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Ein Weidmannsjahr

Anton von Perfall: Ein Weidmannsjahr - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Freiherr von Perfall
titleEin Weidmannsjahr
publisherVerlagsbuchhandlung Paul Parey
year1896
illustratorChr. Kroener, E. Otto, A. Singer, A. Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140108
projectid740d8905
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Oktober

 

Ich weiß mir ain hüpschen grünen Wald,
Drinn laufen drey Hirßlen wolgestalt,
Drinn laufen drey Hirßlen hüpsch und fein,
Die fröen dem Jager das junge hertze sein.

 

Hirschbrunft

Vielgelästerter, vielumwimmerter Herbst, der jedem Griesgram und Weltschmerzler zum Motto dienen muß grauer Entblätterer, nebelumwallter, feuchtkalter, schwermutschwangerer Todesbote – laß mich dein Anwalt sein! Verzeih den Kurzsichtigen hinter kalte Mauern Verbannten, die dir nie in das frische, männlich trotzige Antlitz geschaut und keine Ahnung haben, daß es dasselbe ist, dessen wonniges Lächeln sie vor wenig Monaten entzückte. Die ernste Größe des Vollbrachten verklärt deine Züge, du zerstörst nicht das Werk deiner Jugend, bändigst nur weise den ungezähmten Trieb und bereitest dich vor zu dem geheimnisvollen Schlummer, den sie Tod nennen, um phönixgleich ewig derselbe, von neuer Jugend schwellend, daraus zu erstehen.

Nirgends entfaltet sich so dein strenger Reiz als bei uns im Bergwald, wenn die vielverschlungenen Thäler, über die das Auge schweift, die Schluchten und Halden erglühen im bunten Farbengemisch; die Buchen mit ihren flammenden, sich türmenden Kuppeln, dazwischen der golden flatternden Ahorn, während die beständigen, treuen Fichten und Tannen den ernsten Grundton angeben. Darüber hinaus über das bunte Gewimmel leuchten in unendlicher Klarheit die weißen Felshäupter, Schroffen und Wände. Das Klirren des fallenden Ahornblattes ist weithin hörbar, und es fällt, verdrängt von der neuen Knospe voll schlummernden neuen Lebens – wo ist da Tod, Verwesung?

Die anmutig gewundene Bergstraße herab bewegt sich das Geläute der bekränzten Viehherde dem Thale zu. Marei treibt ab von der Alm. In weiter Ferne, zwischen bunten Geländen blitzt die Heimat herauf; mit einem hellen Juchschrei begrüßt sie die schmucke Dirne. Hinter den roten Stirnlöckchen, die unter dem grünen Hut hervorspitzen, spuken keine »Herbstgedanken«, »fallende Blätter«, – »am Sunta is Kirweih und der Lenz führt sie zum Tanz!« –

Was war das? Ein drohender bestienhafter Ton, und doch wie von einem großen Schmerz durchzogen, von den Wänden hallt er wider. O, ich kenn ihn wohl, den Heißersehnten, er ist kein Todesruf, paßt gar nicht herein in das Verwesungsregister herbstlicher Lyrik, ein wilder, sehnsuchtsvoller Schrei nach Leben und Schaffen ist er, der Brunftschrei des werbenden Berghirsches! Verkündet er anderes als die schluchzende Nachtigall im Rosenhag zur Maienzeit? – Es ist der Zwölfender vom Lochgraben! Er hielt uns schon eine Woche zum Narren, mich und Jakl, den Jäger, mit dem ich heute Nachmittag ein Treffen ausgemacht auf der Wurzhütte. – Er träumt wohl in dem dichten Latschenfeld von der lustigen vergangenen Nacht auf der Fürstalm, sonst läßt er sich nicht hören um die Mittagszeit – na, heut möchten wir auch dabei sein, vielleicht treibt ihn der üppige Traum etwas früher auf zum nächtlichen Stelldichein.

Neuer Eifer, neue Hoffnung belebt mich.

Auf der Wurzhütt' saß der Jakl bei einem Glas Enzian. »Heut muß er her und wenn wir die ganze Nacht auf der ›Fürst‹ zubringen müßten, Vollmond haben wir auch, da kann's net fehlen – Hab' ihn schon g'hört in die Grab'n.«

Jakl blieb auffallend still bei meiner Anrede, was sonst gar nicht seine Art war, rückte den Hut auf die Seite und kraute sich die braune Stirne. »Halt nix auf die Schießerei im Mondschein – a betrogenes Spiel – is a net einmal erlaubt nach n' G'setz – glaub' a gar net, daß wir Mondschein krieg'n heut –«

Er selbst war ein Hauptverfechter der Mondscheinschießerei und hat »woltern« Hirsch, wie er mir schon oft erzählte, bei dieser Beleuchtung geschossen, – so wunderte ich mich baß über sein Bedenken.

»I' mein alleweil 's langt heut a mit der Taglicht'n«, sagte er ahnungsvoll, um mich zu beschwichtigen.

Mein Mißtrauen wuchs. – Glasl, der Knecht, kam mir so fremd vor in dem tadellos weißen Hemd, dem nagelneuen blauen Schurz, dem wohlgekämmten öligen Haar. Zwischen den weißen Zähnen stak eine feuerrote Nelke. Das war ein Festzeichen.

»Meinst' sie langa, 3 Sechziga?« fragte er den weißbärtigen Wurzhütter, der die müden Glieder hinten auf der Lagerstätte streckt.

Drei Sechziger macht 180 Liter, rechne ich rasch aus.

»180 Maß, das langt ja für ein Jahr da heroben«, bemerkte ich.

»Oha!« Glasl kniff pfiffig lachend die Auge» zu. »Wenn d' heutige Nacht uma is, nachher woll.«

»Die heutige Nacht? Was ist denn das für eine besondere Nacht?« fragte ich.

»Abtreib'n thuans halt von der Alm de Woch' und da wird er a bisl g'werkelt, weil's so guat ganga hat. Aber der Jakl weiß ja, alle 30. September. Gelt Jakl? s' Rest kommt a runter von der Fürstalm. Hat schon g'fragt nach dir, ob'st an Herrn hast zum führ'n. A sag i, nachher kimmt er halt mit'n Herrn. Da feit dir nix – und da bist schon a –«

»Weg'n eur'n G'werk aber net, narrater Teufel«, brach jetzt Jakl los, unter meinem fragenden Blick errötend, »sondern wegen die Hirsch«.

»Oh weg'n die Hirsch? – A recht – das verschlagt ja nix, sag'n ma weg'n die Hirsch' –«

Jakl warf ihm einen wütenden Blick zu. –

Jetzt wußte ich, warum der Mond heut nicht scheint, und das Schiessn nix taugt im Mondlicht –

Meine Aussichten waren nicht die besten.

Jakl selbst auf Wildbretfährte – das kenne ich – das ganze Revier beunruhigt von den erwarteten Gästen. Juhschrei, Vergstockgeklapper, Steinablassen, G'sangeln und was es für einen Hirschjäger noch mehr dergleichen Annehmlichkeiten giebt. –

Ein behäbiger Bauer kam mit seinem knarrenden Wagerl gefahren und stieg aus auf »eine Halbe.« Er kam alle Jahr nur einmal herauf, um auf seiner in der Nähe gelegenen Alm den Abzug zu beaufsichtigen und die nötigen baulichen Vorkehrungen für den Winter zu treffen.

Der »Wurzhütter« begrüßte ihn seinem Viehstand angemessen.

»Nix neues auf der Alm?« fragte der Bauer, den Schweiß vom feisten Nacken wischend.

»Alles in Ordnung! da feit dir nix, Schweinthaler, 's Resei is schon recht,« erwiderte, obwohl an ihn die Frage nicht gerichtet, mit einem Anflug von Spott Jakl.

Der Schweinthaler sah unwirsch über die Achsel zu uns herüber, eine mächtige Rauchwolke aus dem Masernkopf passend. »Ja natürli, du muaßt's ja wissen, 's is ja dein Revier.«

»Da hast recht, mein Hauptrevier, 's Herz davon«, entgegnete Jakl kichernd.

Der Schweinthaler dampfte noch ärger, daß sein breites Gesicht ganz im Rauch verschwand.

Der Wurzhütter begann, Jakl verschmitzt zulächelnd, vom Viehmarkt in Holzkirchen die vorige Woch', wo der Schweinthaler zwei Kalben verkauft haben soll, wie keine schöneren nie z'sehn war'n und von dem Prozeß, den sein Nachbar an ihn verloren wegen der Waldgrenz'. Da schmunzelte der Bauer, bestellte noch eine Halbe und erzählte alles haarklein von der Kalb'n ihre Eltern und Großeltern, von des Prozesses tiefstem Ursprung, und vergaß dabei ganz auf sein Res'l und den bösen Jakl. Ja, als wir uns, ohne das Ende seiner Erzählung abwarten zu können, auf den Weg machten, warf er uns noch einen derben Glückwunsch zu, »schiaßt's an recht sakrischen Horner!«

Die kühlen Schatten krochen schon die bunten Waldberge hinan, immer höher und höher, und die Wände glühten und sprühten im purpurnen Lichte, eine unaussprechliche Klarheit lag über der Landschaft. Jede einzelne Fichte in ihrer zierlichen Verästelung, jede Schroffe mit ihren mannigfaltigen Spitzen und Spalten war sichtbar; scharf die Schatten, scharf das Licht. In dem unendlich tiefen blauen Aether schwammen lichtverklärte rosige Wölkchen, ein starker weiniger Geruch stieg auf von der Erde, aus dem raschelnden Laub.

Zwei Stunden, dann ist der Kessel erreicht, auf dessen Boden die Fürst-Alm liegt.

Feiner blauer Rauch kräuselt sich zwischen den Schindeln der Hütte. Der Schweizermichl ist noch zurückgeblieben mit zwei Schweinen und einem Geißbock – Kirchweihopfern! Ein schwarzes Lederkäppchen auf dem Kopf springt der gelenkige magere Geselle uns schon von weitem entgegen.

»Grad recht komma's! Heut' Nacht haben's anders rebellt um d' Hütt'n umma.«

Er weiß genaue Auskunft, in den scharfen braunen Augen leuchtet selbst die Jagdlust.

»Da, ober dem Viehtreib zieht er eina, in Kessel mit zwoa Stuck. Um fünfe war er scho oben gestern, fehlt enk gar nix.«

Es war erst zwei Uhr. Michl braute Kaffee, der gute Rahm versöhnte mit dem »Andreas Hofer« (Feigenkaffee). An den Wänden klebte eine ganze Galerie bunter Farbendrucke, die Kunstbeilage des bewährten Feigenkaffees. Verschmitzte, lachende Mädchenköpfe, Gemsjäger, riesige Hirsche, drollige Anekdoten.

»Aber schön, Michl!« bewunderte ich die Galerie.

»Ja, das macht alleweil aa Unterhaltung«, meinte er. »Wia man's nur so macha kann, 's Pakei no extra dazua um zwanzig Pfennig. San aa net z'neid'n die Maler. Da war z'nachst oaner da aus der Stadt, an Norddeutscher der Sprach nach. »Das sind ja entsetzliche Bilder! Wie könnt ihr nur an dem süßlichen Zeug Gefallen finden, ihr Naturmenschen?« sagte er. Ja, sag' i, grad das Süaß mag i ja. Soll i eppa's Saures hinhänga, daß ma d' Milch z'sammlauft? – Da hat er mi ausg'lacht. Na, denk' i mir, bist halt an neidiger Tropf. Deretwegen san ja d' Maler auf der Welt, daß sie's schöner Sach' aussisuach'n und d' Leut' an G'spaß macha. Denk' i halt so«, fügte er hinzu, seinen Kaffee auslöffelnd.

Ich wünschte im stillen alle Fin de siècle-Geister an meine Seite in die rauchige Stube, und dachte nicht daran, ihm seinen guten Glauben von der Kunst zu rauben. Außerdem war meine Cigarre zu Ende, und Jakl fing schon zu »nackeln« an. Draußen aber winkte der kühle Schatten, welchen die Hütte warf, zur Mittagsruhe.

Dies gehörte auch zu dem »Süaß'n« des Michls. Dieses auf dem Rücken Liegen und dieses Hinausstarren über die phantastischen Wände uralter Baumknorren, tief unten das duftige, ins Endlose sich breitende Land, mit seinem Spielzeug von Häuschen und Wäldchen, silbernen Wasserfädchen, blinkenden Seespiegelchen. Das verschwimmt immer mehr und mehr, bis man auf felsgezacktem Gefährte durch den blauen Aether zu segeln wähnt in unbeschreiblicher Wonne. – Ein Frösteln weckte mich. Vorbei mit allem Glanz. Das Nebelheer wälzte sich von der Ebene herein. Schon drängte seine Vorhut die Berglehne herauf, schlich in jedes Thal, in jede Kluft. Die Sonne hatte ihre Herrschaft verloren, den Kessel hüllten schon kalte Schatten. Das war kein Motiv mehr für den »Feigenkaffee«.

»Geh'n thuan ma jetzt alleweil«, erklärte Jakl, gegen seinen Erzfeind ausspuckend, den Nebel.

Er wälzte einen neuen Plan in seinem Innern. Sein kleines schwarzes Auge schweifte über die Almfläche, den sie umgebenden aussteigenden Wald.

»Wenn ma 's wüßt, – g'fallet ma glei besser, in der Lawin' dort.« Er wies auf eine breite, von Wurzelwerk und Gerölle erfüllte Reihe, die den Hochwald vor uns, der Länge nach, von oben nach unten spaltete und mit gelbem Geröll und Sandsteinen, in die Alm mündete.

»Wenn er heut' Nacht in die Grab'n g'schrien hat, müaßt er da durchkomma.«

Steine gingen ab auf der entgegengesetzten Seite. Zwei Stück Wild tauchten in der Ferne aus einem Graben auf. Ich trennte mich ungern von dem Platze.

»Ja, die san alleweil z'hab'n, grad als wenn sie 's wüßt'n. Aber a guat'r Hirsch, is an andre Numm'r. Probir'n ma's in der Lawin'. I hab' so a Ahnung!«

Jakl war es wohl nur um baldige Heimkehr zu thun und die Mondnacht auf der Alm schreckte ihn noch immer.

Die Lawine hatte böse gearbeitet. Ein Chaos von Felsstücken, Wurzelwerk, abgesprengten Stämmen, dürrem Astwerk, wie es in wilder Willkür nur das Hochgebirge zeigt.

Wir verschwanden ganz in den krausen Formen.

Von hoch oben aus den jetzt erkaltenden, einen stumpfen blauen Ton annehmenden Wänden zog er sich herab, der vernichtende Sturz. Doch schon arbeitete neues üppiges Leben an seiner Vernarbung.

Der Schwarzspecht kündet Witterungswechsel. Die schwer gezackten Ahornblätter fallen lärmend von Ast zu Ast, in der Ferne schreit ein Hirsch!

Jetzt beginnt dieses stille Hoffen, dieses inbrünstige Sehnen, das nur der Jäger kennt. Die Phantasie webt ihre Bilder – – Ich sehe ihn durch die Wälder ziehen, den Ersehnten, – mir entgegen! – Jetzt steht er vor mir in seiner ganzen Herrlichkeit – der Kronenhirsch! Er bricht im Feuer zusammen! – der Stolz! – diese Freude! Was wird Magda dazu sagen? Und die Kinder? Und der Stammtisch? – Dann das Geweih! Links über dem Bilde ist ihm schon lange der Platz bestimmt. Mich friert, die Hähne schlagen aufeinander. Ist es wirklich so kalt geworden? Oder machen es diese aufregenden Gedanken? Dabei verschwimmen immer mehr die Konturen ringsumher, vertiefen sich die Schatten und in dem schmalen Himmelsblau über mir blitzt schon ein Stern.

»Da hast du's mit deiner Lawine«, sage ich ärgerlich.

»Hab's a«, erwiderte Jakl. »Hören's ihn?«

Ich horche mit offenem Munde. Jetzt – ja, das war er, – ein kurzes Trenzen – man hörte es deutlich. Er kam im Trab heran. – Dann wieder alles still – nur noch 10 Minuten Schußlicht und er gehört uns! Die Minuten werden zu Sekunden. Ein gefährlich Frösteln stellt sich ein. Einmal probiere ich das Korn, gerade geht's noch.

Jakl zieht den Schnacken aus dem Rucksack: »War mir lieber, er kam so.«

Da höre ich es wieder brechen – himmlische Musik! Dem Laute nach kommt er in nächster Nähe und im nächsten Augenblick. Da schreit ein Hirsch auf der Alm unten, – das Knacken verstummt sofort.

»Sakra! Jetzt wird's kritisch. Richten's ihna.«

Jakl stößt kurz in den Schnecken, er machte nur eine Drehung des Tones. Da erscholl schon zornige Antwort. Jetzt brach und kollerte es rücksichtslos.

»Seh'n 'hn schon?« flüstert Jakl, »dort rechts vom groß'n Stoa. Lassen's 'hn nur 'raus, auf die frei'n.«

Das Frösteln hört auf, der ganze Mensch ist nur Auge – jetzt tritt er heraus, hoffend, mit den hinteren Läufen zornig schlagend, uns fest im Auge, die Urheber des Tones, der ihn so erregte. Er täuscht sich um keine Linie in der Richtung. Wir wagen kaum mehr zu atmen, nur die Spielhahnfeder aus Jakls Hut flattert verdächtig im Abendwinde.

Jetzt auffahren ist gefährlich. – Ob er's aushält? Eine Wendung genügt und er ist verloren. – Wenn nur der unten auf der Alm – – Als ob er meinen Wunsch gehört, ein langgezogenes Gegröhle tönt herauf – – jetzt gilts!

Der Zwölfer wendet sich darnach; – der Schuß blitzt auf.

»Hat 'hn schon!« ruft Jakl.

Der Hirsch bricht vorne zusammen, – kein besonderes Zeichen, – rasch wieder auf und einen Haken geschlagen. Die zweite Kugel wirft ihn auf den Hals. – Jetzt ist er mein! Nach seinem alten Prinzipe: »so lang sich was rührt, schiaß'n!« gab ihm Jakl, der rasch dazu gesprungen, den Gnadenschuß.

»I gratulier! Der Zwölfer!«

Er hebt den Grind auf. Die dreifache Kron blitzte mir entgegen im Mondscheine, der sich jetzt emporringt über den schwarzen Fichten, von der Wurzhütte tönen die Klänge der Ziehharmonika und Juchschrei herauf.

Jakl bricht eilig den Hirsch auf, unter ständigem Aufzählen ähnlicher Fälle.

»Bei dem Mondlicht hätt'n wir 'hn – alleweil derschoss'n – nachgeben hätt' er gar nie.« Und auch ich erzähle und keiner hört dem Andern zu.

Ein roter Strom rieselt unter den blutigen Händen über den weißen Stein. Wie heiß, wie voll Lebensdrang noch eben.

Zögernd verlasse ich das mit Bruch bedeckte Wild. Das Geweih wächst riesengroß im weißen Mondenlicht. – Doch Jakl springt schon weit voraus. Das kann gut werden heute Abend – die Res'l – der Alte! Im weißen Mondlicht flimmert die Alm – verdorben die schöne, frische Liebesnacht! Kein Hirschschrei, kein Wildbret weit und breit.

Die Wurzhütte wankt unter dem Getrampel der Tanzenden, der enge rußige Raum ist dicht gefüllt. In der Ecke ein paar Alte, In der Mitte der Schweinthaler mit leuchtend rotem Gesicht. Die Geschichte des Prozesses war gar lang, und der Wurzhütter hörte so andächtig zu und füllte so fleißig den Humpen.

Das junge Volk stampft den Boden, die grellfarbigen Röcke der Dirnen drehen sich in buntem Kreisel – die alte Geschichte dort auf der Alm, hier in der Hütte, auf deren Dach die welken Blätter rascheln. Aus den Augen Jakls leuchtet der Triumph.

»Haben's 'n d'erwischt?« fragt der Wurzhütter.

»Ja wohl«, entgegnet scharf der Jäger, sich der Büchse und des Rucksackes entledigend.

»Das freut mi, Jakl!« ruft eine weibliche Stimme aus den sich drehenden Paaren.

»Res! Na jetzt – Loisl laß mir's g'rad einmal 'rum.«

Der Bursche tritt sie willig dem Jäger ab; eine stramme Dirn, schwarzgezöpft. – Hei, das geht! Ein Schaukeln und Scherzen, ein Drehen und Wenden! Jakl ist Meister im Tanzen, die Hand, welche die Hüften der Res'l umspannt, ist noch rot vom Hirschschweiß.

Der Schweinthaler hat dem Tiroler schon zu stark zugesprochen, er disputiert und qualmt und sieht nicht mehr recht, mit wem sein Resei tanzt. Eine dicke heiße Wolke von Staub und Rauch erfüllt den Raum, läßt alles nur mehr nebelhaft verschwommen erscheinen. Auf dem großen glühenden Ofen dörrt der Enzian, scharfen Duft verbreitend.

Als ich von Jagdglück, Hitze und Tumult betäubt mein Heulager aufsuchte, stand der Mond über den bleichen Schroffen und dem schwarzen Wald, um die Hütte flüsterte es, kicherte es, der Schweinthaler stolperte auf dem steinigten Weg bergauf und rief vergeblich nach seiner Res.

»Wird halt schon voraus sein auf d' Alm, is gar so viel besorgt, 's Resei«, höhnte der Wurzhütter.

Von der Hochalm herab grölte ein Hirsch. –

Nie altert die Natur. – Unter Blüten, unter welken Blättern, unter Schnee und Eis erbebt ihr ewig junger Leib von Liebeswonne und Schaffensdrang.

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