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Ein Verteidiger

Dietrich Theden: Ein Verteidiger - Kapitel 19
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typefiction
authorDietrich Theden
titleEin Verteidiger
publisherStuttgart Verlag von Robert Lutz
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correctorreuters@abc.de
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Achtzehntes Kapitel.

Der Rechtsanwalt war in der Gegend, in der er seit Jahren seine Privatwohnung hatte, eine bekannte Erscheinung. Er mußte sich mit aller Kraft zusammennehmen, um den Aufruhr in seinem Innern den ihm Begegnenden zu verbergen.

Er gewann es nicht über sich, auf geradem Wege nach der Bellevuestraße zu gehen, sondern zog es vor, zur Wiedergewinnung des Gleichgewichts einen weiten Umweg durch den Tiergarten zu machen.

Als er nach einer guten Stunde bei der Verlobten eintrat, lag in seinen Zügen ein Ausdruck kraftvoller Entschlossenheit, der von Rose Herlet sogleich bemerkt wurde und sie lebhaft beunruhigte.

»Was ist?« forschte sie.

Er streckte ihr nicht wie sonst die Hand entgegen, sondern musterte sie durchdringend und mit kaltem Mißtrauen.

»Mein Gott, hast du die Sprache verloren?« fragte sie besorgt. »Willst du mir nicht die Hand geben?«

»Nein!« entgegnete er hart. »Ich muß dich ersuchen, mir eine ernste Unterredung zu gewähren. Ist jemand von deiner Bedienung in der Nähe, so trage für Entfernung Sorge.«

»Wie du befiehlst, mein Herr und Gebieter!« klang es spöttelnd.

Sie befanden sich in einem kleinen Boudoir, dessen rote Seidentapete im Tageslicht matt aufglänzte. Rose Herlet schloß die das Zimmer von dem Salon trennenden Schiebethüren und ließ sich nervös in einen Sessel fallen.

»Sprich!« forderte sie fast brüsk.

»Ich habe eine merkwürdige Entdeckung gemacht,« begann er und mühte sich vergebens, ein Beben der Stimme zu bemeistern. »Sie läßt mir – dein Unwohlsein von gestern in einer Beleuchtung erscheinen, die – mich mißtrauisch macht ... Willst du die Güte haben, mir zu sagen, warum du vor dem – vor dem Bilde erschrakst?«

Den Stahlglanz ihrer Augen belebte ein rasches, feindseliges Aufleuchten.

»Ich nehme mir die Freiheit, aus deiner Frage zu schließen, daß du dir die Antwort bereits selbst gegeben hast!« entgegnete sie gereizt.

»Allerdings!« bestätigte er mit heftigem Aufbrausen. »Und wenn ich noch gezweifelt hätte: die Lüge steht dir in diesem Augenblick auf der Stirn geschrieben! – Weib!« zischte er, und auch der Rest der mühsam behaupteten Beherrschung ging ihm unter in der Empörung. »Ich – ich verlange Rechenschaft von dir, was dich zu der Lüge getrieben hat! Rede – antworte! Und endlich – einmal – diesmal! – bleibe bei der Wahrheit ...«

Sie tastete sich über das blonde Stirnhaar, und zwischen ihren Brauen vertieften sich ein paar Linien zu scharf gezeichneten Falten.

»Und wenn ich die verlangte Antwort ablehne?« fragte sie trotzig.

»Dann würde ich wissen, daß ich die Wahrheit von der anderen Seite hörte – von ihm – –«

»So! Also er ist es, der abermals in meinen Weg tritt.«

»Zu meiner Warnung – zu meinem Besten!«

»Ja, natürlich. Es war ja nicht genug, daß er mich einmal elend machte –«

»Oder du ihn!« warf er energisch ein.

»Ja – ich ihn ... Was kamst du zu mir, was fragst du mich, wenn du mein Urteil schon gesprochen hast?«

»Beliebe, mir Auskunft zu geben! Strafe ihn Lügen, wenn du kannst!«

»Nein, ich kann nicht!« fuhr sie auf. »Und ich will nicht. Ich hatte den Wunsch, das Geheimnis zu wahren – – ist es gelüftet: Ja denn! Ja! Ich war die Frau des – des Stümpers, den ich zu mir emporheben wollte, des Elenden, der mir den Ring vor die Füße warf und noch nach Jahren wiederkommt und mich niedertreten will mit seiner Rache. Aber nein! so leicht ergebe ich mich nicht! So leicht nicht! Was weißt du – was zwischen uns – ihm und mir – geschehen ist! Er hat gesprochen, ja, aber jedes seiner Worte nahm seine Partei. Fritz –!« Sie richtete sich aus der lehnenden Stellung auf und stieß die Worte in heißer Wallung über die Lippen: »Fritz! Ich liebe dich, so lange ich dich kenne. Und du – du glaubst dem andern, ohne mich erst zu hören! Das thut weh, das ist grausam hart!«

»Spare die Komödie!« wehrte Bendring verächtlich. »Du hast geschauspielert vor mir und vor dem Gericht – es ist mehr als genug!«

Rose Herlet trat in leidenschaftlicher Empörung dicht vor ihn hin.

»Sittenrichter, kurzsichtiger! Bist du verblendet? Muß ich dir die Augen öffnen, daß der, der mich anzuklagen wagt, gefrevelt hat an dir und mir – vor Jahren zuerst und heute wieder? Muß ich dir zuschreien, was ich – um deinetwillen – für immer für mich behalten wollte? Daß er mich verließ um des Mädchens willen, das deine Braut werden sollte? Und tausendmal mehr als das: daß er das junge Weib herabwürdigen wollte zur ehrlosen Dirne? Ich wollte schweigen, ich wollte nicht die Schatten heraufbeschwören, die dich verletzen mußten! Das schrieb mir mein Verhalten vor, nichts anderes!«

»So, das ließ dich lügen ... Aber du logst virtuos, du logst mit klarer Stirn ... Ich – glaube dir nicht!« betonte er mit eiserner Härte. »An den Abgrund hast du ihn gebracht, an den Abgrund mich! – Lügnerin!« schrie er auf.

Sie streckte die Arme nach ihm aus.

»Fritz, komm' zu dir!«

Er stieß sie rauh von sich.

»Berühre mich nicht!«

Er zog den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihr hin.

»Da! Gieb mir den meinen. Ein Band, das die Lüge geschlossen hat, hält nicht ...«

Ihr Antlitz verzerrte sich. Sie schlug nach seiner Hand, daß der blitzende Goldreif auf den Teppich fiel.

»Ich bin für dich eingetreten mit geheiligter Ueberzeugung,« stöhnte er. »Und du saßest da mit der kalten, frechen Lüge im Herzen! Barmherziger Gott – – Weib! Wo fing die Wahrheit an und wo hörte sie auf? Mir ahnt – mir ahnt–«

Er starrte auf sie, als sähe er ein Gespenst. Die Lippen flogen ihm.

»Lüge – deine Karten, Lüge – der Aufenthalt in – in – – Weib, wo warst du am – am – – ich – ich mag den Tag nicht nennen – den grauenvollen Tag! Wo, wo warst du, daß du lügen – daß du mir deinen Aufenthalt verbergen mußtest? Wenn noch ein Funke von Wahrheit in dir ist: sprich! Und wenn du mich je geliebt hast – und wenn es – wenn es Grauenvolles ist, was du auf dich geladen hast – Wahrheit! Wahrheit, sag mir die Wahrheit!«

Ihre Züge waren plötzlich marmorfarben und hart. Aber sie stand straff und fest vor dem erschütterten Manne, und eine grausame, brutale, tödliche Entschlossenheit lag in ihrem dämonischen Starren.

»Wenn du es denn wissen willst!« sagte sie langsam und klar, und jedes Wort traf den Anwalt wie ein ins Herz gezielter Dolchstich. »Ja, ich bin die Lüge! Ich bin's geworden um deinetwillen! Ich war nicht in Nizza, ich war vorübergehend in Paris, dazwischen – in Deutschland, in deiner Nähe, am Plöner See!«

Das plötzliche, furchtbare Geständnis traf ihn vernichtend.

Er taumelte zur Seite und schlug wie ohnmächtig auf eine seidenbedeckte Chaiselongue.

Sie glitt lautlos zu ihm hin und fiel in die Kniee.

Ein heißes Stammeln drang an sein Ohr.

»Ich haßte sie! Ich konnte nicht anders. Den einen hatte sie mir genommen – den andern auch. Dich auch! Jeder Schlag meines Herzens gehörte dir – ich wäre wahnsinnig geworden, hätte ich sie dein gewußt! Alles hätte ich von mir geworfen – Reichtum, Achtung, Ehre – hätte ich deine Liebe behalten können. Ich bereue nicht, was ich gethan habe! Ja, ich würde es in dieser Stunde noch einmal thun – im Hasse wie damals! Nein, um hundert Leben wäre es mir nicht schade – um deines nicht, um meines nicht! Vergiß, Fritz – vergiß, was geschehen ist – vergieb der Liebe, die töten mußte, weil sie nicht entsagen konnte – die stark war bis zum Töten! Nenne Wahnsinn, was ich gethan habe – aber stoße mich nicht von dir um meiner Liebe willen!«

Seine Hände krampften sich in die Seidendecke, er erhob sich ruckweise. Fieber des Entsetzens schüttelten ihn.

»Laß uns fliehen!« fuhr sie fort. »Niemand als Blanche weiß, was geschehen ist – niemand wird es hören! Die Welt ist groß – fliehe, fliehe mit mir!«

Er horchte wie abwesend. Der Name der Freundin klang ihm gellend im Ohre nach.

Blanche weiß!

»Erkauft! Das feile Geschöpf um Geld,« keuchte er abgerissen.

Sie legte die Hand auf seinen Arm.

Wie von einer Viper gestochen, schüttelte er sie ab. Er sprang taumelnd auf. Ein Nipptisch schlug dumpf zu Boden, eine halb gefüllte Tasse, die darauf gestanden hatte, ergoß ihren Inhalt über den Teppich.

Er floh vor dem knieenden Weibe in eine Ecke des Zimmers und hielt einen Stuhl wie zur Abwehr vor sich.

»Meineidige! Mörderin!«

Er lallte es, ließ den Stuhl umfallen und eilte taumelnd nach dem Ausgange.

Er wußte nicht, wie er die Treppe hinab, und nicht, wie er in eine Droschke und nach Hause kam.

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