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Ein Weidmannsjahr

Anton von Perfall: Ein Weidmannsjahr - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Freiherr von Perfall
titleEin Weidmannsjahr
publisherVerlagsbuchhandlung Paul Parey
year1896
illustratorChr. Kroener, E. Otto, A. Singer, A. Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140108
projectid740d8905
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Mai

 

Spielho' wo bist, Spielho' mach' auf
Und grugl', blas' und spring',
Es san ja deine Hochzet-Täg'
Und di nimmt koana g'ring.

 

Spielhahnfalz

Ewige Hochzeit in den Bergen!

Immer höher hinauf schwillt der Schaffensdrang, das junge Leben, und weckt die Kreatur.

Von der noch schneebedeckten Schneid' herab tönt ein gar lustiges übermütiges Schnackeln und Grugeln, wie ein Spottlied auf den ernsten melancholischen Herrn im Buchenwald.

Der Jäger lacht verschmitzt und rückt das Hüt'l: »Wart Tropf!«

Das ist der »höchste« der Freier, der Liebesclown der Berge, der vielbesungene »Spielho« mit den zwei schwarzen krumpen Federn, die, wie Kobell singt: »in der Weaner Stadt tragen die größten Herrn.«

Am »Angelsattel« macht oaner auf, woltern oaner! Wenn 's 'n schiaß'n woll'n, meint der Förster. – Grad' »d' Schar«, Schere = Stoß. wenn i bitt'n derffet. Hab'n ja eh g'nuag. – 's Resel thät mi ganz veracht'n, wenn 's wieder leer ausgang', meinte Jakl, der Jäger. –

Und nachdem ich ihm erklärt, daß ich der Resel die »Schar« von Herzen gönne, indem ich gar keine so dankbare Verwendung wüßte, war die Sache abgemacht. Zwar glitzerte der Angelsattel in bedenklicher Höhe zu meinem Fenster herein, und ich dachte der Schritte im fußhohen, weichen Schnee, der Schweißtropfen, die er kosten wird. Aber das änderte nichts mehr an meinem Entschluß. Der Floh, oder vielmehr der Spielhahn war mir in's Ohr gesetzt und wenn ich ihn nicht habe, so kollert und purzelt er mich zu Tode, Tag und Nacht, das ganze Jagdjahr hindurch.

Also gleich los auf die Angelalm über Nacht, und morgen früh muß 's Resel ihre Schar haben.

Kost sehr einfach und allen jagenden Kollegen zu empfehlen. – Ein tüchtig Stück Speck zwischen den beiden Hälften eines groben Roggenbrotes, bei uns vulgo »Maurerleibl«, gelegt, dann die ganze Geschichte unter meine Kopierpresse und stramm drauf los geschraubt, daß »das Spröde mit dem Weichen sich vereint zum guten Zeichen.« Probatum est! – ›A Maul voll Schnaps,‹ nach Jakl – Gamaschen, Wettermantel! »Waldl, du druckst dich!« – Der treue Gefährte, der sich bei meinen Vorbereitungen mit fragendem Blick angeschlängelt, zieht sich, ein Bild der Trübsal, auf sein Winterbett unter dem Ofen zurück.

Eine »Stehmaß« beim Schnapperwirt, wo der Weg abbiegt von der Straße, wird nicht versäumt, obwohl Jakl, den Kopf abgewandt, an der Banzen Fässer. verzierten, verführerischen Geruch ausströmenden Pforte stolz vorbeieilt; doch Satan, der Schweißhund, verriet ihn, indem er starr, wie ob etwas Unbegreiflichem seinem Herrn nachblickend, stehen blieb.

»Ah so«, sagte er lachend, als ich ihn zurückrief. Haben's Durst?«

Der Schnapper brachte den schäumenden Gumpen. »Spaten! Grad' ang'stocha!«

Jakl sog sich fest wie eine Biene mit meinem Durst.

Zum Sitzen ließ ich es nicht kommen. Ich kannte die magnetische Kraft dieser blitzblanken Ahornbänke unter dem Blütenbaum zu solcher Zeit.

Rechts schwenkt – Marsch! –

Ein beschwerlicher Weg hinauf durch den schattenseitigen Angelgraben. –

Jeder Schritt mußte erkämpft werden in dem erweichten Schnee. Endlich nach zwei Stunden öffnete sich der Wald und der schneegefüllte Kessel, rings von hohen zerklüfteten Wänden umgeben, auf dessen Grund die ersehnte Hütte lag. –

Rote Lichter huschten jetzt schon über den Schnee, kalte Schatten krochen mit uns herauf und scheuchten sie aufwärts in die Wände, bis sie die zackigen Schneiden und Kuppen ringsum entflammten.

Als wir die Hütte mühsam erreicht, erlosch eben die letzte Glut. Ein eisiger Wind fegte herab und wirbelte den Schnee auf. – Aus der Hütte drang der Rauch, das Prasseln eines Feuers.

Ich war nicht böse darüber, während Jakl: »Hat den Sakra der Teuf'l a schon wieder herob'n!« in seinen Bart brummte. – Der Probstbauer war da, um die Schäden des Winters auszubessern, er bereitete eben seine Schmalzkost, als wir eintraten.

»Aha, geht's dem da ob'n an!« sagte er schmunzelnd. »Heut fruah hat er's hübsch nöti g'habt, am Sattel ob'n.«

Vergessen war alle Mühe des Aufstieges. Der Probstbauer wurde in das peinlichste Verhör genommen: Wann er eing'fall'n? Wann er abg'strich'n?

»Da feit Euch gar nix net! G'rad' auffi geh'n – und no ja – das is d' Hauptsach' – treffa!«

»Da wird ma di dazua brauch'n!« meinte Jakl, dem das skeptische Lächeln des Alten verdroß.

»Na – ma sagt ja bloß – Herr Jaga!«

Freunde waren sie nicht, die Beiden. –

Mein Patentbrot an dem Feuer etwas gewärmt, daß der Speck herabträufelte, schmeckte köstlich.

Jakl lehnte die Einladung des Alten, an seinem Mahle teilzunehmen, schroff ab.

Das Gespräch wollte nicht in Gang kommen.

»Is nachher sauber auch 's Resei!« begann ich, nur um die Stille zu unterbrechen. »Dem du die ›Schar‹ zugedacht hast, Jakl?

Ich sah dabei, in mein Speckbrot vertieft, gar nicht auf ihn.

Die Antwort übernahm der Alte.

»Woltern sauber!« Dabei schüttelte er seinen Schmarn auf. »Aber dess'thalb kannst dir deine Schar do spar'n, Jakl!«

Ich blickte erstaunt auf.

Jakl war feuerrot und stocherte verdrossen in seiner Pfeife.

»Das is ja mei Sach', schau«, sagte er mit mühsam bewahrter Ruhe. »Und wennst a no den größern Misthauf'n hätt'st vor dein Haus, könnst mir 's do net wehr'n, deim Madel a Federl z' schenk'n auf 'n Huat.«

Die Situation war klar. Res war die Probstbauerntochter. Ich hatte einen gewaltigen »Moosbacher« gemacht.

Verwehr'n kann i dir 's net, da hast recht, aber i moan halt, du könnst anders wo a bess'res G'schäft macha. – San rar rar = selten. de Federn.«

»G'schäft!« brauste jetzt Jakl aus. »Als ob unser oans aa so wär', wir es Bauern, es Räuber, es verdammten! – Freu'n thuats mi und 's Resei aa, das is das ganze G'schäft.«

Die Glut in seinem Pfeifenkopf lohte bei den heftigen Zügen mit seinen schwarzen Augen um die Wette.

Der Alte war nicht aus seiner Ruhe zu bringen. Er löffelte gelassen seinen Schmarn.

»Schon! – Schon!« murmelte er dazwischen.

Mir war ganz kuppelig zu Mute. Aber wie den bockbeinigen Alten anpacken? Von einem »Herrischen« nimmt er erst recht nicht Rat an.

»Dein einziges Kind, 's Resei?«

»War net aus.« Weitere Aufklärung hielt er für überflüssig.

»Einen Sohn?«

»Schon.«

»Nachher wird 's Resei einmal wegheiraten vom Hof?«

»Schon. – Wenn 's Gottes Will'n is.«

»Also, wenn 's Gottes Will'n is, net wenn 's der deine is«, bemerkte ich.

Der Alte sah mich mißtrauisch an. »Das versteh' i net ganz«, sagte er dann heuchlerisch.

»Sehr einfach! Gottes Willen ist, daß's Resei den heirat', den sie gern hat.«

»Woaßt du das?« fragte er mißtrauisch.

»Schon«, erwiderte ich auf seine Weise.

»Gern hab'n!« Er lachte spöttisch. »Das konnst glei hab'n, bei die Madeln. Gern hab'n! Zum gern hab'n heirat' kei Bauerntochter.«

»Zu was denn?«

»Na, – halt zum wirtschaften.

»Und gerade dazu gehört das Gernhaben, meine ich, sonst hast' die Höll' im Haus, samt Geld und Gut.«

Fast kam ich selbst in Eifer.

»Schon! – Schon!« murmelte der Alte, mit den Fingern das Schmalz der glücklich geleerten Pfanne zusammenstreichend.

»Wird Not hab'n, daß's Wetter halt', hörst den Föhn?« lenkte er das Gespräch ab.

Wirklich ächzte die ganze Hütte unter dem Ansturm eines plötzlichen Windstoßes.

Dann stand er auf, hing die Pfanne auf und schlürfte in die Stube nebenan.

»Guat Nacht, beianand. I bin müad. That mi freu'n, bald 's an schiaßt's.«

Sauber abgeblitzt!

»Jakl, mit dem wirst dich hart thun.«

»Mit dem schon, aber mit 'n Resei a bisl leichter – was i so mirk.«

Ich gelangte endlich zu der Ueberzeugung, daß meine Vermittelung völlig überflüssig.

Wir legten uns auf's Heu.

Es war eine unruhige Nacht. Draußen stürmte der Föhn, daß die Schindeln flogen und der Dachstuhl zitterte, neben mir ächzte und stöhnte Jakl im Traume – überall Frühjahrswehen. –

Als mich Jakl weckte, war alles still und zu den Schindelluken guckten die Sterne herein.

Der Alte schlief noch.

Der Himmel war klar, nur im Osten ballte sich dunkles Gewölk.

Auf der Ostseite des Kessels traten die schroffen Wände auseinander, einen breiten, leicht ersteigbaren Rücken bildend. Das war der »Angelsattel«, der Falzplatz. Ein Latschenkopf bot herrlichen Stand.

In dem jetzt dunkelblauen Gewölk des Ostens erschienen purpurne Streifen, immer glühender, immer breiter, zuletzt das ganze Firmament in Brand steckend.

Der Wendelstein ragte jetzt kohlschwarz in die Glut, tief unten brauste das Thal. Lichtfünkchen entzündeten sich. – Wagengerassel, Hundegebell – das Leben erwacht.

Gegen Süden schweifte das Auge über die Eis- und Schneefelder Tirols, deren Konturen sich hart und kalt von dem lichtsaugenden Horizont abheben. –

»Jetzt war 's aber Zeit!«

Diese Mitteilung Jakls ließ die ganze gewaltige Welt um mich her für einen Augenblick versinken, und all' mein Denken konzentrierte sich auf den kleinen, schwarzen Vogel.

Schon zirpte der erste Sänger in den Latschen – da! »Tschiu – hui – Tschiu – hui – sch – sch – sch –« tönte es in dem charakteristischen Gutturalton. Aber nicht auf dem Platze vor uns, auf dem Sattel, sondern weiter unten, scheinbar mitten in den Wänden.

»Der Tropf, der verdammt'! Als wenn er's wüßt'!«

Der Hahn höhnte Jakl, gab sein ganzes Repertoir zum besten. Bald kollerte er, ein Ton wie tierisches Lachen, bald jubelte er sein Tschiu – hui – wie ein Jauchzen heraus! Obwohl das Licht schon gut war, konnten wir den Burschen nicht entdecken. –

»Blas ihn an, Jakl!« flüsterte ich, seine Virtuosität kennend.

Jakl legte die hohle Hand an die Lippen. Der Ton kam unglaublich täuschend, mit Absicht eine Nüance schwächer, um einen geringeren Gegner zu markieren.

Der Hahn schwieg.

»Jetzt lust' lust = horcht. er schon«, meinte Jakl, »richten's Ihna!« Und wieder begann er.

Da beim ersten Ton sauste es über unsere Köpfe. Ein Hahn setzte sich auf, in dem Schneefeld dreißig Schritte vor uns.

»Is a anderer! Wart'n!« flüsterte Jakl.

Der Hahn war wirklich schwach, die Schar noch kaum gekrümmt, höchstens zweijährig und nicht schußbar für uns. Er äugte mit weit vorgestrecktem Hals nach dem vermeintlichen Gegner und begann zischend seine Sprünge. –

Jakl wies auf die jetzt schon im Frühlicht leuchtenden Wände. Ein schwarzer Punkt in der Luft – ein pfeifendes Sausen vor uns – und ein zweiter Hahn spreizte sich auf dem Schnee.

Das war der Rechte! Der Stoß war kerzengerade aufgestellt, die Flügel gesenkt, mit einem kecken Hahnenschritt ging's los auf den »Schneider«, höhnisch kollernd.

Ich sah den carmoisinroten Kamm über den blitzenden Augen sich tiefer färben, sich fächerartig vergrößern. Der Anblick war zu pikant, um ihn durch einen Schuß zu stören.

Der Schwache war verdutzt, aber nicht feige, er nahm den Kampf auf und versuchte dem Anprall auszuweichen, indem er emporflatterte. Doch das schien nicht kommentmäßig. Der Alte war sichtlich erbost. Er schlug mit den Flügeln den Schnee und in dem Augenblick, wo der Gegner wieder den Boden berührte, überrannte er ihn, daß er auf den Rücken zu liegen kam, und spreizte triumphierend, ihn umtrippelnd Flügel und Stoß. –

Eine Henne gackerte im Latschenfeld und – als Sieger sterben, ist ja ein schönes Los! – Auch Jakl drängte. –

Nun, Kunst ist keine bei dem vom Bergjäger sonst verachteten Schrotgeprassel.

Ein dunkler Federball lag auf dem Schnee, als der Schuß, unzählige Echo weckend, vergrollte. Der schwache Hahn war im Rauche verstrichen.

Ich hob die Beute bei den Ständern auf. Das Licht stürzte eben herein über alle Schneiden und mit ihm sein liebstes Kind – die Farbe.

Der eben noch unscheinbare schwarze Körper auf dem Schnee schillerte und leuchtete jetzt in buntem Wechsel. Brust und Hals in Grün und Blau, der schwarze Stoß im Sammetglanz, aus dem wie ein Blütenbouquet das reinste Weiß schimmert, während der rote Bogen über dem Perlauge mit den Blutstropfen wetteifert, die aus der Todeswunde in den Schnee träufeln. Ein Farbenleben zitterte durch den Vogel, das die Bewegung ersetzte.

Welche Pracht ist da verbraucht, welche göttliche Kunst!

Auf der Alm knarzte die Thüre. Der Probstbauer stand davor und blickte herauf.

Ich hob den Hahn ihm entgegen. – Er verschwand sofort.

»Die Wut!« meinte Jakl. »Und jetzt bekommt 's ›d'Schar‹ erst recht 's Resei, die Hahn' haben's ja für die Henna!« – Er ahnte nicht, daß er damit ein Lebensgesetz ausgesprochen, um dessen Ergründung der Größten Einer vielumstritten ein Leben hindurch rang – die Zuchtwahl! –

Der Tag stand in seiner ganzen Glorie, als wir durch das gegenseitige Gehänge, Jakl den Hahn am Rücken, abwärts schritten, dem Thal, dem Frühling entgegen.

Im knospenden Buchenwald rief schon der Kuckuck, Eichkätzchen jagten sich glugsend Stamm auf, Stamm ab. In der blauen Luft zogen zwei Weihe immer engere Kreise, bis sie plötzlich beide herabstürzten und in dem grünen Blätterdach verschwanden, wie von einem gewaltigen Gedanken erfaßt. – So weit der Aether reicht, der Atem der Erde, so weit auch das ewige Gesetz – der Liebe! –

Armes Opfer seiner unerbittlichen Strenge, vor mir dort am Schnürchen. –

Und doch, wenn ich bedenke, daß du ihr, der Göttlichen, im Tode noch dienen darfst – daß vielleicht dein Federschmuck auf Resels Hut – –!

O unendliches, ewig unentwirrbares Gewebe der Natur – anbetend verehren, das ist der Rest. – Alles ist heilig, überall Altar!

Aus dem Schnabel des Hahnes fiel Tropfen auf Tropfen, unseren Weg bezeichnend – Märtyrerblut!

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