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Ein Weidmannsjahr

Anton von Perfall: Ein Weidmannsjahr - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Freiherr von Perfall
titleEin Weidmannsjahr
publisherVerlagsbuchhandlung Paul Parey
year1896
illustratorChr. Kroener, E. Otto, A. Singer, A. Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140108
projectid740d8905
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Dezember. Januar. Februar

 

Kein Heger – kein Jäger!

 

Hochlandswinter

Welches Unheil haben unter vielem andern doch manche Dichter mit ihren« verkehrten Natursymbolismus angerichtet! Das erbt sich fort von Geschlecht zu Geschlecht, wie eine Krankheit.

Am schlechtesten wird aber dem Winter mitgespielt, dem griesgrämigen Alten, der die schlottrigen, matten Glieder in einen Pelz hüllt – weil er sich wahrscheinlich immer noch nicht an seine Kälte gewöhnt hat, – und die Hände über den Bauch zusammenpreßt, als habe er Kolik. Er spannt ein Leichentuch – ein sehr beliebter Vergleich – über die Natur! Daß aber unter diesem Leichentuch unendliche Keime sehr behaglich warm und lebensstrotzend schlummern und sehr schlimm daran wären, wenn man ihnen dieses Leichentuch vor des süßen Schlummers Ende hinwegziehen würde, daran wird nicht gedacht. Und warum denn nicht einmal eine Zeitlang Ruhe und Friede, wenigstens unter der Erde, wenn es oben schon unmöglich ist? Das Hasten und Streben, Verdrängen, Lieben und Hassen währt dann wieder lange genug.

»Aber hören Sie, Sie werden uns doch nicht unser uraltes Recht auf Frühlingszauber – Ahnung – Stimmung – auf das lyrische Blühen und Duften, auf den Nachtigallenschlag rauben wollen? – Hasten, Streben, Drängen, Lieben und Hassen – im Frühling! So etwas! Da wird nur geliebt!« – Allerdings nur geliebt! Aber was? Das holde Ich, die eigene Art, auf Kosten der Nächsten – Kampf auf Leben und Tod. Wurzeln verkrallen sich, saugen sich gegenseitig aus, eins raubt dem andern Licht und Luft, und triumphiert über Leichen – Tragik, nicht Lyrik – und da soll ich dem Alten zürnen, der endlich Ruhe schafft unter dem gehässigen Gesindel, auf das er in erhabener Ruhe herabblickt von seiner ewigen Heimat, den blitzenden Firnen.

Ja, da oben ist er schon recht, da wird er sogar angedichtet und angejodelt in respektvoller Entfernung, der Hut wird nach ihm geschwenkt und ganze Batterien von Fernrohren durchstöbern sein krystallenes Reich. Ja, er kann sich nicht weit genug zurückziehen in seine Eisburgen, um all dem zudringlichen Besuch auszuweichen von Männlein und Weiblein mit Gletscherseil und Eispickel, die ihn doch nur verachten und verleumden und nie die Stimme erheben zu seiner Verteidigung.

Sonderbares Völklein das! Komme ich zu ihnen, lästern sie mich, fliehen sie vor mir und hier suchen sie mich auf mit Mühsal und Beschwerden und stören meinen Frieden; wird mir dann einmal das Völkchen gar zu frech und schüttle ich einen der Zwerge etwas unsanft ab, dann geht es wieder über mich her, den starren Allvernichter, den Urfeind alles Lebenden.

Der Gebirgler allein denkt anders über ihn, obwohl er gerade am meisten seine rauhen Fäuste zu fühlen bekommt; er packt ihn aber auch nicht mit Glacéhandschuhen an, sondern mit derb wollenen Fäustlingen; außerdem schaut er ihm ja fast das ganze Jahr zur Hausthüre herein und sendet ihm oft ganz unverhofft über Nacht einen weißen Gruß auf Dach und Feld herab, zum Zeichen, daß er eigentlich hier der Herr.

Da bleibt nichts übrig, als sich abzufinden gegenseitig und gute Kameradschaft zu halten. Und das geschieht auch.

Die Häuser mit den breiten flachen Dächern, den kleinen niederen Fenstern, die wie Schießscharten in dem braunen Holzwerk sitzen, mit den Hitzeteufeln von Oefen in der niederen Stube sind für ihn gebaut, den kurzen luftigen Sommer völlig ignorierend. Die Weiberleut' sind unzertrennlich vom Wollknäuel, aus dem sich lange wetterfeste Strümpfe und Gamaschen entwickeln. Ein wohlgeschichteter Stoß von kleingemachtem Holz, Buchenprügeln, gilt als die schönste Zierde vor dem Hause, und die Ziehschlitten auf der Tenne sind stets bereit in tadelloser Ordnung. Dafür verwandelt der Winter sonst unbenützbare, steinichte Wege in treffliche Bahnen, eröffnet so den sonst verschlossenen Bergwald und schafft guten Verdienst, Handel und Wandel!

Der erste Schnee! Verdrießlich sieht der Städter von seinem Fenster auf die frischbeschneite Straße; bis in einer Stunde, wo er in das Bureau muß, sieht man keine Spur mehr davon, nichts als patschigen Schmutz, der durch alles Schuhwerk dringt. Alle Bekannten, die ihm begegnen, machen saure Gesichter. »A nettes Wetterl! I sag' ja, alle Jahr wird's ärger, das reinste Grönland!«

Ein Hustenkonzert verfolgt ihn durch alle Straßen. Auf dem Bureau im Hintergebäude brennen noch die Gasflammen. – Und das Klafter Holz 36 Mark, die Wintertoilette der Gnädigen, durchgähnte Ballnächte und ähnliche gesellschaftliche Marterwerkzeuge im düsteren Hintergrunde – alles Grau in Grau, wie der Himmel und der Boden umher.

Der erste »Neu« im Gebirge! Die ganze Natur blitzblank sauber, wie ein Kommunionskind, überall fröhliche Zurüstung zur Winterkampagne, »wenn er nur g'rad scho aushaltet, grad anweig'n (Lust machen) that's mi auffa in Berg«, Kinderjubel, Daxelgebell. –

Der Förster hat schon bei seinem mitternächtigen Heimgang geschmunzelt – »das gibt an Neu!« Kaum graut der Morgen, so geht es hinaus, was zur grünen Farbe schwört. Jetzt gilts die Jägerrunen lesen, die kreuz und quer in Feld und Wald das Wild geschrieben auf schlohweißem Grund. Das ist alles fein säuberlich verzeichnet für den, der lesen kann: Art, Alter und Geschlecht. Der schüchterne Hase in seinen Quer- und Kreuzgängen, jeden Augenblick still haltend, um ängstlich zu sichern; der mörderische Fuchs, den Waldsaum entlang schleichend, überall Deckung suchend, lauernd, diebisch kriechend. Möglichst einfach, zielbewußt zieht sich die Fährte, schmal wie der Kriegspfad des Indianers, der seine Spur zu verbergen sucht. Der Marder, leise auftretend, leichtfüßig, kaum einen Eindruck hinterlassend, bald verschwindend auf einem Baum, bald wieder auftauchend, den Jäger äffend. Das zierliche Reh mit dem Menuettschritt, eine liebliche Mädchenschrift, so klar, so rein, so formschön der zarte Abdruck. Das Hochwild, ernst, seiner Würde bewußt, eine männliche, feste, offene Schrift, die nichts verbergen will. »Hier bin ich, den ihr so oft gesucht beim Morgengrauen in herbstlichen Mondnächten.« Der Jäger beugt sich tief herab, mißt den Zwang, den Eindruck des Ballens. »Ja, er ist's, – keiner schreibt sich so – der Vierzehnender vom Raucheck, – vom Wolfsberg – a sakrische Führten! 's nächste Jahr muß er her!«

Oben auf den Schneiden und Felskanten, die scharfen Gräben hinauf, hinunter, die Wände quer entlang, erkennt er von weitem mit dem Perspektiv den Gemswechsel.

Auf den sonnigen Schlägen stehen Rudel von Wild, die letzten aus dem Schnee herauslugenden Kräuter abäsend, träumerisch aneinander gelehnt in die Sonne starrend, als ahnten sie, daß es einen Abschied gelte auf Monate, einen Abschied für immer von der Lebensspenderin für Unzählige der Ihrigen.

Den echten Weidmann beschleicht dabei ein wehmütiger Gedanke, er denkt der Lücken, die der Winter reißen wird in seinen sorgsam gepflegten Bestand, gegen die keine Ausdauer, kein Mut hilft – nur die Munifizenz des jeweiligen Jagdherrn, welcher die Futterstädel tüchtig mit Heu und Kastanien hat versorgen lassen.

Da melden sich rasch die ersten Kostgänger, zuerst geringes Zeug, dessen Stolz noch nicht so weit ausgebildet ist, daß es das Bettelbrot nur im Drang der äußersten Not nimmt – Mutterwild. – Der gute Hirsch läßt lange auf sich warten, um dann, wenn er seinen Hochmut einmal überwunden, um so ungestümer über die Futterraffel herzufallen. Da ist das »Gams« doch ganz anders geartet, der ureigne Bergbewohner! Das läßt sich vom strengsten Winter nichts abtrotzen, in seiner Menschenfeindlichkeit nicht irre machen; das sucht gerade die Höhe, welche alles andre Getier meidet, wo auf den Schneiden und Graten der Wind den Schnee verjagt und der Boden ihm zur Aesung zugänglich ist. Geht auch das nicht mehr, so genügt ihm die Knospe der unverwüstlichen Latsche, sich, wenn auch kümmerlich, durchzuschlagen. Nur eine Gefahr droht ihm – die Lawine!

Die Jagdausübung selbst beschränkt sich während dieser Zeit fast ausschließlich auf den Hasen. Dieser windige Geselle, welchen der Hochlandsjäger sonst keines Blickes würdigt, gewinnt jetzt Bedeutung und man unterzieht sich Anstrengungen, über welche die Massenmörder im Flachland lächeln würden, um mit hochläufigen Schweißhunden stundenweit im tiefen Schnee watend, das seltene Wild bergauf, bergab zu erjagen. Eine Beute von drei bis vier Stück den ganzen mühevollen Tag über ist ein großer Erfolg.

Ist aus dem Neu ein wolternes »Schneeei«, ist es still, ganz still geworden im Wald von Vogelfang und Menschenlärm, dann hält der Bergler erst seinen Einzug mit Griesbeil und Schlitten, die Holzbringung beginnt! Fünf Ster hinter sich, eine unfehlbar todbringende Last, wenn das sichere Auge, der lenkende Arm versagt, geht es sausend den Ziehweg hinab, schneeumwirbelt. Eine kühne Fahrt, die eines ganzen Mannes bedarf. Macht dann die frühe Nacht der Arbeit ein Ende, so vereinigt die im Schnee vergrabene Winterstube (Blockhaus) die ermüdete Mannschaft. Das Abendbrot wird gekocht, Schmarrn, Preßknödl, Brennsuppe, und mit indianischer Schweigsamkeit ausgelöffelt; erst wenn die Pfeife wieder brennt, diese treue Begleiterin des Holzers, kommt ein knorriges Gespräch in Gang, wenn nicht ein Junger eines auf der Mundharmonika spielt und lustige Erinnerungen weckt an sommerliche Freuden, an das Lisei, Midei und Resei, deren bunte Röcke sich wieder im Kreise drehen, daß die schneeweißen Strümpfe leuchten. Dann kribbelt es wohl den einen oder den anderen in den ermüdeten Knochen, und er schnalzt mit der Zunge und schlägt sich auf die Schenkel im Schuhplattltraum. Die Alten lachen verstohlen in Erinnerung an lustige vergangene Zeiten. Doch währt es nicht lange, so liegt alles einträchtig im »G'lieger«, und ehe der letzte Funke auf dem Herde verglommen ist, beginnt schon ein unerhörtes Schnarchkonzert.

Der Wald ist alles für den Gebirgler, aus ihm sproßt seine Eigenart, sein starres Volkstum, sein Wohlstand, er ist sein Wall gegen alles anstürmende Neue, hinter dem er sich zäh verschanzt, der ewige Born frischer Nervenkraft, Holz und Jagd, das ist das ewig unerschöpfliche Thema der Alten daheim auf der Ofenbank, deren Erinnerungen auftauen in der wohligen Wärme, bei qualmenden Pfeifen, an Axtschlag, schlimmen Handel, geheimen Pürschgang; der Jungen im Wirtshaus; der Jungen und Alten am Stammtisch. Ja, der Stammtisch!

Da steht er, unverrückbar, wie ein bemooster Felsblock mit grünem Wachstuch überzogen; stetig wie er selbst sind seine Gesetze und Satzungen im Wandel der Zeiten und der Geschlechter. Das Ewigvergängliche wird an ihm zu schanden, selbst der Wechsel der Gestalten um ihn herum ist nur ein äußerlicher, die Grundzüge bleiben. Der Förster und sein Gehilfe, der Pfarrer, der Lehrer, der Posthalter, der Bürgermeister, der Kaufmann; – was noch gelegentlich hinzukommt, der Sommerfrischler, der Reisende, ändert nichts an dem eisernen Bestand, das zieht alles spurlos vorüber. Und wenn die Harmonie auch einmal durch in solchen kleinen Gemeinwesen unvermeidliche Zwistigkeiten gestört wird, magnetisch zieht es jede Partei wieder zurück zum Stammtisch, auf dem rasch wieder der Friede unterzeichnet wird. So überlegen auch der Großstädter über ihn lächeln, so philisterhaft er auch in seinen Verhältnissen scheinen mag, hier steht er Rechtens in urgermanischer Eigenart, bietet nach der Tagesarbeit frohe Stunden in harmlosem Gedankenaustausch, gleicht unliebsame Kreuzungen der Berufe wieder aus im Bewußtsein des Aufeinanderangewiesenseins, und wird er auch dann und wann zum gestrengen » Thing«, vor dem Männlein und Weiblein der ganzen Umgebung geladen werden, so ist das auch nicht so schlimm, und gewöhnlich viel harmloser wie der Klubklatsch der Städte.

Ist der Förster gut bei Laune, so zieht der Pulverdampf nicht mehr aus dem Zimmer; seine unerschöpflichen Variationen, sein ewig frischer Eifer reißt elementar das ganze Auditorium mit.

»Da war i G'hilf in der Jachenau«, beginnt er ganz gelassen, seine Pfeife in Brand setzend, um mit brennendem Kopf und einem grauenhaften Fluch auf alle »Lump'n« (Wilderer), vor welchem der Pfarrer, schon vorbereitet, die Augen auf das Bierkrügel senkt, zu enden. Widerspruch ist undenkbar. So verraucht rasch der Wildererfuror und macht erfreulicheren Schildereien Platz, an denen sich auch das junge grüne Volk beteiligt, das allenfalls anwesend.

Da knallts von allen Seiten und Rauch qualmt auf aus den Porzellanköpfen. Es wird auf einmal Frühjahr, Sommer, die Buchen schlagen aus, der Hahn falzt im Morgengrauen; der hat ihn das letzte Jahr »versprungen«, er stand auf einmal unter dem Hahn, den ein Ast verdeckt, und dieser sandte ihm rasch einen Morgengruß auf den Hut und »ritt« (beim Hahn abreiten anstatt abfliegen) schleunigst ab.

»Der hat ihn gefehlt ›mit dem verfluchten z'fruah schieß'n‹. Oder der Rehbock schlägt mit den Läufen liebestoll in die grünen Büsche und springt aufs ›Blatt‹« Schleicht sich der Tropf hinter mi wie a Fuchs – dreimal hinteranand! Wie willst denn da z'Schuß komma? – Ja. so 'n alt'r Teuf'l!«

»Und mir laufen's her wie die Lamp'ln!« erwiderte der andere; – »ja, 's Blatt'n! – muß eben verstanden sein«, lag in seiner Miene.

»Hört's mir auf mit'n Blatt'n!« sagt der alte Förster. »Wenn's mög'n, springen's auf a Kindertrompeten, und wenn's net mög'n, kannst di wund blatt'n.«

Nun geht es über Gems und Hirsch!

»Ganz schwarz war's im Kessel vor lauter Gams!«

»Wie a Teufel is er auf amal g'standen auf der Grat!«

»A verfluacht's Einigeh'n in die Wand!«

»A schiecher Grab'n!«

»A sakrisch Kruk'n und an ›Bart‹, i dank!«

»A Hirsch wie a Roß, grad schwarz hat er's oben am Grind, und a Laut'n! Schweiß ganze Lak'n, und kei Hirsch! – I versteh's heut no net, und d'Res hat'n g'seh'n, wie er si niederthan hat auf der Liacht'n.«

»Die laßt d'Alte a nimmer 'nauf auf d'Alm nächst'n Sommer, hat mir's erst jetzt g'sagt, weiß net, warum?« meint der Förster.

Ein Seitenblick trifft den Jäger Jakl, der trotz seiner Findigkeit etwas errötet unter all den Blicken, die auf ihm ruhen.

»Werd ihr halt d'Luft z'scharf sein oben!« meint der eine.

»Oder d'r Pfarrer will si den weit'n Weg derspar'n zur Kindstauf!« meint der andere.

Jakl kann nichts Besseres thun als mitlachen und gelegentlich eines tüchtig hinausgeben.

Die Alm grünt, Herdengeläute ertönt wieder, der Juchschrei der Sennin, das Murmeln des Brünnleins vor der Hütte – und süße Erinnerung zieht in die kraftstrotzende Brust, von stillen, feierlichen Abenden dort auf der Bank vor der Hütt'n, wo das Lied der Res, des Miadei, der Wab'n so sanft hinauszog, hoch über das dunkelnde Thal, dem glühenden Abendrot zu im fernen Westen, daß einem ganz »weiberisch z'Mut word'n is«.

Auch der alte Förster blickt mit einem eigentümlichen Schmunzeln vor sich hin, das Pfeifchen geht ihm aus; auch er denkt ferner, ferner schöner Zeiten – dort in Jachenau, wo er noch G'hilf war.

Plötzlich steht er auf, wie um die närrischen Gedanken zu vertreiben, und tritt ans Fenster, klatschend treibt der Sturmwind den Schnee dagegen.

»Muß denn heuer alles hin sein mit dem verfluchten Schnee?« Zornig stampft er mit dem Fuß. »Und da red't ma von ›Hahnfalz‹, vom ›Blatt'n‹, von der Alm und der – Lieb! Und nix als Schnee – nix als Schnee!«

Er streicht seinen weißen Schnurrbart und fährt durch sein weißes, immer noch volles Haar.

»Nix als Schnee!« sagt er noch einmal und wird recht schweigsam. Bei der Politik wird's schon kritischer, Pfarrer und Förster stehen gewöhnlich auf verschiedenen Seiten. Der Lehrer sekundiert natürlich dem ersteren, Posthalter und Kaufmann sind vorsichtige Leute und wollen es mit keinem von beiden verderben; das Ende der Debatte ist dann gewöhnlich ein von der versöhnlichen Seite – das ist der Pfarrer – vorgeschlagener Tarok. Ein der ultramontanen Partei glücklich herausgeschundener Zehner versöhnt rasch die Hitze der Liberalen.

Allerdings wird auch dieser Stammtisch einst der Sage angehören, der Anfang damit ist schon gemacht. Er wurzelt im gediegenen Besitz und gedeiht nur in seiner gesunden, kräftigen Luft. Wo die Spekulation sich breit macht, diese geschminkte Metze der Kultur, wo die altseßhaften Wirtsfamilien verschwinden und ihr Besitz, von einer Hand in die andre gehend, nur mehr der Fremdenausbeutung dient, da stirbt er ab und mit ihm die kernhaften Originale, die ihn bevölkerten – alles hinunter unter die große, langweilige Nivelliermaschine –, nur die Berge werden ihr trotzen und der Wald.

Sind die Berge ganz verschlossen, so ersetzt der beliebte Sport des Eisschießens die sommerliche Kegelbahn. Wir treffen dort zur rechten Zeit die Mitglieder unsres Stammtisches, wozu sich in völliger Ungebundenheit die Dorfangehörigen gesellen. Das Spiel wird mit Leidenschaft geführt und an Sonn- und Festtagen, an welchen auch der Bauer demselben obliegt, stellt es an den Geldbeutel oft erhebliche Ansprüche. Ein fremder Zuschauer würde sich vergeblich den Kopf zerbrechen, welche Sprache hier gesprochen wird; er glaubt doch den bayrischen Dialekt zu kennen, aber er versteht selten ein Wort.

»A Maß, Herr Posthalter!« wird gerufen.

»Bei der Kälte auf dem Eise eine Maß Bier, das ist ja todbringend!« denkt er.

Doch keine Spur von Bier, von einer Maß zeigt sich. Der Posthalter, ein starker Mann, zielt nur bedächtig mit seinem Stock nach der ›Taube‹ (ein Holzstück, das auf einer Entfernung von etwa zehn Meter liegt).

»Den ersten ›Stock‹ (Wurfklotz) möglichst nahe an die Taube legen, das heißt man ›eine Maß legen‹!« wird ihm erklärt.

»A Schwarze auch noch!« tönt es ärgerlich aus der Gegenpartei. Der Stock hat sich gerade vor die Taube gelegt, dieselbe den Blicken der Spielenden entziehend. Nun heißt es, den Stock des Posthalters zu vertreiben.

»Den hab'n's sauber ab'than, Respekt, Herr Lehrer!« heißt es, wie der Stock des Posthalters, von dem des Lehrers getroffen, zur Seite fliegt.

»Das is a Durchlasser!«

Eben will der Fremde fragen, was das bedeuten soll, da ruft es von allen Seiten:

»Grad anzwick'n, um Gottes willen, grad anzwick'n! Grad schnall'n soll's!«

Der Fremde giebt seine Sprachstudien auf.

Der Ermahnte hört nicht mehr in seinem Eifer und läßt den Stock scharf aus der Hand, er verschlägt allerdings den feindlichen Stock, den ›Durchlasser‹ des Lehrers, geht aber selbst mit, anstatt bei der Taube stehen zu bleiben.

»Wohin denn, wohin denn? Woll'n's denn übern See 'nüber schieß'n!«

»A Maß!« tönt wieder derselbe befehlende Ruf.

»Viel z'laut, Herr Pfarrer, viel z'laut!«

Der Stock schießt weit über das Ziel hinaus. Jetzt kommt der letzte der Partei. Er läßt den Stock zu langsam los, er bleibt mitten in der Bahn liegen.

»O je, Sie verhungern (allgemein üblicher Spielausdruck, wenn ein Stock zu schwach läuft) ja, Herr Assistent!« schreit sein verzweifelter Mitspieler.

»Zahl'n, meine Herrn!«

Ein neues Spiel beginnt. Wenn die Sonne dazu vom klaren Himmel ihre Strahlen sendet über die glitzernden, flimmernden Schneiden, so ist es ein männliches Vergnügen, das unbedingt dem ständigen Stubensitzen vorzuziehen ist.

Hie und da eine lustige und luftige Schlittenfahrt ins Tirol zum guten Wein, hie und da ein Zimmerstutzenschießen, das übrigens für den Weidmann ein schlechter Ersatz ist für das lustige Knallen der Büchse am Scheibenstand – dann ist der enge Kreis der winterlichen Dorfvergnügungen geschlossen.

Den Weiberleuten, die von all den erwähnten Genüssen ausgeschlossen sind, wird auch die Zeit nicht lang. Die Kaffeevisiten sind hier ebenso im Schwung als wie in der Stadt. Im Fasching giebt es einen Feuerwehr- und Schützenball, Kränzchen und Picknicks ersetzen die Spinnstube, in welcher es an rasch improvisierten Tanzvergnügungen zu Zither und Ziehharmonika nicht fehlt.

Nur das beliebte »Fensterln« geht nicht so leicht, die Spuren im Schnee sind zu gefährlich, die eisige Kälte der Nacht kühlt die Liebesglut. Das gehört in die Zeit der duftenden Apfelblüten, der grünenden Alm. Daß diese gewöhnlich etwas zu lange ausbleibt, der vielgelästerte Alte sich gar nicht zum Abzug entschließen kann, oder gar, nachdem er sich schon dazu entschlossen, plötzlich mit boshafter Tücke zu unwillkommenem Besuche wiederkehrt, sein Weiß mit dem der Blüten mischt, das stört einigermaßen das gute Einvernehmen, von dem ich anfangs sprach, und er, der wie ein guter Freund aufgenommen wurde, geht meist geschmäht und gescholten von dannen.

Der Stuhl des Försters am Stammtisch bleibt leer, der Alte steht am Waldsaum; feierlich erglühen die Wipfel, es rauscht allerorts von stürzenden Wassern, die Waldessänger sind unermüdlich im Einprobieren ihrer fast vergessenen Weisen, das alte Herz glüht auf in neuer Jugend.

Da schwankt die erste Schnepfe über die zitternden, unendlich zart vom Horizont sich abhebenden Birken. Der erste Schuß kracht durch den sprossenden Wald – der Friede ist gebrochen – das Frühjahr beginnt, das drängende Leben. Und Leben ist Kampf!

 

Das ist das harzduftige, frischlebige Jahr des Bergjägers! Möge es immer grünen, jedem echten Weidmann zu Freude und Lust, jedem Wanderer als ein Stück Poesie, das er gewiß nimmer missen möchte in unseren Bergen.

 

Ende.

Berlin, Druck von W. Büxenstein

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