Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dietrich Theden >

Ein Verteidiger

Dietrich Theden: Ein Verteidiger - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorDietrich Theden
titleEin Verteidiger
publisherStuttgart Verlag von Robert Lutz
series
volume
printrun
editor
year
isbn
firstpub
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120114
projectid46243bb1
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Doktor Bendring war mit einem befreundeten Architekten in Verbindung getreten, den er mit dem Entwurfe eines Grabdenkmals für die auf dem stillen Plöner Friedhofe schlafende Geliebte beauftragt hatte. Er stimmte der ihm vorgelegten Skizze zu und händigte dem Zeichner eine Photographie Hedwigs von Viersen aus, nach der ein Reliefbildnis dem schlichten Steine eingefügt werden sollte.

Nach der Verabschiedung des Architekten ging er aufs Bureau und diktierte einem seiner Angestellten ein Schreiben, das an verschiedene Künstlervereinigungen in Leipzig, Dresden, Düsseldorf, München, Stuttgart, Wien, Florenz und Rom gerichtet werden sollte.

Die Schreiben hatten den nüchternen, bis auf die Orts- und Titelangaben gleichlautenden Inhalt:

»Den löblichen Vorstand des ....Vereins zu ..... ersucht der ergebenst Unterzeichnete um sehr gefällige Mitteilung der Adresse des Kunstmalers Herrn David Vermissen, falls ihm diese bekannt sein sollte. Eventuell wird gebeten, geneigtest mitzuteilen, ob und zu welcher Zeit sich Herr Vermissen in ... aufgehalten und wohin er sich von dort aus begeben oder vermutlich begeben hat. Bei der Seltenheit des Namens dürften weitere Angaben zur Feststellung der Persönlichkeit sich erübrigen, erwähnt sei jedoch, daß die Ermittelung des Künstlers wichtig und dringlich ist. Für die gefällige Auskunft und Bemühung verbindlichst dankend

der Rechtsanwalt
(gez.) Bendring.«

In Berliner Künstlerkreisen war der Name des langen David nicht oder nur oberflächlich bekannt, und ein Münchener Künstleradreßbuch enthielt an Stelle der Ortsangabe ein Fragezeichen. Die Leitung der großen Berliner Kunstausstellung erteilte die Auskunft, daß Bilder von David Vermissen nicht zur Ausstellung gelangt seien.

Die langsam eingehenden brieflichen Antworten der Künstlervereine schienen eine Aufklärung ebenfalls nicht bringen zu sollen, bis ein Schreiben von Rom aus den ersten Anhalt gab. »David Vermissen hat sich hier einen Ruf als Porträtmaler erworben,« hieß es in dem Schriftstücke, »sein gegenwärtiger Aufenthalt ist jedoch nicht zu ermitteln gewesen. Vermissen lebte in Rom von Juni 1889 bis vor reichlich zwei Jahren mit seiner Gattin, kehrte nach halbjähriger Abwesenheit ohne die Frau zurück und verließ Rom neuerdings vor einigen Monaten, wie es hieß, mit dem Ziel Wien.«

Die Antwort aus der schönen Donaukaiserstadt kam als die letzte. Sie war lakonisch und unbestimmt: »Der Kunstmaler David Vermissen soll nach Siofok am Plattensee gereist sein.«

Soll!

Bendring beschloß trotzdem, die unsichere Spur alsbald aufzunehmen. Da er von dem Kommissar nichts gehört hatte, konnte er diesem auch seinerseits eine Nachricht nicht zukommen lassen.

Er überlegte, daß in einer Erbschaftsangelegenheit seine persönliche Vermittelung in Graz von Nutzen sein würde, fuhr dorthin ab und setzte nach kurzem Aufenthalte die Fahrt nach Ungarn fort.

Er teilte von einer Kreuzungsstation aus, wo er den Zug wechseln und eine Stunde warten mußte, das Coupé mit einem österreichischen Offizier, der nach Stuhlweißenburg wollte.

Die Hitze war trotz des Septembertages drückend und steigerte sich am endlos langen Plattensee zur Unerträglichkeit.

Wenig Ortschaften, fast kein Baumschlag in der weiten Ebene, so sehnsüchtig das Auge danach suchen mochte. Ein blendendes Spiegeln vom See her, ein wellendes Gluten vom Wagendache, auf das die Sonne sengend niederbrannte.

Der Offizier legte den Waffenrock, Bendring das leichte Jaquet ab – es war kaum zum Atmen. Der Zug stampfte und polterte, die beiden Passagiere saßen matt und trockneten sich die heißen Stirnen. Die Fenster waren heruntergelassen, die Gardinen zugezogen – die sonnendurchglutete Luft war so drückend und träge, daß kaum einmal ein durch das Coupé streifender Hauch die lechzenden Fahrgäste erfrischte.

Der Zug fuhr stundenlang und immer noch in der schattenlosen Ebene und an dem gleißenden See. Nirgends breiter, als daß das Auge nicht bequem das jenseitige Ufer zu erkennen vermocht hätte, schien die Längenausdehnung des Sees unbegrenzt.

Endlich, endlich!

Der Schaffner, der in dem schmalen Seitengange des Wagens dem Rösten ausgesetzt gewesen war, trat schläfrig in die Thür.

»Siofok, Herr,« rief er ins Coupé.

Bendring stand verwundert.

Das – Siofok?

Das Stationsgebäude und eins, zwei – vier Häuser?

In dem Nest sollte Vermissen Zuflucht gesucht haben? Der Maler in dieser öden Ebene, am Ende des langweiligen, abgehackten Flusses mit dem Namen See? Bendring suchte sich einer Enttäuschung vergebens zu erwehren. Aber schon im Stationsgebäude, in dessen Wartesaal er halb verschmachtet eine Erfrischung zu sich nahm, erhielt er die ihn aufschnellende Gewißheit, daß er den Verfolgten gestellt hatte!

»Sind Fremde im Ort?« fragte er das saubere und auffallend hübsche junge Mädchen, das hinter dem kleinen Büffet hantierte und den stattlichen Gast mit unverhohlenem Interesse musterte.

»Ein Maler, Herr!« lautete die Antwort in fließendem Deutsch.

»Wo wohnt er?

Sie zeigte durchs Fenster auf eines, der umliegenden Häuser: »Drüben.«

»Ist das ein Wirtshaus?«

»Nein, dem Vaszary Janos seines. – Wollen der Herr hier bleiben?«

»Wo könnte ich ablegen, die Kleider wechseln, mich waschen?«

»Wenn der Herr bei uns fürlieb nehmen wollen –«

»Wenn Sie mir ein Zimmer anweisen können: bitte!«

Sie nahm seinen Handkoffer und ging ihm voran.

»Ein Deutscher, der Maler?« fragte er wie beifällig.

»Ja.«

»Kennen Sie seinen Namen?«

»David – –«

»Danke, mein Kind. Vielleicht David Vermissen?«

»Wenn Sie das wissen, müssen Sie ihn ja kennen?«

»Dem Namen nach. Malt er?«

»Ja, jetzt auch.«

Sie stellte in einem kleinen, nicht unfreundlichen Zimmer des ersten Stockes den Koffer auf einen Stuhl, raffte am Fenster die dichtgeschlossenen Vorhänge an einer Seite etwas zusammen und lugte hinaus.

»Da sitzt er. Sehen Sie den großen Pilz? Das ist sein Schirm,« sagte sie kichernd.

Bendring folgte der ihm mit dem Finger angedeuteten Richtung und erkannte in größerer Entfernung, dicht am See, sowohl den Schirm wie unter dem schmutzgrauen Zeltdache die Figur eines Mannes.

»Aha!« preßte er zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen hervor. »Können Sie mir frisches Wasser besorgen?«

Sie eilte hinaus, brachte ihm das Gewünschte und zog sich zurück.

»Nur Ruhe!« mahnte er sich selbst. »Keine Ueberstürzung! Kaltblütig fassen und abführen.«

Das Wasser war offenbar aus einem Brunnen geschöpft. Es war kühl und erfrischte ihn.

Er fühlte, als er sich umgezogen hatte, keine Ermüdung mehr, schlug den Weg nach dem See ein und trat direkt hinter den Maler, unter das schattende Schirmdach. Er schaute dem Künstler über die Schulter und stutzte. Von der Leinwand starrte ihm ein Seebild entgegen, das mit seinem Wellenglänzen und Sonnenflirren von wahrhaft blendender Naturtreue war. Aber er hatte keine Zeit, sich in die Betrachtung zu vertiefen. Der Maler drehte sich um und fuhr ihn grob an: »Scheren Sie sich zum Teufel!«

Ein fesselnder Kopf! Das braune Haupthaar wirr über die gefurchte Stirn hängend, die Augen tiefliegend, von sattblauer Farbe, der blonde Bart lang und ungepflegt.

»Das halte ich, wie ich will,« entgegnete Bendring kalt.

»Flaps!« schrie der Maler wütend.

»Sie werden nicht mehr den Mut haben, mich anzufahren,« sagte Bendring mit eisiger Betonung, »wenn Sie hören, daß ich – von Hedwig von Viersen komme.«

Vermissen sprang auf. Alle Farbe war aus seinem Gesichte gewichen. Wie entgeistert starrte er auf den Besucher.

»Von – von –« stotterte er. Die mächtige Brust wogte ihm, als drohe sie auseinanderzusprengen.

»Vom Grabe Hedwigs von Viersen!« betonte Bendring.

Die Wirkung seiner Worte war eine furchtbare.

Der lange, baumstarke Mensch griff mit den Fäusten in die Luft, taumelte auf den Schemel, von dem er aufgesprungen war, zurück, glitt haltlos auf den Boden und riß im Fallen Bild und Staffelei in den Sand. Er grub die Hände in den Boden und stöhnte wie ein tödlich verwundetes Tier. Nach Sekunden erhob er sich taumelnd und drang wie irr auf den Besucher ein.

»Das ist nicht wahr!« schrie er wild. »Hund, ich erwürge dich! Die Götter sterben nicht – sie lebt – sie lebt –!«

Bendring faßte den Rasenden mit eisernen Armen und rüttelte an ihm in ausbrechender Wut.

»Sie ist tot – gemordet durch einen Elenden, durch Sie!« schleuderte er ihm ins Gesicht.

Mit einem Rucke schüttelte der Maler den Angreifer ab, faßte die Staffelei und schrie mit würgender, erstickender Stimme: »Aus dir spricht der Wahnsinn! Fasse mich an, und ich zermalme dich! Lügner, Elender, Hundsfott!«

Vermissen brach die starke, roh gezimmerte Staffelei mit Riesenkraft in Stücke und schleuderte die splitternden Enden dem Anwalt vor die Füße.

Der Atem flog ihm, die tiefen Augen schossen Blitze der Wut.

Minutenlang standen die Männer in kochendem Haß, zu Angriff und Abwehr bereit, einander gegenüber.

Plötzlich faßte sich Vermissen an die Stirn, ließ die Hände sinken und sagte keuchend:

»Kommen Sie!«

Er watete mit langen Schritten durch den Sand dem ihm folgenden Anwalt voraus, den Häusern zu. Er sah sich nicht um, stürmte eine schlechte, hölzerne Treppe hinauf, riß eine Thüre weit auf und zeigte auf ein weibliches Bildnis in Lebensgröße.

»Hedwig!« stieß Bendring überrascht hervor.

»Ja, Hedwig!« bestätigte der Maler, nach Atem ringend. »Ja, das Weib, das für mich zu rein, zu groß war. Das ich liebte mit dem heißen, thörichten, gefesselten Herzen! Das ich fortreißen wollte mit mir in die Seligkeit der Sünde – das mir den Glauben zurückgab an das Weib, das edle Weib, das kostbarste aller Erdengüter – das mich den Pfuhl erkennen lehrte, in dem ich schwamm – das mich den Ekel lehrte gegen die verdummende, vertierende Genußsucht und die Anbetung der beglückenden Reinheit, der Göttlichkeit. Das Weib lebt!« schloß er fast drohend.

»Sie ist gefallen durch Mörderhand!« wiederholte Bendring mit furchtloser Energie.

Vermissen faltete die Hände: »Gott im Himmel! Vergehen so deine Altäre?« murmelte er bebend. Die Thränen rollten ihm in den verwilderten Bart, der Riese stand da in schluchzender Erschütterung.

In dem Rechtsanwalt zuckte die Erkenntnis auf wie ein Blitz.

So sprach die Trauer, nicht die Schuld!

Vermissen wandte sich zögernd nach ihm um.

»Herr – Herr –« kam es stotternd über seine blutleeren Lippen. »Bei – bei Ihrer Seligkeit – ist – ist Hedwig –« er schüttelte den Kopf.

»Sie schläft!« antwortete Bendring. – »Sie war meine Braut,« fügte er hinzu.

David Vermissen forschte durch Thränen in den Zügen des Fremden. Dann streckte er ihm in drängender Empfindung die Hand entgegen. »Hedwig, meine Heilige, hat Sie geliebt –« sagte er mit fast scheuem Ernst, »ich vergebe Ihnen, was Sie von mir gedacht haben.«

Er schwankte ins Zimmer. »Ich – ich – muß allein sein.«

Bendring empfand überzeugt, daß er bei dem Manne nichts zu suchen hatte. Er warf einen letzten Blick auf das Bild der Geliebten und ging in sich gekehrt.

Die braunen Gestalten der Hausbewohner, die sich neugierig angesammelt hatten, machten ihm Platz, schienen ihn aber nicht sehr freundlich zu mustern.

Es kümmerte ihn nicht.

Er ging ins Stationsgebäude zurück.

»Haben Sie etwas gehabt mit Herrn David?« fragte das Mädchen beunruhigt.

Er antwortete nicht, sondern stellte eine Gegenfrage: »Wie lange lebt Herr Vermissen schon hier?«

»Seit Ende Juni. Warum?«

»Ununterbrochen?« forschte Bendring.

»Ja. Nicht zehn Stunden war er fort.«

Der Stationsvorsteher trat ein und mischte sich in das Gespräch. Er war ein Niederösterreicher und das im Warteraume bedienende Mädchen seine Tochter.

»Ich möchte Ihnen raten,« sagte er wohlmeinend, »den Maler in Ruhe zu lassen. Er ist ein Kauz, der den ganzen Tag am See sitzt und die Sonne fangen will, wie er sagt; aber die Leute haben ihn gerne und stehen zu ihm.«

Bendring gab die beruhigende Versicherung, daß er bereits mit dem nächsten Zuge wieder abreisen würde.

Er fuhr über Budapest, Wien und Breslau nach der Heimat zurück.

Sein Wagen war im falschen Gleise gewesen.

Er gestand es sich unumwunden zu. Aber es schmerzte ihn nicht; es erfüllte ihn mit einer Art Beruhigung. Das Verbrechen schien tiefer als je in mystisches Dunkel gehüllt; aber in das Stück Herzensleben, das sich in den sagenumwobenen Bergen des Harzes abgespielt hatte, war ein zitternder Sonnenstrahl gefallen: die schwer Gekränkte war geliebt worden.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.