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Ein Verteidiger

Dietrich Theden: Ein Verteidiger - Kapitel 12
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typefiction
authorDietrich Theden
titleEin Verteidiger
publisherStuttgart Verlag von Robert Lutz
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Elftes Kapitel.

Der Winter war gekommen.

Ein kalter Wind blies durch die Straßen, pfiff durch die kahlen Balkongitter und zerrte an den blattlosen Weinranken und den vereinzelt noch nicht geborgenen Marquisen.

Die Bürgersteige und Fahrwege waren trocken, und an den Kreuzungen der Straßen wirbelte der Staub. Die Menschen gingen winterlich vermummt.

Am Himmel jagten sich schneeschwere Wolken. Die Sonne schien sich ihrer Ohnmacht bewußt zu sein und nicht einmal den Versuch zu machen, zwischen dem fliegenden Gewölk hindurch auf die verödete Erde zu lugen.

Fritz Bendring bestieg vor seiner Wohnung eine Droschke, breitete eine Decke über die Kniee und fuhr nach dem Bahnhof.

Er löste ein Billet nach Kiel.

Eine kurze Depesche des Untersuchungsrichters hatte ihm angezeigt, daß die Verhaftete den Freund als Rechtsbeistand verlange.

Er leistete dem Ruf Folge. Der nächste Zug brachte ihn zum erstenmal nach der Hafenstadt.

Frau Herlets Haltung überraschte und befriedigte ihn. Keine Klage kam über ihre Lippen; sie war nicht verwirrt, nicht beunruhigt, sie hielt sich fest und stolz wie immer ...

Die Untersuchung zog sich hin.

Die Recherchen gingen immer wieder nach dem Ausland, und die Antworten ließen viele Wochen auf sich warten.

Jede Woche einmal fuhr Bendring nach Kiel; mehr als ein Dutzend mal mußte er die Fahrt wiederholen.

Das Weihnachtsfest kam mit Lichterglanz und Gebefreude und mit dem doppelten Schmerze für die Einsame in den Mauern des Gefängnisses; die Glocken klangen zum Jahreswechsel – und sie läuteten nach Monden den Frühling ein beim Auferstehungsfeste ... Und immer noch war der Spruch, der Rose Herlet erlösen oder verdammen sollte, nicht gefallen.

Der Gärtner brachte für Bendrings Balkon neue, frischgrün gestrichene Kästen mit Pelargonien und einen Korb mit Gartenerde für den Wein.

Der Anwalt trat aus dem Kabinett in die offene Thür und sah dem Manne zu. Er rauchte eine Cigarre und streifte die Asche am bestaubten Gitter ab. Er verharrte durch Minuten auf seinem Platze, aber er unterbrach das Schweigen mit keiner Silbe. Geräuschlos, wie er gekommen war, zog er sich zurück, blätterte stehend in einem Aktenfaszikel und schritt ruhelos im Zimmer auf und ab.

Bendring schellte nach seiner Bedienung.

»Ich fahre am Nachmittage wieder nach Kiel,« instruierte er die Frau. »Wann ich zurückkomme, läßt sich nicht genau voraussagen, voraussichtlich in acht oder neun Tagen. Packen Sie – der große Handkoffer wird reichen – –«

Er nannte eine Reihe von Gebrauchsgegenständen.

Die Hauptverhandlung vor dem Schwurgerichte war beschlossen worden und endlich anberaumt.

Bendring konferierte noch wiederholt mit der Angeklagten und beriet am letzten Tage vor der Hauptverhandlung mit ihr und dem zweiten Verteidiger die Spruchliste der Geschworenen. Er ließ sich von dem Kieler Kollegen über die Persönlichkeiten der Geschworenen aufklären und fand zu einem Einwande keine Veranlassung.

Der Zuhörerraum im Schwurgerichtssale begann sich lange vor Beginn der Verhandlung zu füllen. Unter den Neugierigen befanden sich manche Damen der Kieler Gesellschaft; auf zwei Bänken im Hintergrunde saßen Landleute aus der Plöner Gegend. Preetzer, Plöner und Kieler Rechtsanwälte bildeten eine ins Auge fallende Gruppe, in der über den vermutlichen Ausgang des Prozesses mit einiger Lebhaftigkeit debattiert wurde.

Dr. Bendring wurde beim Eintritte von den Kollegen mit offener Sympathie begrüßt, und die sorglosen, fast heiteren Mienen der Rechtsverständigen belebten im Publikum die Erwartung auf einen nicht tragischen Ausgang des Prozesses.

Die vornehm männliche Erscheinung Dr. Bendrings, die durch die feierliche Amtstracht noch gehoben wurde, zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, bis diese durch den Eintritt der Angeklagten auf die Hauptperson abgelenkt wurde.

Eine starke Bewegung ging durch die Reihen der Zuschauer. Zurufe der Ueberraschung und Ausrufe der Bewunderung wurden nur halb unterdrückt.

Die Angeklagte war schlicht schwarz gekleidet. Sie hatte jeden Schmuck verschmäht und wirkte fesselnd und bestechend allein durch ihre unverminderte, stolze, sieghafte Schönheit.

Dr. Bendring trat ihr ruhig entgegen und bot ihr halb lächelnd die Hand. Sie ergriff sie und dankte mit einem leichten Neigen des blonden Hauptes.

Von dem Verteidiger an die Anklagebank geleitet, betrat sie diese unbefangen und sicher. Die tiefblauen Augen glitten flüchtig über die Zuschauer hin und hasteten halb prüfend, halb fragend auf dem Gerichtshof.

Die Verhandlung begann mit der Bildung der Geschworenenbank durch Auslosung der Geschworenen.

Der Vorsitzende zog die Lose und verlas geschäftsmäßig eintönig die Namen.

Widerspruch erfolgte weder von seiten der Staatsanwaltschaft noch von der Angeklagten. Beide Parteien gaben ihre Zustimmung einfach schweigend.

Nach Bildung der Geschworenenbank erfolgte die Beeidigung der ausgelosten Herren.

Alle Anwesenden erhoben sich; unter lautloser Stille wandte sich der Vorsitzende an die Geschworenen:

»Sie schwören bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, in der Anklagesache wider Rose Herlet die Pflichten eines Geschworenen getreulich zu erfüllen und Ihre Stimme nach bestem Wissen und Gewissen abzugeben.«

Die Geschworenen leisteten einzeln den Eid:

»Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!«

Beim Aufrufe der Zeugen und Sachverständigen erregte die Trägerin des Namens Blanche du Midi, eine junge, schlanke, schwarzhaarige Französin in rauschendem lila Seidenkleid, gelindes Aussehen. Kietz hielt sich bedrückt und verlegen abseits. Man las ihm von dem runzlichen Gesichte ab, daß die feierliche Prozedur ihm unheimlich war. Die buschigen Brauen zuckten ihm, er zerknäulte unruhig den Hut zwischen den arbeitsharten Händen und atmete erleichtert auf, als nach dem Aufrufe die Zeugen den Saal wieder zu verlassen hatten.

Der Vorsitzende wandte sich alsbald zur Vernehmung an die Angeklagte. Er fragte ruhig und sachlich, und die unbeweglichen Mienen des breiten, bartlosen Gesichtes ließen nicht erkennen, ob er durch die Gewohnheit des Berufes abgestumpft war oder in dem besonderen Falle der Angeklagten und ihrem Geschick eine gewisse innere Anteilnahme nicht versagte. Er wandte langsam Blatt für Blatt der Akten um und schien in der Fragestellung diesen zu folgen.

»Frau Rose Mary Herlet?« fragte er.

»Ja.«

»Ihr Mädchenname?

»Wellcomb.«

»Wann sind Sie geboren?«

»Am 15. Juni 1869.«

»Wo?«

»Zu Omaha in Nebraska.«

Die amerikanische Herkunft der Angeklagten erregte im Zuhörerraum Interesse.

»Ihre Religion?«

»Evangelisch.«

»Ihr Vater war Amerikaner?«

»Ja.«

»Ihre Mutter?«

»Deutsche. Sie war als Erzieherin mit einer deutschen Familie nach Chicago gekommen. Dort hatte mein Vater sie kennen gelernt.«

»Der Familienname Ihrer Mutter?«

»Marie Petters.«

»Woher stammte sie?«

»Aus Mecklenburg.«

»Der Geburtsort?«

»Ist mir nicht bekannt.«

»Welchen Beruf hatte Ihr Vater?«

»Er war Farmer, Agent, später Kaufmann.«

»Wie kamen Sie nach Europa?«

»Mit meinem Gatten.«

»Lebten bei der Uebersiedelung Ihre Eltern noch?«

»Nein. Meine Mutter war früh gestorben; mein Vater starb kurz nach meiner Hochzeit.«

»Hinterließ er Ihnen Vermögen?«

»Ja. Vierzigtausend Dollars.«

»Ihr jetziges Vermögen wird auf das Fünfzigfache geschätzt; der weitaus größere Teil stammt somit von Ihrem Gatten?«

»Allerdings.«

»Wie alt waren Sie zur Zeit Ihrer Heirat?«

»Achtzehn Jahre.«

»Ihr Gatte hieß John Halifax Herlet?«

»Ja.«

»Woher stammte er?«

»Aus Omaha.«

»Er war älter als Sie?«

»Er war ein Vierziger.«

»Sie heirateten ihn aus Neigung?«

Die Angeklagte zuckte kaum merklich mit den Achseln.

»Er war mir zugethan und hatte meine Achtung,« entgegnete sie ruhig.

Der Präsident hielt sich bei der Frage nicht auf.

»Wann gingen Sie nach Europa?«

»Ende 1888.«

»Wohin gingen Sie?«

»Zuerst nach Paris, dann nach London.«

»In London starb Ihr Gatte?«

»Ja.«

»Wann?«

»Nach zweijähriger Ehe.«

»War Ihr Gatte schon früher krank gewesen?«

»Stets.«

»Die Ehe war kinderlos?«

»Ja.«

»Sie heirateten nicht wieder?«

»N-nein!«

»Wohin gingen Sie nach dem Tode Ihres Gatten?«

»Ich blieb zunächst in London und begab mich dann auf Reisen.«

»Ihre in der Voruntersuchung gemachten Aussagen über die Jahre nach dem Tode Ihres Gatten sind lückenhaft.«

»Ich habe nicht anders aussagen können, als geschehen ist. Ich war ohne festen Wohnsitz und besuchte fast alle großen Städte Europas, in den Sommermonaten die berühmten Kurorte. Meine vollkommene Unabhängigkeit gestattete mir das.«

»Jawohl,« bestätigte der Vorsitzende trocken und stellte ohne weiteren Uebergang nüchtern die Schuldfrage:

»Bekennen Sie sich des Verbrechens des Mordes, begangen an Hedwig von Viersen zu Ascheberg am Plöner See, schuldig?«

»Nein!« klang es kurz und fest.

»Hm. Sie haben das Verbrechen auch nicht angestiftet?«

»Nein!«

»Sie haben überhaupt nichts damit zu thun gehabt?«

»Nichts!«

»Sie haben erst Wochen nachher davon erfahren?«

»Ja.«

»Durch wen?«

»Durch Herrn Dr. Bendring.«

»Wo haben Sie den Herrn Doktor kennen gelernt?«

»In Nizza.«

»Wann?«

»Im Februar 1893.«

»Also vier Jahre nach dem Tode Ihres Gatten?«

»Ja.«

»Hm! In welcher Art gestalteten sich Ihre Beziehungen zu Herrn Dr. Bendring?«

»Sie blieben rein gesellschaftliche.«

»Auch später?«

»Selbstverständlich.«

»Sie sahen den Herrn Rechtsanwalt im Herbste 1893 in Santerrenzo wieder?«

»Ja.«

»Auf Ihre Einladung?«

»Nicht direkt. Zufolge freundschaftlichen Briefwechsels.«

»Wurden Ihre Beziehungen bei der zweiten Begegnung – – intimer?«

»Herr Präsident, ich habe von jeher gewußt, was ich mir schuldig war!«

»Hm ja. Hat Herr Dr. Bendring um Ihre Hand geworben?«

»Nein.«

»Hatten Sie es auch nicht erwartet?«

»Ich halte mich nicht für verpflichtet, über eine solche Erwartung Auskunft zu geben.«

»Hätten Sie, wenn Herr Dr. Bendring gesprochen hätte, seinen Antrag in Erwägung gezogen?« beharrte der Präsident.

»Bei einem Manne von Wert ist eine ernste Erwägung wohl für jede Frau selbstverständlich.«

»Hätten Sie ja gesagt?«

»Da die Frage nicht gestellt wurde, brauchte ich eine Antwort nicht zu geben.«

»Wir kommen aber damit nicht zum Ziel! Antworten Sie mir, ohne auszuweichen: Liebten Sie Herrn Dr. Bendring? Ja oder nein?«

Sie lehnte sich energisch auf.

»Herr Präsident, das eine Wort wäre so leicht gesprochen wie das andere, das Ja wie das Nein. Ziehen Sie Ihre Schlüsse nach Belieben!«

»Erkennen Sie denn nicht, daß Sie mit einem klaren und runden Nein sich entlasten, daß Sie damit die Annahme erschüttern würden, die Eifersucht habe Sie zu der Ihnen zugeschriebenen That getrieben?«

»Auch um den Preis gebe ich die Antwort nicht! Ich stelle Ihnen vielmehr ganz anheim, aus meinem Schweigen selbst die Folgerung zu ziehen, daß ich zu stolz bin, mich mit einem Nein der Lüge loszukaufen.«

»Wie Sie wollen! Sie werden aber nicht überrascht sein dürfen, wenn die Geschworenen sich ihr eigenes, Ihnen nicht gerade günstiges Urteil bilden. Also Herr Dr. Bendring kehrte in die Heimat zurück, ohne sich um Sie beworben, wenigstens ohne gesprochen zu haben? Sahen Sie sich in Berlin?«

»In Gesellschaften, im Theater. Indes nicht oft.«

»Verkehrte der Anwalt in Ihrem Hause?«

»An Gesellschaftsabenden – ja.«

»Sonst nicht?«

»Nein.«

»Suchten Sie an anderen Orten seine Begegnung?«

»Ich hatte dazu keine Veranlassung. Es wäre auch, selbst ein Interesse bei mir vorausgesetzt, gegen meine Selbstachtung gewesen.«

»Sie blieben, wenn Sie auf Reisen waren, mit dem Anwalt in Korrespondenz?«

»Ja.«

»War der Briefwechsel ein regelmäßiger?«

»Er war ein gelegentlicher und beschränkte sich meist auf kurze Karten.«

»Nach dem Muster der bei den Akten befindlichen, das heißt: der von Nizza gesandten?«

»Jawohl.«

Der Präsident blätterte.

»Diese Karten – hm – geben in mehr als einer Richtung zu denken. Da ist Nummer eins, datiert vom 30. Juli, mit dem Inhalt: ›Seit einer Woche hier, sende Ihnen beste Grüße.‹ Wie verhält es sich mit dieser Zeitangabe?«

Frau Herlet antwortete ohne Verlegenheit:

»Ich weilte seit fünf Wochen in Nizza. Aber ich hatte meine Korrespondenz mit Herrn Dr. Bendring vernachlässigt – vernachlässigt über einem Sport –« sie fand sogar ein Lächeln – – »der mir ja später noch in anderer Weise verhängnisvoll gedeutet werden sollte. Der Freund mochte den Glauben behalten, daß ich mich auf Reisen befunden und darum, nicht um des nichtssagenden Sportes willen, das Schreiben unterlassen hätte. Das war auch schon bei anderen Reisen geschehen und hatte nichts Auffallendes. Niemand giebt sich gern Blößen. Warum sollte ich mich zu der – – wenn auch vorübergehenden – Thorheit bekennen?«

»Ach so! Also nur eine kleine Schwäche wollten Sie verdecken? Hm, na ja! Aber sagen Sie: Warum ließen Sie – eine zweite Merkwürdigkeit! – die Karten absenden; während Sie gar nicht am Aufgabeort anwesend waren?«

Der Präsident neigte sich etwas vor und fixierte die Angeklagte mit geschärfter Aufmerksamkeit. Die Befragte antwortete harmlos:

»Ich kannte Herrn Dr. Bendrings einfachen Sinn: sollte ich ihn ganz überflüssig durch die Pariser Reise und ihren prosaischen Zweck verstimmen?«

»Sie belogen ihn aus lauter zarter Rücksichtnahme?« fragte der Vorsitzende derb. »Welchen Zweck hatte denn die Fahrt an die Seine?«

»In der Hauptsache den der Toilettenergänzung.«

»So so! Und daneben –?«

»Den Besuch meiner Freundin, Fräulein du Midi.«

»Aha! Der mußte wohl auch geheim bleiben?«

»Durchaus nicht. Der Herr Rechtsanwalt kannte aber meine Freundin nicht, welches Intresse hätte daher der Besuch – oder die Mitteilung darüber – für ihn haben sollen?«

»Sie wissen sich zu helfen! Warum ließen Sie aber selbst Ihre Dienerin im Hotel zurück, die Sie doch sonst überallhin begleiten mußte?«

Ihre Antwort klang leicht ironisch:

»Fräulein du Midi hat nicht das Glück, Millionärin zu sein, bei der man mit Gefolgschaft hätte absteigen dürfen ...«

»Das heißt?«

»Das heißt: Sie bewohnt in einem Vorort eine Etage mit drei Zimmern und einer kleinen Kammer für die Zofe. Für meine Dienerin war kein Platz. Auch kein Bedürfnis, da die eine Person – eine geschickte – zur Aufwartung und Handreichung genügte.«

»Es wird trotzdem als auffällig gelten müssen, daß Sie Ihre Dienerin ohne jede Aufklärung zurückließen.«

»Das ist Ihre persönliche Ansicht. Die meinige ist, daß ich für eine sichere Obhut meiner Dienerin zu sorgen, aber sie nicht zu fragen und nicht zu unterrichten hatte.«

»Ich bedaure, ironisierende Antworten nicht dulden zu können,« bemerkte der Präsident in gelinder Aufwallung.

Sie lehnte ruhig ab.

»Ich würde bedauern, wenn ich eine solche gegeben hätte. Aber ich kann nicht etwas Selbstverständliches als auffällig gelten und zu meinen Ungunsten deuten lassen.«

»Wie lange waren Sie bei Ihrer Freundin?«

»Fünf Tage, wenn Sie wollen: sechs. Vom 28. Juli abends bis zum Mittag des 2. August.«

»Sie haben Paris nicht verlassen?«

»Von Ausflügen in die Umgebung abgesehen, nein.«

»Wir haben über Ihre Freundin eine amtliche Auskunft erhalten, die nicht sehr günstig lautet. Sie haben auch schon selbst betont, daß sie kein Vermögen besitzt. Wovon lebt sie?«

»Es ist kein Geheimnis, daß sie Beziehungen zu einem höheren Offizier unterhält, der ihre Bedürfnisse bestreitet.«

»Haben Sie daran keinen Anstoß genommen?«

»Nein. Es ist eine Lebensform, die sie mit sich selbst auszumachen hat.«

»Ueberweisen Sie Ihrer Freundin eine Unterstützung?« warf der Staatsanwalt ein.

»Nein.«

»Haben Sie sie auch nicht durch einmalige Zahlung eines ausreichenden Kapitals in gewisser Weise sicher gestellt?« forschte er weiter.

»Ebensowenig.«

»Ist sie Ihnen sonst zu Dank verpflichtet?« fragte Dr. Bendring.

»Durchaus nicht.«

»Wo haben Sie Ihre Freundin kennen gelernt?« nahm der Vorsitzende das Verhör wieder auf.

»In London. Ihr Freund war vorübergehend Attaché der dortigen Gesandtschaft und hatte sie mitgenommen.«

»Bei welcher Gelegenheit erfolgte die Bekanntschaft?«

»Im Theater. Wir hatten die gleiche Loge.«

»War Fräulein du Midi allein?«

»Ja.«

»Erkannten Sie nicht, daß sie – daß die Dame – Ihnen nicht ebenbürtig war?«

Frau Herlet schüttelte den Kopf.

»Sie war sehr liebenswürdig. Von ihrem Freunde hörte ich erst später.«

»Sie schlossen sich eng aneinander an?«

»Ja, wir wurden Freundinnen.«

»Trotz des Unterschiedes in der Lebensstellung? Lebte denn damals Ihr Gatte noch?«

»Zu Anfang der Bekanntschaft, ja. Später suchte und fand ich bei der Freundin Ablenkung und Aufheiterung.«

Der Präsident schwieg durch ein paar Sekunden.

»Die Anklage macht Ihnen den Umgang mit dieser – mit dieser –« er gab dem grauen Kopf einen energischen Ruck »– Freundin – zum Vorwurf. Und mit Recht!« betonte er ernst. »Aber lassen wir jetzt die Dame, die wir nachher selbst hören werden. – Wann kehrten Sie nach Nizza zurück?«

»Am 4. August.«

»Die Staatsanwaltschaft wird darthun, wie die Anklage diese verdächtige Pariser Reise auslegt ...«

Die Angeklagte hatte eine kühle, fast überlegene Ruhe bewahrt, war aufmerksam dem Gedankengange des Präsidenten gefolgt, hatte ihn, ohne daß eine Erregung an ihr bemerkbar geworden wäre, fragen lassen und ihm schlagfertig, aber sachlich, ohne Hasten und ohne Aufdringlichkeit geantwortet. Bei dem Hinweise des Präsidenten auf die Staatsanwaltschaft und die erneute ›Auslegung‹ vermochte sie ein Aufblitzen der Augen und ein nervöses Zucken um die Lippen nicht zu unterdrücken. Aber sie gewann die Beherrschung über sich schnell zurück, als der Vorsitzende zu fragen fortfuhr.

»Es ist bei Amerikanerinnen ja wohl nichts Seltenes, daß sie mit Schußwaffen umzugehen wissen. Kannten Sie die Handhabung von Ihrer Jugend her?«

Sie verneinte gleichmütig.

»Muß es da nicht um so mehr auffallen, daß Sie gerade in den Wochen vor dem Morde sich dem ungewohnten Sporte zuwandten?«

»Es dürften zu gleicher Zeit noch mehr Morde verübt sein, mit denen ich ebenfalls nichts zu thun hatte.«

»Wie kamen Sie plötzlich auf den Schießsport?«

»Aus Langweile.«

»Hm. Wie lange hielt der Sport vor?«

»Einige Wochen.«

»Erlangten Sie Fertigkeit?«

»Gewiß.«

»Schossen Sie mit Teschins, Pistolen, Revolvern?«

»Ja, mit allen drei Waffen.«

»Nach der Scheibe?«

»Auch. Außerdem nach Glaskugeln und Thontauben.«

»Die Glaskugeln spielten auf Wasserstrahlen, die Thontauben wurden geworfen?«

»Ja.«

»Trafen Sie auch mit dem Revolver?«

»Leidlich.«

»Mit Teschins sicherer?«

»Ohne Frage.«

»Wollen Sie behaupten,« mischte sich der Staatsanwalt ein, »daß mit dem Revolver überhaupt nicht verläßlich zu zielen ist?«

»Ich kann nur von mir sprechen,« erklärte sie gleichmütig.

»Nun, und –?« forschte der Ankläger.

»Nach meiner geringen Erfahrung bleibt der Revolver unzuverlässig. Ich lasse mich aber belehren.«

»Besaßen Sie eine eigene Waffe?« fragte der Vorsitzende.

»Nein.«

»Kauften Sie eine in Paris?«

»Auch nicht.«

»Anderswo?«

»Ich hätte nicht gewußt, wozu.«

»Nun, wenn man stets auf Reisen ist und größere Summen Geldes bei sich führt wie Sie, würde eine solche Schutzmaßregel ja nicht so unbegreiflich sein.«

»Ich fürchte mich nicht. Und mir ist nie etwas zugestoßen.«

»Wußten Sie in Nizza, daß ein Kriminalbeamter auf Ihrer Spur war?«

»Herr Präsident, kann man nach Rauch ausschauen, wenn man nicht ahnt, daß es irgendwo gebrannt hat?«

»Hm. Wären Sie auch nach Deutschland zurückgekehrt, wenn Sie gewußt hätten, wessen man Sie beschuldigte?«

»Erst recht. Diese Untersuchungshaft war nicht angenehm, sie war unwürdig. Aber trotzdem! Eine zehnmal schlimmere Tortur hätte mich nicht abhalten können, mich zu stellen, Sie zu stellen und Sie meinerseits anzuklagen: diese Beschuldigung ist unsinnig, diese Beschuldigung ist fluchwürdig!«

Sie stand stolz aufgerichtet, in kaltblütiger Abweisung.

Der Staatsanwalt schob dem Vorsitzenden einen Zettel hin. Der Präsident warf einen Blick darauf und bemerkte: »Angeklagte, haben Sie die ermordete Hedwig von Viersen persönlich gekannt?«

»Nein.«

»Sie wohnte doch gleichfalls in Berlin. Sie sind ihr nicht begegnet?«

»Ich hatte nicht die Ehre.«

Der Präsident erhob sich.

»Ehe ich mit der Beweisaufnahme beginne, unterbreche ich die Verhandlung auf eine Viertelstunde.«

Er entfernte sich für einige Minuten.

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