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Ein Verteidiger

Dietrich Theden: Ein Verteidiger - Kapitel 5
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typefiction
authorDietrich Theden
titleEin Verteidiger
publisherStuttgart Verlag von Robert Lutz
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Viertes Kapitel.

Das Leben in dem stillen Erdenwinkel am Plöner See war auf den Kopf gestellt. Während im gewöhnlichen Tagesgange schon das Eintreffen des Briefboten ein kleines Ereignis bildete, wurde nach dem Schreckenstage das Gastzimmer des Hotels von Fremden nicht leer, und Hansens leichter Korbwagen war fast beständig unterwegs.

Die Obduktion der Leiche erfolgte am zweiten Tage nach dem Eintreffen des Untersuchungsrichters Vries vom Landgericht in Kiel. Sie beschränkte sich auf die Feststellung der Todesursache und die Herausnahme der Kugel.

Die Kugel, aus einem Revolver von ›Polizeikaliber‹, wie der Kreisphysikus sich ausdrückte, gefeuert, war leicht abgeplattet; sie wurde von dem Untersuchungsrichter als eventuelles wichtiges Beweisstück in Beschlag genommen.

Die wiederholte Abstreifung des Thatortes blieb ohne Ergebnis, und auch der auf dem Gute stationierte, mit der Oertlichkeit bekannte Gendarm vermochte irgend welche Spuren, die mit einiger Sicherheit dem Verbrecher hätten zugeschrieben werden können, nicht aufzufinden. Er forschte in weitem Umkreise, er horchte am Bahnhof herum, ob zur Zeit der That ein Fremder aufgefallen oder nur bemerkt worden wäre – er fand und hörte nichts, was einen Anhalt hätte bieten können.

Kietz saß während des Aus- und Einschwärmens der Beamten stundenlang auf der Bordschwelle einer zum Gasthof gehörigen Scheune und starrte trübselig vor sich hin. Es war wie ein Bleiguß in seine alten Beine gefahren, und so schwer es ihm wurde, zu gehen, so schwerfällig waren auch seine Gedanken. Nur die eine trostlose Ueberzeugung drängte sich ihm klar auf, daß es mit dem Aufenthalt des verehrten alten Kurgastes nun wohl für immer vorbei sein würde. Und neben dem jähen Tod der schönen jungen Braut war ihm das das Schmerzlichste.

Am Beerdigungstage trug er einen langen, schwarzen Rock und einen vorweltlichen Cylinder. Er mochte sich beides irgendwo geliehen haben, und das glanzlose, bis über die Ohren gezogene Angstrohr stand seinem ehrlichen, faltigen Gesichte so wunderlich, daß die Leute sich eines Kicherns über seine komische Erscheinung nicht erwehren konnten. Auch Bendring stutzte, als er den feierlich herausgeputzten Mann gewahrte, und hätte ihn fast nicht erkannt; aber dann grüßte er freundlich und war über den ungeheuchelten Kummer in dem runzlichen Gesichte des Alten gerührt.

Hedwig von Viersen wurde in Plön beigesetzt. Die Kirchenglocken läuteten, als der feierliche Zug sich dem Friedhofe näherte, und sie läuteten wieder, als der Geistliche gesprochen und der blumenbekränzte Sarg seine letzte Stätte gefunden hatte.

Der schlichte Erdhügel über der Schlafenden verschwand unter Palmzweigen und Kränzen. Bendring und Hansen legten die letzte Hand an, den Blütenschmuck zu ordnen, als Kietz schüchtern herantrat und einen Arm voll Kornblumen zögernd neben den kostbaren Grabschmuck schob. Er hatte den Cylinder abgenommen und abseits auf einem Kieswege stehen lassen; die Thränen stürzten ihm über die rauhen Wangen.

Bendring war mit raschen Schritten an seiner Seite, hob die Gabe des alten Fischers auf und streute die Kaiserblumen über den Hügel, daß dieser wie mit einem blauen Schleier überdeckt schien. Dann drückte er dem Fischer erschüttert beide Hände.

»Habe Dank, Alter!«

Kietz ging wortlos, und stumm folgten ihm Hansen und der Anwalt.

Ein Sonnenflirren lag in der Luft, das blendete, und die Glut war fast unerträglich. Die Coupés im Zuge, der einen Teil der Trauergesellschaft nach Ascheberg mit zurücknahm, waren erstickend heiß, und Bendring atmete wie erlöst auf, als ihn nach der Fahrt wieder die Kühle der nach der Schwiddeldei führenden, buchenüberwölbten Landstraße umfing.

Der wühlende, betäubende Schmerz und die sengende Glut der Sonne hatten ihn zum Denken über den qualvollen Moment hinaus unfähig gemacht. In der belebenden Waldeskühle kehrten ihm Ruhe und Ueberlegung zurück, und er blickte vor sich, auf die Zukunft und auf die Aufgaben, die ihrer Lösung harrten, der Lösung durch ihn.

Und unter ihnen die eine, die größte, die, wenn es sein mußte, Zweck und Inhalt seines Lebens bilden sollte: die Sühnung des Verbrechens, die Ermittelung und Auslieferung des Schurken in die Arme der strafenden Gerechtigkeit!

Er hatte geruht, so lange die sterbliche Hülle der Geliebten nicht im Schoße der Mutter Erde geborgen war; er wollte ans Werk gehen, rüstig und unermüdlich, mit Opferung seiner Zeit und seines Vermögens, mit Aufbietung alles Scharfsinns, nun sich das Grab über der im Frieden Ruhenden geschlossen hatte.

»Dein ist die Rache!« murmelte er nach dem Bibelwort. – »Und mein!« fügte er hart hinzu.

Kietz und Hansens Befürchtung, daß der Gast sogleich nach der Trauerfeier abreisen würde, traf nicht zu. Der Anwalt blieb noch über eine Woche und suchte zuerst allein, dann in Begleitung eines Kriminalkommissärs, der von Kiel eingetroffen war, immer wieder den Thatort und das angrenzende Wiesen- und Waldterrain ab. Selbst die ›Prinzeß Charlotte‹ wurde von neuem in Dienst genommen und von ihr aus das Seeufer nahe dem Schauplatze des Verbrechens gründlich durchforscht.

Die beiden hatten so wenig Erfolg wie ihre Vorgänger.

»Der Verbrecher hat, da er nicht durch die Luft gekommen sein kann, seine Maßnahmen mit Vorsicht getroffen,« meinte der Kommissar Wilden. »Sogar mit einer überraschenden Umsicht, die aus sorgfältige Ueberlegung schließen läßt. Holzung und Wiese sind reich an feuchten, moorigen Stellen, die jeden Fußeindruck aufbewahrt haben würden; der Verbrecher hat sie alle geschickt umgangen.«

»Schließen Sie daraus,« fragte Bendring, »daß er mit der Oertlichkeit vertraut gewesen sein dürfte?«

»Nein, Herr Doktor. Mit der Oertlichkeit nicht, wohl aber mit den Eigentümlichkeiten des Waldbodens überhaupt, der sich fast überall gleich bleibt. Der Thäter hatte für die Erkennung der verfänglichen Stellen ein geübtes Auge, und er hatte die Ruhe, sich nicht zu überhasten, sondern jeden Schritt sorglich zu überlegen.«

»Es ist nur ein Glück, daß seine Kugel nicht tödlich, daß sein Opfer noch imstande war, zu sprechen!« warf Bendring voll Befriedigung ein.

»Das entzog sich seiner Berechnung, Herr Anwalt. Sicher genug gezielt hatte er; aber unfehlbar ist eben niemand, auch der Gewiegteste und Verschlagenste nicht. – Ja, und wenn Ihr Fräulein Braut nur deutlicher gesprochen, wenn sie die Hauptsache, den Namen, nicht verschwiegen hätte! Glauben Sie nicht, daß die alte Mutter bald so weit beruhigt sein wird, daß sie befragt werden kann?«

»Wir wollen es versuchen, Herr Kommissar; heute noch. Bei dem selbständigen, verschlossenen Charakter meiner Braut bezweifle ich, daß sie irgend jemand in ihr Geheimnis eingeweiht hat; vielleicht sind aber der Mutter äußere Umstände aufgefallen, durch die wir auf die Fährte kommen. Es wird keine leichte Aufgabe sein, das aus der schwer leidenden und bekümmerten alten Dame herauszubringen. Sie war ohnehin nicht die Kräftigste; der Schlag hat sie vollends niedergeworfen. – Sie ruht bis um elf; kommen Sie um die zwölfte Stunde zu mir – und gebe der Himmel, daß wir Glück haben.

– Ich möchte einmal wieder aufs Wasser hinaus, mich umschauen und verabschieden. Ich werde die vertrauten Stätten nicht wiedersehen können, ohne daß sie den alten Schmerz erneuern. So werde ich scheiden müssen vielleicht für immer. Auch das thut weh. Weh auch um der Leute willen, die an mir hängen und die mich vermissen werden wie ich sie. Warmfühlende, gerade Menschen, Herr Kommissar – Hansen, seine brave Frau, der Förster, der ehrliche alte Kietz; Menschen von Wert, mit vielleicht unansehnlicher Schale, aber vortrefflichem Kern. – Ich biege nach dem See ab. Auf Wiedersehen in der Schwiddeldei. Um zwölf –.«

Wilden machte einen Gang nach dem Bahnhof, fuhr nach Perdoel und Wankendorf und horchte herum.

Der Anwalt ruderte langsam. Die ›Prinzeß Charlotte‹ schien ungefüger als je. – Der Himmel war mit grauen, regenkündenden Wolken verhüllt. Der Spieß und die Inseln im See lagen trübe verschleiert, sonnen- und freudlos; der Berg war kaum zu erkennen. Das gräfliche Schloß grüßte mit dunklen, lichtlosen Fensteraugen, das Braun des Bootshauses schien in Schwarz verdunkelt...

Bendring kehrte bald um. Das Regengrau über Waldsaum und See spiegelte seine Stimmung.

Beim Anlegen der ›Prinzeß Charlotte‹ kam Kietz herbei, um wie immer die Befestigung des Bootes dem Gaste abzunehmen.

»Sie hatten ja die Angeln vergessen, Herr Bendring – jo,« sagte er treuherzig.

»Ja, Kietz. Oder nein, nicht vergessen. Ich schenke sie Ihnen. Sie beißen nicht mehr, und ich, – – sehen Sie 'mal hinaus, Kietz, wie mürrisch der See und der Himmel dreinschauen – – sie machen mir keine Freude mehr.«

Und Kietz hatte keine Freude an dem Geschenk. Er ging dem nach dem Hotel voranschreitenden Kurgaste nach, ohne das Angelzeug mit einem Blicke gestreift zu haben.

»All' verkehrt, all' zu End' – jo,« murmelte er bedrückt.

Frau von Viersen saß in Sinnen verloren am Fenster ihres Zimmers, als Bendring und der Kommissar bei ihr eintraten. Sie strich sich mit der mageren, nervös zitternden Hand über das glatt anliegende weiße Haar, nickte dem Anwalt leicht zu und schien dessen Begleiter nicht einmal zu bemerken.

Bendring setzte sich ihr gegenüber, und Wilden nahm unauffällig abseits Platz.

»Liebe Mama,« begann der Anwalt, »hat die Ruhe dir gut gethan?«

Sie dankte mit einem hastigen, freundlichen Neigen des Kopfes und duldete es, daß der Schwiegersohn ihre Hände in die seinen nahm. Aber als ob sie die besondere Veranlassung ahnte, die den Sohn zu ihr führte: sie suchte weich, fast ängstlich fragend seinen Blick.

»Warte nur,« fuhr Bendring fort, »morgen oder in ein paar Tagen kehren wir nach Berlin zurück, und Tante Hede wird dich schon pflegen, daß du bald wieder frisch und gesund wirst. Willst du noch ein paar Wochen an die See gehen? Ich glaube, es würde dir gut thun. Meinen Sie nicht auch, Herr Wilden?« wandte er sich halb über die Schulter an den Kommissar. »Verzeihe, Mama, daß ich nicht gleich vorgestellt habe, wir wollten dich nicht stören. Meine Schwiegermama, lieber Herr Wilden.« – Der Kommissar war hinzugetreten und verbeugte sich ehrerbietig. Geben Sie Ihren Rat, lieber Freund: Ahlbeck? – was meinen Sie? Mama war im vorigen Sommer dort und kam sonnenverbrannt und frisch und blühend wieder. Apropos, Mama, Ahlbeck! Entsinnst du dich eines – eines Herrn, der häufig in eurer Gesellschaft war?«

Sie ließ die Lider sinken und schien zu grübeln.

»Nein, Fritz,« antwortete sie leise.

»Denke einmal nach, Mama,« bat der Anwalt. »Habt ihr nicht Bootfahrten aufs Meer hinaus oder Spaziergänge am Strand und in den Buchenwäldern gemacht? Weißt du, es giebt so schöne Buchenwaldung dort wie hier am Plöner See – denke nur nach, Mama.«

»Ja, Fritz. Es war schön da, ich weiß. Aber Hedwig« – ein Beben überfiel sie – »war so still, so weltfremd, so abgeschlossen für sich – –«

Sie schluchzte.

Bendring fand durch die wenigen Worte seine Vermutung bestätigt, daß die Begegnung Hedwigs mit dem Ehrlosen weiter zurück liegen mußte. Sie hatte die Erinnerung zu verwinden gehabt und deshalb die Einsamkeit gesucht. Für diese Annahme sprach auch, daß das Mädchen die in jene Zeit fallende erste Annäherung Bendrings an sie noch entschiedener zurückgewiesen haben würde, wenn sie noch unter dem ganz frischen Eindrucke der erlebten Enttäuschung und Kränkung gestanden hätte.

»Die Seeluft dürfte wohl zu rauh sein,« warf Wilden ein, um die alte Dame abzulenken.

»Ja? Vielleicht Bergluft? Mama war vor zwei Jahren ein paar Monate im Harz – – in Harzburg, Mama?«

Sie faßte sich.

»Ja, Fritz,« antwortete sie monoton.

»Ihr seid auf den Brocken gekraxelt, nicht wahr? Habt ihr auch das Brockengespenst gesehen, Mama?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Gespenst?« wiederholte sie. »Nein.«

»Weißt du, wovon mir Hede vorgeschwärmt hat?« fragte Bendring. »Vom Kaiserhaus in Goslar!« fügte er halb aufs Geratewohl hinzu.

Frau von Viersen sann.

»Ja. Und da war noch jemand. Ein – Maler. Ja, er zeichnete. Erst mit Blei, flüchtig, aber schon treu. Dann – mit Farben. Das Kaiserhaus, den Brocken, die Burgruine. Hede auch ...«

Bendring horchte auf.

»Ein Künstler, sieh 'mal an. Ja, Mama, wo's schön ist, da stellen die sich auch ein. Nur an unserem Plöner See nicht. Den kennen sie nicht und suchen sie nicht. – Der war wohl oft bei euch?« forschte er.

»Ja, Fritz. Jeden Tag. Das heißt, nicht immer. Nur zuerst; dann nicht mehr. Hede – war bös geworden mit ihm, ganz bös, und dann reiste er ab.«

»War er nett, Mama?«

»Nett? Ich weiß nicht ... Freundlich, aufmerksam, ja; nett, das ist wohl nicht das Richtige.«

»Aber interessant, nicht wahr? Weißt du nicht noch, wie der Mann hieß?« fragte Bendring.

Sie dachte nach.

»Ja – Vermissen, David Vermissen,« erwiderte sie einfach.

Bendring atmete tief auf und streifte den Kommissar mit einem Blicke der Befriedigung.

»Na, Mama,« fuhr er fort, »eigentlich interessiert uns ja der Herr wenig; aber da wir doch einmal von ihm sprechen – vielleicht hat er auch gesagt, woher er stammte? Ich meine: von Hamburg, von Kiel, von Schleswig oder sonst wo her? Der Name klingt norddeutsch, und vielleicht sind wir gar in seiner Heimat. Erinnerst du dich nicht?«

»Nein, Fritz.«

»Auch nicht, wohin er abreiste?«

Frau von Viersen verneinte.

»Er hat noch einmal geschrieben. Ich weiß aber nicht, von woher. Hede wollte den Brief nicht annehmen.«

»Der ging dann zurück?«

»Ja.«

»Und darauf hat er nichts mehr von sich hören lassen?«

»Nein, Fritz.«

»Danke, Mama. Ich muß wohl fürchten, daß es dich zu sehr anstrengt; sonst hätte ich dich gern gebeten, mir etwas näher zu beschreiben, wie der Mann aussah. Meinen Sie, lieber Herr Wilden, daß Mama noch weiter sprechen kann, ohne daß es ihr schadet?« fragte Bendring, zu dem Beamten gewendet.

»Ich glaube, Sie können ruhig weiter fragen, Herr Rechtsanwalt. Die gnädige Frau dürfte dadurch wohlthuende Zerstreuung finden.«

»Na, wenn das sein sollte. – Liebe Mama, viele dieser Maler sind wie die Musikanten auf hundert Schritte – an den langen Künstlerlocken – zu erkennen – der auch?«

»Nein, der nicht. Der trug das Haar kurz, ich glaube, mit der Maschine geschnitten.«

»Welche Farbe hatte es?«

»Dunkelbraun. Sein Bart war etwas heller.«

»Vollbart?«

»Ja, an den Backen kurz, am Kinn spitz.«

»Aha, à la Boulanger. War der Mann groß, klein, mittel?«

Fran von Viersen maß den Fragesteller abschätzend.

»Einen Kopf größer als du,« erklärte sie entschieden.

»Alle Wetter, also ein wahrer Riese!« meinte Bendring lebhaft.

»Hede nannte ihn auch im Scherz den neuen Goliath.«

»So so. Weißt du sonst noch etwas von ihm? Zum Beispiel, wodurch er Hedwig erzürnte?« fragte Bendring.

»Nein, Fritz. Darüber hat sie sich nicht ausgesprochen. Du weißt ja, wie sie war. Für sich, nicht aus sich herausgehend. So war sie immer, nur daß es mir damals zuerst aufgefallen ist. Unser gutes, armes Kind ...«

Bendring kam zum Schluß.

»Brechen wir ab, Mama. Wir überlegen in Berlin weiter, mit Tante Hede zusammen, wohin die Fahrt gehen soll – ja? Und Kopf hoch, Mama! Frau Hansen hat so schöne Fruchtlimonade unten: soll sie dir davon herausbringen? Die erfrischt. Ich werde es ihr gleich sagen. Und nach Tisch leg dich wieder ein paar Stündchen hin, Mama – ja? Ich komme, nachzusehen.«

Er drückte die mageren Hände und grüßte noch von der Thür aus.

»Also David Vermissen! Einen Schritt wären wir weiter!« sagte er draußen befriedigt. »Kommen Sie mit ins Gastzimmer. Hansen weiß im Lande Bescheid, und vielleicht kann er uns, wenn der Herr Künstler wirklich in Holstein zu Hause sein sollte, auf den Weg helfen.«

Christian Hansen las eine Kieler Tageszeitung.

»Die ist auch voll davon,« sagte er zu dem Anwalt.

Bendring überflog einen ›Der Mord am Plöner See‹ überschriebenen Artikel und bat den Gastgeber, ihm das Blatt aufzuheben.

»Sagen Sie, Hansen,« fuhr er dann fort, »Sie sind ja wohl in dieser Gegend aufgewachsen und kennen Land und Leute. Giebt es im Holsteinischen irgend einen Familienstamm Vermissen?«

»Ja, und gar nicht weit von hier: in und um Preetz herum. In Preetz selbst ist eine Pastorfamilie, die so heißt; ich weiß aber nicht, in welchem Grade die mit den Bauern Vermissen, die in Löbtin ansässig und weit verzweigt sind, verwandt ist. In Löbtin giebt es drei – nee, einen Augenblick – vier Höfe, die alle den Vermissen gehören. Außerdem noch einen, wo die Frau eine verwitwete Vermissen ist, die dann aber wieder geheiratet hat, einen gewissen Grotjohann, auch ein Löbtiner Kind.«

»Danke. Können Sie mir Auskunft geben, ob in einer der Familien ein Sohn Maler geworden ist?«

»Maler?« Hansen dachte nach. »Nee, das kann ich nicht sagen. Es könnte höchstens einer von denen vom Eichhofe sein. Da sind wohl fünf oder sechs Jungen: einer, der Aelteste, auf dem Hofe; einer, der Jüngste, der irgendwo auf der Universität ist; einer, der als Förster auf dem Gute Bothkamp steht, und einer, der Schullehrer geworden ist. Dann ist mindestens noch einer da. Ich weiß aber nicht, was aus dem geworden ist. Wollen Sie hinfahren?«

»Ist es weit?«

»Bewahre. Spazierfahrt.«

»Dann gleich nach Tisch.«

»Ich werde anspannen lassen.«

»Ja. Das heißt, die Leute brauchen aber nicht zu wissen, daß wir von der Schwiddeldei kommen. Ist Ihr Korbwagen dort nicht zu bekannt?«

»Der wohl nicht. So ähnliche giebt es viele. Aber die Bleß, mit der ich gewöhnlich fahre, könnte zum Verräter werden. Ich werde den Braunen einschirren, den ich erst in der vorigen Woche gekauft habe; und damit Sie ganz sicher gehen, kann des Försters Hannes Sie fahren. Der ist zuverlässig und dabei in Löbtin so gut wie fremd.«

»Schön. Also etwa um zwei Uhr.«

»Jawohl, Herr Bendring.«

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