mitleidig-ungeduldige Empfindung kräuselte seine Lippen.

»Du bist doch ein rechter Hansnarr, mein lieber Freund,« sagte er halblaut zu dem Bilde.

Er stand noch vor der Photographie, als Mrs. Tucker eintrat. Selbst in Gegenwart besagten Kunstwerkes und im Vergleich mit ihm konnte Kapitän Poindexter für einen gut aussehenden Mann gelten, und die wenigen Schritte, welche er Mrs. Tucker entgegentrat, um sie zu begrüßen, verrieten auf der Stelle, daß sein Titel kein nur nach der Sitte des Landes angenommener war. Seine aufrechte Haltung und die vollkommene Herrschaft über seine Glieder bekundeten noch die militärische Schule. Die Bequemlichkeit der westlichen Civilisation hatte es ihm vor drei Jahren ermöglicht, den Dienst zu quittieren und seine Talente in der einträglicheren Beschäftigung als Advokat zu verwerten; aber wenn dieser Tausch ihm auch Schärpe und Epauletten gekostet, so war doch die Gewohnheit, sie zu tragen, in seiner Haltung noch immer unverkennbar.

»Spencer ist in Sacramento,« sagte Mrs. Tucker, nachdem die erste Begrüßung vorüber war.

»Ich wußte, daß er nicht anwesend ist,« entgegnete Kapitän Poindexter, indem er den ihm angewiesenen Stuhl etwas näher schob, »aber das Geschäft, welches mich heute hierherführt, betrifft Sie beide.« Hier hielt er einen Augenblick inne und blickte zu der Photographie empor. »Ich setze voraus, daß Sie von seinen Geschäften keinen rechten Begriff haben – daß Sie nichts, rein gar nichts davon wissen,« fuhr er fort. Sein Ton war dabei so gütig und doch so bestimmt – gleichsam als müsse dieser Punkt festgestellt werden, ehe er weiter sprechen könne – daß sie beinahe mechanisch bejahte.

»Nun denn, Spencer hat sich in große Unternehmungen eingelassen und sie sind schief gegangen. Sind so gründlich verunglückt, daß sie gar nicht schöner hätten verunglücken können!« setzte Kapitän Poindexter nach momentaner Pause hinzu. »Er ist ein bißchen unvorsichtig gewesen – na, Sie wissen ja, wie es so geht. Er behandelte diese Dinge mehr wie ein vergnügliches Kinderspiel und die Folge ist denn auch, wie gewöhnlich, ein regelrechter Krach. Geld, Kredit und alles, was drum und dran hängt, ist zum Kuckuck,« fuhr er lachend fort. »Verstehen Sie wohl – er ist mit Schiff und Geschirr in die Brüche gegangen. Ich spreche in vollem Ernst.«

Dabei zog Kapitän Poindexter die Augenbrauen in die Höhe, wie um einem etwaigen dem seinigen entsprechenden Heiterkeitsausbruche von feiten seiner Zuhörerin zuvorzukommen, und sie vor dem Zuleichtnehmen der Sache zu bewahren. Dann stand er auf, legte die Hände auf den Rücken und sagte, indem er von der ungefähren Höhe der Photographie halb humoristisch auf sie herabblickte: »Ja, es ist gegangen, wie es in solchen Fällen gewöhnlich zu gehen pflegt.«

Mrs. Tucker fühlte, daß er die Wahrheit sprach, und daß es ihm unmöglich gewesen wäre, ihr dieselbe anders als in seiner eigenen Weise mitzuteilen, aber zwischen dem Gewicht des Schlages und dem eigentümlichen Eindrucke, welchen diese Weise auf sie machte, vermochte sie – obwohl im vollen Bewußtsein der Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit des Wortes nichts zu erwidern, als ein kühles:

»Sie wollen doch nicht sagen –?«

Poindexter nickte noch immer lächelnd.

Mrs. Tucker erhob sich. Sie hatte den ersten Schrecken bereits übermunden und ihr Stolz verlieh ihr eine Ruhe, welche dem Gleichmut« Poindexters, der aus einer immer auf das Schlimmste und Aeußerste vorbereiteten Weltweisheit entsprang, wenigstens gleichkam.

»Wo ist Spencer?« fragte sie.

»Auf der See, und jetzt, wie ich hoffe, bereits außerhalb des Bereichs der Verfolgung.«

War das momentane Erscheinen des aus der Bai hinausteuernden Schiffes ein wunderliches Zusammentreffen oder eine Vision gewesen? Einen Augenblick fühlte sie sich verwirrt und schwindlig – aber sie bemeisterte ihre Schwachheit und es gelang ihr, wenn auch mit etwas leiserer Stimme, zu fragen:

»Haben Sie mir keine Botschaft von ihm zu bringen? Hat er Ihnen nichts für mich aufgetragen?«

»Nichts, gar nichts,« gab Poindexter zur Antwort. »Schätze, er hatte große Eile, davonzukommen, ehe der Krach bekannt wurde.«

»Waren Sie nicht dabei, als er abreiste?«

»Nein,« erwiderte Poindexter, den Kopf schüttelnd. »Ich hatte schwerlich meine Zustimmung dazu gegeben. Aber,« setzte er mit entschuldigendem Lächeln hinzu, »er mußte ja natürlich am besten zu beurteilen wissen, was sich thun ließ.«

»Vermutlich wird Spencer mir schreiben, wenn er in Sicherheit ist,« sagte Mrs. Tucker ruhig. »Der Arme wird nur zu viel zu bedenken gehabt haben.«

Sie sprach in so gefaßtem, natürlichem Tone, daß sich Poindexter täuschen ließ. Er ahnte nicht, daß die Frau da vor ihm nur an die Einsamkeit in ihrem verdunkelten Zimmer dachte, und nur das eine, beinahe wahnsinnige Verlangen hegte, sich dorthin zu flüchten.

»Das wird er wohl,« fuhr Poindexter fort, während er die Photographie anblickte. Da aber Mrs. Tucker noch immer stehen blieb, setzte er ernster hinzu: »Indessen war ich nicht gekommen, um Ihnen zu sagen, was Sie morgen früh in den Zeitungen gelesen haben würden, und was Ihnen außerdem jeder andere ebensogut hätte mitteilen können. Ich kam, um wo möglich einen Bruchteil Ihres Vermögens aus dem allgemeinen Untergänge zu retten. Verstehen Sie? Ich möchte einige verstreute Brocken sammeln und sichern.«

»Für ihn?« fragte Mrs. Tucker mit aufleuchtenden Augen.

»Wenn Sie so wollen – natürlich – aber auch für Sie selbst. Kennen Sie den Viehhof de los Cuervos?«

»Ja.«

»Diese Besitzung ist die einzige von seinen Liegenschaften, welche Ihr Gatte nicht verkauft, verpfändet und mit Hypotheken überhäuft hat. Ob er sie absichtlich ausgeschlossen oder nur vergessen hat, weiß ich nicht zu sagen.«

»Aber ich kann es Ihnen sagen,« rief Mrs. Tucker, indem ihr Gesicht wieder etwas Farbe gewann. »Es war das erste Eigentum, das wir erwarben, und Spencer sagte immer, das sollte mir gehören und er wolle ein neues Haus dort bauen.«

Kapitän Poindexter lächelte und nickte dem Bilde zu.

»Ah, das hat er also gesagt! Nun es ist mir Beweis genug. Aber er hat Ihnen wohl nie eine Urkunde darüber gegeben, und morgen bei Sonnenaufgang werden die Gläubiger den Rancho mit Beschlag belegen, es wäre denn –«

»Es wäre denn –?« fragte Mrs. Tucker mit flammendem Auge.

»Es wäre denn, daß man Sie bereits im Besitze fände,« fuhr Kapitän Poindexter fort.

»Ich werde mich sogleich hinbegeben,« sagte Mrs. Tucker.

»Das werden Sie natürlich,« erwiderte Poindexter wieder in scherzendem Tone. »Die Frage ist nur: wie? Los Cuervos liegt vierzig englische Meilen von hier und Sie können weder das Dampfboot, noch die Postkutsche benutzen, das Dampfboot geht in einer Stunde ab.«

»O, hätte ich das alles doch etwas früher gewußt!« rief Mrs. Tucker.

»Ich wußte es, aber Sie hatten Gesellschaft und ich wollte Sie nicht stören,« gab Poindexter mit etwas ironischer Galanterie zur Antwort. Dann fuhr er, ohne sich auf eine Erklärung einzulassen, wie er zu der Kenntnis gekommen, gelassen fort: »In der Postkutsche würde man Sie erkennen. Sie müssen ein Privatfuhrwerk benutzen und den Weg allein zurücklegen, denn sogar ich kann Sie nicht begleiten. Ich muh hier noch allerlei ordnen, um Ihnen den Besitz zu sichern, werde aber dort so bald als möglich mit Ihnen zusammentreffen. Können Sie einen Wagen eigenhändig vierzig Meilen weit kutschieren?«

Mrs. Tucker hob wie zerstreut ihre schönen Augenlider.

»Daheim habe ich einmal eine Strecke von fünfzig Meilen auf diese Weise zurückgelegt,« gab sie einfach zur Antwort.

»Gut. Damals thaten Sie es wahrscheinlich nur zum Spaße und weil es Ihnen Vergnügen machte. Thun Sie es jetzt einmal aus solideren Gründen. Sie sollen unterwegs Relaispferde finden und ich werde Ihnen eine Karte der Gegend und des Weges zustellen. Das Wetter ist zwar für eine Spazierfahrt sehr schlecht, aber das hat auch sein Gutes, Sie werden nur um so weniger Menschen begegnen.«

»Wann soll ich mich auf den Weg machen?«

»Je eher, je besser. Ich habe schon alles vorbereitet,« fuhr er lachend fort, »und ich denke, ich habe Ihnen damit ein Kompliment gemacht.« Nach einem Blick in ihr gefaßtes, ernstes Gesicht setzte er etwas gemessener hinzu: »Sie sind die Frau dazu, so etwas auszuführen. Und jetzt hören Sie meinen Plan.«

Damit fing er an, ihr denselben in allen Einzelheiten zu erklären, aber Haltung und Ton der beiden war dabei fern von aller Erregtheit und Geheimthuerei, und die Dienerin, welche ins Zimmer kam, um das Gas anzuzünden, hätte nie geahnt, daß man in ihrer Gegenwart von dem Bankerott und Ruin des Hauses sprach und die heimliche Flucht ihrer Herrin beriet.

»Leben Sie wohl; ich werde also morgen das Vergnügen haben, Sie zu sehen,« sagte Mr. Poindexter mit einem bedeutsamen Blick, während ihm das Mädchen die Thür öffnete.

»Leben Sie wohl,« erwiderte Mrs. Tucker, und nachdem sich die Thüre hinter ihm geschlossen, fuhr sie zu ihrem Mädchen gewendet m demselben ruhigen Tone fort: »Du brauchst das Gas in meinem Zimmer nicht anzuzünden, Mary; ich werde mich nur einige Augenblicke niederlegen, und muß dann zum Abend hinüber zu Robinsons.«

Sie betrat ihr Gemach in vollkommen gefaßter Haltung. Das Verlangen, sich auf ihr Bett zu werfen, den Kopf in die Kissen zu drücken und ihre Lage zu überdenken, war nicht mehr vorhanden. Sie klagte das Schicksal nicht an und weinte nicht. Ueberhaupt thun dies nur wenige echte Frauen, wenn ihnen unter harten Schicksalsschlägen etwas anderes zu thun übrig bleibt, d. h. wenn es darauf ankommt, zu handeln. Sie wußte alles, hatte die ganze Tiefe des Unglücks ermessen und kam sich schon so alt an Erfahrung vor, daß es ihr fast schien, als sei sie seit lange darauf vorbereitet gewesen. Vielleicht überblickte sie aber das Mißgeschick dennoch nicht in seinem ganzen Umfange, denn in einem Leben wie das ihrige sah es ja nur aus wie ein Zwischenfall, wie das Umwenden eines Blattes in dem unendlichen Buche der Jugend – wie ein Umschwung der Dinge, die, wie sie sich jetzt gestand, bereits angefangen hatten, ihr sehr einförmig vorzukommen. In der That war sie gar nicht sicher, ob der stete Erfolg sie befriedigt hatte. War ihr damit wirklich zu teil geworden, was sie gehofft und ersehnt? Sie würde alles dies so gern gegen Spencer ausgesprochen haben, nicht nur, um ihn zu trösten, sondern auch, um für die Zukunft mit ihm zu einem besseren Verständnisse des Lebens zu gelangen.

Vielleicht unterschied sie sich in diesem Punkte nicht von anderen Frauen mit liebebedürftigem Herzen, welche – in dem Glauben an ein unerreichbares Ideal der Ehe – nicht aufhören, die Erfüllung desselben von wechselnden äußeren Zufälligkeiten, von Glücks- oder Unglücksfällen, von Kindersegen oder von dem Verlust eines Freundes zu erwarten. Bei der Kinderlosigkeit ihrer Ehe hatte kein anderes Leben in den gegenwärtigen Verhältnissen Wurzel geschlagen und niemand als sie und ihr Gatte erlitten die Umpflanzung in einen anderen Boden. Nur sie und Spencer konnten durch den Wechsel verlieren oder gewinnen, und wer weiß, ob nicht ein »volles gegenseitiges Verständnis« aus einem solchen Umschlage der Dinge erwuchs.

Gern wäre sie in diesem Gedanken an das Fenster getreten, um noch einmal nach der Richtung hin zu blicken, in welcher vorhin das Schiff verschwunden war, aber ein anderes Gefühl hielt sie zurück. Sie wollte alle Sehnsucht nach ihm unterdrücken, bis sie etwas gethan hatte, um ihm zu Hilfe zu kommen und das Vertrauen zu verdienen, das er in sie zu setzen schien. Vielleicht entsprang die Empfindung aus Stolz – vielleicht glaubte sie gar nicht, daß er das Land für immer verlassen habe, oder daß seine Flucht allzuweit gehen würde.

Obwohl sie wußte, daß alle die Schmucksachen und hübschen Kleinigkeiten, die sie umgaben, morgen in die Hände des Gesetzes fallen würden, packte sie nur das Notwendigste und einige wenige täglich getragene Schmuckstücke für ihre Flucht zusammen; aber diese Selbstbeschränkung ging doch, wie wir hinzusetzen müssen, mehr aus Geringschätzung des Tandes, als aus moralischen Gründen hervor. Sie hatte ebensowenig, wie andere schöne Frauen, eine Idee von den moralischen Verpflichtungen eines Bankerottierers, sondern wollte nur möglichst wenige Erinnerungszeichen an das eben abgeschlossene Kapitel ihres Lebens mit sich nehmen. Ohne eine Spur von Bedauern blickte sie sich in dem Daheim um, das sie verlassen wollte. Keine traditionelle Erinnerung oder Gewohnheit wurde dadurch gestört. Ihre Wurzeln hafteten zu sehr an der bloßen Oberfläche, um durch die Verpflanzung zu leiden; das Glück ihrer Ehe war nicht an dies Haus und seine heilige Flamme an keinen besonderen häuslichen Herd gebunden.

Ohne einen Seufzer schlüpfte sie, als die Nacht herabgesunken war, unbemerkt die Treppe hinab. Vor der Thür des Empfangszimmers blieb sie stehen, und zum erstenmal an diesem Abende überkam sie etwas, wie ein Gefühl von Schuld und Scham. Verstohlen um sich blickend, stieg sie vor dem Bilde ihres Mannes auf einen Stuhl, küßte seinen tadellosen Schnurrbart, indem sie leise vor sich hinmurmelte: »Du lieber, thörichter Mensch du!« schlüpfte wieder hinaus, schloß leise die Thür und verließ für immer das Haus, welches bis dahin das ihrige gewesen war.

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