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Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach

Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach - Kapitel 36
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authorAnselm Feuerbach
titleEin Vermächtnis von Anselm Feuerbach
publisherKurt Wolff Verlag
printrunVierzigste Auflage
editorHenriette Feuerbach
year1920
correctorreuters@abc.de
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Künstlerisches

Um ein guter Maler zu sein, braucht es vier Dinge: Ein weiches Herz, ein feines Auge, eine leichte Hand und immer frisch gewaschene Pinsel.

Kolorit und Illumination

Kolorit ist das vergeistigte Spiegelbild der in der Schöpfung zerstreut umherliegenden Dinge in ihrer Gesamtheit, ihr verklärter Abglanz in einer künstlerisch begabten poetischen Seele. Illuminist ist derjenige, welcher das ihm für den einzelnen Moment brauchbar Scheinende sofort im einzelnen zusammenträgt und mit mehr oder weniger technischem Geschick für seinen Zweck benützt.

Wer in asiatische Prunkteppiche eingehüllte Schemen ohne Fleisch und Knochen für große Kunst hält, der besehe sich in Italien die alten Originale, welche alle von dem tiefsten Respekte für die Natur beseelt sind. Wollte einer unserer berühmten Modernen eine einzige seiner ephemeren Gestalten so durcharbeiten, wie er es an diesen ewig gültigen Mustern vor Augen sieht: sofort würde sein koloristisches Kartenhaus zusammenstürzen, und beschämt müßte er sein lebendes Modell nach Hause schicken.

Es erkundigte sich einmal jemand nach der Figurengröße eines Bildes von .... »Wenn Leute in den Kleidern steckten, wären sie lebensgroß«, war die Antwort.

Der Künstler suche der menschlichen Erscheinung gerecht zu werden und denke dann bei mäßigem Schneidertalent an die etwaige Bekleidung. Wer mit dem Schneider anfängt, bleibt gewöhnlich bei dem Metier, besonders wenn dasselbe einträglich ist.

Tiepolo

Man findet mit einiger Überraschung im Treppenhause des Würzburger Schlosses die Originalien zu vielen bekannten und bewunderten Motiven aus unseren Tagen, selbst bis herab auf den Sonnenschirm, nur aber mit Hinweglassung von Tiepolos farbenseligem, leichtem Pinsel.

»Hummersalatartige Farben sind kein Kolorit«, würde Correggio sagen, und Raffael würde fragen: »Wo ist die Psyche?« Kein Billroth wäre imstande, die lebensgefährlichen Knochenbrüche zu heilen.

Im gründlichen Studium der Natur allein ist ewiger Fortschritt.

Paul Veronese

Veroneses Nachfolger verhalten sich zu ihm wie der Bediente zu seinem Herrn, dessen Art und Benehmen er sich durch jahrelange Gewohnheit insoweit angeeignet hat, um in Abwesenheit desselben, Ungebildeten gegenüber, für kurze Zeit den Herrn spielen zu können.

Die brutale Aufdringlichkeit der Farbe freilich finden wir bei Veronese niemals; daran erkennt man die Modernen. Paul Veronese ist bescheiden wie ein echter Kavalier, und hat nie das Wesen eines Parvenü. Die Beweglichkeit und Anmut seiner Gestalten ist stets mit der Sicherheit gezeichnet, welche vollkommenes Vertrauen einflößt; seine Farbe ist immer im Rapport mit der Natur, sei es, daß seine Figuren in geschlossenen Räumen oder in freier Luft sich bewegen. Seine kühnsten Verkürzungen zeigen stets die vollkommenste Kenntnis des menschlichen Organismus.

Man nehme jeden beliebigen Frauenkopf aus dem Bilde heraus, und man wird staunen über die Formenvollendung und seelenvolle Schönheit desselben. Es sind nie Loretten, sondern stets Frauen im edelsten Sinne.

Ich kenne keinen Maler, dem es gegönnt gewesen wäre, aus nächster Umgebung den Extrakt seiner Zeit zum vollendeten Typus zu gestalten, wie Veronese. Er ist nicht im Treibhaus erwachsen, sondern in feuchtfrischer Meeresluft, umgeben von Marmorpalästen und malerischen Menschen, seien sie in Brokat oder in Lumpen gekleidet. Er hatte nicht nötig, seine Schränke mit Karnevalstoffen zu füllen; das menschlich Gegenwärtige war das unerschöpfliche Feld seiner wahrhaftigen Kunst.

Es gibt eine Kunstrichtung in unserer Zeit, welche Vernichtung alles Idealen, das Aufgehen in romantischem Materialismus, in theatralischer Sentimentalität, mit einem Worte, den Triumph der Gliederpuppe darstellt.

Die Theaterempfindung, der Pappdeckelkultus ist das Gift, von welchem die Kunst verzehrt wird. Wir müßten, um neu zu erstehen, auf grenzenlosem Schutt bei Holbein beginnen.

Titian

Ist das ein Kunstwerk, dessen Anlage wir bei dem geringsten eingehenden Studium der Natur sofort zerstören müßten? Sollte die Technik nicht nur Ausdruck des inneren Gehaltes sein?

Vereinfacht die Technik sich nicht bei jedem Fortschritt eines wahrhaft großen Meisters? Wird er auf der Sonnenhöhe seines Lebens nicht den kürzesten und einfachsten Ausdruck seines Denkens suchen?

Ist die Kunst da, um durch Virtuosität die Sinne zu blenden, oder soll sie ein Kultus sein, der die Seele über den Staub erhebt?

Nicht umsonst hat Michel Angelo geschrieben:

»Weh jedem, der vermessen und verblendet
Die Schönheit nieder zu den Sinnen reißt;
Zum Himmel trägt sie den gesunden Geist!«

Unter allen Venetianern ist Titian der, im besten Sinne des Wortes, uns am nächsten verwandte Künstler. Obgleich sein eigenes Innere der mächtigste Faktor seines Schaffens ist, so steigert er doch die Beobachtung von außen herein bis zur höchsten Feinheit und erhebt seine Werke, wie Pietro Martyr, zu symphonischer Größe und, wie die Assunta, zum Hymnus des Erdentrückten – trotz aller Glut der Farbe.

Dies alles diene zum Beweis, daß der große Kolorist nicht nur eine Seele haben darf, sondern daß er sie haben muß.

Historie und Genre

Der landesübliche Vergleich der Historienmalerei mit der dramatischen Dichtung, des Genre mit der Lyrik, ist ganz unbrauchbar, weil in der Dichtkunst Dinge auszusprechen erlaubt sind, die die Grenzen der Malerei überschreiten und umgekehrt. Wenn der Dichter malt und der Maler dichtet, so geht das nebenher und erschöpft nicht das einem jeden angewiesene Feld.

Die Historienmalerei, gleichviel in welchen Dimensionen, bezeugt sich stets in der vollendeten Erschöpfung ihrer Darstellung. Sie macht ihre Gestalten unabänderlich, indem sie dieselben, unbeschadet ihrer Individualität, stets als Typus einer Gattung hinstellt. Das lebende Modell darf nur mit großer Vorsicht, in stetem Hinblick auf den Zusammenhang des Ganzen benützt werden.

Die echte Historie muß in erster Linie das Ethische, menschlich Große festhalten, gleichviel in welchem Kostüm sie sich bewegt.

Ein geistvolles Porträt der Neuzeit in moderner Kleidung kann somit im besten Sinne des Wortes ein Historienbild genannt werden.

Es ist Gebrauch geworden und bezeichnet eine in unsern Tagen berühmte Schule, daß lebensgroße, theatralisch aufgeputzte Genrebilder als Historienbilder aufgetischt werden. Es ist dies eine verhängnisvolle Verwechslung der Grundprinzipien unserer Kunst.

Der Genremaler kann beliebige tragische oder drollige Figuren und Szenen darstellen; hat er noch dazu das Glück, einen novellistischen Hintergrund zu finden, so ist allen Anforderungen genügt. Wenn ich aber den schönsten Münchner Sackträger in die Tunika steckte, so habe ich noch lange keinen Brutus geschaffen; und wenn ich ein schönes Mädchen male mit Schmetterlingsflügeln an den Schultern, so ist es eine maskierte Psyche. Gelingt es mir aber, mich über das Modell hinauszuheben zu einer typischen Gestaltung, so habe ich als Historienmaler geschaffen.

Man erkennt den geborenen Historienmaler und den Genremaler sofort an der Wahl ihrer Gegenstände.

Das Genre unterhält und erheitert, die Historie erhebt und belehrt.

Monumental und Dekorativ

Die Größe der Bildfläche hat auch hier keine Bedeutung. Die typische Größe der Form und Gestaltung, gleichviel ob farbig oder grau in grau, ist allein maßgebend.

Raffaels kaum einen Quadratschuh großer Ezechiel ist gewiß monumental, während LeBruns große Zeremonien- und Schlachtenbilder bloß Dekorationen sind.

Eine kleine Handzeichnung von Michel Angelo ist monumental; der berühmte Münchner Wallenstein kommt über die Bühne nicht hinaus.

Rubens kleinste Kindergruppen können in schöner Architektur stehen.

Die verachteten Zopfmaler haben noch Fühlung und Schulung der alten großen Zeit bei aller Geschmacklosigkeit des Details. Unsere Gegenwart aber liebt die Dekoration nicht nur im Theater, sondern auch in den Galerien.

Theaterempfindung in der Kunst

Die große Vorliebe für das Theater, das Vermögen, Gutes und Schlechtes zugleich aufzunehmen, haben ein starkes und tiefes Empfinden der Wahrheit in den Grundfesten erschüttert.

Die gesetzlichen Schranken in der Kunst sind durchbrochen, und der Schlamm des Alltagslebens überflutet das poetische Gebiet mit Maßlosigkeit, die aus Armut, und mit Übertreibung, die aus Unvermögen erzeugt sind. Hier und da steht eine Blume, aber sie wird übersehen und welkt unbeachtet.

Niemals wurde mehr von Kunst gesprochen, und niemals wurde sie weniger empfunden als in unseren Tagen. Starken und treuen Seelen geht man aus dem Wege, und die Geschmacksepidemien brechen sonderbarerweise in verschiedenen Ländern zu gleicher Zeit aus.

Accessoirmalerei

Eine löblich posamentierte Goldtapete als Hintergrund, ein mit rotem Samt gepolsterter Renaissancestuhl, ein graues Seidenkleid in Lebensgröße nach der Gliederpuppe, ein falsch modellierter Kopf und schlechte Hände: dies ungefähr kennzeichnet das gewöhnliche Salondamenporträt des neunzehnten Jahrhunderts.

Man vergleiche nun Van Dyk und Velasquez. Bei ihnen ist stets das breit, pastos, malerisch impostierte Fleisch die Hauptsache. Hintergrund einfach, Kleidung in der Silhouette richtig skizziert mit wenigen Strichen, nach der Natur gezeichneten Falten an den Gelenken. Meisterhafte Hände, jeder Kopf für sich ein Galeriestück.

Industriekultus als Beförderer der Kleinkunst

Bei den Alten erstarkte die große Kunst am Götterkultus; aus abstrakt religiösen Typen wurden menschlichere Formen entwickelt und mit der Zeit dem häuslichen Kultus zugänglich gemacht. – In unserer Zeit will man anders verfahren; man plündert eine tausendjährige Kunst- und Industrieperiode im kleinen und glaubt durch Hebung des Geschmacks im allgemeinen allmählich zur menschlich monumentalen Kunst hinaufklettern zu können.

Man glaubt, daß jemand, der einige pompejanische Töpfe besitzt, auch eine richtige Anschauung des vatikanischen Apollo haben müsse. Nicht will ich leugnen, daß es besser sei, sich im kleinen zu vervollkommnen, wenn man im großen nichts zu leisten vermag, allein dann sollte man bescheiden von Industrie, nicht aber von Kunst sprechen. Lebensgroße, dekorativ arabeskenhafte, konventionelle Gestalten sind keine monumentale Kunst. Diese muß unmittelbar aus der Natur und aus der großen Auffassung derselben hervorgehen. Wo die freie Schöpfung fehlt, weht kein Flügelschlag der Poesie.

Realistische Kleinkunst

Diese hat in den Augen des Publikums den Vorzug, für jedermann verständlich zu sein. Wer indes glaubt, große Kunst mit dem Verstand und angelernter Bildung zu begreifen, der ist im Irrtum. Um große Kunst nachempfinden zu können, braucht es in erster Linie Herz und Phantasie. Der Verstand kann nachher kommen und sich die Sache zurechtlegen.

Wer ein Kunstwerk gleich auf den ersten Blick zu verstehen meint, mit allem, was darum und daran und dahinter ist, der sollte etwas mißtrauisch sein und sich vorsehen. Wird es ihm aber bei dem Anschauen eines andern wohl und freudig zumute, ohne daß er weiß warum, dann möge er ruhig stehen bleiben. Es wird wohl etwas Gutes sein.

Originalitätssucht aus Mangel an Schule

»Das Werk mag viele Fehler haben, aber eines muß man ihm lassen – originell ist es.« So sprechen gewisse Leute und ziehen die Augenbrauen in die Höhe.

Was ist originell? Alles und jedes in der Welt ist schon einmal dagewesen und leider fast immer besser. Was aber aus der tiefsten Seele des Menschen kommt, ist demungeachtet immer originell.

Übertriebene Charakteristik

Übertreibung im charakteristischen Ausdruck ist eine Modekrankheit. Sie entsteht aus Oberflächlichkeit und endigt mit der Karikatur.

Wer nicht Kraft hat, die Wesenheit seines Gegenstandes in der Tiefe zu fassen, der holt sich ein Stück von der Außenseite und spitzt es so lange zu, bis es dem Publikum in die Augen sticht.

Die Akademien

Rücksichtlich sei der edle Mensch und rücksichtsvoll! – Darum, ihr angehenden Kunstjünger, besucht den akademischen Elementarunterricht: er kommt am billigsten. Wer dann unter euch ein gottbegnadeter Flötenspieler ist, der bläst beizeiten die eigene Melodie; in der Schule lernt er nur den eintönigen Chorus.

Studiert die alten Meister, legt zur rechten Zeit eure eigene Individualität in die Wagschale, dann werdet ihr ziemlich genau erkennen, was ihr vermögt. Andere Wege gibt es heutzutage nicht.

Das angeborene Talent läßt sich durch keine Schule ersticken, ebensowenig als es sich da, wo es fehlt, ersetzen läßt. Talent ist der gesunde Drang, herauszuschaffen, was in uns liegt.

Nie aber ist das Richtige das, was ihr macht, sondern wie ihr es macht. Das beherziget wohl.

Rücksichten verbieten mir, mehr zu sagen, da ich beurlaubter Akademieprofessor bin.

Zur Betrachtung eines Kunstwerkes

Wer ein Kunstwerk verstehen und genießen will, der gehe womöglich ohne Begleitung und kaufe sich einen Stuhl, wenn solcher zu haben ist, setze sich in richtiger Distanz und suche, in Schweigen verharrend, wenigstens für eine Viertelstunde sein verehrliches Ich zu vergessen. Geht ihm nichts auf, dann komme er wieder, und ist ihm nach acht Tagen nichts aufgegangen, dann beruhige er sich mit dem Bewußtsein, das Seinige getan zu haben. Fängt aber innerhalb dieser Frist der magnetische Rapport an zu wirken, wird es ihm warm um das Herz und fühlt er, daß seine Seele anfängt, sich über gewisse Alltagsvorstellungen und gewohnte Gedankenreihen zu erheben, dann ist er auf gutem Wege, begreifen zu lernen, was die Kunst ist, und was sie vermag.

Es versteht sich von selbst, daß hier nur von Galerien, Kirchen oder stillen, würdigen Privaträumen die Rede sein kann.

In Ausstellungen kann man keine Bilder betrachten; man sieht nur, daß sie da sind. Für die Mehrzahl der Besucher ist dies allerdings genügend; für den Künstler freilich auch, da er in einer Minute mehr sieht und vermißt, als der Laie in Stunden und Tagen.

Kunstausstellungen

Alles menschliche Sehen, Hören, Denken und Empfinden hat seine Grenzen. Jedermann hält sich die Ohren zu, wenn zehn Drehorgeln zusammenspielen, jede ihr eigenes Stück.

Das Beste in der Kunst kann nur für sich allein genossen werden.

Unsere Ausstellungen sind krankhafte Beruhigungsanstalten, in welchen die Quantität für die fehlende Qualität entschädigen soll.

Bei Gelegenheit solch großer Kunstmärkte bemächtigt sich meiner stets ein Gefühl von tiefer Niedergeschlagenheit, ein Mitleid mit all diesen, wenn auch selbst mittelmäßigen Werken, die doch in stiller Liebe erzeugt sind und nun einer unverständigen, lieblosen Schaulust zu flüchtiger Unterhaltung dienen müssen.

In den großen Ausstellungen feiert die technische Virtuosität kraft ihres Verblüffungsvermögens den glänzendsten Triumph. Sie geben dauerndes Zeugnis von dem Geiste unseres Jahrhunderts.

Was würden Raffael und Titian, Rubens und Van Dyck gesagt haben, wenn man ihnen zugemutet hätte, ihre Werke einer mit Verlosung verbundenen Gewerbeausstellung zu übergeben!

Die Kunstvereine

»Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen«; haben wir keine Kunst, so haben wir wenigstens ein Künstchen! Gott ist auch im kleinsten groß. Welche Kunstgenüsse kann sich der Gebildete mit einem Fond von 300 Mark nicht verschaffen.

Wie viele mittelmäßige Familienväter haben wir vom Hungertode gerettet! – das Genie bricht sich selbst seine Wege, wenn es auch seine Produkte nirgends anbringt.

Wozu Historie ? Ein Histörchen, wie erfreut es zuweilen das Herz des Biedermannes! Dann die lieben kleinen Genrebildchen! – Und die Damenmalerei streut Rosen auf unsere Kartoffeläcker.

Wie reizend auch spielen patriotische Gefühle in das deutsche Familienleben hinein; was kümmert uns die Mache, welche wir ja doch nicht verstehen, wenn nur Geist und Gemüt vorhanden sind. –

Es gibt nur ein deutsches Gemüt!

Wir geben dieses Jahr ein Vereinsblatt heraus: »Des Kriegers Heimkehr«, und unsere Enkel sollen sich daran bilden und erfreuen.

So spricht der Direktor des deutschen Kunstvereins und trinkt sein Glas Bier aus.

Gott segne Euch, Herr Stille!

Amen.

Kunstkritik

»Der Teufel hole die ärztliche Praxis«, sagte mir ein Schweizer Arzt in Rom. »Stirbt der Patient, so habe ich ihn umgebracht. Bringe ich ihn durch, so hat es die Madonna getan.«

»Was mich betrifft, so geht mirs nicht besser«, antwortete ich. »Gelingt mir ein Bild, so habe ich es von den Alten gestohlen, mißglückt es, so war ich nichts Besseres wert.«

Ein gutes Wort wirkt schöpferisch und erweckt neue Ideen. Eine alberne Bemerkung kann eine ganze Saat verwüsten.

Tadeln ist leicht, deshalb versuchen sich so viele darin. Mit Verstand loben ist schwer, darum tun es so wenige.

Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete; er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht.

Das echte Kunstwerk bedarf keiner Vermittlung. Es spricht oder schweigt, je nach der Natur des Beschauers.

Das echte Kunstwerk bildet uns, indem wir es genießen. Mangel an Erklärung befördert bekanntlich den Kunstgenuß sehr.

Bezahlte und unbezahlte Kritiker sind häufig aufdringliche Dolmetscher ihres eigenen Ichs. Um der Kunst gerecht zu werden, müßten sie den langen mühseligen Weg des Künstlers gehen.

Wollte ich des Falschen und Verkehrten genügend Erwähnung tun, welches ich auf diese Weise in dem dornenvollen Laufe meines Lebens erfahren habe, so könnte ich ein eigenes Buch darüber schreiben, das dann hoffentlich niemand lesen würde. Die guten Worte vernünftigen Lobes und Tadels würden darin verschwinden wie Tropfen im Meere. Doch habe ich auch solche gefunden und aufbewahrt.

Das Beste, was über mich geschrieben wurde, stammt aus der Feder eines Berliner Kritikers und lautet so: »Wenn man vor einem Feuerbachschen Bilde steht, so weiß man nicht, was man sagen soll.«

Die kürzeste Antwort ist die beste. Man schweigt still.

Ich möchte einige Worte über etwas sagen, welches ich bis jetzt aus verschämtem Patriotismus übergangen habe, nämlich über:

Die Deutschen in Rom

In der Regel mit wenig Geld, aber im Vollgefühl seiner kulturgeschichtlichen Wichtigkeit und in der unumstößlichen Sicherheit überschauenden Verständnisses tritt der gelehrte Deutsche einer tausendjährigen Kultur gegenüber. Ausnahmen lasse ich gelten. Wir sehen ihn mit dem Strohhut im Winter, den unvermeidlichen Plaid über die Schultern geworfen, Kleider und Stiefel nach dem schlechtesten Modell, wie er verlegen triumphierend einherschreitet; jeder Schritt – klassischer Boden! –

Er hat alles vorher gewußt, nur vielleicht besser, als es Frau Historia zustande gebracht. Will es ihm aber doch etwas unheimlich zumute werden und die Zuversicht ins Wanken kommen, dann macht er sich auf, um sie im kälteren Deutschland wieder auf die Beine zu bringen.

Von einer Tagestour zurückgekehrt, treten etwa fünf nicht mehr junge Leute, die heute wohl sämtlich angestellte Professoren in Deutschland sind, in sehr gehobener Stimmung, die Hüte mit Kränzen umwunden, geräuschvoll in eines der feineren römischen Restaurants ein. Sie teilen sich ihre Ansichten mit, streiten über dies und jenes, dazwischen den Kellnern ihre Befehle zurufend. Der Saal hallt wider von ihren lauten Stimmen. Um nicht gesehen zu werden, drücke ich mich in die Ecke. »Dovrebbero essere mezzo matti«, sagte ein Italiener leise zu mir.

Schreien, Trinken, Abmarkten, herrisches Wesen in fremden Lokalen hält der Italiener einfach für Mangel an Bildung.

Von kunst- und literaturbeflissenen Damen in unmöglichen Toiletten, die sich in geringe Speisehäuser und Restaurationen dritten Ranges verschlüpfen und zu drei mit einer Portion vorlieb nehmen, will ich nicht reden, für uns Künstler gibt es andere Gefahren.

Angeregt von einem klassischen »non soche«, erwacht zuweilen in dem Busen eines wohlhabenden Gutsherrn oder Fabrikanten das Bedürfnis, etwas für die Kunst zu tun. Ist das Individuum nach Rekommandation glücklich aufgefunden und etwa ein Monat unter Erkundigungen nach Charakter, Moralität und häuslichen Verhältnissen desselben hingeflossen, so ermannt sich der neue Kunstmäzen zur Tat. Er beschleicht einige Tage lang das Haus seines Opfers, um es von außen zu besehen; endlich am vierten oder fünften Tage wagt er sich hinein und findet darinnen einen einfachen, natürlichen, gebildeten Menschen. Er bestellt wirklich, weil er weiß, daß er sich dadurch einen Anteil an der Kunstgeschichte erwirbt und den Künstler zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet.

Ein solcher Kunstliebhaber zeigte neulich eine Skizze von der Hand seines zwölfjährigen Töchterchens vor; einen Bauernhof mit zwei Schweinchen. »Ist da nicht Musik darinnen, reine Musik!« rief er entzückt.

»Beinahe hätte ich heute ein Bild gekauft«, hörte ich einen andern im Hotel sagen, »aber ich habe mich zu lange in den Katakomben aufgehalten.«

Eine andere Tonart schlug ein Gesandtschaftssekretär, Herr So und so, an. Er lud mich um 11 Uhr des Nachts zu Mondschein in das Kolosseum ein, um, wie er sich ausdrückte, die »Geister der alten Römer zu belauschen«.

Ich lehnte höflich ab, weil ich voraussah, daß sie schwerlich kommen würden.

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