Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henrik Ibsen >

Ein Volksfeind

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleEin Volksfeind
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen Sämtliche Werke
volumeVierter Band
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071121
projectid35f40dab
Schließen

Navigation:

Fünfter Akt

Doktor Stockmanns Arbeitszimmer.

Bücherregale und Spinde mit verschiedenen Präparaten längs den Wänden. Im Hintergrunde ist der Ausgang zum Vorzimmer; im Vordergründe links die Tür zum Wohnzimmer. Rechts an der Wand befinden sich zwei Fenster, an denen alle Scheiben zerschlagen sind. Mitten im Zimmer steht Stockmanns Schreibtisch; er ist mit Büchern und Papieren bedeckt. Das Zimmer ist in Unordnung. Vormittag.

Doktor Stockmann, in Schlafrock und Pantoffeln, und mit dem Hauskäppchen auf dem Kopf, steht gebückt und fährt mit einem Regenschirm unter einem der Spinde hin und her; schließlich holt er einen Stein darunter hervor.

Stockmann spricht durch die offene Tür des Wohnzimmers. Käte, ich. habe noch einen gefunden.

Frau Stockmann im Wohnzimmer. Ach, Du findest sicher noch ein ganzes Teil.

Stockmann legt den Stein zu einem Haufen anderer auf dem Tische. Diese Steine werde ich aufbewahren wie ein Heiligtum. Ejlif und Morten sollen sie täglich vor Augen haben, und wenn beide erwachsen sind, sollen sie sie von mir erben. Fährt mit dem Schirm unter ein Bücherregal. Ist sie – Donnerwetter, wie heißt sie denn gleich, das Frauenzimmer – ist sie noch nicht beim Glaser gewesen?

Frau Stockmann tritt ein. Ja, aber er hat sagen lassen, er wüßte noch nicht, ob er heute kommen könnte.

Stockmann. Du sollst sehen, er traut sich nicht.

Frau Stockmann. Ja, Randine meinte auch, der Nachbarn wegen traute er sich nicht. Spricht ins Wohnzimmer hinten: Was willst Du, Randine? Ach So. Geht hinein und kommt gleich zurück. Hier ist ein Brief für Dich, Thomas.

Stockmann. Laß sehen. Öffnet ihn und liest. Na also.

Frau Stockmann. Von wem ist er?

Stockmann. Vom Hauswirt. Er kündigt uns.

Frau Stockmann. Ist das wirklich wahr? Ein so anständiger Mann –

Stockmann sieht in den Brief. Er kann nicht anders, sagt er. Er täte es sehr ungern; aber er dürfte nicht anders – seiner Mitbürger wegen – mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung – ist abhängig – darf gewisse einflußreiche Männer nicht vor den Kopf stoßen –

Frau Stockmann. Da siehst Du es nun, Thomas.

Stockmann. Ja, ja; ich sehe es; sie sind feige hier bei uns, einer wie der andere; kein Mensch getraut sich was vor lauter Rücksicht auf die anderen Leute. Schleudert den Brief auf den Tisch. Aber uns kann es ja gleich sein, Kate. Wir gehen jetzt nach der neuen Welt, und –

Frau Stockmann. Ja, Thomas, hast Du Dir die Sache mit der Reise aber auch gut überlegt?

Stockmann. Soll ich am Ende hier bleiben, wo man mich als einen Volksfeind an den Pranger gestellt, mich gebrandmarkt, mir die Fenster eingeschmissen hat! Und sieh mal, Käte, meine schwarzen Hosen haben sie mir auch in Fetzen gerissen.

Frau Stockmann. Ach Gott! Und noch dazu die besten, die Du hast!

Stockmann. Man sollte nie seine besten Hosen anziehen, wenn man hingeht und für Freiheit und Wahrheit ficht. Um die Hosen, weißt Du, schere ich mich ja nicht weiter; denn die kannst Du mir ja immer wieder zusammenflicken. Aber daß der Mob, der Pöbel es wagt, mir zu Leibe zu gehen, als ob sie meinesgleichen wären, – siehst Du, das kann ich nun und nimmermehr verwinden.

Frau Stockmann. Ja, Thomas, die Leute haben sich schrecklich roh gegen Dich benommen; aber müssen wir deshalb denn gleich außer Landes gehen?

Stockmann. Glaubst Du etwa, die Plebejer in andern Städten sind nicht ebenso unverfroren wie hier? Ach ja, Du! Das ist Jacke wie Hose. Na, laß nur. Die Köter sollen kläffen; das ist das Schlimmste nicht; das schlimmste ist, daß die Menschen im ganzen Land, einer wie der andere, Parteisklaven sind. Nicht, daß es im freien Westen vielleicht besser wäre, – da grassiert die kompakte Majorität und die liberale öffentliche Meinung und der ganze andere Teufelskram ja auch. Aber da sind die Verhältnisse großartiger, siehst Du; sie können einen totschlagen, aber sie martern einen nicht langsam; sie spannen eine freie Seele nicht auf die Folterbank wie hier zu Lande. Und im Notfall kann man ja den Dingen aus dem Wege gehen. Spaziert durchs Zimmer. Wenn ich nur wüßte, wo man einen Urwald oder eine kleine Südseeinsel um billigen Preis haben könnte –

Frau Stockmann. Ja, und die Jungen, Thomas?

Stockmann bleibt stehen. Du bist aber komisch, Käte! Möchtest Du lieber, daß die Jungen in einer solchen Gesellschaft wie hier aufwachsen? Du hast ja selbst gestern abend gesagt, die Hälfte der Bevölkerung ist wahnsinnig; und wenn die andere Hälfte den Verstand nicht verloren hat, so ist der Grund der, daß es Schafsköpfe sind, die überhaupt keinen Verstand zu verlieren haben.

Frau Stockmann. Ja, bester Thomas, Du bist aber auch so unvorsichtig in Deinen Reden!

Stockmann. Na – ist es vielleicht nicht wahr, was ich sage? Stellen sie nicht alle Begriffe auf den Kopf? Werfen sie nicht Recht und Unrecht in einen Topf? Nennen sie nicht alles Lüge, was mir Wahrheit ist? Das Allertollste aber ist, daß hier erwachsene liberale Menschen haufenweise umherlaufen, die sich und andern einreden, sie wären freisinnig! Hast Du schon so etwas gehört, Käte!

Frau Stockmann. Ja, ja, – freilich ist das toll, aber –

Petra kommt aus dem Wohnzimmer.

Frau Stockmann. Jetzt kommst Du schon aus der Schule?

Petra. Ja; mir ist gekündigt worden.

Frau Stockmann. Gekündigt!?

Stockmann. Dir auch!

Petra. Frau Busk hat mir gekündigt, und da hielt ich es für besser, auf der Stelle zu gehen.

Stockmann. Da hast Du wahrhaftig recht getan!

Frau Stockmann. Wer hätte auch denken können, daß Frau Busk ein so schlechter Mensch wäre!

Petra. Ach, Mutter, Frau Busk ist wirklich nicht schlecht; ich habe deutlich gesehen, wie leid es ihr tat. Sie dürfte aber nicht anders, sagte sie; und da kündigte sie mir.

Stockmann reibt sich lachend die Hände. Auch Sie durfte nicht! O, es ist göttlich!

Frau Stockmann. Ach nein, nach dem häßlichen Spektakel von gestern –

Petra. Das war es nicht allein. Nun paß mal auf, Vater!

Stockmann. Na?

Petra. Frau Busk zeigte mir nicht weniger als drei Briefe, die sie heute früh bekommen hatte –

Stockmann. Ohne Namen natürlich?

Petra. Ja.

Stockmann. Ja, mit ihrem Namen wagen sie nicht einzutreten, Käte!

Petra. Und in zweien stand, ein Herr, der hier im Hause verkehrt, hätte gestern abend im Klub erzählt, ich hätte über verschiedene Dinge so unerhört freie Ansichten –

Stockmann. Und das hast Du hoffentlich nicht geleugnet?

Petra. Nein, das kannst Du Dir doch denken. Frau Busk selbst hat recht freie Ansichten, wenn wir unter vier Augen sind; da dies nun aber über mich bekannt geworden ist, so durfte sie mich nicht behalten.

Frau Stockmann. Man soll denken, – einer, der hier im Hause verkehrt! Da siehst Du nun, was Du für Deine Gastfreundschaft hast, Thomas.

Stockmann. In solcher Schweinerei wollen wir nicht länger leben. Pack' so schnell wie möglich ein, Käte; wir wollen fort, je eher je lieber.

Frau Stockmann. Seid still, – ich glaube, auf dem Flur draußen ist wer. Sieh mal nach, Petra.

Petra öffnet die Tür. Ah, Sie sind's, Herr Kapitän? Bitte treten Sie näher.

Horster kommt aus dem Vorzimmer. Guten Tag. Ja, ich wollte doch mal her und sehen, wie es hier geht.

Stockmann schüttelt ihm die Hand. Danke sehr; das ist sehr nett von Ihnen.

Frau Stockmann. Und vielen Dank, daß Sie uns durchgeholfen haben, Herr Kapitän.

Petra. Aber wie sind Sie denn wieder nach Hause gekommen?

Horster. O, es ging schon; ich bin ja einigermaßen kräftig; und die Leute sind doch größtenteils nur Maulhelden.

Stockmann. Ja, Sie, diese hundsgemeine Feigheit, – ist das nicht merkwürdig? Kommen Sie mal, ich will Ihnen etwas zeigen. Sehen Sie, da liegen die Steine, die sie uns in die Stube geschmissen haben. Sehen Sie sich die nur mal an! Es sind wahrhaftig in dem ganzen Haufen nicht mehr als zwei ordentliche feste Feldsteine; der Rest ist nur Klopfstein – lauter kleines Zeug. Und doch haben sie da draußen gestanden und krakehlt und geschworen, sie würden mir den Garaus machen; aber handeln – handeln –, nein, so etwas gibt es hier so gut wie gar nicht!

Horster. Das war diesmal auch wohl für Sie das beste, Herr Doktor.

Stockmann. Ja doch. Aber ärgerlich ist es trotzdem: denn kommt es einmal zu einem ernsten, fürs Land wichtigen Zusammenstoß, dann werden Sie sehen, Kapitän, daß die öffentliche Meinung die Beine unter die Arme nimmt, und daß die kompakte Majorität sich aus dem Staube macht – wie ein Rudel Säue, die waldeinwärts rennen. Der Gedanke daran ist eben das Traurige; es tut mir im Herzen weh –. Na, aber, zum Henker, das ist ja doch eigentlich nur dummes Zeug. Haben die Leute mich mal für einen Volksfeind erklärt, so will ich auch einer sein.

Frau Stockmann. Das wirst Du doch nie und nimmer werden, Thomas.

Stockmann. Das solltest Du nicht mit dieser Zuversicht sagen, Käte. Ein garstiges Wort kann wirken wie ein Stecknadelstich in der Lunge. Und dies verdammte Wort –; ich kann es nicht los werden; es hat sich festgesetzt hier unter der Herzgrube, da liegt es und bohrt und zieht wie saure Säfte. Und dagegen hilft kein Magnesia.

Petra. Pah, Vater, Du solltest Ihrer nur lachen.

Horster. Die Leute werden schon noch auf andere Gedanken kommen, Herr Doktor.

Frau Stockmann. Ja, Thomas, das ist so gewiß, wie Du hier stehst.

Stockmann. Ja, vielleicht wenn es zu spät ist. Aber das geschieht ihnen schon recht! Dann können sie hier in ihrem Unrat waten und Gewissensbisse haben, daß sie einen Patrioten in die Verbannung getrieben haben. – Wann geht die Reise, Kapitän?

Horster. Hm, – darüber wollte ich eigentlich mit Ihnen reden –

Stockmann. Ist etwa mit dem Schiff was los?

Horster. Nein; aber es wird wohl so sein, daß ich nicht mitgehe.

Petra. Ihnen ist doch nicht gekündigt?

Horster lächelt. Ja, allerdings.

Petra. Ihnen auch.

Frau Stockmann. Da siehst Du es nun, Thomas.

Stockmann. Und das um der Wahrheit willen! Ach! Ich hätte es mir auch denken können –

Horster. Nehmen Sie sich es weiter nicht zu Herzen; ich finde schon eine Stelle bei irgend einer auswärtigen Reederei.

Stockmann. Und noch dazu dieser Vik, – ein vermögender Mann, und durchaus unabhängig –! Pfui Teufel!

Horster. Er ist sonst ganz rechtschaffen; und er sagt selbst, er hätte mich gern behalten, wenn er nur dürfte –

Stockmann. Aber er darf nicht? Versteht sich!

Horster. Es wäre nicht so einfach, sagte er, wenn man einer Partei angehört –

Stockmann. Da hat er ein wahres Wort gesprochen, der Ehrenmann! Eine Partei, die ist wie eine Fleischhackmaschine; darin werden alle Köpfe zu einem Brei zerrieben; und deshalb sind sie auch alle Schwachköpfe und Flachköpfe, einer wie der andere.

Frau Stockmann. Nein, aber Thomas –!

Petra zu Horster. Hätten Sie uns nicht nach Hause gebracht, dann wäre es am Ende nicht so weit gekommen.

Horster. Ich bereue es nicht.

Petra reicht ihm die Hand. Ich danke Ihnen!

Horster zum Doktor. Und was ich noch sagen wollte: wenn Sie durchaus weg wollen, so weiß ich einen anderen Ausweg –

Stockmann. Sehr schön; wenn wir nur wegkommen –

Frau Stockmann. Pst! Hat es nicht geklopft?

Petra. Das ist gewiß der Onkel.

Stockmann Aha! Ruft: Herein!

Frau Stockmann. Bester Thomas, Du mußt mir aber versprechen –

Stadtvogt Stockmann kommt aus dem Vorzimmer.

Stadtvogt in der Tür. O, Du bist beschäftigt. Dann will ich lieber –

Stockmann. Nein, nein, – komm nur herein.

Stadtvogt. Aber ich hätte gern unter vier Augen mit Dir gesprochen.

Frau Stockmann. Wir gehen so lange ins Wohnzimmer.

Horster. Und ich will später wiederkommen.

Stockmann. Nein, – gehen Sie nur mit hinein, Horster; ich muß Näheres wissen –

Horster. Gut, dann warte ich.

Geht mit Frau Stockmann und Petra ins Wohnzimmer.

Stadtvogt sagt nichts, blickt aber verstohlen nach den Fenstern.

Stockmann. Du findest es gewiß heut hier ein bißchen luftig. Bedeck' Dich nur.

Stadtvogt. Wenn Du erlaubst. Tut es. Ich glaube, ich habe mich gestern erkältet; mich fror –

Stockmann. So? Wahrhaftig, mir kam es warm genug vor.

Stadtvogt. Ich bedauere, daß es nicht in meiner Macht gestanden hat, diese nächtlichen Exzesse zu verhüten.

Stockmann. Ist das alles, was Du mir zu sagen hast?

Stadtvogt zieht einen großen Brief hervor. Dies Dokument habe ich Dir von der Badeleitung zu übermitteln.

Stockmann. Ist mir gekündigt?

Stadtvogt. Ja, mit dem heutigen Datum. Legt den Brief auf den Tisch. Es tut uns leid; aber – offen gesagt – wir durften nicht anders der öffentlichen Meinung wegen.

Stockmann lächelt. Ihr durftet nicht? Das Wort habe ich heut schon einmal gehört.

Stadtvogt. Bitte, mach' Dir Deine Lage klar. Du darfst in Zukunft auf keinerlei Praxis hier in der Stadt rechnen.

Stockmann. Der Teufel hole die ganze Praxis! Aber woher weißt Du das so genau?

Stadtvogt. Der Verein der Hausbesitzer läßt eine Liste herumgehen von Haus zu Haus. Alle rechtschaffenen Bürger werden aufgefordert, Dich nicht zu nehmen; und ich möchte darauf schwören, auch nicht ein Hausvater wird wagen, seine Unterschrift zu verweigern; man darf es ganz einfach nicht.

Stockmann. Ja, ja, daran zweifle ich gar nicht. Aber was weiter?

Stadtvogt. Wenn ich Dir einen Rat geben darf, so wäre es der: zieh für einige Zeit aus der Stadt –

Stockmann. Ja, ich habe nachgerade auch daran gedacht, aus der Stadt zu ziehen.

Stadtvogt. Schön. Und wenn Du dann etwa ein halbes Jahr zum Nachdenken Zeit gehabt hast und Dich nach reiflicher Überlegung dazu verstehen könntest, mit ein paar bedauernden Worten Deinen Irrtum zu bekennen, so –

Stockmann. So könnte ich vielleicht meinen Posten wiederbekommen, meinst Du?

Stadtvogt. Vielleicht; das ist nicht ganz ausgeschlossen.

Stockmann. Ja, aber die öffentliche Meinung? Ihr dürft ja nicht der öffentlichen Meinung wegen.

Stadtvogt. Die öffentliche Meinung ist ein überaus variables Ding. Und aufrichtig gesprochen, es ist uns von besonderer Wichtigkeit, ein solches Zugeständnis von Deiner Hand zu bekommen.

Stockmann. Ja, das könnte Euch so schmecken! Aber Donnerwetter ja, Du hast wohl vergessen, was ich Dir schon einmal über solche Pfiffe und Kniffe gesagt habe!

Stadtvogt. Damals war Deine Position noch favorabler; damals konntest Du voraussetzen, Du hättest die ganze Stadt im Rücken –

Stockmann. Ja, und jetzt kriege ich zu fühlen, daß ich die ganze Stadt auf dem Halse habe –. Braust auf. Und hätte ich den Teufel selbst und seine Großmutter auf dem Halse –! Nimmermehr, – nimmermehr, sage ich!

Stadtvogt. Ein Familienvater darf nicht so handeln, wie Du es tust. Das darfst Du nicht, Thomas.

Stockmann. Ich darf nicht? Es gibt nur eins auf der Welt, was ein freier Mann nicht darf; und weißt Du, was das ist?

Stadtvogt. Nein.

Stockmann. Natürlich. Aber ich will es Dir sagen. Ein freier Mann darf sich nicht wie ein Lump besudeln; er darf sich nicht so benehmen, daß er sich selbst ins Gesicht spucken müßte!

Stadtvogt. Das klingt ja außerordentlich plausibel; und wenn keine andere Erklärung für Deine Halsstarrigkeit vorläge –; aber die gibt es schon –

Stockmann. Was meinst Du damit?

Stadtvogt. Das weißt Du ganz gut. Aber als Dein Bruder und als besonnener Mann rate ich Dir, nicht allzufest auf Hoffnungen und Aussichten zu bauen, die nur zu leicht fehlschlagen könnten.

Stockmann. Wo zum Henker willst Du damit hinaus?

Stadtvogt. Willst Du mir wirklich einreden, Du wärest in Unkenntnis über die letztwilligen Verfügungen, die der Gerbermeister Kiil getroffen hat?

Stockmann. Ich weiß, daß das bißchen, was er hat, an eine Stiftung für alte bedürftige Handwerker fällt. Aber was geht das mich an?

Stadtvogt. Erstens handelt sich es hier nicht um ein bißchen. Kiil ist ein ziemlich vermögender Mann.

Stockmann. Davon hatte ich ja keine Ahnung –!

Stadtvogt. Hm – wirklich nicht? Du hast also auch keine Ahnung davon, daß ein nicht unbedeutender Teil seines Vermögens Deinen Kindern zufallen soll, und zwar so, daß Du mit Deiner Frau den Nießbrauch auf Lebenszeit hast? Hat er Dir das nicht gesagt?

Stockmann. Nein, bei Gott nicht! Im Gegenteil; er hat stets und ständig gewettert, daß er so wahnsinnig hoch besteuert wäre. Aber weißt Du denn das auch ganz gewiß, Peter?

Stadtvogt. Ich weiß es aus ganz sicherer Quelle.

Stockmann. Aber, du himmlischer Vater, dann ist Käte ja sichergestellt, – und die Kinder auch! Das muß ich ihr doch gleich sagen – ruft: Käte, Käte!

Stadtvogt hält ihn zurück. Pst! Noch kein Wort davon!

Frau Stockmann öffnet die Tür. Was ist denn los?

Stockmann. Ach nichts; geh nur wieder hinein.

Frau Stockmann schließt die Tür wieder.

Stockmann geht im Zimmer umher. Sichergestellt! Denk nur, – sie sind alle sichergestellt! Und auf Lebenszeit! Es ist doch ein himmlisches Gefühl, sich sichergestellt zu wissen.

Stadtvogt. Aber das bist Du eben nicht. Der alte Kiil kann jeden Tag und jede Stunde sein Testament annullieren, wenn er will.

Stockmann. Aber das tut er nicht, mein guter Peter. Dazu ist der Dachs viel zu fidel darüber, daß ich Dich und Deine wohlweisen Freunde angepackt habe.

Stadtvogt stutzt und sieht ihn forschend an. Aha, das wirft ein Licht auf manches.

Stockmann. Was denn?

Stadtvogt. Die ganze Geschichte ist also ein kombiniertes Manöver gewesen. Die gewaltsamen, rücksichtslosen Attentate, die Du – im Namen der Wahrheit – an den Spitzen der Stadt verübt hast –

Stockmann. Was ist damit? Was ist damit?

Stadtvogt. Die waren also nur eine verabredete Revanche für das Testament des alten rachsüchtigen Morten Kiil?

Stockmann beinahe sprachlos. Peter – Du bist doch der gemeinste Plebejer, der mir je im Leben vorgekommen ist.

Stadtvogt. Wir sind miteinander fertig. Deine Entlassung ist unwiderruflich; – denn jetzt haben wir eine Waffe gegen Dich. Ab.

Stockmann. Pfui, pfui, pfui! Ruft. Käte! Der Fußboden soll gescheuert werden da, wo er gestanden hat! Sie soll mit einem Zuber hereinkommen, die, – na Donnerwetter, wie heißt sie denn – die mit der rußigen Nase –

Frau Stockmann im Wohnzimmer. Still – Still doch, Thomas!

Petra ebenfalls in der Tür. Der Großvater ist da und fragt, ob er Dich allein sprechen kann, Vater.

Stockmann. Ja, gewiß kann er das. An der Tür. Kommen Sie herein, Schwiegervater.

Morten Kiil tritt ein. Der Doktor schließt die Tür hinter ihm.

Stockmann. Na, was gibt's denn? Setzen Sie sich.

Kiil. Stehe lieber. Sieht umher. Bei Ihnen sieht es heut hübsch aus, Stockmann.

Stockmann. Ja, nicht wahr?

Kiil. Recht hübsch sieht es hier aus, und frische Luft haben Sie auch; heut haben Sie wohl genug von dem sauren Stoff, von dem Sie gestern gefaselt haben. Kann mir denken, heut müssen Sie ein großartig gutes Gewissen haben.

Stockmann. Habe ich auch.

Kiil. Kann ich mir denken. Klopft sich auf die Brust. Aber wissen Sie auch, was ich hier habe?

Stockmann. Doch wohl auch ein gutes Gewissen, hoffe ich.

Kiil. ???I! Was viel Besseres!

Er holt eine dicke Brieftasche hervor, öffnet sie und zeigt einen Stoß Papiere.

Stockmann sieht ihn verwundert an. Badeaktien?

Kiil. Waren heute leicht zu kriegen.

Stockmann. Und Sie haben aufgekauft –?

Kiil. Für alles Geld, was ich hatte.

Stockmann. Aber, lieber Schwiegervater, – jetzt bei der verzweifelten Lage des Bades –!

Kiil. Wenn Sie sich benehmen wie ein vernünftiger Mensch, so wird das Bad schon wieder in die Höhe kommen.

Stockmann. Sie sehen ja selbst, ich tue, was ich kann, aber –. Die Leute hier sind ja verrückt!

Kiil. Sie haben gestern gesagt, die schlimmste Jauche käme aus meiner Gerberei. Aber wenn das wahr ist, so hätten ja vor mir mein Großvater und mein Vater und dann ich selbst undenkliche Jahre hindurch die Stadt verjaucht wie drei Würgengel. Glauben Sie, ich lasse die Schande auf mir sitzen?

Stockmann. Das werden Sie wohl müssen, – leider.

Kiil. Nein, danke sehr. Mir ist mein guter Ruf und Name was wert. Die Leute nennen mich den »Dachs«, habe ich sagen hören. Ein Dachs, das ist ja so eine Art Schmutzferkel; aber darin sollen sie denn doch nicht recht behalten. Ich will leben und sterben als reinlicher Mensch.

Stockmann. Und wie wollen Sie das anfangen?

Kiil. Sie sollen mich rein waschen, Stockmann.

Stockmann. Ich!

Kiil. Wissen Sie, was das für Geld ist, womit ich diese Aktien gekauft habe? Nein, das können Sie nicht wissen; aber ich will es Ihnen jetzt sagen. Das Geld, das Käte und Petra und die Jungen einmal kriegen sollen nach meinem Tode. Denn, sehen Sie, ich habe mir doch ein bißchen was auf die Seite gelegt.

Stockmann braust auf. Und dann gehen Sie hin und machen so was mit Kätes Geld!

Kiil. Jawohl, das ganze Geld steht jetzt auf dem Bade. Und nun will ich doch einmal sehen, ob Sie wirklich so wahnsinnig – so heillos toll sind, Stockmann. Wenn Sie jetzt noch weiter Tiere und ähnliches Dreckzeugs aus meiner Gerberei herauskommen lassen, so ist es akkurat dasselbe, als ob Sie breite Riemen schnitten aus Kätes und Petras und der Kinder Haut. Aber das tut kein anständiger Familienvater, – wenn er nicht verrückt ist.

Stockmann geht auf und ab. Ich bin doch aber verrückt, ich bin verrückt!

Kiil. Sie werden doch wohl Ihr letztes bißchen Verstand noch zusammennehmen können, wenn es sich um Weib und Kind handelt.

Stockmann bleibt vor ihm stehen. Weshalb konnten Sie es mir denn nicht sagen, ehe Sie den Kram da aufkauften?

Kiil. Das ist nun mal geschehen; daran ist nicht mehr zu tippen.

Stockmann geht unruhig umher. Wenn ich meiner Sache nur nicht so sicher wäre –! Aber ich bin im Innersten so überzeugt davon, daß ich recht habe.

Kiil wägt die Brieftasche in der Hand. Wenn Sie nicht von Ihrer Verrücktheit ablassen, dann ist das da nicht mehr viel wert. Steckt die Brieftasche ein.

Stockmann. Aber Donnerwetter, die Wissenschaft, sollte ich meinen, müßte doch wohl Verhütungsmittel ausfindig machen können; irgend ein Präservativ –

Kiil. Womit man die Tiere tötet, meinen Sie?

Stockmann. Ja, oder sie unschädlich macht.

Kiil. Könnten Sie es nicht mal mit Rattengift probieren?

Stockmann. Ach Unsinn, Unsinn! – Aber alle Leute sagen ja, es wäre nur ein Hirngespinst! Kann es denn nicht ein Hirngespinst sein! Mögen sie ihren Willen haben! Die unwissenden, engherzigen Hunde – haben sie mich nicht einen Volksfeind gescholten; – und mir die Kleider vom Leibe zu reißen, dazu waren sie auch bereit!

Kiil. Und die Masse Scheiben, die sie Ihnen eingeschmissen haben!

Stockmann. Ja, und jetzt wieder diese Sache mit den Pflichten gegen die Familie! Darüber muß ich mit Käte reden; in solchen Sachen kennt sie sich aus.

Kiil. Das ist famos; hören Sie nur auf den Rat einer vernünftigen Frau.

Stockmann fährt auf ihn los. Daß Sie auch so etwas Dummes machen konnten! Kätens Geld aufs Spiel zu setzen; mich in diese schauderhaft peinliche Lage zu bringen! Wenn ich Sie ansehe, so ist mir, als sähe ich den leibhaftigen Gottseibeiuns –!

Kiil. Dann ist es wohl besser, ich gehe. Aber bis zwei Uhr will ich Ihre Antwort haben. Ja oder nein. Lautet sie nein, so gehen die Aktien an die Stiftung, – und zwar noch heutigen Tages.

Stockmann. Und was bekommt dann Käte?

Kiil. Nicht so viel!

Die Vorzimmertür wird geöffnet. Draußen sieht man Hovstad und Aslaksen.

Kiil. Seh mal einer die beiden da!

Stockmann starrt sie an. Was? Sie wagen es noch, meine Schwelle zu betreten!

Hovstadt. Jawohl, wir sind so frei.

Aslaksen. Wir haben mit Ihnen zu reden, sehen Sie.

Kiil flüstert: Ja oder nein – bis zwei Uhr.

Aslaksen wechselt mit Hovstad einen Blick. Aha!

Kiil ab.

Stockmann. Na also, was wollen Sie von mir? Machen Sie es kurz.

Hovstadt. Ich begreife wohl, daß Sie wegen unserer Haltung gestern auf der Versammlung etwas gegen uns haben –

Stockmann. Und das nennen Sie Haltung? Eine schöne Haltung, das! Ich nenne es haltungslos, altweiberhaft –. Pfui Teufel!

Hovstadt. Nennen Sie es, wie Sie wollen; aber wir konnten nicht anders.

Stockmann. Sie durften wohl nicht? Ist's nicht so?

Hovstadt. Wenn Sie wollen, – ja.

Aslaksen. Aber warum ließen Sie denn nicht vorher ein Wörtchen fallen? Hätten Sie doch Herrn Hovstad oder mir nur einen kleinen Wink gegeben.

Stockmann. Einen Wink? Weswegen?

Aslaksen. Wegen dessen, was dahinter steckt.

Stockmann. Ich verstehe Sie ganz und gar nicht.

Aslaksen nickt vertraulich. Ach, Herr Doktor, Sie verstehen uns schon.

Hovstadt. Jetzt läßt sich damit doch nicht länger hinter dem Berge halten.

Stockmann sieht beide abwechselnd an. Ja, aber Himmelkreuzdonnerwetter –

Aslaksen. Darf ich fragen, – geht Ihr Schwiegervater nicht in der Stadt herum und kauft alle Badeaktien auf?

Stockmann. Ja, er war heut aus und hat Badeaktien gekauft; aber –?

Aslaksen. Es wäre klüger gewesen, Sie hätten einen anderen damit betraut, – einen, der Ihnen nicht so nahe steht.

Hovstadt. Und dann hätten Sie nicht unter Ihrem Namen auftreten sollen. Es brauchte ja keiner zu wissen, daß der Angriff auf das Bad von ihnen ausging. Sie hätten mich zu Rate ziehen sollen, Herr Doktor.

Stockmann blickt vor sich hin; ein Licht scheint ihm aufzugehen und er sagt wie aus den Wolken gefallen: Ist so etwas denkbar? Ist so etwas möglich?

Aslaksen lächelt. Es zeigt sich ja, daß es möglich ist. Aber sehen Sie, es hätte feiner gemacht werden müssen.

Hovstadt. Und dann hätten auch mehrere mit dabei sein müssen; denn die Verantwortlichkeit für den einzelnen wird ja immer geringer, wenn er noch andere mit dabei hat.

Stockmann gefaßt. Kurz und gut, meine Herren, was wollen Sie?

Aslaksen. Herr Hovstad wird das am besten –

Hovstadt. Nein, sagen Sie es, Aslaksen.

Aslaksen. Na, also, die Sache ist die: da wir wissen, wie die ganze Geschichte zusammenhängt, so glauben wir, daß wir Ihnen den »Volksboten« zur Verfügung stellen dürfen.

Stockmann. Jetzt dürfen Sie? Aber die öffentliche Meinung? Fürchten Sie nicht, daß sich ein Sturm gegen uns erheben wird?

Hovstadt. Wir werden ihn vor Anker aushalten, den Sturm.

Aslaksen. Und dann, Herr Doktor, müssen Sie zusehen, daß Sie rasch beim Lavieren sind. Sobald Ihr Angriff seine Wirkung getan hat –

Stockmann. Sobald mein Schwiegervater und ich die Aktien zu niedrigerem Preise in Händen haben, meinen Sie –?

Hovstadt. Sie suchen ja doch wohl hauptsächlich aus wissenschaftlichen Rücksichten die Leitung des Bades in die Hand zu bekommen.

Stockmann. Versteht sich; und aus wissenschaftlichen Rücksichten suchte ich den alten Dachs zum Mittun zu bewegen. Jetzt flicken wir die Wasserleitung ein bißchen aus und buddeln ein bißchen am Strand, ohne daß es die Stadtkasse einen Groschen kostet. Meinen Sie nicht, daß es geht? Was?

Hovstadt, Ich denke: ja – wenn Sie den »Volksboten« auf Ihrer Seite haben.

Aslaksen. In einem freien Gemeinwesen ist die Presse eine Macht, Herr Doktor.

Stockmann. Jawohl; und die öffentliche Meinung auch; und Sie, Herr Aslaksen, Sie nehmen wohl den Verein der Hausbesitzer auf Ihr Gewissen?

Aslaksen. I freilich, und den Mäßigkeitsverein auch. Da können Sie ganz ruhig sein.

Stockmann. Aber, meine Herren –; ja, ich schäme mich der Frage, aber – die Gegenleistung –?

Hovstadt. Am liebsten möchten wir Sie ja ohne Entgelt unterstützen, das können Sie sich wohl denken. Aber der »Volksbote« steht auf schwachen Füßen; er will nicht recht vorwärts; und das Blatt eingehen zu lassen, jetzt, wo es in der hohen Politik hier so viel zu tun gibt, – das möchte ich furchtbar ungern.

Stockmann. Versteht sich; einem Volksfreund, wie Sie einer sind, muß das ja riesig schwerfallen. Braust auf. Aber ich, ich bin ein Volksfeind! Rennt im Zimmer umher. Wo habe ich nur meinen Stock? Zum Donnerwetter, wo habe ich meinen Stock?

Hovstadt. Was soll das heißen?

Aslaksen. Sie wollen doch wohl nicht –?

Stockmann hält inne. Und wenn ich Ihnen nun von meinen Aktien nicht einen Pfennig gäbe? Der Groschen sitzt nicht lose bei uns reichen Leuten, das dürfen Sie nicht vergessen.

Hovstadt. Und Sie dürfen nicht vergessen, daß die Geschichte mit den Aktien sich auf zwei Arten darstellen läßt.

Stockmann. Ja, darauf verstehen Sie sich allerdings; wenn ich dem »Volksboten« nicht zu Hilfe komme, so erscheint Ihnen die Sache sicherlich in einem üblen Lichte; dann machen Sie Jagd auf mich, denke ich mir, – setzen mir nach, – suchen mich zu erwürgen, wie der Hund den Hasen erwürgt!

Hovstadt. Das ist Naturgesetz; jedes Tier sucht seines Leibes Nahrung.

Aslaksen. Schauen Sie, man nimmt sein Futter, wo man es findet.

Stockmann. So sucht Euch was im Rinnstein draußen! Fährt im Zimmer umher. Denn Schockschwerenot, jetzt soll es sich zeigen, wer von uns dreien das stärkste Tier ist. Ergreift den Regenschirm und schwingt ihn. Hei! Seht mal da –!

Hovstadt. Sie wollen sich doch nicht an uns vergreifen!

Aslaksen. Nehmen Sie sich in acht mit dem Regenschirm!

Stockmann. Durchs Fenster mit Ihnen, Herr Hovstad!

Hovstadt an der Vorzimmertür. Sind Sie denn ganz toll!

Stockmann. Durchs Fenster, Herr Aslaksen! Hinaus, sage ich! Und so schnell wie möglich.

Aslaksen läuft um den Schreibtisch herum. Alles mit Maß, Herr Doktor; ich bin ein schwächlicher Mensch; ich vertrage so wenig – schreit: Hilfe, Hilfe!

Frau Stockmann, Petra und Horster aus dem Wohnzimmer.

Frau Stockmann. Aber um Gottes willen, Thomas, was ist denn hier los?

Stockmann schwingt den Regenschirm. Hinaus, sage ich! In den Rinnstein!

Hovstadt. Überfall eines Wehrlosen! Sie sind mein Zeuge, Herr Kapitän. Eilt hinaus durchs Vorzimmer.

Aslaksen ratlos. Wüßte man nur mit den lokalen Verhältnissen Bescheid –

Schleicht durch das Wohnzimmer hinaus.

Frau Stockmann hält ihren Mann fest. Aber so beherrsche Dich doch, Thomas!

Stockmann wirft den Regenschirm weg. Donnerwetter, nun sind sie mir doch entwischt!

Frau Stockmann. Aber was wollten sie denn von Dir?

Stockmann. Das sollst Du später erfahren; jetzt habe ich an anderes zu denken. Geht zum Tisch und beschreibt eine Visitenkarte. Sieh mal, Käte, was steht da?

Frau Stockmann. Drei große »Nein«. Was heißt das?

Stockmann. Auch das sollst Du später erfahren. Reicht Petra die Karte hin. Da, Petra; schick' den Schmutzfink damit so schnell wie möglich zum Dachs. Rasch doch!

Petra mit der Karte durch das Vorzimmer ab.

Stockmann. Wenn ich heute nicht von allen Sendboten der Hölle heimgesucht worden bin, dann weiß ich's nicht! Aber jetzt werde ich auch meine Feder gegen sie spitzen, daß sie wird wie eine Ahle; ich will sie in Gift und Galle tauchen, ich werde ihnen mein Tintenfaß direkt an den Schädel werfen!

Frau Stockmann. Ja, aber wir ziehen doch weg, Thomas.

Petra kommt zurück.

Stockmann. Na?

Petra. Ist besorgt.

Stockmann. Gut. – Wegziehen, sagst Du? Nein, Schockschwerenot, das tun wir nicht; wir bleiben, wo wir sind, Käte!

Petra. Bleiben!

Frau Stockmann. Hier in der Stadt?

Stockmann. Ja, hier und nirgendwo anders; hier ist die Walstatt; hier wird die Schlacht geschlagen; hier will ich siegen! Wenn nur erst meine Hosen wieder ganz sind, dann gehe ich aus und suche eine Wohnung; zum Winter müssen wir doch einen Unterschlupf haben.

Horster. Den finden Sie bei mir.

Stockmann. Wahrhaftig?

Horster. Ganz gewiß; ich habe Platz genug, und dann bin ich ja doch auch fast nie zu Hause.

Frau Stockmann. Ach, wie freundlich das von Ihnen ist, Herr Horster.

Petra. Haben Sie Dank!

Stockmann schüttelt ihm die Hand. Danke schön, danke schön! Die Sorge wäre ich also auch los. Und nun mache ich mich noch heute allen Ernstes an die Arbeit. Ach, Käte, hier gibt es aufzuräumen ohne Ende! Wie gut, daß ich jetzt so ganz über meine Zeit verfügen kann: denn sieh mal her, Du, – man hat mir gekündigt –

Frau Stockmann seufzt. Ach ja, das habe ich schon erwartet.

Stockmann. – und nun wollen sie mir auch noch meine Praxis nehmen. Aber laß sie nur! Die armen Leute behalte ich sowieso – die, die nichts bezahlen; und, lieber Gott, die brauchen mich ja auch am nötigsten. Aber von mir hören sollen sie, Donnerwetter ja; ich will ihnen predigen zu rechter Zeit und zur Unzeit, wie da geschrieben steht irgendwo.

Frau Stockmann. Aber, bester Thomas, ich glaube, Du hast gesehen, was Predigen nützt.

Stockmann. Du bist wirklich komisch, Käte. Soll ich mich vielleicht von der öffentlichen Meinung und der kompakten Majorität und ähnlichem Teufelszeug aus dem Felde schlagen lassen? Nein, danke sehr! Und was ich will, ist doch auch so einfach und klar und zweifelsohne. Ich will den Hunden ja nur einbläuen, daß die Liberalen die hinterlistigsten Feinde der freien Männer sind, – daß die Parteiprogramme allen jungen, lebensfähigen Wahrheiten den Hals umdrehen, – daß Zweckmäßigkeitsrücksichten Moral und Rechtschaffenheit auf den Kopf stellen, so daß das Leben hier schließlich rein zur Qual wird. Meinen Sie nicht, Kapitän, daß ich das den Leuten nicht doch noch begreiflich machen kann?

Horster. Mag schon sein; ich verstehe mich auf so etwas nicht sonderlich.

Stockmann. Ja, sehen Sie, – nun passen Sie auf! Die Parteihäuptlinge, die müssen ausgerottet werden. Denn ein Parteihäuptling, sehen Sie, ist wie ein Wolf, – wie ein hungriger Isegrim; – er braucht das Jahr so und so viel Stück Kleinvieh, wenn er bestehen will. Sehen Sie nur einmal Hovstad und Aslaksen an! Wie vielem Kleinvieh machen die allein nicht den Garaus; oder sie verunstalten es und verderben es derart in Grund und Boden, daß nichts anderes draus wird als Hausbesitzer oder Abonnenten des »Volksboten«! Setzt sich auf die Tischkante. Du, Käte, komm einmal her, – sieh, wie schön heut die Sonne hereinscheint. Und diese herrliche, frische Frühlingsluft, die auf uns einströmt!

Frau Stockmann. Ja, wenn wir nur von Sonnenschein und Frühlingsluft leben könnten, Thomas!

Stockmann. Na, Du mußt an allen Ecken und Kanten sparen, – dann geht es schon. Das ist meine geringste Sorge. Nein, weit schlimmer ist, daß ich keinen Mann kenne, der, frei und vornehm, es wagte, nach meinem Tode meine Aufgabe zu übernehmen.

Petra. Ach, denk daran nicht, Vater; die Zukunft liegt noch vor Dir. – Ei, da sind ja die Jungen schon.

Ejlif und Morten kommen herein aus dem Wohnzimmer.

Frau Stockmann. Habt Ihr heute frei bekommen?

Morten. Nein; aber wir haben uns mit den andern in der Zwischenpause gehauen –

Ejlif. Das ist nicht wahr; die andern, die haben sich mit uns gehauen.

Morten. Ja, und da sagte Herr Rörlund, es wäre besser, wir blieben ein paar Tage zu Hause.

Stockmann knipst mit den Fingern und springt vom Tisch herunter. Jetzt habe ich's! Jetzt habe ich's, bei Gott! Ihr werdet keinen Fuß mehr in die Schule setzen!

Die Jungen. Nicht mehr in die Schule!

Frau Stockmann. Nein, aber Thomas –

Stockmann. Keinen Fuß mehr, sage ich! Ich selbst will Euch unterrichten, – das heißt, Ihr sollt nicht irgend welches gleichgültiges Zeugs lernen –

Morten. Hurra!

Stockmann. – aber ich will Euch zu freien, vornehmen Männern machen. – Und Du, Petra, Du mußt mir dabei helfen.

Petra. Ja, Vater, darauf kannst Du Dich verlassen.

Stockmann. Und die Schule, die soll in dem Saal abgehalten werden, wo sie mich einen »Volksfeind« gescholten haben. Aber wir sind nicht genug; mindestens zwölf Jungen muß ich zum Anfang haben.

Frau Stockmann. Die kriegst Du hier in der Stadt nicht zusammen.

Stockmann. Das werden wir ja sehen. Zu den Jungen. Kennt Ihr nicht ein paar Straßenbengels, – so ein paar ruppige, struppige –?

Morten. Ja, Vater, ich kenne eine ganze Masse!

Stockmann. Das ist famos; bring mir nur ein paar Stück her. Ich will einmal mit den Kötern experimentieren; da können merkwürdige Köpfe drunter sein.

Morten. Aber was werden wir tun, wenn wir freie und vornehme Männer geworden sind?

Stockmann. Dann werdet Ihr alle Isegrims nach dem fernen Westen jagen, Ihr Jungens!

Ejlif macht ein etwas bedenkliches Gesicht; Morten hopst herum und ruft Hurra.

Frau Stockmann. Ach, wenn es nur nicht so kommt, Thomas, daß die Isegrims Dich jagen.

Stockmann. Du bist nicht recht gescheit, Käte! Mich jagen! Jetzt, da ich der stärkste Mann der Stadt bin!

Frau Stockmann. Der stärkste – jetzt?

Stockmann. Ja, ich darf das große Wort aussprechen: jetzt bin ich einer der stärksten Männer auf der ganzen Welt.

Morten. Ach nein?!

Stockmann senkt die Stimme. Pst! Ihr Sollt noch nicht drüber sprechen; aber ich habe eine große Entdeckung gemacht.

Frau Stockmann. Schon wieder?

Stockmann. Ja gewiß, ja gewiß! Sammelt alle um sich und sagt vertraulich: Die Sache ist die, seht mal: der ist der stärkste Mann auf der Welt, der allein steht.

Frau Stockmann lächelt und schüttelt den Kopf. Ach Du, Thomas –

Petra mutig, faßt seine Hände. Vater!

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.