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Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach

Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorAnselm Feuerbach
titleEin Vermächtnis von Anselm Feuerbach
publisherKurt Wolff Verlag
printrunVierzigste Auflage
editorHenriette Feuerbach
year1920
correctorreuters@abc.de
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Karlsruhe

Die Zeit ging unaufhaltsam ihren Gang, und die Notwendigkeit forderte unerbittlich ihr Recht. Von Paris scheiden war schwer, aber unvermeidlich, in die Heimat gehen das Leichteste und Tröstlichste, was ich wählen konnte in einer Lage, wo die Unsicherheit mich Schritt für Schritt begleitete. So kam es, daß ich im Frühling 1854 eines schönen Morgens in Karlsruhe erwachte. Ich glaube, es war ein Maimorgen, und ich erinnere mich, daß ich, vielleicht in unbewußter Ahnung dessen, was mir dort begegnen sollte, erst um Mittag aufstand.

In Karlsruhe begann meine eigentliche selbständige Tätigkeit. Der Anfang war ein so außerordentlich vielversprechender, daß ich, trotz meines strengen Kunstprogrammes, nicht umhin kann, desselben hier zu gedenken.

Mit zwei Freunden, beide des juristischen Staatsexamens wegen in Karlsruhe, kehrte ich kurz nach meiner Ankunft eines Abends ziemlich spät von einem Spaziergang über Land nach Hause. Da die beiden Herren in den stillen Straßen sich etwas laut unterhielten – sie waren nach überstandenem schriftlichen Examen vielleicht nicht so nüchtern, als man morgens vor der Predigt zu sein pflegt – so rief uns eine Schildwache an, die sofort von einem der angeheiterten Examinanden eine sehr häufig gebrauchte, ungebührliche Mahnung zum Schweigen als Antwort erhielt.

Vorladung des andern Tages und Urteil auf zwölf Stunden Dunkelarrest war das gesegnete Resultat dieser Heldentat. Die Nacht zur Abbüßung durften wir uns selbst wählen. Natürlich gab ich den Schuldigen nicht an, sondern büßte unschuldig mit. Die Sache wurde auf meinen Rat baldmöglichst abgetan, und ich erzählte meinen niedergeschlagenen Unglücksgefährten in jener Nacht Geschichten bis drei Uhr morgens.

Die Folgen dieses Erlebnisses waren, wenigstens für einen von uns, ziemlich ernsthaft. Vom Untersuchungsrichter war er im schwarzen Frack zum mündlichen Examen gegangen, wo er auf jede Frage hartnäckig die Antwort schuldig blieb. Bald darauf wanderte er nach Amerika aus. Der andere war zum Glück schon beim schriftlichen Examen durchgefallen.

So verlor Baden zwei hoffnungsvolle künftige Beamte, und ich begann meine glorreiche Laufbahn in Karlsruhe als schuldloses Opfer meines Edelmuts auf der Pritsche im Turm.

Der Sekretär des Richters, ein reicher Volontär, hatte im Verhör mit sichtlichem Behagen sein Protokoll geführt. Er hielt sich von da an sehr zu mir und wollte fast jeden Abend ein Glas Champagner auf den Beginn unserer Bekanntschaft mit mir trinken. Er hatte Freude an der Kunst und wenn auch nicht eingehendes Verständnis, doch Gefühl dafür. Ich begann zu ahnen, daß es auch bei der hohen Polizei edle Seelen geben könne, was für einen armen Landstreicher immerhin etwas Beruhigendes haben konnte. Zu derselben Zeit malte ich einem kunstliebenden Konditor eine Bacchantin in sein Gartenhaus. Ich fand Freunde und Bekannte und war sehr heiter.

Anfangs teilte ein gutmütiger österreichischer Maler, der in der Türkei etwas Vermögen erworben hatte, sein Atelier mit mir. Später mietete ich das Parterre des Weinbrennerschen Hauses nächst dem Bahnhof und richtete mir in dem großen Gartensaal meine Werkstätte ein. »Aretino«, »die Versuchung des Antonius«, eine »zweite Grablegung«, nebst verschiedenen kleineren Sachen, wie Blumenmädchen, Zigeunerinnen und dergleichen gefällige Bilder hatten ihre Geburtsstätte in diesem mir angenehmen und bequemen Lokal.

Nach den langen Aktstudien im Pariser Atelier war ich – es ist dies ein Vergleich, welchen ein österreichischer Ministerialbeamter im Jahre 1874 auf meine Schüler in Wien anwandte – produktiv wie ein ausgedörrter Garten, auf den ein Platzregen gefallen ist.

Eine Bestellung für das großherzogliche Schloß, Kinderfriese zur Ausschmückung eines Saales, schien den schönsten Anfang zu gewähren. Ich hoffte, wie ein bestellungshungriger Historienmaler nur immer zu hoffen vermag, auf Größeres und Großes.

Der Aretino ist mit einer schwer zu schildernden Begeisterung gemalt. Paris, mein Hafis, welcher auf Ausstellungen in der Welt herumzog, alles war vergessen. Nachdem das Bild vollendet war, schien es Beifall zu finden. Direktor Schirmer zeigte sich mir außerordentlich gewogen; er versprach seinen ganzen Einfluß für mich einzusetzen. Die hohen Herren, der Prinzregent, Prinz Karl, der Markgraf Wilhelm, sahen es wiederholt. Ich durfte begründete Hoffnung auf Ankauf des Bildes von Seiten der Galerie haben.

Der Vorschlag wurde gemacht, die Kommission trat zusammen, das Bild wurde zurückgewiesen.

Bis diese Verhandlungen ihre mir unerwartete Endschaft erreichten, war ich mit der »Versuchung« zur Vollendung gekommen. Das Bild hatte Höhenformat: Eine Waldschlucht, unten ein junger Mönch, in wilder Bewegung auf die Knie gesunken, bleich, mit verwirrten Haaren, Brevier, Geißel, Totenkopf auf dem Boden zerstreut. Schräg über ihm, träumerisch dunkel gegen den goldenen Abendhimmel sich absetzend, eine Frauengestalt, die ihn anzurufen schien. Ich darf wohl sagen, daß das Bild von tragischer, ergreifender Wirkung war. Ich hatte es mit dem Aretino für die Pariser Ausstellung bestimmt, und die Bilder standen abermals vor der Kommission, die sich diesmal Jury nannte. Wären sie vor einer französischen Jury gestanden, so würde ich am nächsten Tage ein berühmter Mann gewesen sein und mein Schicksal gemacht.

Meine pekuniären Verhältnisse waren die schlechtesten. Ich malte im kalten Saale, weil ich kein Holz hatte, und wurde vom Vergolder und Farbenhändler hart gedrängt. Meine Mutter tat das Äußerste, aber sie hatte sich schon für Paris verblutet.

Den Erfolg soll ein von mir in jenen Tagen nach Heidelberg geschriebener Brief berichten, welchen ich unter vielen ähnlichen Inhalts auswähle:

»Seit heute steht die Versuchung wieder im Atelier. Ich erhielt vom Ministerium den kurzen Bescheid: ›daß man des Gegenstandes wegen Anstand nehme, das Bild nach Paris zu schicken.‹

Wenn ich beschreiben soll, was ich seit zwei Tagen im Gemüt leide, würden Worte nicht hinreichen. Ich möchte mich darüber hinwegsetzen mit aller Kraft, aber es nagt an mir, ich kann nicht essen, es quillt mir alles im Munde. Das war der letzte Rest. Habe ich verdient, so gekränkt, in solcher Weise behandelt zu werden?

Ich habe heute lange vor dem Bilde gesessen, es war, als spräche es mit tausend Zungen zu mir in seiner Einfachheit und Kraft. Noch ein solches Jahr, und ich bin da, wo ich jetzt schon gerne sein möchte. Schreibe mir bald ein paar tröstliche Zeilen, damit ich wieder zu irgendetwas Vertrauen fasse!« –

Noch denselben Tag habe ich in meinem Unmut das Bild überstrichen und, in tausend Stücke zerrissen, dem Feuer übergeben, was ich später bitter bereute. Ein kleines Daguerreotyp ist alles, was von diesem – ich darf wohl sagen – bedeutenden und echt dramatischen Gemälde übrigblieb.Nach diesem kleinen Daguerreotyp ist es gelungen, eine schöne große Photographie des zerstörten Bildes herzustellen, welche sich in der Sammlung von Photographien nach Bildern von Anselm Feuerbach bei Hanfstaengl in München befindet.

Es ist dies der erste Ring in der langen Kette von Mißverständnissen und Begriffsverwirrungen, die meinem Künstlerleben zum Fluch geworden sind. Ein kräftiger Arm, der mich über die kleinen Sorgen des Lebens hinweggehoben hätte, und ich würde in einem Freudensturm den Gipfel erreicht haben, auf den meine Natur sich erheben konnte. Aber die Hilfe kam immer zu spät und immer nur halb. So habe ich zehn Jahre, die für die Kunst entscheidenden, verloren, ein Verlust, der nie zu ersetzen ist.

Daß der fürstliche Herr mir gut war, das wußte ich wohl, und ich zweifelte nie an seiner freundlichen Absicht. Aber es umgab ihn eine Mauer von kalten und kleindenkenden Geschäftsseelen, deren Dazwischentreten den warmen Hauch der Teilnahme abschwächte. Ihr Mißtrauen stempelte die ursprünglich wohlwollende Gesinnung durch die Form, in die sie eingekleidet ward, zur kränkenden Demütigung.

Direktor Schirmer war ein dicker, knorriger Mann, der durch seine teutonischen Eichenwälder eine Art von Düsseldorfer Berühmtheit erlangt hatte. Seine Arbeiten zeigten eine gewisse Derbheit, und man hätte sich ihren Schöpfer wohl als einen kräftigen Charakter denken können; aber er barg unter der Hülle seiner Biederkeit eine schwankende, äußeren Einflüssen leicht zugängliche Seele. Er war mir wirklich gewogen und wäre es vielleicht geblieben, wenn ich klüger gewesen wäre. Leider habe ich es nie gelernt, mich an die Schwächen der Menschen zu halten.

Als Lessing nach Karlsruhe kam und mit seinem Gewicht zwischen den fürstlichen Herrn und mich trat, da ging Schirmer gleichfalls zu meinen Gegnern über. Lessing konnte mir nicht verzeihen, daß ich einst glaubte, in Düsseldorf nicht genug lernen zu können. Als zehn Jahre nachher ein Münchner Kunstmäzen mir seine Aufmerksamkeit zuwendete, gereichte ihm dies zu größter Verwunderung. Nur ein Mecklenburger Baron könne solches tun, meinte er. Hiermit ist meine Stellung in der Heimat für die folgenden Jahre hinreichend klargelegt; daß ich keine Stütze im Vaterlande hatte, raubte mir zugleich die Stellung in der Fremde, und da ich noch Schüler war und arm, so fehlte nichts, um mein Schicksal zu besiegeln. Damals aber, im Jahre 1854, schien unser Fürst noch Zutrauen zu meinem Talent zu haben. Er hat es wohl auch später nicht ganz verloren. Die Kränkung, welche mir so großen Kummer verursachte, ward durch einen Auftrag gut gemacht, welcher mich in das höchste Entzücken versetzte. Ich sollte die Assunta des Titian in Venedig kopieren. Die Bedingungen waren freilich karg zugemessen und für eine große Arbeit, die man auch wohl nicht erwartete, ganz und gar unzureichend. Aber man stellte mir insgeheim eine mehrjährige Pension in Aussicht mit Rom im Hintergrund; ich war dankbar und glücklich, ich dachte nichts als Italien, und das Leben blühte wieder auf. Niemand war je leichtgläubiger für die Erfüllung seiner Wünsche als ich. Das Vergangene hinter mich werfen, von neuem anfangen, war mein Tagesgeschäft. In weniger als einer Woche war Aretino und Versuchung überwunden; an Hafis dachte ich kaum mehr.

Ich verabredete mich mit dem mir befreundeten Dichter Joseph Viktor Scheffel, welcher desselben Weges zu reisen gedachte. Wir verließen Heidelberg zusammen den 4. Juni 1855. Ich in einem Glücksgefühl, wie es etwa ein dem Käfig entronnener Vogel oder eben nur eine junge, stürmische Malerseele empfinden kann, auf der ersten Fahrt nach Italien.

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