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Ein Weidmannsjahr

Anton von Perfall: Ein Weidmannsjahr - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Freiherr von Perfall
titleEin Weidmannsjahr
publisherVerlagsbuchhandlung Paul Parey
year1896
illustratorChr. Kroener, E. Otto, A. Singer, A. Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140108
projectid740d8905
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August

 

Perdrix en tète, lièvre en cul
C'est autant de plomb perdu.

 

Erstes Feld

Hab' ihn noch vor Augen, den alten Förster Streidl, meinen ersten Lehrer in der edlen Weidmannskunst. Hager, groß, mit einem Raubvogelgesicht, aus welchem in sonderbarem Kontrast die gutmütigsten Augen der Welt blickten, den umfangreichen Lederranzen vorn am Bauch – er trug ihn nicht umsonst so, wie ein mir unvergeßlicher heller Fleck, in der Größe eines Thalers, in dem altersgeschwärzten Deckel bewies – die verwaschene Joppe mit den unvertilgbaren Schweißspuren, um die ich ihn so beneidete, auf der Seite und dem Rücken, die kleine grüne Mütze auf dem schneeweißen Haar, und der von ihm unzertrennliche grau und schwarzgefleckte »Waldl« mit den schelmischen Birkaugen. – So kam er täglich zum Rapport, zum »Gnaden, Herrn Baron«, meinem guten Vater.

»Was giebt's Neues, Streidl?«

»Ja schon, Euer Gnaden! An guaten Bock hätt' i g'sehen auf dem Winteranger – schon sakrisch guat! Bin aber nimma z'schiaßen kemma. Mit di Hehna wär' i ganz z'frieden, Hasen sieht ma a hübsch. Grad' di Füchs', di Luader, san rein net z'zwinga – no auf der Treibjagd san's nachher a recht.« Der Alte war unverwüstlicher Optimist.

»Und der Wald – der Wald – der kommt bei Dir zuletzt. Soll aber die Hauptsache sein«, sagte der Vater.

»A mei, Euer Gnaden, der Wald! Der braucht den Streidl net zum Wachsen, und was das andere betrifft, nimm i's mit jeden? Jungen auf.«

Dann kam das mir verhaßte grüne Buch heraus, und aus war es mit der Erzählung von Bock und Fuchs und Has', der ich gierig lauschte. Langweilige steife Kubikzolle, protzige Sägprügel und verächtliches Brennholz kamen dann an die Reihe, während ich an dem duftigen Rucksack schnupperte und die Hühnerhängsel zählte.

Aber einmal war ein großer Tag! Ich hatte gute Noten heimgebracht in die Serien und war zum Gymnasiasten avanciert. Wieder lauschte ich am ersten Tage, an dem uns alles doppelt teuer ist im Elternhause, dem lang entbehrten Rapport. Der Bock wurde abgewandelt, die »Hehna«, der Has', alles in alter, treuer Ordnung. Jetzt kam der Fuchs, der Räuber, und dann das ominöse grüne Buch.

Richtig, schon griff der Alte darnach. Der schwarze Deckel der Tasche – der helle Fleck fehlte damals noch – hob sich, verführerisch blitzte der Schrotbeutel heraus und das mächtige Pulverhorn, »Laß für heut.«

Wie Musik klang das Wort des Vaters, dann nahm er mich lachend bei der Hand. »Streidl, heute probierst Du es einmal mit dem Toni auf die Hühner.«

O unvergeßliche freudige Schauer, die mich durchrieselten! Es brauste und knallte in meinen Ohren.

»Aber Obacht geben auf den Burschen. Die Jagd ist eigentlich ein Vergnügen für Männer, nicht für Gymnasiasten. Also rechtfertige mein Vertrauen,« fuhr er, gegen mich gewandt, in ernstem Tone fort. »Benimm Dich auch männlich, das heißt, bezähme Deine Leidenschaft, sei vorsichtig und bedenke, daß die Jagd doch nur ein Spiel ist, welches zur Erholung und Abhärtung dienen, aber nie zum Lebensinhalte werden soll. Ich weiß, warum ich Dir das sage.«

So feierlich war mir zu Mute, als ob ich zum Ritter geschlagen würde, und da holte auch schon der Vater eine einläufige Flinte aus dem Gewehrschranke, die ich schon oft mit geheimer Hoffnung betrachtet, und reichte sie mir.

Ich umspannte den Lauf wie einen Schwertknauf, und als der Streidl mir noch die Hand reichte – »Euer Gnaden, da wird gar nix fehl'n, der Toni – der Baron Toni,« verbesserte er sich zum erstenmal, »wird schon recht,« da kollerte zu meiner höchsten Verzweiflung eine große dicke Thräne über meine Backe herab. Ueber die Backe eines Weidmannes! Welche Schande!

Ich sah dem Streidl fest in das Auge, ohne die tückische, kitzelnde Verräterin abzuwischen, und that in meinem Innern einen feierlichen Schwur, als gälte es gegen die Ungläubigen zu ziehen. Die Ausrüstuug begann! Die Geheimnisse des streng verschlossenen, in die Wand eingelassenen Gewehrschrankes enthüllten sich vor mir. Alte Feuersteinbüchsen, messingbeschlagene, mit zackigen Mündungen, Reiterpistolen, das neueste Wunder, ein Lefaucheur! Allerhand krauses, mir unverständliches Werkzeug, Pulverhörner, Hirschfänger, Patrontaschen, altes bestaubtes Geraffel.

Bis jetzt mußte ich wochenlang geduldig harren, ehe mir ein flüchtiger Blick in diese Märchenwelt hinter der Tapetenthüre gelang. Jetzt lag sie offen vor mir und ich durfte heineingreifen und auswählen.

Streidl riet zu einer umfangreichen Tasche mit altmodischem Gestrick. »Wegen de Hasn!« Ich sah sein Schmunzeln nicht, es lief mir nur kalt den Rücken hinab, als ich die Tasche umhängte. Ein verwetterter grüner Hut mit einer Spielhahnfeder hing verführerisch vor mir, da drückte ihn der Vater mir schon auf das Haupt, und der Förster meinte, ob er mich nicht gleich mitnehmen dürft', mit dem Essen würde es doch nicht viel bedeuten, und das bißl könnte ich ja bei ihm besorgen.

Wenn ein Engel herniedergestiegen wäre und mir einen geschossenen Hasen gleich in das Netz meiner Tasche gesteckt, ich hätte mich nicht gewundert.

Verfolgt!

Heute war einmal so ein Tag, so ein seltener im Leben!

Der Vater hatte nichts dagegen, er war in seiner Geberlaune.

Das Gewehr war ein bißchen lang und parierte nicht recht auf meiner schmalen Achsel. – Das war mein Ring des Polykrates, ich ertrug geduldig die Bosheit des Riemens.

Der Familie mußte ich mich doch zeigen. Der Mutter traten die Thränen in die Augen, weniger aus Angst, als in dem unwillkürlichen Gefühl, daß ich ihrer Führung entwachsen, die Schwestern kicherten zusammen. Ich war erhaben darüber. Der kleine Ernst sah mit respektvollem Staunen zu mir auf, und ich tippte ihm dafür herablassend auf den Blondkopf. Im Försterhause genoß ich erst volle Anerkennung. Frau Streidl, welche eben einen Topf duftender Knödel auf den Tisch setzte, schlug die Hände vor Freude zusammen über den jungen Herrn!

Die blondgezöpfte dralle Lisi, an die ich meine ersten Verse gerichtet, lächelte mir schelmisch zu. Ich wurde nicht einmal rot, wie gewöhnlich in solchen Fällen, so fühlte ich mich Mann.

In diesem Raume, in dem es so herrlich nach Tabak roch, wo hinter dem Ofen die Fuchsbälge trockneten, hatte ich sie eingesogen, die unheilbare Leidenschaft, auf dem ledernen Kanapee, unter dem fliegenbeschmutzten, schwarz angerauchten Hirschgeweih, dessen Geschichte mir unzähligemal das Blut in die Wangen trieb.

Streidl begann einen kleinen Vorunterricht: »Zeit lass'n! Und auf den Hund aufpass'n!«

»Und auf den Vater auch a biß'l«, ergänzte die Försterin.

Dann machte er dem Feldmann nach, wenn er die Hühner steht, in seiner ganzen kataleptischen Starrheit, indem er mit dem einen Arme die gehobene Vorderpfote, mit dem anderen nach rückwärts die steife in Erregung zitternde Rute markierte, und die weit hervortretenden Augen in die Suppenschüssel bohrte, als läge darin anstatt der Knödl ein Kette Hühner. Die Kehle war mir zugeschnürt, ich konnte keinen Bissen essen. Dabei gab ich mir alle Mühe, gefaßt zu erscheinen, setzte den Hut schief auf, als der Förster sich endlich rüstete und nahm eine mir völlig ungewohnte martialische Haltung an. Feldmann, mein alter Freund, heulte und tobte im Zwinger. Zuerst sah er mich verwundert an, dann grüßte er mich so stürmisch als neuen Kollegen, daß ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Der Förster riet zu einem Probeschuß. Ein Stück Papier wurde an das Scheunenthor genagelt. »Halten's nur mitten 'nein!«

Er hat leicht reden, das Herz schlug mir bis in den Mund. Es war der erste Feuerschuß! Die Zähne aufeinander gebissen, die Stirne drohend gefaltet – ich sah noch Lisi seitwärts stehen – dann fiel der Schuß. Das Papier fiel durchlöchert zu Boden.

Der Förster schrie »Juchhe!«, Lisi klatschte in die Hände. Ich schob den Hut in das Genick und wünschte mir irgend ein Untier vor die Flinte im Uebermaß meines Kraftgefühls!

Ich kannte unser Operationsfeld von unzähligen Spaziergängen her mit dem Instruktor. Ich kannte die sanft anschwellenden Hügel, in die verschiedenen Farben der Feldfrucht gekleidet, deren geometrische Regelmäßigkeit mich stets verdroß, obwohl der Herr Instruktor mir wiederholt erklärte, das; sie das Sinnbild der Ordnung, der Kultur sei. Das verdroß mich ja gerade. Ich kannte auch die feuchten, duftigen Wiesenthäler, den Forellenbach, von Weiden und Erlen eingefaßt, der sich kreuz und quer windet, den kleinen Weiher mit dem flüsternden Schilf und den lärmenden Staren im Herbst, und im Hintergründe den schwarzen ernsten Wald!

Aber nie sah ich das alles mit dem Auge wie jetzt! Jetzt barg jeder Busch, jede Wiese, jedes Kleefeld ein Geheimnis, das sich bei jedem Schritt offenbaren konnte. Ein zweites, bis jetzt fremdes Leben pochte mir entgegen aus den Furchen der Kartoffel, dem üppigen Grummet.

Feldmann schnappte nach tanzenden Mücken und wälzte sich auf dem Rasen.

Mich verdroß die leichtfertige Auffassung seines Berufes.

Wir hatten uns dem Krautacker des Dorfes genähert, einem langen blauen Streifen – der Förster nahm das Gewehr ab und machte mir ein Zeichen, das Gleiche zu thun. Das Schlachtenfieber schüttelte mich – ein Pfiff, und Feldmann begriff den Ernst der Lage. Er verschwand im Kraut. Die hochgetragene Rute flog vor uns her wie eine Standarte. Dann und wann richtete er sich auf den Hinterfüßen auf, nach seinem Herrn blickend.

Ich schlich dahin wie der letzte Mohikaner auf dem Kriegspfade, unwillkürlich den Rücken gekrümmt, den Blick starr auf Feldmanns Rute gerichtet. Nur hie und da schweifte er ängstlich auf den Gewehrhahn herab, und hinüber zum Förster, dessen Gemütsruhe ich anstaunte. Ein Emmerling, der sich vor meinen Füßen erhob, brachte mir den Vorgeschmack eines Herzschlages bei, und gerade noch zur rechten Zeit gebot ich dem konvulsivisch sich biegenden Finger.

Wo ist Feldmann? Das Rasseln der Kohlköpfe unter seinen Sprüngen war verstummt, und der Förster, das Gewehr schußbereit, deutete vor mich hin.

Dort steht die Rute regungslos über dem Kohl. Ich wage mich nicht mehr vor, jetzt erblicke ich auch den Kopf Feldmanns, krampfhaft seitwärts gebogen, wie aus Erz gegossen. – An was ich dachte? Unglaublich viel! – ob es fliegt oder läuft, wie ich mich in dem einen oder anderen Falle zu verhalten habe. – An die Eltern – an Lisi. – Ob die Flinte wohl losgeht! Ob nicht zu früh. »Rechtfertige mein Vertrauen«, hatte der Vater gejagt.

Es war eine endlose Minute, eine Spannung, die zur Pein wurde. – Und Feldmann bewegte nur konvulsivisch die Lefzen, ohne sich zu rühren.

»Obacht!« flüsterte der Förster.

Ich dachte ein Stoßgebet – ich weiß nicht an wen. » Avance!« Ein Sprung kreuz und quer. – Rascheln. – Ein gelbes Etwas! Streidls Stimme: »Schiaßen's do!« Knall, Rauch, dann war's vorbei.

»Macht nix, an andersmal!« sagte lachend der Förster, dann deutete er, meine Ratlosigkeit bemerkend, hinaus auf das Feld. »Sehen's ihn!«

Ein Hase jagte über die Stoppeln und machte in respektvoller Entfernung ein Männchen.

Ich griff an die Stirne, ich muß sehr bleich gewesen sein. So hatte ich mir's doch nicht gedacht.

»Zeit lassen! Nur Zeit lassen!« mahnte der Forster, mein Gewehr von neuem ladend. Als ob ich überhaupt ein Maß der Zeit gehabt hätte!

Wenn es immer so geht, werde ich es nie lernen, und das lief noch – jetzt erst das Fliegen.

Feldmann revierte schon wieder in einem Kartoffelacker.

»In dem Klee da oben werden's liegen!« erklärte Streidl, auf ein den Hügel hinaufziehenden, violett prangenden Streifen deutend, »Lassen Sie's grad 'naus streichen und nacha eins auf d' Muken nehma, net mitten 'nei spritzen in d' Schar, das nützt alles nix.«

So nahm der Grausame mir schon wieder die eben genährte Hoffnung auf die Masse. 20 Hühner und mitten drein 100 Schrot, da muß doch eines fallen! Das sagte er gewiß nur aus Erziehungsprinzip.

Feldmann betrat das verheißungsvolle Kleefeld nicht einmal. Mit hocherhobenem Kopfe trabte er sinnlos, den endlosen Rand hinauf, im Stoppelfeld nebenan.

»Feldmann!« schrie ich verzweifelt.

»Aber lassen's ihn doch, er sucht ja den Wind,« brummte Streidl.

Es ging aber kein Wind, kaum ein Lüftchen, und er soll doch die Hühner suchen und nicht den Wind. Was man sich alles gefallen lassen muß von so einem Alten! Ich warf ihm einen zornigen Blick zu.

Endlich fühlte sich Feldmann bewogen, den Klee zu betreten und uns entgegen zu suchen. Ich fürchtete mich förmlich, jeden Augenblick wieder so einen gelben Teufel aufrumpeln zu sehen.

»Obacht! Kusch!« rief Streidl.

Feldmann glich einem, sein Opfer beschleichenden Tiger, mit dem eingebogenen Kreuz, dem lauernden Blick. Er kroch jetzt nur vorwärts.

»D' Hehna!« flüsterte Streidl.

Ich holte tief Atem und faßte einen guten Vorsatz. Jetzt stand Feldmann wie eine Mauer und doch ganz anders wie vorhin, er schien förmlich in die Länge gezogen. Ich trat dicht hinter ihn und verfolgte seinen Blick. Der Klee stand dünn, ich mußte die Hühner sehen. Nichts – gar nichts! Das Herzklopfen war unerträglich, und im Zeigefinger pochte es wie Zahnweh.

» Avance!« rief der Alte.

Feldmann rührte sich nicht. – Brrr! – brauste es auf, eine dichte braune Wolke. Es war mir, als habe sich mein Gewehr von selbst entladen, so wenig Erinnerung blieb mir, ob und auf was ich gezielt. Neben mir knallte es zweimal, als ich schon mit rauchender Flinte hilflos dastand. Auf dem Felde neben mir purzelte und flatterte es, Feldmann apportierte zwei Hühner – reiner Zauber für mich,

»Zeit lassen! Zeit lassen!« tönte wieder die entsetzliche Warnung.

Mit zitternden Händen und schlotternden Knieen lud ich meine Flinte, einen förmlichen Schrotregen in den Klee lassend.

Die Hühner waren »zersprengt«, das heißt einzeln eingefallen. Streidl erklärte das für sehr günstig.

»Halten's besser einschichtig!«

Mir schwand die letzte Hoffnung. Ich schrieb es einem unerhörten Pech zu, daß ich aus dem Schwarm keines herabgebracht, aber »einschichtig« war erst recht nicht mein Fall. Bei den Stauden links waren drei Stück eingefallen.

»Passen's grad auf die Alte auf!« warnte Streidl, auf ein gebücktes Mütterchen deutend, welches daneben Kartoffel herausnahm.

Auch das noch! Jetzt war es ganz aus mit der Sicherheit. »Daß doch das Volk einem überall in dem Weg sein muß!« Ich erinnere mich noch genau dieses junkerhaften Gedankens, der sonst nicht in meiner Art lag. Feldmann zog schon von weitem an. Streidl ging links, ich rechts von der Staude.

»Jetzt steht er!« rief er mir zu. »Nur 'naus lassen!«

Wenn es mir nur gelungen wäre, das fürchterliche Tier zu erblicken, um einen vernünftigen Schuß anzubringen. Ich spähte wie ein Falke in den Busch – da erschien ein braunes, bewegliches Köpfchen, ein Auge wie eine schwarze Glasperle. »Hypnose« würde man jetzt meinen Zustand nennen.

Herrgott, wenn ich jetzt das Gewehr am Backen hätte! Aber ich wagte es nicht, konnte nicht – da lief es heraus auf den Wiesgrund, das Köpfchen nach allen Seiten wendend, ängstlich pochte die braune Brust. Woher ich die Berserkerwut nahm gegen das reizende Geschöpf? Diesmal zielte ich wie auf das Scheunenthor – »Bäng!«

Das Hühnchen hüpfte auf und flatterte geflügelt auf dem Boden hin. Ich ihm nach im Laufschritt, nach Feldmann brüllend, nach Streidl, nach dem alten Mütterchen, auf welches das flügellahme Hühnchen zulief. Endlich kam Feldmann angesaust, aufgeschnappt und davon zu seinem Herrn, trotz meines wahnsinnigen »Herrrein«!

Noch um die Frucht betrogen meiner Kriegslist, um das erste Aufheben. –

»Gratulir', hab's gar net aufstehn hören«, sagte Streidl, während er mir das Huhn an meine Jagdtasche knüpfte.

»Ah, ist das möglich!« sagte ich heuchlerisch, »bei Ihrem guten Gehör?«

Der Bann war gebrochen, bei jedem Schritt schlug mir das Huhn an die Leine, das war ein köstliches Gefühl. Ich empfand jetzt keinen Neid mehr auf Streidl, welcher die Staude entlang eines der Versprengten nach dem andern herunterholte, im Gegenteil, ich war froh, eine Viertelstunde lang meinen Erfolg durch keinen neuen Mißerfolg getrübt zu sehen. Nie mehr ergab sich eine so günstige Konstellation, eine Staude zwischen mir und meinem Meister, und ein so braves Huhn.

Das prasselte und schwirrte immer sinnverwirrender. Mein Gockel blieb einsam, während Streidls Tasche unter der Last der Beute ganz schief hing.

Die Hasen trieben es noch toller!

Der eine lief, bis an die Löffelspitzen verdeckt, in einer endlosen Kartoffelfurche, der andere purzelte quer über die Furche bergauf, bergab. Einer fuhr mit einem Rumpler, der mir durch alle Nerven ging, dicht unter dem Fuße heraus, der andere drückte sich schon außer Schußbereich.

Streidl schoß auf keinen, »weil noch nicht Zeit ist«, sagte er. Weil er auch die Unmöglichkeit einsah, einen zu treffen, sagte ich mir.

Wir hatten noch ein kleines rotes Moos durchzunehmen, dann sollte Rast sein. Feldmann zog nicht mehr recht, die Zunge hing ihm sprüngig heraus, und Streidl ging es wohl auch nicht besser.

»Da werden a Paar aussaspritzen. Vorhalten! Grad aus – zwischen d'Löffel nei, nacha fehlt nix!«

Leicht gesagt! Noch einen Hasen, einen Hasen in seiner ganzen Pracht! Das wäre ein Erfolg! – Das war ein aufregendes Schleichen! Da stand schon der Feldmann – hasenmäßig! Und wie Ameisen kribbelt es in allen Gliedern. Dicht vor ihm erblicke ich einen gelben Klumpen – zwei Basiliskenaugen darin, so starr, so gläsern. –

Ich hebe die Flinte. – »Schamas Ihna, in der Saß!« Streidl rief es mir laut zu. Ich verfluchte in meinem Innern diesen thörichten Weidmannsstolz und dachte an mein Huhn, an die mitleidige Staude.

Ein Sprung Feldmanns. Da saust er schon dahin – seitwärts – »Vorhalten!« tönte eine innere Stimme. Ich folgte ihr – bäng! Ein Purzelbaum – noch einer – getroffen! – Als ich abdrückte, war es rot vor meiner Mücke, ob vorn oder hinter der Hase, ich wußte es nicht. Aengstlich sah ich nach Streidl. Er trug die Flinte auf der Schulter. »Haben Sie geschossen?«

»Ah, wie werd' i denn?« Er lachte.

»Weil's gar so gekracht hat«, meinte ich. Doch da kam Feldmann schon stolz herangeschritten, den Hasen kunstgerecht im Fange, vor diesem Anblick schwand jedes bedenken.

Ich schüttelte und drückte den Heißersehnten, daß der Schweiß weit umherspritzte.

Ein elektrischer Strom durchzitterte meine Finger beim Berühren des weichen, warmen Balges. Ich drückte stumm Streidls Hand, ich hätte ihn am liebsten geküßt.

Das war ein würdiger Schluß!

Heimwärts gings auf der staubigen Straße. Als ich einen Augenblick hinter meinem Meister ging, fiel mein Blick auf die Gewehrhähne, es blitzte nur eine Kapsel mir entgegen, nebenan war es entsetzlich dunkel, der Hahn war zu. – Eine Frage schwebte mir auf den Lippen, ich unterdrückte sie. – Wo Glaube – da Friede!

Wir wurden schon erwartet zu Hause. Der Triumph war groß. Der Hase machte die Runde in der ganzen Familie. Man fand ihn stärker und besser, wie je einer in das Schloß kam. Zum Abendtisch kam er schon gebraten mit Zitronenscheiben garniert. – Ich fühlte mich so gewissermaßen als Ernährer der Familie.

Das Glück wollte, daß ich auf ein Schrot biß, ich betrachtete es sorgfältig und erkannte es als untrüglich aus meinem Schrotbeutel stammend. – So verduftete das letzte Wölkchen an meinem Jagdhimmel!

Ich stehe jetzt im 24. Feld, unzählige frische frohe Weidmannsstunden sind jenen ersten gefolgt, manch treuer lieber Gefährte dem alten Förster, aber in ewig froher Erinnerung bleibt das erste Huhn im Busch, der erste Hase im roten Moos – bleibt der gute alte Streidl. –

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