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Ein Verteidiger

Dietrich Theden: Ein Verteidiger - Kapitel 16
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typefiction
authorDietrich Theden
titleEin Verteidiger
publisherStuttgart Verlag von Robert Lutz
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Fünfzehntes Kapitel.

Bendring hatte als vielbeschäftigter Anwalt keine Zeit, einseitigem Grübeln nachzuhängen; aber wenn er in flüchtigen freien Stunden in seinem geschmackvollen einsamen Heim war, traten doch die Ereignisse des letzten Jahres lebendig in seine Gedanken und reizten ihn an, Träumen nachzuhängen.

Das Bild der unglücklichen Verlobten trat zurück, wenn er sich auch sträubte, es sich zuzugestehen. Die Erinnerung an sie verlor den schmerzenden Stachel, und er dachte des tragischen Todes nicht mehr mit dem ihn früher allein beherrschenden Wunsche, die Geliebte zu rächen. Es überkam ihn allmählich wie eine stille Resignation, ein Sichfinden in das Geschehene, ein Sehnen nach Ruhe, nach Ueberwindung – und auch ganz leise nach neuen Wünschen und Zielen. Und wenn er auch das Andenken an die Tote wert hielt: ihr Bild verlor an Deutlichkeit, es wurde nach und nach zu verschwommenen Umrissen verdunkelt von einem anderen, das blasse Bild der Toten von dem frischen der Lebenden ...

Frau Herlet hatte ihren Vorsatz ausgeführt; sie war abgereist.

Nur einen kurzen Tag hatte es sie in der Reichshauptstadt geduldet.

Ihr erster Brief kam aus Paris:

»Mein Freund! Es ist eine Unrast über mich gekommen nach dem Schrecklichen, was ich habe erleben müssen. Eine Unrast, die mich forttreibt von allem Geräuschvollen. Was mich einst fesselte an dieser ewig wechselvollen Stadt, stößt mich ab, läßt meine Gedanken sich in ein Sehnen nach Einsamkeit verlieren. Die Menschen, die Lustbarkeiten, in denen sie aufgehen, widern mich an. Ihr Treiben, ihr Tand erscheinen mir schal. Nichts ist mir recht, Blanche nicht, ich mir selbst nicht. Nur an den Freund denke ich in Ruhe gebender Dankbarkeit.«

Das zweite Lebenszeichen folgte wenige Tage später und, den Anwalt überraschend, von Genf:

»Mein Freund! Blanche läßt sich Ihnen empfehlen; ich habe ihr und Paris Lebewohl gesagt. Die Seine erschien mir träge und schmutzig, der Himmel über der ruhelosen Stadt vom Dunste verhüllt, die Freundin klein und nichtig. – – – Ein wirres Aneinanderreihen, ich weiß es. Aber der Sinn war mir konfus, ich vermochte nicht bis drei zu zählen, ohne ein drängendes ›Fort von hier‹ einzuflechten. Nun bin ich weg, und ich sende Ihnen meine Adresse mit der Bitte, mir Frieden zu wünschen.«

Aber sie schien das Gesuchte nicht zu finden. Die in Pausen sich folgenden Karten und Briefe spiegelten Unrast und Bedrückung:

»Genf, 25. Mai.

Die ewigen Dampferfahrten! Die aufdringlichen, lärmenden Menschen! Pfeifensignale und Tücherschwenken ... Die Dampfer durchschneiden die blaue Flut, der wolkenlose Himmel lacht auf den schönsten der Seen, und die Menschen strahlen im bunten Putz und freuen sich an witzlosem Scherz. Ihre Gedanken gehen nicht über den Schiffsrand hinaus, der uns umschließt – und nur die meinen schweifen in nebelnde, trostlose Ferne.«

»Genf, 5. Juni.

Warum kann nicht ein Gewitter die schwüle Atmosphäre in der Menschenbrust reinigen wie in der Natur? Ein frühes Unwetter ist segnend niedergegangen, die Luft ist frisch und würzig. Man kann atmen und denken. Wenn doch der Blitz aushellend auch in die Menschenbrust fahren könnte!«

»Genf, 30. Juni.

Ich stand am Rousseau-Denkmal. Bin ich eine Anhängerin des Weisen geworden, unbewußt und über Nacht, daß mein Sinn sich abkehrt von allem, was mir einst Anregung und Befriedigung gab? – Nein, ich habe nichts gelesen von ihm, ich kenne nichts von ihm als die predigende Tendenz: Zurück zur Natur ... Ich weiß nicht, ob ich auf dem Wege bin.«

»Lausanne, Ende Juli.

Mein Freund! Ihr erster längerer Brief! Wie glücklich ich mich fühle und wie dankbar! Wie es mich heimatlich anmutet aus den vertrauten Zeilen und mich lockt, zurücklockt – und doch warnt – warnt! Ja, wenn nichts mich trennte von der Heimat! Wenn die Erinnerung nicht immer wieder auftauchte und die Furcht – die würgende Furcht, daß diese Erinnerung auch daheim lebendig geblieben sein könnte, wo ich sie – wie himmelsgern – vergeben und verweht wissen möchte!

Aber ich danke Ihnen für Ihre guten Worte, die so einfach und klar sind, daß sie auch auf mich klärend und befreiend gewirkt haben. Ja, ich will wiederkehren; ich will mich mit dem Gedanken vertraut machen! Und ich will der Hoffnung leben, daß die, welche mich einst nicht ungern sahen, mich begrüßen werden mit einem unbefangenen Willkommen ... daß auch Sie dieses Willkommen in alter Freundschaft sprechen werden.«

»Lausanne, 20. August.

Die Zeit geht zu langsam für meine Sehnsucht. Sind Sie noch in Berlin oder schon fortgefahren?«

»Genf, 20. September.

Die letzten Gruße vom Genfer See! Das Laub der Gärten und Wälder färbt sich herbstlich bunt, und manches Blatt taumelt windverweht und müde dem Boden zu, der ihm die Kraft gegeben und entzogen hat. Wird die Heimat mich halten oder fallen lassen, bleiben oder ziehen heißen?«

Bendring unterbrach nach dem Eingange der letzten Karte die Sommerfrische, die er verspätet angetreten und auf der Insel Rügen verlebt hatte.

Der Bureauchef übermittelte ihm bald nach seiner Rückkehr eine von Frau Herlet eingetroffene Depesche, in der sie ihre bevorstehende Ankunft anzeigte. »Ich weiß noch nicht den Zug, aber ich erwarte Sie am Abende bei mir,« schloß das Telegramm.

Der Anwalt spazierte am Spätnachmittage lange im Tiergarten.

Der Park war in der herbstlichen Kühle wenig belebt; ein ungastlicher Nebel lag schwer über dem feuchten Erdreich. In den Wipfeln ging ein hohles Rauschen; die halbentlaubten, schwarzglänzenden Aeste schwankten in mäßigem Winde.

Die Entscheidung war gekommen, und der Rechtsanwalt kämpfte den letzten Kampf mit sich selbst.

Das steigende Interesse, das er den Briefen der Frau Herlet entgegengebracht hatte, war ihm ein Anzeichen gewesen, wie sehr die Frau ihm wieder – wie einst – nahe getreten war. Und jedes Lebenszeichen von ihr hatte die Ueberzeugung in ihm gefestigt, daß auch sie an ihm hing in unverminderter Neigung, und zugleich, daß die Zeit mit ihren Prüfungen eine Läuterung ihrer Anschauungen bewirkt hatte, die für sie selbst und andere glückverheißend war.

Wenn das sein konnte! Wenn sie ihm die liebende, schlichte, in ihren Pflichten aufgehende Gattin sein konnte, die er einmal in ihr gewünscht hatte, die ihm in der Braut entrissen worden war!

Es konnte das Andenken der Toten nicht trüben, wenn er ihr eine Nachfolgerin gab, die ihr gleichwertig war!

Es würde das Andenken der Schlafenden menschlich nur ehren können, wenn er die heimführte, die um ihretwillen unschuldig Herbes erduldet hatte.

Oder sollte der Makel, der auf dem Namen der Frau lastete, den sie selbst in ihren Briefen fürchtete, ihn zurückhalten von ihr? Sollte er, er der erste sein, der ihr den schmerzenden Beweis lieferte, daß auch ein schuldlos erlittener Verdacht nicht vergeben und vergessen wird?

Nein! Er wollte ihr entgegentreten, gerade und aufrichtig. Kein aus der Vergangenheit ragender Schatten sollte ihn beeinflussen, der Eindruck des Augenblicks allein die Entscheidung bringen.

Er mußte sich orientieren, wo er sich befand. In Sinnen verloren, hatte er Seitenwege eingeschlagen. Als er wieder in belebtere Gegend kam, erkannte er in der Nähe das Krollsche Etablissement.

An den Wegen flackerten die Gasflammen auf; die Viktoria auf der Siegessäule blinkte in mattem, verdunkeltem Gold.

Er schlug den Weg am Reichstagsgebäude und am Brandenburger Thor vorüber ein, bog in die Königgrätzerstraße ab und fand Frau Herlets Wohnung erleuchtet, als er in der vornehmen Bellevuestraße stand und nach dem zweiten Stocke des ihm vertrauten Hauses hinaufsah.

Die Witwe hatte den Reisestaub bereits abgeschüttelt und empfing den Anwalt mit Herzlichkeit.

Bendring forschte in ihren veränderten Zügen. Der oberflächliche Stolz, der einst aus ihnen gesprochen und den Eindruck auf den scharfen Beobachter verflacht hatte, schien einem abgeklärten Ernst gewichen, das große blaue Auge vertieft zu sein. Sie war schön wie einst, aber nicht so pochend und herausfordernd, nicht so überhebend selbstbewußt, eher ein wenig zaghaft und scheu.

»Ich freue mich, Sie wieder zu begrüßen,« sagte der Anwalt, »und ich hoffe, Sie werden sich wohl fühlen.«

Er schüttelte ihre Hand mit festem Druck.

»Wollen Sie glauben, daß ich Furcht gehabt habe – ein rechtes, großes Kind?« fragte sie.

»Ich würde es verstehen,« entgegnete er. »Aber Sie hatten keine Ursache. Thue recht und scheue niemand! – Wer könnte es wagen, einen Vorwurf gegen Sie zu erheben?«

Sie stellte eine unsichere Gegenfrage:

»Wie ist die Stimmung gegen mich?«

»Gegen Sie gar nicht,« antwortete er warm. Sie schien nicht befriedigt.

»Ich glaube nicht, daß jemand mich verletzen wird; aber ob man mir nicht im stillen mißtraut und nachträgt, so ohne Worte, so nur mit halbem Blick –?«

»Wen halten Sie dieses Unrechts fähig, meine gnädige Frau?«

»Gott, fähig –! Ich kann die Furcht nicht unterdrücken, daß man mich aus Großmut wieder aufnehmen – – soll ich sagen: in den Kauf nehmen? – daß man aber nicht die alte Herzlichkeit wiederfinden wird...«

»Hm!«

Ueber das Gesicht des Anwalts ging ein Lächeln. »Nein! Sie mögen nicht ganz unrecht haben. Aber – es giebt ein Mittel, die Zweifler zu bekehren ... der Sessel da gerade an Ihrer Seite ist einladend; wollen Sie nicht belieben, Platz zu nehmen und mir ein wenig zuzuhören? Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen ...«

Sie setzte sich, und ein rascher Blutstrom schoß ihr zu Kopf. Ihr Herz hämmerte.

Bendring blieb vor ihr stehen.

»Liebe Frau Herlet,« sprach er weich, »alles was Sie da zu beengen scheint, ist auch von mir erwogen worden. Zuerst ließen mich Ihre Briefe die Unruhe erkennen, die in Sie eingezogen war, und jetzt erhalte ich durch Ihre selbstquälerischen Fragen die Bestätigung. Ich will Sie nicht lange im Ungewissen lassen, wohin ich ziele. Sie haben nie zweifeln können, daß ich von Ihrer Reinheit überzeugt war – ich biete Ihnen den männlichen Beweis meiner unveränderten Gesinnung an, und ich will Ihnen die freudige Selbstschätzung und das Vertrauen der Menschen wiedergeben... Ob Sie nicht ahnen, wie ich das meine? Ich will es Ihnen sagen. Ich biete Ihnen mein Herz und meinen Namen an ... Bleiben Sie ruhig; horchen Sie mir noch eine kurze, eine halbe Minute zu. Die Zungen, die lästern möchten, sollen schweigen. Mit meinem Rufe – ich bin stolz, daß er tadellos ist – stelle ich den Ihrigen her, und wer noch an Ihnen gezweifelt hat, der wird, auch innerlich, verstummen müssen vor der vollkräftig redenden Thatsache ... Ich muß Ihnen aber noch eins sagen. Eins, das nicht die Welt, sondern uns beide angeht. Ich bringe Ihnen kein Opfer, weder der Berechnung noch der Großmut; ich vertraue Ihnen, Rose, denn ich habe Sie lieb gewonnen –«

Die Frau sprang auf und lehnte sich schluchzend, die Arme um ihn geschlungen, an seine Brust.

Der blonde Kopf war gesenkt; ein heftiges Zittern durchrieselte ihren Körper.

»Fritz!« kam es halberstickt über die zuckenden Lippen.

Er hob ihren Kopf und küßte sie, und sie erwiderte seine Zärtlichkeit drängend und leidenschaftlich.

Dann warf sie mit einem Jubelruf die Arme hoch.

»Glück, du bist gekommen, doch noch gekommen!« stammelte sie in trunkener Seligkeit.

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