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Ein Verteidiger

Dietrich Theden: Ein Verteidiger - Kapitel 20
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typefiction
authorDietrich Theden
titleEin Verteidiger
publisherStuttgart Verlag von Robert Lutz
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correctorreuters@abc.de
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Neunzehntes Kapitel.

David Vermissen fuhr aus tiefem Sinnen aus und starrte nach der Thür.

Gegen die Holzrahmung gelehnt stand der Anwalt, barhäuptig, das Haar wirr, die Augen dunkel umrandet und tief in die Höhlen gesunken.

»Mein Gott!« stotterte der Maler.

Bendring schien ihn nicht zu erkennen, nicht einmal zu sehen. Er schob sich wie gelähmt vor, schwankte nach dem Schreibtisch und stützte sich mit beiden Händen auf. Der Atem ging ihm pfeifend, auf der Stirn stand ihm der Schweiß in Tropfen.

Er fiel schwer in den Schreibsessel und vergrub den Kopf in beide Hände.

Ein Schluchzen schüttelte den Körper, ein unverständliches Lallen hauchte über die Lippen.

Vermissen trat an den Tisch.

»Herr Rechtsanwalt!« rief er den Verzweifelten an.

Bendring gab keine Antwort. Er verharrte in unveränderter Stellung, schien nicht einmal den Ruf vernommen zu haben.

»Herr Rechtsanwalt!« wiederholte Vermissen laut. »Nicht diesen fassungslosen Schmerz! Wenn Sie eine Freundeshand brauchen, die Sie drücken können in Ihrem Kummer – nehmen Sie die meine!«

Der Anwalt horchte.

Die Hände lösten sich langsam, und ein in Thränen schwimmendes Augenpaar blickte suchend auf den Maler.

Eine Hand glitt mit den Nägeln kratzend über den Schreibtisch und streckte sich Vermissen hin.

»Ich – ich – ich habe – Furchtbares erlebt!« stöhnte Bendring heiser.

»Wenn Sie mich mit Ihrem Vertrauen ehren wollen, sprechen Sie sich aus – der geteilte Schmerz läßt sich leichter tragen!« drängte Vermissen warm.

Bendring nickte abwesend.

»Bleiben Sie! Schützen Sie mich – vor mir selbst. Ich habe alles, verloren – die Tote noch einmal, noch grauenhafter – ich – ich könnte mich selbst verlieren. Bleiben Sie – raten Sie mir. Nein, nicht raten. Ich weiß, was ich zu thun habe. Sagen Sie mir – ja, ob es recht ist. Nein, auch nicht. Ich weiß es selbst. Ich weiß nicht, was ich spreche. Lassen Sie mir Zeit. Wie kommen Sie her? Daß ich – noch fragen kann.«

Er grübelte angestrengt.

»Ha – halten Sie mich für – einen – einen ehrlichen Menschen?« stieß er gepeinigt hervor.

»Bei Gott, ja!«

»Ja,« wiederholte der Anwalt. »Ja. Ich habe nicht – bewußt gefehlt. Ich habe das Recht gewollt. Immer. Zuletzt auch. Ich habe nicht geglaubt, daß sie lügen konnte. Nein, ganz gewiß nicht. Ob sie es mir glauben werden? Ob sie es mir verzeihen werden? Denken Sie noch daran, wie ich zu Ihnen kam? Was ich wollte von Ihnen? Hedwig war's, die gehaßt wurde, nicht ich. Das Weib, das teuflische Weib vollbrachte die Unthat, nicht der Mann, nicht Sie!«

Der Maler fuhr in bodenloser Ueberraschung auf. »Was reden Sie da?« fragte er stürmisch. »Rose hat – das Weib hat –?«

»Hedwig – ja!« bestätigte Bendring in wühlendem Schmerz. »Ja! Aus Liebe zu mir. Als ob die Liebe morden könnte! Liebe –!«

Er lachte in erschütterndem Hohn.

»Die Liebe der Tigerin! Und ich, Vermissen, ich – habe ein entmenschtes Weib für gut gehalten, sie – der Welt zurückgegeben, mich ihr zu Füßen gelegt. Ich – ich – Gott, wenn ich es leugnen könnte – ich – habe sie geliebt! Sie hat die Tote aus meinem Herzen verdrängt – Sie, Sie haben Hedwig mehr geehrt als ich!«

»Die Tote hat den Frieden, Bendring. Und sie hat nicht gesehen, was kam, seit sie gegangen war. Es kann sie nicht kränken, und es darf Sie deshalb nicht bekümmern. Ihr Kummer ist groß genug, vermehren Sie ihn nicht durch kranke Selbstqual. Ich verstehe noch immer nicht ganz. Verzeihen Sie mir. Sie wissen ja, ich habe abseits gelebt, weit abseits, und Nachrichten, die mich interessiert hätten, haben mich nicht erreicht. Auch keine, die in den Zeitungen standen – ich war in der Arbeit – ich las die Blätter nicht. War – war das Weib angeklagt, das in unser beider Leben getreten ist?«

»Ja, Vermissen. Angeklagt – des Mordes! Und ich – ich habe sie vor den Richtern und der Welt verteidigt! – ich die Schuldige! – ich beigetragen zu dem Freispruch der Blutbefleckten! – ich ihr in namenloser Verblendung die Hand geboten, die Hand fürs Leben!«

Der Anwalt griff aufschnellend nach einer Feder. Er legte einen Bogen vor sich und wollte schreiben. Aber die Hand flog ihm. Der Federhalter tanzte über dem Papier.

Bendring sprang auf.

»Vermissen, ich weiß, was ich zu thun habe!« redete er hastig. »Nehmen Sie meinen Platz ein, schreiben Sie, was ich Ihnen diktiere. Es muß klar werden in mir. Es muß Recht werden! Das Recht muß Recht bleiben, auch wo es hart ist! Ja, wo es hart ist –«

Der Maler verstand ihn. Er setzte sich schweigend. Auch ihm wurde das Schreiben schwer; aber es ging.

»An den Untersuchungsrichter Herrn Landgerichtsrat Vries in Kiel,« diktierte Bendring fliegend.

»Kiel,« wiederholte Vermissen.

»Herr Landgerichtsrat! Der unterzeichnete Rechtsanwalt bekennt hiermit – hiermit –, daß er in der Verteidigung der Angeklagten – – Name! – – das Opfer eines Irrtums geworden ist. Frau – – Name! – – hat ihm heute das Geständnis abgelegt – abgelegt –, daß sie des Mordes an – an Hedwig von Viersen – Viersen – schuldig ist!«

»So!«

Er malte groß und ungelenk seinen Namen unter das inhaltschwere Schriftstück und taumelte zurück.

»Couvertieren Sie – senden Sie ab!« forderte er.

»Ja ...«

Vermissen that mechanisch, wie von ihm verlangt worden war.

»Herr Rechtsanwalt,« sagte er, ehe er ging, »darf ich morgen wiederkommen? Ich weiß, wie gut es thut, wenn zwei fremde Schultern einen Schmerz tragen helfen. Sie haben Furchtbareres erlebt als ich, und dieser letzte Schritt, der Schritt zur Sühne, mag Ihnen – das Schwerste geworden sein. Ja, das Schwerste. Lassen Sie mich Ihnen morgen wiederholen, daß ich zu Ihnen stehe, daß Verständnis und Achtung Sie stützen möchten zum Ueberwinden. Darf ich wiederkommen?«

»Mit Freundesrecht!« erklärte Bendring, im Tiefsten erschüttert.

Der Maler ging stumm.

Früh am andern Morgen kam er wieder.

Der Anwalt schlief erschöpft bis in den Tag.

Vermissen reichte ihm, als er sich spät erhoben hatte, ein Zeitungsblatt.

»Tot –?« fragte Bendring in atemraubender Ahnung.

Der Maler nickte.

»Ja.«

Bendring las nicht.

»Später,« sagte er.

Er nahm nichts zu sich

»Kommen Sie,« forderte er Vermissen auf. »Hier ist es zum Ersticken. Wir wollen hinaus.«

Und die beiden Männer gingen zum erstenmale zusammen, wie sie in Jahren noch oft auffielen: in sich vertieft, einen weltabgekehrten Ernst auf den herben, ausdrucksvollen Gesichtern.

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