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Gutenberg > Henrik Ibsen >

Ein Volksfeind

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleEin Volksfeind
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen Sämtliche Werke
volumeVierter Band
year1907
correctorreuters@abc.de
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created20071121
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Dritter Akt

Redaktionsbureau des »Volksboten«.

Links im Hintergrunde ist die Eingangstür; rechts an derselben Wand eine zweite Tür mit Glasscheiben, durch die man in die Druckerei sieht. An der Wand rechts eine Tür. Mitten im Zimmer ein großer Tisch, der mit Papieren, Zeitungen und Büchern bedeckt ist. Vorn links ein Fenster und an diesem ein Schreibpult mit hohem Stuhl. Am Tisch stehen ein paar Lehnstühle, einige andere Stühle längs den Wänden. Das Zimmer ist finster und ungemütlich, das Mobiliar alt, die Lehnstühle sind schmutzig und zerschlissen. In der Druckerei sieht man ein paar Setzer bei der Arbeit; weiter hinten ist eine Handpresse in Tätigkeit.

Hovstad sitzt am Pult und schreibt. Gleich darauf kommt Billing von rechts mit Stockmanns Manuskript in der Hand.

Billing. Na, das muß ich sagen –!

Hovstadt schreibend. Haben Sie es durchgelesen?

Billing legt das Manuskript auf das Pult. Allerdings habe ich das.

Hovstadt. Hübsch scharf, der Doktor – was meinen Sie?

Billing. Scharf? Gott verdamm' mich, der ist geradezu erbarmungslos. Jedes Wort saust wuchtig nieder wie – ich möchte sagen – wie ein Axthieb.

Hovstadt. Ja, aber die Leute fallen auch nicht auf den ersten Schlag.

Billing. Sehr richtig; aber dann geht es weiter, – Schlag auf Schlag, bis das ganze Herrenregiment zusammenstürzt. Als ich auf meinem Zimmer das hier las, da war mir, als sähe ich von fern die Revolution kommen.

Hovstadt dreht sich um. Pst! Lassen Sie das nur Aslaksen nicht hören.

Billing dämpft die Stimme. Aslaksen ist ein Hasenfuß, ein feiger Kerl; es ist kein Mannesmut in ihm. Aber diesmal setzen Sie Ihren Willen doch wohl durch? Was? Der Artikel des Doktors kommt doch wohl hinein?

Hovstadt. Ja, wenn nur der Stadtvogt sich nicht gutwillig fügt, –

Billing. Das wäre verteufelt ärgerlich.

Hovstadt. Na, was auch geschehen mag, wir können glücklicherweise die Situation ausnutzen. Wenn der Stadtvogt nicht auf des Doktors Vorschlag eingeht, so hat er sämtliche Kleinbürger, – den ganzen Verein der Hausbesitzer und die anderen auf dem Hals. Und geht er darauf ein, so überwirft er sich mit einem ganzen Haufen großer Aktionäre, die bis heut seine besten Stützen waren –

Billing. Jawohl, ja; denn die müssen mit einer schweren Menge Geld herausrücken –

Hovstadt. Darauf können Sie Gift nehmen. Und dann ist der Ring gesprengt, sehen Sie, und dann werden wir es Tag für Tag im Blatt dem Publikum plausibel machen, daß der Stadtvogt in jeder Richtung unfähig ist, und daß sämtliche Vertrauensposten der Stadt, wie die ganze Kommunalverwaltung in die Hände freisinniger Leute gelegt werden müßten.

Billing. Das ist, Gott verdamm' mich, klar wie Kloßbrühe! Ich sehe es – ich sehe es, wir stehen am Vorabend einer Revolution!

Es klopft.

Hovstadt. Pst! Ruft: Herein!

Doktor Stockmann kommt durch die Tür im Hintergrund links.

Hovstadt geht ihm entgegen. Ah, der Herr Doktor! Na?

Stockmann. Drucken Sie los, Herr Hovstad!

Hovstadt. Es wird also was draus?

Billing. Hurra!

Stockmann. Drucken Sie los, sage ich. Ja, gewiß wird was draus. Nun sollen sie ihren Willen haben. Jetzt gibt es Krieg in der Stadt, Herr Billing!

Billing. Krieg bis aufs Messer, will ich hoffen! Das Messer an die Kehle, Herr Doktor!

Stockmann. Die Abhandlung ist nur der Anfang. Ich trage mich schon mit Entwürfen zu vier – fünf anderen Aufsätzen. Wo steckt Aslaksen?

Billing ruft in die Druckerei hinein: Aslaksen, ach, kommen Sie doch einen Augenblick herein!

Hovstadt. Vier – fünf Aufsätze, sagen Sie? Über dieselbe Sache?

Stockmann. I – keine Spur, mein Lieber. Nein, über ganz andere Dinge. Aber es geht alles vom Wasserwerk und von der Kloake aus. Eins zieht das andere nach sich, sehen Sie. Wie wenn man daran geht, ein altes Gebäude einzureißen, – akkurat so.

Billing. So ist es, – Gott verdamm' mich! Man meint nicht eher damit fertig zu sein, als bis man den ganzen Krempel eingerissen hat.

Aslaksen aus der Druckerei. Eingerissen? Sie denken doch wohl nicht daran, das Badehaus einzureißen.

Hovstadt. Keine Spur; haben Sie bloß keine Angst.

Stockmann. Nein, es handelt sich um ganz andere Dinge. Na, was sagen Sie denn zu meiner Abhandlung, Herr Hovstad?

Hovstadt. Meines Erachtens ein wahres Meisterstück –

Stockmann. Ja, nicht wahr –? Na, das freut mich; das freut mich.

Hovstadt. So klar und so einleuchtend; man braucht durchaus nicht Fachmann zu sein, um den Sachverhalt zu verstehen. Ich wage zu behaupten, Sie werden alle aufgeklärten Elemente, Mann für Mann, auf Ihrer Seite haben.

Aslaksen. Und die besonnenen doch wohl auch?

Billing. Die besonnenen wie die unbesonnenen, – ja, fast die ganze Stadt, meine ich.

Aslaksen. Na, dann können wir die Abhandlung wohl drucken.

Stockmann. Ja, das sollte ich meinen!

Hovstadt. Sie soll morgen früh hinein.

Stockmann. Donnerwetter ja, – auch nicht ein Tag darf verloren werden. Hören Sie, Herr Aslaksen, darum möchte ich Sie gebeten haben: nehmen Sie sich persönlich des Manuskripts an.

Aslaksen. Das werde ich tun.

Stockmann. Behüten Sie's, als ob es Gold wäre. Keinen Druckfehler; jedes Wort ist wichtig. Ich komme später wieder mit heran; vielleicht könnte ich dann rasch Korrektur lesen. – Ich kann gar nicht sagen, wie ich darauf brenne, die Sache gedruckt zu sehen, – in die Welt geschleudert –

Billing. Geschleudert, – ja, wie einen Blitz!

Stockmann. – dem Urteil aller verständigen Mitbürger unterbreitet. Ach, Sie können sich nun und nimmer vorstellen, welchen Dingen ich heut ausgesetzt war. Man hat mir mit allem Möglichen gedroht; man hat mir meine sonnenklarsten Menschenrechte nehmen wollen –

Billing. Was! Ihre Menschenrechte!

Stockmann. – man hat mich erniedrigen, mich zu einem Schurken machen wollen, hat verlangt, ich sollte persönliche Vorteile über meine innerste, heiligste Überzeugung stellen –

Billing. Das ist doch, Gott verdamm' mich, zu stark!

Hovstadt. O ja, von der Seite kann man alles gewärtigen.

Stockmann. Aber bei mir werden sie den Kürzeren ziehen; das sollen sie schwarz auf weiß haben. Jetzt werde ich Tag für Tag mich im »Volksboten« sozusagen vor Anker legen und sie mit einem explodierenden Aufsatz nach dem andern bestreichen –

Aslaksen. Ja, aber hören Sie –

Billing. Hurra! Es gibt Krieg, es gibt Krieg!

Stockmann. – ich werde sie zu Boden schlagen, werde sie zerschmettern, ihre Festungswerke vor den Augen aller rechtschaffenen Leute wegrasieren! Das werde ich tun!

Aslaksen. Aber machen Sie es nur moderat, Herr Doktor; schießen Sie mit Maß –

Billing, Ach was! Ach was! Nur nicht das Dynamit sparen!

Stockmann fährt unbeirrt fort. Denn jetzt handelt es sich, sehen Sie, nicht mehr um das Wasserwerk und die Kloake allein. Nein, das ganze Gemeinwesen soll gereinigt, desinfiziert werden –

Billing. Das ist das erlösende Wort!

Stockmann. Alle Flickwerksgreise müssen weggefegt werden, verstehen Sie. Und zwar auf allen möglichen Gebieten! Heut haben sich mir unendliche Perspektiven eröffnet. So ganz klar bin ich mir darüber noch nicht, – aber das wird sich schon machen. Wir müssen hin und uns junge, frische Bannerträger suchen, meine Freunde; auf allen Vorposten müssen wir neue Kommandanten haben.

Billing. Hört! Hört!

Stockmann. Und wenn wir nur zusammenhalten, so wird alles glatt gehen, ganz glatt! Die ganze Umwälzung wird sich vollziehen wie ein Stapellauf. Ja, glauben Sie es nicht?

Hovstadt. Ich für mein Teil glaube, daß wir jetzt alle Aussicht haben, die Kommunalverwaltung in die Hände zu bringen, wo sie von rechtswegen hingehört.

Aslaksen. Und wenn wir nur mit Maß zu Werke gehen, so kann ich mir wahrhaftig nicht denken, daß es gefährlich sein könnte.

Stockmann. Wer zum Teufel schert sich drum, ob es gefährlich ist oder nicht! Was ich tue, tue ich im Namen der Wahrheit und um meines Gewissens willen.

Hovstadt. Sie sind ein Mann, der Unterstützung verdient, Herr Doktor.

Aslaksen. Ja, das steht fest, der Herr Doktor ist der wahre Freund der Stadt; er ist der Gesellschaft ein echter Freund, jawohl!

Billing. Doktor Stockmann ist – Gott verdamm' mich, Aslaksen, – ein Volksfreund!

Aslaksen. Ich denke, der Verein der Hausbesitzer wird von diesem Ausdruck bald Gebrauch machen.

Stockmann bewegt, drückt ihnen die Hände. Danke schön, danke schön, meine lieben, treuen Freunde; – wie erquicklich mir das in meinen Ohren klingt! Mein Herr Bruder nannte mich ganz anders. Na, das soll ihm bei Gott mit Zinsen heimgezahlt werden. Nun muß ich aber weg und nach einem armen Teufel schauen –. Ich komme wieder, wie gesagt. Nehmen Sie nur das Manuskript gut in acht, Herr Aslaksen; – und streichen Sie mir um alles in der Welt keins von den Ausrufungszeichen! Setzen Sie lieber noch ein paar Stück hinzu! Schön, schön; adieu so lange, adieu, adieu!

Gegenseitige Verabschiedung auf dem Wege zur Tür; ab.

Hovstadt. Er kann uns ein unbezahlbarer, nützlicher Mann werden.

Aslaksen. Ja, solange er sich nur an die Geschichte mit der Badeanstalt halten wollte. Wenn er aber weiter geht, so ist es nicht ratsam, mit ihm gemeinsame Sache zu machen.

Hovstadt. Hm, das kommt doch drauf an –

Billing. Sie sind aber auch verflucht ängstlich, Aslaksen.

Aslaksen. Ängstlich? Ja, wenn es sich um die lokalen Machthaber handelt, dann bin ich ängstlich, Herr Billing. Ich will Ihnen was sagen, – das habe ich in der Schule der Erfahrung gelernt. Aber stellen Sie mich mal vor die hohe Politik, ja selbst vor die Opposition gegen die Regierung, und dann sehen Sie zu, ob ich ängstlich bin.

Billing. Nein, dann gewiß nicht. Aber das ist ja gerade der Widerspruch in Ihnen.

Aslaksen. Ich bin ein Mann von Gewissen – das ist die Geschichte. Fährt man gegen die Regierung los, so tut man wenigstens der Gesellschaft keinen Schaden; denn die Leute kümmern sich darum nicht, sehen Sie, – die stehen doch fest. Aber die lokalen Behörden, die können gestürzt werden, und dann kommt vielleicht die Ignoranz ans Ruder zum unersetzlichen Schaden der Hausbesitzer und andrer Leute.

Hovstadt. Aber die Erziehung des Bürgers durch die Selbstverwaltung, – an die denken Sie wohl nicht?

Aslaksen. Wenn man ein bißchen was vor sich gebracht hat, das erhalten sein will, so kann man nicht an alles denken, Herr Hovstad.

Hovstadt. Dann möchte ich nie was vor mich bringen!

Billing. Hört – Hört!

Aslaksen lächelt. Hm. Zeigt auf das Pult. Auf dem Redakteursstuhl da hat vor Ihnen der Stiftsamtmann Stensgård gesessen.

Billing spuckt aus. Pfui! So ein Überläufer!

Hovstadt. Ich bin keine Wetterfahne – und werde es auch niemals sein.

Aslaksen. Ein Politiker soll sich nie zum Schwur vermessen –, Herr Hovstad. Und Sie, Herr Billing, sollten, meine ich, zur Stunde auch Ihre Segel ein bißchen streichen; denn Sie haben sich ja um den Sekretärposten beim Magistrat beworben.

Billing. Ich –!

Hovstadt. Sie, Billing?!

Billing. Na ja doch, – aber zum Teufel, Sie können sich doch wohl denken, daß es nur geschieht, um die wohlweisen Herren zu ärgern.

Aslaksen. Das kann mir ja ganz egal sein. Wenn man mich aber der Feigheit beschuldigt und des Widerspruchs in meinem Verhalten, so möchte ich doch dies eine betonen: des Buchdruckers Aslaksen politische Vergangenheit liegt offen vor aller Welt da. Ich habe keine andere Wandlung durchgemacht, als daß ich gemäßigter geworden bin, sehen Sie. Mein Herz ist nach wie vor bei dem Volke; aber ich leugne nicht, daß mein Verstand etwas zu den Machthabern hinüberneigt, – wohlgemerkt: zu den lokalen. Ab in die Druckerei.

Billing. Wollen wir nicht zusehen, ihn loszuwerden, Hovstad?

Hovstadt. Wissen Sie sonst wen, der uns Satz, Druck und Papier kreditiert?

Billing. Verdammte Geschichte, daß wir nicht das nötige Betriebskapital haben.

Hovstadt setzt sich an das Pult. Ja, hätten wir das nur, so –

Billing. Wenn Sie sich mal an Doktor Stockmann wendeten?

Hovstadt blättert in den Papieren. Ach, was sollte das für einen Zweck haben? Der hat ja selber nichts.

Billing. Nein; aber er hat einen guten Hintermann, den alten Morten Kiil, – den »Dachs«, wie sie ihn nennen.

Hovstadt schreibt. Wissen Sie denn so sicher, daß der etwas hat?

Billing. Gott verdamm' mich, das wird er doch!? Und ein Teil davon muß doch wohl an die Familie Stockmann fallen. Er muß doch wohl an eine Aussteuer – wenigstens für die Kinder denken.

Hovstadt dreht sich halb um. Rechnen Sie darauf?

Billing. Rechnen? Ich rechne selbstverständlich auf nichts.

Hovstadt. Da tun Sie recht dran. Und auf den Posten beim Magistrat sollten Sie schon gar nicht rechnen; denn ich kann Ihnen versichern, – Sie bekommen ihn nicht.

Billing. Glauben Sie denn, daß ich das nicht sehr gut weiß? Und es ist mir gerade recht, daß ich ihn nicht bekomme! Solch eine Zurücksetzung feuert den Kampfesmut an; – man erhält sozusagen eine Zufuhr von frischer Galle, und das tut einem wirklich not in solch einem Krähwinkel wie hier, wo so selten etwas wirklich Aufregendes passiert.

Hovstadt schreibt. O ja, – o ja.

Billing. Na, – die sollen bald von mir hören! – Ich gehe jetzt hinein und schreibe den Aufruf an die Hausbesitzer. Ab in das Zimmer rechts.

Hovstadt sitzt am Pult, kaut am Federhalter und sagt langsam: Hm – ja, so wird es gehen. – Es klopft. Herein!

Petra kommt durch die Tür im Hintergrunde links.

Hovstadt steht auf. Sie sind es? Sie geben uns die Ehre?

Petra. Ja, Sie müssen entschuldigen –

Hovstadt rückt einen Lehnstuhl vor. Wollen Sie nicht Platz nehmen?

Petra. Nein, danke sehr; ich gehe gleich wieder.

Hovstadt. Kommen Sie vielleicht in Ihres Herrn Vaters Sache –?

Petra. Nein, in eigener Sache. Nimmt ein Buch aus der Manteltasche. Hier ist die englische Erzählung.

Hovstadt. Warum geben Sie sie zurück?

Petra. Weil ich sie nicht übersetzen will.

Hovstadt. Aber Sie haben mir doch so fest versprochen –

Petra. Ja, damals hatte ich sie noch nicht gelesen. Und Sie haben sie wohl auch nicht gelesen?

Hovstadt. Nein; Sie wissen ja; ich verstehe kein englisch; aber –

Petra. Nun wohl; und deshalb möchte ich Ihnen sagen, daß Sie sich nach etwas anderem umsehen müssen. Legt das Buch auf den Tisch. Das da paßt durchaus nicht für den »Volksboten«.

Hovstadt. Weshalb nicht?

Petra. Weil die Erzählung durchaus im Widerspruch mit Ihren eigenen Ansichten steht.

Hovstadt. Na, wenn es weiter nichts ist –

Petra. Sie verstehen mich wohl nicht. Sie handelt davon, wie eine überirdische Macht die Wege der sogenannten guten Menschen hier auf Erden leitet und schließlich alles zu ihrem Besten lenkt, – und daß die sogenannten schlechten Menschen ihre Strafe kriegen.

Hovstadt. Ja, aber das ist doch wunderhübsch. So etwas wollen die Leute ja gerade haben.

Petra. Wollen Sie denn der Mann sein, der den Leuten so etwas gibt? Selber glauben Sie doch kein Wort davon. Sie wissen ja sehr gut, daß es in der Wirklichkeit nicht so zugeht.

Hovstadt. Da haben Sie vollkommen recht; aber ein Redakteur kann nicht immer handeln, wie er am liebsten möchte. In minder wichtigen Dingen muß er sich oft den Anschauungen der Leute fügen. Die Politik ist ja doch die Hauptsache im Leben – oder wenigstens für eine Zeitung; und sollen die Leute mir folgen zur Freiheit und zum Fortschritt, so darf ich sie nicht abschrecken. Wenn sie so eine moralische Erzählung unten im Erdgeschoß der Zeitung finden, so gehen sie williger auf das ein, was wir über dem Strich drucken; – sie werden dadurch gewissermaßen sicherer.

Petra. Pfui; so heimtückisch gehen Sie also hin und legen Ihren Lesern Schlingen; Sie sind doch keine Spinne.

Hovstadt lächelt. Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung. Nein, es ist allerdings auch nur Billings Gedankengang, und nicht der meine.

Petra. Billings!

Hovstadt. Ja; wenigstens redete er neulich einmal hier in diesem Sinne. Es ist doch Billing, der so darauf brennt, die Erzählung zu bringen; ich kenne das Buch ja nicht.

Petra. Aber wie kann denn Billing mit seinen radikalen Anschauungen –!

Hovstadt. Ach, Billing, der ist vielseitig. Jetzt bemüht er sich auch um den Sekretärposten beim Magistrat, wie ich höre.

Petra. Das glaube ich nicht, Hovstad. Wie sollte er sich zu so etwas verstehen können?

Hovstadt. Ja, das müssen Sie ihn selbst fragen.

Petra. Nie und nimmer hätte ich das von Billing gedacht.

Hovstadt blickt sie fester an. Nicht? Kommt Ihnen das so ganz unerwartet?

Petra. Ja. Oder vielleicht doch nicht. Ach, ich weiß im Grunde nicht –

Hovstadt. Wir Zeitungsschreiber taugen nicht viel, Fräulein.

Petra. Sagen Sie das im Ernst?

Hovstadt. Zuweilen glaube ich es.

Petra. Ja, unter dem Eindruck des gewöhnlichen Tagesgezänks; das kann ich wohl verstehen. Aber jetzt, da Sie in einer großen Sache mitwirken –.

Hovstadt. Die Sache da mit Ihrem Vater, meinen Sie?

Petra. Natürlich. Mich dünkt, Sie müßten sich wie ein Mann fühlen, der vor den Meisten etwas voraus hat.

Hovstadt. Ja, heut fühle ich etwas dergleichen.

Petra. Ja, nicht wahr. Habe ich nicht recht? O, Sie haben einen herrlichen Lebensberuf erwählt. Verkannten Wahrheiten und neuen mutigen Anschauungen den Weg zu bahnen – ja, auch nur furchtlos hervorzutreten und das Wort für einen unterdrückten Mann zu nehmen –

Hovstadt. Ganz besonders, wenn dieser unterdrückte Mann –, hm, – ich weiß nicht, wie ich –

Petra. Wenn er so rechtschaffen und so grundehrlich ist, meinen Sie?

Hovstadt leiser. Ganz besonders, wenn er Ihr Vater ist, meinte ich.

Petra plötzlich betroffen. Darum?

Hovstadt. Ja, Petra, – Fräulein Petra.

Petra. Das kommt also für Sie in erster Reihe? Nicht die Sache selbst? Nicht die Wahrheit; nicht die große, warme Gesinnung meines Vaters?

Hovstadt. Doch, – doch, selbstverständlich das auch.

Petra. Nein, bitte, jetzt haben Sie sich verschnappt, Hovstad, und jetzt glaube ich Ihnen in nichts mehr.

Hovstadt. Können Sie es mir denn so übel nehmen, daß es vor allem Ihnen zuliebe –?

Petra. Das verüble ich Ihnen, daß Sie nicht ehrlich gegen meinen Vater gewesen sind. Sie haben zu ihm gesprochen, als ob die Wahrheit und das Gemeinwohl Ihnen zunächst am Herzen lägen; Sie haben meinen Vater wie mich betrogen; Sie sind nicht der Mann, für den Sie sich ausgegeben haben. Und das verzeihe ich Ihnen niemals – niemals!

Hovstadt. Das sollten Sie nicht mit solcher Schroffheit sagen, Fräulein Petra; und am allerwenigsten jetzt.

Petra. Weshalb nicht auch jetzt?

Hovstadt. Weil Ihr Vater meine Hilfe nicht entbehren kann.

Petra sieht ihn von oben herab an. So einer sind Sie auch noch? Pfui!

Hovstadt. Nein, nein; das bin ich nicht. Es kam nur so unversehens über mich; Sie dürfen das nicht glauben.

Petra. Ich weiß, was ich zu glauben habe. Adieu.

Aslaksen rasch und geheimnisvoll aus der Druckerei. Himmeldonnerwetter, Herr Hovstad – sieht Petra. Au, verflucht –

Petra. So; da liegt das Buch. Geben Sie es einem anderen. Geht nach der Ausgangstür.

Hovstadt folgt ihr. Aber Fräulein –

Petra. Adieu. Ab.

Aslaksen. Herr Hovstad, hören Sie mal!

Hovstadt. Nanu, was gibt's denn?

Aslaksen. Der Stadtvogt steht draußen in der Druckerei.

Hovstadt. Der Stadtvogt, sagen Sie?

Aslaksen. Ja, er will mit Ihnen sprechen; er ist von hinten gekommen, – um nicht gesehen zu werden, begreifen Sie wohl.

Hovstadt. Was kann denn das sein? Nein, warten Sie, ich werde selbst – Geht an die Tür zur Druckerei, öffnet, grüßt, und ladet den Stadtvogt ein, näher zu treten.

Hovstadt. Stehen Sie Posten, Aslaksen, daß keiner –

Aslaksen. Verstehe – Ab in die Druckerei.

Stadtvogt. Sie haben wohl nicht erwartet, mich hier zu sehen, Herr Hovstad.

Hovstadt. Nein, das muß ich allerdings sagen.

Stadtvogt sieht sich um. Sie haben sich hier ja ganz gemütlich eingerichtet; wirklich nett.

Hovstadt. O –

Stadtvogt. Und nun komme ich so ohne weiteres und nehme Ihre Zeit in Anspruch.

Hovstadt. Bitte, Herr Stadtvogt, Ich stehe zu Diensten. Aber darf ich Ihnen nicht behilflich sein –? Legt den Hut und den Stock des Stadtvogts auf einen Stuhl. Und wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Stadtvogt?

Stadtvogt setzt sich an den Tisch. Danke sehr.

Hovstad setzt sich ebenfalls an den Tisch.

Stadtvogt. Ich habe heute einen – einen sehr großen Verdruß gehabt, Herr Hovstad.

Hovstadt. So? Ach ja; so viele Geschäfte, wie Herr Stadtvogt haben –

Stadtvogt. Der Ärger heute rührt vom Badearzt her.

Hovstadt. So? Vom Herrn Doktor?

Stadtvogt. Er hat so eine Art Eingabe an die Badeverwaltung geschrieben, die eine Reihe vermeintlicher Mängel betrifft.

Hovstadt. So, wirklich?

Stadtvogt. Ja. Hat er Ihnen nicht gesagt –? Mir ist, er hätte erzählt –

Hovstadt. Ach ja, es ist wahr, er ließ einige Worte fallen –

Aslaksen aus der Druckerei. Ich wollte nur das Manuskript –

Hovstadt ärgerlich. Hm; es liegt ja dort auf dem Pult.

Aslaksen findet es. Schön.

Stadtvogt. Aber sehen Sie, da ist ja doch –

Aslaksen. Ja, das ist die Abhandlung des Herrn Doktors, Herr Stadtvogt.

Hovstadt. Ach so, von der sprechen Sie?

Stadtvogt. Eben davon. Was halten Sie von ihr?

Hovstadt. Ich bin ja kein Fachmann und habe sie nur ganz flüchtig gelesen.

Stadtvogt. Aber Sie lassen sie doch drucken?

Hovstadt. Einem Mann von Namen kann ich es nicht gut abschlagen –

Aslaksen. Ich habe in redaktionellen Dingen nichts zu sagen, Herr Stadtvogt –

Stadtvogt. Versteht sich.

Aslaksen. Ich drucke nur, was man mir übergibt.

Stadtvogt. Ganz in der Ordnung.

Aslaksen. Und darum muß ich – Geht auf die Druckerei zu.

Stadtvogt. Nein, bleiben Sie einen Augenblick, Herr Aslaksen. Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Hovstad –

Hovstadt. Ich bitte, Herr Stadvogt –

Stadtvogt. Sie sind ein besonnener und verständiger Mann, Herr Aslaksen.

Aslaksen. Freut mich, daß Sie das finden, Herr Stadtvogt.

Stadtvogt. Und ein Mann, der in den weitesten Kreisen Einfluß hat.

Aslaksen. Doch hauptsächlich nur unter den kleinen Leuten.

Stadtvogt. Die kleinen Steuerzahler sind die zahlreichsten – hier wie überall.

Aslaksen. Allerdings ja.

Stadtvogt. Und ich zweifle nicht daran, daß Sie die Stimmung unter ihnen im allgemeinen kennen. Nicht wahr?

Aslaksen. Ja freilich, das darf ich schon sagen, Herr Stadtvogt.

Stadtvogt. Ja, – wenn also eine so rühmenswerte Opferwilligkeit unter den weniger bemittelten Bürgern der Stadt herrscht, so –

Aslaksen. Wie das?

Hovstadt. Opferwilligkeit?

Stadtvogt. Das ist ein schönes Zeichen von Gemeinsinn, ein außerordentlich schönes Zeichen. Fast möchte ich sagen, ich hätte es nicht erwartet. Aber Sie kennen ja die Stimmung besser als ich.

Aslaksen. Ja aber, Herr Stadtvogt –

Stadtvogt. Und es handelt sich wahrlich nicht um geringe Opfer, die die Stadt wird bringen müssen.

Hovstadt. Die Stadt?

Aslaksen. Aber ich begreife nicht –. Es ist doch das Bad –!

Stadtvogt. Nach einem vorläufigen Überschlag werden die Veränderungen, die der Badearzt für wünschenswert hält, auf ein paarmal hunderttausend Kronen zu stehen kommen.

Aslaksen. Das ist ja eine schwere Menge Geld; aber –

Stadtvogt. Natürlich wird es notwendig werden, daß wir eine Kommunalanleihe aufnehmen.

Hovstadt steht auf. Es ist doch wohl nun und nimmermehr die Meinung, daß die Stadt –?

Aslaksen. Aus dem Stadtsäckel sollte das gehen? Aus den leeren Taschen der Kleinbürger!

Stadtvogt. Ja, verehrter Herr Aslaksen, wo sollten denn sonst die Mittel herkommen?

Aslaksen. Das ist Sorge der Herren, denen das Bad gehört.

Stadtvogt. Die Eigentümer sehen sich nicht in der Lage, noch weiter zu gehen, als es geschehen ist.

Aslaksen. Ist das ganz sicher, Herr Stadtvogt?

Stadtvogt. Ich habe mich genau erkundigt. Wünscht man also diese umfassenden Veränderungen, so muß die Stadt sie selbst bezahlen.

Aslaksen. Aber Himmelkreuzdonnerwetter – o, Pardon! – das ist denn doch eine ganz andere Sache, Herr Hovstad!

Hovstadt. Ja, allerdings.

Stadtvogt. Das Fatalste ist, daß wir das Bad ein paar Jahre werden schließen müssen.

Hovstadt. Schließen? Ganz schließen!

Aslaksen. An die zwei Jahre!

Stadtvogt. Ja, so lange werden die Arbeiten dauern – mindestens.

Aslaksen. Aber zum Donnerwetter, das halten wir ja überhaupt nicht aus, Herr Stadtvogt! Wovon sollen wir Hausbesitzer denn so lange leben?

Stadtvogt. Darauf zu antworten ist leider ungemein schwer, Herr Aslaksen. Aber was sollen wir denn nach Ihrer Meinung tun? Glauben Sie, wir kriegen auch nur einen einzigen Badegast her, wenn man den Leuten fortwährend einredet, daß das Wasser verdorben ist, daß wir auf einem Pestboden leben, daß die ganze Stadt –

Aslaksen. Und die ganze Geschichte ist nur ein Hirngespinst?

Stadtvogt. Ich habe mich beim besten Willen nicht vom Gegenteil überzeugen können.

Aslaksen. Ja, aber dann ist es doch ganz unverantwortlich vom Doktor Stockmann –; Verzeihung, Herr Stadtvogt, aber –

Stadtvogt. Es ist eine traurige Wahrheit, die Sie da aussprechen, Herr Aslaksen. Mein Bruder ist leider immer ein unbesonnener Mann gewesen.

Aslaksen. Und in so was wollen Sie ihn noch unterstützen, Herr Hovstad!

Hovstadt. Aber wer konnte denn auch wissen, daß –?

Stadtvogt. Ich habe eine kurze Darstellung des Sachverhalts aufgesetzt, so wie er von einem nüchternen Gesichtspunkt aufzufassen ist; und dabei habe ich angedeutet, wie man eventuellen Schäden durch Mittel abhelfen könnte, die für die Kasse des Bades erschwinglich sind.

Hovstadt. Haben Sie den Artikel bei sich, Herr Stadtvogt?

Stadtvogt sucht in der Tasche. Ja; ich habe ihn mitgenommen für den Fall, daß Sie –

Aslaksen schnell. Himmeldonnerwetter ja, – da ist er!

Stadtvogt. Wer? Mein Bruder?

Hovstadt. Wo, – wo?!

Aslaksen. Er kommt durch die Druckerei.

Stadtvogt. Fatal. Ich möchte ihm hier nicht gern begegnen, und ich hätte doch noch manches mit Ihnen zu besprechen.

Hovstadt zeigt nach der Tür rechts. Gehen Sie da so lange hinein.

Stadtvogt. Aber –?

Hovstadt. Sie finden nur Billing dort.

Aslaksen. Rasch, rasch, Herr Stadtvogt; er ist schon da.

Stadtvogt. Jawohl, ja; aber sehen Sie zu, daß Sie ihn bald wieder wegkriegen. Ab durch die Tür rechts, die Aslaksen öffnet und wieder hinter ihm schließt.

Hovstadt. Machen Sie sich etwas zu schaffen, Aslaksen. Setzt sich und schreibt. Aslaksen wühlt in einem Haufen Zeitungen, die rechts auf einem Stuhl liegen.

Stockmann kommt durch die Druckerei. Da bin ich wieder. Legt Hut und Stock ab.

Hovstadt schreibend. Schon, Herr Doktor? Beeilen Sie sich mit der Sache, von der wir gesprochen haben, Aslaksen. Die Zeit ist uns heut riesig knapp.

Stockmann zu Aslaksen. Noch keine Korrektur da, wie ich höre.

Aslaksen ohne sich umzuwenden. Nein, wie konnten Sie nur denken, Herr Doktor?

Stockmann. Ja freilich; aber Sie begreifen wohl, daß ich ungeduldig bin. Ich habe nicht Rast noch Ruhe, bis ich es gedruckt sehe.

Hovstadt. Hm; das wird gewiß noch eine gute Weile dauern. Meinen Sie nicht auch, Aslaksen?

Aslaksen. Ja, ich fürchte fast.

Stockmann. Schön, schön, meine lieben Freunde; dann komme ich wieder; ich komme gern zweimal, wenn es nötig ist. Eine so große Sache, – die Wohlfahrt der ganzen Stadt –; da darf man sich wahrhaftigen Gott nicht auf die faule Seite legen. Will gehen, bleibt aber stehen und kommt zurück. Hören Sie, da ist noch etwas, worüber ich mit Ihnen sprechen muß.

Hovstadt. Entschuldigen Sie; aber könnten wir nicht ein ander Mal –?

Stockmann. Es ist mit zwei Worten gesagt. Sehen Sie, es ist nur das, – wenn man nun morgen meinen Aufsatz in der Zeitung liest und folglich erfährt, daß ich den ganzen Winter hier in aller Stille für das Wohl der Stadt gewirkt habe –

Hovstadt. Ja aber, Herr Doktor –

Stockmann. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie meinen, es war nur meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, – meine einfache Bürgerpflicht. Natürlich; das weiß ich so gut wie Sie. Aber, meine Mitbürger, schauen Sie –; lieber Gott, die famosen Menschen halten ja so viel von mir –

Aslaksen. Ja, die Bürger haben bis heute riesig viel von ihnen gehalten, Herr Doktor.

Stockmann. Ja, und deshalb eben fürchte ich, daß –; was ich also sagen wollte: wenn nun das an sie herantritt – besonders an die unbemittelten Klassen – wie ein mahnender Ruf, die Angelegenheiten der Stadt künftig selbst in die Hand zu nehmen –

Hovstadt steht auf. Hm, Herr Doktor, ich will Ihnen nicht verbergen –

Stockmann. Aha, – dachte ich es mir doch, daß etwas im Werke wäre! Aber davon will ich nichts wissen. Wenn man so etwas vorbereiten sollte –

Hovstadt. Was denn?

Stockmann. Na, irgend etwas, – einen Fackelzug oder ein Bankett oder eine Sammlung für eine Ehrengabe – oder was es sonst sei, so müssen Sie mir hoch und heilig versprechen, es zu hintertreiben. Und Sie auch, Herr Aslaksen, hören Sie wohl?

Hovstadt. Entschuldigen Sie, Herr Doktor, wir wollen Ihnen lieber gleich reinen Wein einschenken –

Frau Stockmann, in Hut und Mantel, tritt links durch die Tür im Hintergrund.

Frau Stockmann sieht den Doktor. Also richtig!

Hovstadt ihr entgegen. Ei, sieh da, Sie kommen auch, gnädige Frau?

Stockmann. Was zum Henker willst Du hier, Käte?

Frau Stockmann. Das kannst Du Dir doch wohl denken.

Hovstadt. Wollen Sie sich nicht setzen? Oder vielleicht –

Frau Stockmann. Danke sehr; bemühen Sie sich nicht. Und nehmen Sie es auch nicht übel, wenn ich komme, um Stockmann zu holen; denn ich bin Mutter von drei Kindern, will ich Ihnen sagen.

Stockmann. Unsinn, Unsinn! Das wissen wir ja.

Frau Stockmann. Na, aber es hat wirklich nicht den Anschein, als ob Du heut sonderlich an Frau und Kind dächtest; denn sonst würdest Du doch nicht hingehen und uns allesamt ins Unglück stürzen.

Stockmann. Aber Du bist ja nicht recht gescheit, Käte? Soll es einem Manne, der Frau und Kinder hat, verwehrt sein, die Wahrheit zu verkünden, – ein nützlicher und tätiger Staatsbürger zu sein, – soll es ihm verwehrt sein, der Stadt zu dienen, in der er lebt!

Frau Stockmann. Alles mit Maß, Thomas!

Aslaksen. Das sage ich auch. Maß in allen Dingen.

Frau Stockmann. Und deshalb versündigen Sie sich an uns, Herr Hovstad, wenn Sie meinen Mann von Haus und Hof weglocken und ihn zu dieser ganzen Geschichte verleiten.

Hovstadt. Ich verleite wahrhaftig keinen zu –

Stockmann. Verleiten! Glaubst Du, ich ließe mich verleiten!

Frau Stockmann. Ja, das tust Du. Ich weiß wohl, daß Du der klügste Mann in der Stadt bist, aber Du läßt Dich so furchtbar leicht verleiten, Thomas. Zu Hovstad. Denken Sie doch bloß, er wird seine Stelle als Badearzt verlieren, wenn Sie das drucken, was er geschrieben hat –

Aslaksen. Wie – was?

Hovstadt. Ja, wissen Sie was, Herr Doktor –

Stockmann lacht. Haha, sie sollen's nur probieren –! Ach was, – sie werden sich hüten. Denn ich habe die kompakte Majorität hinter mir, siehst Du!

Frau Stockmann. Ja, das ist eben Dein Unglück, daß Du so was Ekliges hinter Dir hast.

Stockmann. Schnickschnack, Käte; – geh nach Hause und kümmere Dich um Deine Wirtschaft und überlaß mir die Sorge um das Gemeinwesen. Wie kannst Du nur so ängstlich sein, wenn ich so froh und zuversichtlich bin? Reibt sich die Hände und geht auf und ab. Die Wahrheit und das Volk werden die Schlacht gewinnen, – darauf kannst Du schwören. O, ich sehe ihn, den ganzen freisinnigen Bürgerstand, wie er sich schart zu einem siegreichen Heere –! Bleibt vor einem Stuhl stehen. Was – was zum Teufel ist denn das?

Aslaksen sieht hin. Au weh!

Hovstadt ebenso. Hm –

Stockmann. Da liegt ja der Gipfel der Autorität.

Faßt behutsam die Mütze des Stadtvogts mit den Fingerspitzen und hält sie empor.

Frau Stockmann. Die Mütze des Stadtvogts!

Stockmann. Und hier auch der Kommandostab. Kreuzhimmeldonnerwetter, wie –?

Hovstadt. Nun ja denn –

Stockmann. Ah! Ich verstehe! Er ist hier gewesen, um Sie zu beschwatzen. Haha! Da ist er an den Rechten gekommen! Und wie er mich in der Druckerei sah –. Bricht in Gelächter aus. Da riß er aus, Herr Aslaksen?

Aslaksen schnell. Ja, weiß Gott, da riß er aus, Herr Doktor.

Stockmann. Da riß er aus und ließ Stock und –. Quatsch, – Peter reißt vor nichts aus. Aber wo, zum Henker, habt Ihr ihn gelassen? Ah, – da drin natürlich. Jetzt paß mal auf, Käte!

Frau Stockmann. Thomas, – ich bitte Dich –!

Aslaksen. Nehmen Sie sich in acht, Herr Doktor!

Stockmann hat sich die Mütze des Stadtvogts aufgesetzt und nimmt den Stock; dann geht er an die Tür, öffnet und grüßt mit der Hand an der Mütze. Der Stadtvogt kommt herein, rot vor Zorn. Hinter ihm kommt Billing.

Stadtvogt. Was soll der Unfug heißen?

Stockmann. Respekt, mein guter Peter. Jetzt bin ich in der Stadt die Autorität. Spaziert auf und ab.

Frau Stockmann, der die Tränen nahe sind. Aber – aber, Thomas!

Stadtvogt geht hinter ihm her. Gib mir meine Mütze und meinen Stock!

Stockmann wie zuvor. Bist Du Polizeimeister, so bin ich Bürgermeister, – ich bin Meister vom Ganzen, siehst Du!

Stadtvogt. Leg' die Mütze hin, sage ich. Vergiß nicht, es ist die reglementsmäßige Amtsmütze!

Stockmann. Pah! Glaubst Du, daß der erwachende Volkslöwe sich durch Amtsmützen schrecken ließe ? Ja, Du, – wir machen morgen Revolution in der Stadt. Du hast gedroht, mich abzusetzen; aber nun setze ich Dich ab, – setze Dich von allen Deinen Vertrauensämtern ab. – Glaubst Du etwa, ich kann das nicht? O doch. Die siegenden Gewalten der Gesellschaft sind mit mir. Hovstad und Billing werden im »Volksboten« donnern, und Aslaksen rückt aus an der Spitze des ganzen Vereins der Hausbesitzer –?

Aslaksen. Das tue ich nicht, Herr Doktor.

Stockmann. Sie werden es tun –

Stadtvogt. Aha; Herr Hovstad zieht es am Ende doch vor, sich der Agitation anzuschließen?

Hovstadt. Nein, Herr Stadtvogt.

Aslaksen. Nein, Herr Hovstad ist nicht so dumm, um eines Hirngespinstes willen sich selbst und die Zeitung zu ruinieren.

Stockmann sieht sich um. Was soll das heißen?

Hovstadt. Sie haben Ihre Sache in einem falschen Lichte dargestellt, Herr Doktor; und deshalb kann ich Sie nicht unterstützen.

Billing, Nein, – nach allem, was der Herr Stadtvogt so liebenswürdig war, mir da drin mitzuteilen –

Stockmann. In falschem Licht? Das lassen Sie doch meine Sorge sein. Drucken Sie nur meinen Aufsatz; ich bin Manns genug, dafür einzustehen.

Hovstadt. Ich drucke ihn nicht. Ich kann und will und darf ihn nicht drucken.

Stockmann. Sie dürfen nicht? Was ist das für ein Unsinn? Sie sind doch Redakteur; und die Redakteure, die regieren doch die Presse, sollte ich meinen!

Aslaksen. Nein, das tun die Abonnenten, Herr Doktor.

Stadtvogt. Glücklicherweise, ja.

Aslaksen. Die öffentliche Meinung, das aufgeklärte Publikum, die Hausbesitzer und all die andern; die regieren die Presse.

Stockmann gefaßt. Und diese Mächte habe ich alle gegen mich?

Aslaksen. Ja, das haben Sie. Es würde für die Bürgerschaft den reinen Ruin bedeuten, wenn Ihr Artikel gedruckt würde.

Stockmann. Jaso. –

Stadtvogt. Meine Mütze und meinen Stock!

Stockmann nimmt die Mütze ab und legt sie mit dem Stock zusammen auf den Tisch.

Stadtvogt nimmt beides. Deine Bürgermeisterwürde hat ein jähes Ende genommen.

Stockmann. Wir sind noch nicht am Ende. Zu Hovstad. Es ist also ganz unmöglich, meinen Aufsatz in den »Volksboten« zu bringen?

Hovstadt. Ganz unmöglich; auch mit Rücksicht auf Ihre Familie.

Frau Stockmann. Ach, lassen Sie doch die Familie nur aus dem Spiel, Herr Hovstad.

Stadtvogt zieht ein Papier aus der Tasche. Zur Orientierung des Publikums wird es genügen, wenn das hineinkommt; es ist eine authentische Erklärung. Bitte schön.

Hovstadt nimmt das Papier. Gut; es soll hinein.

Stockmann. Und mein Artikel nicht. Man bildet sich ein, man könnte mich und die Wahrheit tot schweigen! Aber das geht nicht so glatt, wie Ihr meint. Herr Aslaksen, wollen Sie gleich mein Manuskript nehmen und es als Flugblatt drucken – auf meine eigenen Kosten, – im Selbstverlag. Ich will vierhundert Exemplare haben; nein, fünf-, sechshundert will ich haben.

Aslaksen. Und wenn Sie mir's mit Gold aufwögen, ich würde meine Offizin zu so etwas nicht hergeben, Herr Doktor. Ich darf es nicht mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung. Sie kriegen es nirgendwo in der ganzen Stadt gedruckt.

Stockmann. So geben Sie es mir wieder.

Hovstadt reicht ihm das Manuskript. Bitte sehr.

Stockmann nimmt Hut und Stock. In die Welt soll es doch. Ich will es in einer großen Volksversammlung vorlesen; alle meine Mitbürger sollen die Stimme der Wahrheit vernehmen!

Stadtvogt. Kein Verein in der ganzen Stadt überläßt Dir sein Lokal für einen solchen Zweck.

Aslaksen. Nicht ein einziger; das weiß ich genau.

Billing. Gott verdamm' mich, – wenn sie es tun!

Frau Stockmann. Das wäre doch zu empörend! Weshalb stehen sie denn alle so wider Dich, Mann für Mann?

Stockmann zornig. Ja, das will ich Dir sagen. Darum, weil alle Männer hier in der Stadt alte Weiber sind – gerade wie Du; alles denkt nur an die Familie und nicht an die Gesellschaft.

Frau Stockmann faßt seinen Arm. So werde ich ihnen ein – ein altes Weib zeigen, das auch einmal Mann sein kann. Denn nun halte ich es mit Dir, Thomas!

Stockmann. Das war brav gesprochen, Käte. Und in die Welt soll es, bei meiner Seele Seligkeit! Kann ich kein Lokal bekommen, so miete ich mir einen Tambour, – mit dem ziehe ich durch die Stadt und lese es an allen Straßenecken vor.

Stadtvogt. So heillos verrückt wirst Du doch nicht sein!

Stockmann. Ja, das bin ich!

Aslaksen. Sie werden in der ganzen Stadt keinen einzigen Mann finden, der mit Ihnen geht.

Billing. Nein, Gott verdamm' mich, – den finden Sie nicht!

Frau Stockmann. Nur nicht nachgeben, Thomas. Die Jungens sollen mit Dir gehen.

Stockmann. Das ist eine ausgezeichnete Idee!

Frau Stockmann. Morten tut es sehr gern; und Ejlif, na, der wird auch mitgehen.

Stockmann. Ja, und Petra auch! Und Du auch, Käte!

Frau Stockmann. Nein, nein, – ich nicht; aber ich werde am Fenster stehen und Dir zusehen; das werde ich tun.

Stockmann umarmt und küßt sie. Ich danke Dir! Ja, nun werden wir eine Lanze brechen miteinander, Ihr wackeren Herren! Ich will doch sehen, ob die Niederträchtigkeit die Macht hat, einem Patrioten, der die Gesellschaft reinigen will, den Mund zu stopfen.

Er und seine Frau ab durch die Tür links im Hintergrund.

Stadtvogt schüttelt nachdenklich den Kopf. Nun hat er sie auch verrückt gemacht!

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