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Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach

Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorAnselm Feuerbach
titleEin Vermächtnis von Anselm Feuerbach
publisherKurt Wolff Verlag
printrunVierzigste Auflage
editorHenriette Feuerbach
year1920
correctorreuters@abc.de
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Erinnerungen aus der Kindheit

Meine Geburt, welche den so und so vielten in Speyer erfolgte, ist, wie mir scheinen will, für mich als ein vierfaches Unglück zu betrachten. Einmal, daß ich überhaupt geboren wurde und als wahrhaftige Künstlerseele das Licht der Welt erblickte; dann aber, weil mein Vater ein deutscher Professor war, dessen Sinn und Geist damals ein klassisches Kunstwerk erfüllte, über welches er seinerseits ein klassisches Buch schrieb; ich meine den »Vatikanischen Apollo«. So wurde mir recht eigentlich die Klassizität mit der Muttermilch eingetränkt; eine Klassizität, auf menschlich Wahres und Großes gerichtet, die denn auch nicht verfehlte, mein Leben zu einem hoffnungslosen Kampfe gegen meine Zeit zu gestalten.

Meine Mutter, eine schöne, stille Frau, starb bald nach meiner Geburt. Dieser frühe Tod wirkte schlimm auf meinen Vater, der ohnehin von Jugend an eine krankhafte Neigung zur Selbstquälerei zeigte und fortan lebenslang einer Art von Gemütskrankheit unterworfen blieb.

Meine um zwei Jahre ältere Schwester und ich wurden zu den Verwandten meiner Mutter nach Ansbach gebracht, wo zugleich der Großvater Feuerbach als Appellationsgerichtspräsident seinen Wohnsitz hatte. Wir genossen der zärtlichsten Pflege und einer fast übertriebenen Fürsorge, so daß wir aus Furcht vor Erkältung kaum im Sommer aus den Winterkleidern kamen.

Von unserer blinden Großmutter und einer unendlich gütigen und liebevollen Tante hat mein Gedächtnis nur schattenhafte Umrisse aufbewahrt, und es sind mir aus dieser frühen Zeit nur wenige deutliche Erinnerungen übrig geblieben. Zu den frühesten gehört die Ermordung des Kaspar Hauser, infolge deren ich aus Leibeskräften schrie, weil ich meine Schwester heftig weinen sah. Dann gedenke ich eines verwilderten Gartens, in welchen ich zur Dämmerungszeit aus dem Fenster unseres dunklen Zimmers hinabsah, und in dessen Wegen unsere ältere Cousine, eine Bohnenstange als Lanze schwingend, mit aufgelöstem Haar herumraste. Es gefiel mir dies außerordentlich.

Die Erinnerungen an das Feuerbachsche Haus sind etwas lebhafter. Die Schönheit der Großmutter Feuerbach fiel mir bald auf. Dann ist mir ein Familiendiner im Gedächtnis und das erste Gemälde, welches ich sah, eine schöne Dame in rotem Samt, das Porträt der Herzogin Dorothea von Kurland, gemalt von Gerard. Noch erinnere ich mich einer Geburtstagsfeier in Großvaters Studierzimmer, wobei wir Kinder eine pyramidal sich verjüngende Riesentorte überreichten. Trotz der Kürze dieser Audienz bewunderte ich einen enormen Globus, welchen ich einmal herumdrehen durfte, und auf dem viel Geschriebenes stand.

Dann sind wir wieder in Speyer, und eine neue Mutter ist mit uns. Grenzenloses Mitleid mag unsere zweite Mutter zu diesem gesegneten Entschluß veranlaßt haben.

Später erfolgte unsere Übersiedlung nach Freiburg in Baden, und der schöne Schwarzwald mit seinen Felsenschluchten und stürzenden Bächen ist von da an neun Jahre lang der Hintergrund meines kindlichen Denkens und Empfindens geworden.Anselm Feuerbachs Vater wurde im Jahre 1836 als Professor der Altertumskunde an die Universität Freiburg in Baden berufen.

Im siebenten Jahre war ich todkrank an Typhus. Deutlich gedenke ich jener Nacht, in welcher ich zwei ernste Männer um mich beschäftigt sah, und jener anderen, in der ich zum ersten Male wieder sprach und meine Stimme mir fremd vorkam. Während der Rekonvaleszenz soll ich bedeutende Bösartigkeit entwickelt haben, was sonst meine Sache nicht war.

Zu jener Zeit war es auch, daß mein Vater täglich eine Stunde an meinem Bette saß und mir in seiner plastisch weichen Art die Odyssee erzählte. Vor mir lagen dann immer die Flaxmanschen Blätter. Die Erzählung hatte mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, so daß ich das Griechische später mit Leidenschaft und Glück im Gymnasium erlernte und selbst die trockene akademische Behandlung des Stoffes meine Begeisterung nicht zu schwächen vermochte, während ich mich schwer entschließen konnte, den Julius Cäsar für einen großen Mann zu halten; so sehr mißfiel mir sein Latein.

Einer der beiden vorhin erwähnten Ärzte war Medizinalrat Professor Schwörer. Da derselbe als roter Faden durch meine Knabenzeit geht, so widme ich ihm ein eigenes Kapitel.

Medizinalrat Schwörer war der Jugendfreund meines auf tragische Weise früh untergegangenen Onkels, des geistvollen Mathematikers Karl Feuerbach.Karl Feuerbach, eine im höchsten Grade geniale Natur und hochbegabt in seinem Fach als Mathematiker, ist der unglücklichen Demagogenverfolgung im Jahre 1824 zum Opfer gefallen. Nach zwei Selbstmordversuchen aus dem Gefängnis in München befreit, ward er in das befreundete Haus des Hofrat von Thiersch zur Pflege aufgenommen, leider zu spät. Er verfiel allmählich in unheilbare Geisteszerrüttung und starb zu Erlangen, den 12. März 1834. Mit wehmütigem Behagen erzählte Schwörer von seinen Erlebnissen mit Onkel Karl, welch verwegener Hitzkopf er gewesen sei, wie ihn jede Gefahr unwiderstehlich lockte, und wie es für seine Einfälle und Launen keine Grenze gab. Auf dem Spaziergang sprang er plötzlich in den Bach, um sich vom Mühlenrad umtreiben zulassen; dann waren sie auf der Vogeljagd mit Doppelflinten, und Schwörer stellte sich, nachdem er meinen Onkel wegen seines schlechten Treffens geneckt, wenige Schritte entfernt von ihm auf, in der nicht sehr ästhetischen Position, welche eine schöne Gegend von unten betrachtet in erhöhtem Reiz erscheinen läßt. Diesmal galt es aber Ernst. Schwörer kommandierte »Feuer«, und Onkel Karl schoß ihm auch richtig die beiden Ladungen in den linken Rockflügel.

In den Jahren der Demagogenverfolgung waren die beiden Freunde als staatsgefährliche Männer eingekerkert, Onkel Karl in dem weißen Turm zu München, wo ihm zwei Selbstmordversuche mißglückten, Schwörer auf der badischen Festung Kisslau, wo er sich behaglich mit Musikunterricht beschäftigte.

Noch sehe ich den korpulenten, martialisch auftretenden Mann vor mir mit seinen großen, sanften Augen, dazu das von der Studentenzeit her zerhauene Gesicht! Das Andenken an ihn wird mir immer lieb und wert bleiben. Trotz seines ultramontanen Kolorits hatte er für Natur und Kunst ein offenes Herz. Er pflegte uns meistens gegen Abend zu besuchen und oftmals sah ich ihn, nachdem er weggegangen, noch lange mit auf den Rücken gelegten Händen neben dem Garten stehen, die fernen Vogesen betrachtend, hinter welchen die Sonne unterging.

Er hatte in späteren Jahren sein Geburtshaus gekauft, in enger Straße, klein, unansehnlich. Gemalte Fensterscheiben, alte Bilder, die Wände grün umrankt, wo irgend Raum und Licht war, ein wohlgepflegtes, winziges Gärtchen, hinter welchem die nördliche Langseite des Münsters mächtig und dunkel emporstieg! Große prachtvolle Hunde begleiteten den Eintretenden freundlich aufmerksam Schritt für Schritt. Im Studierzimmer ein malerisches Durcheinander, wie ich es nie wieder im Leben gesehen: Waffen aus allen Jahrhunderten, Kupferstiche, plastische Altertümer, ausgestopfte Tiere, Pflanzen- und Steinsammlungen, dazwischen die Bibliothek auf hohen Gestellen und Dutzende von Vögeln frei herumflatternd oder in Käfigen.

Schwörer war nachts am Sterbebette meines Vaters. »Mut, Freund!« waren seine Worte, auf welche der Sterbende das letzte Zeichen des Verständnisses gab.

Schwörers Frau, schlicht und herzlich, war Freundin meiner Mutter.


Nach dem Nervenfieber litt ich einige Jahre hindurch an beinahe wöchentlich wiederkehrendem Alpdruck des Nachts. Es war mir dann, als schwellten die Hände riesengroß auf. Ich trommelte auf der Bettdecke und stieß einen Schrei nach dem andern aus, daß es durch das Haus gellte; zuweilen auch sah ich große wilde Tiere, Löwen, Tiger, Wölfe, Bären lautlos und langsam durch das Zimmer schreiten, ohne daß ich daran dachte, um Hilfe zu rufen.

Noch entsinne ich mich aus jener Zeit eines häßlichen, phantastischen Traumes, welcher sich häufig wiederholte und fast immer der Vorbote eines Krankheitsanfalles war.

Da ich eben im Zuge bin, meine Jugendfährlichkeiten mitzuteilen, will ich nicht versäumen zu erwähnen, daß ich in meinem zehnten Jahre die Wahrheit des Spruches: »Spiele nicht mit Schießgewehren« an meiner eigenen Haut bestätigt finden sollte.

Im Hause nebenan hatte der mit mir fast gleichalterige Sohn eines pensionierten Majors zwei Gewehre mit Feuerschlössern, und es fehlte uns bei dem Schlußkommando »Feuer« nur das Pulver. Diesem Mangel sollte abgeholfen werden, indem ein im Hause wohnender Student, ich glaube der Sohn des Hauseigentümers, die Gewehre bisweilen zu heimlicher Vogeljagd zu benützen pflegte. Arglos nahmen wir unsere gewöhnlichen Übungen vor, und zum Abschied, in kürzester Distanz, auf der Treppe, drückte mein Freund sein Gewehr auf mich ab. Nur meiner zufälligen Stellung hatte ich es zu danken, daß der Schuß durch den rechten Arm und die linke Hand anstatt durch die Brust ging.

Im Hinstürzen hörte ich durch den Pulverdampf den Schrei: »Vater, ich habe den Feuerbach erschossen!« Nachdem ich mich aufgerafft, war es mein erstes, den alten Herrn um Gnade für seinen Sohn zu bitten, dann taumelte ich nach Hause, um meine Eltern nicht wenig zu erschrecken. Alsbald war ich in den Händen unseres Medizinalrates; meine Mutter hielt mich fest und sprach mir zu. Ich hatte Angst feige zu werden. In der ersten Wundfiebernacht, wo ich sehr unruhig war, erzählte sie mir den Steffen Langer von der Frau Birch-Pfeiffer, was ich nie vergessen habe.

Meine Fürbitte zugunsten des Freundes Anton hat, fürchte ich, wenig Erfolg gehabt. Nachdem der Herr Major erfahren hatte, daß ich außer Gefahr sei, tat er sich eine besondere Güte. Er sagte mir später: an der Beresina sei es ihm nicht so schlimm zumute gewesen, als in jener Viertelstunde.Bericht des Herrn Anton Pfeiffer in der Badischen Landpost in Karlsruhe, Jahrg. 4, Nr. 16.

Meine Liste ist aber noch nicht zu Ende. Nicht sehr lange nach dieser ersten Verletzung fiel ich im Hause eines anderen Bekannten bei der Verteidigung einer aus alten Kisten hoch auferbauten Ritterburg in voller pappendeckelner Rüstung vom höchsten Turm herab und brach das Schlüsselbein. In derselben Nacht reiste mein Vater nach Italien ab. Ich glaube, es war Anfang September 1839, und ich verbarg meinen Unfall, so gut ich konnte, um die Abreise nicht zu stören, was mir große Schmerzen und monatelange Unbequemlichkeit zuzog.

Diese unerfreulichen Folgen meines Heroismus haben mir das Rittertum frühe gründlich verleidet.


Meine Schwester war ein zartes Geschöpfchen, feingliedrig, voller Beweglichkeit, geistig hochbegabt, voll Witz und Phantasie und voll heißer Leidenschaftlichkeit. Von frühester Jugend ganz aufeinander angewiesen, spielten wir beide ein phantastisches Märchenleben in dem wirklichen Leben. Das Spiel dauerte vom Morgen bis zum Abend. Meine Schwester war unerschöpflich im Erfinden. Ihre poetischen Einfälle erfüllten sie ganz und gar, während ich früh nach anschaulicher Gestaltung strebte.

Es war gewiß oft verwunderlich zu sehen, wie in der ausschließenden Beschäftigung mit den seelischen Gewalten, die uns über den Kopf wuchsen, keines von uns über sich selbst hinaus so recht zu dem andern kommen konnte.

Wäre die drohende Wolke von Vaters Nervenverstimmung nicht stets über uns gestanden, so würde unsere Jugend eine sehr glückliche gewesen sein; und auch so war sie noch reich und heiter. Mein Vater hatte in seiner tiefen Liebe und in der Erinnerung an die Vergangenheit eine Art von geheiligter Rücksicht für seine Kinder; seine Reizbarkeit traf uns nie persönlich, er verbarg sie vor uns, so gut er konnte. Das übrige ließ uns der jugendliche Leichtsinn verschmerzen.

Es gingen viele bedeutende Menschen in unserem Hause aus und ein; alles Schöne in Natur, Kunst und Leben wurde mit Interesse aufgenommen, und wir Kinder hatten unseren Anteil an dem was vorging, da wir nie in einer Kinderstube abgesperrt waren. Es wurde auch viel gute Musik im Hause gemacht; Haydn, Mozart, Beethoven waren mir immer in den Ohren. Diese Klänge, von Kindheit an gewöhnt, waren Veranlassung, daß ich, ohne musikalisch gebildet zu sein – ich scheute das technische Lernen – gute Musik von mittelmäßiger gar wohl zu unterscheiden wußte.

Der Haß gegen alles Formlose war mir von der Natur eingepflanzt.

Was die Schule betrifft, so war ich fast immer der Erste in meiner Klasse. Die bildsame Luft im elterlichen Hause und daneben ein fortlaufender tüchtiger Privatunterricht halfen über alle Schwierigkeiten hinweg. Meinen Gymnasialprofessoren – zwei davon waren Geistliche an der Jesuitenkirche – habe ich stets ein freundliches Andenken bewahrt. Vikar Schellenberg, ein liberaler, herzensguter, vorurteilsloser Mann, gab uns höheren Religionsunterricht, d.h. Religionsgeschichte. Wir liebten ihn sehr, und nach langen Jahren, kurz vor seinem Tode, konnte ich ihm noch meinen Dank ausdrücken, daß er mich vernünftig denken gelehrt hatte.

Von meinen Privatlehrern habe ich besonders zwei im Gedächtnis behalten. Der erste war ein armer, ruppiger Schweizer mit Namen »Gemperle«. Er verstand gut Griechisch und Latein, war aber sonst ein wunderlicher Patron. »Gegen den Tod ist kein Chrüttli gewachsen«, pflegte er zu sagen und hieb dabei mit einem gewaltigen Ziegenhainer einigen Disteln die Köpfe ab. Wir machten öfters Spaziergänge und kehrten in benachbarten Orten ein. Eines Abends wollte er durchaus in einen Hühnerstall einsteigen und, wie er sich ausdrückte, »einen Hahn mitgehen heißen«. Ich fand Gründe, ihm solch unziemliches Benehmen auszureden. Bald genug sollte er es an sich selbst erfahren, daß für den Tod kein Kraut gewachsen ist, denn er starb kurz nach seiner Rückkehr in die Schweiz.

Mein zweiter Lehrer, Herr H. Poppen, eine helle, heitere und grundtüchtige Natur, war mir zugleich Lehrer und Freund. Ich hatte ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm, das mich nie betrogen hat. Er machte inzwischen rasche Karriere, und ich hoffe, ihn noch als Finanzminister in Karlsruhe begrüßen zu dürfen.

Den gegenwärtigen Abschnitt widme ich in behaglicher Rückschau meiner Wirksamkeit als Straßenjunge. Es war ein höchst löblicher Grundsatz meiner Eltern, mich in den Freistunden auch wirklich ganz frei zu lassen. So kam es, daß ich einer der bekanntesten Gassenbuben in unserem Revier war. Prügel hin und her, manchmal große Schlachten! Zerbrochene Fenster und Laternen bezeichneten damals meine Pfade.

Turnen, schwimmen, Schlittschuhlaufen, boxen, radschlagen, auf hohen Stelzen einen Walzer tanzen, oder die Waden eines harmlos Vorübergehenden mit nie fehlendem Pfeilschuß schädigen, gehörte damals zu unseren bekanntesten Belustigungen. Hohe Münster und ganze Städte aus Pappendeckel aufzubauen, liebte ich sehr. Auch Kriegsschiffe jeglicher Art und Größe, mit vollem Segel und Takelwerk, wurden ausgeführt, und auf dem Nebenarm des sogenannten Mühlenbaches war meine Flotte die stärkste und gefürchtetste. Daneben fehlte es nicht an pochenden Eisenhämmern und klappernden Mühlen. Der ganze kleine Stadtteil, »die Insel« genannt, war demnach mit Industriellem unserer Mache angefüllt; wie mich nachträglich bedünken will, nicht immer zu Nutz und Frommen der rechtmäßigen Besitzer. Ob mein Vater über diese Inselbelustigungen nach ihrem ganzen Umfang unterrichtet war, wüßte ich nicht zu sagen. Daß manche zerbrochene Scheibe im stillen bezahlt wurde, ist zweifellos. Auch war die Hilfe meiner Mutter unentbehrlich für die Unterbringung und das Gedeihen meiner Menagerie, welche aus einem selbst aufgezogenen Turmfalken, einem zahmen Specht, einer großen Katze, einem Hasen und einigen Blindschleichen bestand, welch letztere ich aber selbst versorgen mußte.

Meine spätere dauerhafte Gesundheit kann ich nicht umhin, diesem ungebundenen Straßenleben zuzuschreiben, und ich denke auch gerne an unsere damalige Casa de Diavolo zurück.

Im Frühling 1840 kehrte mein Vater als ein ziemlich stiller Mann von Italien heim. Der geistvolle Redefluß, der ihm in seinen guten Stunden eigen war, der feine Humor, der zündende Witz, das alles schien großenteils versiegt; das Bewußtsein, die Reise zu spät gemacht zu haben, die engen, kleinen Verhältnisse der Freiburger Universität mögen neben körperlichen Leiden die Ursache dieses stetigen Gemütsdruckes gewesen sein.

Mein Vater brachte Münzen, Gipse und Stiche nach Michel Angelo mit. Diese und einige Mappen der München-Schleißheimer Galerie legten das Fundament für meine spätere künstlerische Richtung.

Vorerst waren Rubens und Van Dyck meine auserwählten Lieblinge.

Ich komme spät auf eine Frage, deren Beantwortung sicherlich schon länger erwartet wurde, und für welche das Vorhergegangene nur eben den Boden urbar machen sollte; ich meine das erste Auftreten meines künstlerischen Talentes.

Es war mir so natürlich, sowohl mit der rechten als mit der linken Hand alle irgend habhaften weißen, grauen, blauen oder gelben Papierstücke mit Kreide oder Kohle anzufüllen und in hübschen noch vorhandenen Geburtstags- und Weihnachts-Zeichenbüchern unmögliche Kompositionen zu versuchen, daß ich dies für etwas ganz Selbstverständliches hielt. Ich hatte den Kopf voller Bilder; warum sollte ich sie nicht festhalten, so gut es anging? Allerdings war von dem ersten Hasen, der die Namensunterschrift vertrat, bis zu den Germanenschlachten, welche die Übergangsperiode bildeten und jahrelang meine Phantasie erfüllten, ein bedeutender Weg.

Die erste mir selber klar in das Bewußtsein tretende künstlerische Gemütsbewegung empfand ich als unnennbare Wonne, da ich einen lebensgroßen schlafenden Barbarossa zeichnete, hinter ihm einen ernsten hochgeflügelten Engel, der mit erhobener Rechten Schweigen gebot, während ein paar kleine Genien mit Blasinstrumenten Lärm machen wollten. Die Zeichnung ist noch in meinem Besitz, da sie mir erinnerungswert erschien und ich von da an geneigt war, bis auf einen gewissen Grad den Wert meiner Arbeiten nach dem künstlerischen Glücksgefühl ihrer Entstehung zu messen.

Ich war damals zwölf Jahre alt und versuchte mich auch kühnen Mutes in der Plastik. Alle unsere Schränke waren mit meinen Lehmgeschöpfen gekrönt. In der Folge glückte mir auch hie und da eine Büste, wie ich denn in solcher Weise ein leidlich ähnliches Bildnis meines Vaters zustande brachte, welches auch wirklich in Gips gegossen wurde.

Die Urteile über meine künstlerischen Bestrebungen waren sehr verschieden. Viele unserer Freunde neigten dazu, jeden Krickel-Krackel für den Ausfluß eines Raffaelschen Genies zu halten, besonders da eine Raffaelmütze mir sehr gut zu Gesichte stand. Der Zeichnungsprofessor im Gymnasium aber war anderer Meinung; er sprach mir rundweg alles und jedes Talent ab.

Im fünften Jahre meiner Gymnasialstudien ward ich unruhig und tat, wie man zu sagen pflegt, nicht mehr gut. Es wurden Zeichnungsproben nach Düsseldorf geschickt, an Lessing und Schadow. Lessing antwortete: »Der junge Mensch sollte sein Gymnasium absolvieren und dann weiter sehen«. Schadow aber schrieb: »Der junge Feuerbach könne nichts Anderes werden als Maler und möge sogleich kommen«.

Daß ich mich dieser letzteren Meinung sofort mit größter Leidenschaft zuwandte, war selbstverständlich. Ich quälte meinen kränklichen Vater so lange, bis er müde wurde und seine Einwilligung gab. Er tat es ungern, da ihm Lessings Meinung als die richtige erschien, die sie auch war. So wurde ich denn im Frühlinge 1845, in meinem noch nicht vollendeten sechzehnten Jahre nach Düsseldorf geschickt, wo ich bei Verwandten unserer Freiburger Freunde, Professor von Woringen, als Pensionär wie ein Kind des Hauses aufgenommen ward.

Und ein Kind war ich auch; ein vertrauensseliges, trotz des ungebundenen Straßenlebens von allem Gemeinen entfernt gebliebenes Kind; brennend vor Eifer in der Sehnsucht nach einem unbekannten Ziel und glückselig in all den Illusionen, die bisher meine Welt vergoldet hatten.

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