Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anton von Perfall >

Ein Weidmannsjahr

Anton von Perfall: Ein Weidmannsjahr - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Freiherr von Perfall
titleEin Weidmannsjahr
publisherVerlagsbuchhandlung Paul Parey
year1896
illustratorChr. Kroener, E. Otto, A. Singer, A. Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140108
projectid740d8905
Schließen

Navigation:

Juli

 

Koa' lustigeres Leben meinoad
Als Jagern in' Berg umanand.

 

Gemstreiben

Morgen, 5 Uhr ist es und noch ringt sich der Tag kaum durch. In der Wirtsstube zur »Wegscheid« wirft das Flackerlicht einer Unschlittkerze seinen Schein über bärtige Gesellen, die dicht aneinander gedrängt die Tische füllen.

Eine übernächtige Lust herrscht, noch verdickt durch die Ausdünstung triefender Wettermäntel und undurchdringlichen Tabaksnebels.

Der Förster geht erregt in dem kleinen Raume umher. Ein verdächtiges Pfeifen, welches den Leuten die übelste Laune des Gestrengen verrät, dringt aus dem auf der rechten Seite Hemd und Joppe verdrängenden Satthalse. Man muckst nicht an den Tischen und erwartet die unausbleibliche Entladung. Es blitzt und wetterleuchtet schon in den scharfen schwarzen Augen, unter den buschigen Augenbrauen. Ein Daxl stößt, von einem unvorsichtigen Bergschuh getroffen, einen nerverschütternden Schrei aus – da bricht es schon los, das Unwetter.

»Mit euren Herrgottsviechern! I sag's ja alleweil, im Wirtshaus krakehl'n, drauß'n kein Ohrwasch'l rühr'n, grad wie ihr selb'r. Aber das sag i auch, wenn ihr's heuer wieder so mach'n wollt, wie vorig's Jahr, Einer den Andern nach wie d' Schafl, wo's grad bequem hergeht, nachher könnt's was d'rleb'n. – Wer is denn schuld, wenn's schief geht? Der Förster! Wenn's vorn Alle fehl'n? Der Förster! Wenn d' Gams hint' 'naus geh'n? Der Förster! Als ob ma die ein'n hintrag'n könnt, den andern an Verstand eingeb'n.«

Die Leute dampfen mit stoischer Ruhe weiter und hüten sich wohl, durch ein unbedachtes Wort den Grimmigen noch mehr zu reizen.

»A Wetter is aber schon«, wendet sich dieser, ein neues Angriffsobjekt suchend, gegen das Fenster. »Grad Regen und Nebel und all' Teufel! D' Latschen glitschnaß, d' Sach all's herunt', aber natürli g'jagt muaß werd'n.«

»Vielleicht kommens gar nit, könnt glei sein,« bemerkt in der Absicht zu beruhigen der Forstgehilfe.

Da kommt er gut an.

»Was? Net komm'n? Das ging grad no ab. Treiberlöhn' zahl'n! A 100 Markl'n für's Stubenhocken und Bierausspiel'n! Die ganze Arbeit umsonst! Kann ja besser wer'n, bis der Trieb angeht. Wird a besser,« behauptet er, das Firmament prüfend. »Sehn's denn net, daß 'hn der Sunnawind anpackt den Nebel? Da – hören S's?«

Ein vornehmes Wagengebrumm, leichtes Pferdegetrab, wie man es sonst nicht gewöhnt ist, auf der nur von schwerem knarrendem Holzfuhrwerk befahrenen Bergstraße wird hörbar. Alles steht in Reih' und Glied. Ein Viererzug biegt um die Ecke aus dem Waldesdunkel.

Der Herzog kommt, ihm folgen in leichten Jagdwagen die Kavaliere. Eine lustige Gesellschaft in dem jetzt sich siegreich bahnbrechenden lustigen Sonnenlicht. Heitere Jagdstimmung, frisches Leben, fragende Blicke auf die Wände rings umher, welche die Erfüllung heißer Jagdwünsche bergen und auf die entfliehenden Nebel.

Alles erscheint in der kleidsamen Bergtracht, Alt und Jung, der hohe Jagdherr selbst mit dem milden, menschenfreundlichen Blick, unter der hohen, klaren Stirne. An seiner Seite die jugendliche Gemahlin, in kleidsamer Jägertracht, wie ein echtes Bergkind anzuschauen, mit dem elastischen Schritt, dem frischen lebensvollen, sicheren Blick des schwarzen Glanzauges, das, die glotzende, gaffende Schaar der Treiber überfliegend, von heiterer Laune schimmert.

Der Förster begrüßt ihn ehrerbietig, völlig verändert. Eine drollige Demut ringt sich durch die wetterharten energischen Züge und die rauhe Stimme, die eben noch so gepoltert, klingt jetzt fast weich. – Alles gehe vortrefflich, die besten Aussichten auf gutes Wetter und Erfolg. Lächelnd nimmt der hohe Herr die längst gewohnten Versicherungen hin.

Dann kommen die Gäste gefahren. Ein lebendiges, heiteres Bild entwickelt sich, frohe Jagdstimmung auf allen Gesichtern. Der Förster giebt unermüdlich immer von neuem hoffnungsreichen Bescheid.

»Gams grad gua und aus können's gar net. Dazua solche Schützen, da kanns gar net fehl'n.«

Der Jagdherr giebt das Zeichen zum Aufbruch, der Förster geht voraus, den Zug anführend. Eine vielgestaltige Reihe! – Die behäbige Exzellenz, jetzt schon den Hut in der Hand, mit einem stark parfümierten Taschentuche den Schweiß sich trocknend. Der Geheimrat mit dem tadellosen weißen Schnurrbart, dem die kurze Hose nichts raubt von vornehmer Würde. Der Offizier, die grüne Joppe in der Taille stramm geschnitten, mit den elastischen Bewegungen, die sein Beruf verleiht. Der Aristokrat mit der peinlichsten Sorgfalt für das Schuhwerk, den schlanken Knöcheln und langen Leinen. Der Forstmann, in vergilbten Farben, wie ein herbstliches Blatt, mit der gewissen stimmungsvollen Patina, die nur der Wald selbst verleiht, der von Alter und harter Arbeit gekrümmte Träger, der mit einem vollgepackten Rucksack hinter seinem Kavalier tappt.

Das Alles geht im gemessenen Bergschritt die Serpentinen des Jägersteiges hinauf, den Ständen zu.

Allmählich verstummen die Gespräche, die Anstrengung nimmt zu, die Erwartung wächst. Schon lichtet sich der geschlossene Hochwald und die Schroffen schwimmen hoch oben im Himmelsblau.

Der erste Stand ist erreicht.

»Ex'lenz, wenn's g'fällig wär. A guater Bock is Ihna sicher. Lass'n 'hn nur schön her, nachh'r kann er net aus. Beim zweit'n Bog'n grad umkehr'n.«

Die Exzellenz kann ihre Zufriedenheit, am Ende der Mühe angelangt zu sein, nicht verbergen und läßt mit Wohlbehagen die Gesellschaft an sich vorüberziehen.

Das Gamsgebirge beginnt. Der Steig wird eng und steil, Stein- und Geröllrinnen kreuzen, überschütten ihn. Senkrecht unter uns braust das Thal. Die alten Herren harren ihrer Erlösung und werfen fragende Blicke auf den Förster, der erbarmungslos voranschreitet.

»Herr Geheimrat«, ruft er am zweiten Stand, »wenn i bitt'n darf, vor 2 Jahr'n haben's da an Gamsbock g'fehlt. Wissen Sie's no? An guat'n a no.«

Der alte Herr lächelt bitter zu diesen unangenehmen Erinnerungen und nimmt den fatalen Platz ein.

Von da ab geht's »gamsig« her, über steil abfallende Laner, um kritische Ecken und Kanten.

Die Jägerschaar vermindert sich.

»Waidmannsheil!«

Wieder einer weniger. Bald ist nur die junge Generation vertreten. Die hohe Jägerin immer voran, an schwindelnden Abgründen vorbei, zwischen den Steinmauern und Felsen hinauf, freien, sicheren Trittes, ohne das unsichere Tasten mit der Hand, den der Tiefe abgewandten, unruhigen Blick, der an weniger geübten Männern zu gewahren.

Die Latsche verschwindet, nichts als grauer Stein, zerklüftetes Gewänd, kein Halt mehr als der sichere Tritt. Tief unten brauen die Nebel. Der Gemspfiff ertönt, Geröll löst sich, im Aether kreisen zwei Geier, hoch über den Schroffen, ihren Meister im Raub bewundernd – den Menschen!

Der Herzogsstand ist erreicht! Ein lustiger Sitz inmitten des Gewändes, überall freies Schußfeld gewährend.

Die hohe Führerin nimmt ihn heute ein.

Ein kaum dem Fuße Raum bietender Steig, eine jäh abfallende Wand entlang, führt abseits dahin.

Sie lächelt über die männliche Besorgnis, die aus allen Augen spricht und betritt sicheren Schrittes, gefolgt von dem Leibjäger, den schwindelnden Pfad.

Den nächsten Stand wählt der Herzog.

Mir ist der höchste und letzte vorbehalten, oben auf dem Grat.

Der Steig geht aus, in steilen Geröllrinnen geht es aufwärts, der Berg wächst vor uns. Um uns wildes Geklüft, senkrechte Mauern, spitze Felsenkegel. Alles flimmert und brennt im grellen Sonnenlichte. – Endlich!

»Machen Sie's fein gnädig«, sagt der Förster, als ich ihn verlasse, um auf schmalem Steig durch das Gewand meinen Platz zu erreichen, »'s junge Graffl muaß bei Ihna 'naus. Wenn's an schlechtern als an Vierjährigen schiaß'n, san's a Bazer. Waidmannheil, Baron!«

Der Platz ist mir teuer, frohe Jagderinnerungen knüpfen sich daran. Die Geister der von meinen Kugeln hier schon Gefallenen beleben die Wände, die Schroffen und erhitzen das Jägerblut.

Unter mir ein gähnender Kessel, von wild zerklüfteten Wänden eingeschlossen, aus dem ein breiter, jetzt im Sonnenlicht weiß leuchtender Geröllstrom sich ergießt bis hinunter in das Thal, über welchem die Nebel ihr Wolkenspiel treiben. Ueber mir die kantige Schneid, auf welcher der tiefblaue Himmel zu lasten scheint. Tiefe Ruhe, keine Ahnung des Mordes, der heimtückisch bereitet wird. Ein Rudel Gemsen äst im kühlbeschatteten Laner, der sich durch die Wände hinauf zieht wie ein grünes Band. Ein Steinpocher umflattert neugierig mich fremden Gesellen, und zwei Bergraben schwingen sich kreischend, die Mahlzeit witternd, um die Felsburgen, Türme und Basteien.

Da dröhnt ein Schuß, vielfaches Echo weckend, durch die Thäler schleichend, langsam vergrollend. Die Gemsen drüben werden unruhig, die Raben schwingen sich höher – dann wieder endlose Stille. Der lustige Kampf der Sonne mit dem Nebel unten naht der Entscheidung. Bald bäumt er sich zornig auf in hohen Säulen, bald schmiegt er sich katzenhaft einen Ausweg suchend, bald flattert er in losen Schleiern. Und immerfort neue Strahlenheere sendet das sieghafte Gestirn, das nun die Höhe erklommen. Auf einmal flieht er, in wilder Hast sich überdrängend, in die Ebene hinaus. Rein und klar, morgenfrisch winkt das sonnige Thal, die weiße Bergstraße, die Gehöfte, und des Lebens vielfältige Töne dringen herauf.

Der Trieb ist weit, der Weg durch die endlosen Latschenfelder jenseits der Schneid beschwerlich, noch hört man keinen Treiber.

Da rieselt's, poltert's in den Wänden, Steine sausen in weiten Bogen herab wie Büchsenkugeln, schwarze Punkte erscheinen im Gelb, wie Fliegen schwärmen sie, hängen in der Luft, verschwinden. Es geht abwärts, dem Laute nach dem Herzogsstande zu. – Jetzt erscheint ein Rudel weit unten auf der Steinriese.

Ich erkenne die hohe Jägerin, dunkel sich abhebend von der gelben Wand, schußbereit. Ein Rauchwölkchen, ein schwacher, an den Wänden wie ein Peitschenhieb sich brechender Knall. Die Schaar stiebt auseinander, auf dem Geröll bleibt ein schwarzer Punkt – ein Meisterschuß.

Ich lege mich platt nieder und blicke hinab, doch der Fels hängt über und hindert die Aussicht, nur ganz unten springt es hin und her wie schwarze Flöhe. Ueber die Schneid herüber ertönt jetzt das Zeichen der Treiber, gellender Juhschrei, dumpfes Bellen, »aho! aho! Wau! Wau!« jeder nach seinem Geschmack, und auf einmal saust es herab in den steilen Kaminen und Rinnen, schemenhaft, unglaublich, schwarze fliegende Punkte – dort! – dort! Und unter mir das verlockende Geriesel, Geraffel immer näher – immer näher! –

Jetzt, Herz, sei standhaft, Augen seid schnell und sicher! Zur rechten Zeit das rechte Stück, das heißt, einen weidgerechten Bock erkennen, das ist die Kunst! Mit dem »Geraff'l« habe ich mich nie abgegeben, im Leben nicht und auf der Jagd nicht, ein »Spitzenbock« nach Nietzsche muß es sein. Mir gegenüber schleicht ein »einschichtiges« Gems vorsichtig, jede Deckung benutzend, zwischen den Latschenboschen hindurch – da hat's das rechte! Ich lasse es nicht mehr aus den Augen oder vielmehr aus dem Feldstecher. Jetzt springt es auf einen »Schnaken«, die Kruken weit und hoch – na wart'! Hinab, hinauf, dann wieder verschwunden. Weiter oben ein ganzes Pack und von unten der Lärm, soll ich mit dem Burschen die kostbaren Minuten vertragen! Bang! bang! prallt unten Schuß auf Schuß gegen die Wände – aber jetzt! Da steigt er herauf in der Rinne, kohlschwarz – nur noch um die Ecke, da bleibst du doch stehen – heiliger Hubertus! Richtig! Jetzt kommt der Hochgenuß des Jägers!

Das Korn in den zottigen Leib getaucht, ein Gedanke – jetzt hast' ihn! Ein Knall, ein Sturz über die Wand, ein inneres Jauchzen, ein gieriger Blick, wie der Bock bergab saust, in eine Staubwolke gehüllt. Doch jetzt ist keine Zeit zu grausamem Genießen, die Ereignisse drängen. Der Gestürzte rollt unter das aufwärts flüchtende Wild. Der Gemspfiff ertönt in nächster Nähe. Ich lehne mich so weit vor als möglich und richte meine Buchse senkrecht nach unten. – Jetzt erscheint ein Stück, – noch eines, ein ganzes Rudel springt ratlos durcheinander. Geis, Kitz und Bock, lauter »G'lump«. Mein Visier schleicht von einem zum andern, doch die richtige »Kruk'n« zeigt sich nicht.

Und auf einmal saust es herab –

Auf den unteren Ständen wird wacker gefeuert, oben steigen bereits die Treiber herein durch das Gewänd.

Der Jagdteufel ist los! Polternde Steine, Geröll, barbarische Schreie, Schüsse, von allen Seiten die Angstpfiffe des entfliehenden Wildes.

Die Pürsch ist schöner, edler, es gilt einen größeren Einsatz an Ausdauer, Mut und Gewandtheit, aber dieser Furor, dieses leidenschaftliche Erglühen, diese dramatische Entwicklung, haben doch ihren großen Reiz für den Jäger, besonders wenn er ein echt gefärbter ist, der seine sorgfältige Auswahl trifft, seine Leidenschaft bezähmt, beim Schießen, nie von wildem Vernichtungstrieb erfaßt wird, wie blind, ohne Beobachtung des bewegten Schauspiels, darauf losknallt auf Alt und Jung, wie es leider nur zu oft geschieht.

Mich ergötzt die vorsichtige Kitzgeiß, die jeden Schritt erwägt, die leichtsinnige Jugend, die gleichsam die ganze Geschichte für einen Scherz hält, ebenso wie der schußgerechte Kapitalbock.

Oder ist das zu viel gesagt?

Da erscheint nämlich einer unter mir in der Sandreise, kohlschwarz wie ein Teufel, die Kruken hoch und weit – kümmere ich mich noch um das Schicksal der übrigen Schaar? Beobachte ich noch? Offen gesagt nein! Die Augen gehen mir über, ich sehe nur mehr den schwarzen breiten Nacken, über den mein Visier unruhig tanzt aber ich muß doch meinen Posten getreu ausfüllen, und der da unten ist reif für die Ernte. Was ist schlimmer, von einer reinlichen Kugel gefällt, mitten heraus aus dem strotzenden Leben, oder alt und krank am Winterfrost langsam verderben, von der Lawine verschüttet?! Einmal muß es ja doch sein und zum ewigen Nachruhm soll dein Gehörn mein Zimmer schmücken. Ob ich damals so lange philosophierte? Schwerlich! Ich kann mich nur mehr erinnern, daß die Büchse mir nicht gehorchte, das Blut schoß mir in Kopf und Hand in der unbequemen Lage, das Visier schwankte bedenklich über den in der Entfernung von 180 Schritt ziemlich schmalen schwarzen Strich – und die Treiber stiegen immer mehr herein und mußten ihn jeden Augenblick vertreiben. Herrschaft! Die Zähne übereinander gebissen – nur einen Augenblick Ruhe, verdammtes Blut! Plötzlich steht das Visier still, ein Knall, und auf dem weißen Stein unter dem Bock, der regungslos steht, erscheint ein roter Fleck – ein sonderbares Taumeln und Schwanken, dann ein jähes Zusammenfahren, und der Bock verschwindet bergab.

»Hat 'hn schon«, schreit ein Treiber herüber aus der Wand. Darauf ein dumpfer elastischer Fall – »Hat 'hn schon!« -

Ueberall in den Wänden erscheinen jetzt die kleinen Gestalten der Treiber auf Plätzen, die in der Entfernung unmöglich erscheinen. Einzelne Gemsen, die sich in den Wänden versteckt, flüchten der Höhe zu, die Treiberkette durchbrechend. Das Schießen hat aufgehört, der Bogen ist zu Ende.

Unten im Graben wird das gefallene Wild aufgebrochen, und der Förster wettert und flucht. Ein Hund giebt Standlaut, dann plötzlich wieder dieselbe ernste Ruhe, wie vor einer Stunde.

Ich steige über die Schneid zum Treffplatz der Treiber und oberen Schützen, welche im zweiten Bogen ihren Stand zu ändern haben. Da wird tüchtig »geuntert« gegessen. Schnaps und Speck und erzählt! »wias hinten außidruckt hab'n, daß man's mit dem Stecken hätt erschlag'n können, von ›schiache Platz‹ gefährliche.«. Allmählich sammeln sich immer mehr, Botschaft kommt, wer g'schossen hat, wer g'fehlt – und die Nachricht, daß die königliche Hoheit vier gute Böck erlegt und den Sepp g'lobt hat, weil er so schneidig vor ihm abgestieg'n is,« ruft allgemeine Freude hervor. Wenn auch im ganzen das Resultat in anbetracht der vielen Schüsse, die gefallen, ein schlechtes scheint, diese vier Böcke sind der Erfolg, und der Förster wird jetzt anders »aufdrah'n«.

Wirklich, man hört ihn schon den Berg heraufpusten und stöhnen, ohne einen Fluch, und jetzt lacht er sogar schmetternd. Unwillkürlich lachen die Leute mit.

»Guat is ganga! Brav habt's Eure Sach' g'macht. Die königliche Hoheit is sehr zufrieden, für die Bazer da unt' können wir alle nix. Aber jetzt auf, Leut', der Nebel druckt schon wieder 'rein, zum Fressen habt's hernach Zeit.«

»Aber Herr Förster, a bißl rasten müassen's do a«, meint ein Jäger.

»Wer sagt denn das? Alle mit anand geh i Euch in Grund und Boden 'nein, samt der Klarinett'n, die i in mein Hals stecken hab – die pfeift mir guat.«

Sein großes rotes Sacktuch flattert wie eine Fahne des Aufruhrs in seiner Rechten.

Allgemeine Erhebung! – Jetzt geht es bergab der Schneid entlang, über Latschengewurzel und Gestein. Ich habe diesmal einen Abwehrstand, das weiß ich aus Erfahrung, die einzelnen guten Böcke, die sich in den Bogen stets befinden, drängen nach unten. Aus der Ebene herein wälzt sich das geschlagene Nebelheer, schon flattert seine leichte Kavallerie um die Schroffen und Gräben, finster drohend naht die Hauptmasse, und kaum beginnt der Trieb, stürzt sie herein, jede Bucht, jeden Riß füllend.

Die Gefahr für die Treiber ist groß, ihre Zurufe ertönen wie aus dem Leeren herauf; nur vereinzelte Schüsse fallen. Dann und wann steigen, wie eine Wandelkoulisse, hohe Fichten, groteske Felswände, doppelt, mächtig erscheinend, vor mir auf, um allmählich wieder zu zerfließen. Der Wind ist schlecht und läßt kein Stück herauf. Der Förster setzt sich zu mir und wartet ungeduldig auf jeden Schuß. Er weiß jeden genau nach dem Stand anzugeben, kennt den Ton jeder Büchse, vier Schüsse fallen dicht hinter einander – das ist der Geheimrat mit seinem Repetierer, »nutzt halt a nix, wenn man net hinhalt.«

Ein vereinzelter schwacher Knall.

»Das ist die königliche Hoheit.« Das ganze Gesicht des Alten leuchtet. »Bum und gar is – des san halt Leut.«

Ein paar Treiber, die sich in einen Graben abstehlen wollen, werden so unversehens angedonnert, aus dem Nebel heraus, daß der eine fast stürzt vor Schreck.

Kaum ist der Bogen zu Ende, verzieht sich auch der Nebel wieder!

Der Förster lacht nur höhnisch und schüttelt den Kopf. »Diese Tücke des Schicksals kenn' ich,« lag darin.

Wir waren die letzten, die in der Wegscheid eintrafen, die Strecke war schon bereitet. Man untersuchte die Kruken, wunderte sich, einen Jährling als seine Beute zu finden, musterte einen Kapitalbock. Eine Kitzgeiß wurde von der Exzellenz entschieden in Abrede gestellt. Da sich kein anderer bereit fand, sie auf sich zu nehmen, das Loch mitten auf dem Blatt aber einen natürlichen Tod ausschloß, blieb das Rätsel ungelöst.

Der Geheimrat, der vergeblich seinen Bock suchte, forderte den Förster energisch auf, morgen sein ganzes Personal zur Nachsuche auszusenden, der Bock müsse ganz in der Nähe seines Standes »steintot« liegen.

Der Förster ließ alles schweigend über sich ergehen mit einem verschmitzten Blick auf die Hoheit, seinen Herrn, der ihn so gut versteht; er hat ihm eben die Hand gedrückt und ein herzliches Wort der Anerkennung gesagt. Was kümmerten ihn da noch alle Kitzgeißen, Jährlinge, Excellenzen und Grafen!

Die Wagen werden vorgefahren, man verabschiedet sich bei ihm, mit dem man es nie verderben darf, bindet ihm nochmals unzählige Aufträge auf die Seele, verlangt Telegramme über das Ergebnis der Nachsuche.

Unter einem von dem Förster inszenierten donnernden Hoch auf den hohen Jagdherrn saust das Viergespann davon, hinter ihm her die flotten Gespanne aller Art, dem Jagdschlosse zu.

Wie ein lustiger Jägertraum verschwindet alles im Tannenwald. In den smaragdgrünen Lichtern der Gefallenen spiegelt sich ihre Heimat, die Wänden und Schroffen, die Matten und Wälder.

In der Wirtsstube drängt sich wieder Mann an Mann bei der schäumenden Maß, aber der Förster geht nicht mehr drohend wie ein Gewitter umher, er sitzt jetzt mitten unter den Leuten.

Die Spitzen des weißen Schnurrbartes, die heute früh so drohend hinausstanden, senken sich jetzt unter der Last des frischen Bierschaumes, die gefürchteten Augen blicken jetzt kindlich heiter, indem er den Erzählungen der Leute zuhört. Dann aber zuckt es in seinem Antlitz auf, er schiebt unruhig den Maßkrug hin und her und stößt kurze Dampfwolken aus seiner Pfeife.

Ich kannte den Alten – Richtig!

»Wie ich noch G'hilf war in Steingaden, da geh' i einmal, 's war im Oktober, umanand, – 's hat g'rad 's erste Schneei g'schnieb'n –«

Und nun floß es heraus wie ein Waldbach, der bald lustig dahin hüpft über Stock und Stein, bald verworrene Strudel, bald langweilig fischwässerige Tümpel bildet, und die Klarinette im Halse quiekte zur rechten Zeit die drollige Begleitung dazu.

Der Mond schwamm schon über den Schroffen, als wir den Heimweg antraten. Die Träger mit den Gemsen auf den Rücken warfen groteske Schatten auf die weiße Landstraße. Die Bergstöcke, die Menschen, die Hunde, alles bildete schiefe, sich durchschneidende Linien. Im äffenden Licht oder in unserem Affen?

Der Förster behauptete das erstere, ich das letztere, und wir sind heute noch nicht einig darüber; aber darüber sind wir es, daß es einer der schönsten Tage unseres freudenreichen Jägerlebens war.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.