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Ein Volksfeind

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleEin Volksfeind
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen Sämtliche Werke
volumeVierter Band
year1907
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Vierter Akt

Ein großer, altmodischer Saal in Horsters Hause.

Eine offene Flügeltür im Hintergrunde führt in ein Vorzimmer. An der linken Längswand sind drei Fenster; in der Mitte der gegenüberliegenden Wand ist ein Podium errichtet, auf dem ein kleiner Tisch mit zwei Kerzen, Wasserkaraffe, einem Glase und einer Glocke stehen. Sonst ist der Saal durch Armleuchter erhellt, die zwischen den Fenstern angebracht sind. Links im Vordergrund steht ein Tisch mit Lichtern und davor ein Stuhl. Rechts ganz vorn ist eine Tür und dabei einige Stühle.

Eine Menge Bürger aller Stände. Man sieht einzelne Frauen und etliche Schulknaben darunter. Immer mehr Menschen strömen nach und nach durch den Hintergrund herein, bis der Saal voll ist.

Ein Bürger zu einem andern, der ihm entgegenkommt. Bist Du auch heute da, Lamstad?

Der Angesprochene. Ich, – ich bin bei allen Volksversammlungen mit bei.

Ein Danebenstehender. Sie haben doch wohl eine Pfeife mit, was?

Der zweite Bürger. Na freilich. Sie nicht?

Der dritte. Und ob. Der Schiffer Evensen, der will sich ein mächtig großes Horn mitbringen, hat er gesagt.

Der zweite Bürger. Evensen, der ist gelungen. Gelächter in der Gruppe.

Ein vierter Bürger kommt dazu. Sagt doch mal, was ist denn eigentlich heute hier los?

Der zweite Bürger. Der Doktor Stockmann, der will doch eine Rede halten gegen den Stadtvogt.

Der Neuangekommene. Aber der Stadtvogt ist doch sein Bruder.

Der erste Bürger. Das ist egal; Doktor Stockmann, der ist nicht bange.

Der dritte Bürger. Aber er hat doch unrecht; das hat im »Volksboten« gestanden.

Der zweite Bürger. Ja, diesmal muß er wirklich unrecht haben, denn weder der Verein der Hausbesitzer noch der Bürgerklub wollten ihm ihren Saal leihen.

Der erste Bürger. Nicht einmal den Kursaal konnte er kriegen.

Der zweite. Ja, das läßt sich denken.

Ein Mann in einer andern Gruppe. Sie, mit wem soll man's eigentlich in dieser Sache halten?

Ein zweiter Mann in derselben Gruppe. Richten Sie sich nur nach dem Buchdrucker Aslaksen, und tun Sie, was der tut.

Billing, mit einer Mappe unter dem Arm, bahnt sich einen Weg durch die Menge. Pardon, meine Herren! Darf ich vielleicht durch? Ich bin der Berichterstatter des »Volksboten«. Besten Dank!

Setzt sich links an den Tisch.

Ein Arbeiter. Wer war denn das?

Ein zweiter Arbeiter. Den kennst Du nicht? Das ist der Billing von Aslaksen seiner Zeitung.

Horster führt Frau Stockmann und Petra durch die Tür rechts im Vordergrund herein. Ejlif und Morten folgen.

Horster. Hier, dachte ich, ist der beste Platz für die Herrschaften; man kommt leicht hinaus, wenn etwas passieren sollte.

Frau Stockmann. Glauben Sie denn, daß es Radau gibt?

Horster. Man kann nie wissen –; wo so viel Menschen sind –. Aber nehmen Sie nur ruhig Platz.

Frau Stockmann setzt sich. Wie hübsch von Ihnen, daß Sie Stockmann den Saal zur Verfügung gestellt haben.

Horster. Da kein anderer wollte, so –

Petra, die sich ebenfalls gesetzt hat. Und mutig war es auch, Horster.

Horster. Ach, dazu, meine ich, gehört doch wohl kein so großer Mut.

Hovstad und Aslaksen kommen zu gleicher Zeit, doch jeder für sich, durch die Menge.

Aslaksen geht zu Horster hin. Ist der Doktor noch nicht da?

Horster. Er wartet drin.

Bewegung oben an der Tür im Hintergrund.

Hovstadt zu Billing. Da ist der Stadtvogt. Sehen Sie doch!

Billing. Ja, Gott verdamm' mich, – er kommt wirklich her!

Stadtvogt Stockmann bahnt sich vorsichtig einen Weg durch die Menge; er grüßt höflich und stellt sich links an die Wand. Bald darauf kommt Doktor Stockmann durch die Tür rechts im Vordergrund. Er trägt einen schwarzen Anzug (Gehrock) und eine weiße Kravatte. Einige klatschen zaghaft, begegnen aber einem gedämpften Zischen. Es wird still.

Stockmann halblaut. Wie ist Dir, Käte?

Frau Stockmann. O, ganz gut. Leiser. Werde nur nicht gleich hitzig, Thomas.

Stockmann. Ach, Du, ich weiß mich schon zu beherrschen. Sieht auf seine Uhr, steigt auf das Podium und verneigt sich. Die Uhr ist ein Viertel nach voll – ich fange also an –

Holt sein Manuskript hervor.

Aslaksen. Zunächst muß wohl ein Vorsitzender gewählt werden.

Stockmann. Nein, – das ist durchaus nicht nötig.

Einige Herren rufen: Doch! Doch!

Stadtvogt. Ich sollte auch meinen, es müßte ein Präsident gewählt werden.

Stockmann. Aber Peter, ich habe diese Versammlung doch berufen, um einen Vortrag zu halten!

Stadtvogt. Der Vortrag des Herrn Badearztes könnte möglicherweise zu divergierenden Meinungsäußerungen Anlaß geben.

Mehrere Stimmen aus der Menge. Einen Vorsitzenden! Einen Präsidenten!

Hovstadt. Der Volkswille scheint einen Vorsitzenden zu verlangen.

Stockmann sich beherrschend. Na meinetwegen; mag der Volkswille seinen Willen haben.

Aslaksen. Möchten Sie nicht das Amt übernehmen, Herr Stadtvogt?

Drei Herren klatschen. Bravo! Bravo!

Stadtvogt. Aus mehreren leicht begreiflichen Gründen muß ich ablehnen. Aber glücklicherweise haben wir in unserer Mitte einen Mann, den, wie ich glaube, alle akzeptieren können. Ich meine den Vorsitzenden des Vereins der Hausbesitzer, Herrn Buchdrucker Aslaksen.

Viele Stimmen. Jawohl, ja! Aslaksen soll leben! Hoch Aslaksen!

Stockmann nimmt sein Manuskript und steigt vom Podium.

Aslaksen. Wenn das Vertrauen meiner Mitbürger mich ruft, so darf ich nicht nein sagen –

Händeklatschen und Beifallsrufe. Aslaksen steigt auf das Podium.

Billing. schreibt. Also – »Herr Buchdrucker Aslaksen gewählt durch Akklamation –«

Aslaksen. Und da ich nun an diesem Platze stehe, so werde ich mir erlauben, ein paar kurze Worte zu sprechen. Ich bin ein ruhiger und friedfertiger Mann, der auf besonnene Mäßigung hält – und – auf mäßige Besonnenheit; das weiß jeder, der mich kennt.

Viele Stimmen. Sehr richtig, Aslaksen! Jawohl!

Aslaksen. Ich habe in der Schule des Lebens und der Erfahrung gelernt, daß Mäßigung die Tugend ist, die einen Staatsbürger am besten kleidet –

Stadtvogt. Hört! Hört!

Aslaksen. – daß auch der Gesellschaft vor allem Besonnenheit und Mäßigung frommen. Ich möchte daher dem angesehenen Mitbürger, der die Versammlung berufen hat, ans Herz legen, daß er die Grenzen der Mäßigung nicht überschreite.

Ein Mann oben an der Tür. Hoch der Mäßigkeitsverein!

Eine Stimme. Pfui Teufel, ja!

Viele. Seht! Seht!

Aslaksen. Keine Unterbrechungen, meine Herren! – Wünscht einer das Wort?

Stadtvogt. Herr Präsident!

Aslaksen. Herr Stadtvogt Stockmann hat das Wort.

Stadtvogt. In anbetracht des nahen Verwandtschaftsverhältnisses, in dem ich bekanntermaßen zu dem amtierenden Badearzt stehe, wäre mir nichts erwünschter gewesen, als mich hier heute nicht äußern zu brauchen. Aber mein Verhältnis zum Bade und die Rücksicht auf die allerwichtigsten Interessen der Stadt zwingen mich, einen Antrag zu stellen. Ich darf wohl voraussetzen, daß die hier anwesenden Bürger ohne Ausnahme es ungern sehen würden, wenn unzuverlässige und übertriebene Mitteilungen über die sanitären Zustände des Bades und der Stadt in weitere Kreise gelangten.

Viele Stimmen. Jawohl! Ja! Natürlich! Wir protestieren!

Stadtvogt. Ich möchte deshalb vorschlagen, daß die Versammlung dem Herrn Badearzt nicht gestatte, seine Darstellung der Sache vorzulesen oder vorzutragen.

Stockmann aufbrausend. Nicht gestatte –! Was!

Frau Stockmann hustet. Hm – hm!

Stockmann faßt sich. Na; – also nicht gestatte!

Stadtvogt. Ich habe in meiner Erklärung im »Volksboten« das Publikum mit den wesentlichsten Fakten bekannt gemacht, so daß alle wohlgesinnten Bürger sich unschwer ihr Urteil bilden können. Man wird daraus ersehen, daß der Vorschlag des Herrn Badearztes – abgesehen von einem Mißtrauensvotum gegen die Spitzen der Stadtverwaltung, – im Grunde darauf hinausläuft, den steuerpflichtigen Einwohnern eine unnötige Ausgabe von mindestens hunderttausend Kronen aufzubürden.

Äußerungen des Unmuts; hier und dort Pfeifen.

Aslaksen läutet mit der Glocke. Silentium, meine Herren! Ich bin so frei, den Vorschlag des Herrn Stadtvogts zu unterstützen. Es ist auch meine Meinung, daß die Agitation des Herrn Doktor Stockmann einen Hintergedanken hat. Er spricht vom Bade; aber er strebt eine Revolution an, er will die Verwaltung in andere Hände bringen. Niemand zweifelt an den redlichen Absichten des Herrn Doktors. I bewahre – darüber kann es nur eine Meinung geben. Ich bin auch ein Freund der kommunalen Selbstverwaltung, – nur darf sie den Steuerzahlern nicht zu hoch zu stehen kommen. Das aber würde hier der Fall sein; und deshalb –; hol' mich der Henker – mit Verlaub – kann ich diesmal nicht mit Herrn Doktor Stockmann gehen. Man kann auch Gold zu teuer kaufen; das ist so meine Meinung.

Lebhafte Zustimmung von allen Seiten.

Hovstadt. Auch ich fühle mich veranlaßt, meine Stellungnahme zu vertreten. Die Agitation des Herrn Doktor Stockmann schien zunächst einigen Anklang zu finden, und ich unterstützte sie so unparteiisch, wie ich konnte. Dann aber kamen wir dahinter, daß wir uns durch eine falsche Darstellung hatten irreführen lassen –

Stockmann. Falsche –!

Hovstadt. Na also – durch eine nicht ganz zuverlässige Darstellung. Die Erklärung des Herrn Stadtvogts hat das bewiesen. Ich hoffe, daß niemand hier im Saal meine liberale Gesinnung verdächtigt; die Haltung des »Volksboten« in den großen politischen Fragen ist jedem bekannt. Aber ich habe von erfahrenen und besonnenen Männern gelernt, daß in rein lokalen Fragen ein Blatt mit einer gewissen Vorsicht zu Werke gehen muß.

Aslaksen. Vollkommen einverstanden mit dem Redner.

Hovstadt. Und in dem vorliegenden Falle steht es über allem Zweifel, daß Herr Doktor Stockmann die allgemeine Stimmung gegen sich hat. Was ist aber die erste und vornehmste Pflicht eines Redakteurs, meine Herren? Doch wohl die: in Übereinstimmung mit seinen Lesern zu wirken? Hat er nicht sozusagen ein stillschweigendes Mandat, standhaft und unbeirrt die Wohlfahrt seiner Gesinnungsgenossen zu fördern? Oder sollte ich mich hierin irren?

Viele Stimmen. Nein, nein, nein! Hovstad hat recht!

Hovstadt. Es hat mich einen schweren Kampf gekostet, mit einem Manne zu brechen, in dessen Hause ich noch in jüngster Zeit ein häufiger Gast gewesen bin, – mit einem Manne, der bis zu diesem Tage sich bei seinen Mitbürgern des ungeteilten Wohlwollens erfreuen durfte, – einem Manne, dessen einziger – oder wenigstens hauptsächlichster Fehler ist, daß er mehr sein Herz als seinen Kopf um Rat fragt.

Stimmen hier und dort. Sehr richtig! Hoch Doktor Stockmann!

Hovstadt. Aber meine Pflicht der Gesellschaft gegenüber gebot mir, mit ihm zu brechen. Und dann gibt es noch eine Rücksicht, die mich veranlaßt, ihn zu bekämpfen und ihn womöglich von dem schicksalsschwangeren Weg abzubringen, den er eingeschlagen hat; das ist die Rücksicht auf seine Familie –

Stockmann. Bleiben Sie bei der Wasserleitung und der Kloake!

Hovstadt. – die Rücksicht auf seine Gattin und seine unversorgten Kinder.

Morten. Meint er uns, Mutter?

Frau Stockmann. Pst!

Aslaksen. Ich bringe also den Antrag des Herrn Stadtvogts zur Abstimmung.

Stockmann. Ist nicht nötig! Ich gedenke jetzt nicht über die Schweinerei da unten in der Badeanstalt zu reden. Nein, – Ihr sollt etwas ganz anderes zu hören bekommen.

Stadtvogt halblaut. Was ist denn nun schon wieder?

Ein Betrunkener oben an der Eingangstür. Ich bin steuerberechtigt! Und darum bin ich auch meinungsberechtigt! Und ich bin der sichern – festen – unbegreiflichen Meinung, daß –

Mehrere Stimmen. Ruhe da hinten!

Andere. Er ist betrunken! Schmeißt ihn hinaus!

Der Betrunkene wird an die Luft gesetzt.

Stockmann. Habe ich das Wort?

Aslaksen läutet mit der Glocke. Herr Doktor Stockmann hat das Wort!

Stockmann. Vor einigen Tagen noch hätte man sich nur unterstehen und versuchen sollen, mich mundtot zu machen, wie hier in dieser Stunde! Wie ein Löwe hätte ich um meine heiligen Menschenrechte gekämpft! Aber jetzt kann es mir gleich sein; denn nun habe ich mich über wichtigere Dinge auszusprechen.

Die Menge schart sich dichter um ihn. Morten Kiil wird unter den Zunächststehenden sichtbar.

Stockmann fährt fort. Ich habe in diesen Tagen viel gedacht und gegrübelt, – habe so intensiv gegrübelt, daß mir schließlich der Kopf brummte –

Stadtvogt hustet. Hm –!

Stockmann. – dann aber ward mir alles klar; ich sah mit voller Deutlichkeit den Zusammenhang. Und deshalb stehe ich jetzt hier. Ich will große Enthüllungen machen, liebe Mitbürger! Ich will Euch über eine Entdeckung von ganz anderer Tragweite berichten als über die Bagatelle, daß unsere Wasserleitung vergiftet ist und unser Kurort auf verpestetem Boden steht.

Viele Stimmen schreien: Nicht vom Bade reden! Wir wollen es nicht hören! Nichts davon!

Stockmann. Ich habe gesagt, ich will über die große Entdeckung sprechen, die ich dieser Tage gemacht habe, – die Entdeckung, daß unsere sämtlichen geistigen Lebensquellen vergiftet sind, daß unsere ganze bürgerliche Gesellschaft auf dem verpesteten Boden der Lüge ruht.

Verblüffte Stimmen halblaut. Was sagt er da?

Stadtvogt. Solch eine Insinuation –.

Aslaksen mit der Hand an der Glocke. Der Redner wird ersucht, sich zu moderieren.

Stockmann. Ich habe meine Vaterstadt so tief geliebt, wie ein Mann nur die Heimat seiner Jugend lieben kann. Ich war nicht alt, als ich von hier wegging, und die Entfernung, die Sehnsucht und die Erinnerung warfen etwas wie einen gesteigerten Glanz auf den Ort wie auf die Menschen.

Vereinzelter Applaus und Beifallsrufe.

Stockmann. Dann saß ich lange Jahre in einem entsetzlichen Erdwinkel hoch oben im Norden. Begegnete ich einmal einem der Leute, die da zwischen en Steinhaufen verstreut lebten, dann dachte ich zuweilen, es wäre besser für die armen, verkommenen Geschöpfe, wenn sie einen Tierarzt da oben hätten anstelle eines Mannes wie ich.

Gemurmel im Saal.

Billing legt die Feder hin. So etwas habe ich, Gott verdamm' mich, denn doch noch nicht gehört –!

Hovstadt. Das heißt eine ehrenwerte Bevölkerungsklasse verhöhnen!

Stockmann. Nur ein bißchen Geduld! – ich glaube, keiner wird mir nachsagen können, ich hätte da oben meine Vaterstadt vergessen. Ich saß und brütete wie ein Eidervogel; und was ich ausgebrütet habe – das war die Idee dieses Bades.

Applaus und Einspruch.

Stockmann. Und als ich dann endlich nach Jahr und Tag, dank einer guten und glücklichen Schicksalsfügung, in die Heimat zurückkehren durfte, – ja, liebe Mitbürger, da war es mir, als bliebe mir auf Erden kaum noch etwas zu wünschen übrig. Nur den einen Wunsch hatte ich noch: mit heißem, unermüdlichem Eifer tätig zu sein zum Wohl der Heimat und des Gemeinwesens.

Stadtvogt sieht in die Luft. Die Art und Weise ist ein bißchen sonderbar – hm.

Stockmann. Und so schwelgte und schwelgte ich hier im Glücke der Verblendung. Gestern früh aber – oder eigentlich schon vorgestern abend – da gingen mir die Augen meines Geistes weit auf, und das erste, was ich zu sehen bekam, das war die grenzenlose Dummheit der Behörden –

Lärm, Rufe und Gelächter. Frau Stockmann hustet anhaltend.

Stadtvogt. Herr Präsident!

Aslaksen läutet. Kraft meiner Befugnisse –!

Stockmann. Es ist kleinlich, sich an ein Wort zu klammern, Herr Aslaksen. Ich meine nur, daß ich hinter die unglaubliche Schweinewirtschaft gekommen bin, deren sich die Spitzen der Badeverwaltung schuldig gemacht haben. »Spitzen« kann ich auf den Tod nicht leiden; – Leute dieser Art habe ich in meinem Leben dick bekommen. Sie sind wie Ziegenböcke in einer jungen Baumpflanzung; überall richten sie Unheil an; dem freien Manne stehen sie im Wege, wie er sich auch dreht und wendet, – und ich würde es am liebsten sehen, man könnte sie ausrotten wie Raubwild –

Unruhe im Saal.

Stadtvogt. Herr Präsident, dürfen solche Ausdrücke passieren?

Aslaksen mit der Hand an der Glocke. Herr Doktor! –

Stockmann. Ich wundere mich nur, daß mir erst jetzt die Augen über die Herren aufgegangen sind, denn ich habe doch hier beinahe Tag für Tag ein Prachtexemplar vor Augen gehabt, – meinen Bruder Peter – schwerfällig und zäh in seinen Vorurteilen –

Gelächter, Lärm und Pfeifen. Frau Stockmann hustet fortdauernd. Aslaksen läutet heftig.

Der Betrunkene, der wieder hereingekommen ist. Meint er etwa mich? Ich heiße doch nämlich Pettersen; aber der Teufel soll mich holen –

Entrüstete Stimmen. Hinaus mit dem Betrunkenen! Setzt ihn vor die Tür!

Der Mann wird wieder hinausgeworfen.

Stadtvogt. Wer war der Mensch?

Ein in der Nähe stehender. Kannte ihn nicht, Herr Stadtvogt.

Ein zweiter. Er ist kein Hiesiger.

Ein dritter. Es soll ein Holzhändler sein aus – Der Rest ist undeutlich.

Aslaksen. Der Mann hatte offenbar einen Bierrausch –. Fahren Sie fort, Herr Doktor; aber befleißigen Sie sich endlich einmal der Mäßigung.

Stockmann. Na also, Mitbürger, ich werde mich nicht weiter über unsere »Spitzen« auslassen. Wenn einer aus dem, was ich eben gesagt habe, schließen sollte, daß ich heute diesen Herren zu Leibe will, so irrt er, – irrt er ganz gewaltig. Denn ich tröste mich mit dem wohltuenden Gedanken, daß diese Greise da aus einer absterbenden Ideenwelt sich selbst am besten zum Tode befördern; sie brauchen keines Doktors Hilfe, um möglichst schnell in die Grube zu fahren. Und diese Art Leute sind es gar nicht einmal, die für die Gesellschaft die größte Gefahr sind; sie sind es nicht, die zur Vergiftung unserer geistigen Lebensquellen und zur Verpestung des Bodens, auf dem wir stehen, das meiste beitragen; nicht sie sind in unserm Gemeinwesen die gefährlichsten Feinde der Wahrheit und der Freiheit.

Rufe von allen Seiten. Wer denn? Wer sonst? Namen nennen!

Stockmann. Verlaßt Euch drauf, ich werde sie nennen! Denn das ist ja die große Entdeckung, die ich gestern gemacht habe. Mit erhobener Stimme. Der gefährlichste Feind der Wahrheit und Freiheit bei uns – das ist die kompakte Majorität. Jawohl, die verfluchte, kompakte, liberale Majorität, – die ist es! Nun wißt Ihr's!

Ungeheurer Lärm im Saal. Die Mehrzahl schreit, stampft und pfeift. Einige ältere Herren wechseln verstohlene Blicke und scheinen sich zu amüsieren. Frau Stockmann steht ängstlich auf; Ejlif und Morten treten drohend zu den Schulknaben, die Lärm machen. Aslaksen läutet mit der Glocke und mahnt zur Ruhe. Hovstad und Billing sprechen zusammen, ohne daß man sie versteht. Endlich tritt wieder Ruhe ein.

Aslaksen. Der Vorsitzende erwartet, daß der Redner seine unbesonnenen Ausdrücke zurücknimmt.

Stockmann. I, ich denke gar nicht dran, Herr Aslaksen. Die überwiegende Mehrheit in unserer Gesellschaft ist es, die mich meiner Freiheit beraubt und mir verbieten will, die Wahrheit auszusprechen.

Hovstadt. Die Mehrheit hat immer das Recht auf ihrer Seite.

Billing. Und auch die Wahrheit; Gott verdamm' mich!

Stockmann. Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag' ich! Das ist auch so eine von den gesellschaftlichen Lügen, gegen die ein freier, denkender Mann sich empören muß. Woraus besteht denn in einem Lande die Mehrheit der Bewohner? Aus den klugen Leuten oder aus den dummen? Wir sind, denke ich, uns wohl darin einig, daß die Dummen in geradezu überwältigender Majorität rings auf der weiten Erde vorhanden sind. Aber zum Teufel noch mal, es kann doch nie und nimmer in Ordnung sein, daß die Dummen über die Klugen herrschen!

Lärm und Geschrei.

Stockmann. Ja, ja; Ihr könnt mich wohl niederschreien, aber Ihr könnt mich nicht widerlegen. Die Mehrheit hat die Macht – leider –; aber das Recht hat sie nicht. Das Recht habe ich und noch ein paar andere. Die Minorität hat immer das Recht.

Wieder großer Lärm.

Hovstadt. Haha! Herr Doktor Stockmann ist also seit vorgestern Aristokrat geworden!

Stockmann. Ich habe gesagt, daß ich nicht ein Wort an die kleine engbrüstige, kurzatmige Bande verschwenden mag, die zurückgeblieben ist. Mit ihr hat das pulsierende Leben nichts mehr zu schaffen. Aber ich denke an die Schar der Wenigen und Vereinzelten hier zu Lande, die sich die jungen, keimenden Wahrheiten alle zu eigen gemacht haben. Die Männer stehen sozusagen draußen auf Vorposten, so weit vorgeschoben, daß die kompakte Majorität ihnen noch nicht nachgerückt ist, – und da kämpfen sie für Wahrheiten, die noch zu neugeboren sind in der Welt des Bewußtseins, als daß sie die Mehrheit für sich haben könnten.

Hovstadt. Na, dann ist der Herr Doktor also Revolutionär geworden!

Stockmann. Himmeldonnerwetter ja, das bin ich, Herr Hovstad. Ich gedenke Revolution zu machen gegen die Lüge, daß die Mehrheit im Besitz der Wahrheit ist. Was sind denn das für Wahrheiten, um die sich die Mehrheit gewöhnlich schart. Das sind die Wahrheiten, die so hoch in die Jahre gekommen sind, daß sie auf dem Wege sind, wacklig zu werden. Aber wenn eine Wahrheit so alt geworden ist, so ist sie auch auf dem besten Wege, eine Lüge zu werden, meine Herren.

Gelächter und höhnische Zurufe.

Stockmann. Ja, ja, – ob Ihr mir's nun glaubt oder nicht; aber die Wahrheiten sind durchaus nicht so zählebige Methusalems, wie sich die Leute einreden. Eine normal gebaute Wahrheit lebt – sagen wir – in der Regel siebzehn bis achtzehn, höchstens zwanzig Jahre; selten länger. Aber solche bejahrten Wahrheiten sind immer schauerlich spindeldürr. Und trotzdem macht sich erst dann die Mehrheit mit ihnen bekannt und empfiehlt sie der Gesellschaft als gesunde geistige Nahrung. Aber es steckt kein großer Nährwert in solcher Kost, kann ich Euch versichern; und das muß ich als Arzt wissen. Diese ganzen Majoritätswahrheiten kann man mit Rauchfleisch vom vorigen Jahr vergleichen; sie sind so etwas wie ranzige, verdorbene, neugesalzene Schinken. Und davon kommt dieser ganze moralische Skorbut, der rings in allen Gesellschaftsschichten grassiert.

Aslaksen. Mir scheint, der geschätzte Redner schweift einigermaßen von der Sache ab.

Stadtvogt. Ich muß im wesentlichen der Ansicht des Herrn Präsidenten beitreten.

Stockmann. Du bist wohl nicht recht gescheit, Peter! Ich halte mich ja so streng an die Sache wie möglich. Denn davon will ich ja doch reden, daß die Masse, die Mehrheit, diese verdammte kompakte Majorität, – daß sie es ist, sage ich, die unsere geistigen Lebensquellen vergiftet und den Boden unter unsern Füßen verpestet.

Hovstadt. Und das täte des Volkes große, freisinnige Mehrheit, weil sie besonnen genug ist, den sicheren und anerkannten Wahrheiten zu huldigen?

Stockmann. Ach, mein guter Herr Hovstad, schwätzen Sie doch nicht von sicheren Wahrheiten! Die Wahrheiten, die von der Masse und dem Pöbel anerkannt werden, das sind jene Wahrheiten, die in den Tagen unserer Großväter die Vorpostenkämpfer für sicher hielten. Wir Vorpostenkämpfer von heutzutage, wir anerkennen sie nicht länger; und ich bin der festen Überzeugung, es gibt nur die eine sichere Wahrheit, daß keine Gesellschaft ein gesundes Leben führen kann auf Grund solcher alten, marklosen Wahrheiten.

Hovstadt. Anstatt hier ins Blaue hinein zu reden, wäre es doch nett, wenn man uns mitteilte, was für alte, marklose Wahrheiten das sind, von denen wir leben.

Zustimmung von mehreren Seiten.

Stockmann. Ach, ich könnte einen ganzen Haufen solchen Dreckzeugs herzählen; aber zunächst will ich mich auf eine anerkannte Wahrheit beschränken, die im Grunde eine eklige Lüge ist, von der aber trotzdem Herr Hovstad wie der »Volksbote« und alle Anhänger des »Volksboten« leben.

Hovstadt. Und die wäre –?

Stockmann. Es ist die Lehre, die Ihr von Euren Vätern ererbt habt und nun gedankenlos in die Welt hinausposaunt, – die Lehre, daß die niederen Klassen, der Haufe, die Masse, daß die der Kern des Volkes – daß sie das Volk selbst seien, – daß der gemeine Mann, daß die Unwissenden und Unfertigen innerhalb der Gesellschaft dasselbe Recht haben zu verdammen und anzuerkennen, zu regieren und zu beschließen, wie die kleine Zahl der geistig vornehmen Persönlichkeiten.

Billing. Das habe ich denn doch, Gott verdamm' mich –

Hovstadt gleichzeitig, ruft: Bürger, merkt auf!

Entrüstete Stimmen. Hoho! Wir sind nicht das Volk? Nur die Vornehmen sollen regieren?

Ein Arbeiter. Schmeißt ihn hinaus, den Mann, der solche Reden führt!

Andere. Setzt ihn an die Luft!

Ein Bürger schreit: Ins Horn gestoßen, Evensen!

Dröhnende Horntöne; Pfeifen und rasender Lärm im Saal.

Stockmann, nachdem der Lärm sich ein wenig gelegt hat. Aber so seid doch vernünftig! Wollt Ihr denn nicht ein einziges Mal die Stimme der Wahrheit hören? Ich verlange ja gar nicht, daß Ihr alle gleich auf der Stelle mir beipflichten sollt. Aber ich hätte allerdings erwartet, Herr Hovstad würde nach einiger Überlegung mir recht geben. Denn Herr Hovstad erhebt ja Anspruch darauf, Freidenker zu sein –

Verblüffte, halblaute Fragen. Freidenker, sagt er? Was? Hovstad ist Freidenker?

Hovstadt ruft: Beweise, Herr Doktor Stockmann! Wann hätte ich das je drucken lassen?

Stockmann besinnt sich. Schockschwerenot ja, da haben Sie recht! – den Freimut haben Sie nie gehabt. Na, ich will Sie nicht in die Tinte setzen, Herr Hovstad. Ich selbst bin also der Freidenker. Und jetzt will ich Euch allen aus der Naturwissenschaft beweisen, daß der »Volksbote« Euch schamlos an der Nase herumführt, wenn er Euch vorerzählt, daß Ihr, daß das Volk, daß die Masse und der Pöbel der wahre Kern des Volkes sind. Das ist bloß eine Zeitungsente, seht Ihr. Die große, Masse ist nur der Rohstoff, aus dem man das Volk machen soll.

Brummen, Gelächter und Unruhe im Saal.

Stockmann. Ja, geht es denn nicht so in der ganzen übrigen Welt des Lebendigen zu? Was für ein Unterschied ist nicht zwischen einer kultivierten und einer unkultivierten Tierfamilie? Seht Euch nur einmal ein gemeines Bauernhuhn an. Was für einen Fleischwert hat solch ein verkrüppeltes Hühnervieh? Wahrhaftig keinen großen! Und was für Eier legt es? Eine halbwegs anständige Krähe kann ungefähr ebenso gute Eier legen. Aber nun nehmt einmal ein kultiviertes spanisches oder japanisches Huhn oder nehmt einen vornehmen Fasan oder eine Truthenne; – ja da werdet Ihr den Unterschied sehen! Und dann nenne ich die Hunde, mit denen wir Menschen so erstaunlich nahe verwandt sind. Denkt Euch zunächst einmal einen gewöhnlichen Pöbelhund – ich meine, solch einen ekligen, zottigen, pöbelhaften Köter, der nur die Straßen entlang rennt und die Häuser versaut. Und dann vergleicht den Köter mit einem Pudel, der schon seit mehreren Generationen aus einem vornehmen Hause stammt, wo er feines Futter gekriegt und Gelegenheit gehabt hat, harmonische Stimmen und Musik zu hören. Glaubt Ihr nicht, daß beim Pudel das Gehirn ganz anders entwickelt ist als beim Köter? Ja, verlaßt Euch drauf! Solche kultivierten jungen Pudel sind es, die die Gaukler zu den erstaunlichsten Kunststücken abrichten. So etwas kann ein gemeiner Bauernköter niemals lernen, und wenn er sich auf den Kopf stellt.

Lärm und Ulken rings umher.

Ein Bürger ruft: Nun wollen Sie uns auch noch zu Hunden machen?

Ein zweiter. Wir sind keine Tiere, Herr Doktor!

Stockmann. Und ob wir Tiere sind, mein Lieber! Wir sind alle durch die Bank so gute Tiere, wie man sie sich nur wünschen kann. Doch vornehme Tiere gibt es allerdings nicht viele unter uns. O, es ist ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen Pudelmenschen und Kötermenschen. Und das Komische an der Sache ist, daß Herr Hovstad mir durchaus beistimmt, solange von vierbeinigen Tieren die Rede ist –

Hovstadt. Ja, die lasse ich Ihnen hingehen.

Stockmann. Jawohl; aber sobald ich das Gesetz auf die zweibeinigen ausdehne, so macht Herr Hovstad nicht mehr mit; dann hat er nicht mehr den Mut, seiner eigenen Meinung zu sein, seine eigenen Gedanken zu Ende zu denken; dann stellt er die ganze Lehre auf den Kopf und verkündet im »Volksboten«, der Bauernhahn und der Straßenköter, – das wären die Prachtexemplare der Menagerie. Aber so geht es immer, wenn einem noch die plebejische Abstammung in den Gliedern steckt, und man sich nicht zu geistiger Vornehmheit durchgearbeitet hat.

Hovstadt. Ich mache auf keinerlei Vornehmheit Anspruch. Ich stamme von einfachen Bauern ab; und ich bin stolz darauf, daß ich tief in den niederen Klassen wurzle, die hier verhöhnt werden.

Viele Arbeiter Hovstad hoch! Hurra, Hurra!

Stockmann. Die Art Plebs, von der ich hier spreche, die ist nicht bloß unten in den Niederungen zu finden; von der kriecht es und wimmelt es rings um uns her, – bis hinauf zu den Höhen der Gesellschaft. Seht Euch nur einmal Euren eigenen, feinen, ehrsamen Stadtvogt an! Mein Bruder Peter, der ist auch ein Plebejer, wie er im Buche steht –

Lachen und Zischen.

Stadtvogt. Ich protestiere gegen solche persönlichen Ausfälle.

Stockmann unbeirrt. – und zwar nicht deshalb, weil er wie ich von einem alten, ekligen Seeräuber unten aus Pommern oder aus der Gegend da herstammt, – daher stammen wir nämlich –

Stadtvogt. Abgeschmackte Legende. Wird bestritten!

Stockmann. – sondern darum, weil er die Gedanken seiner Vorgesetzten denkt und weil er stets der Meinung seiner Vorgesetzten ist. Leute, die das tun, sind geistiger Pöbel; seht, deshalb ist mein stolzer Bruder Peter im Grunde so furchtbar wenig vornehm, – und folglich auch so wenig freisinnig.

Stadtvogt. Herr Präsident!

Hovstadt. Also die Vornehmen, die sind hier zu Lande die Freisinnigen? Das ist ja eine ganz neue Enthüllung.

Lachen in der Versammlung.

Stockmann. Jawohl, das gehört auch mit zu meiner neuen Entdeckung. Und auch das gehört noch dazu, daß Freisinn sich beinah ganz mit Moralität deckt. Und deshalb sage ich, daß es ganz unverantwortlich vom »Volksboten« ist, wenn er tagaus, tagein die Irrlehre verkündet, die Masse und der Pöbel, die kompakte Majorität wären im Besitz des Freisinns und der Moral, – und das Laster und die Verdorbenheit und der geistige Dreck aller Art, das sei etwas, das aus der Kultur heraussickere, wie all der Unrat von den Gerbereien im Mühlthal zum Bade heruntersickert!

Lärm und Unterbrechung.

Stockmann unbeirrt, lacht in seinem Eifer. Und doch kann dieser selbe »Volksbote« predigen, daß die Masse und der Pöbel gehoben werden müßten, zu höheren Lebensbedingungen! Kreuzhimmeldonnerwetter noch mal, – wenn die Lehre des »Volksboten« stichhielte, so wäre ja diese Hebung des Volkes gleichbedeutend damit, daß man es geraden Wegs ins Verderben hinabschleuderte! Aber glücklicherweise ist es nur eine alte überkommene Volkslüge, daß die Kultur demoralisiere. Nein, die Verdummung, die Armut, die Elendigkeit der Lebensverhältnisse, die sind es, die dieses Teufelswerk verrichten! In einem Hause, wo nicht täglich gelüftet und ausgefegt wird – Kate, mein Weib, behauptet, der Fußboden müßte auch gescheuert werden, doch darüber läßt sich streiten; – na, – in einem solchen Hause, behaupte ich, verlieren die Menschen in zwei bis drei Jahren die Fähigkeit, moralisch zu denken und zu handeln. Der Mangel an Sauerstoff entkräftet das Gewissen. Und in sehr, sehr vielen Häusern unserer Stadt scheint der Sauerstoff recht knapp zu sein, wenn die ganze kompakte Majorität so gewissenlos sein kann, die Zukunft der Stadt auf einen Schlammboden von Lüge und Betrug zu gründen.

Aslaksen. Eine so grobe Beleidigung braucht sich eine ganze Bürgerschaft nicht bieten zu lassen.

Ein Herr. Ich stelle dem Herrn Präsidenten anheim, dem Redner das Wort zu entziehen.

Eifrige Stimmen. Ja, ja! Sehr richtig! Entzieht ihm das Wort!

Stockmann aufbrausend. Dann schreie ich die Wahrheit an allen Straßenecken aus! Ich bringe es in auswärtige Zeitungen! Das ganze Land soll erfahren, wie hier die Dinge stehen!

Hovstadt. Es scheint beinahe, daß der Herr Doktor den Zweck verfolgt, die Stadt zugrunde zu richten.

Stockmann. Jawohl, so liebe ich meine Vaterstadt, daß ich sie eher zugrunde richten als mitansehen möchte, wie sie auf einer Lüge gedeiht.

Aslaksen. Das ist stark!

Lärm und Pfeifen. Frau Stockmann hustet vergeblich. Der Doktor hört nicht mehr.

Hovstadt ruft in den Lärm hinein: Der Mann muß ein Bürgerfeind sein, der den Untergang einer ganzen Gesellschaft wünschen kann.

Stockmann in zunehmender Leidenschaft. Es ist nichts daran gelegen, wenn eine lügenhafte Gesellschaft zugrunde geht! Vom Erdboden muß sie wegrasiert werden, sag' ich! Wie Raubwild müssen sie ausgerottet werden, alle, die in der Lüge leben! Ihr verpestet am Ende das ganze Land; Ihr bringt es dahin, daß das ganze Land den Untergang verdient. Und kommt es so weit, dann sage ich aus voller, innerster Überzeugung: möge das ganze Land zugrunde gehen; möge das ganze Volk hier ausgerottet werden!

Ein Mann in der Menge. Das heißt, ganz wie ein Volksfeind reden!

Billing. Das war, Gott verdamm' mich, des Volkes Stimme!

Die ganze Versammlung brüllt. Ja, ja, ja! Er ist ein Volksfeind! Er haßt sein Land! Er haßt das ganze Volk!

Aslaksen. Ich bin sowohl als Staatsbürger wie als Mensch tief entrüstet über das, was ich hier habe hören müssen. Herr Doktor Stockmann hat sich in einer Weise entpuppt, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Ich muß mich leider dem Urteil anschließen, das eben von achtbaren Bürgern ausgesprochen worden ist; und ich halte dafür, daß wir diesem Urteil in einer Resolution Ausdruck geben. Ich schlage folgendes vor: »Die Versammlung erklärt, daß sie den Badearzt Doktor Thomas Stockmann für einen Volksfeind hält.«

Stürmische Hurrarufe und Beifall. Ein großer Kreis bildet sich um Doktor Stockmann, und pfeift ihm ins Gesicht. Frau Stockmann und Petra sind aufgestanden. Ejlif und Morten prügeln sich mit den andern Schulknaben, die auch gepfiffen haben. Einige Erwachsene trennen sie.

Stockmann zu den Pfeifern. O, Toren, die Ihr seid, – ich sage Euch, –

Aslaksen läutet. Der Herr Doktor hat nicht mehr das Wort-. Eine regelrechte Abstimmung muß stattfinden; doch um persönliche Gefühle zu schonen, soll es schriftlich und ohne Namen geschehen. Haben Sie weißes Papier, Herr Billing?

Billing. Hier ist weißes und blaues Papier.

Aslaksen steigt herab. Sehr schön; auf diese Weise geht es rascher. Schneiden Sie's in Stücke –; so, ja. Zur Versammlung. Blau bedeutet »Nein«; weiß bedeutet »Ja«. Ich werde selbst herumgehen und die Stimmen sammeln.

Der Stadtvogt verläßt den Saal. Aslaksen und einige andere Bürger gehen, die Papierschnitzel im Hut, in der Versammlung herum.

Ein Herr zu Hovstad. Was ist denn mit dem Doktor los, Sie? Was soll man eigentlich davon denken?

Hovstadt. Sie wissen ja, wie unbesonnen er ist.

Ein zweiter Herr zu Billing. Hören Sie mal – Sie verkehren doch in dem Hause. Haben Sie etwa bemerkt, daß der Mann trinkt?

Billing. Ich weiß nicht, Gott verdamm' mich, was ich sagen soll. Der Toddy steht immer auf dem Tisch, so oft man hinkommt.

Ein dritter Herr. Nein, ich glaube eher, er ist zuweilen nicht ganz richtig.

Der erste Herr. Vielleicht ist der Irrsinn in seiner Familie erblich?

Billing. Kann auch sein.

Ein vierter Herr. Ach was, nur pure Bosheit ist es – Rache für irgend etwas.

Billing. Er hat allerdings neulich von Gehaltszulage gesprochen; aber die hat er nicht bekommen.

Alle Herren stimmen ein. Aha! Dann ist's ja leicht zu verstehen.

Der Betrunkene mitten in der Menge. Ich – ich will 'nen blauen haben! Und 'nen weißen will ich auch haben!

Rufe. Da ist der Betrunkene schon wieder! Hinaus, hinaus!

Kiil nähert sich dem Doktor. Na, Stockmann, sehen Sie nun, wohin solche schlechten Witze führen?

Stockmann. Ich habe meine Schuldigkeit getan.

Kiil. Was haben Sie da von den Gerbereien im Mühltal gesägt?

Stockmann. Sie haben es ja gehört; ich sagte, von da käme die ganze Jauche.

Kiil. Von meiner Gerberei auch?

Stockmann. Leider; Ihre Gerberei ist die allerschlimmste.

Kiil. Wollen Sie das in die Zeitungen bringen?

Stockmann. Ich werde mit nichts hinter dem Berge halten.

Kiil. Das kann Sie teuer zu stehen kommen, Stockmann. Ab.

Ein beleibter Herr tritt zu Horster, ohne die Damen zu begrüßen. Na, Kapitän! So? Sie geben Ihr Haus an Volksfeinde?

Horster. Ich denke, ich kann mit meinem Eigentum machen, was ich will, Herr Vik.

Der Herr. Dann werden Sie wohl auch nichts dagegen haben, wenn ich es mit meinem Eigentum ebenso mache?

Horster. Was meinen Sie damit, Herr Vik?

Der Herr. Morgen werden Sie von mir hören. Kehrt ihm den Rücken und geht.

Petra. Horster, war das nicht Ihr Reeder?

Horster. Jawohl, es war der Großkaufmann Vik.

Aslaksen, mit den Stimmzetteln in der Hand, steigt auf das Podium und läutet. Meine Herren, darf ich Sie mit dem Resultat bekannt machen? Mit allen Stimmen gegen eine –

Ein jüngerer Herr. Das ist die von dem Betrunkenen!

Aslaksen. Mit allen Stimmen gegen eine – die eines Bezechten – hat die Bürgerversammlung den Badearzt Doktor Thomas Stockmann für einen Volksfeind erklärt. Rufe und Beifallszeichen. Es lebe unser alter, ehrenwerter Bürgerstand. Erneute Beifallsrufe. Es lebe unser tüchtiger und tätiger Stadtvogt, der so loyal die Stimme des Blutes unterdrückt hat! Hochrufe. Die Versammlung ist geschlossen. Er steigt herab.

Billing. Ein Hoch dem Präsidenten!

Die ganze Versammlung. Hoch Buchdrucker Aslaksen!

Stockmann. Meinen Hut und Paletot, Petra! Kapitän, haben Sie Platz für Passagiere nach der neuen Welt?

Horster. Für Sie und die Ihrigen ist immer noch Platz, Herr Doktor.

Stockmann, während Petra ihm in den Rock hilft. Gut. Komm, Käte! Kommt, Jungens! Nimmt den Arm seiner Frau.

Frau Stockmann leise. Lieber Thomas, laß uns durch die Hintertür gehen.

Stockmann. Keine Hintertüren, Käte. Mit erhobener Stimme. Ihr sollt noch vom Volksfeind hören, ehe er den Staub von seinen Füßen schüttelt! Ich bin nicht so gottähnlich wie eine gewisse Person; ich sage nicht: »Ich vergebe Euch, denn Ihr wisset nicht, was Ihr tut«.

Aslaksen ruft: Das ist ein gotteslästerlicher Vergleich, Herr Doktor Stockmann!

Billing. Das ist, Gott verd – –. Es ist eine harte Sache für einen vernünftigen Menschen, so etwas mitanzuhören!

Eine grobe Stimme. Und drohen tut er auch noch!

Hetzende Rufe. Werft ihm die Fenster ein! Schmeißt ihn in den Fjord!

Ein Mann in der Menge. Ins Horn gestoßen, Evensen! Tute, tute!

Horntöne, Pfeifen und wildes Geschrei. Doktor Stockmann geht mit den Seinen dem Ausgang zu. Horster bahnt ihnen den Weg.

Die ganze Versammlung heult den Fortgehenden nach. Volksfeind! Volksfeind! Volksfeind!

Billing, indem er seine Notizen ordnet. Gott verdamm' mich! Heut möchte ich nicht bei Stockmanns Toddy trinken!

Die Versammlung strömt dem Ausgang zu; der Lärm pflanzt sich draußen fort; man hört von der Straße den Ruf: »Volksfeind! Volksfeind!«

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