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Ein Weidmannsjahr

Anton von Perfall: Ein Weidmannsjahr - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Freiherr von Perfall
titleEin Weidmannsjahr
publisherVerlagsbuchhandlung Paul Parey
year1896
illustratorChr. Kroener, E. Otto, A. Singer, A. Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140108
projectid740d8905
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März

 

Merke wohl das Zeichen
Wenn sie falzend streichen,
Und sei flink im Schießen,
Soll's dich nicht verdrießen.

 

Schnepfenstrich

Bedeckt mit feinem Staub hängen die Büchsen an der Wand. Von der einen zur andern zieht sogar die Spinne ungestört ihr Netz, die kleine, rastlose Jägerin – Junggesellenwirtschaft! Cora, die Hündin, streckt sich mit Waldl um die Wette in ihres edlen Leibes üppiger Winterfülle.

Draußen rieselt's auf Weg und Steg, vom bläulichen Schimmer übergossen ruhen die schwarzen Waldberge, an den schmutzig weißen Schneeinseln auf den warmbraunen Hügeln nagt eifrig der Märzsonnenstrahl, die Wiesen ringsum beginnen schon schüchtern ihr buntes Gewebe. Die gelbe Schlüsselblume, das weiße Gänseblümchen schlagen den ersten Faden. Spatz, Fink, Meise ahnen jubelnd nahe Wonnen, der Star putzt sein schillernd Gefieder zum geschwätzigen Liebeswerben und wetzt seinen Schnabel am Stängchen.

Allgemeines Drängen und Hasten, Wünschen und Hoffen; von neuem gilt's, den Tod besiegen; mit ewig frischen Kräften beginnt von neuem der große, freudige Kampf.

Nur der Herr der Schöpfung wagt sich nicht frisch hinein, dämpft den verlangenden Aufschrei der Natur, fesselt das heilige Drängen; er stöhnt wehmütige Lieder, träumt, ahnt – entsagt; unter, über ihm hinweg stürmt achtlos das liebestrunkene Gewimmel.

Auch ich träume und ahne zum sechsunddreißigstenmal und zernage den Federkiel um ein Frühlingslied.

Da geht die Thüre auf, und das jämmerlich Gesuchte kommt so strahlend herein, daß ich über mich selbst lache.

Försters Lies, einen Strauß Maiglöckchen in den festgeschlossenen, tautriefenden roten Händchen, einen Strumpf abgestreift, das rote Röckchen zerrissen, goldiges Gelock im erhitzten Antlitz, aus dem zwei große, sonnige Blauaugen mich anlachen.

»An schön'n Gruß vom Vater – und – und –«

»Nur Mut, Lieschen!«

»Und gestern san's scho g'stricha im Blaumoos – soll i ausricht'n, und wenn's – und wenn's Lust hätten – thät's – thät's –«

Lieschen hat seine Lektion vergessen. Es zupft an seinem Röckchen, der volle Mund verzieht sich verdächtig.

»Thät's ihn freuen, wenn ich heut Abend mitkomm', nicht wahr, Lieschen?«

Sie nickt, schwer aufatmend, mit dem Köpfchen und reicht mir zum Dank für die Erlösung das Sträußchen.

Ich küsse das Kind, stecke die Maiglöckchen in ein Wasserglas und werfe mein angefangenes Gedicht in den Papierkorb. Dann zerstöre ich rücksichtslos das zierliche Werk der Spinne, und es geht an ein Putzen, Reiben, Oelen; der Winter wird ausgetrieben aus dem bestaubten Rohre.

Cora und Waldl sehen mit gespannter Aufmerksamkeit dem Werke zu, bis ich den alten Schwung des Armes prüfe, die Büchse anlege und auf den alten, etwas zerzausten Spielhahn an der Wand ziele, da beginnt ein Heulen und Winseln, ein Springen und Purzeln. Waldl zerreißt in höhnischem Uebermut sein zerlegenes Winterbett unter dem Ofen, Cora schnuppert nach Hochwind und kratzt an der Thüre. – Was für Bilder mögen sich kreuzen in dem Hundegehirn!

Auch mir läßt es keine Ruhe mehr; die unüberwindliche Sehnsucht nach Wild und Wald, die nur der Jäger kennt nach langer thatenloser Winterszeit, packt mich, der Haß gegen die Stube, gegen den großen, philisterhaften Ofen, das sybaritische Kanapee dahinter, die mir doch alle so treu gedient den langen Winter über.

Schon nachmittags begebe ich mich zum Förster. Auch dort, in diesem sonst so stillen, friedlichen Hause dieselbe eigenartige Aufregung wie rings in der ganzen Natur. Die Fenster, den ganzen Winter hermetisch verschlossen, stehen weit offen. Die Balkone sind bedeckt mit rotem, weißem, karriertem Bettzeug, aus welchem die Frau Försterin den Winter austreibt mit dem spanischen Röhrchen; ausgestopfte Vögel liegen auf der Bank vor der Thür zum Sonnen, klein Lieschen betupft neugierig die gläsernen, starren Augen. In der mit schwellenden, glänzenden Knospen bedeckten Weinlaube sitzt der Förster in Hemdärmeln und schmiedet, aus der Pfeife qualmend, Patronen – Schnepfenpatronen, auf die er sich etwas zu gute thut; er lacht immer verschmitzt, wenn man ihm nach dem Geheimnis fragt, und ist gern bereit, von seinem Vorrat mitzuteilen, aber verraten thut er es um keinen Preis.

Gestern Abend auf dem Heimweg aus dem Revier hat er den ersten »gronen« hören. Was der Ton der Trompete dem Schlachtroß, das ist dieser leise, geheimnisvolle Ton jährlich meinem Forster. Vorbei ist es dann mit dem winterlichen Pflegma; er nimmt einen schnelleren Schritt an; sein gutes Gesicht legt sich in Amtsfalten; die Herren am Stammtisch kennen sofort, daß sich etwas Besonderes ereignet.

»Warum denn so spät, Herr Förster?« fragt ein Ahnungsloser.

»So spät?!« – der Förster stößt ihm eine Rauchwolke ins Gesicht – »gar net g'hör' i 'rein heut!« und nimmt einen zornigen Schluck.

Man verlangt keine Aufklärung, bis er sie in der Regel selber giebt. Damit vollzieht sich eine wichtige Veränderung in dem kleinen, engen Leben: der Tarock beginnt von diesem Tag an um zwei Stunden später. Auch heuer hatte sich das alles wieder haarklein ereignet.

»Hab' schon gehn woll'n, aber bis man d' Faulheit wieder 'nausbringt aus die Knochen – – und der Pfarrer mit sein'm Tarok!«

Liebeswerben!
Originalzeichnung von L. Kröner.

Welche Lust der erste Jagdgang! Das Jägerherz schlägt wieder so unruhig, so erwartungsvoll, wie bei dem allerersten Gang mit der Vogelflinte auf Eichkätzchen und Nußhäher an der Seite des lieben, längst geschiedenen Vaters. Wie die Brust sich weitet, um den köstlichen Duft der frisch geackerten Felder, der aufgetauten, feuchten Wiesen, der vom frisch aussteigenden, die Rinde sprengenden harzigen Saft erfüllten Bäume und noch dicht verschlossenen knospen – diesen eigentümlichen Frühjahrsduft einzuatmen.

Wir gehen eine Stunde zu früh in unserer Ungeduld.

Auf dem Felde überall emsige Vorbereitung, lustige Arbeit, lyrische Stimmung. Der Knecht pfeift und schnalzt, die Mägde singen, die Kinder schreien und tollen. Mit kräftigem Schwung, in taktfestem Schritt streut der Sämann die goldene Saat.

Bewegt uns hier die innige Eintracht zwischen Mensch und Mutter Erde, diese liebende gegenseitige Eingebung, dieses Geben und Empfangen, so erhebt uns im Forst die ernste, stolze Ruhe dieses lautlosen, hastlosen, gediegenen Schaffens der freien Natur, diese bemoosten, reifen Ernten, diese zierlichen Saaten für die Geschlechter der nächsten Jahrhunderte. Die Geschichte des Waldes erfüllt uns mit diesem sonderbaren, fast religiösen Gefühl, und gerade jetzt im Frühling glaube ich sie zu vernehmen von Wipfel zu Wipfel, von Stamm zu Stamm, von Blatt zu Blatt. Die Alten erzählen's den Jungen und sie schauern vor Wonne und streuen flimmernden Samen weithin in die linden Lüfte.

Wir sind auf dem Schlag angelangt. Gegen Osten breitet sich moosiger Niederwald, Erlennester, Birken, Ulmen und anderes feuchtliebendes Gesindel, die anderen Seiten schließt der Hochwald bis auf ein mitten durch denselben sich ziehendes »Geräumt«, welches auf die Felder führt – »die Schnepfaluk«, ein vielversprechender Name. Am Schlage selbst behindern nur einige stehen gebliebene Samenbäume das Schußfeld.

Noch streiten die Nußhäher und ruft der Bussard dem Weibchen.

Der Forster steht nach seinen pflanzen. Ich fetze mich auf einen Baumstrunk und unterhalte mich mit dem Wald. Zu meinen Fußen sprießen schon überall die zierlichsten Kräuter; die dürren Tannenadeln, unzählige kleine Hölzchen, Rindenstückchen regen sich, von unzähligen kleinen Körperchen gehoben, die ihren Beruf nicht weniger ernst nehmen als all die stolzen Samenbäume umher. Wie sie auf die Halme klettern, den Luginsland, wie sie schleppen, sich betasten, erzählen; dort wirft eines seine Last beiseite und eilt, alles vergessend, dem Geliebten entgegen; dort wird hitzig gekämpft, und mit stiller Spannung harrt das Weibchen des Ausgangs. Da raschelt die Waldmaus daher, das furchtbare Ungetüm, und Freund und Feind verkriecht sich. Ein leiser Pfiff, zwischen Moos und Astwerk unter einem gesprenkelten Blatt hebt sich ein schwarzes Köpfchen, zwei feuchte Aeuglein blitzen verlockend. Ein Husch! Unter der modrigen Wurzel verschwindet das glückliche Paar. Mitten in der Verwesung, im Moder immer von neuem der unsterbliche Drang! Wozu – wohin?!

Gott sei Dank, daß mich der Förster weckte!

Durch das feine, jetzt ganz schwarz scheinende Geäst der Erlen und Ulmen leuchtet rote Glut, sie fließt an den weißen Stämmen auf und ab, spielt um die Wipfel. Die ersehnte Zeit naht. Wir nehmen unsern Stand. Andächtig lauschend, das Gewehr schußbereit, steht der Forster – ich vor der »Luk«. Cora zittert vor Erregung und hebt den Lauf.

Meisen nesteln um die Knospen der Fichten und Buchen, die Amsel lärmt im Busch, die Drossel wird elegisch. Hinter den Erlen färbt es sich violett, um die Stämme webt die Dämmerung. Immer kürzer werden die Lieder der Waldsänger, immer länger die Pausen, schon klingen sie halb traumverloren. Ein lockerer Zeisig schießt über die Blöße, es zuckt mir im Arm. Der Förster stößt einen leisen Fluch aus – auch ihn täuschte der lose Bube.

Ja, was die Einbildung nicht macht! Eine Mücke wächst im Dämmerlicht zum ersehnten Wild. Aber es dauert auch verdächtig lang. Die Eule ruft schon zum erstenmal.

Da – war das nicht – »Quaar – quaar!« Wieder alles still!

»Biswits!« Das war dicht über mir; vergebens spähe ich. Der dunkle Hintergrund der Fichten saugt alles auf. Das Herz pocht, im Auge flimmert's. Ein Feuerstrahl zuckt auf – ein Fluch folgt, über die Erlen schwebt die flüchtige Schnepfe.

»Quaar – quaar!« Ja, wo, wo denn? Cora winselt leise.

Dort über der niedern Buche schwankt sie, ich sehe deutlich den Stecher. – Puff! – Cora ist verschwunden.

»Biswits! Biswits!« – ein schneidendes Sausen. Ein Pärchen kost in blitzschneller Wendung. – Gefehlt! Der Schatten nahm sie zu früh auf. Cora blickt ihnen verdrossen nach, die geschossene Schnepfe im Fange. Unten beim Förster ereilt sie doch ihr Los. Ein Doppelschuß – ein schnarrendes Lachen, dessen Bedeutung ich kenne. – Doublé!

Die Erlen verschwimmen bereits in formlosen Dunst, die ersten Sterne blitzen auf. Die niedrig Streichenden deckt schon die Nacht; höhnisch klingt ihr Ruf. Da wagt sich noch eine in das helle Firmament gegen Westen, riesig vergrößert schwarz hebt sie sich ab – ein prächtiges Ziel! – Sie flattert zu Boden, das andere besorgt Cora.

Kleine Fledermäuse umgaukeln hexenhaft die schwarzen, schlummernden Wedel der Tannen, ein Raubvogel schlägt mit den Flügeln im Horst, gegen die dampfenden Wiesen schwebt schemenhaft, lautlos die Ohreule.

Die Frühlingsnacht senkt sich herab mit ihrem mystischen Knistern und Knastern, Flüstern und Kosen. Der Förster schreitet über den Schlag.

»Hab'n Sie's g'sehn? Net schlecht für's erstemal, a Doublé, und den erst'n fehl'n, kommt daher als wie b'stellt!«

Drei Schnepfen baumeln an seiner Jagdtasche – und zwei dazu sind fünf. Da kann man sich schon sehen lassen am Stammtisch.

Auf den nebeligen Wiesen huschen die verschwommenen Gestalten zweier Rehe dem Walde zu und geben uns Veranlassung, von der Rehbirsch zu schwärmen, von den Hoffnungen und Freuden des heute eröffneten Jagdjahres.

In der Ferne blitzen die Lichter des Dorfes.

Der Förster stolpert voraus, schnepfenumbaumelt. Es ist ihm doch im stillen angst, den Tarok zu versäumen am Stammtisch, dann das Doublé, das in ihm rumort, und der Winterdurst, der sich eine so plötzliche Verschiebung nicht gefallen läßt. Endlich – »man glaubt's net, wie sich der Weg zieht in der Nacht!« – sind wir im Dorfe. Hinter den beleuchteten Fenstern sitzt die Familie um das einfache Mahl, aus den offenen Ställen tönt ein Lied, das Schäkern einer Dirne, Pärchen wandeln die Dorfstraße entlang, langsamen Schrittes, dicht verschlungen, glücklich im Schweigen.

Allgemeine Aufregung am Stammtisch. Der Förster wirft mit selbstbewußter Miene den Ranzen mit den drei Schnepfen auf den Tisch: »Doublé, das heißt ›bum – bum!‹« Er ahmt, das linke Auge zudrückend, das rasche Schießen nach.

Man bewundert das bunte zierliche Gefieder, sucht nach der Todeswunde, öffnet die starren Augen. Der Pfarrherr greift mit Kennergriff unter das Gefieder, dann löst er einen schmunzelnd vom Riemen und steckt ihn in die weite Tasche. Der Förster nickt einverstanden. Der Lehrer hat unterdes die Karten schon gegeben, es ist ja die höchste Zeit. Der Förster schneuzt sich donnernd in das blaugewürfelte Sacktuch und breitet sein Rüstzeug für den Abend auf dem Tisch aus: Pfeife, Tabak, Dose. Nicht einmal der von ihm erbetene Waffenstillstand zum »Lungerl mit Knödel« wird gestattet. Ein schwerer Schluck – die Pfeife rasch angesteckt. »Grün Solo!« Klatschend fallen die Karten. ^

Resl, die schmucke Dirn, füllt die Humpen mit frischem Anstich. Ich denke des frohen Gewimmels bei dem Baumstrunk, des Liebens und Lockens im duftenden Wald und ich kann nichts dafür – lege meinen Arm um die dralle Hüfte, blicke in braune schelmische Augen, lächelnd droht der Pfarrherr, der milde Greis; über die Karten herüber blinzelt neidisch der Förster und – verliert sein Solo!

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