Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dietrich Theden >

Ein Verteidiger

Dietrich Theden: Ein Verteidiger - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorDietrich Theden
titleEin Verteidiger
publisherStuttgart Verlag von Robert Lutz
series
volume
printrun
editor
year
isbn
firstpub
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120114
projectid46243bb1
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

»Eckhoff, Hinnerk Vermissen,« sagte Hansen instruierend zu dem Jungen. »Der zweite Hof linker Hand, dicht vor dem Hirschkrug. Im Hirschkrug kannst du vielleicht auf die Herren warten; sie werden dir das aber noch selbst sagen. Und laß dich nicht ausfragen, Jung'.«

»I wo!«

Hannes, ein vierzehnjähriger, frischer Bengel, saß stramm auf dem Kutscherbock.

Der Korbwagen ging leicht und der Braune trabte gut.

Die Herren berieten.

»Unter welchem Vorwande wollen Sie sich einführen?« fragte der Kommissar.

»Vorwand? Ich gehe gerade aus; der Weg ist allemal der beste. Ich hasse die Vorwände und die krummen Wege. Natürlich werde ich dem Bauern nicht sagen, daß ich seinen Herrn Sohn –« er dämpfte die Stimme – »für einen Halunken halte. Was er nicht zu wissen braucht, wird verschwiegen und im übrigen bei der Wahrheit geblieben.«

»Sind sie ein Wahrheitsfanatiker, Herr Doktor?« fragte Wilden mit leichter Ironie.

Bendring antwortete fast barsch: »Ja.«

»In Ihrem Berufe auch? Ich meine: würden Sie zum Beispiel einen Angeklagten, von dessen Schuld Sie überzeugt wären, einfach nicht verteidigen?«

»Verteidigen? Ja. Reinwaschen, schwarz weiß machen – nein.«

»Viele Ihrer Kollegen denken anders.«

»Das mag jeder mit sich selbst ausmachen.«

Die kurze, energische Art des Anwalts imponierte dem Kommissar. Er fühlte die Wahrhaftigkeit der ernsten Anschauung und ließ das Thema fallen.

»Was werden Sie thun, wenn Sie bei dem Eichhofer Ihr Ziel nicht erreichen?« fragte der Kommissar.

»Die anderen Vermissen aufsuchen.«

»Dann schlage ich vor, wir teilen uns die Arbeit: Sie gehen zu Heinrich Vermissen, ich zu einem der anderen – und wir treffen uns im Krug.«

»Einverstanden.«

»Erfahren wir beide an den ersten Stellen nichts, so kommen die Vermissen drei und vier an die Reihe.«

»Und der Gemeindevorsteher.«

»Ja, der auch.«

Der Eichhof hatte seinen Namen von mächtigen Eichenriesen, die den großen Bauernhof von drei Seiten umgaben. Die vierte, nach der Straße gelegene Seite zeigte einen ausgedehnten Garten, dessen zahlreiche Obstbäume schwer mit Früchten beladen waren.

»Donnerwetter!« – warf Wilden hin, als der Wagen vor dem Hofe hielt. »Der Eichhofer scheint's zu haben, Moos nämlich. Guten Erfolg, Herr Doktor.«

»Ich werde Ihnen im Kruge berichten.«

Der Wagen fuhr nach dem Wirtshause und die Herren trennten sich nach verschiedenen Richtungen.

Bendring schritt den frischgeharkten Kiesweg entlang, der durch den Garten auf das Wohnhaus zu führte. Eine Glocke von tiefem Klange ertönte, als er das Haus betrat, und ließ auf dem kühlen, geräumigen Flur einen Mann sich umdrehen, der mit dem Riemenzeug eines Sattels beschäftigt gewesen war, der vor ihm über einer Stuhllehne hing.

Der Anwalt grüßte und fragte nach dem Bauern.

»Bitte.«

Der Mann schritt auf eine Thüre zu, öffnete und rief ins Zimmer: »Vater, ein Herr wünscht dich zu sprechen.«

Der Anwalt trat ein und stellte sich vor: »Bendring, Berlin.« Er sprach undeutlich.

Der Bauer schien ein Mann von etwa sechzig Jahren zu sein. Auf einem vierschrötigen Körper saß ein eckiger Charakterkopf. Das Kopfhaar, die buschigen Augenbrauen und der kurzgeschnittene runde Vollbart waren stark ergraut. Die tiefliegenden, wasserhellen Augen blickten mißtrauisch prüfend.

Der Sohn hatte das Zimmer wieder verlassen.

»Von Berlin? Sie wünschen?« fragte der Bauer zurückhaltend.

Bendring ging gerade aufs Ziel.

»Ich wollte mich nach einem Ihrer Söhne erkundigen. Sie sind der Vater des Malers David Vermissen?«

Der Alte rückte unruhig aus dem Sessel.

»Das ist mein Sohn nicht mehr!« entgegnete er schroff.

Der Anwalt war überrascht.

»Ich verstehe wohl nicht richtig –«

»Ja, doch! Er war mein Sohn. Hier soll er sich nicht mehr blicken lassen.«

»Sie sind mit ihm zerfallen?«

»Ich will Ihnen kurz und bündig sagen, daß der Bengel mir Scherereien und Kosten genug gemacht hat, und daß, wer nach ihm fragt, nicht mein Freund ist.«

»Sie können ruhig sein; ich bin nicht gekommen, um irgend welche Ansprüche geltend zu machen. Ich wünschte nur die Adresse Ihres Sohnes zu erfahren.«

»Kenne ich nicht.«

»Nicht?«

»Nein, sagte ich.«

»Wie lange ist er von zu Hause fort?« fragte Bendring ungewiß.

»Ich weiß nicht, was es Sie angeht,« entgegnete der Bauer in offenbarer Ablehnung, »aber das kann ich Ihnen ja sagen, daß der Eichhof für den seit zehn Jahren nicht mehr vorhanden ist.«

»Wissen Sie auch nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hat?« forschte Bendring. »Vielleicht, wo er vor einem Jahre war?«

»Ich bin zufrieden, daß ich nichts von ihm sehe und höre.«

»Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit; ich darf hoffen, daß Sie mich nicht absichtlich irre führen?«

»Wie kommen Sie dazu, mir das zuzutrauen?« fragte der Bauer in aufkochendem Zorn.

Bendring sah ein, daß der Alte entweder nichts wußte oder mindestens nichts sagen würde.

Er brach ab.

»Sie scheinen trübe Erfahrungen mit Ihrem Sohne gemacht zu haben. Ich bedaure, daß ich Sie stören mußte.«

Er entfernte sich und wartete im Krug auf den Kommissar.

Wilden kam nach einer knappen halben Stunde.

»Nun?« fragte er.

»Nichts.«

»Wie bei mir. Wir können ruhig abfahren, Herr Rechtsanwalt, hier ist der lange David völlig verschollen. Ich hatte den Vorzug, bei einem Vermissen anzuklopfen, der sich gleichzeitig als der Gemeindevorsteher entpuppte. Uebrigens höllisch zugeknöpft –«

»Wie der Eichhofer.«

»Aha, also der auch. ›Der lange David?‹ fragte mein Mann. ›So, nach dem wird wieder mal geforscht? Das bedeutet schwerlich was Gutes. Sie sind aber an die falsche Thür geraten. Auf dem Eichhofe müssen Sie anklopfen. Was wollen Sie denn von dem?‹ Ich halte im Gegensatz zu Ihnen eine kleine Notlüge für erlaubt, Herr Doktor; und weil der Mann fragte, bekam er seine Antwort. Ich sei mit David befreundet gewesen, erklärte ich, und hätte für ihn öfters 'mal in meine Tasche gegriffen. Das letztemal vor zwei Jahren, als wir zusammen im Harz waren und er nach seiner Heimat reisen wollte. ›Der nach seiner Heimat? Hierher zu uns?‹ fragte der Mann. ›Da hat er Ihnen einen Bären aufgebunden. Der hat Löbtin seit einem Jahrzehnt nicht gesehen.‹ ›Und man weiß nichts von ihm?‹ fragte ich. ›Nichts, gar nichts!‹ – Lassen wir Hannes umkehren, Herr Rechtsanwalt, und überlegen wir, wo wir mit besserem Erfolge einsetzen können. – Ich dachte an Harzburg.«

»Ich auch.«

»Er muß dort gemeldet gewesen sein. Vielleicht erinnert sich auch Frau von Viersen noch, wo er gewohnt hat. Könnten Sie hinfahren? Ich würde dann meinerseits die Nachforschungen in Ascheberg fortsetzen.«

»Ich werde morgen mit Frau von Viersen nach Hause fahren. Ob sie von Vermissens Wohnung gehört und ob sie sie behalten hat, werde ich noch heute festzustellen suchen. Es wird sich ja gesprächsweise machen, ohne daß sie durch den Verdacht, den wir hegen, beunruhigt zu werden braucht.«

Sie bestiegen den Wagen wieder und rollten nach der Schwiddeldei zurück.

Frau von Viersen war, von Frau Hansen begleitet, nach Plön gefahren. Sie kam völlig erschöpft zurück und legte sich sogleich zur Ruhe, ohne daß der Anwalt sie noch hätte sprechen können.

Bendring packte, und Hansen und seine Frau erkannten zu ihrem Leidwesen, daß die Scheidestunde geschlagen hatte. Sie plünderten am nächsten Morgen den Garten um seinen schönsten Schmuck und standen erwartungsvoll, als in der elften Stunde der Anwalt bei Frau von Viersen eingetreten war, um sie offenbar von der Abreise, die mit dem Mittagzuge erfolgen sollte, zu verständigen.

»Fühlst du dich kräftig genug, Mama?« fragte Bendring in freundlicher Sorge. »Ja? Dann werde ich an Tante Hede depeschieren, daß wir kommen. Und ein paar Tage müssen wir in Berlin bleiben. Dann – nicht wahr, so hatten wir es besprochen – geht's nach dem Brocken. Weißt du noch, wo ihr in Harzburg gewohnt habt? Ach so, privat? Würden wir nicht diesmal lieber ein gutes Hotel vorziehen? Kennst du eins –?«

Sie ging auf seinen Gedankengang ein.

»Das Au-Hotel vielleicht,« meinte sie arglos. »Da wohnte damals Herr Vermissen, glaube ich.«

»Na, wir werden ja sehen. Hübsch muß es sein, gut gelegen, mit bester Pflege. Kannst du in einer Stunde zur Abfahrt fertig sein? Ja? Aber sonst laß dir Zeit, Mama, alles in aller Ruhe. Ich werde Frau Hansen bitten, daß sie dir behilflich ist. Die großen Koffer habe ich schon ordnen lassen.«

Er küßte sie auf die Stirn und suchte den Kommissar auf dessen Zimmer auf, um ihm zu berichten.

»Ich schreibe Ihnen von Harzburg aus; setzen Sie mich bitte in Kenntnis, wenn Ihnen eine Entdeckung von Wert gelingen sollte. Und dann: Sie werden vielleicht noch längere Zeit festgehalten werden. Bitte, verfügen Sie über meine Zimmer! Sie sind kühler als dies hier an der Sonnenseite. Acceptiert?«

»Mit Dank, Herr Rechtsanwalt.«

»Ich werde Hansen Bescheid sagen. Leben Sie wohl!

Sie schüttelten sich mit kräftigem Druck die Hände.

Kietz stand bescheiden abseits, als Frau von Viersen im Wagen Platz genommen hatte und Bendring sich von Frau Hansen verabschiedete.

Bendring blickte suchend umher und ging rasch auf den Fischer zu. Er streckte ihm herzlich die Hand hin.

»Auf Wiedersehen, alter Freund!«

»Jo – jo?« stotterte Kietz freudig überrascht. »Wenn das wäre – jo!«

Der Scheidende nickte erregt.

Dann setzte sich der Wagen, der von Hansen selbst kutschiert wurde, in Bewegung und verschwand bald hinter einer nahen Krümmung der nach dem Bahnhofe führenden Landstraße.

Wilden zog sogleich nach Tisch um.

Frau Hansen wollte erst aufräumen.

»Nein, lassen Sie,« wehrte der Kommissar ab. »Vielleicht gegen Abend. Jetzt – muß ich arbeiten.«

»Aber das Papier, das da umherliegt,« wandte Frau Hansen noch zaghaft ein.

»Das Bißchen?« meinte Wilden beruhigend. »Das stört mich nicht.«

Er setzte sich sofort zum Arbeiten an den Tisch und drängte damit die Frau sanft zum Zimmer hinaus.

Als die Thür ins Schloß gefallen war, las er die umhergestreuten Papierfetzen zusammen auf den Schreibtisch, lehnte sich in den bequemen Stuhl zurück, und zündete sich eine Cigarre an. Dann unterzog er Blatt für Blatt einer Musterung.

Packpapier, Zeitungen, ein paar gleichgültige Briefe, quittierte Hotelrechnungen – alles war bunt durcheinander gewürfelt. Zwei zerrissene Postkarten wurden vom Beamten ausgesondert und mit einiger Mühe wieder zusammengepaßt.

Sie trugen in offenbar von weiblicher Hand stammenden Schriftzügen die Berliner Adresse des Anwalts und auf der Schriftseite farbige Ansichten von Nizza.

Auf der einen fiel ihm das Datum auf: »Nizza den 30. Juli.«

Der Mordtag ...

Der Inhalt war nichtssagend: »Seit einer Woche hier, sende Ihnen beste Grüße.« Darunter ein merkwürdiger Buchstabe, ein lateinisches B oder R auch K.

Die zweite Karte trug das Datum des 3. August. Sie war kurz wie die erste, nur nicht ganz so trocken: »Hier ist es doch immer wieder schön, und wo es schön ist, darf ich Ihrer denken. Grüße wie stets.« Und unten in der rechten Ecke der gleiche verschnörkelte, schwer zu entziffernde Buchstabe.

Wilden steckte die Karten zu sich, strich mit dem Aermel über die Platte des Schreibtisches und ließ die Papiere in gleicher Unordnung auf den Boden flattern, wie er sie vorgefunden hatte.

Er durchstöberte ungeniert den Schreibtisch. Die Schubfächer waren unverschlossen und ausnahmslos leer.

Auch in zwei Schränken und einer Kommode steckten die Schlüssel. In dem einen der Schränke hing der schilfgrüne Anzug, den der Anwalt beim Fischen zu tragen gepflegt hatte. Weiter war nichts zu entdecken, auch in den Taschen des Anzuges nicht, die der Kommissar skrupellos ebenfalls durchforschte.

Im Schlafzimmer bemerkte Wilden, daß der Anwalt ihm in liebenswürdiger Aufmerksamkeit alle Gebrauchsgegenstände des Toilettentisches zurückgelassen hatte.

Er konstatierte es mit Genugthuung, wusch sich die staubbeschmutzten Hände und streckte sich im Wohnzimmer behaglich auf dem breiten Sofa aus, um ein Mittagschläfchen zu halten.

Er träumte von der Handschrift der beiden Postkarten und hörte einen Graphologen näselnd den Charakter der Schreiberin nach den eigenartigen Schriftzügen erläutern: »Ausgeprägte Individualität – zu Extremen geneigt – leicht erregt – rücksichtslos entschlossen – zäh und ungestüm im Wollen – weltgewandt – schlagfertig – genußsüchtig – egoistisch bis zur Härte – Piff paff –!«

Er fuhr auf, rieb sich die Augen und langte schlaftrunken vom Sofa auf den Boden nach Schlüsselbund und Messer, die ihm aus der Tasche gefallen waren.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.